Zurück zum Papier: Ollos Welt 2035
von Nicola Bardola
E-Book hin oder her, in Ollos Welt spielt das gute alte Papier die handfeste und greifbare Hauptrolle. Ollo ist ein zehnjähriger Junge mit John-Lennon-Brille, ein Forscher und Vielschreiber, ein EMGAP (Erfinder modernster Gerätschaften aus Papier), der sich im Jahr 2035 allerhand pfiffige Gedanken macht: über seine Schwestern Ariane 1 und Ariane 2, seinen rothaarigen Vater, der ebenfalls Erfinder ist, und seine blauhaarige Mutter, die Chefdesignerin. Ollo setzt sich für den Tierschutz ein, beschäftigt sich mit „Schikanemanagern“ und „Alleshörern“ und führt über seine skurrilen Entdeckungen und betörenden Erfahrungen ein öffentliches, intergalaktisches Tagebuch. Ob Ollos erstes Date oder die Geschichte von der Schildkröte Lotus-Elsa, die in seinen Rucksack pinkelt – über 52 Wochen hinweg wird alles mit Präzision und Humor aufgezeichnet.
(Weiterlesen …)
Brücken und Löcher – Silence and pleasure
von Nicola Bardola
Eineinhalb Jahre brauchte Louis Sachar, um Löcher zu schreiben. Und in all der Zeit wusste niemand etwas davon, nicht einmal seine Frau und seine Tochter. Sachar glaubt, dass das Schweigen beim Schreiben hilft – wie bei allem, wozu man sich selbst motivieren muss. Je mehr man über etwas rede, desto weniger nehme man in Angriff, so der Autor.
Wenn es also darum geht, seine Fähigkeiten zu forcieren, spricht Sachar wenig. Fast schon folgerichtig sind Bridge und Tennis seine wichtigsten und liebsten Hobbies. Über Bridge, das bekannteste Kartenspiel im englischsprachigen Raum, sagt man, es sei Schach mit Karten, nur komplizierter, und auch: Bridge is silence and pleasure – Stille und Vergnügen.
(Weiterlesen …)
Darren Shan: „,Ich lüge nicht’, log ich“
von Nicola Bardola„Und so trat ich in einen neuen, elenden Abschnitt meines Lebens ein – den Tod“, schreibt Darren Shan. Natürlich ist der Held nicht wirklich tot. Aber die Szene, in der ein feister Leichenbestatter vorsichtig Darrens Kopf hin und her bewegt und dabei seine gebrochenen Halswirbel zum Knacken bringt, jagt auch Erwachsenen einen Schauer über den Rücken. (Weiterlesen …)
18. Januar 2010Doppelte Identifikationsbasis: Michael Bonds Bär Paddington
von Nicola BardolaLondon: Stimmengewirr, Bahnhofsgeräusche. Das Ehepaar Brown will seine Tochter Judy abholen. Da entdeckt Mr. Brown mitten im Bahnhofsdurcheinander einen kleinen, verwaisten Bären mit Hut. „Bitte kümmern Sie sich um diesen Bären”, steht auf dem Schild, das er um den Hals trägt. (Weiterlesen …)
14. Dezember 2009Uri Orlev und die Bleisoldaten
von Nicola Bardola
Manche der wichtigsten Bücher erscheinen nur durch Zufall in deutscher Sprache oder dank engagierter Fürsprecher. Mirjam Pressler übersetzte 1994 für Elefanten Press Uri Orlevs kurze Autobiografie Das Sandspiel, ein schmales Bändchen, das auf Hebräisch nie erschienen war. Pressler war von dieser knappen Schilderung eines Kinderschicksals im Zweiten Weltkrieg, das Orlev auf Anregung des deutschen Verlages geschrieben hatte, sehr bewegt.
Im Mittelpunkt steht das Kinderspiel zweier Brüder und die Frage: Wie viele Kinder wirst du haben? Der „Prophet″ nimmt eine Handvoll Sand, wirft ihn in die Luft und fängt ihn mit dem Handrücken auf. Natürlich bleiben zu viele Körner übrig und der Vorgang wird wiederholt. Die Sandkörner, die dabei neben die Hand fallen, stehen für jene Kinder, die auf verschiedene Art und Weise verloren gegangen sind. „Ich ging mit meinem Sohn zum Sandkasten und zeigte ihm das Spiel. Und ich erklärte ihm, dass uns die Deutschen ‚in die Luft geworfen’ hätten. Und jedes Mal starben viele Menschen. Aber wir, mein Bruder und ich, fielen immer auf eine sichere Stelle”, erinnert sich Orlev. (Weiterlesen …)
12. Oktober 2009Friedrich Anis suchende Jugendliche
von Nicola BardolaDer Autor literarischer Kriminalromane Friedrich Ani hat sich im Bereich des Jugendromans mit dem Debüt Durch die Nacht, unbeirrt, mit dem modernen Klassiker Wie Licht schmeckt und mit dem seiner Zeit immer noch vorauseilenden Das unsichtbare Herz einen großen Namen als Chronist einsamer Protagonisten mit ungewöhnlich tief gehenden Gefühlen gemacht. Wie Licht schmeckt wurde fürs Kino verfilmt (Foto unten: Ani und die beiden jungen Schauspieler) und leistet, was nur ganz selten gelingt: Der Film erzählt eine ruhige Geschichte, die fesselnder als ein Thriller ist. In der Belletristik für Erwachsene gelang Ani im Jahr 2000 mit German Angst der Durchbruch. Wegen der Thematik (Ausländerhass), wegen der 14-jährigen Protagonistin Lucy und wegen der für das Hörbuch bearbeiteten Fassung sollte German Angst auch von Jugendlichen entdeckt werden: „Das Buch sticht durch seinen eindrucksvollen Realismus hervor und zeichnet als bestes Exempel des Genres ein beklemmendes Bild der Verbrechenswelt in der Bundesrepublik von heute“, schrieb die Jury anlässlich der Verleihung des Radio-Bremen-Krimipreises. In Wuppertal wurde German Angst als Theaterstück uraufgeführt und löste bei Lehrern und Schülern heftige Diskussionen aus. TV-Tatortkommissar Udo Wachtveitl liest eine besonders für Jugendliche geeignete Fassung des Bestsellers.
(Weiterlesen …)
Wittkamps Findlinge
von Nicola Bardola
Frantz Wittkamp
Frantz Wittkamp dichtet für Groß und Klein. Als Einstieg in sein Werk bietet sich das Hörbuch Du bist da und ich bin hier an, eine Sammlung von Sprachspielen in Versform, gelesen vom kürzlich verstorbenen Schauspieler Manfred Steffen und den Kindern Emma (4), Johnny (8) und Vincent (11). Der Einsatz der Kinderstim- men zeugt von sorgfältigen Vorüberlegungen: Welche und wie viele Verse sollen von den Kindern gelesen werden? Welche spricht der Profi Manfred Steffen? Auf diese Fragen hat Regisseurin Angelika Schaack eine in jeder Hinsicht glückliche Antwort gefunden. Hier ist ein Stimmenquartett zu hören, das die Inhalte in bestmöglicher Abfolge wunderbar präsentiert und so ein besonderes Gesamtklangbild erzeugt.
Das alles aber ist nur möglich, weil Franz Wittkamp mit seinen „Findlingen“ kleine Weisheiten und erstaunliche Beobachtungen aufs Papier gezaubert hat, die mit ihrer Ideenvielfalt, ihren wechselnden Rhythmen und überraschenden Pointen dreijährige Kinder ebenso begeistern wie Erwachsene. (Weiterlesen …)
13. Juli 2009Amok in der Schule: Morton Rhues „Ich knall euch ab!“
von Nicola Bardola
„Wenn wir nichts daran ändern, wie wir andere innerhalb und außerhalb der Schule behandeln, wird es nur noch mehr – und schrecklichere – Tragödien geben“, schreibt Rhues fiktive Herausgeberin Denise Shipley, Journalistik-Studentin und Stiefschwester von Gary, dem tragischen Protagonisten, mit dessen Abschiedsbrief der Roman Ich knall euch ab! von Morton Rhue beginnt:
17. März 2009Ich hätte mich auch ganz still aus dem Staub machen können, aber das wäre ja noch sinnloser gewesen. Wenn ich so gehe und bei meinem Abgang die Leute mitnehme, die mir das Leben zur Hölle gemacht haben, dann kommt vielleicht eine Botschaft rüber. Vielleicht ändert sich dann etwas, und irgendwo wird irgendein anderer Junge, der so unglücklich ist wie ich, besser behandelt und findet vielleicht einen Grund weiterzuleben.
„Wenn früher zwei Menschen aufeinander geschossen haben, dann waren es ein Cowboy und ein Indianer…“
von Nicola BardolaEin Interview mit Morton Rhue zum Thema Gewalt an den Schulen
Das folgende Interview mit Morton Rhue fand am 15. März 2002, also über einen Monat vor dem Massaker von Erfurt statt. Der amerikanische Autor, der zwanzig Jahre nach seinem Bestseller Die Welle wieder ein brisantes Thema aufgegriffen hatte, hatte kurz vor unserem Gespräch eine Lesereise durch Deutschland beendet. Der Tenor an den deutschen Schulen lautete angesichts der von Rhue in Ich knall euch ab! beschriebenen Bluttat: „Zum Glück kann so etwas bei uns nicht geschehen, allein schon, weil es in den deutschen Haushalten nicht so viele Waffen gibt…“ Wenige Wochen nach den Ereignissen von Erfurt, nachdem die Realität das Vorstellungsvermögen aller überstiegen hat, wurde diese Haltung widerlegt. (Weiterlesen …)
17. März 2009Let me go crazy on you
von Nicola Bardola„Uahh!“, „Ooooooooooh“, „Yeah“, „Wow!“, „One night“, „Oh, Johnny, Johnny, come on, come on!“, „Humph“, „Hmmm“, „Fuck you!“, „Shitshitshitshit“, „Jeeeesus“, „Take it easy“, „Come on, Baby“, „Go ahead“, „Hej, goofs“, „Whoah“, „Whoo hoo hoo!“, „Mhhh!“, „Let’s go!“, „See you“, „Bye“, „G’night, Gentlemen.“
Der 1971 geborene Richard Van Camp – wie sein 17-jähriger Ich-Erzähler ein kanadischer Indianer vom Stamm der Dogrib – schrieb Ende des vergangenen Jahrtausends den Roman Die ohne Segen sind, der – auch in der deutschen Fassung – die oben zitierten Ausrufe enthält. Dieser hoch gelobte, 158 Seiten schmale Debütroman wurde 2001 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (DJLP) ausgezeichnet. Übersetzt wurde das zudem mit dem Air Canada Award der Canadian Author Association preisgekrönte Buch von Ulrich Plenzdorf, dem 1934 in Berlin geborenen Drehbuchautor und Schriftsteller, der 2007 viel zu früh verstarb. (Weiterlesen …)
26. Januar 2009Abschied von Cheyenne- eine Wildwest-Saga
von Nicola Bardola
Peter Carter
Peter Carter war als Jugendlicher in den 1950er Jahren vor allem von William Faulkner gefesselt. Der Mississippi war ihm so fremd wie der Mars. Dass sich dank Faulkner diese geographische Entfernung in eine emotionale Nähe verwandeln konnte, war eine prägende Erfahrung für den jungen Mann, der später mehrere herausragende Jugendbücher mit historischem – also zeitlich fernem – Hintergrund schrieb; 1999 starb er über den Seiten seines letzten Werkes, das ein Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg werden sollte. Carters erster Roman Madatan, die Lebensgeschichte eines Kelten von der Westküste Englands, erschien 1974 im Original und erst im Jahr 2000 in deutscher Übersetzung. Zu seinen bekanntesten, ebenfalls ins Deutsche übertragenen Werken zählen Die Sentinel (1995), Kinder des Buches im Kampf um Wien (1996), Gejagt! (1997) und Abschied von Cheyenne (1998). Abschied von Cheyenne war 1999 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
(Weiterlesen …)
Carmen Martin Gaites märchenhaftes New York: Rotkäppchen in Manhattan
von Nicola Bardola
Wer in diesen dollarschwachen Zeiten das Shoppingparadies New York besuchen will, sollte den Kaufrausch mit einer zauberhaften Prosa begleiten: Die kleine Sarah Allen im roten Regenmantel mit Kapuze und am Arm den mit einer karierten Serviette bedeckten Henkelkorb, ist am Tag ihres zehnten Geburtstages in einer U-Bahn-Station nähe Central Park auf Hilfe angewiesen. Geträumt hat sie schon lange von Manhattan, jener „Insel in der Form eines Schinkens mit einem Spinatkuchen in der Mitte, der Central Park heißt.“ Es ist Sarahs erster selbständiger Ausflug zu ihrer Großmutter nach Manhattan von Brooklyn aus, wo sie allzu behütet im 14. Stockwerk eines Hochhauses wohnt.
(Weiterlesen …)


