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Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

Vor 50 Jahren lässt Günter Grass den Aufstand auferstehen

von Larissa Dawirs
plebejer-grass

Am 15.01.1966 wird im Berliner Schillertheater Die Plebejer proben den Aufstand von Günter Grass uraufgeführt. Das politisch-motivierte Theaterstück dreht sich um die zentrale Figur „Chef“ – eine nicht namentliche Darstellung des Dramatikers Berthold Brecht – und thematisiert eine Shakespeare-Inszenierung vor dem Hintergrund des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR.
Zunächst bringt dieser Stoff vom vermeintlichen Versagen der Intellektuellen dem Autor keine Lorbeeren ein.

Marcel Reich-Ranicki titelt in der Zeit vom 21.01.1966 Trauerspiel von einem deutschen Trauerspiel und auch die Politik in BRD und DDR spricht von „Anti-Brecht-Stück“ bzw. „antikommunistischen Vorbehalten gegen Andersdenkende.“ Und doch findet Reich-Ranicki schließlich auch positive Worte zu Motiven, Szenerie und Ausdruck für diesen „Gesprächsgegenstand von hoher Bedeutung.“

Am 17. Juni 2003 zum 50. Jahrestag des Aufstandes liest Grass sein Werk selbst live für rbb und Radio Bremen und auch fast alle ARD-Kulturwellen übertragen die Lesung. Seit 2012 ist diese Theaterlesung beim Steidl Verlag auch als Hörbuch erhältlich.

Grass selbst erinnert sich wie folgt an die Entstehung seines Werks:

„Es ging in vier Akten um die Macht und die Ohnmacht, um geplante und spontane Revolution, um die Frage, ob Shakespeare sich ändern lasse, um Normerhöhungen und einen zerfetzten roten Lappen, um Worte und Gegenworte, um Hochmütige und Kleinmütige, um Panzer und Steinewerfer, um einen verregneten Arbeiteraufstand, der, kaum war er niedergeschlagen, auf den 17. Juni datiert, zur Volkserhebung verfälscht und zum Feiertag verklärt wurde.“

Heute, am 15. Januar 2016 jährt sich die Uraufführung zum 50. Mal. Günter Grass ist letztes Jahr verstorben, eine Jubiläumsaufführung wird es nicht geben. Dennoch lohnt es sich „Die Plebejer proben den Aufstand“ nocheinmal anzuhören oder zu lesen und damit das vielleicht umstrittenste Drama des Nobelpreisträgers zu feiern – ob Trauerspiel oder nicht.

15. January 2016

28. Februar 1933 – 24. März 1933: Hitlers nationalsozialistische Revolution

von wietek

   Aufmarsch der SA am Tag der
   Machtergreifung, dem 30. Januar
   1933 (© Bundesarchiv)

Am 30. Januar 1933 hatte die Weimarer Republik den Todesstoß versetzt be- kommen, als Reichspräsident General- feldmarschall von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte. Adolf Hitler hatte sein Ziel erreicht, auf formal-legalem Weg an die Macht zu kommen, und jetzt sollte die „nationalsozialistische Revolution“ beginnen, so wie er es immer schon angekündigt hatte und wie es wer wollte auch nachlesen konnte. Der Begriff „Revolution“ klingt in diesem Zusammenhang etwas merkwürdig, weil man damit gemeinhin einen Aufstand des Volkes gegen die Regierungsmacht verbindet; Hitler hat den Begriff aber schon richtig benutzt, denn er bedeutet im grundsätzlichen Sinn, dass planmäßig Handlungen stattfinden, die der bestehenden Verfassung entgegen stehen. Und genau das war Hitlers Vorhaben, um aus der Republik eine Diktatur zu machen. (Weiterlesen …)

28. February 2012

Andrej Belyj, ein russischer Schriftsteller im „braunen“ Berlin

von wietek

Es war das Silberne Zeitalter in der russischen Literatur – die Zeit der russischen Symbolisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Politisch gesehen war es eine schlimme Zeit: zwei Revolutionen (1905 und 1917), der Russisch-Japanische Krieg (1904/05), der Erste Weltkrieg und (in der Folge) mehrere Wellen der Emigration aus Russland. Literarisch gesehen war es eine höchst fruchtbare Zeit: Mit Schriftstellern wie Dmitrij Merežkovskij, Konstantin Balmont, Zinaida Gippius, Fëdor Sologub, Aleksandr Blok und Andrej Belyj gelangte die russische Literatur zu neuer Blüte. (Weiterlesen …)

24. February 2012

14. Februar – nicht nur Valentinstag!

von wietek

Man bekriegte sich, man siegte und man verlor an diesem Tag, gerade so wie an jedem anderen. Wenn man diese traurige “Normalität” außen vor lässt und resignierend unbeachtet lässt, wer wen in welcher Schlacht schlug oder wer vernichtet wurde und wer sich gegen und mit wem verbündete oder intrigierte, was gab es dann noch an einem 14. Februar?


   Obwohl Nikita Chruschtschow mit
   seiner Geheimrede schon 20 Jahre
   zuvor die Entstalinisierung ein-
   geleitet hatte, wurde der russische
   Schriftsteller Alexander Solschenizyn
   am 14. Februar 1976 gegen seinen
   Willen des Landes verwiesen, weil
   er die Verbrechen des Stalin-Regimes
   in seinen Werken anprangerte.

Ein hoffnungsvoller Tag war – um bei der Politik zu bleiben – der 14. Februar 1956. An diesem Tag begann in Moskau der 20. Parteitag der KPdSU, auf dem Nikita Chruschtschow mit einer fünfstündigen Geheimrede die Entstalinisierung ein- leitete. In den KGB-Archiven hatte er die Belege für die Verbrechen Stalins an der eigenen Bevölkerung und an den hohen Parteigenossen sammeln lassen (seine Mitbeteiligung daran aber vorsichtshalber verschwiegen) und offenbart, worüber bisher niemand zu sprechen wagte. Es war ein erster Versuch, politische Reformen einzuleiten. Man kann es als den bescheidenen Anfang dessen sehen, was Gorbatschow 1989 vollendete.
Bis es soweit war, floss allerdings noch sehr viel Wasser die Moskwa hinunter und so wurde z. B. am 14. Februar 1976 der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der in seinem Werk Der Archipel Gulag eben diese Verbrechen beschrieb, aus Russland verbannt und nach Frankfurt/Main ausgeflogen. Willy Brandt hatte sich bereit erklärt, ihn in Deutschland aufzunehmen, bei Heinrich Böll kam er erst einmal unter. (Weiterlesen …)

14. February 2012

30. Januar 1933 – Ende einer Republik

von wietek

Das, was sich in den frühen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Politkrimi entwickeln und schließlich die Welt in ein bis heute unübertroffenes Unglück stürzen sollte, nahm seinen Ursprung im Jahr 1918.
Die nach dem Sturz der Monarchie provisorische Regierung (Rat der Volksbeauftragten) unter der Leitung des überzeugten Demokraten Friedrich Ebert (SPD) beschloss am 30. November Wahlen für die verfassunggebende Nationalversammlung. Da die Erinnerung an die undemokratischen Zustände der Vergangenheit noch frisch war, legten sie fest, dass diese Wahlen, die für den 19. Januar 1919 angesetzt waren, vollkommen demokratisch sein müssten. Jeder – zum ersten Mal auch die Frauen – sollte durch eine Partei vertreten sein. Das Verhältniswahlrecht ohne Prozenthürde garantierte, dass jede Partei – ob groß, ob klein – eine exakt ihrem prozentualen Stimmenanteil entsprechende Anzahl von Abgeordneten in die Nationalversammlung schicken konnte. (Weiterlesen …)

30. January 2012

2. Dezember – Zwei Napoleons, Monroe und der Weltraum

von wietek

Bis 1800 war der 2. Dezember ein ganz gewöhnlicher Kalendertag – es gab nicht viel zu erdulden und nicht viel zu feiern. Das aber änderte sich am 2. Dezember 1804 gewaltig. Napoléon Bonaparte, der schon seit 1799 quasi diktatorisch als Erster Konsul – und seit 1802 sogar auf Lebenszeit – regierte, krönte sich in Anwesenheit des Papstes in der Kathedrale Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser der Franzosen. Es war ein gewaltiges Spektakel – eines, von dem die heutigen Hofberichterstatter nur träumen können.
Wie es der Kaiser Napoléon mit Recht und Gesetz halten würde, hatte die Welt schon einige Monate zuvor mit Empörung feststellen können: Er ließ der Abschreckung halber einen Prinzen aus dem Stamm der Bourbonen, die bis zur Revolution die Könige Frankreichs gestellt hatten, aus Baden entführen und mit der Behauptung, er sei an einem Putsch gegen ihn beteiligt gewesen, hinrichten. (Weiterlesen …)

2. December 2011

17. Juli 1936

von wietek

Wer weiß heute noch, wofür dieses Datum steht? Hand aufs Herz: Aus den letzten drei Generationen wohl niemand mehr. Und aus der älteren Generation vielleicht eine Handvoll junggebliebener Alt-68er. In Spanien ist das vermutlich anders, aber wahrscheinlich auch nicht viel besser.

Dabei ist das eigentlich ein Tag, an dem – wie sich später herausstellte – Weltgeschichte geschrieben wurde: Am 17. Juli 1936 putschte in Marokko, das damals unter spanischer Herrschaft stand, das Militär gegen die republikanische Regierung Spaniens – eigentlich nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit und schon gar nicht in Spanien. Schon am nächsten Tag übernahm General Francisco Franco Bahamonde (44 Jahre alt und schon seit 10 Jahren General) das Kommando über den Putsch, der nun auch auf das Mutterland übergriff. Am 21. Juli begann die – auch literarisch und medial berühmt, ja zur Legende gewordene – Belagerung des Alcázars von Toledo. Ende September avancierte Franco – er soll sich selbst ernannt haben – zum „Generalisimo“ der Junta und „El Caudillo“ (Führer) der nationalspanischen Regierung der eroberten Gebiete Spaniens. Schon im November erkannten das Deutsche Reich unter Hitler und Italien unter Mussolini seine Regierung als die einzig legale an – was jedoch nicht zu dem Trugschluss verleiten darf, dass die Putschisten eine nationalsozialistische oder faschistische Ideologie verfolgten, sie waren stramm konservativ.
Wie war das einstige Weltreich, von dem sein Kaiser Karl V. (*1500, †1558) einst sagen konnte, dass in ihm die Sonne niemals unterginge, und das sich mit England einmal die ganze Welt geteilt hatte, in eine so desolate Lage geraten? (Weiterlesen …)

19. July 2011

Amma Darko aus Ghana: Polygamie ist das Hauptübel

von litprom

   Amma Darko (Foto:Regina Bouillon)

Amma Darko, 1956 geboren in Tamale im Norden Ghanas, gehört zu den meist gelesenen afrikanischen Autorinnen in Deutschland. Das verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass ihr Debüt Der verkaufte Traum zunächst auf Deutsch im Stuttgarter Schmetterling Verlag erschien, der bis heute alle ihre Romane veröffentlicht und Darko regelmäßig zu Lesereisen einlädt. Zuletzt war sie mit ihrem jüngsten Werk Das Lächeln der Nemesis unterwegs.
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29. September 2008

Der „zweisprachige Grenzvogel“ René Schickele – Journalist, Schriftsteller und früher Europäer

von tergast

   René Schickele (1912)

Als Journalist weiß man bisweilen gar nicht mehr zu schätzen, dass man heute eigentlich alles schreiben kann, was einem gerade so in den Sinn kommt (immer vorausgesetzt, jemand druckt es…). Ein Blick in die Vergangenheit ist hilfreich, um sich dieses große Glück zu vergegenwärtigen und sich vergleichend daran zu erinnern, wie es um Publikations- und Meinungsfreiheit einmal bestellt war.

Den Kaiser einen „Scharlatan“ zu nennen, konnte schon ausreichen, damit die komplette Auflage einer Zeitschrift beschlagnahmt wurde. Das musste 1901 der gerade erst 18-jährige René Schickele feststellen, als er eben dies in der dritten Ausgabe seiner jüngst gegründeten Zeitschrift Der Merker tat. René Schickele war jedoch keiner, der sich davon sonderlich beeindrucken ließ. Er hatte bereits vor dem Merker mit dem Stürmer eine erste literarische Zeitschrift gegründet, die nach wenigen Nummern ihr Leben wieder aushauchte, und er sollte Zeit seines Lebens Visionär und Kämpfer bleiben. (Weiterlesen …)

26. May 2008