Kein Sinn im Leben außerhalb der Kunst – Wilhelm Lehmann, Großmeister der Naturlyrik
von Carsten Tergast1923 erhält Robert Musil den Kleist-Preis. Doch nicht nur er, sondern noch ein weiterer Zeitgenosse wird von Alfred Döblin in diesem Jahr mit dem renommierten Preis geehrt: ein gewisser Wilhelm Lehmann, dessen Name heute selbst bei fleißigen Lesern im Gegensatz zu Musil und Döblin vor allem Achselzucken hervorrufen dürfte. (Weiterlesen …)
20. Juli 2009Giuseppe Ungaretti – Archipoeta und Erneuerer der italienischen Sprache
von Anton G. Leitner
Als ich in den späten 70er-Jahren gerade der Karl-May-Lektüre entwachsen war und nach Old Shatterhand, Winnetou & Co. im Lateinunterricht auf die ungezügelten erotischen Verse Catulls stieß, legte mir mein Vater ein Buch unter den Christbaum, das mein weiteres Leben verändern sollte: „Die späten Gedichte” von Giuseppe Ungaretti. Vater, studierter Altphilologe mit fließenden Italienisch-Kenntnissen, überließ das Aussuchen von Weihnachtsgeschenken sonst eher Mutter. Was ihn dazu verleitete, mir ausgerechnet diesen Band zu schenken, hat er mir bis heute nicht verraten. Ungarettis späte Verse sind bei mir auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Wenn mein Vater geahnt hätte, dass ich dafür sogar eines Tages meine juristische Kariere an den Nagel hängen würde, hätte er vielleicht auf diese Lektüreüberraschung verzichtet.
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SPUREN – Eine poetische Schatzsuche mit
Anton G. Leitner. 1.Teil: Horst Bingel
von Anton G. Leitner
Bis 1997 war er für mich lediglich ein Name, der gelegentlich fiel:
Horst Bingel, Herausgeber einer erfolgreichen Anthologie im Deutschen Taschenbuch Verlag, „Deutsche Lyrik seit 1945“, oder Bingel, Ex-Vorsitzender der Schriftstellergewerkschaft. Bis ich ihn eines Mittags kennenlerne. (Weiterlesen …)
Sharon Creech und ihr bester Hund
von Nicola BardolaIch will nicht.
Jungs schreiben
keine Gedichte.

Diese ersten Zeilen aus dem Roman Der beste Hund der Welt von Sharon Creech definieren die Probleme des Schülers Jack auf klassisch-griechische Weise. Sie stehen nämlich in unausgesprochener Verbindung mit dem Paradoxon des Epimenides, dessen Aussage „Ein Kreter behauptet: ‚Alle Kreter lügen’” sich selbst ebenso ad absurdum führt wie die oben zitierten Sätze, die in Versform von einem Jungen verfasst sind; Sätze, die – wie das Buch demonstrieren wird – selbst bereits ein Gedicht bilden. (Weiterlesen …)
1. September 2008Formenstrenge und Sprachmacht: Oskar Loerke als lyrisches Vorbild
von Carsten Tergast30. Juni 2008Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote PfählenIm Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und VerstandIm Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.
Rudolf Borchardt – Einzelgänger, Spracherneuerer und Symbol der Zerrissenheit der literarischen Moderne
von Carsten Tergast
„Er war ein Mann des Privatdrucks“.
Die Sprache, das Rohmaterial der Dichter, war ihm das wichtigste, und trieb ihn sein Dichterleben lang um.
Rudolf Borchardt, 1877 geboren, mitten hinein in eine der intensivsten Epochen der deutschen Literatur, kommt heute in den Literaturgeschichten höchstens noch als Randbemerkung vor. Zu unzugänglich und abseitig erscheint sein Werk auf den ersten Blick.
Bereits der zweite Blick jedoch bemerkt eine ungeheure Vielfalt an Lyrik, Prosa, Essayistik, Übersetzungen, Reden, die in einem 68jährigen Leben (Borchardt starb 1945) kaum unterzubringen zu sein scheint. (Weiterlesen …)
Oskar Pastior – Ein Sprachmagier
von ZVABAm 21. Oktober wird der Georg-Büchner-Preis, der wichtigste deutsche Literaturpreis verliehen. Oskar Pastior war es nicht vergönnt diese Ehrung einen Tag nach seinem 79. Geburtstag zu erleben. Der Dichter starb unerwartet während der Buchmesse am 4. Oktober in Frankfurt, wo man inmitten des hektischen Treibens mit einem Moment der Stille seiner gedachte. Die Würdigung des Preisträgers in Darmstadt wird posthum erfolgen. (Weiterlesen …)
10. Oktober 2006Bertolt Brecht: 50. Todestag
von ZVAB
© Fotomuseum im Münchner
Stadtmuseum
Bertolt Brecht, der am 14. August vor 50 Jahren starb, galt und gilt nach wie vor als einer der größten deutschen Dramatiker. “Episches Theater” und “Verfremdungseffekt” sind Begriffe, mit denen versucht wurde, uns diesen Brecht in der Schule nahe zu bringen, offensichtlich mit zweifelhaften Erfolg: Laut einer aktuellen Umfrage kennt fast die Hälfte der Deutschen kein Werk des so bedeutenden Dichters mehr. Sehr schade, denn es lohnt sich, die Entwicklung des Bertolt Brecht zu verfolgen: Von seinem Frühwerk Baal über die Dreigroschenoper (sein erstes episches Drama) und das Parabelstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui bis zu Herr Puntila und sein Knecht Matti ist es ein weiter (und lehrreicher) Weg. Wenn Sie einmal in Berlin sind, dann sollten Sie sich eine Inszenierung seiner Werke an dem von ihm gegründeten Berliner Ensemble nicht entgehen lassen.
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