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Genies mit Geistesstörung

von ZVAB
lombroso

L’ Uomo delinquente

Lev Tolstoj bezeichnete ihn als naiven und beschränkten alten Mann, seine Ansichten verurteilte er als unsinnig und absoluten Tiefpunkt des Denkens. Cesare Lombroso besuchte Tolstoj 1897 auf seinem Gut in Jasnaja Poljana, um an ihm eine seiner Theorien zu prüfen. Der Besuch endete im Streit.

Mit seinem 1876 erstmals veröffentlichten Werk L’Uomo delinquente (dt. Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung) widmete Lombroso sich dem Kernstück seiner Theorien und begründete damit den kriminalanthropologischen Diskurs. Seine Theorie vom „geborenen Verbrecher“ beeinflusste maßgeblich den Kriminaldiskurs des 19. Jahrhunderts, war jedoch von Anfang an umstritten. So teilte er nach jener Theorie die Verbrecher anhand körperlicher Merkmale in verschiedene Typen ein. Der Kriminelle erscheint als biologisch determiniert, der Möglichkeit beraubt, sein eigenes Schicksal zu wählen. Indem er die körperlichen Merkmalen von Affen, Wilden und primitiven Völkern mit jenen von Verbrechern verglich, glaubte er einen Beweis für ihre zivilisatorische Unterentwicklung gefunden zu haben.

1872 erscheint sein Genio e follia (dt. Genie und Irrsinn), in dem er die Position vertritt, dass Genie mit Wahnsinn gleichzusetzen sei und sich biologisch im Grunde nicht von der kriminellen Disposition unterscheide. Als Beispiele für „Genies mit Geistesstörung“ führt er Schriftsteller wie Dante, Tasso, Rousseau, Hölderlin oder Kleist an und stellt einen Bezug zu klinischen Fällen von Wahnsinn her.

Den 1897 in Moskau stattfindenden 12. Internationalen Medizinischen Kongress nahm Lombroso zum Anlass, jene Theorie über die pathologische Sichtbarkeit des Genies zu testen. Und dies an niemand geringerem als dem größten zeitgenössischen russischen Schriftsteller, Lev Tolstoj. Als Lombroso jedoch auf das Gut kam und Tolstoj von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, fand er nichts körperlich Degeneratives an ihm.

Erst die heftige Diskussion mit Tolstoj änderte Lombrosos Meinung: Tolstoj verwarf Lombrosos Theorie als Unsinn und sprach sich deutlich gegen jede Form der Bestrafung von Verbrechern aus. Eine Ansicht, die wiederum auf wenig Verständnis bei Lombroso traf, sondern die für ihn nur eine Bestätigung dafür darstellte, dass Tolstojs Einstellung einem kranken Verstand entspringen müsse.

Einige Monate nach seinem Besuch überarbeitete Tolstoj sein Werk Auferstehung, von dem zuvor nur ein Entwurf existierte. Tolstoj bezieht sich darin ausdrücklich auf Lombrosos kriminalanthropologische Theorien und lehnt diese als unmoralisch und wenig hilfreich ab. Dem gegenüber setzt er das christliche Prinzip der Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit.

15. May 2014