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	<title>ZVABlog &#187; SPUREN &#8211; Eine poetische Schatzsuche mit Anton G. Leitner</title>
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	<description>das offizielle Blog des ZVAB rund um antiquarische und vergriffene Bücher - Literatur, Kolumnen, Lesetipps und Autoren-Nachrufe.</description>
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		<title>Bettina von Arnim – von der schw&#228;rmerischen Dichterverehrerin zur engagierten Sozialk&#228;mpferin</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Dec 2009 08:31:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton G. Leitner</dc:creator>
				<category><![CDATA[SPUREN - Eine poetische Schatzsuche mit Anton G. Leitner]]></category>
		<category><![CDATA[Achim von Arnim]]></category>
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		<description><![CDATA[Liebe Leserinnen und Leser, dieses Mal habe ich Gabriele Trinckler eingeladen, einen Gastbeitrag &#252;ber die Dichterin Bettina von Arnim f&#252;r meine ZVAB-Kolumne zu verfassen. Gabriele Trincker ist Redakteurin der Zeitschrift DAS GEDICHT und besch&#228;ftigt sich als Mitveranstalterin des Salons der Dichterinnen, »Schamrock« (M&#252;nchen) schwerpunktm&#228;&#223;ig mit der Lyrik von Frauen. Bettina von Arnim – von der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Liebe Leserinnen und Leser,</p>
<p>dieses Mal habe ich <strong>Gabriele Trinckler</strong> eingeladen, einen Gastbeitrag &#252;ber die Dichterin Bettina von Arnim f&#252;r meine ZVAB-Kolumne zu verfassen. Gabriele Trincker ist Redakteurin der Zeitschrift DAS GEDICHT und besch&#228;ftigt sich als Mitveranstalterin des Salons der Dichterinnen, »Schamrock« (M&#252;nchen) schwerpunktm&#228;&#223;ig mit der Lyrik von Frauen.</p></blockquote>
<p><span id="more-3059"></span><br />
<strong>Bettina von Arnim – von der schw&#228;rmerischen Dichterverehrerin zur engagierten Sozialk&#228;mpferin</strong></p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Bettina+von+Arnim"><img class="alignleft size-medium wp-image-3061" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2009/11/1-ArnimBettina-229x300.jpg" alt="Bettina von Arnim" width="229" height="300" /></a><br />
  Bettina von Arnim</div>
<p>Am 20. Januar 2009 j&#228;hrte sich der Todestag von Bettina von Arnim zum 150. Mal. Als Autorin war sie eine bedeutende Vertreterin der deutschen Romantik. Au&#223;erdem z&#228;hlte sie zu den ersten Sozialk&#228;mpferinnen und Verfechterinnen der Frauenemanzipation im 19. Jahrhundert.</p>
<p>Am 4. April 1785 wurde Catharina Elisabetha Ludovica Magdalena Brentano, genannt Bettina, in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main als siebtes von zw&#246;lf Kindern geboren. Ihr Vater, Peter Anton Brentano, war ein beg&#252;terter Gro&#223;kaufmann und stammte aus einer altadeligen italienischen Familie. Im Alter von acht Jahren verlor Bettina ihre Mutter Maximiliane von La Roche und wurde zusammen mit ihren Schwestern Gunda, Lulu und Meline zur Erziehung in ein Ursulinen-Kloster in Fritzlar geschickt. Als drei Jahre sp&#228;ter, 1797, auch der Vater starb, nahm dessen Schwiegermutter Sophie von La Roche die junge Bettina und zwei weitere Enkelt&#246;chter in ihre Obhut.</p>
<div class="bildlinks"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-3062" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2009/11/2-La_Roche_Sophie-150x150.jpg" alt="2-La_Roche_Sophie" width="150" height="150" /><br />
Sophie von La Roche</div>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?Sophie+von+La+Roche">Sophie von La Roche</a> hatte sich als Schriftstellerin und Publizistin einen Namen gemacht. Sie verfasste mit der »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=la+roche&amp;title=Geschichte+des+Fr%E4uleins+von+Sternheim">Geschichte des Fr&#228;uleins von Sternheim</a>« (1771) den ersten deutschen Frauenroman und war dar&#252;ber hinaus die erste Herausgeberin einer deutschen Frauenzeitschrift mit dem Titel »Pomona f&#252;r Teutschlands T&#246;chter«. Ihr Vorbild pr&#228;gte Bettina. Einen gro&#223;en Einfluss auf ihre Entwicklung nahm aber auch Bettinas sieben Jahre &#228;lterer Bruder Clemens Brentano. Als Zw&#246;lfj&#228;hrige lernte sie ihn in der gro&#223;m&#252;tterlichen »Grillenh&#252;tte« erstmals n&#228;her kennen. Nach dem Scheitern einer kaufm&#228;nnischen Lehre hatte Clemens gerade ein Studium der Bergwissenschaften in Halle aufgenommen. Aber es zeichnete sich bereits ab, dass seine literarischen Neigungen st&#228;rker waren als sein Interesse an einer universit&#228;ren Ausbildung.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=clemens+brentano"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-3063" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2009/11/3-BrentanoClemens-150x150.jpg" alt="Clemens Brentano" width="150" height="150" /></a><br />
Clemens Brentano</div>
<p>Er empfahl seiner kleinen Schwester Bettina, viel zu lesen: »meistens Goethe und immer Goethe«. Damit legte er den Grundstein f&#252;r ihre schw&#228;rmerische Verehrung des Dichterf&#252;rsten. Die Figur der Mignon in »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Goethe&amp;title=Wilhelm+Meisters+Lehrjahre">Wilhelm Meisters Lehrjahre</a>« begeisterte Bettina so sehr, dass sie fortan oft und gern in die Rolle des androgynen, naiven und r&#228;tselhaften M&#228;dchens schl&#252;pfte. Ihre Familie reagierte darauf mit einer gewissen Irritation.</p>
<p>An ihrem exaltierten Verhalten schieden sich auch in den folgenden Jahren die Geister. Der englische Tagebuchautor und Journalist <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Henry+Crabb+Robinson">Henry Crabb Robinson</a> begegnete Bettina Brentano 1801 und urteilte &#252;ber sie: »Sie wurde als ein grillenhaftes, unbehandelbares Gesch&#246;pf angesehen. Ich erinnere mich, da&#223; sie auf Apfelb&#228;umen herumkletterte und eine gewaltige Schw&#228;tzerin war.« Auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Wilhelm+von+Humboldt">Wilhelm von Humboldt</a> beschrieb sie seiner Frau in einem Brief vom November 1808 mit gro&#223;em Erstaunen: »Solche Lebhaftigkeit, solche Gedanken- und K&#246;rperspr&#252;nge (denn sie sitzt bald auf der Erde, bald auf dem Ofen), so viel Geist und so viel Narrheit sind unerh&#246;rt.«</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Karoline+von+G%FCnderrode"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/4-GuenderrodeKaroline.jpg" alt="Karoline von G&#252;nderrode" width="200" height="266" /></a><br />
  Karoline von G&#252;nderrode</div>
<p>Mit ihrem Wissensdurst und ihrem Freiheitsdrang fand Bettina Brentano in <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Karoline+von+G%FCnderrode">Karoline von G&#252;nderrode</a> eine Gleichgesinnte. Von 1804 bis 1806 verband die beiden jungen Frauen eine enge Freundschaft. Die G&#252;nderrodes geh&#246;rten seit dem 16. Jahrhundert zu den bedeutenden Adelsfamilien von Frankfurt am Main. Karolines Mutter bezog aber nach dem Tod ihres Ehemannes nur eine kleine Pension. Daher war Karoline von G&#252;nderrode gezwungen, als 17-J&#228;hrige in das Hynspergische Adelige Damenstift einzutreten, das die materielle Versorgung unverheirateter, verarmter adeliger Frauen sicherte. Sie studierte unerm&#252;dlich, um der verhassten, benachteiligten Frauenrolle zu entkommen. Literatur, Philosophie, fern&#246;stliche und nordische Mythologie, Chemie, Geografie, Religionsgeschichte, Latein und Verslehre geh&#246;rten zu ihren Interessengebieten. Sie verfasste Dramen, Gedichte und eine Vielzahl von Briefen, die oft um die Themen Freiheit, Liebe und Tod kreisten. Ein Ausruf in einem Brief an Bettinas Schwester Gunda zeigt, was in Karoline von G&#252;nderrode vor sich ging: »Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn f&#252;r weibliche Tugenden, f&#252;r Weibergl&#252;ckseligkeit. Nur das Wilde, Gro&#223;e, Gl&#228;nzende gef&#228;llt mir.«</p>
<p>In ihren Rollenspielen mit Bettina Brentano &#252;bernahm sie ausnahmslos den M&#228;nnerpart und wurde daher von ihrer Freundin scherzhaft »G&#252;nter« genannt. In Gedichten wie »Hochroth« gab Karoline von G&#252;nderrode einer todessehns&#252;chtigen Melancholie Ausdruck, die ihr Leben pr&#228;gte. Sie glaubte auch an die Bedingungslosigkeit des Gef&#252;hlslebens, was sich in ihrer Neigung zu ungl&#252;cklich verlaufenden Liebesbeziehungen widerspiegelt.</p>
<p>Im August 1804 begegnete Karoline von G&#252;nderrode dem Philologen und Mythenforscher <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Friedrich+Creuzer">Friedrich Creuzer</a>. Er sch&#228;tzte ihre literarischen Arbeiten in h&#246;chstem Ma&#223;e und half ihr, diese zu verlegen. Zwischen den beiden wuchs eine innige Zuneigung. Sie schworen einander Liebe bis in den Tod – ungeachtet der Tatsache, dass Friedrich Creuzer bereits mit einer 13 Jahre &#228;lteren Frau verheiratet war. Obwohl diese sogar in die Scheidung einwilligte, wagte Friedrich Creuzer aus Angst vor einem &#246;ffentlichen Skandal den letzten Schritt nicht: »Lina schickt sich zur Ehe nicht.«</p>
<p>Wegen einer Augenkrankheit litt Karoline von G&#252;nderrode an heftigen Kopfschmerzattacken und war unberechenbar launenhaft. Friedrich Creuzer missfiel auch ihr Kontakt mit den Brentanos. Im Januar 1806 brach Karoline die Verbindung mit Bettina abrupt ab. Aber es half nichts. Creuzers Freunde rieten ihm ab, Karoline von G&#252;nderrode zu heiraten, da sie ihr Schelling-Studium f&#252;r bedenklich hielten. Creuzer forderte daraufhin Karoline auf, der Schelling-Lekt&#252;re abzuschw&#246;ren und sich vor seinen Freunden f&#252;r ein stilles Eheleben auszusprechen. Doch Karoline wollte lieber mit ihm nach Alexandria oder Russland fliehen oder am besten gleich gemeinsam sterben. Diesem Druck hielt Creuzer nicht mehr stand. Er erkrankte schwer und versprach seiner Frau, die ihn gesund pflegte, sich von seiner Geliebten zu trennen. Karoline von G&#252;nderrode befand sich zu dieser Zeit in Winkel im Rheingau. Als sie am 26. Juli 1806 den Absagebrief erhielt, beschloss sie, einen kleinen Spaziergang am Rhein zu machen und erdolchte sich am Flussufer.</p>
<p>34 Jahre sp&#228;ter ver&#246;ffentlichte Bettina von Arnim unter dem Titel »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Bettina+von+Arnim&amp;title=Die+G%FCnderrode">Die G&#252;nderrode</a>« (1840) ein Briefbuch, das die Korrespondenz zwischen den beiden Freundinnen in einer Mischung aus Realit&#228;t und Fiktion nachempfindet.</p>
<p>Wenige Wochen vor Karolines Freitod kam es in Frankfurt am Main zu einer ersten pers&#246;nlichen Begegnung zwischen Bettina Brentano und Goethes Mutter Catharina Elisabeth. Schon lange hatte Bettina dem bewunderten Johann Wolfgang von Goethe schw&#228;rmerische Briefe geschrieben, ohne jemals Antwort zu erhalten. Goethes Mutter schloss die junge Verehrerin des Sohnes sofort in ihr Herz. Als Bettina drohte, in M&#228;nnerkleidung zu Fu&#223; nach Weimar zu laufen, um den hochverehrten Dichterf&#252;rsten zu treffen, griff Catharina Elisabeth Goethe vermittelnd ein. Am 23. April 1807 kam es schlie&#223;lich zu einer ersten kurzen Begegnung zwischen Bettina und Goethe, in deren Folge sich eine vier Jahre w&#228;hrende Korrespondenz zwischen den beiden entspann. Catharina Elisabeth Goethe bot der jungen Freundin an, sie »Mutter« zu nennen, und nach einem weiteren mehrt&#228;gigen Weimar-Aufenthalt im November 1807 durfte Bettina auch den angebeteten Goethe selbst duzen. Im Sp&#228;tsommer 1811 kam es jedoch zum Zerw&#252;rfnis.</p>
<p>Die 26-j&#228;hrige Bettina hatte im M&#228;rz desselben Jahres heimlich geheiratet. Ihren Ehemann <a>Achim von Armin</a> lernte sie durch ihren Bruder Clemens Brentano kennen. Die beiden Schriftstellerkollegen stellten von 1806 bis 1808 gemeinsam die dreib&#228;ndige Sammlung »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Des+Knaben+Wunderhorn">Des Knaben Wunderhorn</a>« mit 600 deutschen Volksliedern zusammen, zu der auch Bettina Liedaufzeichnungen beisteuerte. Nach einem vierj&#228;hrigen Briefwechsel hielt Achim von Arnim im Juli 1810 schriftlich um ihre Hand an. Bettina willigte ein.</p>
<p>Im September 1811 besuchten die Jungverm&#228;hlten Weimar und verbrachten einige Zeit im Hause Goethes. W&#228;hrend dieser Zeit zeigte sich, dass Bettina von Arnim und Christiane Goethe wenig Sympathie f&#252;reinander hegten; die daraus resultierenden Spannungen entluden sich bei einer Kunstausstellung. Als Bettina die pr&#228;sentierten Gem&#228;lde und den K&#252;nstler scharfz&#252;ngig kritisierte, riss ihr Christiane Goethe die Brille von der Nase. Bettina revanchierte sich umgehend, indem sie die f&#252;llige Dame eine »wahnsinnige Blutwurst« nannte. Goethe verwies die Arnims daraufhin seines Hauses. Zu Lebzeiten seiner Frau verweigerte er jegliche Kontaktaufnahme mit Bettina, die ihm trotzdem weiterhin Briefe schrieb. Wie sehr Goethe die schw&#228;rmerische Zuneigung missfiel, dr&#252;ckte er viele Jahre sp&#228;ter, 1826, in einem Brief an Herzog Carl August aus: »Diese leidige Bremse ist mir als Erbst&#252;ck von meiner guten Mutter schon viele Jahre sehr unbequem. Sie wiederholt dasselbe Spiel, das ihr in der Jugend allenfalls kleidete, wieder, spricht von Nachtigallen und zwitschert wie ein Zeisig.«</p>
<div class="bildlinks"><a><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/7-ArnimAchim.jpg" alt="Achim von Arnim" width="200" height="196" /></a><br />
Achim von Arnim</div>
<p>Aus der Verbindung von Bettina und Achim von Arnim gingen sieben Kinder hervor, obwohl die beiden eine Fernbeziehung f&#252;hrten. Achim hatte sich, entt&#228;uscht vom literarischen und politischen Umfeld Berlins, auf sein Landgut Wiepersdorf zur&#252;ckgezogen. Die lebhafte, widerspenstige Bettina aber ertrug das Landleben nicht und verbrachte die meiste Zeit in Berlin. Dort freundete sie sich vor allem mit der Salonière Rahel Varnhagen von Ense an, die sich f&#252;r die Gleichberechtigung der Juden und f&#252;r die Frauenemanzipation einsetzte. Weder als Literat noch als Landwirt konnte Achim von Arnim gen&#252;gend Geld verdienen, um die st&#228;ndig wachsende Gro&#223;familie zu versorgen. Die finanzielle Not wuchs von Jahr zu Jahr und machte Bettina mit dem Gef&#252;hl der Armut bekannt. Sie versuchte selbst zum Familienunterhalt beizutragen, indem sie in Berlin Eier, Brot, Butter und Mehl verkaufte, die aus Wiepersdorf angeliefert wurden. 1831, f&#252;nf Tage vor seinem 50. Geburtstag, erlitt Achim von Arnim einen Schlaganfall und starb. Bettina lie&#223; sich daraufhin endg&#252;ltig in Berlin nieder und st&#252;rzte sich ins soziale Engagement. Als im Sommer desselben Jahres in der Stadt die Cholera ausbrach k&#252;mmerte sie sich trotz der eigenen Notlage intensiv um Hilfsbed&#252;rftige.</p>
<p>Erst einige Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes trat Bettina von Arnim selbst als Schriftstellerin ins Licht der breiten &#214;ffentlichkeit. Angespornt und unterst&#252;tzt von Hermann F&#252;rst von P&#252;ckler-Muskau, dem sie im Berliner Salon der Varnhagens begegnet war, &#252;berarbeitete sie ihre Korrespondenz mit Johann Wolfgang von Goethe nach den Grunds&#228;tzen der romantischen Poetik. Drei Jahre nach dem Tod des Dichterf&#252;rsten erschien 1835 ihr dreib&#228;ndiges Werk »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Goethes+Briefwechsel+mit+einem+Kinde">Goethes Briefwechsel mit einem Kinde</a>«, in dem sie Originalbriefe und erfundene Schreiben kompositorisch vereinigte. Im Abschnitt »In Goethes Garten« findet sich auch ein Gedicht aus Bettina von Arnims Feder:</p>
<blockquote><p>Auf diesem H&#252;gel &#252;berseh ich meine Welt!<br />
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,<br />
Vom Weg durchzogen, der hin&#252;ber leitet,<br />
Das wei&#223;e Haus inmitten aufgestellt,<br />
Was ist’s, worin sich hier der Sinn gef&#228;llt?</p>
<p>Auf diesem H&#252;gel &#252;berseh ich meine Welt!<br />
Erstieg ich auch der L&#228;nder steilste H&#246;hen,<br />
Von wo ich k&#246;nnt die Schiffe fahren sehen<br />
Und St&#228;dte fern und nah von Bergen stolz umstellt,<br />
Nichts ist’s, was mir den Blick gefesselt h&#228;lt.</p>
<p>Auf diesem H&#252;gel &#252;berseh ich meine Welt!<br />
Und k&#246;nnt ich Paradiese &#252;berschauen,<br />
Ich sehnte mich zur&#252;ck nach jenen Auen,<br />
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,<br />
Denn der allein umgrenzet meine Welt.</p></blockquote>
<p>Trotz F&#228;lschungsvorw&#252;rfen wurde der Titel ein Verkaufserfolg und machte Bettina von Arnim auf einen Schlag ber&#252;hmt. In den Folgejahren erschienen auch ihre literarisch stark &#252;berarbeiteten Briefwechsel mit Karoline von G&#252;nderrode, Clemens Brentano, Philipp von Nathusius und Friedrich Wilhelm IV. von Preu&#223;en. Zusammen mit dem M&#228;rchensammler und Literaturwissenschaftler <a>Wilhelm Grimm</a> gab sie au&#223;erdem die »S&#228;mmtlichen Werke Achim von Arnims« heraus.</p>
<p>Von 1836 an war Bettinas Berliner Salon im zweiten Stock des Raczynskischen Palais, Unter den Linden 21, ein Treffpunkt von Literaten, Musikern, K&#252;nstlern, Studenten und Politikern, darunter auch vielen Kritikern der preu&#223;ischen Politik. Bettina von Arnim begegnete neben zahlreichen anderen Gr&#246;&#223;en ihrer Zeit auch <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Karl+Marx">Karl Marx</a>. Aber sie selbst rechnete sich nicht zu den Kommunisten, sondern favorisierte einen utopisch-rationalistischen Sozialismus, der die Gleichg&#252;ltigkeit und Unwissenheit der B&#252;rger als Gr&#252;nde f&#252;r Elend und Armut ansah. Die gesellschaftlichen Missst&#228;nde, die politische Unfreiheit und soziale Not kritisierte sie in dem 1843 ver&#246;ffentlichten Buch »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Dies+Buch+geh%F6rt+dem+K%F6nig">Dies Buch geh&#246;rt dem K&#246;nig</a>«. Im Nachfolgeband »<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Arnim&amp;title=Gespr%E4che+mit+D%E4monen">Gespr&#228;che mit D&#228;monen</a>« pl&#228;dierte sie f&#252;r die Abschaffung der Todesstrafe und f&#252;r die politische Gleichstellung der Frauen sowie der Juden.</p>
<p>Am 15. Mai 1844 schaltete Bettina von Arnim Inserate in vielen gro&#223;en deutschen Zeitungen, in denen sie um dokumentarisches Material &#252;ber das Ausma&#223; der sozialen Not im Land bat. Sie plante, in einem »Armenbuch« auf das Elend der unteren Bev&#246;lkerungsschichten aufmerksam zu machen. Als wenige Wochen sp&#228;ter die Hungerrevolte der schlesischen Weber blutig niedergeschlagen wurde, beschuldigte man Bettina von Arnim »Ursache des Aufstands« gewesen zu sein. Auf Anraten von Freunden verzichtete sie auf die Herausgabe des »Armenbuchs«.</p>
<p>Nach einem weiteren Jahrzehnt des k&#252;nstlerischen und sozialen Engagements erlitt Bettina von Arnim 1854 und 1855 mehrere Schlaganf&#228;lle, von denen sie sich nicht mehr erholte. Zuletzt war sie einseitig gel&#228;hmt und hatte ihr Seh- und H&#246;rverm&#246;gen verloren. Bettina von Arnim starb am 20. Januar 1859. Sie wurde neben ihrem Mann Achim von Arnim in Wiepersdorf beigesetzt.</p>
<blockquote><p>Gabriele Trinckler wurde 1966 in Berlin geboren und lebt als Verlagsassistentin in M&#252;nchen. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift <a href="http://www.dasgedicht.de">Das Gedicht</a> und Herausgeberin (zusammen mit Anton G. Leitner) der Lyrikanthologien »Der Garten der Poesie«, dtv, M&#252;nchen 2010 (Neuausgabe, HC), »Ein Nilpferd schlummerte im Sand. Gedichte f&#252;r Tierfreunde«, dtv, M&#252;nchen 2009, »Gedichte f&#252;r Nachtmenschen«, dtv, M&#252;nchen 2008 und »Halb gebissen, halb gehaucht«, aglv, We&#223;ling 2002. Zuletzt edierte sie die Wettbewerbs-Anthologien »Drei Sandk&#246;rner wandern. Luft &amp; Erde. Gedichte«, 2009, »Zur&#252;ck zu den Flossen. Wasser.Gedichte«, 2008, sowie »Ein Teddy aus alten Tagen. Kind &amp; Kegel-Gedichte«, 2007 (alle Poesie 21 bei Steinmeier, Deiningen). 2006 erschien in der Reihe Poesie 21 auch ihr erster lyrischer Einzeltitel »bauchkitzel mit forelle«. Seit 2008 ist sie Mitglied bei den <a href="http://www.buecherfrauen.de">B&#252;cherFrauen</a>. Zusammen mit Augusta Laar veranstaltet und moderiert sie seit 2009 die Veranstaltungsreihe »<a href="http://www.schamrock.org">Schamrock – Salon der Dichterinnen</a>« in der Pasinger Fabrik, M&#252;nchen.</p></blockquote>
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		<title>Giuseppe Ungaretti &#8211; Archipoeta und Erneuerer der italienischen Sprache</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/02/23/giueppe-ungaretti-archipoeta-und-erneuerer-der-italienischen-sprache/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/02/23/giueppe-ungaretti-archipoeta-und-erneuerer-der-italienischen-sprache/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2009 08:15:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton G. Leitner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[SPUREN - Eine poetische Schatzsuche mit Anton G. Leitner]]></category>
		<category><![CDATA[Anton G. Leitner]]></category>
		<category><![CDATA[Giuseppe Ungaretti]]></category>
		<category><![CDATA[Ingeborg Bachmann]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Celan]]></category>

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		<description><![CDATA[Als ich in den sp&#228;ten 70er-Jahren gerade der Karl-May-Lekt&#252;re entwachsen war und nach Old Shatterhand, Winnetou &#38; Co. im Lateinunterricht auf die ungez&#252;gelten erotischen Verse Catulls stie&#223;, legte mir mein Vater ein Buch unter den Christbaum, das mein weiteres Leben ver&#228;ndern sollte: „Die sp&#228;ten Gedichte” von Giuseppe Ungaretti. Vater, studierter Altphilologe mit flie&#223;enden Italienisch-Kenntnissen, &#252;berlie&#223; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Ungaretti-Gedichte.jpg" alt="Giuseppe Ungaretti - Gedichte" width="170" height="267" /></div>
<p>Als ich in den sp&#228;ten 70er-Jahren gerade der Karl-May-Lekt&#252;re entwachsen war und nach Old Shatterhand, Winnetou &amp; Co. im Lateinunterricht auf die ungez&#252;gelten erotischen Verse <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=catull">Catulls</a> stie&#223;, legte mir mein Vater ein Buch unter den Christbaum, das mein weiteres Leben ver&#228;ndern sollte: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ungaretti&amp;title=sp%E4ten+gedichte">„Die sp&#228;ten Gedichte” von Giuseppe Ungaretti</a>. Vater, studierter Altphilologe mit flie&#223;enden Italienisch-Kenntnissen, &#252;berlie&#223; das Aussuchen von Weihnachtsgeschenken sonst eher Mutter. Was ihn dazu verleitete, mir ausgerechnet diesen Band zu schenken, hat er mir bis heute nicht verraten. Ungarettis sp&#228;te Verse sind bei mir auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Wenn mein Vater geahnt h&#228;tte, dass ich daf&#252;r sogar eines Tages meine juristische Kariere an den Nagel h&#228;ngen w&#252;rde, h&#228;tte er vielleicht auf diese Lekt&#252;re&#252;berraschung verzichtet.<br />
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Nicht zuletzt, weil Ungaretti selbst immer auf die Parallelit&#228;t zwischen Leben und Schreiben abhob, erleichtert eine Betrachtung seiner Biographie die Erschlie&#223;ung seines dichterischen Werkes.</p>
<p>Giuseppe Ungaretti kommt am 10. Februar 1888 als Sohn italienischer Auswanderer in der &#228;gyptischen Stadt Alexandria zur Welt, wo Araber, Juden und Christen am Rande der W&#252;ste bunt gemischt zusammenleben. Seine Eltern sind der drohenden Arbeitslosigkeit in ihrer toskanischen Heimatstadt Lucca durch Emigration nach &#196;gypten entkommen. Dort wirkt sein Vater als Erdarbeiter am Bau des Suezkanals mit, w&#228;hrend seine Mutter eine B&#228;ckerei betreibt. Ungaretti besucht in Alexandria zun&#228;chst ein Internat, danach die „Ecole Suisse Jacot”. An der Eliteschule lernt er Mohammed Sheab kennen. Beide f&#252;hren (auf Franz&#246;sisch) intensive literarische Diskussionen &#252;ber ihre ersten literarischen Entdeckungen wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leopardi">Leopardi</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mallarm%E9">Mallarmé</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=baudelaire">Baudelaire</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nietzsche">Nietzsche</a>. In den K&#252;nstlercafés von Alexandria trifft Ungaretti auf den griechischen Lyriker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=konstantin+kavafis">Konstantin Kavafis</a> und seinen Dichterkreis.</p>
<p>1912 verl&#228;sst er &#196;gypten und betritt mit 24 Jahren in Brindisi erstmals europ&#228;ischen Boden. Von Italien reist er schon bald nach Frankreich weiter, um in Paris an der „Sorbonne” Literatur und Philosophie zu studieren – zur Entt&#228;uschung seiner Mutter, die auf ein Jurastudium ihres Sohnes gehofft hatte. Dort befreundet er sich mit K&#252;nstlern wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=apollinaire">Apollinaire</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=picasso">Picasso</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=de+chirico">de Chirico</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords= modigliani">Modigliani</a>.</p>
<p>Nach der Einberufung zum Kriegsdienst (1915) k&#228;mpft Ungaretti f&#252;r Italien im Ersten Weltkrieg, zumeist an der &#246;sterreichischen Front. 1915 publiziert die Florentiner Zeitschrift „Lacerba” erstmals Gedichte von ihm. In den Sch&#252;tzengr&#228;ben verfasst Ungaretti radikal verknappte Gedichte und reflektiert darin – im st&#228;ndigen Angesicht des Todes – sein bisheriges Leben. Lediglich neun Worte ben&#246;tigt der junge Sprachminimalist, um das traurige Los der Soldaten („Soldati”) auf verlorenem Posten zu beschreiben: „So / wie im Herbst / am Baum / Blatt und Blatt” (kongenial &#252;bersetzt von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ingeborg+bachmann">Ingeborg Bachmann</a>). 32 dieser existenziellen lyrischen &#220;berlebensnotate erschienen 1916 in Ungarettis erstem Gedichtband <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=il+porto+sepolto">„Il porto sepolto”</a> („Der begrabene Hafen”, Teil von „Alllegria di naufragi” / „Freude der Schiffbr&#252;che”, 1919), der von einem Kriegskameraden mit 80 Exemplaren in einer kleinen Druckerei aufgelegt wird.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Ungaretti-Zeitgefuehl2.jpg" alt="Giuseppe Ungaretti - Ein Menschenleben. Zeitgef&#252;hl." width="200" height="335" /></div>
<p>Nach dem Krieg heiratet Ungaretti Jeanne Dupoix in Paris, wo er zeitweilig als Korrespondent f&#252;r Mussolinis Zeitung „Popolo d&#8217;Italia” arbeitet. Die traurige Tatsache, dass sich Ungaretti zeitweilig f&#252;r den italienischen Faschistenf&#252;hrer begeistert, wird er Jahrzehnte sp&#228;ter b&#252;&#223;en, indem man ihn, den (unstrittig) bedeutendsten italienischen Lyriker seiner Zeit, bei der Vergabe des Literaturnobelpreises &#252;bergeht und stattdessen zur allgemeinen &#220;berraschung im Jahr 1959 seinen Kollegen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=salvatore+quasimodo">Salvatore Quasimodo</a> auszeichnet. Von 1921 bis 1936 lebt Ungaretti als Mitarbeiter des Au&#223;enministeriums und Journalist in Rom. In dieser Zeit kommen seine Tochter Ninon und sein Sohn Antonietto auf die Welt, es erscheint sein Gedichtband <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title= sentimento+del+tempo">„Sentimento del Tempo”</a> („Zeitgef&#252;hl”, 1933) sowie ein Auswahlband mit &#220;bersetzungen, u. a von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saint+john+perse">Saint John Perse</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gongora">Góngora</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author= jessenin">Jessenin</a>.</p>
<p>1937 folgt Ungaretti einem Ruf der Universit&#228;t von São Paulo (Brasilien), wo er den Lehrstuhl f&#252;r italienische Sprache und Literatur &#252;bernimmt. 1942 kehrt er nach Rom zur&#252;ck, weil man dort eigens f&#252;r ihn einen Lehrstuhl f&#252;r zeitgen&#246;ssische italienische Literatur eingerichtet hat. Gleichzeitig beginnt der italienische Verleger <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=mondadori">Mondadori</a> mit der Drucklegung von Ungarettis Gesamtwerk unter dem Titel <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=vita+d'un+uomo">„Vita d’un uomo”</a> (“Ein Menschenleben”). 1947 erscheint der Gedichtband <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ungaretti&amp;title=il+dolore">„Il dolore”</a> („Der Schmerz“), 1950 die Lyriksammlung <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ungaretti&amp;title=la+terra+promessa">„La terra promessa”</a> („Das verhei&#223;ene Land”). Ungaretti &#252;bersetzt inzwischen auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=shakespeare">Shakespeare</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=racine">Racine</a>. Er erh&#228;lt bedeutende Auszeichnungen, und ver&#246;ffentlicht weitere Gedichtb&#228;nde. 1968 erscheint sein letzter geschlossener Gedichtzyklus („Dialogo”). Ungaretti stirbt am 1. Juni 1970 in Mailand.</p>
<p>Ich habe Giuseppe Ungarettis Werk durch das „zuf&#228;llige” Geschenk meines Vaters im „R&#252;ckw&#228;rtsgang” kennengelernt, mich von den zyklisch-ausgreifenden Altersgedichten seiner radikal-minimalistischen fr&#252;hen Poesie gen&#228;hert.</p>
<p>Zuerst begegneten mir im Band <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ungaretti&amp;title=Die+sp%E4ten+Gedichte">„Die sp&#228;ten Gedichte”</a> Ungarettis „Notizen des Alten”, die mit dem Zyklus „Letzte Ch&#246;re f&#252;r das gelobte Land” eingeleitet werden. Der Dichter hat acht Jahre lang, von 1952 bis 1960, daran gearbeitet. „Unabl&#246;sbar vom Heute / die vergangenen Tage / und die andern, die kommen” hebt er zu einer Art dichterischen Selbstvergewisserung an, die im Erstaunen &#252;ber das eigene Dasein m&#252;ndet: „&#220;ber Jahre und Jahrhunderte hin / jeder Augenblick &#220;berraschung, / da&#223; wir noch da sind, Lebende, / da&#223; das Leben immer weiterl&#228;uft” (&#220;bersetzung: Michael Marschall von Bieberstein).</p>
<p>Ungaretti verfasste seine stark autobiographisch gepr&#228;gten Altersgedichte zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr. Im Spiegel der pers&#246;nlichen Erinnerung des Dichters tauchen die schicksalhaften Themen des Menschen auf: Einsamkeit, Liebe, Natur, Verlust und Tod. Diese reifen Gedichte bestechen durch ihre geradezu kristalline Klarheit im Ausdruck, ihren vers&#246;hnlichen Ton, ihre ungebrochene Lebendigkeit. Der Verfasser zeigt sich als Mensch, der sich trotz tragischer Schicksalsschl&#228;ge wie dem Tod seines neunj&#228;hrigen Sohnes oder dem Tod seiner Ehefrau, trotz aller Irrungen und Wirrungen, bis ins hohe Alter hinein Lebensfreude, Liebesf&#228;higkeit und philosophischen Tiefsinn bewahrt hat, insbesondere aber die Kommunikationsf&#228;higkeit mit der nachfolgenden Generation. Er f&#246;rderte eine ganze Reihe junger Dichter, Musiker, Maler und Bildhauer, arbeitete mit ihnen zusammen und schuf gemeinsame Editionen.</p>
<p>Als Ungaretti im Jahr 1968 bei seinem 80. Geburtstag auf dem Kapitolsh&#252;gel in Rom wie ein antiker Dichter gefeiert wurde, sprach er in der Dankesrede davon, er w&#228;re zum vierten Mal zwanzig Jahre alt geworden. Dass ihm bis ins hohe Alter hinein Frauen als Jungbrunnen dienen, bezeugen seine sp&#228;ten Liebesgedichte, etwa der zyklische „Dialog” mit der s&#252;damerikanischen Freundin Bruna Bianco sowie die letzten Liebesgedichte des Achtzigj&#228;hrigen, „geheimnisvolles Kroatien” f&#252;r Dunja. In ihnen verschmelzen die Geschehnisse eines &#252;ber acht Jahrzehnte w&#228;hrenden Lebens. Seine &#228;gyptische Amme aus Alexandria erscheint wieder in der Gestalt einer jungen Kroatin, die der Dichter kurz vor seinem Tod kennenlernt: „Wunderliche Kroatin strahlende Nacht / Du bist dabei aus mir / einen Sklaven und einen K&#246;nig zu machen.”</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Ungaretti-Poesia_07-08_00.jpg" alt="Giuseppe Ungaretti - Poesia" width="180" height="224" /></div>
<p>Ungarettis ungebremste Vitalit&#228;t auch im hohen Alter und sein Verh&#228;ltnis zu den Frauen dr&#252;ckt ein ber&#252;hmtes Foto aus, das die italienische Literaturzeitschrift „Poesia” in ihrer Ausgabe Nr. 141 (2000) auf ihr Deckblatt setzte. Es zeigt den greisen Dichter, wie er sich von einer deutlich j&#252;ngeren Frau mit einem L&#246;ffel f&#252;ttern l&#228;sst. Sein schelmischer Blick spricht B&#228;nde, ebenso der heitere Gesichtsausdruck seiner Versorgerin.</p>
<p>Giuseppe Ungaretti &#252;bte auf bedeutende deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Ingeborg+Bachmann">Ingeborg Bachmann</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Hilde+Domin">Hilde Domin</a> oder <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Paul+Celan">Paul Celan</a> eine so gro&#223;e Faszination aus, dass sie wesentliche Teile seines Werkes ins Deutsche &#252;bertrugen. Neben dem inzwischen zerfledderten Buch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ungaretti&amp;title=Die+sp%E4ten+Gedichte">„Die sp&#228;ten Gedichte”</a> begleitet mich auch stets ein handlicher Suhrkamp-Band auf jede Reise: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=ungaretti+gedichte+%DCbertragung+nachwort+bachmann">„Giuseppe Ungaretti. Gedichte. &#220;bertragung und Nachwort von Ingeborg Bachmann”.</a> Die Bachmann &#252;bersetzt darin Ungarettis wohl ber&#252;hmtestes Gedicht „Mattina” („M’illumino / d’immenso”), das er bereits 1917, w&#228;hrend des Ersten Weltkriegs, verfasst hatte, nah an der Prosa: „Ich erleuchte mich / durch Unerme&#223;liches”. Auch wenn sich der Wohlklang des italienischen Originals nicht ins Deutsche &#252;bertragen l&#228;sst, offenbaren diese beiden Verse auch auf Deutsch das eigentliche Geheimnis der dichterischen Sprache Ungarettis: Schonungslose Einfachheit und Konzentration auf das Wesentliche im sprachlichen Ausdruck. Ungaretti gebraucht kein Wort zuviel und keines zuwenig. Selbst die Ein-Wort-&#220;berschrift „Morgen” ist derart mit dem Inhalt des Gedichtes verwoben, dass es ohne Titel in eine andere Sinnrichtung laufen w&#252;rde.</p>
<p>Eine auf den Kern der Sprache reduzierte Lyrik, die sich pl&#246;tzlich unter die sanften Hirtenkl&#228;nge <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pascoli">Pascolis</a> oder die hymnischen Verse von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=d'annunzio">d’Annunzio</a> mischte, rief in ihrer Radikalit&#228;t zun&#228;chst zahlreiche Gegner auf den Plan. Kaum ein anderer Dichter der Neuzeit wurde so hymnisch gefeiert, aber anfangs auch so heftig angegriffen. Man diffamierte Ungaretti als „Hermetiker“ und konnte trotzdem nicht verhindern, dass gerade seine provozierenden Kurzgedichte viel zitiert und in ganz Italien popul&#228;r wurden. Und obwohl Ungaretti einst als gl&#252;hender Patriot ins Feld gezogen war, bannte kein anderer Dichter das Grauen des Krieges in eindringlichere und pazifistischere Verse als er: „Eine ganze Nacht lang / hingeworfen / neben einen hingemetzelten / Kameraden / mit seinem gefletschten Mund / dem Vollmond zugewandt / mit dem Blutandrang / seiner H&#228;nde / der in mein Schweigen / einbrach / habe ich Briefe geschrieben / voll von Liebe // Nie bin ich so sehr / am Leben / gehangen” („Wache”, &#252;bersetzt von Ingeborg Bachmann).</p>
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<h3>Ausgew&#228;hlte Titel von Giuseppe Ungaretti:</h3>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=verhei%DFene+land&amp;anyWords=paul+celan">Das verhei&#223;ene Land. / Das Merkbuch des Alten.</a></strong> Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Paul Celan. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1968.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=freude+schmerz&amp;anyWords=ungaretti">Die Freude und der Schmerz. Gedichte.</a></strong> &#220;bersetzt von Michael von Killisch-Horn unter Mitarbeit von Angelika Baader. Mit einem Nachwort von Michael von Killisch-Horn. P. Kirchheim Verlag, M&#252;nchen 2000.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=heiterkeit&amp;anyWords=helbling">Die Heiterkeit / L&#8217;Allegria.</a></strong> Gedichte 1914-1919. Italienisch / Deutsch. &#220;bertragen von Hanno Helbling. Carl Hanser Verlag, M&#252;nchen 1990.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=die+sp%E4ten+gedichte&amp;anyWords=ungaretti">Die sp&#228;ten Gedichte.</a></strong> Italienisch / Deutsch. &#220;bertragung und Nachwort von Michael Marschall von Bieberstein. Piper, M&#252;nchen 1974.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=menschenleben&amp;&#038;anyWords=%22band+3%22+ungaretti">Ein Menschenleben. Das verheissene Land.</a></strong> Gedichte 1933-70. Italienisch und deutsch. Herausgegeben und &#252;bersetzt von Michael von Killisch-Horn unter Mitarbeit von Angelika Baader (Werke in 6 B&#228;nden. Band 3), P. Kirchheim Verlag, M&#252;nchen 1992.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=menschenleben+freude&amp;anyWords=killisch-horn">Ein Menschenleben. Die Freude.</a></strong> Gedichte 1914-34. Italienisch und deutsch. Herausgegeben und &#252;bersetzt von Michael von Killisch-Horn unter Mitarbeit von Angelika Baader (Werke in 6 B&#228;nden. Band 1), P. Kirchheim Verlag, M&#252;nchen 1993.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=menschenleben+zeitgef%FChl&amp;anyWords=killisch-horn">Ein Menschenleben. Zeitgef&#252;hl.</a></strong> Gedichte 1919-46. Italienisch und deutsch. &#220;bersetzt von Michael von Killisch-Horn (Werke in 6 B&#228;nden. Band 2), P. Kirchheim Verlag, M&#252;nchen 1991.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=gedichte&amp;anyWords=ungaretti+%FCbertragung+ingeborg+bachmann">Gedichte.</a></strong> Italienisch und deutsch. &#220;bertragung und Nachwort von Ingeborg Bachmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=unschuldiges+land&amp;anyWords=ungaretti+marschall">Ich suche ein unschuldiges Land.</a></strong> Gesammelte Gedichte. Italienisch / Deutsch. &#220;bertragung und Nachwort von Michael Marschall von Bieberstein. Piper, M&#252;nchen 1988.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=reisebilder&amp;anyWords=ungaretti+hildesheimer">Reisebilder.</a></strong> Deutsch von Silvia Hildesheimer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1963.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=zeitsp%FCren&amp;anyWords=ungaretti+aigner">Zeitsp&#252;ren.</a></strong> Gedichte. Ausgew&#228;hlt und &#252;bertragen von Christoph Wilhelm Aigner. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart M&#252;nchen 2003.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=vita+uomo+tutte+poesie&amp;anyWords=ungaretti">Vita d&#8217;un uomo.</a></strong> Tutte le poesie. Arnoldo Mondadori Editore, Milano 1969.
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		<title>SPUREN – Eine poetische Schatzsuche mitAnton G. Leitner. 1.Teil: Horst Bingel</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Oct 2008 07:14:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton G. Leitner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[SPUREN - Eine poetische Schatzsuche mit Anton G. Leitner]]></category>
		<category><![CDATA[Anton G. Leitner]]></category>
		<category><![CDATA[Gedicht]]></category>
		<category><![CDATA[Horst Bingel]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[poetische Schatzsuche]]></category>

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		<description><![CDATA[Bis 1997 war er f&#252;r mich lediglich ein Name, der gelegentlich fiel: Horst Bingel, Herausgeber einer erfolgreichen Anthologie im Deutschen Taschenbuch Verlag, „Deutsche Lyrik seit 1945“, oder Bingel, Ex-Vorsitzender der Schriftstellergewerkschaft. Bis ich ihn eines Mittags kennenlerne. Minipressen-Messezeit in Mainz: Der Rhein str&#246;mt gem&#228;chlich an Zelten vorbei, die so verloren am Ufer stehen, als h&#228;tten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bis 1997 war er f&#252;r mich lediglich ein Name, der gelegentlich fiel:<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Horst+Bingel"><strong>Horst Bingel</strong></a>, Herausgeber einer erfolgreichen Anthologie im Deutschen Taschenbuch Verlag, „<strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22deutsche+lyrik%22+gedichte&#038;anyWords=bingel">Deutsche Lyrik seit 1945</a></strong>“, oder Bingel, Ex-Vorsitzender der Schriftstellergewerkschaft. Bis ich ihn eines Mittags kennenlerne.<span id="more-686"></span></p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22deutsche+lyrik%22+gedichte&amp;anyWords=bingel"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/leitner/_Bingel-DeutscheLyrik.jpg" width="187" height="250" alt="" title=""  /></a></div>
<p>Minipressen-Messezeit in Mainz: Der Rhein str&#246;mt gem&#228;chlich an Zelten vorbei, die so verloren am Ufer stehen, als h&#228;tten Pfadfinder vergessen, sie abzubauen. Innen erinnern sie an Wigwams. Im Wigwam sch&#228;len sich die Silhouetten schm&#228;chtiger Verleger aus dem Zigarettenrauch. Sie tragen verwaschene Wollpullover und begr&#252;&#223;en per Handschlag korpulente Damen reiferen Alters oder untersetzte Herren mit gesenktem Blick, die sich als „Autoren“ vorstellen und deren F&#252;&#223;e in Sandalen stecken. Die Autoren sind von weit angereist, kaufen den Kleinverlegern nichts ab, sondern wuchern mit pfundschweren Gedichtmanuskripten. Erst wenn sie sich um ein Lyrikb&#252;ndel erleichtert haben, suchen sie den n&#228;chsten Verlagsstand auf. Ganze Versstapel verdr&#228;ngen nach und nach jene bibliophilen Produktionen, die urspr&#252;nglich feilgeboten werden sollten. Die Mienen der Verleger verd&#252;stern sich zusehends, weil ihnen d&#228;mmert, dass sie schwer beladen heimkehren werden&#8230;</p>
<p>Ein paar hundert Meter weiter bilden im Foyer des Mainzer Rathauses einige M&#228;nner im Anzug und Frauen im Kost&#252;m einen Kreis. B&#252;rgermeister und Kulturdezernent treten in die Mitte, um halb verhalten, halb amtlich, die Verleihung des „Victor-Otto-Stomps-Preises“ der Stadt Mainz anzuk&#252;ndigen. Sie bitten den Laudator im Cordsakko zu sich. Der Lobredner mit Professorentitel verhaspelt sich mehrmals, dann darf der Gelobte selbst hervortreten, um eine &#252;berdimensionale Preisurkunde nebst einem &#252;berschaubaren Scheck zu empfangen, woraufhin alle zaghaft klatschen, in der Hoffnung, sich nach einem Glas Sekt zum Mittagessen verabschieden zu k&#246;nnen.</p>
<p>Am 8. Mai 1997 hat Horst Bingel die Mainzer Verleihungszeremonie durcheinandergebracht. Denn unmittelbar nach &#220;bergabe der Urkunde st&#252;rmte er, als ich gerade zu meiner kurzen Dankesrede ansetzen wollte, in die Mitte. Dieser stattliche Mann mit grauem Haupthaar ruderte wild und entschlossen mit beiden Armen in der Luft und strahlte dabei eine solche Autorit&#228;t aus, dass ich sofort mein Konzept einsteckte. Bei seiner Pr&#228;senz wagte es niemand, den Kreis zu verlassen. Noch im Fuchteln hob er zur Laudatio nach der Laudatio an, die im Wesentlichen aus Anekdoten &#252;ber seine gemeinsamen Jahre mit Stomps bestand, den er „VauO“ nannte. W&#228;hrend er ohne Punkt und Komma sprach, klopfte er mir mehrere Male so fest auf die Schultern, dass ich alle M&#252;he hatte, auf den Beinen zu bleiben. Auch laut knurrende M&#228;gen vermochten nicht, seinen Redefluss zu bremsen. Da er sich &#8211; im festen Glauben, alle w&#252;ssten, wer er sei &#8211; nicht vorgestellt hatte, dauerte es eine Weile, bis der au&#223;erplanm&#228;&#223;ige Redner hinter vorgehaltener Hand als Horst Bingel aus Frankfurt, seines Zeichens ehemaliger „Stompsj&#252;nger“, identifiziert werden konnte.</p>
<p>Obwohl auch mein Magen zu rebellieren begann, zog mich dieser verr&#252;ckte Bingel in seinen Bann. Denn aus seinen sehr pers&#246;nlichen, detaillierten und bildreichen Schilderungen gewann f&#252;r mich nach und nach jener <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Victor+Otto+Stomps">Victor Otto Stomps</a>, nach dem der Preis benannt ist, an Konturen. Bis ich schlie&#223;lich „VauO“ wie er leibte und lebte vor Augen hatte. Bingel erl&#228;uterte, wie sich Stomps, der aus gutb&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnissen stammte, vom Offizier der Artillerie zum B&#252;chernarr, Dichter und Handpressendrucker verwandelt hatte. In seiner armseligen Werkstatt „Schloss Sans Souris“ (Schloss ohne M&#228;use) mitten auf dem Land, im hessischen Stierstadt (Taunus), zauberte er mit einfachsten Mitteln und Entdeckertalent, mutig Literatur – insbesondere Lyrik – zwischen liebevoll gestaltete Buchdeckel. Unterst&#252;tzt wurde er von unbezahlten Helfern wie dem jungen Bingel oder einer verschrobenen, lesbischen Prinzessin. Ironie des Schicksals, dass Verleger Stomps von der Hand in den Mund leben musste, w&#228;hrend seine in Kleinauflagen produzierten Titel heute auf dem antiquarischen Markt ein kleines Verm&#246;gen kosten.</p>
<p>Nach seiner 30-min&#252;tigen &#220;berraschungsrede, die soviel Zeit beanspruchte wie die Preisverleihung, schloss sich uns Bingel zum Mittagessen in einer Mainzer Altstadtkneipe an. In bereits bekannter Manier gab er dort weiter Geschichten aus dem Literaturbetrieb zum Besten, die alle in den 60er oder 70er Jahren spielten. Er erz&#228;hlte so lebhaft, dass man glauben konnte, dies alles h&#228;tte sich erst gestern ereignet. Horst Bingel holte bis zu seiner Lehrzeit im Frankfurter Verlagsbuchhandel aus, streifte sein Studium der Malerei und Bildhauerei, kam wieder mit leuchtenden Augen auf die Zeit bei Stomps (1958 bis 1960) zur&#252;ck, in dessen <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?publisher=%22Eremiten-Presse%22">Eremiten-Presse</a> er 1956 mit dem Gedichtband „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=%22Kleiner%20Napoleon%22">Kleiner Napoleon</a>“ deb&#252;tiert und 1960 eine zweite Lyriksammlung („Auf der Ankerwinde zu Gast“) nachgelegt hatte. Drastisch schilderte er den Skandal um seinen dritten Versband mit dem provozierenden Titel „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Wir+suchen+Hitler">Wir suchen Hitler</a>“, der 1965 im <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?publisher=%22scherz%20verlag%22">Scherz Verlag</a> erschienen war, durcheilte jene turbulenten Jahre als Herausgeber der legend&#228;ren „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?&#038;anyWords=streit+bingel">Streit-Zeit-Schrift</a>“ (1957 bis 1969), bis er schlie&#223;lich, sichtlich bewegt, seine kurze Amtszeit als Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (1974 bis 1976) kommentierte – zwei Jahre voller Intrigen und Eifers&#252;chteleien unter Kollegen.</p>
<p>Unserer ersten Begegnung in Rheinland-Pfalz folgten ein Dutzend weiterer Treffen in Bayern, weil Bingel gerne in Die&#223;en Ferien machte und dabei vielleicht auch im Kopf hatte, dass ich in der Ammerseeregion lebe. Nat&#252;rlich &#228;rgerte es mich gelegentlich, dass er sich nur selten nach meiner Arbeit erkundigte und mir immer wieder dieselben Geschichten auftischte. Manchmal mischten sich aber neue darunter, etwa jene &#252;ber eine entw&#252;rdigende Steuerpr&#252;fung, die ihn, Tr&#228;ger der „Wilhelm-Leuschner-Medaille“ des Landes Hessen (1984), zum Hobbyschriftsteller herabzustufen versuchte.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?&#038;anyWords=streit+bingel"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/leitner/_Bingel-Streit-Zeit-Schrift.jpg" width="90" height="250" alt="" title=""  /></a></div>
<p>Horst Bingel war ein geborener Geschichtenerz&#228;hler mit dem Langzeitged&#228;chtnis eines Elefanten. Viele seiner Anekdoten waren mir so vertraut, weil ich sie – Jahre sp&#228;ter – genauso erlebte wie er. Als 1969 ein Themenheft seiner „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?anyWords=bingel+streit+zeit+pornographie">Streit-Zeit-Schrift</a>“ zur „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?anyWords=bingel+streit+zeit+pornographie">Pornografie</a>“ erschien (Jg. 7, Heft 1), traten ebenso Moralapostel auf den Plan, wie 30 Jahre sp&#228;ter, als ich das erste „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22das+gedicht%22+erotik">Erotik-Special</a>“ von <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=leitner&amp;title=%22das+gedicht%22">DAS GEDICHT</a> unter dem Titel „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22das+gedicht%22+erotik">Vom Minnesang zum Cybersex – geile Gedichte!</a>“ (DAS GEDICHT Nr. 8, Okt. 2000) herausgab und damit einen Sturm der Entr&#252;stung ausl&#246;ste. Wie hatte doch <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=rolf+dieter+brinkmann">Rolf Dieter Brinkmann</a> in Bingels Pornografie-Nummer gemutma&#223;t: „Die wohl ,unaufgekl&#228;rteste‘ literarische Gattung im deutschsprachigen Raum d&#252;rfte das Gedicht sein.“</p>
<p>Oft ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass Bingel mir gegen&#252;ber vielleicht nur soviel &#252;ber sich redete, weil er davon ablenken wollte, dass er in Wirklichkeit mein Leben beschrieb. Bei jedem Besuch brachte er ein Buch von sich mit und &#252;bergab es mir wie eine Neuerscheinung. Da ich mehrere seiner – durchwegs vergriffenen – B&#228;nde selbst besorgt hatte, darunter die Anthologie „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Zeitgedichte+Deutsche+politische+Lyrik+seit+1945">Zeitgedichte. Deutsche politische Lyrik seit 1945</a>“ (Piper-B&#252;cherei, M&#252;nchen 1963) und seine Erz&#228;hlb&#228;nde „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Die+Koffer+des+Felix+Lumpach">Die Koffer des Felix Lumpach</a>“ (Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 1962; f&#252;r die ARD 1966 verfilmt) sowie „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Herr+Sylvester+wohnt+unter+dem+Dach">Herr Sylvester wohnt unter dem Dach</a>“ (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1982), lernte ich ihn und sein Werk immer n&#228;her kennen. Mich beunruhigte die Tatsache, dass er sich ab 1986 „ganz zum Schreiben zur&#252;ckgezogen“, aber seitdem, au&#223;er verstreuten Ver&#246;ffentlichungen von Gedichten in Anthologien und Zeitschriften, keine selbstst&#228;ndige Publikation mehr auf den Weg gebracht hatte.</p>
<p>Lediglich eine Literaturzeitschrift aus der Schweiz, „orte“, widmete Bingel im Jahr 2000 unter dem Titel „Aufs Rad geflochten“ ein Sonderheft (orte Nr. 118). Ich selbst nahm einzelne seiner neuen Gedichte in <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=leitner&amp;title=%22das+gedicht%22">DAS&nbsp;GEDICHT</a> auf (zuletzt die Kindheitserinnerung „Vor dem Fenster“ in <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22das+gedicht%22&amp;anyWords=13+2005">DAS&nbsp;GEDICHT Nr. 13, Okt. 2005</a>) oder druckte ihn in Anthologien wie „<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22SMS-Lyrik%22">SMS-Lyrik</a>“ („Die Post eine einzige Schnecke, / die Eselsohren in Liebesbriefe knickt“). Bingel reichte mir etliche Gedichte ein, die knapp an unseren Aufnahmeh&#252;rden scheiterten, oft nur, weil ein einzelnes Bild zu dick aufgetragen oder ein Wort schief im Ausdruck war. Kleine Verbesserungen im Wege des Lektorats h&#228;tten ausgereicht, um die meisten seiner Texte zur Druckreife zu bringen; ich f&#252;hlte diesbez&#252;glich mehrmals vorsichtig bei ihm vor, aber stie&#223; dabei stets auf eine Wand aus Beton.</p>
<p>Apropos Beton: „<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Lied+fuer+Zement">Lied f&#252;r Zement</a>“ hei&#223;t eine Sammlung von 55 Gedichten Bingels, die 1975 als Taschenbuch bei Suhrkamp erschienen ist und einen Querschnitt seines lyrischen Schaffens bietet. Lyrik-Gro&#223;meister <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=karl+krolow">Karl Krolow</a> verfasste das Nachwort daf&#252;r. Er charakterisiert Bingel als einen melancholischen Lyriker, dessen Beute die „Zeit auf Widerruf“ sei, „in ihren fl&#252;chtigsten Momenten“. Bingel verstehe es, ironisch, leicht, aber nie leichtfertig, „die Grazie der Desillusion“ gewisserma&#223;en „en passant“ anzubringen, wobei er zu „verbalen Handstreichen“ neige und sich gerne des Mittels der „&#220;berraschung“ bediene.</p>
<p>Zement ist das Bindemittel f&#252;r Beton, ein feingemahlener Stoff, der nach dem Anr&#252;hren mit Wasser selbst&#228;ndig erstarrt, erh&#228;rtet und nach dem Erh&#228;rten raumbest&#228;ndig bleibt. „Wir biegen das Blech, / nicht Blume, nicht Baum; / die Stra&#223;en vermauert, bis / dann die M&#228;nner kommen / am Abend, am / Morgen der Umzug“, hei&#223;t es in Bingels „Lied f&#252;r Zement“, und „Was steht ihr herum?“, fragt er dann ganz pl&#246;tzlich den Leser, der sich vom Autor ertappt f&#252;hlt. Im Gedicht „Widmung f&#252;r Lerchen“ empfiehlt Bingel, das Singen besser gleich bleiben zu lassen: „&#220;berla&#223;t die Lieder den Lerchen, / sie &#252;berleben durch Gesang.“</p>
<p>Horst Bingel ist am 14. April 2008 im Alter von 74 Jahren in Frankfurt am Main gestorben. Am 6. Oktober 2008 w&#228;re er 75 Jahre alt geworden. Seine Lieder sollten nicht nur im Gesang der Lerchen &#252;berleben!</p>
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<h3>Ausgew&#228;hlte Titel von Horst Bingel:</h3>
<p><strong>Gedichtb&#228;nde:</strong><br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=%22Kleiner%20Napoleon%22">Kleiner Napoleon.</a></strong> Eremiten-Presse, Stierstadt 1956<br />
Auf der Ankerwinde zu Gast. Eremiten-Presse, Stierstadt 1960<br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Wir+suchen+Hitler">Wir suchen Hitler.</a></strong> Scherz Verlag, M&#252;nchen / Bern / Wien 1965<br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Lied+fuer+Zement">Lied f&#252;r Zement.</a></strong> Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1975</p>
<p><strong>Prosa: </strong><br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Die+Koffer+des+Felix+Lumpach">Die Koffer des Felix Lumpach.</a></strong> Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1962<br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=Herr+Sylvester+wohnt+unter+dem+Dach">Herr Sylvester wohnt unter dem Dach.</a></strong> Deutscher Taschenbuch Verlag, M&#252;nchen 1967; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1982</p>
<p><strong>Anthologien: </strong><br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22Deutsche+Lyrik%22+%22Gedichte+seit+1945%22&amp;anyWords=Bingel">Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945.</a></strong> Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1961; Deutscher Taschenbuch Verlag, M&#252;nchen, 1963 ff. (Sonderreihe)<br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=%22Deutsche+Prosa%22+%22Erz%E4hlungen+seit+1945%22&amp;anyWords=Bingel">Deutsche Prosa. Erz&#228;hlungen seit 1945.</a></strong> Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1963; Deutscher Taschenbuch Verlag, M&#252;nchen 1965 ff. (Sonderreihe)<br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Zeitgedichte+%22Deutsche+politische+Lyrik+seit+1945%22&amp;anyWords=Bingel">Zeitgedichte. Deutsche politische Lyrik seit 1945.</a></strong> Piper-B&#252;cherei, M&#252;nchen 1963</p>
<p><strong>Zeitschriften:</strong><br />
<strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?anyWords=bingel+streit+zeit+pornographie">Streit-Zeit-Schrift. Thema Pornografie.</a></strong> Dokumente, Analysen, Fotos, Comics. Jg. 7, Heft 1, Heinrich Heine-Verlag, Frankfurt am Main 1969</div>
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