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Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

Frau im Licht

von konecny

   Vladimír Birgus’ Rückschau
   auf Drtikols Werk und Leben
   (aus dem Sortiment des An-
   tiquariats Bernhard, Berlin)

Das Schaffen des ersten tschechischen Fotografen von weltweiter Bedeutung, František Drtikol, begann sich vor dem Ersten Weltkrieg zu entwickeln. … Durch wohldurchdachten Einsatz des Lichts und manchmal auch durch leichte Unschärfe schuf er aus den Modellen fast unreale Traumgestalten, indem er außer dem Ideal der Schönheit auch die symbolische Aussage unterstrich. … Drtikols Akte waren für ihre Zeit sehr kühn und zeigten den nackten Körper in seiner Natürlichkeit und Schönheit.

[Vladimír Birgus: Tschechische Avantgarde-Fotografie]

Der Schatten spielt eine völlig selbständige Rolle, besonders beim Füllen einer Fläche; er haucht Leben ein, betont, ist genauso wichtig wie die Sache selbst.

[František Drtikol: Augen weit geöffnet]

In einem der Käfige wurde ein riesiger Bär gehalten und gezeigt. Der Anblick dieses Tieres, das der kleine František zum ersten Mal im Leben sah, hat ihn unbegreiflich erregt und gereizt. Er versuchte sogar – durch einen inneren Trieb dazu gebracht – es mit einer Axt anzugreifen, was ganz seinem milden Charakter widersprach. … Die wahrscheinliche Erklärung kann man erst in den Erinnerungen von Rostislav Obsnajdr finden, dem Drtikol am Ende seines Lebens erzählte, dass er in einem seiner früheren Leben in Russland gelebt habe und infolge von Verletzungen gestorben sei, die ihm durch einen Bären zugefügt worden seien.

[Karel Funk: Der Mystiker und Lehrer František Drtikol] (Weiterlesen …)

24. October 2011

Tschechensport

von konecny

Ich war schon zehn, aber noch nie hatte mir eine Frau so viel bedeutet wie Natascha! Leider lebten wir einige Tausend Kilometer voneinander entfernt. Ich in einem Städtchen in Mähren, Natascha in einem Dorf bei Leningrad. Ihre Adresse hatte mir unsere Russisch-Lehrerin gegeben, damit ich mit einer Genossin aus der Sowjetunion „ДРУЖБА“ – Freundschaft pflegte.
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2. November 2009

Die schönen Seiten der Globalisierung

von konecny
Wurstsalat
  Foto: Reinhard Heßlöhl

Gott ist allmächtig und allwissend und somit wusste er, wozu der Mensch evolvieren würde: Zum globalisierten Vegetarier! Um das ökologische Gleichgewicht zwischen Pflanze und Tier, zwischen Beute und Jäger, auf Erden zu halten, hat sich Gott etwas ganz Ausgefallenes ausgedacht: Wurstsalat! Immer, wenn ich Vegetarier werden will, denke ich nur kurz daran, auf Wurstsalat verzichten zu müssen und bekomme Panik! Ein Wurstsalatschmaus ist das Körper-und-Geist-Erlebnis schlechthin – die Wurstwellness!
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2. June 2009

Auf der sexistischen Achterbahn – zu Henry Millers Wendekreis des Krebses

von konecny

Ich wohne in der Villa Borghese. Hier ist nirgendwo eine Spur von Schmutz; kein Stuhl, der nicht an seinem Platz steht. Wir sind hier ganz allein und wie Tote.

So schaurig dicht beginnt Henry Miller seinen Wendekreis des Krebses. Schon die ersten zwei Sätze eine ganze Geschichte. Ein Roman wie ein Bild von Picasso! Eher surrealistisch als kubistisch, doch mit allen Ecken und Kanten des Lebens. Ein freier Mann zeigt uns furchtlos seine – unsere – Dämonen. Das ganze evolutionäre Erbe eines Mannes vollendet als Literatur! Das Buch ist so gut, dass man es nach seinem Erscheinen im Jahr 1934 in Henry Millers Heimat, USA auch sofort verbieten musste. Obwohl George Bush Junior damals nicht mal als ein Spermium vorhanden war.
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19. September 2007

Der Schatz im Altvatergebirge

von konecny
Walter Serner: Letzten Lockerung

Wenn es einen Beruf gibt, den man macht, weil man in Bücher verknallt ist, dann ist es der des Antiquars. Welcher normale Mensch sonst würde sich freiwillig heftigen Attacken von Schimmel und Staub aussetzen, während er auf einem Dachboden einen Altpapierhaufen durchwühlt? Deine Augen tränen, du hustest und schnappst nach Atem. „Nie wieder!“, keuchst du, und plötzlich hältst du in der Hand eine vergammelte Erstausgabe der Letzten Lockerung von Walter Serner. Boah! Das morsche Buch stinkt wie die Pest, du kriegst Keuchhusten, wenn du’s nur aufschlägst, jawohl, aber der Umschlag, Mann, der Originalumschlag ist dabei, und so läufst du mit der DADA-Bibel nach Hause und ab in den Kühlschrank damit. Klar, in eine Plastiktüte verpackt. Weil dir gerade vor kurzem ein Antiquars-Kollege erzählt hat, ein paar Wochen Gefrierbox würden den hartnäckigsten Schimmelpilzgeruch vertreiben. Was selbstverständlich Blödsinn ist.
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25. May 2007

Tiroler Marterln

von konecny

Mir scheint das heutige Europa in vielen Dingen in Ordnung zu sein. Als Tscheche lebe ich in München. Bin mit einer Polin verheiratet. Unsere in München geborenen Jungs empfinden sich als Deutsche. Klar vor allem, wenn Fußball ansteht – Deutschland gegen Tschechien! Ach, wo sind die hübschen Zeiten der Fußballeuropameisterschaft geblieben, als ich in meiner eigenen Familie als echter Tscheche noch so richtig angeben konnte? Jetzt verlieren die Tschechen. Und das in Prag! „Jungs!“, muss ich zu meinen Söhnen sagen, „Ich bin kein Tscheche, ich bin Europäer!“ Warum auch nicht? Sogar die Russen sind schon dabei! Wenn ich meine Abiturkenntnisse des Russischen auffrischen will, fahre ich nur die drei Stunden von München nach Karlsbad und lerne dort russisch direkt von den Einheimischen. Wirklich erstaunlich, wie sich der weltberühmte Kurort durch die europäische Geschichte kurbelt: Deutsch, tschechisch, russisch …

Marterln

Gleich nach der Karlsbader russischen Sauna jagte ich ins dortige Antiquariat. Um nach skurriler Nachtlektüre zu stöbern. Zwar werden seit der samtenen Revolution im Jahre 1989 alte deutschsprachige Bücher aus Tschechien regelrecht weg gesogen, doch hin und wieder entdecke ich in einem tschechischen Antiquariat immer noch etwas Hübsches auf Deutsch. Und manchmal etwas sehr Hübsches sogar, zum Beispiel etwas zur deutsch-tschechischen Verständigung. Tiroler Marterln hieß diesmal meine Ausbeute – eine Broschur von F. Pleticha in Meran aus dem Jahr 1909 mit Inschriften von Gedenksteinen und Grabschriften. Mensch! Dachte ich mir. Da hast du deine Gute-Nacht-Lektüre. Grabschriften! Du bist doch letztes Jahr fünfzig geworden! Hier kannst du dir vor dem Einschlafen etwas Inspiration holen. Und solltest du gegen alle Erwartung den Nobelpreis für Literatur doch nicht bekommen, kannst du dir zumindest einen nobelpreisverdächtigen Grabspruch zusammendichten, oder?
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27. March 2007