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Lev Tolstoj – Denker und Philosoph

von wietek

So einhellig Lev Tolstoj weltweit als einer der größten Schriftsteller (wenn nicht gar: der größte) gefeiert wurde, so umstritten ist er als Denker und Philosoph – zu seinen Lebzeiten und heute.

Wie in Teil I dieser Essay-Trilogie dargestellt, war er von Kindheit an ein Mensch von messerscharfem analytischem Verstand bei gleichzeitiger höchster Unduldsamkeit gegenüber allen, die seiner Argumentation nicht folgen konnten oder wollten – heute würde man sagen, er war ein extrem dominanter Mann. Hinzu kam seine hervorragende Fähigkeit, sich auszudrücken – sei es mündlich oder schriftlich –, und sein perfektes logisches Denken. Er war sich dessen zwar bewusst, aber als dominanter Typ bediente er sich dessen auch unbewusst. Schon in seinem Auftreten drückte sich diese Dominanz, noch verstärkt durch seine hocharistokratische Mentalität, aus und er erdrückte fast seine Gesprächspartner mit seiner Erscheinung – wenn er es darauf anlegte, “vernichtete” er sie gar. Er war kein schöngeistiger, westeuropäischer Philosoph, sondern ein sich kraftvoll und sehr direkt ausdrückender, gleich einem Bauern in der Erde verwurzelter Russe. Mit einem Bein stand er zudem – im übertragenen Sinn – am Thron des Zaren und mit dem anderen auf dem ärmlichsten Hof eines Bauern. Zur Folge hatte dies alles, dass er zwangsläufig polarisierte, wenn er seine Überlegungen und Erkenntnisse quasi »ex kathedra« “verkündete”.
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19. November 2010