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Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

Weihnachten in einer anderen Welt – in Russland

von wietek

Eine Weihnachtsgeschichte

Um 22 Uhr soll am 6. Januar 1993 die Christmette beginnen und schon jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kathedrale des russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Bogojavlenskij sobor v Jelochove, brechend voll. 3.000 Men- schen haben in ihr Platz und dennoch stehen Jung und Alt dicht gedrängt – in den russisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Bänke und Stühle – und viele werden außerdem die ganzen vier Stunden draußen vor den weit geöffneten Toren in Schnee und Kälte ausharren müssen. (Weiterlesen …)

22. December 2009

Michail Jurjewitsch Lermontow Offizier, Dichter und soziales Gewissen

von wietek
Michail Jurjewitsch Lermontow

Der Tod des Dichters (Februar 1837)

Der Dichter fiel! …. Als Sklave der Ehre
ist er gefallen, verleumdet vom Gerücht,
mit Blei in der Brust und dem Durst nach Rache,
beugend sein stolzes Haupt! …
Die Seele des Dichters hatte
die Schmach kleinlicher Kränkungen nicht mehr ertragen,
er hatte sich erhoben gegen die Meinungen der Gesellschaft,
allein wie schon immer… und er wurde getötet!
Getötet … wozu jetzt das Weinen,
der unnütze Chor leerer Lobeshymnen
und das klägliche Gestammel der Rechtfertigung?
Das Urteil des Schicksals wurde vollstreckt!
Habt ihr nicht eben noch auf infame Weise
seine freie, kühne Begabung gejagt
und den kaum verborgenen Brand
zum Spaß angefacht?
Nun, so vergnügt euch denn … er vermochte die letzten
Peinigungen nicht zu ertragen:
Einer Fackel gleich erloschen ist der herrliche Genius,
verwelkt ist der triumphale Kranz.

Kaltblütig hat sein Mörder
den Schlag geführt … eine Rettung gab es nicht:
Gleichmäßig schlägt das leere Herz,
die Pistole zittert nicht in der Hand.
Und was ist daran auch so erstaunlich? … aus der Ferne,
Hunderten anderen Flüchtlingen gleich,
wurde er auf der Jagd nach Glück und Karriere
nach dem Willen des Schicksals zu uns verschlagen,
lächelnd verachtete er frech
Sprache und Sitte des fremden Landes,
konnte ihn, der unser Ruhm war, nicht verschonen;
vermochte in jenem blutigen Augenblick nicht zu begreifen,
wogegen er seine Hand erhob!

Und er wurde getötet – und aufgenommen vom Grab,
wie jener unbekannte, doch liebenswürdige Sänger,
eine Beute gefühlloser Eifersucht,
besungen von ihm mit so wunderbarer Kraft,
von einer erbarmungslosen Hand gefällt, wie auch er.

Warum nur trat er aus den friedlichen Wonnen und der aufrichtigen Freundschaft
ein in diese neidische Welt, so bedrückend
für ein freies Herz und feurige Leidenschaften?
Warum reichte er nichtswürdigen Verleumdern die Hand,
warum schenkte er lügnerischen Worten und Schmeicheleien Glauben,
er, der doch von jungen Jahren an die Menschen durchschaut hatte?

Und sie nahmen ihm den einstigen Kranz – eine Dornenkrone,
mit Lorbeer umwunden, setzten sie ihm auf:
Doch verborgene Nadeln verletzten
roh seine ruhmreiche Stirn;
vergiftet wurden seine letzten Augenblicke
durch das hinterhältige Geflüster höhnischer Ignoranten,
und er starb mit dem vergeblichen Durst nach Rache,
mit dem geheimen Verdruss betrogener Hoffnungen.
Verstummt sind die Klänge seiner wunderbaren Lieder,
sie werden nie mehr erklingen: Düster und eng ist die Heimstatt des Sängers,
und auf seinen Lippen liegt ein Siegel.

Ihr aber, ihr hochmütigen Nachkommen
eurer für ihre notorische Schurkerei berühmten Väter,
die ihr mit sklavischem Fuß jene erledigt habt,
die von den durch die Laune des Schicksals gekränkten Geschlechtern übriggeblieben waren!
Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muss alles schweigen …
Doch gibt es ein göttliches Gericht, ihr Lieblinge des Lasters!
Es gibt ein furchteinflößendes Gericht: Es erwartet euch;
das wird nicht weich beim Klang des Goldes,
und die Gedanken und Taten kennt es im voraus.
Vergebens werdet ihr dann eure Zuflucht bei der Verleumdung suchen:
Noch einmal wird sie euch nicht helfen,
und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen
das gerechte Blut des Dichters!

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13. March 2008

Gorki, Revolutionär und Pragmatiker

von wietek

Bis zu Gorkis Rückkehr nach Russland (Ende 1913) kann man Gorki als revolutionär-romantischen Schriftsteller bezeichnen, auch wenn er sich zwangsläufig viel mit Politik beschäftigte. Ab 1914 – mit Beginn des Ersten Weltkrieges, dessen Übergang in die Revolution und die Etablierung des russisch-sozialistischen Staates – wurden die Verhältnisse in Russland verworren, und auch die Haltung Gorkis, der ab jetzt aktiv am politischen Geschehen teilnimmt, wird undurchschaubarer und scheinbar widersprüchlich.
 
Diese Widersprüchlichkeit hat seinem Ansehen als Mensch und Schriftsteller in den westlich orientierten Ländern schweren Schaden zugefügt; in den sozialistischen Ländern – die sich allerdings nur das aus Gorkis Schaffen herauspickten, was ihnen genehm war – wurde er zu einer Ikone des Sozialismus und Kommunismus hochstilisiert. Es gibt einige gute und objektive Biografien über Gorki wie »Geir KjetsaaMaxim Gorki. Eine Biographie“, 1994« oder »Henri TroyatGorki, Sturmvogel der Revolution“ 1987« und neue Erkenntnisse (zu lesen bei Armin Knigges »www.der-unbekannte-gorki.de«), weshalb ich hier nur auf einige markante Daten eingehen werde, die die Person Gorki und sein Schaffen etwas durchschaubarer machen sollen. Völlig aufzuklären wird auch hier nicht möglich sein, schon allein weil viele Faktoren eine Rolle spielen: Die persönliche (emotional und wirtschaftliche) Situation Gorkis, menschliche Beziehungen (zu seiner Ex-Frau und seinem abgöttisch geliebten Sohn), die sich rasant verändernde politische Situation in Europa (z.B. Gegenrevolution durch die Weißen mit Hilfe des Auslands, Aufkommen des Faschismus), die sich täglich, ja stündlich ändernden Meldungen und Falschmeldungen in höchst emotionalen und explosiven Situationen und und und. Ich will es dennoch versuchen.
 
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3. December 2007

Maxim Gorki, Der Romantiker und Revolutionär

von wietek

Maxim Gorki (weitere Schreibweisen des Namens: Maksim Gork’ij oder Gorkij), geboren am 16. März (nach dem alten vorrevolutionären Kalender) bzw. 28 März (nach dem heute gültigen Kalender) 1868 in Nischni-Nowgorod und gestorben am 18. Juni 1936.
Sein eigentlicher Name, auf den er getauft wurde, lautet Alexej Maximowitsch Peschkow. Das Pseudonym nahm er erst an, als seine erste Erzählung »Makar Tschudra« veröffentlicht werden sollte; mit dem Namen „Maxim“ wollte er an seinen früh verstorbenen Bruder erinnern, und russisch „gorki“ heißt „der Bittere“, der Spitzname, den sein Vater wegen seiner spitzen Zunge gehabt hatte.
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5. November 2007

Russische Schriftsteller der Emigration(en)

von wietek

Ohne die vielen russischen Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist die europäische und besonders die deutsche Kultur nicht denkbar – und selbst danach, zu Beginn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, haben die verschiedenen Emigrantenwellen ungeheuer befruchtend auf unser Geistesleben gewirkt, – wieweit das auch für die neueren Wellen gilt, wird man erst rückblickend sagen können.
In Russland waren Politik und Literatur schon immer eng miteinander verquickt; Dichter waren weit mehr als im Westen das soziale Gewissen der Nation. Schon Puschkin, der für den Beginn der russischen Literatur steht, musste leidvolle Erfahrungen hinnehmen. Es gab aber auch niemanden, der diese Aufgabe in einem absolutistischen Staat hätte erfüllen können. Ganz offensichtlich wurde dies bei den Revolutionären Majakowski, Fürst Kropotkin, Gorki (der differenzierter zu beurteilen ist) und vielen mehr. Viele Dichter gingen, auch ohne Revolutionär geworden zu sein, in die Verbannung nach Sibirien oder wurden im günstigsten Fall aus den Metropolen und damit aus der Gesellschaft verbannt.
Das heißt, Politik ist in Russland (bis heute) aus der Literatur nicht weg zu denken und wird daher auch immer wieder Thema sein.
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13. September 2007