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Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

Fëdor Sologub, der „Sänger des Todes“ – Teil II

von wietek

Nachdem in Teil I des Essays die Person Fëdor Sologub im Mittelpunkt der Betrachtungen stand, soll in diesem Teil sein Schaffen umrissen werden.


   Sologubs Buch der Märchen,
   auf Deutsch erschienen 1908

Wie alle Symbolisten betrachtet auch Sologub das Leben auf dieser Welt nicht als die einzige Form des Seins.
Die irdische Existenz ist nur ein Teil – und zwar der kleinere – des Menschen, denn er selbst ist Teil einer jenseitigen, allumfassenden Sphäre, die seinem Erkenntnisbereich entzogen ist. Nur eines ist sicher: Diese Sphäre ist vollkommen, das irdische Leben dagegen eine vorüberge- hende Qual. Wie ein Wurm, den Schutz der Dunkelheit suchend, den Tag flüchtend, sich in die Erde bohrend, krümmt sich der Mensch während seiner Existenz auf Erden. Die irdische Welt ist jedoch Teil des Ganzen, dessen Gesetze auch auf sie einwirken. Der Mensch kommt aus dem Metaphysischen, der Jenseitigkeit, und wird durch seinen in die Irre geleiteten Willen in die irdische Existenz gestoßen, aus der er mit dem Tode wieder ins Metaphysische entschwindet. In der Geschichte „Die Kommenden“ aus dem Buch der Märchen schreibt Sologub:

Niemand weiß, was kommen wird.
Aber es gibt einen Ort, wo die Zukunft durch das blaue Gewebe der Wünsche durchschimmert. Das ist der Ort, wo die noch Ungeborenen ruhen. Dort ist es schön, still und kühl. Dort gibt es keinen Kummer, und statt der Luft weht dort eine Atmosphäre reiner Freude, die den Ungeborenen das Atmen leicht macht. (Weiterlesen …)

26. August 2011

Iwan Sergejewitsch Turgenjew – Sein literarisches Schaffen, Erzählungen II

von wietek

In den Jahren von 1844 bis zu seinem Tod 1883 hat Iwan Sergejewitsch Turgenjew 33 Novellen und Erzählungen, sechs Romane und dazu noch die 25 Erzählungen geschrieben, die zu den Aufzeichnungen eines Jägers zusammengefasst sind. Die 33 Novellen lassen sich – entlang seines Lebenswegs – in drei Perioden gliedern, wobei der Übergang von der zweiten zur dritten Periode fließend ist:

Bis in die Mitte der 1850er-Jahre – etwa bis zu Turgenjews 30. Lebensjahr – reicht die Periode der frühen Erzählungen. Hier finden sich noch viele Anklänge an Puschkin (*1799, †1837), Lermontow (*1814, †1841) und Gogol (*1809, †1852), Liebeslyrik und Landschaftsbilder spielen noch keine so zentrale Rolle. Liebe wird leicht satirisch behandelt und damit kann auch kein Entsagungsschmerz aufkommen. In diese Phase fallen: Andrej Kolosow (1844), Der Raufbold (1846), Drei Porträts (1846), Der Jude (1847), Petuschkow (1847), Tagebuch eines überflüssigen Menschen (1850), Drei Begegnungen (1852), Mumu (1852) und Die Herberge (1852). Im Jahr 1852 erschienen dann die thematisch einheitlichen Aufzeichnungen eines Jägers.

Von der Mitte der 1850er-Jahre bis ungefähr 1870 erstreckt sich die zweite Periode, die Periode der lyrischen Novellen; es ist die Zeit der Stimmungs- und Erinnerungsnovellen. Lyrische Landschaftsbeschreibungen sind ein zentrales Element, Resignation, das Scheitern und das Unerreichte die Hauptmerkmale dieser Periode, in der die Titel Zwei Freunde (1854), Stilles Leben (1854), Jakow Pasynkow (1855), Ein Briefwechsel (1856), Faust (1856), Fahrt ins Waldgebiet (1857), Asja (1858), Erste Liebe (1860) und Frühlingsfluten (1871) entstanden.

Die dritte, sich mit der zweiten stark überschneidenden Periode ist die Periode der geheimnisvollen Novellen (1864-1883), die sich mit Fantastischem, mit Okkultem, mit dem Unterbewusstsein der Menschen beschäftigen. Visionen (1864), Genug (1865), Der Hund (1866), Die Geschichte des Leutnants Jergunow (1868), Der Brigadier (1868), Eine Unglückliche (1869), Eine seltsame Geschichte (1870), Ein König Lear der Steppe (1870), Tuck…tuck…tuck (1871), Punin und Baburin (1874), Die Uhr (1876), Der Traum (1876), Die Erzählung des Vaters Aleksej (1877), Das Lied der triumphierenden Liebe (1881) und Nach dem Tode (Klara Militsch) (1883) gehören in diese Kategorie. (Weiterlesen …)

25. May 2010

Anton Pawlowitsch TschechowVersuch eines Porträts

von wietek

Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, seine Zweifel am Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Größe hat von stiller, bescheidener Größe so viel.

Thomas Mann

Über Anton Pawlowitsch Tschechow (Anton Pavlovič Čechov), einen der größten russischen Schriftsteller, dessen Werke bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist viel geschrieben worden. Es gibt viele ausführliche und detaillierte Beschreibungen seines Lebens und seines Schaffens (siehe Literaturangaben), nicht zuletzt Peter Urbans Čechov Chronik und der erst kürzlich im Internet erschienene exzellente Artikel von Alexander Savin et al.
Die wohl treffendste Besprechung Čechovs, seiner literarischen Entwicklung und seiner Zeit ist bei einem Zeitgenossen, dem Anarchisten Fürst Pëtr Alekseevič Kropotkin (*1842, †1921), in einem kurzen Kapitel seiner russischen Literaturgeschichte Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur nachzulesen. (Weiterlesen …)

29. January 2010

„Das Papier mein Acker, die Feder mein Pflug“ – wie ein Rektor aus Böhmen in die Moderne aufbrach

von tergast

Darf man jemanden einen Dichter nennen, der nur ein einziges Werk verfasst hat? Und jemanden als „vergessen“ bezeichnen, mit dem sich die Gelehrten bis heute immer wieder befassen? Man darf, wenn es um einen Dichter geht, der – gleichwohl Gegenstand der akademischen Forschung – doch nicht im Bewusstsein derjenigen verankert ist, die die Literatur in all ihren heutigen Formen, Farben und Themen lieben, obwohl all diese Formen, Farben und Themen ohne die Grundlegung in seinem einzigen Werk vielleicht anders aussehen würden.
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12. January 2009

Der unbekannte Solschenizyn

von wietek

Wie leicht ist mir, mit Dir zu leben, o Herr!
Wie leicht ist mir, an Dich zu glauben!
Wenn mein Verstand sich dem Zweifel öffnet oder kraftlos wird,
wenn die Klügsten unter den Klugen
nicht über den heutigen Abend hinaussehen
und nicht wissen, was morgen getan werden muss –
gibst Du mir Klarheit und Zuversicht,
dass es Dich gibt
und dass Du Sorge tragen wirst,
dass nicht alle Wege des Guten verschlossen sein werden.
Auf der Höhe meines irdischen Ruhmes
blicke ich mit Verwunderung zurück, auf jenen Weg
durch die Hoffnungslosigkeit – hierher,
von wo aus auch ich der Menschheit
einen Abglanz Deiner Strahlen schicken konnte.
Und wie viel Zeit auch nötig sein wird,
um Deine Strahlen widerzuspiegeln,
Du wirst sie mir geben.
Und was ich nicht mehr schaffen werde, heißt –
dass Du es Anderen vorbestimmt hast.

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21. August 2008

Angela Nanetti: Mein Großvater war ein Kirschbaum

von bardola

In Italien gibt es seit Italo Calvinos Baron auf den Bäumen eine Tradition, existentielle Fragen in luftigen Höhen abzuhandeln.

Ich sah, dass Mama sich Sorgen machte.
„Tonino, bitte …“
„Ich steige nicht ab, weil sie den Baum absägen wollen“, wiederholte ich. Und je öfter ich es wiederholte, desto mehr spürte ich, dass es richtig war.
Also stiegen die Feuerwehrleute in ihr Auto und fuhren die Leiter aus. Einer kletterte daran hoch. Ich wartete, bis er sich meinem Ast genähert hatte. Als er sich streckte, rutschte ich auf einen anderen Ast. Ich hörte Großvaters Stimme: „Du musst denken, du wärst ein Vogel oder eine Katze, du musst daran denken, dass der Kirschbaum dein Freund ist.“
Und so kletterte ich rauf und runter und die Feuerwehrleute drehten ihre Leiter in alle Richtungen, aber sie erwischten mich nicht. Schließlich war ich ganz oben in der Baumkrone.

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28. July 2008

Jutta Richter: Hechtsommer

von bardola

Zwei Brüder, Daniel und Lukas, und ihre etwas ältere Freundin Anna leben schon so lange sie sich erinnern können gemeinsam in einem Wasserschloss abseits vom Dorf. Anna mit ihrer Mutter, die Brüder mit ihren Eltern Gisela und Peter. Heimlich lernen die Jungen an den freien Sommernachmittagen fachgerechtes Angeln, um später einmal den stolz dahingleitenden Hecht im Schlossgraben zu fangen, obwohl Fischen dort streng verboten ist. Dieses grünsilbrig schimmernde, wild und gefährlich aussehende Tier ist eine Herausforderung für die Brüder. Den Hecht zu fangen erfordert Mut und Geschick. Sie kaufen eine Ausrüstung und üben ausdauernd mit Kescher und Leine. Die Ich-Erzählerin Anna allerdings macht nur halbherzig mit, denn sie hält Angeln für Tierquälerei. „Als wir an diesem Mittag aus der Schule kamen, waren die Rapsknospen aufgeplatzt. Schon von weitem sahen wir das Feld leuchten. (…) ,Da wird man fröhlich vom Hingucken!’, hatte Lukas einmal gesagt. Und das stimmte. Aber heute war es anders, denn ich musste an Giselas Haare denken und ich fürchtete mich.“ (Weiterlesen …)

19. May 2008