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Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

Er schreibt wieder!

von zvab
Das Kapital von Karl Marx

Im ZVABlog ist Jaromir Konecny für seine Altpapiergeschichten bekannt und beliebt. Jetzt hat der Schriftsteller und ZVAB-Antiquar eine neue Anekdote aus dem Leben als Antiquar verfasst. Darin berichtet er in gewohntem Zungenschlag von einer überraschenden antiquarischen Entdeckung.

Gegenstand der Anekdote ist eine besondere Ausgabe des Kapitals von Karl Marx: “Wer die Originalausgabe von Das Kapital von Karl Marx erwerben will, braucht viel Kapital. Keine Originalausgabe eines anderen Philosophen ist in Zeiten chronischer Finanzkrisen so begehrt wie diese. Auch mit der 2. Auflage von 1872 kannst du gut deine Brieftasche füllen. Ich hatte beide. Die erste und die zweite. Leider nur kurz. Sozusagen virtuell…”

Hier geht es zur Anekdote und zu einem exklusiven Einblick in das Leben eines Antiquars.

 

26. July 2012

Frau im Licht

von konecny

   Vladimír Birgus’ Rückschau
   auf Drtikols Werk und Leben
   (aus dem Sortiment des An-
   tiquariats Bernhard, Berlin)

Das Schaffen des ersten tschechischen Fotografen von weltweiter Bedeutung, František Drtikol, begann sich vor dem Ersten Weltkrieg zu entwickeln. … Durch wohldurchdachten Einsatz des Lichts und manchmal auch durch leichte Unschärfe schuf er aus den Modellen fast unreale Traumgestalten, indem er außer dem Ideal der Schönheit auch die symbolische Aussage unterstrich. … Drtikols Akte waren für ihre Zeit sehr kühn und zeigten den nackten Körper in seiner Natürlichkeit und Schönheit.

[Vladimír Birgus: Tschechische Avantgarde-Fotografie]

Der Schatten spielt eine völlig selbständige Rolle, besonders beim Füllen einer Fläche; er haucht Leben ein, betont, ist genauso wichtig wie die Sache selbst.

[František Drtikol: Augen weit geöffnet]

In einem der Käfige wurde ein riesiger Bär gehalten und gezeigt. Der Anblick dieses Tieres, das der kleine František zum ersten Mal im Leben sah, hat ihn unbegreiflich erregt und gereizt. Er versuchte sogar – durch einen inneren Trieb dazu gebracht – es mit einer Axt anzugreifen, was ganz seinem milden Charakter widersprach. … Die wahrscheinliche Erklärung kann man erst in den Erinnerungen von Rostislav Obsnajdr finden, dem Drtikol am Ende seines Lebens erzählte, dass er in einem seiner früheren Leben in Russland gelebt habe und infolge von Verletzungen gestorben sei, die ihm durch einen Bären zugefügt worden seien.

[Karel Funk: Der Mystiker und Lehrer František Drtikol] (Weiterlesen …)

24. October 2011

Monteur Dada

von konecny

Der Zufall ist ein durchtriebenes Luder, das sich nicht um die Folgen seiner Taten schert. An diesem Samstag hatte die geheimnisvolle Anna ihren Flohmarkt-Stand neben Karl aufgebaut, dem Kommunisten. Anna trug heute Shorts und eine Bluse, auf der Blumen blühten. Zu Zeiten des Jugendstils hätte ihre sparsame Kluft als ein schicker Badeanzug durchgehen können. Aus jeder Perspektive genießbar. Ihre schwarzen Haarsträhnen rahmten das schöne Bild mit hübschen Ornamenten ein. Anna hatte ich entdeckt – ja, „entdeckt“ ist das richtige Wort für unser erstes Treffen -, als sie im Stadtmuseum ein uraltes Foto mit einer Dame betrachtet hatte, die Anna nahezu poetisch ähnelte. Doch seitdem tat Anna so, als ob sie mich damals im Museum überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Komisch, oder?
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15. April 2011

Mein Kampf

von konecny

Was seit 1922 dem deutschen Volk als Kunst aufgeschwätzt worden ist, ist auf dem Gebiet der Malerei ein einziges verkrüppeltes Gekleckse. … Man kann der Fügung danken, dass 1933 der Nationalsozialismus an die Macht gekommen ist und mit diesem Kitsch ein für allemal Schluss gemacht hat. Bei meinen Gängen durch Kunstausstellungen habe ich stets rücksichtslos alles entfernen lassen, was nicht künstlerisch einwandfrei war.

Adolf Hitler (Nach Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier)

Man muss systematisch Verwirrung stiften, das setzt Kreativität frei.

Salvador Dali

Wenn du dein Leben zu Geschichten machst, werden die Geschichten irgendwann zu deinem Leben. Wie die Frau! Sie strahlte… „Sie strahlt Poesie aus“, sagte eine weibliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Sie zeigte auf das 140 Jahre alte Damenportrait in der Vitrine. Doch ich guckte nicht mehr zurück zum Foto, ich glotzte zur Abwechslung die Lebendige an: Langes schwarzes Haar, leichtes Blumenkleid. Als wäre sie gerade zurück aus Woodstock. With A Little Help From My Friends! Ihr Lächeln baute Brücken. Aber nur kurz. Sie drehte sich um und trippelte davon. Ameisen krabbelten den Tunnel in meiner Wirbelsäule hinauf. Die Frau hatte genauso ausgesehen wie die auf dem Albuminabzug aus der Frühzeit der Photographie! Eine 170 Jahre alte Frau? Die Poesie ausstrahlte? Mit einem lebendigen Abbild einer schönen alten Zeit? Wo kannst du heutzutage eine solche Frau finden? Weg war sie! Die Poesie verflog. Im Museum brummten wieder nur die Ventilatoren ihre neusachlichen Gesänge.
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19. January 2011

Letzte Worte

von konecny
Brendan Behan

Manchmal ruft mich sogar der WDR an: „Jaromir!“, sagte die Stimme am Telefon. „Möchtest du bei unserem Poetry Slam auftreten? Thematisch geht’s um letzte Worte!“

„Die bring ich ständig!“, sagte ich, um Wissen vorzutäuschen, auch wenn ein normaler Deutscher bei einem Tschechen wie mir gar nicht so viel Wissen erwartet.

Erst Wikipedia klärte mich auf. Unter den letzten Worten versteht man das, was ein Mensch im Angesicht des Todes der Nachwelt als Quintessenz seines Lebens hinterlässt. Humphrey Bogart zum Beispiel sagte, bevor er starb: „Ich hätte nicht von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“ Oder der irische Dramatiker Brendan Behan. Der sagte vor seinem Tod zu der Nonne, die ihn pflegte: „Gott segne Sie, Schwester. Mögen alle Ihre Söhne Bischöfe werden.“
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7. September 2010

Sex auf Distanz

von konecny

„Ich war ein verlogenes Kind, das kam vom Lesen“, schrieb Isaak Babel. Klar ist übersprudelnde Phantasie auch eine schwere Last für den Fabulierer, bis er sich für seine Lügnereien ein hübsches Alibi zurechtgelegt hat – man schreibt einen Roman! Ab da ist man nicht mehr Lügner, man ist der Herr Schriftsteller. Das gelingt nicht jedem. Die meisten Bafler werden keine Schriftsteller, sie müssen sich weiter direkt von Mensch zu Mensch in ihren Weltrausch reden und nicht in einem Roman, sie brauchen den Zauber der direkten Rede. Wenn du einen Bafler in der Kneipe triffst, erzählt er dir gleich unbändig Geschichten, in denen er alles verdreht und maßlos übertreibt. Der Bafler will deine Burg aus anerzogener Distanz stürmen, dich ganz für seine Geschichte einnehmen! Der Bafler sucht „Körpernähe“, möchte dich zum Schwitzen bringen. Ein Lügner will dich betrügen, um für sich irgendwelche Vorteile zu ergattern, ein Bafler will dich staunen lassen. Und aus dem Staunen kommt die Freude! Ein Bafler beglückt dich also. Zum Beispiel mein Freund Pepino in Mähren, der mal erzählte, wie er den Hamster seiner Freundin aus dem 9. Stock eines Plattenbaus mit einem kleinen Fallschirm habe runter springen lassen.
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9. August 2010

Wesensnahe Lebenskünstlerinnen

von konecny
Für Zuzy
*

Ich schlenderte über den Viktualienmarkt und betrieb Frühlingsforschung. Zum Glück war alles bei altem geblieben: Die Frühlingsfrauen bei ihrer bombastischen Bein-Bauch-Brust-Stabreimparade. In diesem Jahr gab es keinen Kirchentag in der Stadt, die Bienen blümelten und die Vögel vögelten – es herrschte Frühling. Drei braunbusige Prinzessinnen aus Bora Bora mit Goldkettchen an nackten Fußknöcheln, an denen kleine Arschherzchen hingen, lutschten beim Pferdemetzger an heißen Knackern rum – Poesie pur! Nicht einmal mit seinen 2010 Jahren war das Christentum unserer Natur gewachsen. Wie waren sinnlich geblieben!
„Jaromir?“ Die Sonne hatte sich nackt ausgezogen, doch der Mann steckte in einem dunklen Anzug – als wollte er bei der Regierung für die Hypo Real Estate etwas Geld schnorren. „Bist du’s?“, sagte er auf Tschechisch.
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6. July 2010

Ausgang auf Afrikanisch

von konecny

Bimbo lernte ich vor 24 Jahren in einem Flüchtlingslager bei Vilsbiburg kennen. Jeder ist auf etwas stolz. Der schwarze Afrikaner Bimbo war Philosoph und somit stolz auf seinen Spitznamen. Dazu zitierte er immer gern Lao Tse: „Wer seine Glorie kennt und dennoch in Schande weilt, der ist das Vorbild der Welt.“
Wir hatten in Bayern politisches Asyl beantragt, und der bayerische Staat steckte uns in ein heruntergekommenes Kloster in einem winzigen niederbayerischen Dorf, damit wir dort Sozialmissbrauch betreiben konnten. Ohne Pass und Arbeitserlaubnis lagen wir Schmarotzer auf der faulen Haut und warteten auf die 50 Mark, die wir jeweils am Monatsanfang bekamen. Zwischen diesen Geldtagen träumten Bimbo und ich vom wilden Nachtleben in der Stadt. Deswegen waren nach Deutschland gekommen. Um das „Saturday Night Fever“ im Westen zu genießen! Leider durften wir nicht hin! Wenn uns die Polizei außerhalb des Lagereinzugsgebietes erwischt hätte, wäre es vorbei gewesen mit dem Asyl. Zwar war Bimbo im Dunkeln schwer auszumachen, doch in Bayern gibt’s keine dunklen Ecken mehr. Einmal hatte Gott gesagt, „es werde Licht!“, und seitdem scheint und strahlt und glänzt und gleißt und blinkt und blitzt hier alles. In Bayern kannst du dich als Schwarzer nirgendwo verstecken, in Bayern bist du als Schwarzer eine weiße Krähe, verdammt! Bayern leuchtet!
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31. May 2010

Die Gurken der spirituellen Frauen

von konecny

Der Sinn des Lebens eines Mannes ist, möglichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen und somit die eigenen Gene dicht über die Erde zu verteilen. Also zu poppen! Das haben Sultane, Könige, Politiker, Pop-Stars und sogar Päpste – the Popes – wohl hinreichend bewiesen. Klar versuchen Männer, wenn sie alt werden und nicht mehr können, ihre jüngeren Konkurrenten an erfolgreicher Fortpflanzung zu hindern. Dafür denken sie sich Sachen aus wie die katholische Kirche, den Zölibat, die unbefleckte Empfängnis, die Spiritualität, Himmelreiche mit hübschen Jungfrauen nach einem glorreichen Tod und Ähnliches. In der Neuzeit versuchen diverse Gurus aus demselben Grund, Frauen klarzumachen, dass alles Körperliche sie an ihrer spirituellen Entwicklung hindere.
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3. May 2010

Etwas Vernunft im Wahnsinn

von konecny

Alfons hob sein Pilsner Urquell hoch. „Meine Herren!“, sagte er. „Ab heute kann ich trinken so viel ich will! Ich habe das Autofahren aufgegeben!“
„Warum denn?“, fragte Milena.
„Wegen der Ampeln!“, sagte Alfons. „Ich fahre an eine Kreuzung heran, die Ampel steht auf Grün, und plötzlich kurbelt ein Zwangsgedanke mein Hirn durch: Springt gleich die Ampel auf Gelb? Und dann auf Rot? Soll ich beschleunigen oder verlangsamen? Verdammt! In der letzten Zeit hatte ich nur Ampeln im Kopf! Schon in der Früh weckte mich die Farbmusik von Grün und Gelb und Rot, ich zitterte vor dem Augenblick, an dem ich ins Auto steigen musste!“
„Ihr Männer habt alle einen Knall!“, sagte Milena.
„Auch der klügste Philosoph kann dem Wahnsinn anheim fallen“, sagte Alfons. „Sogar Nietzsche ist wahnsinnig geworden! Der Wahnsinn ist die Würze des Daseins! Schon Nietzsche meinte aber, dass es Vernunft im Wahnsinn gibt!“
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6. April 2010

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