Das Erbe der Dekabristen, Teil 2
von Hanns-Martin Wietek
Modest Mussorgski
So bedrückend und wirr das 19. Jahrhundert in Russland auch war, so „golden“, so ruhmreich, so glanzvoll (man könnte noch viele begeisterte Worte anfügen) war es in Literatur, Musik und Kunst. In der zweiten Hälfte kehrte sich die „Blickrichtung“ gar um: Hatte bisher das literarische Russland nach Westen geschaut, blickte jetzt der literarische (und nicht nur der literarische) Westen nach Russland. Die Übersetzungen der Werke von Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew und später von Dostojewski und Tolstoi wurden zu literarischen Ereignissen in ganz Europa. (Turgenjew lebte seit den 1860er-Jahren in Deutschland und Frankreich und hatte engen Kontakt zu Gustave Flaubert, Émile Zola, Theodor Storm, Paul Heyse, Berthold Auerbach und vielen anderen.) Nikolai Nekrassow und Anton Tschechow sind noch zu nennen.
Bei den Malern waren es u.a. Ilja Repin, Iwan Kramskoi und Wassili Perow, die Weltruhm erlangten.
Peter Tschaikowsky, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Sergej Rachmaninow, Milij Balakirew, Alexander Borodin u.a. setzten Zeichen in der Musikgeschichte. (Weiterlesen …)
Alexander Sergejewitsch Puschkin, Revolutionär im goldnen Käfig
von Hanns-Martin WietekÜber seine Bedeutung für die Literatur große Worte zu verlieren, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“; es wäre, als wollte man lobende Worte über Goethe schreiben.
Obwohl: Als ich mich einst telefonisch in einem Kino erkundigte, welcher Film gegeben werde, bekam ich zur Antwort „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“. Verdutzt fragte ich „Wie? Von Goethe?“ Die Stimme verstummte, Musik im Hörer, dann „Ja, Goethe heißt der Mann.“
Den Namen Puschkin hätte ich der Dame sicher buchstabieren müssen, und auch dann hätte sie mit ihm nichts anfangen können.
Das trifft natürlich für die Leser des ZVAB nicht zu.
Dennoch, es muss über seine Bedeutung gesprochen werden; es sollen jedoch am besten die größten der russischen Schriftsteller zu Wort kommen und über diesen Olympier sprechen.
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Gorki, Revolutionär und Pragmatiker
von Hanns-Martin WietekBis zu Gorkis Rückkehr nach Russland (Ende 1913) kann man Gorki als revolutionär-romantischen Schriftsteller bezeichnen, auch wenn er sich zwangsläufig viel mit Politik beschäftigte. Ab 1914 – mit Beginn des Ersten Weltkrieges, dessen Übergang in die Revolution und die Etablierung des russisch-sozialistischen Staates – wurden die Verhältnisse in Russland verworren, und auch die Haltung Gorkis, der ab jetzt aktiv am politischen Geschehen teilnimmt, wird undurchschaubarer und scheinbar widersprüchlich.
Diese Widersprüchlichkeit hat seinem Ansehen als Mensch und Schriftsteller in den westlich orientierten Ländern schweren Schaden zugefügt; in den sozialistischen Ländern – die sich allerdings nur das aus Gorkis Schaffen herauspickten, was ihnen genehm war – wurde er zu einer Ikone des Sozialismus und Kommunismus hochstilisiert. Es gibt einige gute und objektive Biografien über Gorki wie »Geir Kjetsaa „Maxim Gorki. Eine Biographie“, 1994« oder »Henri Troyat „Gorki, Sturmvogel der Revolution“ 1987« und neue Erkenntnisse (zu lesen bei Armin Knigges »www.der-unbekannte-gorki.de«), weshalb ich hier nur auf einige markante Daten eingehen werde, die die Person Gorki und sein Schaffen etwas durchschaubarer machen sollen. Völlig aufzuklären wird auch hier nicht möglich sein, schon allein weil viele Faktoren eine Rolle spielen: Die persönliche (emotional und wirtschaftliche) Situation Gorkis, menschliche Beziehungen (zu seiner Ex-Frau und seinem abgöttisch geliebten Sohn), die sich rasant verändernde politische Situation in Europa (z.B. Gegenrevolution durch die Weißen mit Hilfe des Auslands, Aufkommen des Faschismus), die sich täglich, ja stündlich ändernden Meldungen und Falschmeldungen in höchst emotionalen und explosiven Situationen und und und. Ich will es dennoch versuchen.
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Maxim Gorki, Der Romantiker und Revolutionär
von Hanns-Martin WietekMaxim Gorki (weitere Schreibweisen des Namens: Maksim Gork’ij oder Gorkij), geboren am 16. März (nach dem alten vorrevolutionären Kalender) bzw. 28 März (nach dem heute gültigen Kalender) 1868 in Nischni-Nowgorod und gestorben am 18. Juni 1936.
Sein eigentlicher Name, auf den er getauft wurde, lautet Alexej Maximowitsch Peschkow. Das Pseudonym nahm er erst an, als seine erste Erzählung »Makar Tschudra« veröffentlicht werden sollte; mit dem Namen „Maxim“ wollte er an seinen früh verstorbenen Bruder erinnern, und russisch „gorki“ heißt „der Bittere“, der Spitzname, den sein Vater wegen seiner spitzen Zunge gehabt hatte.
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Russische Schriftsteller der Emigration(en)
von Hanns-Martin WietekOhne die vielen russischen Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist die europäische und besonders die deutsche Kultur nicht denkbar – und selbst danach, zu Beginn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, haben die verschiedenen Emigrantenwellen ungeheuer befruchtend auf unser Geistesleben gewirkt, - wieweit das auch für die neueren Wellen gilt, wird man erst rückblickend sagen können.
In Russland waren Politik und Literatur schon immer eng miteinander verquickt; Dichter waren weit mehr als im Westen das soziale Gewissen der Nation. Schon Puschkin, der für den Beginn der russischen Literatur steht, musste leidvolle Erfahrungen hinnehmen. Es gab aber auch niemanden, der diese Aufgabe in einem absolutistischen Staat hätte erfüllen können. Ganz offensichtlich wurde dies bei den Revolutionären Majakowski, Fürst Kropotkin, Gorki (der differenzierter zu beurteilen ist) und vielen mehr. Viele Dichter gingen, auch ohne Revolutionär geworden zu sein, in die Verbannung nach Sibirien oder wurden im günstigsten Fall aus den Metropolen und damit aus der Gesellschaft verbannt.
Das heißt, Politik ist in Russland (bis heute) aus der Literatur nicht weg zu denken und wird daher auch immer wieder Thema sein.
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