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	<title>ZVABlog &#187; Russlands romantische Revolutionäre</title>
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	<description>das offizielle Blog des ZVAB rund um antiquarische und vergriffene Bücher - Literatur, Kolumnen, Lesetipps und Autoren-Nachrufe.</description>
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		<title>Aleksej Michajlovi&#269; Remizov – Teil II: Leben und Werke</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Oct 2011 13:37:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
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		<description><![CDATA[Er war am Erblinden, das Schreiben fiel ihm schwer, er nannte sich einen »blinden Schriftsteller«, doch die Augen blicken noch erstaunlich ausdrucksvoll, und gearbeitet hat er bis zum letzten Tag. Thematik und Manier waren sich gleich geblieben, seine letzten Werke hei&#223;en: »M&#228;usleins Fl&#246;tchen«, »Die Pfauenfeder«, »Die Geschichte von den beiden Tieren«. Er starb 1957 im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Er war am Erblinden, das Schreiben fiel ihm schwer, er nannte sich einen »blinden Schriftsteller«, doch die Augen blicken noch erstaunlich ausdrucksvoll, und gearbeitet hat er bis zum letzten Tag. Thematik und Manier waren sich gleich geblieben, seine letzten Werke hei&#223;en: »M&#228;usleins Fl&#246;tchen«, »Die Pfauenfeder«, »Die Geschichte von den beiden Tieren«. Er starb 1957 im Alter von achtzig Jahren. Kurz vor dem Tode schrieb er ins Tagebuch: »Ein Andrang von Einf&#228;llen, doch ich kann sie nicht verwirklichen: die Augen! &#8230; Heute schrieb ich den ganzen Tag in Gedanken — und konnte nichts aufschreiben.« Auch seine Faxen hat er bis zum Tode gemacht. Die B&#252;cher der letzten Jahre tragen den Vermerk: »Zensiert im Hohen Rat des Obeswolpal.«<br />
Um solche Beharrlichkeit, Geradlinigkeit und Seelenst&#228;rke k&#246;nnte man Remisow fast beneiden. Doch Neid w&#228;re unangebracht: Remisow hatte das volle Ma&#223; menschlichen Leides erfahren. Man warf ihm oft vor, in seinen B&#252;chern h&#228;uften sich die Unwahrscheinlichkeiten, aber sein Schicksal war widersinniger als alles, was er sich h&#228;tte ausdenken k&#246;nnen.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ehrenburg&#038;title=menschen+jahre">Ilja Ehrenburg: <em>Menschen, Jahre, Leben</em></a>, 1962]</small><span id="more-5761"></span></p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/profile/40223l.jsp"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/34576085.jpg" alt="" title="Menschen, Jahre, Leben" width="126" height="200" class="alignright size-full wp-image-5794" /></a><br /><small>Ilja Ehrenburgs Lebens-<br />
erinnerungen <em>Menschen,<br />
Jahre, Leben</em>(aus dem<br />
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Lenzen, D&#252;sseldorf) ent-<br />
halten viel Wissenswertes<br />
&#252;ber Remizov</small></div>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksej+remizov">Aleksej Michajlovi&#269; Remizov</a></strong> kam am 24. Juni <sup>jul.</sup> / 6. Juli <sup>greg.</sup> 1877 in Moskau als f&#252;nftes Kind einer Kaufmannsfamilie zur Welt. Ein Leben in Wohlstand schien vorgezeichnet, denn die Familie hatte sich innerhalb von zwei Generationen von Leibeigenen zu angesehenen und wohlhabenden Kaufleuten hochgearbeitet. Remizovs Vater war Galanteriewarenh&#228;ndler und Mitglied der Zweiten Moskauer Kaufmannsgilde. Seine Mutter, die zwanzig Jahre j&#252;nger war als der Vater, entstammte einer reichen und gebildeten Fabrikantenfamilie, die eine gro&#223;e und bedeutende Privatbibliothek besa&#223;, und war dementsprechend eine gebildete und kulturell sehr interessierte Frau. Sie hatte die deutsche Peter-und-Paul-Schule besucht, ihre Liebe galt der Malerei und der Poesie. Ihr verdankte Aleksej seine Liebe zum Zeichnen, zur Kalligrafie und dar&#252;ber hinaus auch zur Literatur, denn sie machte ihn mit den Werken von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+leskov">Nikolaj Leskov</a>, von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johann+wolfgang+goethe">Goethe </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=e.t.a.+hoffmann">E.T.A. Hoffmann</a> bekannt. Seine Njanja (Amme und Kinderfrau) hingegen war eine sehr volkst&#252;mliche und gottesf&#252;rchtige Frau, sie „f&#252;tterte“ ihn mit M&#228;rchen, Fabeln, volkst&#252;mlichen und kirchlichen Legenden und nahm ihn auch in die feierlichen und mystischen russisch-orthodoxen Gottesdienste mit.<br />
Die Geschichte der Familie seiner Mutter erz&#228;hlt Remizov in seinem ersten Roman <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov&#038;title=teich"><strong>Der Teich</strong></a></em> (1905, <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov&#038;title=prud"><strong>Prud</strong></a></em>, nicht ins Deutsche &#252;bersetzt) – wie im &#220;brigen fast alle seine Werke einen starken autobiografischen Bezug haben.</p>
<p>Die Wohlhabenheit von Remizovs fr&#252;her Kindheit dauerte jedoch nicht lange an, denn die Mutter verlie&#223; schon wenige Jahre nach Aleksejs Geburt mit den f&#252;nf Kindern ihren Mann, und als Aleksej sechs Jahre alt war, starb der Vater. Die Mutter war nun auf die Almosen ihrer Verwandtschaft angewiesen, insbesondere auf die ihres Bruders, bei dessen Fabrik Aleksej nun &#228;rmlich aufwuchs; seine eigene Situation und das, was er t&#228;glich sah, waren sozialer Anschauungsunterricht, der ihn f&#252;r sein Leben pr&#228;gte. Auch inspirierte ihn die Brutalit&#228;t um ihn herum schon im Alter von sieben Jahren zu einer ersten Erz&#228;hlung, <em>„Der M&#246;rder&#8221;</em>, deren Manuskript er allerdings selbst vernichtete.</p>
<p>Eigentlich wollte Remizov Musiker, Maler oder Schauspieler werden, aber nach der Handelsschule immatrikulierte er sich entgegen seinen k&#252;nstlerischen Interessen an der Physikalisch-Mathematischen Fakult&#228;t der Universit&#228;t Moskau und begann gleichzeitig, Vorlesungen in Philosophie, Geschichte, Jura und Biologie zu h&#246;ren. Im Mai 1896 wurde er als angeblicher Anf&#252;hrer einer Studentendemonstration, in die er eigentlich nur zuf&#228;llig geraten war, verhaftet und nach einem halben Jahr nach Penza (700 km s&#252;d&#246;stlich von Moskau) verbannt. Dort wurde er dann tats&#228;chlich zum Revolution&#228;r. Er organisierte Streiks, reiste illegal nach Moskau, besorgte verbotene Literatur und beteiligte sich an dem Versuch, einen Arbeiterverein zu gr&#252;nden. Wegen dieser Beteiligung wurde er 1899 erneut verhaftet und 1900 f&#252;r erneut drei Jahre nach Vologda (600 km &#246;stlich von St. Petersburg) verbannt. Insgesamt verbrachte er in den sechs Jahren seiner Verbannung mehrere Jahre in Gef&#228;ngnissen, teilweise in Einzelhaft. Aber damit nicht genug: Durch einen Irrtum musste er den &#252;ber 1000 km langen Weg zu seinem neuen Verbannungsort mit Kriminellen zu Fu&#223; und in Ketten gehen.</p>
<p>Zwischen 1896 und 1903 fasste er seine Erlebnisse in der ergreifenden Erz&#228;hlung <em>„Gefangen&#8221;</em> (<em>„V plenu&#8221;</em>, 1910 erschienen) zusammen. Besonders ausdrucksstark ist eine Passage aus dem Kapitel „Als Politischer in Haft“:</p>
<blockquote><p>Trostlos schl&#228;gt die Gef&#228;ngnisuhr.<br />
Es wird Nacht &#8230;<br />
Die Lampe wirft unbewegliche Schatten auf Fu&#223;boden und Wand.<br />
An der Wand eine sterbende Fliege.<br />
Ihre Beinchen sind krampfhaft gestreckt, der kleine K&#246;rper schrumpft, und das Schattenfleckchen &#8211; ihr letzter Begleiter &#8211; schwimmt zitternd.<br />
Da war eine Fliege in meine Zelle gekommen, ist ein, zwei Tage herumgeflogen, und nun stirbt sie.<br />
Und dies erinnert die Fliege in ihrer Fliegentodesstunde: die gelbliche staubige Zelle, wenn drau&#223;en im Freien die Sonne hochsteht, das Fenster auch am helllichten Tage wie zugefroren, langweilige tr&#228;ge Asseln in den Ecken, wo streifig der Schimmel gr&#252;nt, schl&#228;frige Kakerlaken an den W&#228;nden und kleine Schaben, auch faule, voll Blut gesogene Wanzen, kaum sichtbar und b&#246;se, blassgelbe Wanzenhaut, dazu d&#252;nne flinke M&#228;useschw&#228;nze, die Z&#228;hne einer riesigen r&#246;tlichen Ratte, das Dr&#246;hnen und Klirren der Str&#228;flingsketten.<br />
Der l&#228;ngliche Schatten ist herabgeglitten und erstarrt.<br />
Die Fliege ist tot.<br />
Und mir kommt es vor, als sei die Zeit stehen geblieben, als seien alle Ger&#228;usche erstorben, als g&#228;be es kein Leben mehr.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=teufelchen">Alexej Remisow: <em>Das Teufelchen</em></a>, 1991]</small></p>
<p>In den Verbannungsorten traf man immer auf andere, gleichgesinnte Verbannte und der weitere Weg war im Prinzip vorgezeichnet. Remizov traf u. a. auf <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+berdjaev">Nikolaj Berdjaev</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anatolij+lunacarskij">Anatolij Luna&#269;arskij</a>; und er traf auch auf seine sp&#228;tere Frau, die Pal&#228;ografin Serefima Pavlovna Dovgello (*1876, †1943), die ihm zuredete, sich der Schriftstellerei zu widmen. Durch sie geriet er zun&#228;chst einmal vollst&#228;ndig in den Bannkreis der Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Doch dort sollte er nicht lange bleiben.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/Remizov.jpg" alt="" title="Aleksej Remizov im Jahr 1909" width="147" height="200" class="alignright size-full wp-image-5780" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aleksej Remizov<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;im Jahr 1909</small></div>
<p><strong>Vom Politaktivisten zum Schriftsteller</strong></p>
<p>1905 erhielt Remizov endlich die Erlaubnis, mit seiner Frau nach St. Petersburg zu ziehen. Das Scheitern der Ersten Russischen Revolution, die er dort miterlebte, lie&#223; ihn verzweifeln und resignieren. Er zog sich endg&#252;ltig von der Politik zur&#252;ck.</p>
<p>In <em>„Emaliol&#8221;</em> (1909), einer der Erz&#228;hlungen &#252;ber seine Verbannung, beschreibt er im Gespr&#228;ch der Figur Chlebnikov mit einem ebenfalls verbannten F&#252;rsten solch einen Wechsel von der Politik zum Schriftsteller:</p>
<blockquote><p>Chlebnikovs Geschichte war einfach. Seit er sich bewusst mit dem Leben auseinandersetzte, mit der Lebensordnung, die ihm auf Schritt und Tritt begegnete, seitdem qu&#228;lte ihn, dass an dieser Ordnung etwas nicht stimmte: Etwas U n w a h r e s und V e r k e h r t e s  haftete dem Leben an. Er versuchte, diese Gedanken zu verdr&#228;ngen, und manchmal gelang das auch, doch dann mahnte ihn umso heftiger und qu&#228;lender eine Stimme, dass man so nicht leben d&#252;rfe, dass man nicht leben d&#252;rfe in Duldung dessen, was u n w a h r ist und v e r k e h r t. Es galt, das Leben zu ver&#228;ndern, in Ordnung zu bringen. Doch wie das Leben ver&#228;ndern? Da boten sich mit einemmal einfache Mittel, sehr einfache und leicht zug&#228;ngliche. Und er lie&#223; alles andere sein und warf sich auf die P o l i t i k. So geriet er in einen wahren Lebensstrudel, die Sache hielt ihn gepackt, und er kam nicht zum Gr&#252;beln. Das war seine beste Zeit, wenn er zur&#252;ckdachte. Nun ja – hinterher ist schlecht rechten –, Freunde wurden geschnappt und verrieten ihn. Das war schon alles.<br />
»Nun, und wie denken sie jetzt?«, fragte der F&#252;rst.<br />
»Ich denke, nicht alles ist so einfach, wie es mir damals vorkam.«<br />
»Und wie werden Sie leben?«<br />
»Das ist ja das Problem. Es ist doch alles recht kompliziert.«</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=teufelchen">Alexej Remisow: <em>Das Teufelchen</em></a>, 1991]</small></p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/profile/41564a.jsp"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/Schwestern-im-Kreuz.jpg" alt="Cover Schwestern im Kreuz" title="Die Schwestern im Kreuz" width="133" height="200" class="alignright size-full wp-image-5783" /></a><br /><small><em>Die Schwestern im Kreuz</em><br />
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Antiquariats Ahrens in<br />
Kaarst</small></div>
<p>Remizov wurde sehr schnell in den St. Petersburger Kreis der K&#252;nstler und Schriftsteller aufgenommen. Fortan war er in Gesellschaft von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+blok">Aleksandr Blok</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andrej+belyi">Andrej Belyj</a> (mit dem er befreundet war), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dmitrij+merezkovskij">Dmitrij Merežkovskij</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ivan+bunin">Ivan Bunin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leonid+andreev">Leonid Andreev</a> u. a. zu finden. Es begann die schaffensreichste Phase seines Lebens. Angewidert von der Politik lebte er nur noch in der Welt seiner Gestalten. Es entstanden seine Erz&#228;hlungen &#252;ber die Verbannung wie<em> „Gefangen&#8221;</em>, <em>„Emaliol&#8221;</em> u. a., andere Erz&#228;hlungen wie <em><strong>„Das Teufelchen&#8221;</strong></em> (1909), M&#228;rchen zu Themenkreisen wie „Russische Frauen&#8221; oder „Diebe&#8221; , es entstanden (kleine) Romane wie <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov&#038;title=schwestern+kreuz">Die Schwestern im Kreuz</a></strong></em> oder <em><strong>Die Uhr</strong></em> und Theaterst&#252;cke wie die Trilogie <em><strong>Russalienspiele</strong></em>. Remizov schrieb in dieser Zeit so viel, dass er von 1910 bis 1912 schon eine Werkausgabe in acht B&#228;nden herausgeben konnte.<br />
(Ein ausf&#252;hrlicheres, aber bei Weitem nicht vollst&#228;ndiges Verzeichnis befindet sich am Ende des Textes.)</p>
<p>Remizov liebte zeit seines Lebens das alte, das archaische Russland, was sich auch in seinen M&#228;rchen und Legenden widerspiegelt. So verwundert es nicht, dass er beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch einmal patriotisch wurde und in einer russischen Zeitschrift <em>„F&#252;r die heilige Rus. Ges&#228;nge an die Heimaterde&#8221; </em>ver&#246;ffentlichte. Die Februarrevolution 1917 hingegen erschreckte ihn und er schrieb – ebenfalls f&#252;r eine russischen Zeitschrift – die <em>„Worte vom Untergang der russischen Erde&#8221;</em>. </p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ilja+erenburg">Ilja &#278;renburg</a> zitiert in seinen Erinnerungen <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ehrenburg&#038;title=menschen+jahre">Menschen, Jahre, Leben</a></em> Konstantin Fedin, der 1944 in seinem Buch <em>Gorkij unter uns</em> der Jahre der Revolution gedachte und &#252;ber Remizov schrieb:</p>
<blockquote><p>Untersetzt, irgendwie dem buckligen Pferdchen &#228;hnelnd, rennt mit leicht gekr&#252;mmten Beinen &#252;ber den Newskij-Prospekt ein stachlig hinter seiner Brille hervorlugender Mensch, in M&#228;ntelchen und H&#252;tchen. Er versteckt den gro&#223;en verst&#228;ndigen Nacken hinter dem hochgeklappten Kragen, doch das Kinn und die Lippen reckt er hinaus, und seine hakenf&#246;rmige stattliche Nase bewegt merklich ihre Spitze – sie will sich wohl in das hineinriechen, was aus dem hervorstehenden Munde fliegt.</p></blockquote>
<p>Und &#278;renburg zitiert auch den Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=vladimir+lidin">Vladimir Lidin</a>, der 1921 &#252;ber Remizov schrieb:</p>
<blockquote><p>Solche Menschlein sind noch nicht ausgestorben: russisch, erdhaft, m&#228;usisch. So lebt er und gedeiht – und Gott gebe ihm noch viele Jahre: dem russl&#228;ndischen Menschlein, das in der Nacht mit der Feder kratzt, in Hunger und K&#228;lte, dem Affenzaren Aleksej Michailowitsch Remisow.</p></blockquote>
<p>Dieses „Menschlein“ ist seinem Russland trotz der Gr&#228;uel der Revolution nach wie vor tief verbunden, die Emigranten bezeichnete es als „Verlorene“. Und doch verlie&#223; Remizov Russland am 7. August 1921 – dem Tag, an dem Aleksandr Blok starb –, um &#252;ber Reval und Prag nach Berlin und dann nach Paris zu emigrieren. Seine Heimat sollte er nie wiedersehen.</p>
<p><strong>Emigrant in Berlin</strong></p>
<p>In Berlin war Remizov  Teil einer illustren Gesellschaft, die Stadt war (wie in <a href="http://blog.zvab.com/2011/10/20/aleksej-michajlovi-remizov-teil-i-cancellarius-des-affenordens/">Teil I dieses Essays</a> beschrieben) zur „zweiten Hauptstadt Russlands“ geworden:</p>
<blockquote><p>Und am Morgen – Fr&#252;hling! – drangen das Sonntagsl&#228;uten von Altmoabit und aus dem Tiergarten die Wolke der austreibenden B&#228;ume und mit dem gr&#252;nen Fr&#252;hlingswehen das tiefe Gel&#228;ute der Ged&#228;chtniskirche zum Fenster herein, und man wusste nicht, ob man in Moskau war oder in Berlin.</p></blockquote>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/Lesser_Ury_Siegesallee_mit_Siegess&#228;ule.jpg" alt="" title="Siegesallee vobn Lesser Ury" width="210" height="153" class="alignright size-full wp-image-5802" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Gegend rund um den Berliner<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tiergarten (hier auf dem Gem&#228;lde<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;<em>Siegesallee </em>von Lesser Ury aus den<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;1920er Jahren) wurde f&#252;r Remizov<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;nicht zur neuen Heimat</small></div>
<p>Den gl&#252;cklichen Worten nach k&#246;nnte man meinen, in Berlin w&#228;re Remizov gl&#252;cklich gewesen. Mitnichten! Dieser Satz in seinem Erinnerungsb&#252;chlein <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=gang+simsen">Gang auf Simsen</a></strong></em> (1929), in dem er &#252;ber die ersten Jahre der Emigration von 1921 bis 1928 schreibt, ist der einzig freundliche &#252;ber Berlin. Er war ungl&#252;cklich in Berlin. Er erlebte die Stadt als kalt und abweisend und &#252;berb&#252;rokratisiert. Von Haus aus ein Eigenbr&#246;tler und wenig kontaktfreudig machte ihm die im Vergleich mit der russischen Mentalit&#228;t k&#252;hle Art der Preu&#223;en schwer zu schaffen. Mit den sogenannten wei&#223;en Emigranten – also jenen, die schon vor, w&#228;hrend und kurz nach der Revolution gefl&#252;chtet waren – verband ihn nichts. Es blieben der Kreis seiner Schriftstellerkollegen und die Berliner Kunstszene.</p>
<p>Stunden-, ja tagelange G&#228;nge von einer Beh&#246;rde zur n&#228;chsten, um die jeweils nur drei Monate g&#252;ltige Aufenthaltserlaubnis zu verl&#228;ngern (bei gleichzeitigem Bangen, ob sie &#252;berhaupt verl&#228;ngert werden w&#252;rde), zehrten an seinen Nerven. Einmal sollte er sogar ausgewiesen werden und konnte nur dank der F&#252;rsprache von Thomas Mann und dem kunstsinnigen sowjetischen Botschafter, der 1936 in den Stalinschen Schauprozessen erschossen wurde, bleiben.</p>
<p>Trotz dr&#252;ckender Alltagssorgen war das Jahr 1922 eines seiner fruchtbarsten: Er publizierte 17 B&#252;cher – Neuauflagen nicht mitgerechnet. Ilja &#278;renburg, der gro&#223;e Chronist dieser Jahre, schreibt in seinen Erinnerungen:</p>
<blockquote><p>Jetzt will ich Remisows gedenken, den ich im Jahr 1922 in Berlin kennenlernte. In einer kleinb&#252;rgerlichen deutschen Wohnung, in einem Zimmer voller fremder M&#246;bel, sa&#223; ein kleiner gebeugter Mann mit einer gro&#223;en neugierigen Nase und lebendigen, schelmischen Augen. Seine Frau Serefima Iwanowna bewirtete die G&#228;ste freundlich mit Tee. Auf dem Schreibtisch sah man Manuskripte, die ein Meister der Sch&#246;nschrift geschrieben, nein: gezeichnet haben musste. An Bindf&#228;den schwankten diverse Papierteufel: hausbackene und b&#246;se, listige und lammfromme. Remisow lachte still vor sich hin. An jenem Tag hatte er ein neues Spielzeug bekommen: Boris Pilnjak, der fantastische Geschichten &#252;ber das Leben in Kolomna [eine Stadt110 km s&#252;d&#246;stlich von Moskau, hmw] zum Besten gab.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ehrenburg&#038;title=menschen+jahre"> Ilja Ehrenburg: <em>Menschen, Jahre, Leben</em></a>, 1962]</small></p>
<p>Im Jahr 1923 verschlechterte sich durch die Verbesserung der &#246;konomischen Situation in Deutschland die Lage f&#252;r die russischen Emigranten im Besitz von Devisen. Gleichzeitig wurde Deutschland immer national- bis nationalsozialistischer. Die gro&#223;e russische Emigrantenwelle zog weiter nach Paris – und die ersten Emigranten begannen, ihren Frieden mit der neuen Sowjetunion zu machen.<br />
Auch Remizov zog mit seiner Frau weiter nach Paris.</p>
<p><strong>Die Jahre in Paris</strong></p>
<p>Remizov arbeitete weiter wie besessen, aber die Zeit war &#252;ber ihn hinweggeschritten: Er fand keine Verleger mehr und gab seine B&#252;cher mit m&#252;hsam verdientem oder erbetteltem Geld im Selbstverlag heraus. Er musste Hunderte seiner kostbaren handschriftlichen Alben mit Zeichnungen zu seinen eigenen Texten und zu Werken ber&#252;hmter Schriftstellerkollegen (<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ivan+turgenev">Turgenev</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fedor+dostoevskij">Dostoevskij</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+cechov">&#268;echov </a>u. a.) verkaufen, und seine Frau unterrichtete an einer Schule Pal&#228;ografie, damit sie wenigstens ihr Leben fristen konnten.<br />
Von allen politischen Lagern hielt er sich fern – was ihm &#196;rger und Verd&#228;chtigungen von allen Seiten einbrachte. Die Liebe zu „seinem“ Russland war so gro&#223;, dass er nach dem Tod seiner Frau sogar die sowjetische Staatsb&#252;rgerschaft annahm, was ihn in Emigrantenkreisen endg&#252;ltig desavouierte. Ilja &#278;renburg – l&#228;ngst ein arrivierter sowjetischer Schriftsteller – besuchte ihn 1946 in Paris:</p>
<blockquote><p>Ich hatte ihn zwanzig Jahre nicht gesehen. Muss man diese Jahre rekapitulieren? Auch Remisow erlebte viel Schweres. W&#228;hrend der deutschen Besatzung litt er Hunger, K&#228;lte und Not. Im Jahr 1943 starb Serefima Iwanowna. Ich sah einen tief gebeugten Greis. Er lebte allein und vergessen, lebte in ewiger Not. Doch immer noch leuchtete das gleiche schelmische Fl&#228;mmchen in seinen Augen und immer noch kreisten die gleichen Teufel durchs Zimmer und immer noch schrieb er die gleiche Sprache; notierte Tr&#228;ume, verfasste Briefe an seine tote Frau, arbeitete an B&#252;chern, die niemand drucken wollte.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ehrenburg&#038;title=menschen+jahre"> Ilja Ehrenburg:<em> Menschen, Jahre, Leben</em></a>, 1962]</small></p>
<p>Am 26. November 1957 starb Remizov in Paris, erblindet und v&#246;llig vereinsamt, denn nachdem Frankreich immer prosowjetischer geworden war, war auch die russische Emigrantenwelle weitergerollt: nach Amerika oder zur&#252;ck in die „Heimat“ (vgl. hierzu den <a href="http://blog.zvab.com/2007/10/15/nina-nikolajewna-berberowa/">Essay zu Nina Berberova</a>). </p>
<p>Remizov war eine der genialsten und zugleich tragischsten Gestalten der an tragischen Gestalten so reichen Geschichte Russlands. Die Politik hatte ihn &#252;berrollt und die Literatur war &#252;ber ihn hinweggeschritten. Doch ihn focht das nicht an: Er lebte, was er schrieb, er war <strong>der </strong>russische Symbolist.<br />
<strong><br />
Remizovs literarisches Universum</strong></p>
<p>Hier ist nicht der Ort einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung von Remizovs Schaffen, in diesem Zusammenhang sei auf <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&#038;title=symbolismus+russland">Christa Eberts <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a> (1988) verwiesen. Ebenso wenig k&#246;nnen seine Werke im Detail besprochen werden – er hat 83 B&#252;cher mit Hunderten von Einzelerz&#228;hlungen geschrieben. Im Literaturkasten am Ende dieses Texts sind einige Ausgaben seiner Werke aufgef&#252;hrt, die exemplarisch f&#252;r sein Schaffen stehen. Nur eine Auswahl seiner Werke ist &#252;berhaupt  in deutscher Sprache erschienen, eine &#220;bersicht &#252;ber diese Werke gibt das Slavistik-Portal <a href="http://www.slavistik-portal.de/datenpool/russgus-db.html?pageNum=0&#038;sw=Remizov,%20A.M.">RussGuss</a>, eine Bibliografie in russischer Sprache finden Sie in der <a href=" http://ru.wikipedia.org/wiki/Библиография_Алексея_Ремизова">russischen Wikipedia</a>.<br />
Hier kann es nur darum gehen, einige wesentliche Merkmale seines Schaffens aufzuzeigen.</p>
<p>Remizov sagte von sich selbst:</p>
<blockquote><p>Mein Schaffen gr&#252;ndet auf dem Lied und auf dem Gebet. Erz&#228;hlen kann ich nur Novellen (&#8230;), das Epos liegt mir nicht. Ich bin kein Romanschriftsteller (&#8230;). Ich habe keine Begabung f&#252;r Folgerichtigkeit, ich zerst&#252;ckle alles.</p></blockquote>
<p>An anderer Stelle hei&#223;t es:</p>
<blockquote><p>Alles auf der Welt wird durch das Wort, durch die Kombination von W&#246;rtern ausgedr&#252;ckt. Die Welt ist ein W&#246;rterbuch. Und wie sehr ich mich an den W&#246;rtern freue. Die W&#246;rter r&#252;hren mich &#8211; ich sp&#252;re ihren Blick, ihren H&#228;ndedruck. Mich kann man mit einem Wort zerkratzen und verf&#252;hren.
</p></blockquote>
<p>Und an nochmal anderer Stelle:</p>
<blockquote><p>Ich liebe alles, was nicht „real“ ist, Beschreibungen des „realen“ Lebens sind f&#252;r mich wie Kartoffelschalen oder Schreib&#252;bungen.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov&#038;title=goldene+kaftan">Alexej Remisow: <em>Der goldene Kaftan und andere russische M&#228;rchen</em></a>, 1981]</small></p>
<p>Der Schriftsteller Gleb Alekseev schlie&#223;lich schreibt 1923 &#252;ber Remizov:</p>
<blockquote><p>Das Wort ist f&#252;r Remisow Selbstzweck. Es ist lebendig, bewegt sich. Kleine M&#228;nnchen bewegen sich &#252;ber den Schreibtisch, er kommandiert sie, formiert Zahlenreihen und Armeen von B&#252;chern.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&#038;title=symbolismus+russland">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988]</small></p>
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<a href="http://www.zvab.com/profile/29323l.jsp"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/Illustration-Prinzessin-Myrma.jpg" alt="" title="Illustration aus Remizovs Prinzessin Mymra" width="135" height="200" class="alignright size-full wp-image-5788" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Illustration aus der ersten<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;deutschsprachigen Ausgabe<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;von <em>Prinzessin Myrma</em> aus<br />
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&nbsp;&nbsp;&nbsp;antiquariats Hans-J&#252;rgen<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Lange</small></div>
<p>Remizovs Werk besteht aus M&#228;rchen, Erinne- rungen, Tagebuchaufzeichnungen, niedergeschriebenen Tr&#228;umen, Legenden, kleinen Romanen, Mysterienspielen und Skizzen. Seine ersten kleinen Romane, M&#228;rchen und Novellen (z. B. <em>Die Uhr</em>, <em>Der Teich</em>, <em>Schwestern im Kreuz</em>, <em>Das Teufelchen</em>, <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov&#038;title=mymra">Prinzessin Mymra</a></strong></em>) sind durchaus noch von der realistischen Erz&#228;hlmanier (Dostoevskij, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol</a>, u. a.) beeinflusst, vor allem die, die von seiner Verbannung handeln, aber auch einige M&#228;rchen.<br />
Mit der Zeit aber &#252;berspringt Remizov in seiner Literatur zunehmend die Grenzen der Genres, wechselt in ein und demselben Werk nahtlos von einem ins andere. Man erwartet ein zielloses Durcheinander, aber die &#220;berg&#228;nge sind harmonisch. Er flicht z. B. Tr&#228;ume in seine Erz&#228;hlungen ein – und das nicht zielgerichtet, so wie Remizov anders als die Generationen russischer Schriftsteller vor ihm &#252;berhaupt kein (vordergr&#252;ndiges) Ziel verfolgt. Er will nichts erreichen mit seinem Schreiben. Er will lediglich zeigen, wie es ihm mit all dem, das ihn umgibt, geht – dass er aber genau damit zumindest bei nachdenkenden Menschen etwas erreicht, steht auf einem anderen Blatt.<br />
Es l&#228;uft darauf hinaus, dass Remizov ein Gesamtkunstwerk schafft, vergleichbar einer musikalischen Komposition. Er bringt Farbe (Ausdruckskraft) in sein Schreiben, indem er mit Worten und Wortzusammensetzungen spielt, neue Wortbedeutungen findet und nicht zuletzt „dem Volke auf’s Maul schaut“ – also das russische „skaz“ verwendet, das von Gogol „entdeckt“ und von Leskov perfektioniert wurde. </p>
<p>Ein gutes Beispiel f&#252;r ein solches Gesamtkunstwerk sind seine Erinnerungen <em>Gang auf Simsen</em> (1928). Die Erz&#228;hlung l&#228;uft nicht auf einen H&#246;hepunkt zu; man gleitet in Remizovs Gedankenwelt dahin wie in einem Musikst&#252;ck.<br />
Es ist schwierig, diese Losgel&#246;stheit heute, in einer Zeit, in der alles (auch in der Literatur) auf Zweck und Ziel ausgerichtet ist,  zu beschreiben. Man muss sich darauf einlassen – dann wird man von Remizovs Werken auch ergriffen.</p>
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<h3>Literatur:</h3>
<p><strong>Werke von Aleksej Remizov, die exemplarisch f&#252;r sein Schaffen stehen:</strong></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=teufelchen">Alexej Remisow: <em>Das Teufelchen</em></a>, Erz&#228;hlungen und ein Roman, &#252;bersetzt von Waltraud Ahrndt und Eckhard Thiele, Nachwort von Christa Ebert. Berlin: Aufbau Verlag, 1991<br />
<em>(Inhalt: Gefangen, Die silbernen L&#246;ffel, Heiligabend, Das Teufelchen, Emaliol, Der unverw&#252;stliche Schelm, Schwestern im Kreuz)</em></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=goldene+kaftan">Alexej Remisow: <em>Der goldene Kaftan und andere russische M&#228;rchen</em></a>, &#252;bersetzt und mit Nachwort von Ilma Rakusa, 8 Farbtafeln. Z&#252;rcih: Manesse Verlag, 1981<br />
<em>(Inhalt: Russische Frauen – Die Erkorene, Die Ersehnte, Die Verurteilte, Die R&#252;hrselige, Die Verlorene, Die Sch&#252;chterne, Die Verleumdete, Die Verzweifelte, Die Widerspenstige, Die Schlimme, Die Br&#252;derliche, Die Freundinnen, Die sch&#246;ne Fichte, Die Gevatterin, Die Wahrsagerin, Die Herzliche, Die Raterin, Die Scharfsinnige; K&#246;nig Salomo und K&#246;nig Goroskat – K&#246;nig Salomo, K&#246;nig Goroskat; Diebe – Diebe, R&#228;uber, Gauner, Hundeschweif, Der Dieb Barma, Der Dieb Mamyka ; Herren – Der Waldschrat, Der Wassermann, Der Teufel, Der schreckliche Knochenmann, Der Vampir, Der Tote; Weltliche R&#228;tsel – Der Streit, Ein Fetzen Birkenrinde, Um des Schafes willen, Das Kirchengel&#228;ut, Der goldene Kaftan, Die fremde Schuld, Der ersehnte Gast, Das Osterfeuer, Die Fischk&#246;pfe, Die Eselsohren, Das Mausjunge, Der L&#246;we, Die ungl&#252;ckliche Not; Scherzhafte Geschichten – Der Skomoroch, Der Heldenhund, Der Flieger, Der Mann als B&#228;r, Die wunderbaren Schuhe, Die gierigen Finger, Der Himmel ist runtergefallen, Der B&#228;renf&#252;hrer)</em></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=geraeusche+stadt">Alexej Remisow: <em>Die Ger&#228;usche der Stadt</em></a>, &#252;bersetzt und mit einem Nachwort von Ilma Rakusa, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1996<br />
<em>Inhalt: Hungerlied; Zeitgen&#246;ssische Legenden – Funken, Die Hand des T&#228;ufers, Der kleine Reliquienschrein, Ein reines Herz, Sterne, Der vierte Kreis, Weihnacht, Nachodka, Die Stra&#223;enbande, Das Licht des Wortes, Z&#228;une; Siebentagebuch – Die beiden Starzen, Die Schlange, Panna Maria, Der gute Lehrer, Der ehrw&#252;rdige Fuchs, Verschieden, Die Kreuzchen, Ein nicht t&#246;dliches Leben, Malwina, Das Fr&#228;ulein von Kresty; Beseelte Gegenst&#228;nde – Die T&#252;rklinke, Die Trambahn; M&#228;rchen – Salzl&#252;stern, Ein Schluck Kwass, Der Zimmermann Jefim, Der Fund)</em></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&#038;title=gang+simsen">Alexej Remisow: <em>Gang auf Simsen</em></a>, &#252;bersetzt von Annelore Nitschke, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1991<br />
<em>(Inhalt: Simse – Esprit, La matière, Unser Schicksal; Biku)</em></p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur:</strong></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=duewel+grasshoff&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Wolf D&#252;wel, Helmut Grasshoff (Hrsg.): <em>Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917</em></a>. Berlin: Aufbau-Verlag, 1986<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&#038;title=symbolismus+romanprosa">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>. Berlin: Akademie-Verlag, 1988<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ehrenburg&#038;title=menschen+jahre">Ilja Ehrenburg: <em>Menschen, Jahre, Leben, B&#228;nde 1 und 2</em></a>. M&#252;nchen: Kindler Verlag, 1962<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+literaturgeschichte+einzelportraets">Alexander Eliasberg: <em>Russische Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts</em></a>. M&#252;nchen: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, Oskar Beck M&#252;nchen, 1922<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+gegenwart">Reinhard Lauer: <em>Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart</em></a>. M&#252;nchen: C.H. Beck Verlag, 2000<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luther&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Arthur Luther: <em>Geschichte der Russischen Literatur</em></a>. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1924<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mierau&#038;title=adam+geschichten+russland">Fritz Mierau (Hrsg.): <em>Adam – Exzentrische Geschichten aus Ru&#223;land 1906–1937</em></a>. Leipzig: Reclam, 1993<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mierau&#038;title=russen+berlin+begegnung">Fritz Mierau: <em>Russen in Berlin 1918–1933, eine kulturelle Begegnung</em></a>. Weinheim, Berlin: Quadriga Verlag, 1988<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=russische+schriftsteller+berlin">Thomas Urban: <em>Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre</em></a>. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 2003
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Aleksej Michajlovi&#269; Remizov – Teil I: Cancellarius des Affenordens</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/10/20/aleksej-michajlovi-remizov-teil-i-cancellarius-des-affenordens/</link>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 07:44:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Februarrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Gorki]]></category>
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		<category><![CDATA[Nikolaus II.]]></category>
		<category><![CDATA[Oktoberrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Remisow]]></category>
		<category><![CDATA[Remizov]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Symbolismus]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160; &#160;Nikolaus II. (Gem&#228;lde von E. Liphart) Russlands Weg in die Katastrophe Mit der Wende zum 20. Jahrhundert begann f&#252;r Russland die schrecklichste Zeit seiner Geschichte. 1894 folgte Nikolaus II. seinem Vater Alexander III. auf dem Thron. Er f&#252;hrte die erzkonservative Politik seines Vaters und dessen radikalkonservativen Bera- ters Pobedonoszev nahtlos fort; er war ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img class="alignright size-full wp-image-5538" title="Nikolaus II Gem&#228;lde von Lipgart" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/09/Nikolaus-II-Gem&#228;lde-von-Lipgart.jpg" alt="" width="114" height="170" /><br />
<small>&nbsp; &nbsp;Nikolaus II.<br />
(Gem&#228;lde von E. Liphart)</small></div>
<p><strong>Russlands Weg in die Katastrophe</strong><br />
Mit der Wende zum 20. Jahrhundert begann f&#252;r Russland die schrecklichste Zeit seiner Geschichte.<br />
1894 folgte Nikolaus II. seinem Vater Alexander III. auf dem Thron. Er f&#252;hrte die erzkonservative Politik seines Vaters und dessen radikalkonservativen Bera- ters Pobedonoszev nahtlos fort; er war ein autokra- tischer Herrscher von Gottes Gnaden – Reformen oder gar Demokratie waren ihm ein Gr&#228;uel, wie er schon bei der Thron&#252;bernahme in einer Rede verlauten lie&#223;.<br />
<span id="more-5533"></span><br />
Die versp&#228;tete fr&#252;hkapitalistische Industrialisierung unter seinem Vater – im Westen hatte sie schon Jahrzehnte fr&#252;her stattgefunden – hatte riesige soziale Kl&#252;fte entstehen lassen, Russland glich einem Pulverfass. Das Aufbegehren der unteren Klassen wurde r&#252;cksichtslos niedergeb&#252;gelt. Russland wurde im Russisch-Japanischen Krieg vernichtend geschlagen, was das Elend der einfachen Leute noch vergr&#246;&#223;erte, und auf den „Petersburger Blutsonntag“ – die gewaltsame Niederschlagung einer Massenkundgebung –  im Januar 1905 folgte die erste Russische Revolution mit Streiks, Morden und Meutereien. Im Oktober desselben Jahres machte Nikolaus II. politische Zugest&#228;ndnisse, die die Lage zun&#228;chst beruhigten; diese Zugest&#228;ndnisse wurden jedoch sehr bald wieder „neutralisiert“. Der Erste Weltkrieg begann und Russland leistete einen ungeheuren Blutzoll, nicht zuletzt wegen der v&#246;llig inkompetenten Heeresleitung mit Nikolaus II. an der Spitze. Die Leidtragenden waren wieder die einfachen Menschen, die in Scharen vom Milit&#228;r davonliefen und sich den Revolution&#228;ren anschlossen.</p>
<div class="bildlinks"><img class="alignright size-full wp-image-5539" title="Petersburger Blutsonntag" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/09/Petersburger-Blutsonntag.jpg" alt="" width="167" height="210" /><br />
<small>Petersburger Blutsonntag</small></div>
<p>Es folgten die Februarrevolution von 1917 mit der Abdankung von Nikolaus II. und im Oktober der Putsch der Bolschewiki gegen die &#220;bergangsregierung unter Aleksandr F&#235;dorovi&#269; Kerenskij, der als die gro&#223;e Oktoberrevolution in die Geschichte einging. Das darauf folgende B&#252;rgerkriegsgemetzel stie&#223; selbst Revolution&#228;re wie Gorkij ab, und wer konnte, der fl&#252;chtete ins Ausland – so auch die gesamte Intelligenzija.</p>
<p>Erste Anlaufpunkte der Exilanten waren Berlin und Paris. In Berlin lie&#223; es sich f&#252;r Devisenbesitzer, wie es die Fl&#252;chtlinge gr&#246;&#223;tenteils waren, aufgrund der galoppierenden Inflation in Deutschland bis 1923 besonders gut leben. Gro&#223;-Berlin hatte 1920 ca. 3,8 Millionen Einwohner, und ca. 400.000 Russen lebten hier. Deutsche bezeichneten Berlin damals als „die zweite Hauptstadt Russlands“  und in den Bezirken Wilmersdorf, Charlottenburg, Sch&#246;neberg und Tiergarten, wo sich die Russen fast ausschlie&#223;lich niedergelassen hatten, fand sich in manchem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift „Man spricht auch deutsch“.<br />
Hier waren fast alle russischen Dichter gestrandet; alle gro&#223;en Namen der Zeit waren hier zu finden: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorkij">Maksim Gorkij</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=belyj">Andrej Belyj</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=erenburg">Ilja &#278;renburg</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksej+tolstoi">Aleksej Tolstoj</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boris+pasternak">Boris Pasternak</a>…</p>
<p><strong>Vom sozialen Gewissen zum „Leid Tragenden“</strong><br />
Die Schriftsteller hatten die politische Entwicklung – oder besser: die Nicht-Entwicklung – das ganze 19. Jahrhundert &#252;ber mahnend begleitet und den Finger auf die soziale Wunde gelegt. Immer standen in ihren Werken die Ereignisse im Vordergrund, mal L&#246;sungen fordernd wie bei den Realisten (<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ivan+turgenev">Turgenev</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostoevskij+fedor">Dostoevskij</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lev+tolstoj">Tolstoj </a>u. v. a.), mal beschreibend und die Schlussfolgerungen dem Leser &#252;berlassend wie bei den Naturalisten (<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin">Boborykin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin+sibirjak">Mamin-Sibirjak</a> u. a.). Der Schriftsteller selbst war h&#246;chstens als handelnde Figur in seinem Werk vertreten oder er bekundete seine Meinung zum Thema, indem er es satirisch behandelte (wie zum Beispiel <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykov">Saltykov-&#352;&#269;edrin</a>).</p>
<p>Je trostloser die soziale Situation wurde und je deutlicher man erkennen musste, dass alles Schreiben nichts nutzte, desto mehr begannen die Schriftsteller zu resignieren oder das Geschehen ironisch bis zynisch zu behandeln wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+cechov">&#268;echov</a>. Einige kamen zur &#220;berzeugung, dass nur noch Gewalt die Zust&#228;nde ver&#228;ndern k&#246;nnte, und wurden Revolution&#228;re – Gorkij ist der bedeutendste Vertreter dieser Gruppe. Andere, n&#228;mlich die Symbolisten, besannen sich auf sich selbst und beschrieben, wie es ihnen unter den herrschenden Umst&#228;nden ging – sie stellten also ihre eigene Person in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Und das war eigentlich das Einzige, was sie verband, denn ihre &#220;berzeugungen waren zum Teil sehr unterschiedlich (was letztlich auch ihr schnelles Verschwinden als Gruppe bewirkte). Sich selbst im Mittelpunkt zu sehen erforderte, mit den bislang g&#252;ltigen Regeln des Schreibens zu brechen: Das Festlegen auf ein Genre – Roman, Erz&#228;hlung etc. – empfanden sie als Zwang, die Volkssprache hielt immer mehr Einzug in die Hochsprache, sie experimentierten mit W&#246;rtern, sie schrieben ihre Gedanken frei und schwerelos nieder und das bei den Realisten ganz aus der Mode gekommene Gedicht r&#252;ckte wieder in den Vordergrund, denn darin konnte man vorz&#252;glich mit W&#246;rtern spielen.<br />
Ganz wesentlich war f&#252;r die Symbolisten, dass sie in Bezug auf sich selbst ehrlich sein wollten, d. h., dass sie schrieben, was sie empfanden – im Umkehrschluss aber auch, dass sie so leben wollten, wie sie schrieben. Und so waren sie eine wie die Menschheit selbst bunt gew&#252;rfelte, dabei aber  sehr selbstbezogene und  teilweise schon skurrile Gruppe, in der leidenschaftliche Auseinandersetzungen vorprogrammiert waren.<br />
Und diese bunt gew&#252;rfelte Gruppe fand sich nach der Revolution in Berlin ein.</p>
<div class="bildlinks"><img class="alignright size-full wp-image-5540" title="A. Remizov Radierung von Salschupin" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/09/A.-Remizov-Radierung-von-Salschupin.jpg" alt="" width="162" height="208" /><br />
<small>Aleksej Remizov<br />
(Radierung von S. Zal&#353;upin)</small></div>
<p><strong>Aleksej Remizov</strong><br />
Einer der Skurrilsten, wenn nicht der Skurrilste in dieser eigenwilligen K&#252;nstlergruppe war der damals legend&#228;re <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov+aleksej"><strong>Aleksej Michajlovi&#269; Remizov</strong></a>. Sein Freund Maksimilian Volo&#353;in hat ihn einmal so beschrieben:</p>
<blockquote><p>Er erinnert an einen Urgeist, ein Fabelwesen, das aus einer dunklen Spalte ans Licht gekrochen ist. Sein Aussehen &#228;hnelt dem jener Teufel, die pl&#246;tzlich aus Spielzeugsch&#228;chtel- chen herausspringen und kleine Kinder erschrecken. Die Nase, die Brauen, die Haare &#8211; alles steht, wie von einem pl&#246;tzlichen Donner ger&#252;hrt, zu Berge. Die kleine gekr&#252;mmte Gestalt, das bleiche Gesicht, aus altem braunem Tuch herausragend, runde, kurzsichtige Augen, dunkel wie H&#246;hlen, aufstrebende Brauen und eine kleine Falte, die qualvoll &#252;ber der linken Braue zittert, das spitze B&#228;rtchen, das sein rundes trauriges Gesicht mephistophelisch auslaufen l&#228;sst, die gro&#223;e traurige Stirn und Haare, die am Hinterkopf aufgewirbelt sind – diese ganze paradoxe Zusammenstellung von Linien verleiht seinem Gesicht etwas Qualvolles und Anziehendes, von dem man nicht loskommt, wie von einem R&#228;tsel, das man unbedingt l&#246;sen muss.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&amp;title=symbolismus+romanprosa">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988]</small></p>
<p>An anderer Stelle wird sein Arbeitszimmer in Berlin beschrieben, das dem in St. Petersburg geglichen haben soll:</p>
<blockquote><p>Mit Figuren und Kulissen, die er aus Russland mitgebracht hatte, schuf er sich eine eigene kleine Welt. Auf alle Besucher machte die Ausstattung des Zimmers, in das man durch einen mit Kisten und B&#252;cherschr&#228;nken vollgestellten Flur gelangte, einen tiefen Eindruck: An F&#228;den hingen seltsame Figuren von der Decke herab und ein Sammelsurium von angeblich magischen Gegenst&#228;nden war &#252;berall im Raum verteilt: »Da war ein Besen,  auf dem die Hexe Baba Jaga zu einem Treffen mit dem Teufel in die L&#252;fte flog, daneben lag ein langer Oberschenkelknochen, den Remisow irgendwo auf einem aufgehobenen Friedhof stibitzt hatte: Das sei der Oberschenkelknochen der Baba Jaga gewesen, die ein Knochenbein hatte. Ausgestopfte V&#246;gel tummelten sich auf einem d&#252;rren Ast. Alraunenm&#228;nnchen aller Art hingen an den W&#228;nden, die er f&#252;r mumifizierte Enkelkinder des Teufels erkl&#228;rte. Ein v&#246;llig abgetragener Damenschuh mit schiefem Absatz sollte dem armen Aschenputtel geh&#246;rt haben. Allerlei Gestein von sonderbaren Formationen, das wei&#223;e Horn eines Einhorns, und seine riesige aus zwei Halbkugeln bestehende Seychellennuss, die an einen nackten Kinderpopo erinnerte, diese sei weiland K&#246;nig Ludwig XIV. f&#252;r vierhunderttausend Dukaten verkauft worden, weil sie Wunderkr&#228;fte besitze. Einen v&#246;llig verschrumpelten Apfel erkl&#228;rte der Dichter als Apfel des Paris, den dieser damals heimlich weggeworfen habe, weil er zu sauer gewesen sei.«</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&amp;title=russische+schriftsteller+berlin">Thomas Urban:<em> Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre</em></a>, 2003]</small></p>
<div class="bildrechts"><img class="alignright size-full wp-image-5586" title="Brief von Remizov" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/09/Brief-von-Remizov.jpg" alt="" width="149" height="200" /><br />
<small>&nbsp; &nbsp;„B&#228;renbittschrift“, ein Brief von<br />
Aleksej Remizov</small></div>
<p>Man k&#246;nnte Remizov angesichts dieser Schilderungen f&#252;r einen „Sonderling“ oder gar f&#252;r „verr&#252;ckt“ halten, doch er war keines von beidem. Er war ganz im Gegenteil ein hoch angesehener Schriftsteller, geh&#246;rte zu den gr&#246;&#223;ten seiner Zeit und hat viele Autoren der j&#252;ngeren Generation nachhaltig beeinflusst, wie den „roten Grafen“ Aleksej N. Tolstoj, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=michail+prisvin">Michail Pri&#353;vin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=zamjatin">Evgenij Zamjatin</a> u. v. a. Selbst Maksim Gorkij, der als revolution&#228;rer Schriftsteller ja quasi auf der Gegenseite stand, empfahl jungen Schriftstellern, bei Remizov zu lernen.<br />
Remizov war bis tief ins Innerste ein Symbolist; er lebte nach der symbolistischen Vorstellung, dass der K&#252;nstler und sein Werk ein Gesamtkunstwerk bilden m&#252;ssten. Sein literarisches Feld waren die fantastische M&#228;rchenwelt, die Fabeln, die altrussischen &#220;berlieferungen, die Mythologie und das einfache Volk; doch er schrieb nicht nur dar&#252;ber, er lebte auch in dieser Welt, in die er sich angewidert von dem, was politisch um ihn herum vorging, zur&#252;ckgezogen hatte und in der seine eigenen Regeln G&#252;ltigkeit besa&#223;en. Moralische Belehrungen, Binsenwahrheiten und Rhetorik lehnte er als „tote Buchstaben“ ab, nur was aus dem Traum und der Fantasie – also aus dem Reich der Irrealit&#228;t – kam, war f&#252;r ihn wahr.</p>
<p>Noch im hohen Alter, nach einem leidvollen Leben, notierte er 1948: <em>„Ich liebe alles, was nicht &#8216;real&#8217; ist, Beschreibungen des &#8216;realen&#8217; Lebens sind f&#252;r mich wie Kartoffelschalen oder Schreib&#252;bungen.“</em> Und in seinem Dostoevskij-Essay <em>„Wermut-Stern“</em> schrieb er schon ein paar Jahre fr&#252;her:<br />
<em>„Je unwahrscheinlicher die Wirklichkeit, desto wirklicher, desto wahrer ist sie. Und nur in dieser tiefen, unglaublichen Realit&#228;t kann man die „Ursache“ menschlicher Handlungen entdecken.“</em><br />
<small>[beides zitiert nach<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow&amp;title=kaftan"> Alexej Remisow: <em>Der goldene Kaftan und andere russische M&#228;rchen</em></a>, 1981]</small></p>
<p><strong>„Gro&#223;e und Freie Affenkammer“</strong><br />
Remizovs nach au&#223;en hin skurrilste Idee, die in Wahrheit aber vor allem tiefgr&#252;ndig war, war die Gr&#252;ndung des Affenordens – der „Gro&#223;en und Freien Affenkammer“ (Obezjanja Velikaja i Volnaja Palata, abgek&#252;rzt OBEZVELVOLPAL).<br />
In seinen Rozanov-Briefen schrieb er dazu:</p>
<blockquote><p>Die Affenkammer entstand 1908, als ich an der &gt;Trag&#246;die des Judas, Prinzen von Ischariot&lt; schrieb: der Affenzar Asyka in der Trag&#246;die verleiht Affen-Ehrenzeichen.<br />
Aber die Idee von einem Affenzeichen entstammte einem Spiel. Auf der Durchreise nach Petersburg machten wir jeden Herbst in Moskau halt. Einen von den Schriftstellern um diese Zeit in Moskau anzutreffen, war nicht so einfach, alle hockten sie in ihren Malachowkas [Wochenendd&#246;rfer, hmw]. Und da spielte ich eben mit meiner kleinen Nichte Ljaljaschka (Elena Sergeevna Remizova).<br />
Man musste sich immer was Besonderes einfallen lassen. Sie bettelte in einem fort, ich solle ihr etwas machen, das kein anderer habe.<br />
Und bei der Gelegenheit machte ich ihr ein Affenzeichen – „heimlich zu tragen“ …</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mierau&amp;title=russen+berlin">Fritz Mierau: Russen in Berlin 1918 – 1933, Eine kulturelle Begegnung</a>, 1988]</small></p>
<p>Das „Affenmanifest“, sozusagen die Satzung, bestand nur aus wenigen S&#228;tzen.<br />
Zuerst wurde die Kammer zur Geheimgesellschaft erkl&#228;rt. Weiter hie&#223; es <em>„Herkunft – ungewiss, Ziele – frei erkl&#228;rte Anarchie, Absichten – unerforschlich, Mittel – keine“</em>. Mit dem Manifest sprach er alle an, die die menschliche Gemeinheit, die die Welt des Traums und des Wortes beschmutzt, verachten, und verk&#252;ndete allen <em>„geschw&#228;nzten und ungeschw&#228;nzten … Anh&#228;ngern, dass hier in den W&#252;sten und W&#228;ldern kein Platz sei f&#252;r widerliche menschliche Heuchelei, dass hier Ma&#223;e und Gewichte stimmen, dass L&#252;ge immer L&#252;ge und Heuchelei immer Heuchelei sein w&#252;rden.“ </em><br />
Auf diese Weise wurde den Mitgliedern die Pflicht zur Selbsterkenntnis auferlegt – jeder musste sich in seinem Tun und Lassen immer wieder selbst &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Remizov erkl&#228;rte sich selbst zum „Cancellarius“ des Ordens, und aufgenommen wurden Menschen, die sich durch Originalit&#228;t auszeichneten. Die Mitglieder wurden zu „Kavalieren“ oder „F&#252;rsten“ ernannt und bekamen einen Beinamen; Maksim Gorkij, der den h&#246;chsten Rang in der Hierarchie inne hatte, war z. B. „Affenf&#252;rst und Stellvertreter des Altmeisters in Deutschland und Affenritter mit dem Globus“, der rote Graf Aleksej Tolstoj, der wegen seiner Schulden aus Paris nach Berlin gefl&#252;chtet war, hie&#223; „Fl&#252;chtiger Affenf&#252;rst von Paris“, der humorlose <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ivan+bunin">Ivan Bunin</a> „Gro&#223;er Mufti“; der religi&#246;se <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boris+zajcev">Boris Zajcev</a> wurde zum „F&#252;rstbischof“ geweiht (wor&#252;ber er gar nicht lachen konnte), der an Liebeskummer leidende <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sklovskij">Viktor &#352;klovskij</a> wurde zum „kurzschw&#228;nzigen Jungaffen“ und der als Zyniker verschriene Ilja &#278;renburg zum „Ritter mit dem Laufk&#228;ferr&#252;ssel“ (nach dem Laufk&#228;fer, der zu seiner Verteidigung eine &#228;tzende Fl&#252;ssigkeit verspritzt). Alle hatten einen Mitgliederausweis, den Remizov in einer eleganten Kursivhandschrift des 17. Jahrhunderts geschrieben hatte, mit Unterschrift und Signet des Affenk&#246;nigs Asyka.</p>
<div class="bildrechts"><img class="alignright size-full wp-image-5575" title="OBEZVEVOLPAL Remizov" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/09/OBEZVEVOLPAL-Remizov.jpg" alt="" width="164" height="212" /><br />
<small>&nbsp; &nbsp;OBEZVELVOLPAL</small></div>
<p>1922, als Asyka I., der oberste Herr der Freien Affen, durch seinen Cancellarius in Berlin-Charlottenburg das Manifest in neuer Fassung verk&#252;nden lie&#223;, hatte der Affen- orden schon &#252;ber 100 Mitglieder – russische Schriftsteller, Verleger, Philosophen, Maler und Musiker. Alles, was Rang und Namen hatte, war vertreten. Mit allen pflegte Remizov witzige und teils hintergr&#252;ndige Briefwechsel, und alle hatten das Recht, jederzeit in die „Gro&#223;e und Freie Affenkam- mer“ zu kommen<em> „wie zu sich nach Hause“</em>.</p>
<p>Um den tieferen Sinn dieser nach au&#223;en hin witzig-skurrilen „Erfindung“ Remizovs zu verstehen, muss man die Erz&#228;hlung vom Affenk&#246;nig Asyka (1908) kennen. In ihr ist die Welt grotesk verdreht: Die Affen stellen das Menschliche dar und die Menschen (speziell die russischen Menschen) sind &#228;ffisch. Auf diese Weise f&#252;hrt Remizov das „menschliche“ Verhalten ad absurdum. Scheinbar unumst&#246;&#223;liche Wahrheiten werden durch die absurde Verfremdung hinterfragt. Das Affensymbol wird auf diese Weise f&#252;r Remizov zum Symbol f&#252;r Freiheit, f&#252;r totale Unabh&#228;ngigkeit – nicht umsonst benutzt er das Wort „volnaja“, das absolute Ungebundenheit bedeutet, und nicht das Wort „svoboda“, das f&#252;r verantwortungsvolle Freiheit im Sinne der Aufkl&#228;rung steht. Es ist ein Protest gegen die politische und soziale Verknechtung seiner Zeit … und ein Protest gegen die althergebrachten Regeln der Schriftstellerei des Realismus.</p>
<p>Ein Spleen entpuppt sich hier als Lebensweisheit.</p>
<p>In Teil II wird der Lebensweg Remizovs und sein Schaffen dargestellt. Am Ende von Teil II. finden Sie das Literaturverzeichnis.</p>
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		<title>Fëdor Sologub, der „S&#228;nger des Todes“ &#8211; Teil I</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-i/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-i/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 26 Aug 2011 09:39:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander III.]]></category>
		<category><![CDATA[Décadence]]></category>
		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Hanns-Martin Wietek]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnungslosigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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		<category><![CDATA[Symbolismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich nehme ein St&#252;ck grauen, armseligen Lebens und schaffe daraus eine liebliche Legende, weil ich ein Dichter bin. Magst du, Leben, in Dunkelheit verharren, tr&#252;b und allt&#228;glich, oder in w&#252;tenden Br&#228;nden toben, ich, der Dichter, werde &#252;ber dir eine von mir geschaffene Legende aufbauen &#8211; eine Legende vom Sch&#246;nen und vom Entz&#252;ckenden. [Anfang der Legende [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ich nehme ein St&#252;ck grauen, armseligen Lebens und schaffe daraus eine liebliche Legende, weil ich ein Dichter bin. Magst du, Leben, in Dunkelheit verharren, tr&#252;b und allt&#228;glich, oder in w&#252;tenden Br&#228;nden toben, ich, der Dichter, werde &#252;ber dir eine von mir geschaffene Legende aufbauen &#8211; eine Legende vom Sch&#246;nen und vom Entz&#252;ckenden.</p></blockquote>
<p><small>[Anfang der <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=legende+werden">Legende im Werden</a></em> von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub">Fëdor Sologub</a>, &#252;bersetzt von Friedrich Schwarz]</small></p>
<div class="bildlinks">
<a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-i/sologub-im-alter-von-7-jahren/" rel="attachment wp-att-5298"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/Sologub-im-Alter-von-7-Jahren.jpg" alt="" title="Sologub im Alter von 7 Jahren" width="138" height="200" class="alignright size-full wp-image-5298" /></a><br /><small>Sologub mit 7 Jahren</small></div>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub+fedor">Fëdor Sologub</a></strong> (eigentlich Fëdor Kuzmi&#269; Teternikov), am 17. Februar <sup>jul.</sup>/ 1. M&#228;rz <sup>greg.</sup> 1863 in St. Petersburg geboren, geh&#246;rt zusammen mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=brjussow">Valerij Brjusov</a> (*1873, †1924) und Nikolaj Minskij (*1855, †1937) zur &#228;lteren Generation der russischen Symbolisten. Schon mit zw&#246;lf Jahren schrieb er Gedichte (die verloren gegangen sind), im Jahr 1882 verteidigte er am Sankt Petersburger Lehrerbildungsinstitut seine Diplomarbeit mit dem Titel <em><strong>M&#228;rchen des Tierepos und die Ethik</strong></em> (im Original <em><strong>Skazki &#382;ivotnovo &#279;posa i nravstvenno-bytovye</strong></em>) und 1884 ver&#246;ffentlichte er (noch unter seinem richtigen Namen) in der Kinderzeitschrift <em>Wesna </em>(dt. Fr&#252;hling) die Fabel „Fuchs und Igel“. Letzteres Ereignis gilt als der eigentliche Beginn von Sologubs schriftstellerischer T&#228;tigkeit.<br />
Sologub hat sehr bewusst die Bl&#252;tezeit des russischen Realismus mit ihren Gr&#246;&#223;en <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski">Dostoevskij </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Tolstoj </a>miterlebt, ebenso jedoch auch ihren „Niedergang“, den &#220;bergang zum Naturalismus. Politisch gepr&#228;gt wurde er von der hoffnungslosen Zeit der Repression unter Alexander III., die er als Lehrer an verschiedenen Orten in der Provinz erlebt (oder besser: durchgestanden) hat.<br />
[Die f&#252;r das Verst&#228;ndnis von Fëdor Sologubs Schaffen wichtigen gesellschaftspolitischen und k&#252;nstlerischen Voraussetzungen wurden in den Essays <a href="http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/">Kaiser Alexander III.</a> und <a href="http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/">Aufbruch in die Moderne – die russischen Symbolisten</a> dargelegt.]<br />
<span id="more-5291"></span><br />
Fëdor Sologub geh&#246;rte nicht nur zu der kleinen Gruppe von Schriftstellern dieser Zeit, die nicht „von Adel“ waren; er stammte sogar aus sehr &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen. (Ein ausf&#252;hrlicher tabellarischer Schaffens- und Lebenslauf kann <a href="http://sologub.narod.ru/deutsch/deutsch_bio2.htm">hier </a>nachgelesen werden). Sein Vater, ein ehemaliger Bauer, war Schneider in St. Petersburg; er starb, als Sologub erst vier Jahre alt war. Die Mutter war gezwungen, als W&#228;scherin zu arbeiten und sp&#228;ter ihre alte Stelle als Dienstmagd einer adeligen Familie wieder anzunehmen, was zur damaligen Zeit bedeutete, bar jeglichen sozialen Schutzes von den Brosamen der Herrschaft zu leben. Im Haus dieser Familie verlebte Sologub seine ganze Kindheit und Jugend, immer das eigene soziale Elend und die Kultiviertheit der Herrschaft vor Augen, an der er zumindest ein St&#252;ck weit teilhaben konnte, denn er wurde zum Lernen angehalten und unterst&#252;tzt. Es war ein heftiges Kontrastprogramm, das er durchlebte: Hier die F&#246;rderung und strenge Aufsicht durch die adeligen Arbeitgeber, dort die v&#246;llig &#252;berforderte Mutter, die Dienstmagd, die ihre eigene Qual an den Kindern auslie&#223; und sie bei jeder Gelegenheit pr&#252;gelte – wobei ihn nicht so sehr die Pr&#252;gel schmerzte, sondern die Dem&#252;tigung, die er durch die Pr&#252;gel erfuhr. In der Erz&#228;hlung „Trost“ (im Original „Ute&#353;enie“, 1899 ) hat Sologub diese Zeit beschrieben – was eine Seltenheit bei ihm ist, denn er hinterlie&#223; ansonsten nichts Autobiografisches; lediglich seine Erfahrungen sind in sein Werk eingegangen.</p>
<p>Sologub besuchte mehrere Schulen und begann 1878 seine Ausbildung zum Lehrer, machte 1882 sein Examen, wurde in den Staatsdienst &#252;bernommen und unterrichtete zehn Jahre lang in verschiedenen Provinzst&#228;dten. In dieser Zeit schrieb er haupts&#228;chlich Gedichte, die sp&#228;ter dann ver&#246;ffentlicht wurden; es blieb ihm allerdings auch gar nichts anderes &#252;brig, denn als Staatsbeamter „revolution&#228;re“ Schriften zu ver&#246;ffentlichen, w&#228;re ihm schlecht bekommen. Der an die Hauptstadt gew&#246;hnte Sologub empfand das Leben in der Provinz als trostlos und deprimierend – es war so schlimm, dass er den Ansporn zum Schreiben verlor. Aus dieser Zeit resultierte die Einsicht, dass der Tod besser als das Leben, ja eine Erl&#246;sung sei. Hoffnungslosigkeit, t&#246;dliche Langweile und Einsamkeit geh&#246;rten zu seinen st&#228;ndigen Begleitern, Grunderfahrungen, die sp&#228;ter den symbolistischen Dichtern der Décadence zur Inspiration wurden. Seinen Niederschlag  fand dieser Lebensabschnitt in Sologubs Romanen <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=daemon">Der kleine D&#228;mon</a></strong></em> (im Original <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=melkij+bes">Melkij bes</a></strong></em>, 1907) und <em><strong>Schwere Tr&#228;ume</strong></em> (im Original <em><strong>Tja&#382;ëlye Sny</strong></em>, 1896).<br />
Im Jahr 1892 schaffte es Sologub endlich, aus dieser trostlosen Umgebung herauszukommen – er wurde nach St. Petersburg versetzt. Nun ging es mit seinem Bekanntheitsgrad – besonders, aber nicht nur, unter seinen Dichterkollegen – sehr schnell aufw&#228;rts. Ab 1893 ver&#246;ffentlichte er, um sein Ministerium nicht zu beunruhigen, unter seinem Pseudonym. Von 1895 an verkehrte er im Kreis der „modernen“ Schriftsteller, zu dem u. a. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=zinaida+gippius">Zinaida Gippius</a> (auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sinaida+hippius">Sinaida Hippius</a>, *1869, †1945), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+tschechow">Anton &#268;echov</a> (*1860, †1904), Konstantin Fofanov (*1862, †1911), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=balmont">Konstantin Balmont</a> (*1867, †1942 ), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=rozanov+vasilij">Vasilij Rozanov</a> (*1856, †1919) und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=brjussow">Valerij Brjusov</a> (*1873, †1924) geh&#246;rten.<br />
Etwa zehn Jahre sp&#228;ter richtete er selbst den literarisch Zirkel „Sonntage“ ein, dem alles beiwohnte, was unter Schriftstellern, K&#252;nstlern und Schauspielern Rang und Namen hatte: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+blok">Aleksandr Blok</a> (*1880, †1921), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=michail+kusmin">Michail Kuzmin</a> (*1875, †1936), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remizov">Aleksej Remizov</a> (*1877, †1957), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorodetskii">Sergej Gorodeckij</a> (*1884, †1967), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=vjaceslav+ivanov">Vja&#269;eslav Ivanov</a> (*1866, †1949), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leon+bakst">Léon Bakst</a> (*1866, †1924), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dobushinski">Mstislav Dobu&#382;ynskij</a> (*1875, †1957), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksej+tolstoj">Graf Aleksej Nikolaevi&#269; Tolstoj</a> (*1883, †1945) u. v. a. Auch Politiker und Rechtsanw&#228;lte geh&#246;rten zu Sologubs G&#228;sten.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-i/f-sologub-und-an-tschebotarewskaja-anfang-der-1910er-jahre/" rel="attachment wp-att-5311"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/F.-Sologub-und-An.-Tschebotarewskaja.-Anfang-der-1910er-Jahre.jpg" alt="" title="F. Sologub und An. Tschebotarewskaja. Anfang der 1910er Jahre" width="152" height="200" class="alignright size-full wp-image-5311" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sologub mit seiner Frau<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Anastasia Tschebotarewskaja</small></div>
<p>An dieser Stelle ist eine kleine Episode erw&#228;h- nenswert, weil sie damals als „Petersburger Skandal mit dem Affenschwanz“ betr&#228;chtliches Aufsehen erregte und sehr bezeichnend f&#252;r die damalige Zeit und den K&#252;nstlerkreis der Décadence ist:<br />
Wie in Russland (auch heute noch) vielerorts &#252;blich, feierte man am 3. Januar 1911 einen Maskenball, um das neue Jahr zu feiern. In Sologubs Salon erschien Graf Aleksej Tolstoj ohne Kost&#252;m und bat Sologubs (damals noch) Lebensgef&#228;hrtin um Etwas zum Verkleiden. Sie gab ihm mit der Bitte um besondere Vorsicht ein sehr wertvolles Affenfell, das sie von einer Aristokratin geschenkt bekommen hatte. Nach kurzer Zeit jedoch erregte Aleksej Remizov, unter dessen Jackett ein Affenschwanz hervorragte, auf der einen Seite betr&#228;chtliche Heiterkeit und auf der anderen Missfallen und Abscheu. Remizov, bekannt f&#252;r seine derben Scherze, hatte 1908 begonnen, die literarische Geheimgesellschaft <em>Gro&#223;e und freie Kammer der Affen</em> (<em>Obezvelvolpal</em>) zu gr&#252;nden, die sich &#252;ber die zu jener Zeit &#252;blichen literarischen Dichterschulen und k&#252;nstlerischen Programme lustig machte und mit Tabubr&#252;chen experimentierte, und die heftige Reaktion eines Teils der Anwesenden l&#228;sst wohl vermuten, dass der Affenschwanz nicht an seinem R&#252;cken herausragte.<br />
Sologubs Lebensgef&#228;hrtin machte ihm heftige Vorw&#252;rfe ob des abgeschnittenen Schwanzes und Remizov hatte noch lange damit zu tun, alle Vorw&#252;rfe von sich zu weisen, indem er – auch in Briefen – behauptete, er habe den Schwanz gefunden. Es blieb nur noch der Graf als „b&#246;ser Bube“; der allerdings tat nichts, um die Sache aufzukl&#228;ren. Die Angelegenheit kam sogar vor ein Schiedsgericht. Sologubs Frau verlangte von allen ihren Bekannten und G&#228;sten, den Graf in Zukunft als persona non grata zu behandeln, und tats&#228;chlich verschwand Graf Aleksej Nikolaevi&#269; Tolstoj f&#252;r einige Jahre von der Petersburger Bildfl&#228;che. Erst kurz vor seinem Lebensende, also 40 Jahre sp&#228;ter, gestand er, dass er der &#220;belt&#228;ter gewesen war. </p>
<p>In seiner Petersburger Zeit als Lehrer kletterte Sologub in der Beamtenhierarchie best&#228;ndig nach oben und wurde sogar mit Orden ausgezeichnet. W&#228;hrend der ersten Russischen Revolution 1905 aber arbeitete er an revolution&#228;ren Zeitschriften mit; nach ihrem Scheitern nahm er1907 seinen Abschied aus dem Staatsdienst. In dieser Zeit entstanden auch seine <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=fabeln">Kleinen politischen Fabeln und M&#228;rchen</a></strong></em>, die es an Bissigkeit durchaus mit denen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow">Saltykov-&#352;&#269;edrins</a> aufnehmen k&#246;nnen, anders als diese aber weit &#252;ber das Politisch-Satirische hinausgehen und die menschlichen Schw&#228;chen gei&#223;eln.<br />
Von 1913 bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution1917 machte er unz&#228;hlige Vortrags- und Lesereisen in ganz Russland bis nach Sibirien und in die S&#252;dukraine; 1909 war er in Frankreich, 1914 in Deutschland, Spanien und Frankreich.<br />
Die Revolution von 1917 begr&#252;&#223;te Sologub insoweit, als er &#252;ber die Abdankung des Zaren froh war; er lehnte jedoch das Chaos und die Brutalit&#228;t der Bolschewiki ab und schrieb daher f&#252;r unabh&#228;ngige Zeitungen. Sein Antrag auf Ausreise wurde 1919 abgelehnt. 1921 starb seine Frau, was ihn schwer traf und seine Kreativit&#228;t nahezu zum Erl&#246;schen brachte. 1924 wurde er zum Ehrenpr&#228;sidenten der Petersburger &#220;bersetzerabteilung des Schriftstellerbundes, 1925 zum Pr&#228;sidenten der Neoklassikervereinigung und 1926 zum Pr&#228;sidenten des Petersburger Schriftstellerbundes gew&#228;hlt.<br />
Am 5. Dezember 1927 starb Sologub in St. Petersburg/Leningrad.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-i/feodor-sologub-1913/" rel="attachment wp-att-5316"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/Feodor-Sologub-1913.jpg" alt="" title="Feodor Sologub 1913" width="150" height="200" class="alignright size-full wp-image-5316" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sologub im Jahr 1913<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;(Quelle aller verwendeten<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bilder: Sologub.narod.ru)<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;</small></div>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fedor+sologub"><strong>Fëdor Sologub</strong></a> war ein ungemein vielseitiger und produktiver Schriftsteller, bereits 1914 z&#228;hlte seine Werkausgabe 12 B&#228;nde.  Er hat – wie alle Symbolisten – zuallererst Gedichte und Poeme, lyrische Widmungen und Epigramme, dann aber auch Erz&#228;hlungen und Romane, Kritiken und kunsttheoretische Aufs&#228;tze geschrieben; er hat selbst Dramen verfasst, aber auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lev+tolstoj">Lev Tolstojs</a> <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></em> dramatisiert und nahezu 100 B&#252;cher rezensiert. Mehrere seiner Werke sind auch verfilmt worden.<br />
Schlie&#223;lich war Sologub ein gro&#223;er &#220;bersetzer: Griechische Klassiker wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=euripides">Euripides </a>(*480 v. Chr., †406 v. Chr.) und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aischylos">Aischylos </a>(*525 v. Chr., †456 v. Chr.) hat er ebenso &#252;bertragen wie die gro&#223;en Franzosen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=voltaire">Voltaire </a>(*1694, †1778) (<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=voltaire&#038;title=candide+optimismus">Candide oder Der Optimismus</a></em>) und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=balzac">Honoré de Balzac</a> (*1799, †1850) (<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=balzac&#038;title=tolldreiste+geschichten">Tolldreiste Geschichten</a></em>) und seine zeitgen&#246;ssischen Kollegen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=paul+verlaine">Paul Verlaine</a> (verschiedene Gedichte), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=henri+regnier">Henri de Régnier</a> (<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=regnier&#038;title=double">La double maîtresse</a></em>), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maupassant">Guy de Maupassant</a> (<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maupassant&#038;title=fort+mort">Fort comme la mort</a></em>, dt. <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maupassant&#038;title=stark+tod">Stark wie der Tod</a></em>) und, aus dem Englischen, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=oscar+wilde">Oscar Wilde</a> (<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wilde&#038;title=poems+in+prose">Poems in Prose</a></em>, dt. <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wilde&#038;title=prosagedichte">Prosagedichte</a></em>; „The Harlot’s House“, dt. „Das Hurenhaus“). Er war ein gro&#223;er Verehrer von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=heinrich+kleist">Heinrich von Kleist</a> (*1777, †1811) und hat dessen Werke <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kleist&#038;title=penthesilea"><em>Penthesilea</em></a>, <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kleist&#038;title=heilbronn">Das K&#228;thchen von Heilbronn</a></em> und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kleist&#038;title=zerbrochene+krug">Der zerbrochene Krug</a></em> &#252;bersetzt. Seine deutschen Zeitgenossen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=franz+werfel">Franz Werfel</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=yvan+goll">Yvan Goll</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kurt+heynicke">Kurt Heynicke</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=paul+zech">Paul Zech</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=jakob+hoddis">Jakob van Hoddis</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=georg+heym">Georg Heym</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gottfried+benn">Gottfried Benn</a> &#252;bertrug er ebenso wie das Gedichtbuch <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=taras&#038;title=kobsar">Kobsar </a></em>des gro&#223;en (heute zum ukrainischen Nationaldichter gewordenen) Lyrikers <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=taras+schewtschenko">Taras &#352;ev&#269;enko</a> (*1814, †1861), der schon damals auf Ukrainisch schrieb.</p>
<p>Seine eigenen Werke hat Sologub aber nicht selbst in fremde Sprachen &#252;bersetzt. Zumindest f&#252;r die &#220;bersetzungen ins Deutsche – und er wurde schon zu seinen Lebzeiten &#252;bersetzt – hatte er kongeniale Kollegen wie z. B. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+eliasberg">Alexander Eliasberg</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=arthur+luther">Arthur Luther</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fega+frisch">Fega Frisch</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johannes+von+guenther">Johannes von Guenther</a>, deren &#220;bersetzungen dem Original in nichts nachstehen; es ist geradezu ein Erlebnis, die ausdrucksreiche Sprache zu genie&#223;en.</p>
<p>Einen Einblick in die literarische Welt, die Sologub erschaffen hat, k&#246;nnen Sie in einem zweiten Essay nehmen, das in K&#252;rze hier erscheinen wird. Dort finden Sie auch eine Werk&#252;bersicht sowie Angaben zur weiterf&#252;hrenden Literatur.</p>
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		<title>Fëdor Sologub, der „S&#228;nger des Todes“ &#8211; Teil II</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Aug 2011 09:39:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
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		<description><![CDATA[Nachdem in Teil I des Essays die Person Fëdor Sologub im Mittelpunkt der Betrachtungen stand, soll in diesem Teil sein Schaffen umrissen werden. &#160;&#160;&#160;Sologubs Buch der M&#228;rchen, &#160;&#160;&#160;auf Deutsch erschienen 1908 Wie alle Symbolisten betrachtet auch Sologub das Leben auf dieser Welt nicht als die einzige Form des Seins. Die irdische Existenz ist nur ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem in Teil I des Essays die Person <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub+fjodor"><strong>Fëdor Sologub</strong></a> im Mittelpunkt der Betrachtungen stand, soll in diesem Teil sein Schaffen umrissen werden.</p>
<div class="bildrechts">
<a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-ii/buch-maerchen_kl/" rel="attachment wp-att-5376"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/buch-maerchen_kl..jpg" alt="" title="Abb. aus dem Katalog des Antiquariat Eppler in Karlsruhe-Gr&#246;tzingen" width="138" height="205" class="alignright size-full wp-image-5376" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sologubs <em>Buch der M&#228;rchen</em>,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;auf Deutsch erschienen 1908</small></div>
<p>Wie alle Symbolisten betrachtet auch Sologub das Leben auf dieser Welt nicht als die einzige Form des Seins.<br />
Die irdische Existenz ist nur ein Teil – und zwar der kleinere – des Menschen, denn er selbst ist Teil einer jenseitigen, allumfassenden Sph&#228;re, die seinem Erkenntnisbereich entzogen ist. Nur eines ist sicher: Diese Sph&#228;re ist vollkommen, das irdische Leben dagegen eine vor&#252;berge- hende Qual. Wie ein Wurm, den Schutz der Dunkelheit suchend, den Tag fl&#252;chtend, sich in die Erde bohrend, kr&#252;mmt sich der Mensch w&#228;hrend seiner Existenz auf Erden. Die irdische Welt ist jedoch Teil des Ganzen, dessen Gesetze auch auf sie einwirken. Der Mensch kommt aus dem Metaphysischen, der Jenseitigkeit, und wird durch seinen in die Irre geleiteten Willen in die irdische Existenz gesto&#223;en, aus der er mit dem Tode wieder ins Metaphysische entschwindet. In der Geschichte <em>„Die Kommenden“</em> aus dem <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=buch+maerchen">Buch der M&#228;rchen</a></strong></em> schreibt Sologub:</p>
<blockquote><p>Niemand wei&#223;, was kommen wird.<br />
Aber es gibt einen Ort, wo die Zukunft durch das blaue Gewebe der W&#252;nsche durchschimmert. Das ist der Ort, wo die noch Ungeborenen ruhen. Dort ist es sch&#246;n, still und k&#252;hl. Dort gibt es keinen Kummer, und statt der Luft weht dort eine Atmosph&#228;re reiner Freude, die den Ungeborenen das Atmen leicht macht.<span id="more-5352"></span><br />
Und keiner verl&#228;sst dieses Land, solange er selbst es nicht w&#252;nscht.<br />
Dort waren vier Seelen, die in ein und demselben Augenblick auf die Erde kommen wollten.<br />
Und im Nebel der W&#252;nsche tauchten die vier Elemente vor ihnen auf.<br />
Und der eine der Kommenden sprach: „Ich liebe die Erde, die weiche, warme Erde.“<br />
Und der zweite sprach: „Ich liebe das Wasser, das ewig wogende, k&#252;hle, durchsichtige.“<br />
Der dritte: „Ich liebe das Feuer, das lustige, helle, reinigende.“<br />
Und der vierte: „Ich liebe die Luft, die in die Weite und in die H&#246;he strebt, die leichte Luft des Lebens.“<br />
Und so geschah es.<br />
Der erste wurde Bergmann. Einst, da er arbeitete, brach der Schacht ein und begrub ihn.<br />
Der zweite vergoss Str&#246;me von Tr&#228;nen sein Leben lang und st&#252;rzte sich zuletzt in einen Fluss.<br />
Der dritte verbrannte in seinem Hause.<br />
Der vierte wurde gehenkt.<br />
Ihr unschuldigen, reinen Elemente … Unverstand der Wollenden.<br />
O du seliger Ort des Nichtseins, warum f&#252;hrt uns der Wille von dir fort?</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luther&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Arthur Luther: <em>Geschichte der russischen Literatur</em></a>, 1924]</small></p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-ii/f-sologub-st-petersburg-1896/" rel="attachment wp-att-5377"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/F.-Sologub-St.-Petersburg-1896.jpg" alt="" title="F. Sologub in St. Petersburg (1896)" width="174" height="181" class="alignright size-full wp-image-5377" /></a><br /><small>Sologub im Jahr 1896</small></div>
<p>Die Welt ist f&#252;r Sologub nicht die Sch&#246;pfung eines weisen, guten Gottes, sondern ein Werk Luzifers, des gefallenen Engels. Die glei&#223;end helle, alles verbrennende Sonne ist der b&#246;se Drache, der mit seinem hei&#223;en, Feuer speienden Odem alles verbrennt. Schutz bietet nur die Dunkelheit, in der der Mond mit seinem kalten, transzendierenden Licht scheint und die Sterne am Firmament ein Abbild der Unendlichkeit sind. Der Mensch hat noch eine unbewusste Ahnung von der Sph&#228;re, aus der er kommt. Die Kinder – und je kleiner sie sind, um so mehr – haben in ihrer Unber&#252;hrtheit und Unverdorbenheit noch ein Gesp&#252;r f&#252;r den jenseitigen Zustand.<br />
Aber je &#228;lter der Mensch wird, desto mehr verliert er diese „Ahnung“, desto mehr ger&#228;t er in die F&#228;nge der grausamen Gesetze der b&#246;sen Welt und wird teilweise selbst zu ihrem Vollstrecker. Das Leid, das ihn dabei &#252;berkommt, aber l&#228;sst ihn tief im Innersten sp&#252;ren, dass nur der Tod ihn wieder dorthin bringen kann, wo die Vollkommenheit herrscht und die Gesetze des B&#246;sen gebrochen sind. Nicht der Tod ist das B&#246;se, das Schreckliche – das Leben ist es. Der Tod bringt  das ersehnte Heil. Der Mensch ist erst dann gl&#252;cklich, wenn er begreift, dass das gr&#246;&#223;te Gl&#252;ck im Leben darin besteht, sterben zu d&#252;rfen.</p>
<p>Folgerichtig sind bei Sologub die Kinder – solange sie nicht von der Welt verdorben sind – die reinen und sch&#252;tzenswerten Wesen, und die, die sie den Gesetzen der Welt unterwerfen und ihnen dabei physische oder psychische Gewalt antun, die Verbrecher. Unbesorgt spazieren die Kinder in Sologubs Werken zun&#228;chst durch die Welt, bis sie allm&#228;hlich mit ihren Gesetzen konfrontiert werden. Bestenfalls begreifen sie die Regeln nicht, unterwerfen sich dem Irdischen nicht und werden daher magisch angezogen vom Tod. Sologub geht soweit, Kindergestalten zu zeichnen, die quasi als jenseitige Wesen, sichtbar, aber fast k&#246;rperlos und von den Emotionen dieser Welt unber&#252;hrt, in der Welt leben. Mitunter erscheinen den Kindern gestorbene Kinder, die sie auf den „richtigen“ Weg f&#252;hren, so zum Beispiel in der Novelle <em>„Raja“</em> aus den <em><strong>Meisternovellen</strong></em>.  Auch Schatten, die sich durch die wechselnde Beleuchtung bewegen, symbolisieren Geistwesen, die in den reinen Kinderseelen den Wunsch nach der Unendlichkeit verst&#228;rken (<em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=schatten">Schatten</a></strong></em>, 1894).<br />
Richten sich die Menschen aber nach den irdischen Gesetzen, verlieren sie den Hauch der Unendlichkeit und werden zu Tieren, die entweder selbst als B&#246;se handeln oder wie Herdentiere verzweifelt umherirren. Eines seiner bekanntesten Gedichte beginnt denn auch:</p>
<blockquote><p>„Wir sind gefangene Tiere /Klagen, so gut wir k&#246;nnen / Fest verschlossen sind die T&#252;ren / Wir k&#246;nnen sie nicht &#246;ffnen.&#8221; (Stich., 313)</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]</small></p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-ii/bildnis-fedor-sologub-von-georges-annenkoff-1921/" rel="attachment wp-att-5367"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/Bildnis-Fedor-Sologub-von-Georges-Annenkoff.-1921.jpg" alt="" title="Fedor Sologub (Bildnis von Georges Annenkoff, 1921)" width="121" height="160" class="alignright size-full wp-image-5367" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sologub auf einem<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bild von Georges<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Annenkoff, 1921</small></div>
<p>Der Prototyp des B&#246;sen – und hier greift Sologub auf seinen reichen Erfahrungsschatz zur&#252;ck – ist der Lehrer mit seinen grausamen, mittelalterlichen Erziehungsmethoden; ihn stattet er mit allen scheu&#223;lichen und gemeinen Charaktereigenschaften aus, die ihm einfallen. Er ist der oberste Verbrecher an den Kindern – und damit letztlich an den Menschen; er zerbricht und t&#246;tet die reinen Seelen.</p>
<p>Im Jahr 1907 ver&#246;ffentlichte Sologub den Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=der+kleine">Der kleine D&#228;mon</a></strong></em> (<em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=melkij">Melkij bes</a></strong></em>), der ihn schlagartig ber&#252;hmt machte. In wenigen Jahren erlebte der Roman sieben Auflagen und schon 1910 bemerkte ein Kritiker, dass es nur Gl&#252;ckspilzen gel&#228;nge, den Roman wenigstens in einer Bibliothek auszuleihen. Sologub selbst schreibt &#252;ber seinen Roman: </p>
<blockquote><p>„Dieser Roman ist ein kunstvoll gemachter Spiegel. Ich schliff ihn lange, arbeitete beharrlich an ihm. Glatt ist die Oberfl&#228;che meines Spiegels und rein seine Zusammensetzung. Vielfach ausgemessen und sorgf&#228;ltig gepr&#252;ft, weist er keine Kr&#252;mmung auf. Das H&#228;ssliche und das Sch&#246;ne spiegeln sich in ihm gleicherma&#223;en genau.&#8221;</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=christa+ebert&#038;title=symbolismus+russland">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988]</small></p>
<p><em>Der kleine D&#228;mon</em>, geschrieben zwischen 1892 und 1902, kommt dem realistischen Roman noch sehr nahe, was sicher zu seinem damaligen Erfolg beigetragen hat und ihn auch f&#252;r heutige Leser interessant und verst&#228;ndlich macht; Parapsychologisches ist noch ganz klar dem Bereich des Krankhaften zugeordnet. Der Roman ist eine bitterb&#246;se Satire auf das Provinzleben der 1880er Jahre in Russland, vor allem aber auf das Erziehungssystem.  Unter Sologubs Romanen ist er derjenige, der den heutigen Lesern sicher am zug&#228;nglichsten ist.<br />
Er handelt vom Lehrer Peredonov in einer Provinzstadt, der mit allen negativen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, die sich Sologub nur vorstellen konnte: Er ist grausam gegen&#252;ber seinen Sch&#252;lern, falsch und hinterlistig, eingebildet, dumm, ein Schmeichler gegen&#252;ber H&#246;herstehenden, der mehr und mehr einem paramoiden Wahnsinn verf&#228;llt und zum M&#246;rder wird – er ist ekelerregend, fast pervers, das B&#246;se schlechthin. Um diesen Sadisten, Alkoholiker, Heuchler und Denunzianten herum konstruiert Sologub das ebenso abscheuliche Leben in der Provinz. So wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow+iwan">Gon&#269;arovs </a><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow&#038;title=oblomow">Oblomov </a></em>zum Sinnbild des faulen Russen wurde und die dazugeh&#246;rige Charaktereigenschaft den Namen „Oblomov&#353;&#269;ina“ bekam oder Chlestakov aus <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogols </a><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gogol&#038;title=revisor">Revizor </a></em>zum Symbol f&#252;r einen verschlagenen Menschen, so wurde Peredonov zum Prototyp des abscheulich ekelerregenden Menschen.<br />
Der Geschichte um den widerlichen Peredonov stellt Sologub die Schilderung einer erotischen Beziehung zwischen einem Sch&#252;ler Peredonows und einem jungen M&#228;dchen an die Seite, die ihm damals als Pornografie angekreidet wurde.</p>
<p>Es ist hier leider nicht der Raum, auf weitere der durchaus lesenswerten Werke Sologubs einzugehen. Nur so viel sei gesagt: Sologub hat – besonders sprachlich – sehr sch&#246;ne Novellen geschrieben (die Menschen, die zu Depressionen neigen, allerdings mit Vorsicht genie&#223;en sollten) und er war ein hervorragender Lyriker, was naturgem&#228;&#223; in &#220;bersetzungen nicht ganz so deutlich erkennbar ist. Allerdings gibt es einen kleinen Band mit dem Namen <em><strong>Die Teufelsschaukel</strong></em>, der Sologubs Gedichte in russischer und deutscher Sprache enth&#228;lt, gut &#252;bersetzt und nachgedichtet von Christoph Ferber und mit einem Nachwort von Ulrich Schmid versehen.<br />
Eine Liste aller in deutscher Sprache erschienen Werke befindet sich am Ende des Essays.<br />
Eine Liste aller Einzelausgaben einschlie&#223;lich der &#220;bersetzungen ist <a href="http://sologub.narod.ru/biblio1.htm">hier </a>nachzulesen (leider nur auf Russisch).<br />
Eine ausf&#252;hrliche Bibliografie (ebenfalls nur auf Russisch) bietet die russische Wikipedia am Ende ihres <a href="http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A1%D0%BE%D0%BB%D0%BE%D0%B3%D1%83%D0%B1,_%D0%A4%D1%91%D0%B4%D0%BE%D1%80_%D0%9A%D1%83%D0%B7%D1%8C%D0%BC%D0%B8%D1%87">Sologub-Artikels</a>.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/2011/08/26/fedor-sologub-der-sanger-des-todes-teil-ii/zur-heimat-5-gedichtbuch-1906-cover-von-e-deters/" rel="attachment wp-att-5378"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/08/ZUR-HEIMAT-5.-GEDICHTBUCH-1906-Cover-von-E.-Deters.jpg" alt="" title="Cover der Erstausgabe von Sologubs f&#252;nftem Gedichtband Zur Heimat (1906)" width="123" height="190" class="alignright size-full wp-image-5378" /></a><br /><small><em>Zur Heimat</em>, Sologubs<br />
f&#252;nftes Gedichtbuch, in der<br />
Erstausgabe von 1906</small></div>
<p>Sologub hat in seinem Leben viele harte Schicksalschl&#228;ge hinnehmen m&#252;ssen. Zwei Revolutionen hat er durchlitten; zwischenzeitlich war er so arm, dass er seine Werke, handgeschrieben und zu kleinen B&#252;chern gebunden, selbst an Buchh&#228;ndler verkauft hat; seine hei&#223; geliebte Frau hat in einem Anfall von Depressionen Selbstmord begangen, sie hat sich in der Newa ertr&#228;nkt; er litt mit seinem Volk nach der Oktoberrevolution und dem Ersten Weltkrieg Hunger und Not und er war krank.<br />
Und pl&#246;tzlich, am Ende seines Lebens, ging in ihm eine erstaunlicher Ver&#228;nderung vor sich: Er, der den Teufel als seinen Vater bezeichnet und einen g&#252;tigen Gott geleugnet hat, er, der die Sonne als gr&#228;sslichen Drachen angesehen, das Licht gescheut, die Nacht gepriesen und sich nichts sehnlicher gew&#252;nscht hat als den Tod, betete zum „lieben Gott“, dass er ihn noch etwas am Leben lasse, damit er die Herrlichkeit seiner Sch&#246;pfung besingen k&#246;nne:</p>
<blockquote><p>Uners&#228;ttlich in Lieben und Hassen, / Hab‘ ich selbst mich zum Bettler gemacht, / … / Doch wie s&#252;&#223; ist der Fr&#252;hling auf Erden, / Wenn im Garten die Obstb&#228;ume bl&#252;hn, / Und wenn schimmernd im Abendrotscheine / Sich der Bach durch das Wiesengr&#252;n zieht, / … / Herr, mein Gott, der mir alles gegeben, / Kraft und Licht und das z&#252;ndende Wort – / Um der Lieder, die noch in mir leben, / Nimm mich, Herr von der Erde nicht fort!</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luther&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Arthur Luther: <em>Geschichte der russischen Literatur</em></a>, 1924]</small></p>
<p>Und er gab zu, den Kampf mit Gott verloren zu haben:</p>
<blockquote><p>Du suchtest mich heim, und Leid / Hat mir die ganze Seele ausgebrannt, – / Wir streiten nicht l&#228;nger, / Alles – entschieden, das Leben – vorbei.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=christa+ebert&#038;title=symbolismus+russland">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988]</small></p>
<p>Den Anspruch, ein Mythenerschaffer zu sein, wie er es am Anfang der Legende im Werden verk&#252;ndet hatte, gab er jedoch bis zum letzten Augenblick nicht auf:</p>
<blockquote><p>Ich selbst bestimmte des Spieles Regeln / Und verlor, doch will ich nicht / Zerschlagen der strengen Regeln Fesseln. / Meine Schulden werd ich zahlen. / Jedoch, vielleicht ist nichts zum Zahlen da. / Die Rechnung immer mehr vergr&#246;&#223;ernd / Mischen wir gl&#252;cklos die Karten. / Der letzte Bankhalter wird kom¬men. / Und zum Hasard gezwungen / Z&#228;hl alles, was verblieb, / Setz alles auf die letzte Karte / Und tr&#228;um von dem Gewinn, / Und wisse, dass der Falschspieler gnadenlos ist / Und dass die Rechnung gewal¬tig sein wird. / Und dass das Feuer aus den schwarzen L&#246;chern sei¬ner Augenh&#246;hlen t&#246;dlich sengt. </p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=christa+ebert&#038;title=symbolismus+russland">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988]</small></p>
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<h3>Literatur</h3>
<p><strong>In deutscher Sprache erschienene Werke von Fëdor Sologub:</strong><br />
<em>Schwere Tr&#228;ume</em> (Roman , einzige autorisierte &#220;bersetzung aus dem Russischen von Alexander Brauner), Leipzig: Zieger, 1897<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=schatten">Schatten</a></em> (Erz&#228;hlung, &#252;bersetzt von Alexander und Clara Brauner), Wiener Verlag, 1900<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=buch+maerchen">Das Buch der M&#228;rchen</a> </em>(&#252;bersetzt  von Johannes von Guenther), M&#252;nchen: von Weber, 1908<br />
<em>Der kleine D&#228;mon</em> (Roman), M&#252;nchen: Musarion Verlag, 1919<br />
<em>Totenzauber. Eine Legende im Werden</em> (Roman in f&#252;nf Teilen, zwei B&#228;nde, &#252;bersetzt von Fega Frisch), M&#252;nchen: Georg M&#252;ller, 1913<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=ungeborenen">Der Kuss des Ungeborenen und andere Novellen</a></em> (&#252;bersetzt von Alexander Eliasberg), Weimar: Kiepenheuer, 1918<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=politische+fabeln">Kleine politische Fabeln und M&#228;rchen</a></em> (nacherz&#228;hlt von C. K. Roellinghoff), M&#252;nchen: Georg M&#252;ller, 1921<br />
<em>S&#252;sser als Gift</em> (Roman, &#252;bersetzt  von Fega Frisch), M&#252;nchen: Musarion, 1922<br />
<em>Meisternovellen</em> (&#252;bersetzt von Alexander Eliasberg. Z&#252;rich: Manesse, 1960<br />
(enth&#228;lt: Der Kuss des Ungeborenen / Der Stachel des Todes / Raja / In der Menge / Die wei&#223;e Birke / Der Weg nach Emmaus / Die trauernde Braut / Die klugen Jungfrauen / Der Weg nach Damaskus)<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=kleine+teufel">Der kleine Teufel</a></em> (Roman), M&#252;nchen: Winkler, 1969<br />
<em>Der kleine D&#228;mon</em> (Roman, &#252;bersetzt und herausgegeben von Eckhard Thiele), Leipzig: Reclam, 1980<br />
<em>Der flammende Kreis</em> (Gedichte, ausgew&#228;hlt und &#252;bersetzt von Christoph Ferber. S&#228;chseln/Schweiz: C. Ferber, 1983<br />
<em>Tod per Zeitungsannonce</em> (im gleichnamigen Sammelband russischer Erz&#228;hlungen, herausgegeben von Elisabeth Cheaure), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=vergiftete+garten">Der vergiftete Garten: Phantastisch-unheimliche Geschichten</a></em> (&#252;bersetzt von Eckhard Thiele), Berlin: Buchverlag Der Morgen, 1988<br />
Der kleine D&#228;mon (Roman, &#252;bersetzt von Reinhold von Walther), Frankfurt am Main: Insel,1989<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=daemon">Der kleine D&#228;mon</a> </em>(Roman, &#252;bersetzt und herausgegeben von Eckhard Thiele), Frankfurt am Main: Fischer, 1990<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=vergiftete+garten">Der vergiftete Garten: Phantastisch-unheimliche Geschichten</a></em>. Frankfurt am Main: Fischer, 1990<br />
<em>Die Teufelsschaukel</em> (Gedichte in russischer und deutscher Sprache , &#252;bersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Ulrich Schmid), Z&#252;rich: Pano, 2002<br />
<em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sologub&#038;title=braut">Die trauernde Braut</a></em> (Erz&#228;hlungen), Bremen: Europ&#228;ischer Hochschulverlag, 2010</p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur</strong><br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=duewel&#038;title=geschichte+russischen+anfaengen">D&#252;wel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: <em>Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917</em></a> (in zwei B&#228;nden), 1986<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=christa+ebert&#038;title=symbolismus+russland">Ebert, Christa: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>, 1988<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+literaturgeschichte">Eliasberg, Alexander: <em>Russische Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts</em></a>, 1922<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kasack&#038;title=hauptwerke+literatur">Kasack, Wolfgang [Hrsg.]: <em>Hauptwerke der russischen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationen</em></a>, 1977<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=russischen+literatur+gegenwart">Lauer, Reinhard: <em>Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart</em>, 2000</a><br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luther&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Luther, Arthur: <em>Geschichte der russischen Literatur</em></a>, 1924<br />
Wischer, Erika [Hrsg.]: Propyl&#228;en Geschichte der Literatur, in sechs B&#228;nden, 1988
</div>
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		<title>Aufbruch in die Moderne – die russischen Symbolisten</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 15 Jul 2011 15:19:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Aleksandr Blok]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander III.]]></category>
		<category><![CDATA[Andrej Belyj]]></category>
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		<category><![CDATA[das Silberne Zeitalter]]></category>
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		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Gorki]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
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		<category><![CDATA[Symbolismus]]></category>

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		<description><![CDATA[K. A. Somow: Feuervogel Die gro&#223;e Zeit der russischen Literatur war das 19. Jahrhundert gewesen. Es war die Zeit des Realismus, f&#252;r die gro&#223;e Namen wie Nikolaj Gogol, Ivan Turgenev, Fëdor Dostoevskij und Lev Tolstoj (um nur die ber&#252;hmtesten zu nennen) stehen. In ihren Werken wurde die Lebenswirklichkeit in allen Bereichen geschil- dert – gesellschaftlich, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><a rel="attachment wp-att-5209" href="http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/somow-feuervogel-balmont/"><img class="alignright size-full wp-image-5209" title="Somow Feuervogel Balmont" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/07/Somow-Feuervogel-Balmont.jpg" alt="" width="150" height="167" /></a><br />
<small> K. A. Somow: Feuervogel</small></div>
<p>Die gro&#223;e Zeit der russischen Literatur war das 19. Jahrhundert gewesen. Es war die Zeit des Realismus, f&#252;r die gro&#223;e Namen wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gogol">Nikolaj Gogol</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenev">Ivan Turgenev</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski">Fëdor Dostoevskij</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Lev Tolstoj</a> (um nur die ber&#252;hmtesten zu nennen) stehen. In ihren Werken wurde die Lebenswirklichkeit  in allen Bereichen geschil- dert – gesellschaftlich, politisch und rein menschlich; die Schriftsteller sahen ihre Auf- gabe darin, aufkl&#228;rend, kritisch, im weitesten Sinn des Wortes erzieherisch zu wirken. Zum Zeitpunkt des Todes von Dostoevskij 1881 war der H&#246;hepunkt des Realismus erreicht. Danach sank das Interesse sowohl der Schriftsteller als auch der Leser st&#228;ndig; immer weniger sahen die Schriftsteller ihre Auf- gabe darin, „belehrend“ – d. h. positive L&#246;sungsans&#228;tze aufzeigend – zu wirken. Die Schriftsteller des sich aus dem Realismus entwickelnden Naturalismus – wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin">Boborykin </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin-sibirjak">Mamin-Sibirjak</a> – beschr&#228;nkten sich darauf, schonungslos die Finger auf die blutenden Wunden der Gesellschaft zu legen. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow">&#268;echov </a>– urspr&#252;nglich ein aufrechter Realist – glitt in Ironie und Zynismus, ja fast in die Hoffnungslosigkeit, ab. Lev Tolstoj verwarf in seinem Werk Die Beichte (1882) gar sein ganzes bisheriges Leben und Schaffen. Was war geschehen?<span id="more-5188"></span></p>
<p>Es war die Zeit Alexanders III.; eine politische und gesellschaftliche Eiszeit war &#252;ber das Land hereingebrochen. Die Reaktion&#228;re an der Spitze – Kaiser Alexander III. und seine graue Eminenz Pobedonoszev – versuchten, die gesellschaftlichen Uhren zur&#252;ckzudrehen, was ihnen aufgrund ihrer Stellung auch teilweise gelang. (Mehr zur  politischen und gesellschaftlichen Situation dieser Zeit finden Sie im Essay <a href="http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/">Kaiser Alexander III.</a>, das zum Verst&#228;ndnis der Ver&#228;nderungen wichtig ist.) Die „Narodniki“ – „Volkst&#252;mler“ –, ein Teil der Intelligenzija, der in den 1870er Jahren „ins Volk“ gegangen war, um dort aufkl&#228;rend zu wirken – hatten erkennen m&#252;ssen, dass sie das Volk mit ihren Ideen nicht erreichten; nach dem gelungenen Attentat auf Alexander II. wurden sie von Alexander III. gnadenlos verfolgt und vernichtet.</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+blok">Aleksandr Blok</a>, der Bedeutendste unter den Symbolisten, schrieb r&#252;ckblickend:</p>
<blockquote><p>. . . es gibt tats&#228;chlich nicht nur zwei Begriffe, sondern auch zwei Realit&#228;ten: Volk und Intelligenz; anderthalb Hundert Millionen auf der einen und einige Hunderttausend auf der anderen Seite; Menschen, die sich im Allerwesentlichsten nicht verstehen.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&amp;title=symbolismus+romanprosa">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>]</small></p>
<p>Immer mehr sp&#252;rten die Schriftsteller des Realismus, dass sie mit ihrem elementarsten Anliegen, das sie als den Sinn ihrer Arbeit, ja ihrer Existenz betrachteten, gescheitert waren. Alle Schriftsteller Russlands hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt &#252;ber ihre gesellschaftspolitische Aufgabe definiert; niemals hatten sie sich als K&#252;nstler gesehen, und nicht nur die Prosa (Romane, Erz&#228;hlungen, usw.), sondern auch die Lyrik (Gedichte) stand meist unter dem Diktat sozialpolitischen Engagements.<br />
Und dann standen ja auch die Zeichen der Zeit gegen sie: In Russland herrschten „Turbomaterialismus und -kapitalismus“. Die Industrialisierung, die im Westen ein halbes Jahrhundert zuvor vonstattengegangen war, wurde mit Riesenschritten nachgeholt und f&#252;hrte zu einer beispiellosen Verelendung des Volkes. Ein Teil der Schriftsteller radikalisierte sich und wurde zu Revolution&#228;ren (<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorki">Gorkij</a> u. a.), ein gro&#223;er Teil aber resignierte.<br />
Sinn- und heimatlos geworden suchten viele von ihnen nach einem  neuen Selbstverst&#228;ndnis, einer neuen Aufgabe, an der sie ihr Schaffen und Leben ausrichten konnten. Hinzu kam, dass zur gleichen Zeit die Malerei des russischen Realismus, die Zeit der gro&#223;artigen „Peredvižniki“, der „Wanderausteller“ (Ilja Repin, Ivan Šiškin, Ivan Kramskoj, Viktor Vasnecov u. a.), an Bedeutung verlor. Die neue K&#252;nstlergeneration (Michail Nesterov, Michail Vrubel, Konstantin Somov, Léon Bakst, Aleksandr Benua u. a.) richtete ihren Blick nach Westen. In Russland begann die Malerei der Moderne, in Westeuropa Jugendstil genannt (Oberbegriff Symbolismus). Ihre Maxime war, dass die Kunst zweckfrei sein m&#252;sse, dass sie nur um ihrer selbst willen bestehe – „L‘art pour l’art“ war die neue Devise. Sch&#246;nheit und das Empfinden des Malers waren Selbstzweck. In der Musik geschah &#196;hnliches, wie es zum Beispiel bei  Igor Stravinsky deutlich wird.</p>
<div class="bildlinks"><a rel="attachment wp-att-5219" href="http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/symbolismus_neu/"><img class="alignright size-full wp-image-5219" title="Symbolismus_neu" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/07/Symbolismus_neu.jpg" alt="" width="187" height="250" /></a></div>
<p>Eine entscheidende Rolle spielte die aus der Ausstellervereinigung Mir iskusstva (dt. Die Welt der Kunst) hervor- gegangene gleichnamige Zeitschrift, die der gro&#223;e Theaterschaffende Sergej Djagilev und der K&#252;nstler Aleksandr Benua (Alexandre Benois) 1899 gegr&#252;ndet hatten; hier fand man zusammen: Maler ver&#246;ffentlichten ihre Bilder, Dichter ihre Werke, Dichter schrieben zu Gem&#228;lden und Maler illustrierten die Texte der Dichter; in der Folge statteten Maler  auch Theater- auff&#252;hrungen aus (z. B. die ber&#252;hmt gewordenen „ballets russes“ von Sergej Djagilev) und last not least bildeten sich Musikzirkel. Die einstmals gesellschaftspolitisch relevante Literatur war in der Kunst angekommen und die K&#252;nste beeinflussten sich gegenseitig: die Malerei Vrubels z. B. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+blok">Aleksandr Blok</a> und die Symphonischen Dichtungen verschiedener Komponisten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=belyj">Andrej Belyj</a>.</p>
<p>Im Symbolismus steht der K&#252;nstler im Zentrum – sein Wesen, seine Empfindung, sein Denken, nicht sein Wollen oder ein Zweck. Anders als in der Romantik oder dem Impressionismus dr&#252;ckt er keine Gef&#252;hle aus, sondern – vereinfacht gesagt – sich selbst, wobei er mit Symbolen eine andere Welt erschafft.<br />
F&#252;r die Symbolisten existierten zwei Welten: auf der einen Seite die reale, wahrnehmbare Welt und auf der anderen Seite eine „jenseitige“ Welt, die (und hier spalten sich die Symbolisten schon in zwei Richtungen auf) entweder eine vom K&#252;nstler nach seinem Ideal entworfene (Brjusov) oder eine „h&#246;here“, religi&#246;s metaphysische Welt (Blok, Ivanov) ist. Und sie kannten keine Tabus; sie wollten das, was sie „darstellten“ auch leben – so kam es manchmal zu sehr skurrilen Lebensweisen, was man ihnen h&#228;ufig heftig „ankreidete“.<br />
Der Betrachter und insbesondere der Leser, der bar jeder „Grundkenntnisse“ ist, wird es schwer haben, den Sinn eines (literarischen oder grafischen) Werkes des Symbolismus zu erfassen (und das gilt besonders f&#252;r die heutigen rationalen Menschen), doch darauf kommt es dem K&#252;nstler auch gar nicht an . Er will nur sich (sein Werk) pr&#228;sentieren. Wobei zur symbolistischen Malerei (aufgrund der durch sie hervorgerufenen Gef&#252;hle) noch eher ein Zugang zu finden ist als zu den meisten literarischen Werken. Im weitesten Sinn gibt es Ber&#252;hrungspunkte zur heutigen belletristisch-esoterischen Literatur und (zumindest &#228;u&#223;erlich) zu Science-Fiction-Werken.</p>
<p>In der Literatur war es nat&#252;rlich die Lyrik, die den Symbolisten am n&#228;chsten lag – Gedichte verwendeten von jeher Symbole. Und fast alle Symbolisten waren zumindest anfangs Lyriker. Sie schrieben zwar sehr schnell auch Prosa, doch auch in dieser Gattung sind die lyrische, poetische Sprache und auch der Symbolgehalt in ihren Werken nicht zu &#252;bersehen. F&#252;r eine kurze Zeit – in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – pr&#228;gte der Symbolismus die Literatur Russlands, eine Zeit, die literarisch so fruchtbar war, dass man sie auch das „Silberne Zeitalter“ nennt – das „Goldene“ war die Puškinzeit. Er war aber nicht die einzige bedeutende Str&#246;mung dieser Epoche: Parallel dazu entwickelte sich der „revolution&#228;re“ Realismus, dessen wichtigster Protagonist <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorki">Maksim Gorkij</a> war und der sp&#228;ter in den sozialistischen Realismus &#252;berging.</p>
<p>Gro&#223;e, teils weltber&#252;hmte Namen des Silbernen Zeitalters sind: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mereschkowski">Dmitrji Sergeevi&#269; Merežkovskij</a> (*1865, †1941), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+sologub">Fëdor Sologub</a> (*1863, †1927), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=brjusov">Valerij Jakovlevi&#269; Brjusov</a> (*1873, †1924), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=balmont">Konstantin Dmitrievi&#269; Balmont</a> (*1868, †1942), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=belyj">Andrej Belyj</a> (*1880, †1934), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+blok">Aleksandr Aleksandrovi&#269; Blok</a> (*1880, †1921), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=vjaceslav+ivanov">Vja&#269;eslav Ivanovi&#269; Ivanov</a> (*1866, † 1949), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=annenskij">Innokentij Fëdorovi&#269; Annenskij</a> (*1856, †1909), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow+alexej">Aleksej Michajlovi&#269; Remizov </a>(*1877, †1957), <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=zinaida+gippius">Zinaida Gippius</a>, auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sinaida+hippius">Sinaida Hippius</a> (*1869, †1945).</p>
<div class="bildrechts"><a rel="attachment wp-att-5213" href="http://blog.zvab.com/2011/07/15/aufbruch-in-die-moderne-die-russischen-symbolisten/der-traum-1883/"><img class="alignleft size-full wp-image-5213" title="Der Traum (1883)" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/07/Der-Traum-1883.jpg" alt="" width="200" height="160" /><br />
<small> Pierre Puvis de Chavannes: Der Traum</small></a></div>
<p>Im Wesen des Symbolismus lag, dass er den Lesern keine Antworten auf die sie bedr&#228;ngenden Fragen der Zeit geben konnte (und es auch nicht woll- te). Das erwies sich als gro&#223;es Manko. Sehr bald erkannten die Schriftsteller, dass ihr „Experiment“ zum Scheitern verurteilt  war.<br />
Wann der Symbolismus am Ende war, kann man fast auf den Tag genau sagen: Es war am 7. August 1921, als der gro&#223;e Meister der Symbolisten Aleksander Blok tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde – ein Schock nicht nur f&#252;r die Dichter und die Intelligenzija. Und am 24. August wurden der Schriftsteller Gumilëv und 61 weitere erschossen. <em>„Alles, was danach kam, war nur die Fortsetzung davon: die Abreise von Belyj und Remizov ins Ausland, die Abreise Gorkijs, die Massenausweisung der Intelligenzija im Sommer 1922, der Beginn planm&#228;&#223;iger Repressionen, die Vernichtung zweier Generationen“</em>, schreibt Nina Berberova in <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=berberova&amp;title=komme+petersburg">Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie</a></em> (im Original <em>Kursif moi</em>, 1966, deutsch 1990).</p>
<p>Der Dichter <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=chodasevic">Vladislav Chodasevi&#269;</a> schrieb 1928 r&#252;ckblickend:</p>
<blockquote><p>Wer einmal die Luft des Symbolismus geatmet hatte, war f&#252;r immer gezeichnet (ob von h&#228;sslichen Malen oder von sch&#246;nen &#8211; das ist eine andere Frage). Die ,Menschen des Symbolismus&#8217; und seines Umfeldes erkannten einander. Sie hatten alle etwas gemeinsam, nicht nur in ihren Werken, sondern auch in ihren Pers&#246;nlichkeiten. Sie mussten sich nicht unbedingt lieben, sie konnten verfeindet sein und einander nicht besonders hoch sch&#228;tzen…  Eine intensive Verbindung von Menschen einer Epoche war das keinesfalls; aber sie geh&#246;rten dennoch zueinander &#8211; als ,Br&#252;der wider Willen&#8217; gegen&#252;ber den unverst&#228;ndigen Zeitgenossen…  In die Werke der Symbolisten ist die komplizierte und teilweise verworrene Geschichte einer ganzen Lebensphase vieler Menschen verwoben. Viele Werke (d. h. Kapitel und Episoden dieser Geschichte) k&#246;nnen nur &#252;ber Vergleiche und Ann&#228;herungen begriffen werden…  Am Ende erschlie&#223;t sich alles Bedeutende nicht anders als &#252;ber die innere und &#228;u&#223;ere Biografie des Verfassers. Und das nicht nur, weil die Symbolisten vor allem Lyriker waren (auch im Roman und im Drama). Das vorherrschend Lyrische bei ihnen ist selber die Folge einer tiefen, einer prim&#228;ren Ursache: n&#228;mlich der engen und untrennbaren Verbindung von Schreiben und Leben. Ja, gerade bei diesen, die so oft f&#252;r ‚intellektuell&#8217; oder ,unaufrichtig&#8217; erkl&#228;rt wurden, war die Verbindung von Leben und Kunst so stark, ja unzerrei&#223;bar, wie das vielleicht fr&#252;her nur bei wenigen und sp&#228;ter bei niemandem mehr anzutreffen war.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&amp;title=symbolismus+romanprosa">Christa Ebert: <em>Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys</em></a>]</small></p>
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<h3>Literatur:</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ebert&amp;title=symbolismus+romanprosa">Ebert, Christa: Symbolismus in Ru&#223;land – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys.</a> Berlin: Akademie-Verlag, 1988<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&amp;title=geschichte+russischen+literatur+gegenwart">Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart.</a> M&#252;nchen: C.H. Beck Verlag, 2000<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luther&amp;title=geschichte+russischen+literatur">Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur.</a> Leipzig: Bibliographisches Institut, 1924<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=grasshoff&amp;title=geschichte+russischen+literatur">D&#252;wel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917 (in zwei B&#228;nden).</a> Berlin: Aufbau-Verlag, 1986<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=berberova&amp;title=komme+petersburg">Berberova, Nina: Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie</a> (im Original <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=berberova&amp;title=kursif">Kursif moi</a>, 1966, dt. 1990)</p>
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		<title>Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin – Teil 2</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/05/24/aleksandr-ivanovi-kuprin-teil-2-2/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 May 2011 10:28:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>

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		<description><![CDATA[Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin Zu Teil 1 &#8211; Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin Die Zeit bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieges war f&#252;r Kuprin nerven- und kr&#228;ftezehrend: Trennung von seiner Frau, Heirat der zweiten Frau, ein aufreibendes Boheme-Leben, Reisen von Finnland bis auf die Krim. Literarisch war es jedoch eine fruchtbare Zeit. Von den vielen, in dieser Zeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin2.jpg" alt="" title="Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin" class="alignright size-full wp-image-5124" /><br /><small>Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</small></a></div>
<p><a href="http://blog.zvab.com/2011/05/24/aleksandr-ivanovic-kuprin-teil-1-2">Zu Teil 1 &#8211; Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</a></p>
<p>Die Zeit bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieges war f&#252;r Kuprin nerven- und kr&#228;ftezehrend: Trennung von seiner Frau, Heirat der zweiten Frau, ein aufreibendes Boheme-Leben, Reisen von Finnland bis auf die Krim. Literarisch war es jedoch eine fruchtbare Zeit. Von den vielen, in dieser Zeit entstandenen Werken sind in deutscher Sprache erschienen:<br />
Die Kr&#228;nkung (1906), eine Erz&#228;hlung voller schwarzem Humor, in der sich die &#8222;Zunft&#8220; der Diebe dagegen wehrt, f&#252;r die Pogrome gegen die Juden verantwortlich zu sein, wof&#252;r die Polizei sie &ndash; der Einfachheit halber &ndash; verantwortlich macht und pr&#252;gelt.<span id="more-5152"></span><br />
Die mechanische Rechtspflege (1907) ist fast eine Persiflage auf das Rechtssystem.<br />
In Gambrinus (1907) ist ein kleiner j&#252;discher Geiger der Held, der alle Widerst&#228;nde und Anfeindungen im wahrsten Sinn des Wortes &#252;berlebt und sich am Schluss als der moralisch St&#228;rkere und Standhaftere erweist.<br />
Smaragd (1907) ist ein hervorragendes Rennpferd &ndash; die Erz&#228;hlung ist dem Leinwandmesser von Lev Tolstoj gewidmet &ndash;, das aufgrund der Machenschaften bei Pferderennen nicht nur um seinen Ruhm betrogen, sondern am Ende auch noch vergiftet wird.<br />
Mit dem Roman Jama (auch die Gruft 1909 bis 1915) &ndash; eine Sittengeschichte &ndash; erregte Kuprin erneut gro&#223;es Aufsehen. Sehr freiz&#252;gig und offen schildert Kuprin das Leben in einem Bordell in einer s&#252;dukrainischen Stadt, wobei er die Bewohner und Besucher sehr genau portr&#228;tiert (was &#252;berhaupt eine seiner St&#228;rken ist); nicht die &#8222;Damen&#8220; sind die zu Verurteilenden, sondern die nach au&#223;en hin ehrbaren Besucher und die sozialen Missst&#228;nde, die die Frauen in diese Notsituation gebracht haben. Der Roman machte so viel Furore, dass noch Jahre danach Studenten auf die Stra&#223;e gingen, um gegen diese sozialen Bedingungen aufzubegehren.<br />
In Die Hochzeit (1908) benimmt sich wieder einmal ein zaristischer Offizier auf einer j&#252;dischen Hochzeit, auf der er herzlich willkommen gehei&#223;en wurde, vollst&#228;ndig besoffen uns&#228;glich daneben &ndash; allerdings bereut er am n&#228;chsten Tag wenigstens und bittet um Verzeihung.<br />
Das Granatarmband (1910). Diese Erz&#228;hlung z&#228;hlt sicher zu den sch&#246;nsten, tiefsinnigsten und aufw&#252;hlendsten Kuprins und beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie handelt von der reinen, wahren, selbstlosen Liebe eines jungen Mannes, der lieber in den Tod geht, als seine Angebetete in Schwierigkeiten zu bringen. Erst nach seinem Tod wird der Frau klar, wie gro&#223; und ehrlich die Liebe des Mannes war &ndash; des Mannes, den sie nie gesehen hatte und der ihr nur wenige Male geschrieben hatte. W&#228;hrend sie &#8222;seine&#8220; Musik &ndash; &raquo;L. van Beethoven Sonate D-Dur op. 2, Nr. 2., Largo Appassionato.&laquo; &ndash; h&#246;rt, begreift sie, was wahre Liebe ist.<br />
In der Erz&#228;hlung Der schwarze Blitz (1912) zeigt sich Kuprins ganze Perfektion bei der Schilderung von Milieus, menschlichen Typen und der Beschreibung der Natur und den Naturgewalten. Sie ist eine Perle der Literatur. Zwei kurze Ausz&#252;ge:</p>
<p>Die hiesigen Kleinb&#252;rger sind ein raues, frommes und misstrauisches V&#246;lkchen. Was sie machen und wovon sie leben, ist unergr&#252;ndlich. Im Sommer werkelt der eine oder andere unter ihnen noch am Fluss herum und treibt das zu Fl&#246;&#223;en zusammengebundene Holz stromabw&#228;rts; doch ihr winterliches Dasein bleibt geheimnisvoll. Sie erheben sich sp&#228;t, nach Sonnenaufgang, und starren den ganzen Tag aus dem Fenster auf die Stra&#223;e, wobei ihre platt gedr&#252;ckten Nasen und rissigen Lippen als wei&#223;e Flecken auf der Scheibe zu sehen sind. Zu Mittag essen sie, wie Rechtgl&#228;ubige, um zw&#246;lf Uhr, und nach dem Essen schlafen sie. Schon um sieben Uhr abends wird das Tor mit einem schweren Eisenriegel verschlossen, und jeder Hausherr l&#228;sst den alten, b&#246;sen, struppigen, grauschn&#228;uzigen und vom Bellen heiseren K&#246;ter eigenh&#228;ndig von der Kette, und bis zum Morgen schnarchen sie in warmen, schmutzigen Federbetten inmitten eines Berges aus Kissen beim friedlichen Schein der bunten Ikonenl&#228;mpchen. Sie schreien entsetzlich im Schlaf, wenn ein schrecklicher Albtraum sie qu&#228;lt, und wenn sie erwachen, kratzen sie sich ausgiebig, schmatzen und sprechen ein extra zu diesem Zwecke vorgesehenes Gebet gegen den Hausgeist.</p>
<p>Der erste Blitz zuckte, es begann zu donnern, und mit dumpfem Poltern st&#252;rzte der Blitz herab; ihm folgte ein zweiter, ein dritter.<br />
Es war eines jener schrecklichen Gewitter, die sich manchmal &#252;ber gro&#223;en Tiefebenen entladen. Der Himmel flammte nicht auf von den Blitzen, sondern schien gleichsam ununterbrochen zu leuchten in ihrem zuckenden grellwei&#223;en, hell-und dunkelblauen Widerschein. Und der Donner verstummte keinen Augenblick. Es schien, als finde dort oben irgendein teuflisches Spiel mit himmelhohen Kegeln statt. Mit dumpfem Getose jagten dort unglaublich gro&#223;e Kugeln entlang, immer n&#228;her, immer lauter, und pl&#246;tzlich &ndash; trrrachta-ta-trach &ndash; fielen auf einmal die Riesenkegel um.<br />
Und da sah ich einen schwarzen Blitz. Ich sah, wie im Osten der Himmel, ohne zu verl&#246;schen, von den Blitzen loderte, sich pausenlos bald dehnte, bald zusammenzog, und pl&#246;tzlich sah ich auf diesem blauen, von Feuern zuckenden Himmel mit ungew&#246;hnlicher Deutlichkeit einen nur kurz w&#228;hrenden, blendend schwarzen Blitz. Und gleichzeitig mit ihm riss ein f&#252;rchterlicher Donnerschlag Himmel und Erde entzwei und warf mich zu Boden, auf die B&#252;lten. Als ich wieder zu mir kam, h&#246;rte ich hinter mir Jakobs zitternde, schwache Stimme: &rsaquo;Herr, was ist das, lieber Gott&#8230; Wir sterben,<br />
o Himmel &#8230; Ein Blitz &#8230; ein schwarzer &#8230; lieber Gott, lieber Gott!&lsaquo;<br />
Zitiert nach &#8222;Alexander Kuprin, Meistererz&#228;hlungen, &#252;bersetzt von Eveline Passet, Manesse Verlag 1989.</p>
<p>Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Kuprin als Reserveoffizier eingezogen, kurz danach aber aus gesundheitlichen Gr&#252;nden entlassen und richtet in Ga&#269;ina (in der N&#228;he von St. Petersburg) auf seinem Anwesen ein Lazarett ein. Bei Ausbruch der Russischen Revolution bezieht er zum ersten Mal politisch klar Stellung: Er tritt in die zu den rechten Sozialrevolution&#228;ren z&#228;hlende &raquo;Partei der Volkssozialisten&laquo; ein und redigiert deren Zeitung &raquo;Freies Russland&laquo;; mit den Bolschewiki kann er sich nicht recht befreunden, denn sie sind ihm zu stark ideologisiert. 1918 arbeitet er in Gorkijs Verlag &raquo;Weltliteratur&laquo; mit &ndash; Gorkij wetterte damals heftig gegen die Willk&#252;r und Selbstherrlichkeit der bolschewistischen Revolution&#228;re. Im Oktober 1919 wird Ga&#269;ina von den Truppen der Wei&#223;en Armee unter dem General Judeni&#269; eingenommen. Als kurz darauf die Rote Armee (Bolschewiki) Ga&#269;ina zur&#252;ckerobert, flieht Kuprin mit seiner Familie nach Finnland und von dort Mitte 1920 weiter nach Paris.<br />
Im Exil in Paris ging es ihm wie vielen russischen, emigrierten Schriftstellern: Er war von seinen Wurzeln abgeschnitten &ndash; eine f&#252;r Russen besonders tragische Situation. Hinzukam, dass die Emigranten in Paris ein kunterbunt &#8222;zusammengew&#252;rfelter&#8220; Haufen war. Hier lebten Zarentreue, b&#252;rgerliche Demokraten, Adelige, Sozialdemokraten, gem&#228;&#223;igte Sozialisten, Angeh&#246;rige der Wei&#223;en Armee, eingeschworene Gegner der Revolution und Anh&#228;nger der Revolution, die nur vor den Exzessen geflohen waren, Spieler, Hasardeure &ndash; kurzum, das Einzige, was sie verband, war, dass sie geflohen, emigriert waren. Entsprechend war es ein zerstrittener, intrigierender Haufen. (Siehe Essays &raquo;Russische Schriftsteller in der Emigration&laquo; und &raquo;Nina Nikolajewna Berberowa&laquo;). Dies war f&#252;r den langsam immer kr&#228;nker werdenden Kuprin kein N&#228;hrboden f&#252;r ein Schaffen brillanter Werke. Er besch&#228;ftigte sich viel mit der Herausgabe seiner bisherigen Werke und sch&#246;pfte aus dem Fundus seiner Vergangenheit. Schon 1924 (vier Jahre nach seiner Emigration) schrieb er an seine erste Frau, die ihn zur R&#252;ckkehr bewegen wollte: &#8222;Meine Liebe, ich bin todm&#252;de und stehe im 54. Lebensjahr. Der Kokon meiner Fantasie ist aufgebraucht, und geblieben sind davon f&#252;nf, sechs Seidenf&#228;den. [...] Ja, sterben w&#228;re dort s&#252;&#223;er und einfacher.&#8220;<br />
Es sollte noch dreizehn Jahre dauern, bis Kuprin todkrank in seine Heimat zur&#252;ckkam, weil er in russischer Erde begraben sein wollte. Viele gaben ihm bei seiner Ankunft am Wei&#223;russischen Bahnhof in Moskau einen r&#252;hrenden Empfang, aber es war nicht mehr sein Russland &ndash; es war das Stalinsche Terrorregime, dem schon viele, auch seiner Kollegen, zum Opfer gefallen waren. Auch wenn das Regime seine R&#252;ckkehr feierte und propagandistisch ausschlachtete, w&#228;re er nicht schon todgeweiht gewesen &ndash; er h&#228;tte die folgenden &#8222;S&#228;uberungen&#8220; Stalins gewiss nicht &#252;berlebt.<br />
Er starb am 25. August 1938 und wurde auf dem ber&#252;hmten Wolkow-Friedhof in Leningrad beigesetzt, dort wo auch seine von ihm bewunderten Klassikerkollegen Saltykov-&#352;&#269;edrin, Turgenev, Gon&#269;arov und Leskov ruhten.<br />
Sein Lebensweg ist beispielhaft f&#252;r viele seiner Generation.<br />
Mit ihm ist endg&#252;ltig eine Epoche zu Ende gegangen.</p>
<p><a href="http://blog.zvab.com/2011/05/24/aleksandr-ivanovic-kuprin-teil-1-2">Zu Teil 1 &#8211; Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</a></p>
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<h3>Literatur Kuprin</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Drei+Erzaehlungen">Alexander Iwanowitsch Kuprin: Smaragd – Drei Erz&#228;hlungen, Nachwort Erhard Hexelschneider,</a> Insel Verlag Leipzig 1972. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Smaragd, ›Gambrinus‹, Olesja.</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=A.+Kuprin&#038;title=Olessja+und+andere+Novellen">A. Kuprin: Olessja – und andere Novellen, Hans Bondy Verlagsbuchhandlung,</a> Berlin W. 1911<br />
Enthaltene Erz&#228;hlungen: Olessja, Gambrinus, Die Hochzeit</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Meistererzaehlungen+uebersetzt+von+Eveline+Passet">Alexander Kuprin: Meistererz&#228;hlungen, &#252;bersetzt von Eveline Passet, Nachwort von Ilma Rakusa, </a>Manesse Verlag Z&#252;rich 1989. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Der Moloch, Das Nachtlager, Die J&#252;din, Die Kr&#228;nkung, Die mechanische Rechtspflege, Das Granatarmband, Der schwarze Blitz, Der Stern Salomos</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Das+Granatarmband+und+anderes">A. Kuprin: Das Granatarmband – und anderes,</a> Georg M&#252;ller M&#252;nchen 1911. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Das Granatarmband, Moloch, Stabskapit&#228;n Rybnikow</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=JAMA+Die+Lastergrube">A. Kuprin: JAMA – Die Lastergrube, Sittenroman, </a>Vorwort von Dr. Savielly G. Tartakower, Internationaler Verlag „Renaissance“ 1923</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Die+Drehorgel+und+der+weisse+Pudel">Alexander Kuprin: Die Drehorgel und der wei&#223;e Pudel, </a>Sanssouci Verlag Z&#252;rich 1979</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Duewel+Wolf+Grasshoff+Helmut&#038;title=Geschichte+der+russischen+Literatur+von+den+Anfaengen+bis+1917">D&#252;wel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917 (in zwei B&#228;nden), </a>Aufbau-Verlag 1986</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Luther+Arthur&#038;title=Geschichte+der+Russischen+Literatur+Bibliographisches+Institut+Leipzig+1924">Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, </a>Bibliographisches Institut Leipzig 1924</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Lauer+Reinhard&#038;title=Geschichte+der+russischen+Literatur+von+1700+bis+zur+Gegenwart">Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, </a>C.H. Beck Verlag 2000</p>
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		<title>Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin – Teil 1</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/05/24/aleksandr-ivanovic-kuprin-teil-1-2/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 May 2011 10:11:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>

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		<description><![CDATA[Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin Weiter zu Teil 2 &#8211; Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin geboren am 26. Augustjul. / 7. Septembergreg. 1870 in Narov&#269;at (Gouvernement Pensa, 500 km s&#252;d&#246;stlich von Moskau) und gestorben in Leningrad &#8211; wie St. Petersburg zu diesem Zeitpunkt schon hie&#223; &#8211; am 25. August 1938, war ein Zeitzeuge des gesamten, gro&#223;en Umbruchs in Russland, sowohl des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin-Vokrugsveda.jpg" title="Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin-Vokrugsveda2.jpg" alt="" /></a><br /><small>Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</small></div>
<p><a href="http://blog.zvab.com/?p=5096">Weiter zu Teil 2 &#8211; Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</a></p>
<p>geboren am 26. August<sup>jul.</sup> / 7. September<sup>greg.</sup> 1870 in Narov&#269;at (Gouvernement Pensa, 500 km s&#252;d&#246;stlich von Moskau) und gestorben in Leningrad &ndash; wie St. Petersburg zu diesem Zeitpunkt schon hie&#223; &ndash; am 25. August 1938, war ein Zeitzeuge des gesamten, gro&#223;en Umbruchs in Russland, sowohl des gesellschaftlichen wie auch des literarischen. Er war noch bis in die letzte H&#228;lfte des vorigen Jahrhunderts in Russland (auch in der DDR) ein gern gelesener der letzten gro&#223;en russischen Realisten, und viele seiner Erz&#228;hlungen und Romane sind und werden noch heute in Russland verfilmt. <span id="more-5146"></span><br />
Mit Lev Tolstoj (*1828 †1910), Anton &#268;echov (*1860 †1904), Vladimir Korolenko (*1853 †1921), F&#235;dor Sologub (*1863 †1927), P&#235;tr Boborykin (*1836 †1921), Dmitri Mamin-Sibirjak (*1852, †1912), Ivan Bunin (*1870 †1953) und Maksim Gorkij (*1868 †1936) war er bekannt oder befreundet. In ihrem Kreis war er ein gesch&#228;tzter Kollege. Mit &#268;echov, Bunin (seine erste Frau lernte er durch ihn kennen) und Mamin-Sibirjak (seine zweite Frau war eine Verwandte von ihm) war er n&#228;her bekannt und mit Gorkij war er zeitweilig sogar befreundet. </p>
<p>Mit Gorkij verbanden ihn sogar eine gewisse Wesensverwandtschaft und eine frappierende Parallelit&#228;t der Lebensl&#228;ufe: Gorkij war zwei Jahre &#228;lter als er (und starb zwei Jahre fr&#252;her); wie Gorkij zog Kuprin, in den verschiedensten Berufen arbeitend, durch Russland, bevor er sich ausschlie&#223;lich der Schriftstellerei widmete; beide waren bis zur Oktoberrevolution revolution&#228;re Schriftsteller &ndash; Gorkij allerdings ideologischer als Kuprin; sie arbeiteten in Gorkijs Verlagen &raquo;Snanie&laquo; und sp&#228;ter im Verlag &raquo;Weltliteratur&laquo; zusammen und beabsichtigten mit Lenins Unterst&#252;tzung die Bauernzeitung &raquo;Erde&laquo; zu gr&#252;nden; beide emigrierten nach der Oktoberrevolution &ndash; Kuprin 1920 &#252;ber Finnland nach Paris und Gorkij &#8222;aus gesundheitlichen Gr&#252;nden&#8220; 1921 &#252;ber Berlin nach Italien (zu dieser Zeit war aus ihrem freundschaftlichen Verh&#228;ltnis schon ein sehr distanziertes geworden); und beide kehrten nach Russland (jetzt Sowjetunion) zur&#252;ck: Gorkij schon 1927 (und lie&#223; sich immer mehr vom System vereinnahmen) und Kuprin 1937 &ndash; ein Jahr vor seinem und ein Jahr nach Gorkijs Tod (1936) &ndash;, um zu sterben, was er schon bei seiner R&#252;ckkehr wusste, denn er hatte Zungenkrebs.</p>
<p>Aleksandr Kuprin wuchs in sehr einfachen Verh&#228;ltnissen auf: Seine Mutter stammte aus dem sehr ber&#252;hmten, tatarischen, aber verarmten F&#252;rstengeschlecht Kulun&#269;akov und sein Vater war ein kleiner Beamter, der schon ein Jahr nach seiner Geburt an Cholera starb und die Familie v&#246;llig mittellos zur&#252;cklie&#223;. Mit sechs Jahren kam er in das Aleksandrovskij Waisenpensionat in Moskau (von wo er einen lebenslangen Hass auf die damaligen Erziehungsanstalten mitnahm), mit zehn Jahren kam er auf das Milit&#228;rgymnasium, das kurz darauf in eine Kadettenanstalt umgewandelt wurde, die er als Zwanzigj&#228;hriger als Leutnant verlie&#223;.<br />
Schon mit 13 Jahren schrieb er Gedichte und 1889, mit 19 Jahren, ver&#246;ffentlichte er in einer Moskauer Zeitung seine erste Erz&#228;hlung &raquo;Das letzte Deb&#252;t&laquo; (eine junge Schauspielerin begeht aus unerwiderter Liebe w&#228;hrend einer Vorstellung Selbstmord), die ihm einige Tage Karzer einbrachte, weil er nicht zuvor eine Genehmigung von der Leitung der Kadettenanstalt eingeholt hatte. Wenn es nach ihm gegangen w&#228;re, h&#228;tte er mit seiner Bef&#246;rderung zum Leutnant umgehend den Dienst quittiert, seine Mutter insistierte jedoch und er ging f&#252;r vier Jahre zu einem Infanterieregiment nach Podolien, wo er den schlimmsten Stumpfsinn und die Intrigen des zaristischen Offizierslebens kennenlernte. 1893 versuchte er dem zu entkommen, indem er sich zur Aufnahmepr&#252;fung an der Akademie des Generalstabs in St. Petersburg meldete. Auf der Reise dorthin bekam er mir einem Polizisten Streit und beleidigte ihn. Der Polizist verlangte eine Entschuldigung und machte Meldung, worauf Kuprin umgehend zu seinem Regiment zur&#252;ckgeschickt wurde. Ein Jahr sp&#228;ter quittierte er endg&#252;ltig den Dienst.</p>
<p>Nun begann f&#252;r ihn die Schule des Lebens. Er ging mit nur ein paar Rubeln in der Tasche nach Kiew, um sein Geld als Journalist zu verdienen. Dort ver&#246;ffentlichte er dann auch in den verschiedensten Zeitungen und Journalen Reportagen, Glossen, Theaterberichte, Kurzgeschichte, kurzum alles, was gerade anfiel &ndash; vieles davon faste er 1897 in den Sammlungen &raquo;Kiewer Typen&laquo; und &raquo;Miniaturen&laquo; zusammen. Aber nicht nur dass er davon nicht leben konnte, ihn reizte das Unbekannte, reizten neue Erfahrungen. 1895 arbeitet er in einem Moskauer Betrieb, der Ventilatoren herstellte, 1896 als Stahlgie&#223;er im hoch industrialisierten Donezbecken, kurz danach gr&#252;ndet er in Kiew eine &#8222;Athletengesellschaft&#8220; und einen Zirkus, 1897 findet man ihn als Gutsverwalter und Vors&#228;nger in der Kirche, danach macht er eine Ausbildung zum Zahnarzt, um dann doch 1899 einer Theaterwandertruppe beizutreten, der er neun Monate die Treue h&#228;lt und sich dann wieder von dem provinziellen Mief abwendet; S&#228;nger, Privatlehrer und Landmesser sind die n&#228;chsten beruflichen Stationen. Zu guter Letzt beschlie&#223;t er M&#246;nch zu werden und zieht 1901 dann doch nach St. Petersburg, um ausschlie&#223;lich Schriftsteller zu sein.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin-1900.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/05/Aleksandr-Ivanovic-Kuprin-19002.jpg" alt="" title="Aleksandr Ivanovic Kuprin 1900" class="alignnone size-full wp-image-5126" /></a><br /><small>Aleksandr Ivanovi&#269; Kuprin</small></div>
<p>Diese &#8222;Wanderjahre&#8220; sind der &#8222;Fundus&#8220;, aus dem er zeit seines Lebens gesch&#246;pft hat. Das brachte mit sich, dass er im Gegensatz zu den meisten Schriftstellern seiner Zeit kein bevorzugtes Hauptthema hatte, sondern aus der Reichhaltigkeit seines Lebens sch&#246;pfend zu vielen Bereichen des menschlichen und sozialen Lebens etwas zu sagen hatte. Er selbst sagte einmal, dass er alles, was er geschrieben, selbst erlebt habe, dass sein ganzes Schaffen Autobiografie sei.<br />
(Anmerkung: In diesem Essay werden nur die Werke namentlich benannt, die ins Deutsche &#252;bersetzt sind &ndash; und das ist leider nur ein Bruchteil der ungef&#228;hr 200 Werke. Eine nahezu vollst&#228;ndige Auflistung &ndash; allerdings in russischer Sprache &ndash; befindet sich <a href="http://ru.wikipedia.org/wiki/Куприн,_Александр_Иванович" target=_blank>hier</a>)<br />
Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon (kritische) Erz&#228;hlungen zu seinem Leben als Offizier geschrieben (Nachtlager 1895), &#252;ber sein Leben mit den Zirkusleuten, zu Herzen gehende Tiergeschichten, &#252;ber die Liebe (Olesja 1898 &ndash; eine der Welt besten Liebesgeschichte), Skizzen &#252;ber die verschiedensten Personen und Berufe (s. o. &raquo;Kiewer Typen&laquo;) und auch nicht zuletzt sozialkritische Erz&#228;hlungen wie Moloch (1896). Mit letzterer hatte er schon einige Ber&#252;hmtheit erlangt. Sie ist eine seiner ersten revolution&#228;ren Erz&#228;hlungen und handelt &ndash; erlebt in seiner Zeit als Stahlarbeiter im Donezbecken (S&#252;dostukraine) &ndash; von der fr&#252;hkapitalistischen Ausbeutung der Arbeiter durch das reich gewordene B&#252;rgertum, einer neuen Klasse Russlands, die von Altgl&#228;ubigen und Juden dominiert wurde.</p>
<p> Mit offenen Armen wurde er von seinen Schriftstellerkollegen, wie Anton &#268;echov, Ivan Bunin und nicht zuletzt Maksim Gorkij aufgenommen. Er blieb zwar seiner Grundeinstellung, &#252;ber alles, was er erlebt hatte, zu schreiben, treu, seine sozialkritischen, ja revolution&#228;ren Werke wurden jedoch sch&#228;rfer. Hinzu kamen Erz&#228;hlungen &#252;ber die Juden &ndash; in der S&#252;dukraine gab es seit Jahren heftige Judenpogrome &ndash; (Die J&#252;din 1904), in denen er die Voreingenommenheit der Zeitgenossen teilweise mit bei&#223;endem Spott bedachte. Das zaristische Offizierswesen nahm er weiterhin immer heftiger aufs Korn (Stabskapit&#228;n Rybikow 1905); dies gipfelte in seinem Roman Das Duell (1905), der ihn schlagartig weltber&#252;hmt machte, denn der Roman wurde noch im selben Jahr ins Deutsche und andere Sprachen &#252;bersetzt. In ihm zeigt er die ganze Sinnlosigkeit, den Stumpfsinn und den verrotteten Ehrbegriff dieser &#8222;Kaste&#8220; auf: Der einzig einigerma&#223;en Integre in diesem Kreis wird bei einem ihm aufgezwungenem Duell, das nach Absprache eigentlich ein Scheinduell sein sollte, erschossen.<br />
In der Revolution von 1905 steht er eindeutig zu den Revolution&#228;ren und wettert gegen die &#8222;Abschlachtung&#8220; der aufst&#228;ndigen Odessaer Matrosen. Mit seiner scharfen Reportage &raquo;Die Ereignisse von Sevastopol&laquo; handelt er sich einen Prozess ein, der durch die Kriegsereignisse bedingt erst sp&#228;ter stattfinden kann und ihm &#8222;nur&#8220; ein dauerhaftes Verbot, im Gebiet von Sevastopol zu leben, einbringt.<br />
Auch nach der 1905er Revolution findet man ihn auf der Seite der Revolution&#228;re. Seit 1902 arbeitete er in Maksim Gorkijs Verlag &raquo;Snanje&laquo;, entfremdete sich aber nach und nach von Gorkij, denn er war mit dessen ideologischer Einstellung nicht einverstanden, er warf ihm vor, k&#252;nstlerisch tendenzi&#246;s zu sein. Kuprin war eher ein selbstbewusster Einzelg&#228;nger, ein Nonkonformist, dessen revolution&#228;re Einstellung eher dem Anarchismus Kropotkins oder Lev Tolstojs glich.</p>
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<h3>Literatur Kuprin</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Drei+Erzaehlungen">Alexander Iwanowitsch Kuprin: Smaragd – Drei Erz&#228;hlungen, Nachwort Erhard Hexelschneider,</a> Insel Verlag Leipzig 1972. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Smaragd, ›Gambrinus‹, Olesja.</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=A.+Kuprin&#038;title=Olessja+und+andere+Novellen">A. Kuprin: Olessja – und andere Novellen, Hans Bondy Verlagsbuchhandlung,</a> Berlin W. 1911<br />
Enthaltene Erz&#228;hlungen: Olessja, Gambrinus, Die Hochzeit</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Meistererzaehlungen+uebersetzt+von+Eveline+Passet">Alexander Kuprin: Meistererz&#228;hlungen, &#252;bersetzt von Eveline Passet, Nachwort von Ilma Rakusa, </a>Manesse Verlag Z&#252;rich 1989. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Der Moloch, Das Nachtlager, Die J&#252;din, Die Kr&#228;nkung, Die mechanische Rechtspflege, Das Granatarmband, Der schwarze Blitz, Der Stern Salomos</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Das+Granatarmband+und+anderes">A. Kuprin: Das Granatarmband – und anderes,</a> Georg M&#252;ller M&#252;nchen 1911. Enthaltene Erz&#228;hlungen: Das Granatarmband, Moloch, Stabskapit&#228;n Rybnikow</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=JAMA+Die+Lastergrube">A. Kuprin: JAMA – Die Lastergrube, Sittenroman, </a>Vorwort von Dr. Savielly G. Tartakower, Internationaler Verlag „Renaissance“ 1923</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Alexander+Kuprin&#038;title=Die+Drehorgel+und+der+weisse+Pudel">Alexander Kuprin: Die Drehorgel und der wei&#223;e Pudel, </a>Sanssouci Verlag Z&#252;rich 1979</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Duewel+Wolf+Grasshoff+Helmut&#038;title=Geschichte+der+russischen+Literatur+von+den+Anfaengen+bis+1917">D&#252;wel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917 (in zwei B&#228;nden), </a>Aufbau-Verlag 1986</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Luther+Arthur&#038;title=Geschichte+der+Russischen+Literatur+Bibliographisches+Institut+Leipzig+1924">Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, </a>Bibliographisches Institut Leipzig 1924</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Lauer+Reinhard&#038;title=Geschichte+der+russischen+Literatur+von+1700+bis+zur+Gegenwart">Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, </a>C.H. Beck Verlag 2000</p>
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		<title>Graf Aleksej Konstantinovic Tolstoj</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Feb 2011 14:03:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander II.]]></category>
		<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[L'art pour l'art]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionär]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Tolstoj]]></category>
		<category><![CDATA[Zar]]></category>

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		<description><![CDATA[Jeder, der den Namen Tolstoj liest oder h&#246;rt, denkt sofort an das gro&#223;e, streitbare, weltber&#252;hmte Schriftstellergenie Lev Nikolaevi&#269;. Aber es gab noch zwei andere gro&#223;e Tolstojs, die in seinem Schatten standen: Aleksej Konstantinovi&#269; (*1817, †1875) und Aleksej Nikolaevi&#269; (*1883, †1945), der zu Sowjetzeiten „der rote Graf“ genannt wurde. Ersterer stand dort, was seine literarische Gr&#246;&#223;e [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jeder, der den Namen Tolstoj liest oder h&#246;rt, denkt sofort an das gro&#223;e, streitbare, weltber&#252;hmte Schriftstellergenie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lev+tolstoj">Lev Nikolaevi&#269;</a>. Aber es gab noch zwei andere gro&#223;e Tolstojs, die in seinem Schatten standen: Aleksej Konstantinovi&#269; (*1817, †1875) und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksej+n.+tolstoj">Aleksej Nikolaevi&#269;</a> (*1883, †1945), der zu Sowjetzeiten „der rote Graf“ genannt wurde. Ersterer stand dort, was seine literarische Gr&#246;&#223;e betrifft, ganz sicher zu Unrecht.<br />
Alle drei Tolstojs waren Schriftsteller und mehr oder weniger nah miteinander verwandt, sie hatten einen gemeinsamen Urahnen – Aleksej Nikolaevi&#269;  in der sechsten und Lev Nikolaevi&#269; und Aleksej Konstantinovi&#269;, von dem dieser Essay handeln wird, mit einem gemeinsamen Urgro&#223;vater in der vierten Generation (<a href="http://blog.zvab.com/wp-content/graf_tolstoj/Stammbaum_Vater.pdf" class="pdf">Stammbaum der drei Tolstoj-Schriftsteller</a> hier als PDF). Bei dem riesigen Stammbaum des Geschlechtes der Grafen Tolstoj, der bis ins 14. Jahrhundert zur&#252;ckreicht und ca. 650 Personen umfasst, ist dies schon ein erw&#228;hnenswertes Detail. <span id="more-4922"></span></p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=k.+tolstoj">Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj</a></strong> kam am 24. August<sup>jul.</sup> / 5. September<sup>greg.</sup> 1817 in St. Petersburg zur Welt und starb am 28. September<sup>jul.</sup> / 10. Oktober<sup>greg.</sup> 1875 auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine. V&#228;terlicherseits entstammte er der schon oben erw&#228;hnten Tolstoj-Linie, einem &#228;rmeren Zweig des Grafengeschlechts. M&#252;tterlicherseits waren seine Vorfahren u.a. die Grafen Razumovskij, ein reiches und einflussreiches Geschlecht (<a href="http://blog.zvab.com/wp-content/graf_tolstoj/Vorfahren_Mutter.pdf" class="pdf">Informationsblatt zu den Vorfahren der Mutter</a> hier im PDF-Format): Sein Urgro&#223;vater Kirill Grigorevi&#269; Razumovskij (*1728, † 1803), war der letzte Ataman oder Hetman (ukr.), der oberste F&#252;hrer der russischen Kosaken in der Ukraine, bevor Katharina die Gro&#223;e 1764 die Hetmanate aufl&#246;ste; sein Gro&#223;vater Aleksej Kirillovi&#269; Razumovskij (*1748, †1822) war unter Katharina der Gro&#223;en Senator und unter Alexander I. Minister.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Tolstoj%20A%20K%20in%20j%C3%BCngeren%20Jahren.jpg" width="166" height="219" alt="" title="" /><br /><small>Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj<br />
in j&#252;ngeren jahren</small></div>
<p>Schon sechs Wochen nach seiner Geburt trennten sich seine Eltern. Es war wohl eine Zweckehe gewesen, von der sich Tolstojs Vater Konstantin Petrovi&#269; Geld und Prestige erhofft hatte. Au&#223;erdem soll er charakter- schwach gewesen sein und gern zur Flasche gegriffen haben. Aleksej K. wuchs bei Aleksej Alekseevi&#269; Petrovskij (*1787, †1836), dem Bruder seiner Mutter, auf dem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf und lernte seinen leiblichen Vater erst anl&#228;sslich des Todes der Mutter im Jahr 1857 fl&#252;chtig kennen. Der Onkel war ebenfalls Schriftsteller (Pseudo- nym: Antonij Pogorelskij) und in den literarischen Kreisen der Puschkinzeit sehr engagiert; au&#223;erdem war er leidenschaftlicher Kunstkenner und -sammler. Diese Leidenschaften und die Kindheit auf dem Gut in der &#252;ppigen ukrainischen Natur haben Aleksej K. gepr&#228;gt; die Gedichte seiner fr&#252;hen Jahre beschreiben in romantischer Art das Leben in dieser Natur.</p>
<p>Als er neun Jahre alt war, zog Aleksej K. mit seiner Mutter zuerst nach St. Petersburg und sp&#228;ter nach Moskau. 1826 wurde er bei Hofe vorgestellt und Žukovskij, der Erzieher des sp&#228;teren Zaren Alexander II., nahm ihn in den Spielkreis des gleichaltrigen Thronfolgers auf. Dort nahm eine lebenslange, ehrliche Freundschaft zwischen Aleksej K. und Alexander ihren Ursprung, die sich unter anderem in der Kunstreise durch Italien manifestiert, die die beiden 1838/39 gemeinsam unternahmen. Aleksej K. geh&#246;rte zum engsten Beraterkreis des k&#252;nftigen Zaren, konnte ihm offen seine Meinung sagen und musste dabei mit Kritik nicht sparen – z. B. konnte er sich f&#252;r Turgenev einsetzen, als dieser wegen seines von der Petersburger Zensur verbotenen Nekrologs auf <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol </a>(den er trotzdem in Moskau ver&#246;ffentlicht hatte) 1852 auf sein Gut verbannt wurde, und ma&#223;geblich daran mitwirken, dass die Verbannung 1853 wieder aufgehoben wurde. Er trat auch (allerdings erfolglos) f&#252;r den verhafteten, revolution&#228;ren Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+cernysevskij">Nikolaj &#268;ernyševskij</a> ein. Nach seiner Kr&#246;nung im Jahr 1855 machte Alexander II. Aleksej K. sogar zu seinem »Fl&#252;geladjutanten« (Bezeichnung f&#252;r einen allein dem Zaren unterstellten Stabsoffizier) und dieser musste bis 1861 darum k&#228;mpfen, wieder freigegeben zu werden, denn er wollte ausschlie&#223;lich f&#252;r die Literatur leben. Die Kr&#246;nungsfeierlichkeiten waren &#252;brigens der Anlass, bei dem er seinen ber&#252;hmten Vetter zweiten Grades Lev Nikolaevi&#269; das erste und einzige Mal im Leben traf – freundlich und h&#246;flich, aber reserviert begegnete man sich und das blieb f&#252;r immer so.</p>
<p>Wie schon erw&#228;hnt war Aleksej K.s Onkel Aleksej A. Perovskij ein ausgesprochener Kunstkenner und leidenschaftlicher Sammler. Das brachte es mit sich, dass er viel in Europa herumreiste, und immer wieder nahm er auch den Jungen mit. Von bleibender Erinnerung war f&#252;r Aleksej K. seine erste Reise nach Deutschland (1827, im Alter von zehn Jahren), die ihn auch nach Weimar f&#252;hrte. Sein Onkel machte ihn mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=goethe+johann+wolfgang">Goethe </a>bekannt und noch im hohen Alter erz&#228;hlte er von dessen Ehrfurcht gebietender, imposanter Erscheinung und verga&#223; nie zu erw&#228;hnen, dass Goethe ihn liebevoll auf den Scho&#223; genommen hatte.<br />
In Italien lernte er 1831 die gro&#223;en K&#252;nstler kennen und lieben, wobei seine Lieblinge die K&#252;nstler der Renaissance waren; in Deutschland und Frankreich waren es Musik, Literatur und Theater, die ihn begeisterten.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/A.%20K.%20Tolstoj%201836%20Gem%C3%A4lde%20von%20Karl%20Brjullov.jpg" width="175" height="237" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aleksej K. Tolstoj bei der Jagd,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gem&#228;lde von Karl Brulljow, 1836</small></div>
<p>Mit 18 Jahren legte er 1835 an der Univer- sit&#228;t Moskau sein Abschlussexamen an der literaturhistorischen Fakult&#228;t ab und wurde Beamter im Archiv des russischen Au&#223;en- ministeriums.<br />
Hier begann seine intensive Besch&#228;ftigung mit der Geschichte, die sein ganzes sp&#228;teres Schaffen bestimmte. Sein weiterer Lebensweg ist recht unspektakul&#228;r und soll hier nur stichwortartig wiedergegeben werden:<br />
Im Jahr 1836 trat er in den diplomatischen Dienst. Anfang 1837 wurde er (bis Ende 1840) zur russischen Gesandtschaft beim Bundestag in Frankfurt versetzt – diese Zeit ist etwas dubios, weil er dort in den Akten niemals auftaucht, man vermutet einen Spezialauftrag Alexander II. Seine Beamtenlaufbahn – auch sp&#228;ter in St. Petersburg – war im Wesentlichen von Beurlaubungen gepr&#228;gt, was ihm ausgedehnte Reisen wie die oben erw&#228;hnte Kunstreise mit  Alexander erm&#246;glichte. Auch hatte er viel Zeit f&#252;r die Jagd und f&#252;r seine schriftstellerische Arbeit, die anfangs fast ausschlie&#223;lich Gedichte umfasste, erst 1841 trat er zum ersten Mal mit einer Erz&#228;hlung („Upyr“; dt. „Der Vampir“) an die &#214;ffentlichkeit – allerdings unter dem Pseudonym <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=krasnorogskij">Krasnorogskij</a>. Kurz darauf lernte er seinen j&#252;ngeren Vetter Aleksej Žem&#269;užnikov kennen, dem das Beamtendasein ebenso verhasst war wie ihm – dieses Treffen sollte sp&#228;ter hervorragende literarische Fr&#252;chte tragen.<br />
Obwohl er als Beamter und bei Hofe meist durch Abwesenheit gl&#228;nzte, kletterte er in der Hierarchie best&#228;ndig weiter nach oben: 1843 ernannte ihn Nikolaus I. zum Kammerjunker, 1845 wurde er Kollegienassessor (Oberst), 1846 Hofrat und 1851 gar „Zeremonienmeister des Hofes Seiner Majest&#228;t Nikolaus I.“.<br />
Im Winter 1850/51 lernte er in St. Petersburg seine sp&#228;tere Frau Sofja Andreevna, die von ihrem Mann getrennt lebte, kennen und lieben; nach ihrer Scheidung heirateten sie (1857), 1863 wurde die Ehe offiziell als rechtsg&#252;ltig anerkannt. Es gab nun zwei Sofja Andreevna Tolstaja, denn genau so hie&#223; auch die Ehefrau von Lev Tolstoj – im Gegensatz zu Lev und seiner „Sonja“ (vgl. den Essay <strong><a href="http://blog.zvab.com/2010/09/27/lev-nikolaevi-tolstoj-ein-menschheitlicher-mensch/">„Tolstoj, ein menschheitlicher Mensch“</a></strong>, der sich unter anderem mit Tolstojs schwieriger Ehe besch&#228;ftigt) aber f&#252;hrten Aleksej K. und seine Sofja Andreevna eine &#228;u&#223;erst harmonische Ehe.<br />
Patriotisch wie die meisten seiner Zeitgenossen nahm er am Krimkrieg (1853–1856) teil – allerdings auf Allerh&#246;chsten Befehl hin nur als Major in einer Schreibstube, was ihn trotzdem fast das Leben kostete, denn seine Einheit wurde nach Odessa verlegt, wo er wie tausend andere lebensgef&#228;hrlich an Typhus erkrankte.</p>
<p>Wie schon oben erw&#228;hnt ernannte Alexander II. seinen Jugendfreund nach seiner Thronbesteigung (1857) zu seinem „Fl&#252;geladjutanten“ und Aleksej K. musste bis 1861 auf seine Freistellung vom Beamten- und dienstlichen Hofleben warten. Alexander II. entlie&#223; ihn schlie&#223;lich mit dem Titel eines „Hofj&#228;germeisters“, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die kaiserlichen Jagden zu organisieren – was einem leidenschaftlichen J&#228;ger, wie es Aleksej K. war, nat&#252;rlich ein gro&#223;es Vergn&#252;gen und eine Ehre war; zudem hatte er reichlich Zeit f&#252;r seine Arbeit als Schriftsteller.<br />
Es folgte dann auch die fruchtbarste Schaffensperiode seines Leben, die aber bald schon von seinen schweren Krankheiten &#252;berschattet wurde. Mitte der sechziger Jahre war er nur noch bedingt arbeitsf&#228;hig: Er litt unter Asthma, Angina Pectoris, verschiedenen Neuralgien und schweren Kopfschmerzen und hielt sich ab diesem Zeitpunkt h&#228;ufig zur Kur im Ausland oder auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf. Ab Anfang der siebziger Jahre konnte er nur noch sehr wenig schreiben; 1874 begann er seine Schmerzen mit Morphium zu bet&#228;uben – war sich jedoch, wie aus seinen Briefen hervorgeht, der Risiken nicht bewusst. Im September 1875 starb er auf seinem Gut, 58-j&#228;hrig, vermutlich an einer &#220;berdosis Morphium.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/A.%20K.%20Tolstoj%20Gem%C3%A4lde%20von%20Ilja%20Repin.jpg" width="175" height="237" alt="" title="" /><br /><small>Aleksej K. Tolstoj,<br />
Gem&#228;lde von Ilja Repin, 1896</small></div>
<p>Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj war, wie aus seiner Biografie hervorgeht, wahrlich kein Revolution&#228;r im landl&#228;ufigen Sinne, aber beileibe auch kein Reaktion&#228;r. Er war ein aufgekl&#228;rter Hocharistokrat, der soziale Ver&#228;nderungen von oben wollte und trotz seiner N&#228;he zum Thron jeglichen Despo- tismus ablehnte.<br />
Literatur durfte seiner Auffassung nach keine Waffe sein – zu schreiben, um Ver&#228;nderungen zu erreichen, widersprach seiner Auffassung von Kunst; das war Tendenzliteratur. Kunst war allein um ihrer selbst willen Kunst – „L’art pour l’art“, das war sein Credo. Dieses Credo vertrat er allerdings so heftig, dass man manchen seiner Werke vorwerfen konnte, sie seien Tendenzliteratur gegen die Tendenzliteratur.<br />
Aleksej K. war nicht allein mit seiner &#220;berzeugung, besonders bei den Lyrikern, von der Romantik &#252;ber den Symbolismus bis hin zur Neoromantik, war diese Auffassung – wenngleich in verschiedenen Auspr&#228;gungen – h&#228;ufig zu finden. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=puschkin">Aleksandr Puškin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aleksandr+druzinin">Aleksandr Družinin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=a.+fet">Afanasij Fet</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pavel+annenkov">Pavel Anennkov</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+nekrasov">Nikolaj Nekrasov</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=a.+majkov">Apollon Majkov</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mej+l+a">Lev Mej</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=vasilij+botkin">Vasilij Botkin</a> sind ber&#252;hmte russische Vertreter dieser Richtung – auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lev+tolstoj">Lev Tolstoj</a> f&#252;hlte sich ihr vorr&#252;bergehend zugeh&#246;rig.</p>
<p>Erst in den f&#252;nfziger Jahren ver&#246;ffentlichte Aleksej K. seine schon viel fr&#252;her geschriebenen Gedichte. Es waren Gedichte &#252;ber die Landschaft und sp&#228;ter – besonders nachdem er seine Frau kennengelernt hatte – &#252;ber die Liebe. Es handelt sich um einige der wohl sch&#246;nsten und tiefsinnigsten Liebesgedichte, die es &#252;berhaupt gibt. Die Themen „Kunst“ und „das Leben als Dichter“, „Seelenstimmungen“ und Gedichte &#252;ber die Heimat stammen aus der zweiten H&#228;lfte seines Lebens, erst zu seinem 50. Geburtstag erschien eine lang erwartete Lyriksammlung.<br />
Insbesondere die Natur- und Liebeslyrik Aleksej K. Tolstojs ist zu russischem Gemeingut geworden, wurde von ber&#252;hmten Komponisten vertont und wird heute noch deklamiert und als russische Romanzen gesungen. »Heller klingt der Lerche Singen« wurde 1858 und »Es war im ersten Fr&#252;hling« wurde 1871 von Rimskij-Korsakov vertont; Borodin vertonte 1856 das Lied »Spes«; Tschaikowski schrieb 1851 die Melodie zu »Im Lichtglanz des rauschenden Balles« und Rachmaninow 1856 zu »Du mein Feld«.<br />
Als Beispiel sei hier ein von Aleksej K. selbst ins Deutsche &#252;bertragenes Gedicht zitiert (er zw&#246;lf Gedichte in deutscher Sprache geschrieben):</p>
<blockquote><p>Oh, glaub‘ mir nicht, in tr&#252;ber Stund‘, in schlimmer,<br />
Wenn ich dir sag‘, ich liebte dich nicht mehr!<br />
Zur Ebbezeit glaub‘ nicht, es sei auf immer<br />
Vom Land gewichen das bewegte Meer!<br />
Schon sehn‘ ich mich, mit dir aufs neu zu teilen<br />
Freud‘ oder Schmerz, die ich mit dir empfand,<br />
Und, brausend, schon aufs neu die Wellen eilen<br />
Von fern zur&#252;ck zu dem geliebten Strand.</p></blockquote>
<p>Aber, die Zeit der gro&#223;en romantischen Lyriker war vorbei und das Zeitalter, in dem die Lyrik die bedeutendste literarische Form war, am Ausklingen. Puškin, der Gott der romantischen Lyriker, war tot; Lermontovs Aufschrei zu seinem Tod – <em>„Der Dichter fiel! &#8230; Als Sklave der Ehre / ist er gefallen, …….. Ihr aber, ihr hochm&#252;tigen Nachkommen / eurer f&#252;r ihre notorische Schurkerei ber&#252;hmten V&#228;ter, …… und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen / das gerechte Blut des Dichters!“</em> – war l&#228;ngst verhallt und er selbst den gleichen Weg wie Puškin gegangen. Die erw&#228;hnte kleine Gruppe der L’art pour l’art-Dichter und der junge <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ivan+turgenev">Turgenev </a>hielten das F&#228;hnlein der Lyrik noch hoch, aber mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol </a>war unumkehrbar die Zeit der sozialkritischen, realistischen Prosaiker angebrochen; die Tendenzliteratur hatte gesiegt, die Revolution begonnen. Man brachte ihnen, und ganz besonders Aleksej K.– vielleicht vorsichtshalber auch wegen seiner N&#228;he zum Thron – Achtung entgegen, gefeiert aber wurden andere. Im Ged&#228;chtnis des russischen Volkes blieben ihre Namen und Werke jedoch trotz aller Wirren der Geschichte haften und einige von ihnen erleben heute eine Renaissance.</p>
<p>Nicht verschweigen sollte man jedoch – was leider die meisten russischen Literaturgeschichten (in deutscher Sprache) tun –, dass Aleksej K. in seinen zwanziger Jahren auch Erz&#228;hlungen geschrieben hat. Sein Onkel Aleksej Alekseevi&#269; Perovskij war wie erw&#228;hnt selbst Schriftsteller und als Romantiker ein gro&#223;er Verehrer von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hoffmann+e.t.a.">E. T. A. Hoffmann</a> (*1776, †1822), dem Romantiker schlechthin. So geriet auch Aleksej K. unter diesen Einfluss, was man an seinen Erz&#228;hlungen deutlich sehen kann.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Die%20Familie%20des%20Vampirs.jpg" width="146" height="203" alt="" title="" /></div>
<p>Zwei von ihnen – 1840/41 entstanden – sollen hier erw&#228;hnt werden, da sie auch in deutscher &#220;bersetzung vorliegen. Es sind Erz&#228;hlungen im Stil der romantischen Groteske, die sich mit dem Vampirismus besch&#228;ftigen (Geister- und Gespenstergeschichten, Geheimb&#252;nde, Séancen, der Mesmerismus u. &#228;. waren in der Zeit der Romantik sehr in Mode): <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=famille+vourdalak">„La famille du Vourdalak“</a></strong> (im Original franz&#246;sisch, dt. <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=familie+vampirs">„Die Familie des Vampirs“</a></strong>) und <strong>„Upyr“</strong> (dt. <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=vampir">„Der Vampir“</a></strong>).<br />
In „Die Familie des Vampirs“ erlebt ein nach Moldawien reisender Diplomat bei einer &#220;bernachtung in Serbien, wie das Oberhaupt der Gastgeberfamilie zum Vampir wird und nach und nach verschiedene Familienmitglieder holt und auch sie zu Vampiren macht. Der Diplomat hat sich in die Tochter des Hauses verliebt und will bei ihr bleiben, reist dann aber pflichtgem&#228;&#223; weiter. Zwei Jahre sp&#228;ter, auf dem Heimweg, kommt er in dasselbe Dorf und findet im Haus nur noch die Tochter vor. Sie macht ihm Avancen und will ihn verf&#252;hren. Im letzten Moment erkennt er jedoch, dass er es mit einer Toten zu tun hat, dass auch sie mittlerweile ein Vampir ist. Er flieht und kann sich retten, nur sein Pferd f&#228;llt den Vampiren zum Opfer.<br />
„Der Vampir“ ist eine verwickelte Geschichte, die in Moskau und Italien spielt. Wirklichkeit und &#220;bersinnliches lassen sich kaum auseinander halten (obwohl es die Protagonisten versuchen), so dass es unm&#246;glich ist, den Inhalt in wenigen Worten wiederzugeben. Es ist eine fantastische Geschichte, in der das Unheimliche dem realen Leben gegen&#252;bersteht.</p>
<p>In erster Linie war Aleksej K. in seinen fr&#252;hen Schriftstellerjahren jedoch Lyriker. Das hei&#223;t allerdings nicht, dass er in seinem Lyrikerst&#252;bchen weltfremd vor sich hin gedichtet h&#228;tte, ohne die Realit&#228;t wahrzunehmen. Der liberale Aristokrat hatte mit seinen Vettern Aleksej und Vladimir Žem&#269;užnikov, die er Anfang der 1840er-Jahre kennengelernt hatte, eine geniale literarische Idee: Sie schufen 1851 einen fiktiven Dichter: <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=prutkov">Kozma Prutkov</a></strong>,  geboren 1801, Wirklicher Staatsrat und Direktor des St. Petersburger Eichamtes, der mit Portr&#228;t vorgestellt wurde und zu dessen fiktivem Tod 1863 sie auch einen Nekrolog schrieben. Niemand wusste von seiner Fiktivit&#228;t, er schien real und ver&#246;ffentliche von 1851 bis zu seinem vermeintlichen Tod regelm&#228;&#223;ig in der angesehenen Zeitschrift <em>Sovremennik </em>Parodien lyrischer Gedichte, andere Parodien, Lustspiele, Abhandlungen, pointenlose Fabeln, sinnlose Aphorismen, kleine Singspiele usw. Er gab – salopp formuliert – zu allem seinen Senf dazu. Dabei erwies er sich als ein derart d&#252;mmlicher, bornierter, b&#252;rokratischer (weiteres Adjektiv gestrichen, folgt kurz darauf am Ende des Abschnitts) Reaktion&#228;r, dass alles, was er schrieb, zu einer Parodie der Realit&#228;t wurde. Die Dinge, f&#252;r die er stritt,  offenbarten ihre ganze L&#228;cherlichkeit, jene Dinge, gegen die er wetterte und die er parodierte, entlarvten ihn als grenzenlosen Dummkopf – einen staatstragenden Dummkopf.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Portr%C3%A4t%20des%20imagin%C3%A4ren%20Kuzma%20Prutkov%20von%20L.%20F.%20Lagorio%2C%20L.%20M.%20%C5%BDem%C4%8Du%C5%BEnikov%20und%20A.%20E.%20Beidemann%201854.jpg" width="180" height="210" alt="" title="" /><br /><small>Portr&#228;t des fiktiven Autoren<br />
Kozma Prutkov</small></div>
<p>Seine Gesammelten Werke (<em>So&#269;inennija Kozmy Prutkova</em>) sind bis heute in unz&#228;hligen Auflagen (aber leider nur in russischer Sprache) verbreitet und dienen nach wie vor gr&#246;&#223;ter Erheiterung. Es sind hervorragende und von der Intention her h&#246;chst geistreiche Texte in einer fast genialen Komposition.</p>
<p>Aleksej K. Tolstojs intensive Besch&#228;ftigung mit der Geschichte musste bei einem so hervorragenden Schriftsteller nat&#252;rlich ebenfalls Fr&#252;chte tragen. Von der Lyrik kommend,  inspiriert von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=goethe+johann+wolfgang">Goethe </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=friedrich+schiller">Schiller</a>, mit hervorragenden geschichtlichen Kenntnissen ausgestattet und mit dem entschlos- senen Willen, die fatalen Folgen des Despotismus aufzuzeigen, schrieb er Versdramen, die ihm den Ruf einbrachten, einer der besten Dramatiker zu sein. Selbstverst&#228;ndlich konnte er nicht die allerj&#252;ngste Vergangenheit, die Despotie von Nikolaus I., zum Thema machen; er st&#252;rzte sich stattdessen auf eine nicht minder grausame (wenn nicht noch grausamere) Zeit der russischen Geschichte.<br />
Die einzelnen Werke seiner Dramentrilogie <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=smert">Smert Ivana Groznogo</a></strong></em> (1866), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=fedor">Car Fëdor Ioannovi&#269;</a></strong></em> (1868) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi+a.&#038;title=boris">Car Boris</a></strong></em> (1870) – deutsche Titel: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=tod+iwans">Der Tod Iwans des Furchtbaren</a></strong></em> (auch des Grausamen),<em><strong> <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=zar+fjodor">Zar Fedor Iwanowitsch</a></strong></em> (auch Fjodor oder Feodor, auch Ioannowitsch) und <em><strong>Zar Boris</strong></em> – fanden seinerzeit unterschiedlichen Anklang, sie haben aber Bestand gehabt und werden auch heute noch gespielt. Aleksej. K. beschreibt darin das letzte Jahr der despotischen Schreckensherrschaft von Ivan Groznyj (Iwan IV., der Schreckliche) und die nach seinem Tod einsetzende Zeit der Regentschaft der Zaren Fëdor und Boris – in Russland die »Zeit der Wirren« genannt –, die erst mit der Wahl des ersten Romanow zum Zaren beendet wurde.</p>
<div class="bildrechts">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Iwan%20der%20Schreckliche.jpg" width="132" height="224" alt="" title="" /></div>
<p>Quasi als „Abfallprodukt“ aus der Besch&#228;ftigung mit Ivan Groznyj f&#252;r seine Dramentrilogie entstand Alexej K.s einziger Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=knjaz">Knjaz Serebrjanyj</a></strong></em> (deutsche Titel: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=f&#252;rst">F&#252;rst Serebrjanyj</a></strong></em>, <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=iwan+schreckliche">Iwan der Schreckliche</a></strong></em>, <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=iwan+schreckliche+zar">Zar Iwan der Schreckliche</a></strong></em> oder <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=bojar+iwans+schrecklichen">Der Bojar Iwans des Schrecklichen</a></strong></em>). Es ist wohl der einzig echte historische Roman Russlands, denn Lev Tolstojs <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></em>, der immer als ein solcher dargestellt wird, ist im strengen Sinn kein historischer Roman. Lev Tolstoj verwendete zwar historische Ereignisse in seinem Werk und gab seinen handelnden Personen Charaktere und Z&#252;ge lebender Personen aus seinem Umkreis, die Handlung ist jedoch im Gro&#223;en und Ganzen fiktiv. Aleksej K. Tolstoj hingegen beschreibt in seinem Roman Ereignisse, die tats&#228;chlich stattgefunden haben, und schildert historische Personen; als einzige Abweichung erlaubt er sich kleine zeitliche Verschiebungen, damit die Ereignisse in den von ihm gew&#228;hlten Zeitrahmen passen. Der Roman wurde zu seiner Zeit viel gelesen, von den Kritikern jedoch abgewertet, weil diese Romanform nicht mehr „angesagt“ war (in Westeuropa und Amerika erschienene Werke waren flei&#223;ig gelesen worden) und nicht dem „modernen“ kritischen, realistischen Zeitgeist entsprach. Heute bietet uns <em>F&#252;rst Serebrjanyj</em> ein bewegendes, spannendes, ja mitrei&#223;endes „Gem&#228;lde“ von Ivan Groznyj und seiner Zeit – spannender lassen sich historische Ereignisse kaum darstellen.<br />
In seinem Vorwort zur 1863 erschienenen Ausgabe &#228;u&#223;ert Aleksej K. die Absicht, die er mit diesem Werk verfolgte: Er wolle den allgemeinen Charakter einer ganzen Epoche darstellen und die Ideen, Glaubensmeinungen, Gewohnheiten und das allgemeine Kulturniveau jener Zeit spiegeln. Er setzte jedoch hinzu, dass es ihm unm&#246;glich gewesen sei, die Schrecken dieser Zeit in ihrem ganzen Ausma&#223; zu schildern; mehrmals sei ihm beim Studium der geschichtlichen Quellen, von Grauen gepackt, das Buch aus den H&#228;nden gefallen und er habe die Feder weggeworfen, au&#223;erstande, die Objektivit&#228;t und Neutralit&#228;t aufzubringen, die seine Arbeit erforderte.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Portr%C3%A4t%20Tolstoj%20A.%20K..jpg" width="176" height="222" alt="" title="" /><br /><small>Aleksej K. Tolstoj</small></div>
<p>Aleksej K. verschanzt sich bei diesem Roman hinter dem Anspruch historischer Objektivit&#228;t, aber in Wirklichkeit war <em>F&#252;rst Serebrjanyj</em> durchaus ein zeitkritisches Werk – was die Zensoren Gott sei Dank, die Kritiker jedoch leider nicht wahrnahmen.</p>
<p>Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj war sicher kein Revolution&#228;r, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Er war ein „leiser“, ein „liberaler“ Revolution&#228;r, der glaubte, die Menschen zum Denken bringen zu k&#246;nnen, damit sie ihre eigenen Schl&#252;sse ziehen und auf diese Weise die Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen. Und er glaubte, dass die Menschen aus der Geschichte lernen w&#252;rden.</p>
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<h3>Literatur &#252;ber Aleksej K. Tolstoj</h3>
<p>Wolf D&#252;wel/Helmut Grasshoff (Hrsg): Geschichte der russischen Literatur von den Anf&#228;ngen bis 1917 (in zwei B&#228;nden), Berlin: Aufbau-Verlag (1986)<br />
Frank G&#246;bler: Das Werk Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstojs,  Habilitationsschrift, erschienen als Bd. 53 in der Reihe Arbeiten und Texte zur Slavistik, herausgegeben von Wolfgang Kasack, M&#252;nchen: Verlag Otto Sagner (1992)<br />
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, M&#252;nchen: C.H. Beck Verlag (2000)<br />
Arthur Luther: Geschichte der Russischen Literatur, Leipzig: Bibliographisches Institut (1924)<br />
Dorothea Strziga: Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj (1817–1875), Geschichtliche Dichtungen und Geschichtsbild, Inaugural-Dissertationsschrift an der Philosophischen Fakult&#228;t der Johannes Gutenberg-Universit&#228;t Mainz (1972)</p>
<p>Ein <strong>Verzeichnis der ins Deutsche &#252;bersetzten Werke von Aleksej Konstantinovi&#269; Tolstoj</strong> – der genannten Habilitationsschrift von Frank G&#246;bler entnommen – <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/graf_tolstoj/Werke_deutsch.pdf" class="pdf"> finden Sie als hier PDF-Datei</a>.</p>
<p>Das <strong>Verzeichnis der russischen Werke</strong> – ebenfalls aus der genannten Habilitationsschrift von Frank G&#246;bler – <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/graf_tolstoj/Werke_russisch.pdf" class="pdf">finden Sie hier als PDF-Datei</a>.</p>
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		<item>
		<title>Lev Tolstoj – Denker und Philosoph</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/11/19/lev-tolstoj-denker-und-philosoph/</link>
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		<pubDate>Fri, 19 Nov 2010 10:57:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
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		<category><![CDATA[christlicher Anarchist]]></category>
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		<description><![CDATA[So einhellig Lev Tolstoj weltweit als einer der gr&#246;&#223;ten Schriftsteller (wenn nicht gar: der gr&#246;&#223;te) gefeiert wurde, so umstritten ist er als Denker und Philosoph – zu seinen Lebzeiten und heute. Tolstoj als J&#252;ngling,junger Mann und im Alter Wie in Teil I dieser Essay-Trilogie dargestellt, war er von Kindheit an ein Mensch von messerscharfem analytischem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So einhellig Lev Tolstoj weltweit als einer der gr&#246;&#223;ten Schriftsteller (wenn nicht gar: der gr&#246;&#223;te) gefeiert wurde, so umstritten ist er als Denker und Philosoph – zu seinen Lebzeiten und heute.</p>
<div class="bildlinks"><img width="190" height="155" title="Tolstoj als J&#252;ngling, junger Mann und im Alter" alt="Tolstoj als J&#252;ngling, junger Mann und im Alter" src="http://blog.zvab.com/wp-content/01_Tolstoj_Mann_Alter.jpg" /><br /><small>Tolstoj als J&#252;ngling,<br />junger Mann und im Alter</small></div>
<p>Wie in <a href="http://blog.zvab.com/2010/09/27/lev-nikolaevi-tolstoj-ein-menschheitlicher-mensch/">Teil I</a> dieser Essay-Trilogie dargestellt, war er von Kindheit an ein Mensch von messerscharfem analytischem Verstand bei gleichzeitiger h&#246;chster Unduldsamkeit gegen&#252;ber allen, die seiner Argumentation nicht folgen konnten oder wollten – heute w&#252;rde man sagen, er war ein extrem dominanter Mann. Hinzu kam seine hervorragende F&#228;higkeit, sich auszudr&#252;cken – sei es m&#252;ndlich oder schriftlich –, und sein perfektes logisches Denken. Er war sich dessen zwar bewusst, aber als dominanter Typ bediente er sich dessen auch unbewusst. Schon in seinem Auftreten dr&#252;ckte sich diese Dominanz, noch verst&#228;rkt durch seine hocharistokratische Mentalit&#228;t, aus und er erdr&#252;ckte fast seine Gespr&#228;chspartner mit seiner Erscheinung – wenn er es darauf anlegte, &#8220;vernichtete&#8221; er sie gar. Er war kein sch&#246;ngeistiger, westeurop&#228;ischer Philosoph, sondern ein sich kraftvoll und sehr direkt ausdr&#252;ckender, gleich einem Bauern in der Erde verwurzelter Russe. Mit einem Bein stand er zudem – im &#252;bertragenen Sinn – am Thron des Zaren und mit dem anderen auf dem &#228;rmlichsten Hof eines Bauern. Zur Folge hatte dies alles, dass er zwangsl&#228;ufig polarisierte, wenn er seine &#220;berlegungen und Erkenntnisse quasi »ex kathedra« &#8220;verk&#252;ndete&#8221;.<br />
<span id="more-4742"></span><br />
Andererseits plagte er sich zeit seines Lebens mit Selbstvorw&#252;rfen, denn, sich selbst immer wieder – auch in echter Reue – als gro&#223;en S&#252;nder bezeichnend, wollte er der Beste und Vollkommenste sein. Wohl wissend, dass diese Vollkommenheit nicht erreichbar ist, &#228;rgerte ihn dies in seinem Absolutheitsanspruch; die Kluft zwischen Wollen und K&#246;nnen war manchmal sehr gro&#223;.<br />
Und mit derselben Unerbittlichkeit, mit der er f&#252;r seine Erkenntnisse mit anderen k&#228;mpfte, mit derselben Unerbittlichkeit k&#228;mpfte er in sich um diese Erkenntnisse. Die Vertreter der These und Antithese waren in ihm personifiziert und fochten gnadenlos – nicht von Ungef&#228;hr hat er z. B. in <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Tolstoi&#038;title=Krieg+und+Frieden"><i>Krieg und Frieden</i></a> Pierre Besuchov und F&#252;rst Andrej Bolkonskij als die zwei Seiten seines Selbst f&#252;r ihre &#220;berzeugungen streiten lassen.</p>
<p>Diesen Menschen Lev Tolstoj muss man sich immer vor Augen halten, wenn man vom Denker und Philosophen Tolstoj spricht – man kann Mensch und Philosoph nicht voneinander trennen.</p>
<p>Es ist nicht der Sinn dieses Essays, die &#220;berzeugungen Tolstojs zu bewerten, oder zu diskutieren, weder aus moralphilosophischer, noch geschweige aus kirchlich-institutioneller Sicht; sie sollen hier nur in gro&#223;en Z&#252;gen dargestellt werden. </p>
<p>Die erste, die grundlegendste Frage war f&#252;r Tolstoj, worin f&#252;r den Menschen die Verbundenheit zu Gott bestehe. Als er 19 Jahre alt war, schrieb er am 17. M&#228;rz 1847 in seinem ersten Tagebucheintrag:<br />
&#8220;&#8230;<i>Alles, was mit der prim&#228;ren F&#228;higkeit des Menschen, mit seiner Vernunft in Einklang steht, wird auch mit allem in Einklang stehen, was da existiert: die Vernunft des Einzelnen ist ein Teil des ganzen Seins, </i>&#8230;<br />
Da Gott dem Menschen die Vernunft, die ihn vom Tier unterscheidet, gegeben hat, erkannte Tolstoj in ihr eine g&#246;ttliche Kraft, ja einen Teil Gottes selbst, der ihn zum &#8220;Ebenbild&#8221; Gottes macht; Gott ist damit im Menschen und der Mensch in Gott. – Auch f&#252;r Goethe war &#252;brigens die Vernunft &#8220;der Schein des Himmelslichts&#8221; (Mephisto in <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Goethe&#038;title=Faust+I"><i>Faust I</i></a>, im »Prolog im Himmel«). – Daraus folgt, dass alles, was wider die Vernunft ist, nicht gottgewollt sein und damit auch nicht Wahrheit sein kann, sondern falsch, sprich L&#252;ge, sein muss – und L&#252;ge gebiert L&#252;ge. </p>
<p>Diese &#220;berzeugung hat wichtige moralische und religi&#246;se Konsequenzen; zuerst die moralischen:</p>
<p>Die Vernunft f&#252;hrt den Menschen dahin, dass er alle Menschen, Freund oder Feind, um ihrer selbst willen liebt, nicht aus Eigennutz, weil er eine Belohnung im Dies- oder Jenseits erwarte, sondern weil auch im anderen Menschen Gott ist und er Gott liebt. Kriege sind damit ausgeschlossen, denn kein Mensch darf einen anderen t&#246;ten; der Mensch muss den Kriegsdienst verweigern. Auch in Friedenszeiten hat der Staat kein Recht, einen Menschen t&#246;ten zu lassen – auch wenn dieser vor den Gesetzen schuldig geworden ist. Weiter, der Mensch darf &#8220;dem B&#246;sen nicht widerstehen&#8221;, wie es Tolstoj ausdr&#252;ckt, das soll hei&#223;en, dass der Mensch sich, auch wenn ihm Gewalt angetan wird, nicht mit Gewalt verteidigen darf – das ist &#252;brigens der einzige Punkt, in dem ihm der ihn gl&#252;hend verehrende Mahatma Gandhi nicht folgte, er lie&#223; Gewalt zur Selbstverteidigung zu. Kein Mensch darf &#252;ber einen anderen Macht haben, denn Macht f&#252;hrt zu Gewalt und zu pers&#246;nlicher Bereicherung der Machthabenden, die Regierung sei daher abzuschaffen. Tolstoj schwebte eine Gleichheit aller auf der Basis der Bauerngemeinschaften vor. Die zunehmende Kapitalisierung der Gesellschaft m&#252;sse verhindert bzw. abgeschafft werden, denn durch sie w&#252;rden wieder nur einige wenige mithilfe des Geldes die anderen versklaven und ausbeuten. </p>
<div class="bildrechts"><img width="130" height="176" title="Kropotkin um 1900" alt="Kropotkin um 1900" src="http://blog.zvab.com/wp-content/02_Kropotkin_1900.jpg" /><br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;<small>Kropotkin um 1900</small></div>
<p>Tolstoj war Anarchist, als welchen er sich auch selbst bezeichnete; er stimmte mit den Zielen der Anarchisten F&#252;rst Pëtr Kropotkin (<a href="http://blog.zvab.com/2010/02/19/petr-alekseevic-kropotkin-fuerst-und-anarchist/">Essay siehe hier</a>) und Bakunin vollkommen &#252;berein, wobei er aber ihren Weg nicht gut hie&#223; – allerdings meinte er hier in erster Linie den Weg Bakunins, der ein militaristischer Anarchist war; Kropotkin war pazifistischer Anarchist. Tolstoj war ein christlicher Anarchist, der glaubte, allein durch die N&#228;chstenliebe, die ja in letzter Konsequenz Gottesliebe ist, werde sich das Miteinander der Menschen ohne Herrschende und Beherrschte regeln.<br />
Tolstoj war am Ende seines Lebens auch f&#252;r eine Revolution und diskutierte auch mit Maksim Gorkij (Essays siehe <a href="http://blog.zvab.com/2007/11/05/maxim-gorki-der-romantiker-und-revolutionaer/">hier</a> und <a href="http://blog.zvab.com/2007/12/03/gorki-revolutionaer-und-pragmatiker/"> hier</a>) dar&#252;ber, aber seine Revolution sollte eine Revolution des Umdenkens werden, nicht eine durch Gewalt, wie sie die Revolution&#228;re wollten – deren Revolution werde nur zu einer Machtumverteilung f&#252;hren.</p>
<div class="bildlinks"><img width="130" height="175" title="Probedonoscev gemalt von Repin" alt="Probedonoscev gemalt von Repin" src="http://blog.zvab.com/wp-content/03_Pobedonoscev.jpg" /><br /><small>Probedonoscev<br />gemalt von Repin</small></div>
<p>Die religi&#246;sen Konsequenzen aus seiner &#220;berzeugung, dass die Vernunft ein gottgewollter Ma&#223;stab f&#252;r den Menschen ist, waren mindest ebenso, wenn nicht noch umst&#252;rzlerischer – und f&#252;hrten 1901 schlie&#223;lich auch zu seiner Exkommunikation, wobei der Oberprokurator des Hl. Synod, Pobedonoscev, den er in <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Tolstoi&#038;title=Auferstehung"><i>Auferstehung</i></a> (1889) karikiert hatte, die treibende Kraft war – Zar Nikolaus II. war gegen die Exkommunikation, weil er keinen M&#228;rtyrer aus Tolstoj machen wollte (Tolstoj dagegen ist sehr gern M&#228;rtyrer geworden, er wollte schon lange f&#252;r seine &#220;berzeugung leiden, am liebsten in Sibirien). </p>
<p>In seinem Antwortschreiben an den Hl. Synod vom 4. April 1901 erkl&#228;rte er, dass ihm die Dogmen der Dreieinigkeit und der Unbefleckten Empf&#228;ngnis unverst&#228;ndlich, die Sakramente &#8220;<i>h&#228;ssliche und grobe Zauberk&#252;nste</i>&#8221; seien, und dass die Kirche das Wort Christi entstellt habe. Aber er sagte auch, woran er glaubt:</p>
<blockquote><p>Ich glaube an Gott, in dem ich den Geist und die Liebe und das Prinzip von allem Seienden sehe.<br />
Ich glaube, dass er in mir ist, wie ich in ihm bin.<br />
Ich glaube, dass der Wille Gottes nie klarer ausgedr&#252;ckt worden ist als in der Lehre vom Christus-Menschen; aber man kann nicht Christus als Gott betrachten und Gebete an ihn richten, ohne meiner Meinung nach das gr&#246;&#223;te Sakrileg zu begehen &#8230;<br />
Ich glaube, dass der Sinn des Lebens f&#252;r jeden von uns darin besteht, die Liebe zu ihm st&#228;rker werden zu lassen.<br />
Ich glaube, dass ein solches St&#228;rkerwerden der Liebe uns in diesem Leben ein Gl&#252;ck bringt, das t&#228;glich gr&#246;&#223;er wird und dass in der anderen Welt eine Gl&#252;ckseligkeit auf uns wartet, die um so vollkommener sein wird, je mehr wir gelernt haben, ihn zu lieben.<br />
Ich glaube, dass, um in der Liebe Fortschritte zu machen, es nur ein Mittel gibt: das Gebet. Nicht das &#246;ffentliche Gebet in den Kirchen, das Christus verworfen hat (Matth&#228;us VI, 5-13), sondern das Gebet, f&#252;r das er uns selber das Beispiel gegeben hat, das einsame Gebet, das darin besteht, sich st&#228;rker des Sinns unseres Lebens bewusst zu werden und zu sp&#252;ren, da&#223; wir vom Willen Gottes abh&#228;ngen sollen.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=troyat&#038;title=tolstoi">Troyat, Henri: Tolstoi – Widerspruch eines Lebens</a>]</small> </p>
<p>Tolstoj hatte sich die Bibel vorgenommen. Getreu der einzigen Richtschnur &#8220;Vernunft&#8221; hatte er sortiert und verworfen.<br />
Alles, was historisch war, war zwar interessant, aber unwichtig; alles, was unerkl&#228;rbar war und nach Wunder roch, verwarf er; den Glauben an Wunder und alles Metaphysische bezeichnete er gar als eine Beleidigung Gottes, denn Gott ist ja die unendliche Vernunft und Wahrheit und m&#252;sse sich nicht durch solche &#8220;Zaubereien&#8221; best&#228;tigen; aus diesem Grund konnte es auch keinen personalen Gott geben, das w&#228;re eine Herabsetzung Gottes auf Menschenniveau – Gott aber ist allumfassend und, wie gesagt, unendlich. Da Gott nicht Person ist, kann Jesus Christus – wobei er Jesus Christus in den historischen Jesus und in Christus den Verk&#252;nder Gottes trennt – auch nicht der Sohn Gottes sein, h&#246;chstens in dem Sinn, dass Christus der vollkommenste Mensch sei, der je gelebt habe, und er damit gottgleich sei. Folgerichtig lehnt er auch die &#8220;jungfr&#228;uliche&#8221; Geburt ab. Am Kreuz ist somit auch nicht der Gottessohn Christus gestorben und hat die S&#252;nden der Menschheit auf sich genommen, sondern der Mensch Jesus, der seine Vollkommenheit durch absolute Gewaltlosigkeit als M&#228;rtyrer erreicht hat; somit habe es auch keine Auferstehung und Himmelfahrt Christi gegeben; und eine Auferstehung aller Toten im Fleisch beim Weltuntergang, dem Letzten Gericht, sei Bl&#246;dsinn. Eine H&#246;lle, wie sie die Kirche beschreibe, gibt es nicht und ihr angebliches Vorhandensein diene nur dazu, die Menschen unter der Institution Kirche zu disziplinieren.</p>
<p>Insbesondere gegen alle Dogmen der Kirche richtet sich seine Wut. Die Kirche mache einfach alles, was widervern&#252;nftig sei, zu Dogmen und verlange, dass es dann von den Menschen geglaubt und f&#252;r wahr gehalten werde. Die Rituale der Kirche seien allesamt Betrug und lenken nur vom Wichtigsten ab, n&#228;mlich vom in Taten gelebten Christentum.</p>
<div class="bildrechts"><img width="180" height="120" title="bisch&#246;flicher Gottesdienst" alt="bisch&#246;flicher Gottesdienst" src="http://blog.zvab.com/wp-content/04_Gottesdienst.jpg" /><br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;<small>bisch&#246;flicher Gottesdienst<br /></small></div>
<p>In seiner ersten polemischen Abhandlung <i>Untersuchungen der dogmatischen Theologie</i> (1879 – 1880, 1884) nimmt er sich die ma&#223;gebliche Darstellung des orthodoxen Glaubens <i>Orthodoxe dogmatische Theologie</i> des Metropoliten Makarij (1849 – 1853) gnadenlos vor. Aussagen wie, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen, oder ein Kind werde von S&#252;nden gereinigt, wenn es vom Priester bei der Taufe gebadet werde, oder der Heilige Geist gehe in den Menschen ein, wenn er mit &#214;l gesalbt wird, oder der Mensch esse Gottes Leib und trinke Gottes Blut, wenn er in der Kirche Brot isst und Wein trinkt und die Dreieinigkeit Gottes, das alles sei dummes Zeug und eine Beleidigung der Vernunft. Ganz provokativ lehnt er den Anspruch der orthodoxen (und aller christlichen) Kirche ab, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, – andere Religionen, Morallehren und die &#246;stlichen Philosophien bes&#228;&#223;en den gleichen Wert. Nicht vom Menschen geschaffene Rituale w&#252;rden den Menschen erl&#246;sen, sondern allein die Tatsache, bewusst im Willen Gottes gelebt zu haben.<br />
Die Abhandlung gipfelt in einer polemischen Strafpredigt ohnegleichen:</p>
<blockquote><p>Die orthodoxe Kirche?<br />
Jetzt kann ich mit diesem Worte keine andere Vorstellung mehr verbinden, als die von einer Anzahl ungeschorener, sehr selbstbewusster, verirrter und wenig gebildeter Leute, die in Samt und Seide, mit brillantenverzierten Brustbildern von Heiligen einhergehen und Erzbisch&#246;fe oder Metropoliten genannt werden, und von tausend anderen ungeschorenen Menschen, die sich in einer schrecklichen, sklavischen Abh&#228;ngigkeit von diesem Dutzend befinden [...]. Die Farbe meiner Hosen darf ich frei w&#228;hlen, eine Frau darf ich mir nach meinem Geschmack aussuchen, aber bei allem anderen, wodurch ich mich als Mensch f&#252;hle, habe ich sie um Erlaubnis zu bitten &#8211; um die Erlaubnis dieser m&#252;&#223;igen Betr&#252;ger, dieser unwissenden Menschen. [...] Wenn diese Menschen befehlen, ich solle meine Br&#252;der f&#252;r verflucht halten, so soll auch ich den Fluch &#252;ber sie aussprechen. Wenn sie mir befehlen, hinzugehen und aus einem L&#246;ffel Wein zu trinken und dabei zu schw&#246;ren, dass das nicht Wein, sondern Fleisch und Blut sei, so muss ich das tun.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kjetsaa&#038;title=tolstoj">Geir Kjetsaa: Lew Tolstoj – Dichter und Religionsphilosoph</a>]</small> </p>
<p>Am weitesten treibt Tolstoj seinen christlichen Anarchismus in seiner Schrift <i>Das Reich Gottes ist in euch</i> (1890 – 1893). Darin stellt er fest, dass man das Christentum nicht als mystische Religion, sondern als neue Lebensanschauung auffassen m&#252;sse, und aus der Seele eines Menschen entfalte sich das das Christentum, nicht durch Regeln, die von Au&#223;enstehenden gemacht werden, werde es bestimmt. Die Vorstellung von den Sakramenten, der kirchlichen Hierarchie und vor allem der Unfehlbarkeit der Kirche w&#252;rden durch keinerlei Aussagen Christi belegt. Man d&#252;rfe kein Vertrauen in die Gesetze haben, denn die seien aus L&#252;ge und Profitgier geschaffen und k&#246;nnten keine Grundlage f&#252;r eine Gesellschaft sein. Die Machthaber der verschiedenen Nationen werden allesamt attackiert, denn sie w&#252;rden mit dem Argument, den Frieden sichern zu wollen, nur aufr&#252;sten und Krieg vorbereiten und die Arbeiter, die nichts als leben wollen, werden immer dem Militarismus als Erstes zum Opfer fallen. Ein Christ m&#252;sse alle Gesetze ablehnen, und indem er danach strebt, immer besser und vollkommener zu werden, in sich selbst das Reich Gottes schaffen. Gott lebt nicht im Himmel, sondern im Herzen und ist dem Streben des Menschen zum Guten hin gleich zu setzen.</p>
<p>Letztlich akzeptierte er nur die vier Evangelien – und auch die &#8220;reinigt&#8221; er – und, woran er glaubt, erkl&#228;rt er in seiner <i>Zusammenfassung und &#220;bersetzung der vier Evangelien</i> (1880/81, gedruckt in Genf 1892 – 1894), au&#223;erdem in <i>Kurze Auslegung des Evangeliums</i> (1881, 1883), in <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Tolstoi&#038;title=Worin+besteht+mein+Glaube"><i>Worin besteht mein Glaube</i></a> (1882 – 1884), die &#8220;Bibel&#8221; der Tolstojaner, und in <i>&#220;ber das Leben</i> (1887).</p>
<p>Gott sei das Unendliche und der Mensch erkenne durch die Vernunft, dass er ein Teil von ihm sei.<br />
<i>Die Vernunft ist die h&#246;chste geistige Kraft im Menschen, ein kleiner Teil von Gott in uns, und folglich ist jeglicher Versuch, die Vernunft zu unterdr&#252;cken, eine entsetzliche S&#252;nde, die immer Folgen haben wird.</i><br />
Der Mensch ist mit dem Bewusstsein des Willen Gottes geboren.<br />
<i>Ich glaube, dass ich nicht nur in Gott bin, sondern dass ich eine Offenbarung Gottes bin und dass ich folglich nicht untergehen werde.</i><br />
Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten; es k&#246;nne also nicht darum gehen, was nach dem Tode ist, sondern dass der Mensch dazu beitr&#228;gt, das Leben im Diesseits f&#252;r die Menschen zu verbessern.<br />
Christus ist der gr&#246;&#223;te Lehrer der Menschheit, gr&#246;&#223;er als alle anderen, und zeige den Menschen den Weg zu Gott, daher sei ihm nachzuahmen.</p>
<div class="bildlinks"><img width="130" height="164" title="Lev Tolstoj 1910" alt="Lev Tolstoj 1910" src="http://blog.zvab.com/wp-content/05_Tolstoj_1910.jpg" /><br /><small>Lev Tolstoj 1910<br /></small></div>
<p>Kern der Tolstojschen &#220;berzeugung – das Wort »Lehre« hat er heftig abgelehnt und sich sogar &#252;ber seine Anh&#228;nger, die Tolstojaner, die von seiner »Lehre« sprachen, lustig gemacht – ist das Gebot der umfassenden N&#228;chstenliebe und der absoluten Gewaltfreiheit. Und hier – wie auch bei seiner Ablehnung des Eides und des Grundbesitzes – konnte er sich auf den noch heute in der Orthodoxie hoch verehrten heiligen Hierarchen und Prediger der Urkirche Johannes Chrysostomos (*349 †407) beziehen (die Festtagsliturgie in der orthodoxen Kirche ist noch heute von Chrysostomos). Zu leben wie die Menschen in der christlichen Urkirche, war sein Ideal. Die Urkirche sei aber zugrunde gegangen, weil sie sich immer mehr mit den weltlichen Autorit&#228;ten verbunden habe, bis sie sogar zur Staatsreligion wurde und nicht mehr die Interessen des gl&#228;ubigen Menschen, sondern die der Herrschenden vertrat.</p>
<p>Das Wichtigste stand f&#252;r Tolstoj in der Bergpredigt: Es war die erste Seligpreisung, die da bei Matth&#228;us 5,3 lautet: &#8220;Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.&#8221; Bei Lukas 6,20 lautet die gleiche Stelle jedoch &#8220;Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.&#8221; Tolstoj zog die Fassung von Lukas vor, denn in ihr wird indirekt Eigentum und Reichtum verurteilt.<br />
Aus dem f&#252;nften Kapitel Matth&#228;us leitete er schlie&#223;lich f&#252;nf Regeln ab, die zusammen mit oben genannter Seligpreisung den Kern der Lehre Christi bilden:</p>
<ol>
<li>Du sollst nicht zornig sein auf deinen N&#228;chsten.</li>
<li>Du sollst keine sinnlichen Begierden hegen.</li>
<li>Du sollst keinen Eid schw&#246;ren.</li>
<li>Du sollst nicht B&#246;ses mit B&#246;sem vergelten.</li>
<li>Du sollst deine Feinde und alle fremden V&#246;lker lieben.</li>
</ol>
<p>Auf die einzelnen Schriften und, was sie im Detail behandeln, einzugehen w&#252;rde hier zu weit f&#252;hren; in den Literaturangaben sind Werke benannt, die sich ausf&#252;hrlich mit den Themen besch&#228;ftigen. Besonders hervorgehoben sei jedoch das im Insel-Verlag erschienene Buch von Martin Tamcke <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Tamcke&#038;title=Tolstojs+Religion"><i>Tolstojs Religion &#8211; Eine spirituelle Biographie</i></a></p>
<p>In der Anlage »<b><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Chronologie.pdf" target="_blank">Chronologische &#220;bersicht zu Tolstois Leben und Werk</a></b>« sind detailliert alle Lebensdaten und die Werke Tolstojs verzeichnet.<br />
(Ich danke dem Winkler Verlag f&#252;r die Genehmigung des Abdrucks.)</p>
<div class="bildrechts"><img width="140" height="180" title="Tolstoj 1892 bei einem Hilfseinsatz" alt="Tolstoj 1892 bei einem Hilfseinsatz" src="http://blog.zvab.com/wp-content/06_Tolstoj_1892.jpg" /><br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;<small>Tolstoj 1892 bei<br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;einem Hilfseinsatz</small></div>
<p>Tolstoj belie&#223; es nicht beim Verk&#252;nden seiner &#220;berzeugungen, die sp&#228;testens mit seinem Traktat <i>Was sollen wir denn tun?</i> und dem Aufsatz <i>&#220;ber den Hunger</i> (1892) in der ganzen Welt Beachtung und Zustimmung gefunden hatten (in ersterer sind seine Erfahrungen, die er bei der Volksz&#228;hlung gemacht hat, verarbeitet), er setzte sie auch, wo er nur konnte, in die Tat um – nur wenn es um seine Person ging, blieb er immer wieder ein &#8220;gro&#223;er S&#252;nder&#8221;. Er half den Armen mit Rat und Tat; zu Zeiten der Hungersn&#246;te sorgte er, dass die Hungernden zu essen bekamen und organisierte Suppenk&#252;chen; er scheute sich nicht, Spenden f&#252;r die Armen einzusammeln; er tat alles, was in seinen Kr&#228;ften stand (und mehr), um seinen Worten von der N&#228;chstenliebe auch Taten folgen zu lassen.<br />
Und bei alledem wurde er mit Argusaugen vom Staat beobachtet; es gefiel den Herrschenden von Staat und Kirche gar nicht, dass Tolstojs &#8220;Heiligenschein&#8221; beim Volke immer weiter wuchs.</p>
<p>Es ist l&#228;ngst nicht alles zu Lev Tolstojs christlicher &#220;berzeugung und den daraus folgenden moralischen Konsequenzen gesagt, eher nur ein Bruchteil, aber vielleicht doch das Wichtigste.<br />
Der Neutestamentler <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Weinel">Heinrich Weinel</a> (*1874 &dagger;1936) schreibt in seinem Buch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Weinel&#038;title=Jesus+Jahrhundert"><i>Jesus im 19. Jahrhundert</i></a> (1914) – und das soll der Schlusspunkt dieses Essays &#252;ber den gro&#223;en Denker und Apostel der N&#228;chstenliebe sein, der sich selbst immer als &#8220;gro&#223;en S&#252;nder&#8221; bezeichnete, weil er seinen eigenen Anspr&#252;chen an Vollkommenheit nicht gerecht werden konnte:</p>
<blockquote><p>Die christliche Welt, die sich Kirche nennt, ist freilich nur antike Welt im christlichen Gewand; Tolstoj aber predigt die Welt der Liebe ohne Zwang, Gesetz, Recht und Staat, die auch Jesus geschaut hat. Sein Evangelium ist eine gewaltige Bu&#223;predigt wider das gegenw&#228;rtige Christentum nicht blo&#223; der griechischen [gemeint ist der griechisch- und russisch-orthodoxen, hmw] Kirche, eine Aufdeckung der erb&#228;rmlichen Mischmaschethik mit derselben unerbittlichen Sch&#228;rfe, wie sie Nietzsche hat. Aber w&#228;hrend aus diesem der Hass des Abgefallenen spricht, redet aus Tolstoj der Ingrimm dessen, der sein K&#246;stlichstes von blinden Blindenf&#252;hrern entstellt sieht. Und diese Liebe, die wie Hass aussieht, wird uns allein zur Erneuerung helfen und zum endlichen Sieg.</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tamcke&#038;title=tolstojs+religion">Tamcke, Martin: Tolstojs Religion – Eine spirituelle Biographie</a>]</small> </p>
<p>Das ausf&#252;hrliche <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Literaturliste_Tolstoj.pdf" target="_blank">Literaturverzeichnis</a>, in dem auch die in Sammelb&#228;nden zusammengefassten Werke aufgef&#252;hrt sind, umfasst Prim&#228;r- und Sekund&#228;rliteratur und  <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Literaturliste_Tolstoj.pdf" target="_blank">liegt hier als <strong>pdf-Datei</strong> vor</a>.</p>
<p>Ich danke dem Diogenes Verlag, dem Insel Verlag und dem Winkler Verlag f&#252;r ihre gro&#223;z&#252;gige Unterst&#252;tzung.</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Prim&#228;rliteratur</h3>
<p>Leo N. Tolstoi: <b>Erz&#228;hlungen</b>, Goldmanns Taschenb&#252;cher, 1957</p>
<p>Leo N. Tolstoi: <b>Fr&#252;he Erz&#228;hlungen</b>, Winkler Verlag M&#252;nchen 1960 (Vollst&#228;ndige Ausgabe s&#228;mtlicher Erz&#228;hlungen aus den Jahren 1851 bis 1869)</p>
<p>Leo N. Tolstoi: <b>Tageb&#252;cher 1847 – 1910</b>, Winkler Verlag 1979, &#252;bersetzt von G&#252;nter Dalitz</p>
<p>Leo N. Tolstoi: <b>Volkserz&#228;hlungen</b>, Otto Bauer Verlag 1958, &#252;bersetzt von Hans Klassen</p>
<p>Leo N. Tolstoj: <b>Die Kreutzersonate / Der Teufel </b>&#252;bersetzt von Alexander Eliasberg und Svetlana Geier, mit einem Nachwort von Svetlana Geier, Rowohlt Verlag 1961</p>
<p>Leo N. Tolstoj: <b>Nachla&#223; Band I Novellen</b>, Verlag Eugen Diederichs 1912, &#252;bersetzt von Ludwig und Dora Berndl</p>
<p>Leo N. Tolstoj: <b>Nachla&#223; Band II Novellen und Dramen</b>, Verlag Eugen Diederichs 1912, &#252;bersetzt von Ludwig und Dora Berndl</p>
<p>Leo Tolstoi: <b>Die Kreutzersonate </b>und andere Erz&#228;hlungen, Agrippina-B&#252;cherei-Wiesbaden, um 1950.</p>
<p>Leo Tolstoi: <b>Die zwei Br&#252;der und das Gold </b>und 19 andere Volkserz&#228;hlungen, (&#220;bertragen von Dr. Leo von Witte), Herder Buchgemeinschaft 1960</p>
<p>Leo Tolstoi: <b>Polikuschka</b>, &#252;bersetzt von Herman Asemissen, R&#252;tten &#038; Loening Berlin, 1963</p>
<p>Leo Tolstoi: <b>Werke </b>(in zwei B&#228;nden) <b>Band I</b>, Verlag »Das Berglandbuch«, 1959 &#252;bersetzt von Xaver Schaffgotsch</p>
<p>Leo Tolstoi: <b>Krieg und Frieden – Die Urfassung</b>; recherchiert, rekonstruiert und &#252;bersetzt von Dorothea Trottenberg, Eichborn Verlag Berlin, 2003</p>
<p>Lew Tolstoj:  <b>Die Kosaken</b>, &#252;bersetzt von Mila Stucken erg&#228;nzt von Josef Hahn, Fischer Taschenbuch, <b>Teil der Sammlung Russland lesen von Swetlana Geier</b>, 2003</p>
<p>Tolstoi: <b>Die sch&#246;nsten Erz&#228;hlungen von … </b>Mit einem Nachwort von Maxim Gorki, Nymphenburger Verlagshandlung 1957</p>
<p>Sofja Andrejewna Tolstaja: <b>Tageb&#252;cher 1862 – 1897 </b>und <b>Tageb&#252;cher 1898 – 1910</b>, &#252;bersetzt von Johanna Renate D&#246;ring-Smirnov und Rosemarie Tietze, Athen&#228;um Verlag, 1982</p>
<h3>Sekund&#228;rliteratur</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Dietrich+Wolfgang:&amp;title=Russische+Religionsdenker">Dietrich, Wolfgang: <b>Russische Religionsdenker</b> Tolstoi, Dostojewski, Solowjew, Berdjajew. Kaiser Taschenb&#252;cher</a> 1994<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Goldenweiser+Alexander&amp;title=Entlasse+mich+aus+deinem+Herzen">Goldenweiser, Alexander: <b>Entlasse mich aus deinem Herzen</b> &#8211; Tolstojs letztes Jahr, Aufbau Verlag</a> 2010<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Gorkij+Maksim&amp;title=TOLSTOI+Maksim+Gorkij">Gorkij, Maksim: <b>TOLSTOI / Maksim Gorkij.</b> &#8211; MUENCHEN : LANGEN MUELLER</a> 1960<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Grusemann+Michael&amp;title=Tolstoi+seine+Weltanschauung">Grusemann, Michael: <b>Tolstoi: seine Weltanschauung</b> &#8211; M&#252;nchen : R&#246;sl</a> 1923<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Keller+Ursula+Sharandak+Natalja&amp;title=Sofia+Tolstaja">Keller, Ursula / Sharandak, Natalja: <b>Sofia Tolstaja – Ein Leben an der Seite Tolstojs</b>, IT 3645</a> 2010<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Kjetsaa+Geir&amp;title=Dichter+und+Religionsphilosoph">Kjetsaa, Geir: <b>Lew Tolstoj – Dichter und Religionsphilosoph</b>, Casimir Katz Verlag</a> 2001<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Kruse+Joseph&amp;title=Lew+Tolstoi+und+seine+Zeit">Kruse, Joseph A. [Hrsg.]: <b>Lew Tolstoi und seine Zeit</b>, Ausstellungskatalog Heinrich-Heine-Institut D&#252;sseldorf</a> 1991 (Bilder)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Lavrin+Janko&amp;title=Tolstoj+rowohlts+monographien">Lavrin, Janko: <b>Tolstoj</b>, rowohlts monographien, Rowohlt Taschenbuch Verlag</a> 2008 (17. Auflage)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Lux+Christian+Simm+Hans+Joachim&amp;title=Tolstoj+Insel+Almanach+auf+das+Jahr+2010">Lux, Christian / Simm, Hans-Joachim: <b>Tolstoj</b>, Insel Almanach auf das Jahr 2010</a> 2009<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Staehlin+Karl&amp;title=Ueber+Russland+die+russische+Kunst">St&#228;hlin, Karl: <b>&#220;ber Ru&#223;land, die russische Kunst und den gro&#223;en Dichter der russischen Erde</b> &#8211; Heidelberg : Winter</a> 1913<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Tamcke+Martin&amp;title=Tolstojs+Religion">Tamcke, Martin: <b>Tolstojs Religion : Eine spirituelle Biographie</b>  &#8211; 1. Aufl. &#8211; Berlin : Insel Verlag</a> 2010<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Troyat+Henri&amp;title=Tolstoi+ Widerspruch+eines+Lebens">Troyat, Henri: <b>Tolstoi, Widerspruch eines Lebens</b>, Heyne Verlag (Econ)</a> 1968<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Widl+Robert&amp;title=Licht+und+Finsternis+im+Leben">Widl, Robert: <b>Licht und Finsternis im Leben des Lew Tolstoi</b>, Stieglitz Verlag</a> 1994</p>
<h3>Aus dem Insel Verlag</h3>
<p>Leo N. Tolstoj: <b>Kindheit, Knabenalter, J&#252;nglingsjahre</b>, &#252;bersetzt von Hermann R&#246;hl, IT 203, 1976<br />
Lew N. Tolstoj: <b>Die gro&#223;en Erz&#228;hlungen </b>mit einem Nachwort von Thomas Mann, &#252;bersetzt von Arthur Luther und Rudolf Kassner, IT18, 1975<br />
Lew Tolstoj: <b>Meine Beichte</b>, &#252;bersetzt von Alexis Markow (1890), IT 3485, 2010<br />
Lew Tolstoj: <b>Der Tod des Iwan Iljitsch</b>, &#252;bersetzt von Rudolf Kassner, IT 2427, 2002<br />
Lew N. Tolstoj:  <b>Die Kreutzersonate</b>, &#252;bersetzt von Arthur Luther, IT 763, 1984<br />
Lew N. Tolstoj: <b>Hadschi Murat</b>, &#252;bersetzt von Arthur Luther mit einem Nachwort von Wolfgang Kasack, IT 2709, 2000<br />
Lew N. Tolstoj: <b>Wieviel Erde braucht der Mensch?</b>, Erz&#228;hlungen &#252;bersetzt von Alexander Eliasberg und Arthur Luther, IT 1198, 1989<br />
Lew N. Tolstoj: <b>Auferstehung</b>, &#252;bersetzt von Adolf He&#223;, IT 791, 1984</p>
<h3>Sammelb&#228;nde aus dem Diogenes Verlag</h3>
<p>Leo Tolstoi: <b>Die Kosaken</b>, &#252;bersetzt von Arthur Luther (Erz&#228;hlungen von 1852 bis 1856)<br />
Leo Tolstoi: <b>Kindheit, Knabenjahre, Jugendzeit </b>&#252;bersetzt von Eva Luther<br />
Leo Tolstoi: <b>Der Schneesturm</b>, &#252;bersetzt von Eva Luther (Erz&#228;hlungen von1856 bis 1862)<br />
Leo Tolstoi: <b>Die Kreutzersonate</b>, &#252;bersetzt von Arthur Luther, Erich M&#252;ller und August Scholz (Erz&#228;hlungen ab 1864)<br />
Leo Tolstoi: <b>Herr und Knecht</b>, &#252;bersetzt von Erich Boehme (Volkserz&#228;hlungen von 1872 bis 1905)<br />
Leo Tolstoi: <b>Hadschi Murat</b>, &#252;bersetzt von Erich Boehme, Erich M&#252;ller und August Scholz (Erz&#228;hlungen von 1904 bis 1910)</p>
<p><b>Die detaillierten Inhaltsangaben oben genannter B&#252;cher befinden sich in der pdf-Datei.</b></p>
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		<title>Lev Tolstoj: „Der Meister aller Meister, ein allwissender Shakespeare …“</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Nov 2010 09:15:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Karenina]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Dramen]]></category>
		<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>
		<category><![CDATA[Hanns-Martin Wietek]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsberichte]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalepos]]></category>
		<category><![CDATA[russische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Sinnkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Tolstoj]]></category>
		<category><![CDATA[Traktate]]></category>
		<category><![CDATA[Urfassung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das ist eine erstklassige Sache! Welch ein K&#252;nstler und welch ein Psycholog! Ich brach in Rufe der Begeisterung aus w&#228;hrend der Lekt&#252;re&#8230; Ja, das ist stark, sehr stark&#8230; Der Meister aller Meister, ein allwissender Shakespeare &#8230; [Gustave Flaubert in einem Brief an I. S. Turgenev aus dem Jahre 1880 nach der Lekt&#252;re von Krieg und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Wieviel-Erde-braucht-der-Mensch-Erz&#228;hlungen-und-Legenden1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Wieviel-Erde-braucht-der-Mensch-Erz&#228;hlungen-und-Legenden1-120x200.jpg" alt="" title="Wieviel Erde braucht der Mensch, Erz&#228;hlungen und Legenden" width="120" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4707" /></a></div>
<blockquote><p>Das ist eine erstklassige Sache! Welch ein K&#252;nstler und welch ein Psycholog! Ich brach in Rufe der Begeisterung aus w&#228;hrend der Lekt&#252;re&#8230; Ja, das ist stark, sehr stark&#8230; Der Meister aller Meister, ein allwissender Shakespeare &#8230;</p></blockquote>
<p><small>[<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gustave+flaubert">Gustave Flaubert</a> in einem Brief an <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">I. S. Turgenev</a> aus dem Jahre 1880 nach der Lekt&#252;re von <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></em>]</small></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lev+tolstoj"><strong>Lev Tolstoj</strong></a> (auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi"><strong>Lew</strong></a> oder <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leo+tolstoi"><strong>Leo Tolstoi</strong></a>) war zeit seines Lebens davon besessen, das, was er als Wahrheit erkannt hatte, auch auszusprechen; sich selbst, anderen und vor allem auch seinen Lesern wollte er nichts als die (oder besser: seine) Wahrheit sagen. Das f&#252;hrte einerseits zu jener schonungslosen Selbstkritik, von der seine Tageb&#252;cher geradezu strotzen, andererseits zu einer v&#246;llig unduldsamen Haltung seinen Diskussionspartnern gegen&#252;ber, die durch Tolstojs aristokratisches Bewusstsein noch verst&#228;rkt wurde. Nun war er aber auch und schon von Kindheit an ein unentwegt reflektierender, ja philosophierender Mensch; seine Wahrheiten &#228;nderten sich zwangsl&#228;ufig mit seinem jeweiligen Erkenntnisstand, wodurch sich manch Widerspr&#252;chliches in seinem Werk findet – beispielsweise wird aus der Bewunderung soldatischer Tugenden (<em>Sevastopoler Erz&#228;hlungen</em>) am Ende seines Lebens ein anarchischer Pazifismus. </p>
<p><span id="more-4630"></span><br />
Eine weitere Folge seiner Wahrheitsobsession war, dass Tolstoj nichts erfinden konnte und wollte – rein Fiktives war seine Sache nicht, wie er selbst mehrfach betonte. Alles in seinem Werk hat ein zwar modifiziertes, aber doch reales Vorbild; das sind Ereignisse aus der Geschichte oder etwas, das er selbst erlebt oder das ihm zugetragen worden war. Das gilt ganz besonders f&#252;r die Figuren, die seine Handlungen vorantreiben und immer wieder naturgetreue Kopien von Menschen aus seinem engsten Umkreis waren – seine Angeh&#246;rigen haben sich manches Mal gewundert, wenn sie ihre eigenen Worte in Tolstojs Werken wiederfanden –, und noch viel mehr f&#252;r die literarischen Abbilder seiner eigenen Person: Wohl kein anderer Schriftsteller hat so viel Autobiografisches verwendet wie Tolstoj. Er geht dabei sogar so weit, die in ihm k&#228;mpfenden widerspr&#252;chlichen &#220;berzeugungen auf verschiedene Figuren im Werk zu &#252;bertragen und sie seinen eigenen inneren Kampf austragen zu lassen – zum Beispiel Pierre Besuchov und F&#252;rst Andrej Bolkonskij in <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></strong></em>. Es gibt zwei wesentliche Wendepunkte im Leben Tolstojs, die auch sein Schaffen in drei sehr unterschiedliche Abschnitte teilen: </p>
<p>Nach seiner ersten Auslandsreise im Jahr 1858 kam es zum Bruch mit den radikaleren Kreisen um die Zeitschrift <em>Sovremennik</em>, an der er bis dahin wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew">Turgenev</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow">Saltykov-Š&#269;edrin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pisemskij">Pisemskij</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=druzinin">Družinin </a>mitgearbeitet hatte, denn er vertrat jetzt die damals als reaktion&#228;r angesehene Ansicht, der Schriftsteller solle den Kunstgeschmack der Leser entwickeln und die Menschen durch die Sch&#246;nheit bereichern (Kunst um der Kunst willen); in der Folge zog er sich auch endg&#252;ltig von den  Hofkreisen zur&#252;ck und lie&#223; sich auf seinem Gut Jasnaja Poljana nieder. Dort erfuhr er die Natur als Mittlerin zu Gott und widmete sich wie schon einige Jahre zuvor  der Erziehung seiner Bauern. Nach einer weiteren Auslandsreise heiratete er und es begann eine gl&#252;ckliche Phase seines Lebens. </p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Herr-und-Knecht-Volkserz&#228;hlungen-1872-19051.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Herr-und-Knecht-Volkserz&#228;hlungen-1872-19051-125x200.jpg" alt="" title="Herr und Knecht, Volkserz&#228;hlungen 1872 - 1905" width="125" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4704" /></a></div>
<p>Als Tolstoj 50 Jahre alt war (1878), begann die gro&#223;e Sinnkrise seines Lebens: Er war auf dem Gipfel seines schriftstellerischen Ruhmes und fragte sich: Wozu? Was habe ich bewirkt? Was jetzt? War nicht alles L&#252;ge? Immer &#246;fter musste er an das Ereignis einer Nacht im Jahr 1869 denken (in der Erz&#228;hlung <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=wahnsinnigen"><strong>Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen</strong></a></em>, die als Fragment posthum ver&#246;ffentlicht wurde, hat er es 1884 beschrieben), als er in panischem Entsetzen zu h&#246;ren glaubte, wie ihn der Tod rief. Und immer wieder glaubte er nun, das zynische Gel&#228;chter des Todes erneut zu h&#246;ren. Vor allem in der Nacht war er versucht, sich umzubringen – eine Schlinge … ein Stuhl … ein Balken in seinem Arbeitszimmer – das schien die L&#246;sung zu sein. Aus dieser endzeitlichen Stimmung befreite ihn schlie&#223;lich der Gedanke an die einfachen Bauern, die das schwerste Los gelassen, ja sogar heiter ertrugen – das konnte nur an ihrem bedingungslosen, einfachen, ja kindlichen Glauben an Gott liegen, davon war er &#252;berzeugt. Tolstoj, der in den letzten Jahren ein begeisterter Anh&#228;nger des Pessimisten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=arthur+schopenhauer">Arthur Schopenhauer</a>, der im „Jammertal“ des irdischen Lebens den Tod h&#246;her sch&#228;tzte als das Leben, gewesen war – <em>„Ich wei&#223; nicht, ob ich meine Meinung einmal &#228;ndern werde, jetzt jedenfalls bin ich &#252;berzeugt, dass Schopenhauer der genialste aller Menschen ist“</em>, so schrieb er im August 1869 an <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=afanasij+fet">Afanasij Fet</a> –, wurde zu einem tiefgl&#228;ubigen Anh&#228;nger des orthodoxen Glaubens. Und wie immer war er radikal konsequent, verdammte in seinem Werk <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=beichte"><strong>Meine Beichte</strong></a></em> (geschrieben 1879/80, ver&#246;ffentlicht 1882) und in der Bekenntnisschrift <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=glaube+besteht"><strong>Worin besteht mein Glaube?</strong></a></em>  (1882–1884) sein ganzes bisheriges Leben und Schaffen und widmete sich der Religion und sozialen Aufgaben.</p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Hadschi-Murat-Eine-Erz&#228;hlung1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Hadschi-Murat-Eine-Erz&#228;hlung1-120x200.jpg" alt="" title="Hadschi-Murat, Eine Erz&#228;hlung" width="120" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4702" /></a></div>
<p>Die erste Phase von Tolstojs Schaffen beginnt mit den ersten Schreibversuchen 1845 und reicht bis etwa 1862, als er nach seiner Heirat anfing, <em>Krieg und Frieden</em> zu schreiben. Drei Themenkreise hat er in diesen Jahren haupts&#228;chlich behandelt: Da ist einmal die quasi-autobiografische Linie mit der Trilogie, die <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=kindheit"><strong>Kindheit </strong></a></em>(1852), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=knabenjahre">Knabenjahre </a></strong></em>(1854) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=juenglingsjahre">J&#252;nglingsjahre </a></strong></em>(1857) umfasst, und den <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=erzaehlungen+markoers">Erz&#228;hlungen eines Mark&#246;rs</a></strong></em> (1855), dann Erz&#228;hlungen &#252;ber den Kaukasus mit den drei Kriegsberichten aus Sevastopol und schlie&#223;lich Geschichten vom Leben eines Gutsbesitzers.</p>
<p>Nach verschiedenen philosophischen Skizzen und ersten schriftstellerischen Versuchen, die aber allesamt Fragmente blieben, und ersten Tagebucheintr&#228;gen 1847 schrieb Tolstoj 1851 seine erste Erz&#228;hlung: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=geschichte+gestrigen+tages">Die Geschichte des gestrigen Tages</a></strong></em> (1926 posthum ver&#246;ffentlicht). Schon hier sind wesentliche Elemente seiner schriftstellerischen Arbeit vorhanden: Analyse, Selbstreflexion, Suche nach Wahrheit und genaue Beobachtungsgabe.</p>
<p>Eine vollst&#228;ndige Liste aller Erz&#228;hlungen und Fragmente aus dieser Schaffensphase – die sogenannten <em>Fr&#252;hen Erz&#228;hlungen</em> – finden Sie <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/fruehe_erzaehlungen.pdf" target="_blank"><strong>hier</strong></a>.</p>
<p>In der Trilogie <em>Kindheit – Knabenjahre – J&#252;nglingsjahre</em>, die als Tolstojs fr&#252;hestes Werk ersten literarischen Ranges angesehen wird, beschreibt er die kindliche und pubert&#228;re Entwicklung des Adeligen Nikolenka hin zum jungen Mann. Nikolenka ist zwar eindeutig ein literarisches Alter Ego, doch Tolstoj h&#228;lt sich nicht streng an die Ereignisse seines Lebens. In der Erz&#228;hlung <em>Erz&#228;hlungen eines Mark&#246;rs</em>, die vollst&#228;ndig autobiografisch ist, beschreibt er den inneren Kampf eines jungen Adeligen, der der Spielsucht verfallen ist.</p>
<p>Von Mai 1851 bis Dezember 1856 diente Tolstoj – zuerst als Zivilist, sp&#228;ter als Junker und zuletzt als Offizier – bei der Kaukasus- und anschlie&#223;end bei der Donau-Armee. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit bilden den zweiten Themenkreis seiner ersten Schaffensphase. Da sind einmal die schonungslos realistischen Kriegsberichte <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=sewastopol+dezember">Sevastopol im Monat Dezember</a></strong></em> (1855), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=sewastopol+mai">Sevastopol im Monat Mai </a></strong></em>(1855) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=sewastopol+august">Sevastopol im Monat August 1855</a></strong></em> (1856), die ungeheures Aufsehen erregten – Nikolaus I. hat nach dem Lesen des ersten Berichtes angeordnet, Tolstoj aus der Kampfzone zu entfernen, damit ihm nichts geschieht. In diesem ersten Teil der Trilogie beschreibt Tolstoj den heldenhaften Mut, die Selbstaufopferung und die selbstlose Pflichterf&#252;llung der einfachen Soldaten f&#252;r ihr Vaterland. Im zweiten Teil schildert er den Seelenzustand der inneren Welt des Milit&#228;rs, insbesondere der Offiziere: D&#252;nkel, Kleingeistigkeit, Ruhmsucht, Eitelkeit, Snobismus und Feigheit herrschen hier vor – ein deutlicher Kontrast zur Tapferkeit der einfachen Soldaten im ersten Teil. Der dritte Teil zeigt die ganze Sinnlosigkeit des (und Tolstoj meint nat&#252;rlich: eines jeden) Krieges; er erz&#228;hlt, wie sich zwei Br&#252;der zuf&#228;llig zu einem Zeitpunkt, als es eigentlich schon gar keine Front mehr gibt und der Krieg, Verw&#252;stung und Leere hinterlassend, praktisch schon verloren ist, auf dem Weg zur Front treffen und beide fallen.</p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Hadschi-Murat-Erz&#228;hlungen-1904-19101.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Hadschi-Murat-Erz&#228;hlungen-1904-19101-124x200.jpg" alt="" title="Hadschi-Murat, Erz&#228;hlungen 1904 - 1910" width="124" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4703" /></a></div>
<p>Tolstoj war zwar schon mit <em>Kindheit </em>in die erste Garde der russischen Schriftsteller aufgestiegen, mit den sogenannten <em>Sevastopoler Erz&#228;hlungen</em> aber hatte er endg&#252;ltig einen ersten Ruhmesgipfel erreicht. Zu diesem Zeitpunkt h&#228;tte niemand geglaubt, dass es noch h&#246;her hinauf gehen k&#246;nnte. In seiner Zeit beim Milit&#228;r schrieb Tolstoj neben der erw&#228;hnten Trilogie auch seine sch&#246;nsten Erz&#228;hlungen, die vom Leben der Soldaten und von dem der Kosaken handeln und in denen die Einfachheit, Gradlinigkeit und Naturverbundenheit der Kosaken eindringlich und ans Herz gehend geschildert ist. Auch finden sich hier ergreifende Schilderungen der Natur, wie man sie sp&#228;ter von Tolstoj nur noch selten lesen kann. Neben <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=ueberfall">Der &#220;berfall</a></em></strong> (1852), <em><strong>Wie russische Soldaten sterben. Der Alarm</strong></em> (1854) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=holzschlag">Der Holzschlag</a></strong></em> (1855) ist besonders die Erz&#228;hlung<em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=kosaken"> Die Kosaken</a></strong></em> (1852 begonnen, 1863 erschienen) zu erw&#228;hnen – sie ist eines der besten Werke Tolstojs und w&#228;re beinahe nicht vollendet worden, die Geldnot zwang ihn schlie&#223;lich zur Fertigstellung.<em> Die Kosaken</em> handelt von der Liebe zwischen dem russischen Adeligen und Offizier Olenin und dem Kosakenm&#228;dchen Marjana. Olenin ist niemand anderer als Tolstoj selbst, der hier sein Leben im Kaukasus und seine Liebe zu einer Kosakin schildert. Fasziniert vom naturverbundenen, ehrlichen Leben der Kosaken, das so ganz dem dekadenten Leben der russischen Aristokratie widerspricht, beschlie&#223;t Olenin, selbst Kosak zu werden, im Kaukasus zu bleiben und Marjana zu heiraten. Am Ende muss er jedoch einsehen, dass das unm&#246;glich ist und dass die Welten, die zwischen ihnen liegen, bestehen bleiben und sie trennen. Olenin muss von der von ihm geliebten Welt Abschied nehmen und Marjana schaut ihm beim Abschied nicht einmal nach.</p>
<p>Der dritte Themenkreis, mit dem sich Tolstoj in der ersten Schaffensphase literarisch befasst hat, sind die Erz&#228;hlungen &#252;ber das Leben der Gutsbesitzer. Auch hier hat Tolstoj eigene Erfahrungen verarbeitet; teilweise sind, wie im Fall von <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=morgen+gutsbesitzers">Der Morgen eines Gutsbesitzers</a></strong></em> (begonnen 1852, erschienen 1856), autobiografische Erz&#228;hlungen entstanden. Nechljudov, der junge Gutsbesitzer, ist ein weiteres Alter Ego Tolstojs, das er noch in vielen Werken bis hin zum Roman <em>Auferstehung </em>benutzen w&#252;rde. </p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Auferstehung-Roman-mit-Illustrationen-Bibeldruckpapier1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Auferstehung-Roman-mit-Illustrationen-Bibeldruckpapier1-120x200.jpg" alt="" title="Auferstehung, Roman mit Illustrationen, Bibeldruckpapier" width="120" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4694" /></a></div>
<p>Erw&#228;hnt werden m&#252;ssen die ergreifende Erz&#228;hlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=polikuschka">Polikuška</a> </strong></em>(1861/62), in der ein Bauer sich erh&#228;ngt, weil er den Briefumschlag mit Geld, den man ihm f&#252;r seine Herrin anvertraut hatte, verloren hat – kurz darauf wird der Brief gefunden, die Herrin aber will das Ungl&#252;ck bringende Geld nicht mehr und &#252;berl&#228;sst es dem Finder, der seinen Neffen damit vom Milit&#228;r freikauft; dann die Erz&#228;hlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=schneesturm">Der Schneesturm</a></strong></em>  (1856), in der Tolstoj ein schreckliches Ereignis beschreibt, das er auf der R&#252;ckreise vom Kaukasus hatte, <em><strong>Tichon und Malanja</strong></em> (1862 geschrieben, nach der Handschrift Tolstojs 1931 ver&#246;ffentlicht) und schlie&#223;lich die meisterliche, zu Herzen gehende Pferdegeschichte <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=leinwandmesser">Leinwandmesser </a></strong></em>(1856 konzipiert, aber erst 1886 beendet und ver&#246;ffentlicht, weshalb man dar&#252;ber streiten kann, ob sie den Fr&#252;hen Erz&#228;hlungen zuzurechnen ist), in der ein ehemals rassiger, schneller Traberhengst, jetzt kastriert und als Versorgungsgaul auf einem Gest&#252;t eingesetzt, sich Gedanken &#252;ber sich selbst und die Menschen macht – ein tragisches Schicksal, eine <em>„psychologisierende Tierbiografie“</em>, wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=geir+kjetsaa">Geir Kjetsaa</a> festgestellt hat. Auch hier gibt es einen realen Bezug: Tolstoj hatte 1875 ein pr&#228;chtiges Gest&#252;t bei Samara (mit 400 englischen Vollbl&#252;tern, Rostotschinern und Trabern) eingerichtet, das aber mangels notwendiger Aufsicht und zu geringer Kenntnis nach und nach einging; die letzten Rassepferde endeten um 1882 als traurige Ackerg&#228;ule auf seinem Gut in Jasnaja Poljana.</p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Der-Schneesturm-Erz&#228;hlungen-1856-18621.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Der-Schneesturm-Erz&#228;hlungen-1856-18621-124x200.jpg" alt="" title="Der Schneesturm, Erz&#228;hlungen 1856 - 1862" width="124" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4695" /></a></div>
<p>In der sehr farbigen Erz&#228;hlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=husaren">Zwei Husaren</a></strong></em> (1856), in der Vater und Sohn, beide Husaren, im Abstand von 20 Jahren zuf&#228;llig auf dem selben Gut zu Gast sind, zeigt Tolstoj die Ver&#228;nderung von einer Generation zur n&#228;chsten auf: Der Vater, der die Gutsherrin im Jahr 1800 besucht, ist noch ein brillant beschriebener, romantischer Draufg&#228;nger – ein echter romantischer Held à la <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lermontov+michail">Lermontov </a>(das lebende Vorbild ist allerdings ein Verwandter von Tolstoj: der legend&#228;re Haudegen Fëdor Ivanovi&#269; Tolstoj, genannt „der Amerikaner“); der Sohn, der sie zwei Jahrzehnte sp&#228;ter aufsucht,  ist schon zum zynischen Pragmatiker geworden.</p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kosaken-Erz&#228;hlungen-1852-18561.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kosaken-Erz&#228;hlungen-1852-18561-125x200.jpg" alt="" title="Die Kosaken, Erz&#228;hlungen 1852 - 1856" width="125" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4698" /></a></div>
<p>Einige weitere Erz&#228;hlungen sind keinem der Themenkreise zuzuordnen, aber unbedingt erw&#228;hnenswert, so zum Beispiel <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=luzern">Luzern </a></strong></em>(auch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=nechljudow+fuersten">Aus dem Tagebuch des F&#252;rsten D. Nechljudov</a></strong></em>, 1857), eine Episode, die Tolstoj bei seinem ersten Aufenthalt in der Schweiz erlebt hat und die so fast wortw&#246;rtlich auch in seinem Tagebuch steht. Darin &#228;u&#223;ert er seine Abscheu vor den reichen M&#252;&#223;igg&#228;ngern, die, im Schweizer Hof lebend, zwar mit Genuss einem wunderbar spielenden Geiger, einem Stra&#223;enmusikanten, zuh&#246;rten, aber nicht bereit waren, dem armen Musikus einen kleinen Obulus zukommen zu lassen; Tolstoj lud den Mann daher ganz provokativ ins Hotel zum Essen ein und schlug Krach, als man sie nicht ebenso vornehm behandeln wollte wie alle anderen und ihn selbst zuvor auch.</p>
<p><em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=albert">Albert </a></strong></em>(1858) handelt ebenfalls von einem Musiker und geht auch auf eine wahre Begebenheit zur&#252;ck: Tolstoj hatte aus St. Petersburg einen zwar sehr guten, aber halb verr&#252;ckten und versoffenen deutschen Musiker mit auf sein Gut genommen, um ihn zu retten – was nicht gelang.</p>
<p>Mit <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=drei+tode">Drei Tode</a></strong></em> (1858) beginnt Tolstojs immer wiederkehrende Besch&#228;ftigung mit dem Tod. Er zeigt hier, wie unterschiedlich sich eine Gutsherrin, ein einfacher Bauer und ein Baum beim Sterben verhalten. Das Ergebnis: Den leichtesten Tod hat der gef&#228;llte Baum, denn er ist ein Teil der Natur, er hat kein Ich-Bewusstsein, f&#252;r ihn geh&#246;rt das Sterben zum Leben und er gibt neuem Leben Raum.</p>
<p>In <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=familienglueck">Familiengl&#252;ck </a></strong></em>(1859) greift er zum ersten Mal sein Problem mit den Frauen auf: hie Sexus, da Liebe. Hintergrund waren die Beziehung zu seiner leibeigenen B&#228;uerin Aksinja, von der er auch einen Sohn hatte, und der Wunsch, standesgem&#228;&#223; Valerja Arseneva zu heiraten; die Erz&#228;hlung ist eine Andeutung dessen, was Tolstojs sp&#228;tere Ehe unter anderem belasten sollte. </p>
<p>Tolstojs <em>Fr&#252;he Erz&#228;hlungen</em> sind wesentlich lebendiger, ja, vielleicht kann man sagen: noch „naturalistisch-romantisch“ gepr&#228;gt (Tolstoj selbst w&#252;rde an dieser Stelle laut aufschreien, denn er wollte <strong>der </strong>Antiromantiker sein) und weniger „akademisch“ als seine sp&#228;teren.</p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-gro&#223;en-Erz&#228;hlungen-mit-einem-Nachwort-von-Thomas-Mann1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-gro&#223;en-Erz&#228;hlungen-mit-einem-Nachwort-von-Thomas-Mann1-121x200.jpg" alt="" title="Die gro&#223;en Erz&#228;hlungen, mit einem Nachwort von Thomas Mann" width="121" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4697" /></a></div>
<p>Nach seiner Hochzeit im Oktober 1862 begann f&#252;r Tolstoj erst einmal eine gl&#252;ckliche Zeit auf seinem Landgut Jasnaja Poljana, wohin er sich mit seiner Frau zur&#252;ckgezogen hatte. Er schrieb und f&#252;hrte ein gl&#252;ckliches Familienleben: Im Juli 1863 wurde der Sohn Sergej, im Oktober 1864 die Tochter Tatjana, im Mai 1866 der Sohn Ilja und im Juni 1869 der Sohn Lev geboren. (Im f&#252;nften und sechsten Teil von <em>Anna Karenina</em> wird er sp&#228;ter diese gl&#252;ckliche Zeit f&#252;r Lëvin und Kitty beschreiben.) Und die Zeit wurde nahezu idyllisch, als er begann, an der ersten Fassung von<em> <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></strong></em> zu arbeiten, denn seine Frau Sonja schrieb die Korrekturfassungen (immer wieder) ins Reine. Sie war gl&#252;cklich, ihrem Mann auf diese Weise nahe sein und ihn bei seiner Arbeit unterst&#252;tzen zu k&#246;nnen, was wiederum auch auf Tolstoj abf&#228;rbte.</p>
<p>Tolstoj wollte urspr&#252;nglich einen Roman &#252;ber die Dekabristen schreiben (vgl. zum Thema die Essays zum <a href="http://blog.zvab.com/2008/09/15/das-erbe-der-dekabristen-teil-1/">Erbe der Dekabristen</a>). Das Thema lag ihm eigentlich sehr nahe, denn er war einerseits mit mehreren verwandt – der Dekabrist General F&#252;rst Sergej Grigorevi&#269; Volkonskij (*1788, †1865), den Nikolaus I. nach dem Dekabristenaufstand 1825 nach Sibirien verbannt hatte (wohin ihm seine Frau gefolgt war), war z. B. ein naher Verwandter seiner Mutter – andererseits sah er die Bedeutsamkeit des Dekabristenaufstands f&#252;r die Geschichte Russlands. Er sammelte eifrig Material und schrieb auch ein paar Kapitel (1884 als Fragment <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=dekabristen">Die Dekabristen</a></strong></em> ver&#246;ffentlicht); aber je mehr er sich mit dem Thema besch&#228;ftigte, um so mehr erkannte er, dass er in der Geschichte weiter zur&#252;ckgehen musste: bis zum Vaterl&#228;ndischen Krieg gegen Napoleon 1812 und noch weiter bis zum Jahr 1805, in dem Napoleon zum ersten Mal in die russische Geschichte eintrat, denn hier lagen die Wurzeln der Bewegung. Au&#223;erdem konnte sich der Aristokrat in ihm mit den Dekabristen innerlich nicht so richtig anfreunden, waren sie zwar adelig, aber doch Revolution&#228;re. Er begann also Ende 1863 einen Roman unter dem Titel <em>Das Jahr 1805</em>; sp&#228;ter &#228;nderte er den Titel in <strong>Война и мiръ</strong> (»Vojna i mir«). </p>
<p>Hier ein kleiner etymologischer Ausflug: <strong>мiръ </strong>(»mir«) so geschrieben – mit diesem i-Laut, den es im heutigen russischen Alphabet nicht mehr gibt, und mit dem H&#228;rtezeichen ъ  am Ende – bedeutete »die Welt« oder »die Gemeinde«, im erweiterten Sinne »die Gesellschaft«; der Titel lautete also urspr&#252;nglich <em>Der Krieg und die Gesellschaft</em> – was eigentlich auch viel besser zum Roman passt. Im Jahr 1868 aber verwendete Tolstoj die Schreibweise <strong>миръ</strong> – »mir« so geschrieben bedeutete jedoch »Frieden«. Heute entf&#228;llt im Russischen das H&#228;rtzeichen ъ  am Ende eines Wortes und es hei&#223;t nur noch <strong>мир</strong>, was sowohl »Gesellschaft« oder »Welt« als auch »Frieden« hei&#223;en kann. Ob Tolstoj  sich urspr&#252;nglich nur von der sich anbahnenden Ver&#228;nderung der Schreibweise hat beeinflussen lassen oder – wie b&#246;se Zungen behaupten – bei der zweiten Version den Titel von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pierre-joseph+proudhon">Pierre-Joseph Proudhons</a> 1861 erschienenem Werk <em>La Guerre et la Paix</em> (dt. Krieg und Frieden) „abgekupfert“ hat (er war ein Verehrer Proudhons), dar&#252;ber l&#228;sst sich nur spekulieren – auf jeden Fall hat er bei der &#220;bersetzung in andere Sprachen den Titel <em>Krieg und Frieden</em> akzeptiert.</p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Meine-Beichte1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Meine-Beichte1-120x200.jpg" alt="" title="Meine Beichte" width="120" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4706" /></a></div>
<p>Und hier noch ein zweiter Exkurs, diesmal in die &#252;beraus interessante Entstehungsgeschichte des Romans, die auch ein sehr bezeichnendes Licht auf Tolstoj selbst wirft:</p>
<p>Wie erw&#228;hnt sollte Tolstojs Roman zun&#228;chst <em>Das Jahr 1805 </em> hei&#223;en und die ersten Kapitel wurden – noch bevor er den Roman fertig geschrieben hatte – auch unter diesem Titel in der Zeitschrift <em>Russkij vestnik</em> (dt. Der Russische Bote) ver&#246;ffentlicht; 1866 brach die Publikation ab. 1867 schrieb Tolstoj mit gro&#223;en Buchstaben ENDE unter das Manuskript, gab ihm den oben erl&#228;uterten Titel Война и мiръ und schickte seinem Verleger Katkov einen Vertragsentwurf f&#252;r die Buchver&#246;ffentlichung. Man k&#246;nnte meinen, das sei es nun gewesen, aber mitnichten: Das Manuskript  wurde nie ver&#246;ffentlicht, nicht weil Katkov es abgelehnt h&#228;tte, nein, weil Tolstoj sich umgehend daran machte, den Roman umzuarbeiten. 1868/69 erschien dann die „Endfassung“ – eine absolut irref&#252;hrende Bezeichnung, denn Tolstoj selbst arbeitete auch diese Endfassung bis 1886 noch mehrere Male um. Und selbst die kanonisierte Ausgabe der Russischen Akademie von 1936 ist eine Mischung aus mehreren Umarbeitungen, wie die Akademie selbst einr&#228;umt. Bis dahin gab es &#252;brigens 15 ver&#246;ffentlichte Varianten!</p>
<p>F&#252;r den Leser und selbstverst&#228;ndlich f&#252;r den Literaturwissenschaftler ist es nat&#252;rlich interessant zu wissen, wie der Roman am Anfang aussah, bevor die zeit- und entwicklungsbedingten Einfl&#252;sse Stil und Inhalt des Romans ver&#228;nderten – wie sozusagen die „Urfassung“ aussah und was aus ihr geworden ist. Dem stand lange Zeit Tolstojs „Liederlichkeit“ beim Schreiben entgegen – nur seine Frau Sonja vermochte zun&#228;chst, sich mit seinen Manuskripten mit Erfolg abzuqu&#228;len. Und Tolstoj benutzte das Manuskript der Urfassung f&#252;r seine Umarbeitungen; seine winzige Handschrift in Verbindung mit wahllosem Dar&#252;ber- und Danebenschreiben sorgte f&#252;r teils chaotische Seiten… die Urfassung war quasi verloren. Ab 1918 machte sich Evelina Zaidenšnur, eine Mitarbeiterin des Moskauer Tolstoj-Museums, daran, in jahrzehntelanger Arbeit die Urfassung aus den Originalmanuskripten zu rekonstruieren, 1983 erschien neben einem Buch &#252;ber die Entstehung des Romans die vollst&#228;ndig rekonstruierte Urfassung in einer renommierten wissenschaftlichen Reihe der Akademie der Wissenschaften (dt. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leo+tolstoi&#038;title=krieg+frieden+urfassung">Leo Tolstoi: Krieg und Frieden – Die Urfassung</a>). Womit der Kreis wieder geschlossen war. </p>
<p>Der Stil der Urfassung ist noch wesentlich frischer, spritziger, ja, deftiger, teilweise satirisch-komisch bis grotesk – alles Merkmale, die seiner sp&#228;teren „correctness“ zum Opfer gefallen sind. Sie ist mit ihren etwa tausend Seiten nur halb so lang (die vielen „Gedanken“ und „Erl&#228;uterungen“ fehlen noch) und hat im Gegensatz zur „Endfassung“ noch ein Happy End. Es lohnt sich (vielleicht zuerst) die Urfassung zu lesen. </p>
<p>Nun zum Werk selbst. Es sind viele, viele dickleibige B&#252;cher &#252;ber <em>Krieg und Frieden</em> geschrieben worden, die alle Aspekte bis ins Kleinste ausgeleuchtet haben (siehe dazu auch die Literaturangaben, die mit Teil III dieser Tolstoj-Kolumne ver&#246;ffentlicht werden). Hier kann nur in wenigen Worten beschrieben werden, wovon das vierb&#228;ndige, zweitausend Seiten umfassende Werk handelt.</p>
<p>In seinem Artikel <em>Ein paar Worte zu dem Buch »Krieg und Frieden«</em> schreibt Tolstoj 1868: <em>„Dies ist kein Roman, noch weniger ein Gedicht und keineswegs eine historische Chronik. »Krieg und Frieden« ist das, was der Verfasser in der Form, in der es ausgedr&#252;ckt ist, zum Ausdruck bringen wollte und konnte.“</em> (Ein typischer Tolstoj-Satz.)</p>
<p>Tats&#228;chlich ist das Buch ein in Hunderten von Farben gemaltes, genial komponiertes Nationalepos, in dem das Schicksal den Ablauf der Ereignisse bestimmt. Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit zwischen 1805 und 1820 bilden die Grundlage des Werkes: Es ist die Zeit des politischen und milit&#228;rischen Kampfes zwischen Napoleon und Russland. Fast minuti&#246;s werden die Schlachten – H&#246;hepunkte sind die Schlacht von Borodino und die Dreikaiserschlacht von Austerlitz – nachgezeichnet (Tolstoj machte dazu ausf&#252;hrliche Studien und Befragungen vor Ort), es handelt sich allerdings, wie in solchen F&#228;llen verbreitet, um Schilderungen aus russischer Sicht, die leicht von einer Freund-Feind-Propaganda eingef&#228;rbt sind, dabei aber nichts von Ihrer Authentizit&#228;t verloren haben. </p>
<p>Drei Generationen l&#228;sst Tolstoj in seinem Werk auftreten und von den 70 „Hauptpersonen“ haben die meisten lebende oder nicht mehr lebende Vorbilder – bis auf zwei: Pierre Besuchov und F&#252;rst Andrej Bolkonskij. Doch auch diese zwei sind letztlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern verk&#246;rpern, wie schon oben erw&#228;hnt, die zwei unvereinbaren Charaktere in Tolstoj selbst. Und drei Familien des russischen Hochadels stehen im Zentrum des Geschehens: die Familie des verarmten Rostov, f&#252;r die die v&#228;terliche Linie Tolstojs Pate steht und die das K&#252;nstlerische repr&#228;sentiert, die Familie des reichen F&#252;rsten Bolkonskij, f&#252;r die die m&#252;tterliche Linie Pate steht und die den intellektuellen Part &#252;bernimmt, sowie die Familie des F&#252;rsten Kuragin. Die S&#246;hne erleben den Krieg als Offiziere und die T&#246;chter erfahren die N&#246;te des Krieges sozusagen in der Etappe. Tolstoj verwebt das milit&#228;risch-politische Geschehen mit dem famili&#228;ren Leben in Adelskreisen, indem er die privaten Beziehungen zwischen den T&#246;chtern und S&#246;hnen – nat&#252;rlich gem&#228;&#223; ihrem Charakter – aufzeigt und immer wieder zwischen dem Krieg an der Front und dem Frieden im Hinterland pendelt.</p>
<p>Quintessenz des Werkes ist eine scharfe Kritik am russischen Hofadel, der die Politik des Landes bestimmt, und ein Hervorheben der Tugenden der einfachen Menschen: Nicht der Zar und die adeligen Offiziere haben Napoleon besiegt, sondern die einfachen, leibeigenen, aus dem Bauerntum stammenden Soldaten – und der im russischen Boden verwurzelte Landadel.</p>
<p>Im Dezember 1869 erschien der im Original sechste und damit letzte Band von<em> Krieg und Frieden</em>. Als Tolstoj sein Werk (vorl&#228;ufig) beendet hatte, ging es ihm erst einmal wie jedem, der eine Zeit gr&#246;&#223;ter Anspannung hinter sich hat: Er war ausgelaugt und leer, auch kr&#228;nkelte er. Er machte in den Steppen bei Samara bei den nomadisierenden Baschkiren eine Kumys-Kur (Trinken gegorener Stutenmilch) und gewann bei diesem einfach lebenden Steppenvolk seine k&#246;rperliche und seelische Kraft zur&#252;ck. Dann entwarf er einen Roman &#252;ber Peter den Gro&#223;en, aber der (Peter der Gro&#223;e) war ihm reichlich unsympathisch, und so kam Tolstoj &#252;ber die ersten Fragmente nicht hinaus. Auch machte er sich erneut an das Dekabristenthema – wobei er ebenfalls kl&#228;glich scheiterte (Fragmente ver&#246;ffentlicht 1884).</p>
<p>Er widmete sich wieder der Erziehung seiner Dorfkinder und schrieb die Elementarfibel <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=alphabet">Das neue Alphabet</a></strong></em> (auch <em><strong>ABC-Buch</strong></em>, 1872). In vier B&#228;nden mit ca. 750 Seiten insgesamt schrieb er 100 leicht zu verstehende Geschichten – volkst&#252;mliche Legenden und Erz&#228;hlungen, nacherz&#228;hlte chinesische M&#228;rchen, &#220;bersetzungen von &#196;sops Fabeln und nat&#252;rlich Berichte &#252;ber eigene Erlebnisse wie die hervorragende Erz&#228;hlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=gefangene+kaukasus">Der Gefangene im Kaukasus</a></strong></em> und Anekdoten von seinen Hunden und Verschiedenes mehr. (Eine &#220;bersicht &#252;ber die wichtigsten seiner Volkserz&#228;hlungen, von denen er auch in seiner dritten Schaffensperiode noch einige schrieb, finden Sie <a target="_blank" href="http://blog.zvab.com/wp-content/volkserzaehlungen.pdf"><strong>hier</strong></a>.)</p>
<p>Ab etwa 1870 geisterte die Idee in seinem Kopf herum, etwas &#252;ber eine ehebrecherische Frau aus der besseren Gesellschaft  zu schreiben. Im Januar 1872 ereignete sich im Nachbarort ein Ungl&#252;ck: Anna Stepanovna, die Geliebte und Lebensgef&#228;hrtin seines Nachbarn und Freundes, warf sich vor einen Zug, als sie erfuhr, dass ihr langj&#228;hriger Lebenspartner eine andere Frau heiraten wollte. Tolstoj war am n&#228;chsten Tag bei der Obduktion der Leiche dabei und versuchte, sich in das Leben der Ungl&#252;cklichen hineinzudenken. Ein Jahr noch g&#228;rte das Thema „ehebrecherische Frau, zwar schuldig, aber beklagenswert“ noch in seinem Kopf, bis Thema und Ereignis nach und nach zu verschmelzen begannen – aus Anna Stepanovna wurde <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=karenina">Anna Karenina</a></strong></em>. Von da an ging es z&#252;gig voran; Anfang 1875 erschienen die ersten Kapitel als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift <em>Russkij vestnik</em> und Anfang 1878 erschien der Roman in drei B&#228;nden als Buchausgabe. Tolstoj war &#252;brigens sehr &#252;berrascht, dass dieses Werk Begeisterungsst&#252;rme hervorrief, denn er hielt nicht allzu viel von ihm, begann er sich doch immer st&#228;rker der Religion zuzuwenden. Jedem, der es h&#246;ren wollte, sagte er: <em>„Ist es schwer zu beschreiben, wie sich ein Offizier in eine Dame verliebt? Es ist nicht schwer und vor allem nichts Gutes. Es ist schlecht und unn&#252;tz.“</em></p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Kindheit-Knabenjahre-Jugendzeit1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Kindheit-Knabenjahre-Jugendzeit1-123x200.jpg" alt="" title="Kindheit - Knabenjahre - Jugendzeit" width="123" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4705" /></a></div>
<p>So einfach, wie dieses typisch Tolstojsche Understatement suggeriert, ist es allerdings nicht: </p>
<p>Das Beziehungsgeflecht ist riesig, die Ereignisse sind schier zahllos und finden an allen f&#252;r die Zeit und Gesellschaft typischen &#214;rtlichkeiten statt – eine Inhaltsangabe, ohne selbst ein kleines Buch zu schreiben, ist praktisch unm&#246;glich. Im Kern sind es wieder drei f&#252;r den Adel ganz typische Familien, die die Handlung bestimmen: die des liebensw&#252;rdigen und verschwenderischen F&#252;rsten Oblonskij (Beamter und „Unternehmensberater“); die des korrekten, steifen Staatsbeamten Karenin und seiner Frau Anna, Schwester des F&#252;rsten Oblonskij, die sich in den Gardeoffizier Graf Vronskij verliebt und dadurch ihre Ehe zum Scheitern bringt; und die der F&#252;rstentochter Kitty Š&#269;erbatckaja und des nachdenklichen, in sich verschlossenen Gutsbesitzers Lëvin, der Kitty nach vielen Wirrungen f&#252;r sich gewinnt und mit ihr auf seinem Landgut ein gl&#252;ckliches Familienleben f&#252;hrt. Typisch ist auch das gesellschaftliche Leben: Tolstoj beschreibt ausf&#252;hrlich die B&#228;lle, die Soireen und Pferderennen und schwelgt in Bildern der Natur. Ebenso bezeichnend f&#252;r die damalige Adelsgesellschaft sind die Orte der Handlungen: das deutsche Kurbad oder die italienische Kunststadt – Fluchtorte, die von vielen Russen wie Turgenev oder Dostoevskij und anderen aufgesucht wurden –, dann nat&#252;rlich das „westeurop&#228;ische“ St. Petersburg mit seiner degenerierten Adels- und Beamtengesellschaft, dem das ur-russische Moskau mit seiner schon damals gesch&#228;ftigen Hektik bei gleichzeitiger russischer Ungezwungenheit gegen&#252;bersteht, und nat&#252;rlich das Landgut Pokrovskoe (was &#252;bersetzt »Schutzort« hei&#223;t) mit seinen in der russischen Erde verwurzelten, im Einklang mit der Natur lebenden Bauern. </p>
<p>Zwei Handlungsstr&#228;nge werden immer wieder miteinander verwoben: die Beziehung zwischen Kitty und Lëvin, die ein gl&#252;ckliches Ende nimmt, und die von Vronskij und Anna, die &#8211; wie im Fall des realen Vorbildes Anna Stepanovna – mit Annas Selbstmord auf den Gleisen endet. Tolstoj gestattet weder sich (ihm ist w&#228;hrend des Schreibens die Figur der Anna emotional immer n&#228;her ger&#252;ckt) noch der Gesellschaft, die Anna letztlich in den Tod getrieben hat, eine Verurteilung Annas, und auch dem Leser erlaubt er nicht, &#252;ber sie zu richten, weshalb er dem Roman folgendes Motto vorangestellt hat:<em> „Mein ist die Rache, ich will vergelten“</em>.</p>
<p>Tolstoj hat mit <em>Anna Karenina</em> ein episches und noch dazu authentisches Gem&#228;lde seiner Zeit geschaffen – nicht ohne Grund wird der Roman immer wieder verfilmt.</p>
<p>Und danach ging’s bergab mit Tolstojs schriftstellerischer T&#228;tigkeit, ist man im ersten Moment versucht zu sagen – zumindest, was die Belletristik betrifft. </p>
<p>Wie oben beschrieben geriet Tolstoj 1878 in die gro&#223;e Sinnkrise seines Lebens und besch&#228;ftigte sich in der Folge fast ausschlie&#223;lich mit der Religion: Noch im selben Jahr h&#246;rte er eine Vorlesung des Religionsphilosophen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wladimir+solowjew">Vladimir Sergeevi&#269; Solovëv</a> (*1853, †1900); 1879 besuchte er in Tula die Kirche der Altgl&#228;ubigen, in Kiew die Kirchen des ber&#252;hmten H&#246;hlenklosters, er f&#252;hrte religi&#246;se Dispute mit Makarius, dem Metropoliten von Moskau, und mit Alexius, dem Bischof von Možajsk, und er besuchte in Sergiev Posad (zu Sowjetzeiten Sagorsk) das ber&#252;hmte Dreifaltigkeitskloster (Troica-Sergieva-Lavra) und f&#252;hrte Gespr&#228;che mit dem Archimandriten Leonid. Danach schrieb er seine ersten religi&#246;sen Traktate <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=kirche+staat">Staat und Kirche</a></strong></em> (1882 ver&#246;ffentlicht) und <em><strong>Was darf ein Christ und was nicht?</strong></em>, er begann mit der &#220;bersetzung der vier Evangelien (<em><strong>Vereinigung und &#220;bersetzung der vier Evangelien</strong></em>, 1880/81) und vor allem mit seinen Selbstbekenntnissen <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=beichte">Meine Beichte </a></strong></em>(1882) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=worin+glaube+besteht">Worin besteht mein Glaube?</a></strong></em> (1884 gedruckt und verboten). Verst&#228;rkt interessierte er sich nun f&#252;r philosophische und ethische Probleme, er machte neue soziale Erfahrungen durch den Besuch von Gef&#228;ngnissen, die Beobachtung von Prozessen und indem er das Rekrutierungssystem eingehend studierte. Er wanderte zu Fu&#223; zur Einsiedelei Optina Pustyn – in der schon vor ihm <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol </a>und auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostoevskij">Dostoevskij </a>zu Besuch gewesen waren – und diskutierte dort mit dem Abt Ambrosius und dem Archimandriten Juvenalius. Er kam mit der Sekte der Molokanen (Milchtrinker) in </p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kreutzersonate-Erz&#228;hlungen-1864-19101.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kreutzersonate-Erz&#228;hlungen-1864-19101-124x200.jpg" alt="" title="Die Kreutzersonate, Erz&#228;hlungen 1864 - 1910" width="124" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4700" /></a></div>
<p>Kontakt und nahm 1882 im &#252;belsten und heruntergekommensten Viertel von Moskau als Helfer an der Volksz&#228;hlung teil, wor&#252;ber er den Artikel <em>&#220;ber die Volksz&#228;hlung in Moskau</em> (1882) ver&#246;ffentlichte, mit dem er sich viele Feinde machte. Und immer schroffer wurde in dieser ganzen Zeit seine Ablehnung der kirchlichen Autorit&#228;t und der zaristischen Staatsgewalt. </p>
<p>Tolstojs religionsphilosophische Schriften und geistliche Traktate, die manchmal fast schon in Pamphlete ausarten, aber auch seine sp&#228;ten Erz&#228;hlungen, die – mit mehr oder weniger deutlich erhobenem Zeigefinger – stark moralisieren, werden Thema des dritten und letzten Teils &#252;ber Tolstoj sein. (In guter Tolstojscher Manier ist auch dieser gro&#223;e Essay &#252;ber ihn eine Trilogie.)</p>
<p>Vier Werke aus seiner letzten Schaffensphase sollen hier aber noch Erw&#228;hnung finden, wenngleich auch sie teilweise tendenzi&#246;s und moralisierend sind, weil Tolstoj darin erneut sein geniales belletristisches K&#246;nnen unter Beweis stellt. Es sind dies <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=tod+iwan">Der Tod des Ivan Ili&#269;</a></strong></em> (1886), dann das ber&#252;hmte, extrem kontrovers diskutierte Skandalwerk <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=kreutzersonate">Die Kreutzersonate</a></em></strong> (1891), das sein Eheleben endg&#252;ltig zerst&#246;rt haben d&#252;rfte, weiter sein dritter gro&#223;er Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=auferstehung">Auferstehung </a></strong></em>(1899) und das 1912 posthum ver&#246;ffentlichte Meisterwerk <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=murat">Chadži-Murat</a></strong></em> (dt. Hadschi-Murat), mit dem sich auch thematisch der Kreis seines Schaffens schlie&#223;t.</p>
<p>In <em>Der Tod des Ivan Ili&#269;</em> – Ivan Ili&#269; ist ein hochrangiger, kalter und machtbesessener Richter – lernt der Leser Ivan Ili&#269; Golova (das Wort »Golova« bedeutet im Deutschen »Kopf«) auf dem Totenbett kennen, um anschlie&#223;end von seinem Lebensweg zu erfahren: Ein banaler Haushaltsunfall – er f&#228;llt von einer Trittleiter – hat schon vorhandene gesundheitliche Beschwerden „aktiviert“ und f&#252;hrt zu rasch fortschreitendem Magenkrebs, an dem Ivan Ili&#269; dann auch stirbt. Dieser Machtmensch, der andere gnadenlos vernichtet hat, beginnt, je mehr ihm klar wird, dass er auf den Tod zugeht, die Einsamkeit und Oberfl&#228;chlichkeit seines Lebens zu begreifen, und er leidet an den Erkenntnissen &#252;ber sein vergangenes Leben. In den letzten Z&#252;gen seines Lebens erkennt er pl&#246;tzlich, dass es den Tod, vor dem er sich w&#228;hrend seiner ganzen Krankheit gef&#252;rchtet hat, gar nicht gibt; weil er die Wahrheit erkannt hat und nun von Liebe und der Bitte um Vergebung erf&#252;llt ist, wird der Tod f&#252;r ihn zum Licht und zum Beginn eines neuen „Lebens“.</p>
<p>Diese Erz&#228;hlung geh&#246;rt zu den aufr&#252;hrendsten, die Tolstoj geschrieben hat, und es er&#252;brigt sich fast zu erw&#228;hnen, dass er auch hier eine reale Begebenheit zum Anlass genommen hat: Im Jahr 1881 starb einer seiner Bekannten, der bekannte Jurist Ivan Ili&#269; Me&#269;nikov, in Tula an Krebs.</p>
<p>Im Sommer 1887 erz&#228;hlte der Schauspieler Andreev Tolstoj von einem Mordfall: Ein Mann hatte aus Eifersucht seine Frau umgebracht. Lev Tolstoj nahm diesen Fall sofort auf und verarbeitete ihn in seiner Erz&#228;hlung <em>Die Kreutzersonate</em>. Diese ohne Frage packende Erz&#228;hlung von gro&#223;er schriftstellerischer Brillanz kann man mit Fug und Recht als ein Skandalst&#252;ck bezeichnen. </p>
<p>Tolstoj verarbeitet darin zahlreiche Details aus seinem Eheleben, die f&#252;r jeden Leser leicht zuzuordnen waren, und besch&#228;mte damit seine Frau; die Sexualit&#228;t wird in bis dahin nie geschilderter Offenheit dargeboten, die Ehe und die Frauen werden – man muss schon sagen – herabgew&#252;rdigt. Frauen, so stellt es die Erz&#228;hlung dar, reizen die Sexualit&#228;t des Mannes allein schon durch ihre Anwesenheit und halten ihn so von der Erf&#252;llung seiner h&#246;heren Aufgaben ab. Besser sei es, auch in der Ehe keusch zu bleiben und wie Bruder und Schwester zusammenzuleben – ein besonders pikanter Entwurf, war Tolstoj doch als gro&#223;er „Kinderproduzent“ bekannt und erst k&#252;rzlich Vater seines Sohnes Ivan geworden. Das Argument, dass dann die Menschen aussterben w&#252;rden, konterte er mit der Ansicht, das sei dann eben in einem h&#246;heren Heilsplan so vorgesehen (und nicht schade drum). Das Werk war von der Zensur noch nicht genehmigt und schon ein Skandal; es war in Tausenden von abgeschriebenen Exemplaren illegal </p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kreutzersonate-Eine-Erz&#228;hlung-mit-Illustrationen1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-Kreutzersonate-Eine-Erz&#228;hlung-mit-Illustrationen1-121x200.jpg" alt="" title="Die Kreutzersonate, Eine Erz&#228;hlung mit Illustrationen" width="121" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4699" /></a></div>
<p>verbreitet worden. Die Zensur verbot die Erz&#228;hlung, worauf Tolstojs Frau Sonja in einem Akt der Vorw&#228;rtsverteidigung (frei nach dem Motto: „Seht her, das bin nicht ich in dieser Erz&#228;hlung, sonst w&#252;rde ich nicht so handeln!“) pers&#246;nlich bei Alexander III. die Erlaubnis zur Ver&#246;ffentlichung erwirkte. Die Reaktionen in der &#214;ffentlichkeit reichten von „Jetzt ist er endg&#252;ltig verr&#252;ckt geworden!“ (Zola schreibt:<em> „ein wenig wirr im Kopf“</em>) &#252;ber Unverst&#228;ndnis bis zu Bewunderung; es kursierten viele Spekulationen &#252;ber die Bedeutung und unterschiedlichste Interpretationen; die Kirche, die Verteidiger der freien Liebe, allein stehende Frauen und M&#252;tter liefen Sturm.</p>
<p>Tolstoj formulierte es gegen&#252;ber dem amerikanischen Journalisten James Creelman so:</p>
<blockquote><p>„Mann und Frau haben zwei Naturen, die tierische und die geistige. Wenn ein Mann sich betr&#252;gt, indem er glaubt, k&#246;rperliche Leidenschaft sei eine wesentliche Eigenschaft seiner h&#246;heren Natur, wird er ihr selbstverst&#228;ndlich weiterhin nachgeben und sie auch noch steigern, und zwar auf Kosten seines geistigen Wachstums. Deshalb protestiere ich gegen die geschlechtliche Liebe. Sie ist zu stark mit pers&#246;nlicher Befriedigung verkn&#252;pft, zu uneingeengt und egoistisch, zu sehr auf tierischen Genuss ausgerichtet.“</p></blockquote>
<p><small>[zitiert nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kjetsaa&#038;title=tolstoj">Geir Kjetsaa: Lew Tolstoj – Dichter und Religionsphilosoph</a>]</small></p>
<p>Das sagte ausgerechnet Tolstoj mit seinem auf diesem Gebiet exzessiven Lebenswandel, man fragt sich: Sagt er es trotz oder wegen seines Lebenswandels?</p>
<p>Hier in wenigen Worten der Inhalt der Erz&#228;hlung. Ein Mann erz&#228;hlt w&#228;hrend einer Zugfahrt seine Geschichte: Er hat aus Eifersucht seine Frau, von der er glaubte, dass sie ihn mit einem Geiger betr&#252;gen w&#252;rde, umgebracht. Nach einem kurzen Gef&#228;ngnisaufenthalt wird er frei gesprochen, weil er verst&#228;ndlicherweise &#252;bererregt gewesen sei.</p>
<p>Ab 1889 arbeitete Tolstoj unter anderem immer wieder auch an seinem dritten gro&#223;en Roman <em>Auferstehung </em> – ein dreib&#228;ndiges Werk, das auf einen authentischen Gerichtsfall zur&#252;ckgeht, den ihm sein Freund, der Jurist A. F. Koni, erz&#228;hlt hat:</p>
<p>F&#252;rst Nechljudov (zum letzten Mal taucht hier Tolstojs Alter Ego auf) wird als Geschworener an ein Provinzialgericht gerufen; verhandelt wird die Sache einer Prostituierten, die wegen Diebstahls und Giftmordes angeklagt ist. Er erkennt in der Angeklagten das junge M&#228;dchen, M&#252;ndel seiner Tanten, das er sieben Jahre zuvor verf&#252;hrt und sitzen gelassen hatte und das nach diesem Fehltritt von den Tanten versto&#223;en und dadurch in die Prostitution getrieben worden war. Obwohl an der Berechtigung der Anklage Zweifel bestehen, wird die junge Frau verurteilt und zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt. Nechljudov erkennt seine Schuld und Verantwortung; er versucht die Verurteilung zu verhindern und begleitet sie, als das nicht gelingt, in die Verbannung – sie zieht im Zug der Verbannten und er reist mit seinem Diener in der Kutsche mit. Er will sie sogar heiraten, aber das lehnt sie, obwohl sie ihn zu lieben scheint, mit den Worten <em>„Du willst Deine eigene Seele durch mich retten“</em> ab und heiratet einen anderen. Der Roman endet damit, dass Nechljudov die Bergpredigt studiert und f&#252;nf Gebote als Grundlage menschlichen Zusammenlebens ausmacht: Vers&#246;hnung, eheliche Treue, Ablehnung des Eides, Vergebung und Feindesliebe.</p>
<p>Tolstoj zeigt in Auferstehung mit &#252;berdeutlicher, ja fast brutaler Sprache und durch die grausam naturalistische Schilderung von Ereignissen die ungeheure soziale Diskrepanz zwischen den Herrschenden und den armen Ungl&#252;cklichen auf. Mit schonungsloser Offenheit greift er die L&#252;gen der Kirche an, karikiert den Oberprokurator des Synods der Kirche Pobedonoscev in der Gestalt Toporovs (»Topor« bedeutet im Deutschen »Axt«)  – der sich bald darauf mit der Exkommunikation Tolstojs r&#228;chte –, zeigt die unmenschlichen Verh&#228;ltnisse in den Gef&#228;ngnissen, prangert die selbstgef&#228;lligen B&#252;rokraten als r&#252;cksichtslose Parasiten an; er rechnet r&#252;cksichtslos mit der herrschenden Klasse ab. Der Roman k&#246;nnte ein revolution&#228;rer sein, w&#228;re da nicht der &#252;bergro&#223;e moralische Zeigefinger und der teilweise pamphlethafte Stil der Kritik, wie er  zum Beispiel in der blasphemischen Schilderung eines orthodoxen Gottesdienstes zum Tragen kommt. Dennoch, der Roman schlug in Russland ein wie ein Blitz – und es folgten tiefes Schweigen und Betroffenheit; niemand wagte, die Angriffe zu diskutieren.</p>
<div class="bildrechts"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Der-Tod-des-Iwan-Iljitsch-Eine-Erz&#228;hlung1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Der-Tod-des-Iwan-Iljitsch-Eine-Erz&#228;hlung1-129x200.jpg" alt="" title="Der Tod des Iwan Iljitsch, Eine Erz&#228;hlung" width="129" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4696" /></a></div>
<p>Von 1896 bis 1904 arbeitete Tolstoj an seinem letzten, endlich wieder einmal rein belletristischen Werk (ohne moralischen Zeigefinger!), an <em>Chadži-Murat</em>. Er griff darin ein Thema seiner Jugend wieder auf: das Leben im Kaukasus. In <i>Die Kosaken</i> (1863) hatte er das Leben im Kaukasus aus der romantisierenden Sicht eines jungen, adeligen Russen geschildert, in Chadži-Murat ist ein Bergbewohner der gleichnamige Held. Er ist der Stellvertreter Šamils (Schamyl), des Anf&#252;hrers der tschetschenisch-moslemischen Widerstandsk&#228;mpfer gegen die Russen, den er von ganzem Herzen hasst, weil er seinen Vater und seine Br&#252;der get&#246;tet hat. Insgeheim ist er auf Blutrache aus und m&#246;chte selbst zum Anf&#252;hrer werden. Um das zu erreichen, l&#228;uft er zu den Russen &#252;ber und hofft auf ihre Hilfe; er will im Namen des Zaren der F&#252;hrer der Tschetschenen werden. Die Russen sind zwar hocherfreut, vertr&#246;sten ihn aber, weil sie ihm nicht trauen. Šamil nimmt indessen die Familie, die Chadži-Murat hatte zur&#252;cklassen m&#252;ssen, in Geiselhaft. Nachdem Chadži-Murat erkannt hat, dass die Russen ihm nicht helfen werden, beschlie&#223;t er, auf eigene Faust zu handeln und Šamil zu besiegen; jetzt aber betrachten ihn die Russen als Geisel. Auf der Flucht von den Russen t&#246;tet er mehrere Kosaken und wird am Ende selbst get&#246;tet.</p>
<div class="bildlinks"><a class="thickbox" rel="gallery" href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-zwei-Br&#252;der...-Volkserz&#228;hlungen1.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2010/11/a_Die-zwei-Br&#252;der...-Volkserz&#228;hlungen1-124x200.jpg" alt="" title="Die zwei Br&#252;der... Volkserz&#228;hlungen" width="124" height="200" class="alignnone size-thumbnail wp-image-4701" /></a></div>
<p>Der freiheitsliebende Familien- und Naturmensch Chadži-Murat, der zwar an seiner Machtlust, aber doch todesmutig, zugrunde geht, steht zwischen zwei gegens&#228;tzlichen Polen, zwischen Nikolaus I., dem Vertreter der Kolonialmacht, und Šamil, dem F&#252;hrer der Rebellen. Tolstoj beschreibt Nikolaus I. als einen Menschen bar jeder Moral und jeden ehrenwerten Charakters (womit er der Wahrheit sicher sehr nahe kommt), nur wenig besser kommt Šamil davon. Tolstoj zeigt in dieser Erz&#228;hlung noch einmal seine ganze belletristische Brillanz; und dass sich 160 Jahre nach den geschilderten Ereignissen in Tschetschenien nichts ver&#228;ndert haben w&#252;rde, dass die Bewohner dieser Region noch immer zwischen zwei widerstreitenden M&#228;chten zerrieben werden w&#252;rden, h&#228;tte er sich sicher nicht tr&#228;umen lassen.</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass hier nicht auf alle Werke Tolstojs eingegangen werden konnte; zumindest erw&#228;hnt werden aber muss, dass er auch ein gro&#223;er Dramatiker war, dessen St&#252;cke eine gro&#223;e Wirkung hatten. In ihnen kommt die – auch in seinen anderen Werken erkennbare – grandiose F&#228;higkeit, Personen schon allein durch wenige S&#228;tze ihres Sprechens zu charakterisieren, ganz besonders zur Geltung. Dieses von Gogol zum ersten Mal verwendete und sp&#228;ter von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+leskov">Nikolaj Semënovi&#269; Leskov</a> zur Perfektion gebrachte Stilmittel nennt man im Russischen &#252;brigens „skaz“ (Mehr zum skaz finden Sie im zweiten Teil der <a href="http://blog.zvab.com/2008/12/12/nikolai-semjonowitsch-leskow-journalist-und-schriftsteller-teil-2/">Kolumne zu Nikolai Semjonowitsch Leskow</a>).</p>
<p>Tolstojs St&#252;cke sind:</p>
<p><em><strong>Die verseuchte Familie</strong></em> (Kom&#246;die, 1864), <em><strong>Der Nihilist</strong></em> (Kom&#246;die, 1866), <em><strong>Die Legende vom stolzen Aggej</strong></em> (Volksst&#252;ck, 1886), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=branntweinbrenner"><strong>Der erste Branntweinbrenner</strong></a></em> (Volksst&#252;ck, Kom&#246;die, 1886), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=macht+finsternis"><strong>Macht der Finsternis</strong></a></em> (Drama, 1886), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=fruechte+bildung"><strong>Fr&#252;chte der Bildung</strong></a></em> (Kom&#246;die, 1890), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=petrus"><strong>B&#228;cker Petrus</strong></a></em> (Volksst&#252;ck, 1884-1894), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=lebende+leichnam"><strong>Der lebende Leichnam</strong></a></em> (Drama, 1900), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoj&#038;title=licht+finsternis"><strong>Und das Licht scheint in der Finsternis</strong></a></em> (Drama, unvollendet 1903).</p>
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