<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>ZVABlog &#187; Russlands romantische Revolutionäre</title>
	<atom:link href="http://blog.zvab.com/category/kolumnen/russlands-romantische-revolutionaere/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.zvab.com</link>
	<description>das offizielle Blog des ZVAB rund um antiquarische und vergriffene Bücher - Literatur, Kolumnen, Lesetipps und Autoren-Nachrufe.</description>
	<lastBuildDate>Tue, 16 Mar 2010 08:26:35 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Petr Alekseevic Kropotkin – F&#252;rst und Anarchist</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/02/19/petr-alekseevic-kropotkin-fuerst-und-anarchist/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2010/02/19/petr-alekseevic-kropotkin-fuerst-und-anarchist/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 19 Feb 2010 12:13:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Adel]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander II.]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bakunin]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Gefangenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Geografie]]></category>
		<category><![CDATA[Hanns-Martin Wietek]]></category>
		<category><![CDATA[Kropotkin]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Oktoberrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Sibirien]]></category>
		<category><![CDATA[sozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[St. Petersburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=3625</guid>
		<description><![CDATA[
F&#252;rst und Anarchist, dieser Widerspruch klingt schon seltsam genug. Aber Pëtr Alekseevi&#269 Kropotkin war noch mehr. 
Er war – aus einem der &#228;ltesten Adelsge- schlechter Russlands stammend – Kammerpage seiner Majest&#228;t des Kaisers Alexander II., Offizier der Berittenen Amur-Kosaken in Sibirien, oro- und kartografischer Forscher in Sibirien und Finnland (dessen Erkenntnisse noch heute G&#252;ltigkeit besitzen) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Moderne%20Wissenschaft%20und%20Anarchismus.jpg" width="136" height="250" alt="" title="Kropotkin: Moderne Wissenschaft und Anarchismus" /></div>
<p><strong>F&#252;rst und Anarchist,</strong> dieser Widerspruch klingt schon seltsam genug. Aber <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin"><strong>Pëtr Alekseevi&#269 Kropotkin</strong> </a>war noch mehr. </p>
<p>Er war – aus einem der &#228;ltesten Adelsge- schlechter Russlands stammend – Kammerpage seiner Majest&#228;t des Kaisers Alexander II., Offizier der Berittenen Amur-Kosaken in Sibirien, oro- und kartografischer Forscher in Sibirien und Finnland (dessen Erkenntnisse noch heute G&#252;ltigkeit besitzen) und als Wissenschaftler Sekret&#228;r einer Sektion der Russischen Geo- grafischen Gesellschaft (deren Gesamtvorsitz<br />
er ablehnte, da er sich entschlossen hatte, gesellschaftlich t&#228;tig zu werden), er war Reformer, er war Gefangener in der Peter-Pauls-Festung, er war Revolution&#228;r, er war als Sozialist Theoretiker des Anarchismus und er war Schriftsteller.<span id="more-3625"></span></p>
<p>Als Kammerpage folgte er dem Kaiser ein Jahr lang auf Schritt und Tritt, um pers&#246;nliche Anordnungen entgegenzunehmen, und so lernte er das Leben bei Hofe aus allern&#228;chster N&#228;he kennen; als politischer Gefangener lebte er sp&#228;ter auf Befehl desselben Kaisers im ber&#252;chtigten Kerker der Peter-Pauls-Festung, in dem schon viele gro&#223;e M&#228;nner vor ihm gefoltert und hingerichtet worden oder einfach verfault waren – und viele noch folgen w&#252;rden. Nur durch eine waghalsige Flucht entging er ihrem Schicksal.<br />
Als Offizier der Amur-Kosaken arbeitete er zu Beginn der Regierungszeit Alexanders II. an Reformen, die dann doch nicht umgesetzt wurden, und machte teils abenteuerliche Expeditionen durch Sibirien und die Mandschurei – sp&#228;ter lernte er als Forscher die Einsamkeit des arktischen Winters in Sibirien, Schweden und Finnland kennen. Nach seiner Flucht aus dem Gef&#228;ngnis in den Westen wurde er zum gefeierten Sozialisten – und Gegner von Karl Marx –, lernte aber auch die franz&#246;sischen Gef&#228;ngnisse kennen. Nach der Februarrevolution 1917 wurde ihm, wenngleich Gegner Lenins, von den Massen in St. Petersburg ein triumphaler Empfang bereitet; sein Begr&#228;bnis am 8. Februar 1921 geriet gegen den Willen der Regierung zur letzten gro&#223;en Massenkundgebung von Regimegegnern in der damals neuen Sowjetunion: Ein Meer von schwarzen Fahnen, die Fahnen der Anarchisten, lie&#223;en die roten ganz einfach untergehen, nahezu hunderttausend Menschen folgten dem Sarg.</p>
<p><strong>»Anarchist«.</strong> Dieses Wort heute zu h&#246;ren, bereitet zumindest Unbehagen, bei manchem wird gar der Ruf nach Polizei und Staatsschutz laut (der auch mit Sicherheit sofort „auf der Matte st&#252;nde“). Aus Unwissen wird Anarchismus oft mit Terrorismus und Chaos gleichgesetzt, man denkt sofort an RAF, Stadtguerilla, Rote Brigaden und andere politische Terrororganisationen. Aber das Wort hat durch die Ereignisse in der &#246;ffentlichen Wahrnehmung einen unfreiwilligen Bedeutungswandel durchgemacht: Der Anarchismus war und ist nichts weniger und nichts mehr als eine Teilbewegung und -philosophie des Sozialismus; er wird auch libert&#228;rer Kommunismus genannt. Er propagiert, dass sich die Menschen freiwillig zu Vereinigungen und Genossenschaften zusammenschlie&#223;en und diese wiederum freiwillig miteinander kooperieren sollen, wobei die Leitung der einzelnen Gruppen absolut volksdemokratisch zu sein hat. Eine alles bestimmende b&#252;rokratische Regierung – sei sie kapitalistisch, sozialistisch oder kommunistisch – entf&#228;llt, denn jede Form der Regierung, wodurch auch immer sie sich legitimiert sieht, f&#252;hrt den Anarchisten zufolge automatisch zu einer Herrschaft (Diktatur) weniger &#252;ber alle. Der Mensch soll frei und selbstbestimmt leben und arbeiten, ohne in die Knechtschaft anderer zu geraten. Gewalt wird nach Kropotkins Verst&#228;ndnis von Anarchie abgelehnt – wohingegen der als Urtyp eines Anarchisten ber&#252;hmte russische Denker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Bakunin">Michail Aleksandrovi&#269 Bakunin </a>(*1814, †1876) als militanter Vertreter etwas anderer Meinung war.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Bakunin.jpg" width="139" height="190" alt="" title="" /><br /><small>Der Anarchist<br />
Michail Bakunin</small></div>
<p>Es ist hier nicht der Ort, ausf&#252;hrlich auf Gesellschaftsformen und -philosophien einzugehen, hier soll Kropotkin als Mensch und Schriftsteller im Vordergrund stehen. In Bezug auf den Schriftsteller muss allerdings gleich eine kleine Einschr&#228;nkung gemacht werden: Kropotkin war – wenn auch die Beschreibungen seiner Reisen, seiner „Abenteuer“ und Expeditionen durchaus spannend und mit gro&#223;em Gesp&#252;r f&#252;r die Natur und die Menschen geschrieben sind – kein Belletristiker und er wollte es auch nicht sein, er hat keine Erz&#228;hlungen oder gar Romane verfasst. Fiktives war ihm fremd; er war einerseits Naturwissenschaftler und wollte nichts als Fakten schildern und hat andererseits als Gesellschaftsphilosoph die Theorie des Anarchismus begr&#252;ndet.<br />
F&#252;r an russischer Geschichte und Literatur interessierte Leser sind seine beiden fast unpolitischen Werke von gro&#223;er Bedeutung. </p>
<p><strong><em>Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</em></strong><br />
Im Jahr 1901 trat das Bostoner Lowell Institute an den schon seit 1876 im Exil lebenden Kropotkin mit der Bitte heran, er m&#246;ge einen Gesamt&#252;berblick &#252;ber die russische Literatur schreiben. In den USA und in Westeuropa kannte man zwar einzelne Schriftsteller in manchmal recht mangelhaften &#220;bersetzungen – <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew">Turgenjew </a>war beispielsweise schon sehr zeitig, praktisch zeitgleich mit dem Erscheinen des russischen Originals, sehr gut &#252;bersetzt worden, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolsoi">Tolstois </a>Krieg und Frieden war gerade in deutscher Sprache erschienen, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Dostojewski </a>kannte man zumindest in Ausz&#252;gen  – aber insgesamt war wenig von den russischen Schriftstellern und der russischen Literaturgeschichte bekannt.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Gustav%20Landauer.jpg" width="135" height="180" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gustav Landauer</small></div>
<p>Kropotkin hatte sich zu diesem Zeitpunkt in England, wo er seit 1886 lebte, schon nicht nur als Natur- und Sozialwissenschaftler, sondern auch als Historiker einen Namen gemacht. F&#252;r die ber&#252;hmte <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=encyclopedia+britannica"><strong>Encyclopedia Britannica</strong></a></em> (Auflagen 10 und 11, erschienen 1902 und 1911) hatte er bis dahin schon 60 Artikel &#252;ber das europ&#228;ische und asiatische Russland geschrieben, und seit 1886 arbeitete er an seinem gro&#223;en Werk &#252;ber die Franz&#246;sische Revolution, das 1909 unter dem deutschen Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=franz&#246;sische+revolution"><strong>Die Franz&#246;sische Revolution 1789–1793</strong></a></em> herauskam, &#252;bersetzt von dem nicht minder ber&#252;hmten deutschen Anarchisten, Pazifisten und Schriftsteller<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gustav+landauer"> Gustav Landauer </a>(*1870, † 1919; Mitglied der M&#252;nchner R&#228;terepublik, von bayrischen Freikorpssoldaten in der Haft ermordet). Darin schildert Kropotkin die Franz&#246;sische Revolution aus der Sicht der Arbeiter, des einfachen Volkes, wohingegen die Historiker bis dato die Revolution stets aus der Sicht der herrschenden Klasse geschildert hatten – welch Wunder, geh&#246;rten sie doch selbst zu dieser –, was im &#220;brigen auch heute noch h&#228;ufig die Regel ist (es gibt eben nicht die eine objektive Sichtweise – jede Sichtweise ist subjektiv).</p>
<p>Kropotkin war also auch als Historiker eine anerkannte Pers&#246;nlichkeit. Aber nicht nur das: Schon in seiner Kindheit wurde gro&#223;er Wert auf eine literarische Erziehung gelegt und au&#223;erdem war er quasi Zeitzeuge des gro&#223;en Jahrhunderts der russischen Literatur; viele Schriftsteller kannte er pers&#246;nlich oder lebte zumindest in ihrem engen zeitlichen Umfeld. Und er kannte Russland und seine politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Hintergr&#252;nde.<br />
Durch das Zusammentreffen all dieser Umst&#228;nde wurde seine Literaturgeschichte <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ideale+wirklichkeit+literatur">Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</a></em></strong> zu einem damals wie heute gro&#223;artigen Werk, auf das es sich immer lohnt zur&#252;ckzugreifen.</p>
<p>Nun zu Pëtr Alekseevi&#269 Kropotkins <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=memoiren+revolutionaers">Memoiren eines Revolution&#228;rs</a></strong></em> (im Original <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=memoirs">Memoirs of a revolutionist</a></em>, 1899;um 1900 von Max Pannwitz ins Deutsche &#252;bersetzt, in der russischen Werksausgabe von 1907 <em>Zapiski revolju&#269ionera</em>, zu deutsch: <em>Revolution&#228;re Aufzeichnungen</em>).<br />
Der deutsch schreibende d&#228;nische Literaturkritiker, Philosoph und Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=georg+brandes">Georg Brandes</a> (*1842, †1927) schreibt in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe (also noch zu Kropotkins Lebzeiten) – und besser kann man Pëtr Kropotkin wahrscheinlich nicht charakterisieren:</p>
<blockquote><p>Kropotkin nennt sich selbst einen Revolution&#228;r. Selten ist unstreitig ein Revolution&#228;r so human gewesen und – seines Widerwillens gegen das B&#252;rgertum ungeachtet – so mild. Er war nie ein R&#228;cher, oft ein M&#228;rtyrer; er hat nie anderen, stets nur sich selbst Opfer auferlegt. Sein ganzes Leben hindurch hat er Opfer gebracht, doch solcherweise, dass man meinen sollte, sie w&#228;ren ihm gar nicht schwergefallen, so wenig Aufhebens macht er davon. Er ist bei all seiner Strenge so wenig rachs&#252;chtig, dass er jemand, den er am sch&#228;rfsten verurteilt, einen Gef&#228;ngnisarzt, dessen Namen er verschweigt, einzig mit den Worten brandmarkt: ›Je weniger man von ihm sagt, desto besser.‹ […]<br />
Er ist ein Revolution&#228;r ohne Pathos und ohne Embleme, der alles theatralische Zubeh&#246;r der Revolution verlacht. Er braucht den Vergleich mit keinem Freiheitsmanne dieses Jahrhunderts, welchen Landes auch immer, zu scheuen. Keiner besa&#223; h&#246;here Geistesgaben, keiner tat es ihm an Uneigenn&#252;tzigkeit zuvor.</p></blockquote>
<p><small>aus Peter Urbans Nachwort zu Pëtr Kropotkin: <em>Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</em> (Diogenes Verlag, 2003)</small></p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Memoiren2.jpg" width="128" height="200" alt="" title="Kropotkin: Memoiren eines Revolution&#228;rs" /></div>
<p>Die Memoiren Kropotkins sind in mehrfacher Hinsicht interessant und wichtig: Einmal nat&#252;rlich, weil wir seinen Lebensweg (zumindest bis 1890) kennen lernen; dar&#252;ber hinaus aber zeichnet er ein Bild des alten Moskauer Hochadels – also der Kreise, die schon lange (seit dem Herrschaftsbeginn der Romanows), schon vor dem Aufkommen des Petersburger Dienstadels unter Peter dem Gro&#223;en, „dazugeh&#246;rten“ (und zu dem auch Kropotkin geh&#246;rte) – ein Bild des Lebens bei Hofe mit seinen Intrigen und dem vorherrschenden Neid. Auch &#252;ber die Ausbildung junger Adeliger  ist vieles zu erfahren; und ganz wesentlich sind die Aufzeichnungen zu politischen Entwicklungen, Einflussnahmen und Entscheidungsvorg&#228;ngen. Zu guter Letzt sind Kropotkins Memoiren noch eine kleine Entwicklungsgeschichte des Sozialismus in Westeuropa. Dass er angesichts verschiedener Situationen auch politische Gedanken und Einstellungen &#228;u&#223;ert, ist zwangsl&#228;ufig, wenngleich nicht unbedingt f&#252;r jeden Leser interessant. Man sollte deswegen aber nicht vor dem Werk zur&#252;ckscheuen, denn das Wichtigste ist: Es ist interessant, in belletristischer Manier geschrieben; es ist keine trockene Aneinanderreihung von Daten und Fakten, sondern &#228;hnelt streckenweise einem autobiografischen Roman.</p>
<p>Eine ausf&#252;hrliche Biografie Kropotkins gibt es zumindest in deutscher Sprache meines Wissens nicht, ja selbst im Russischen muss man sich Daten und Fakten m&#252;hsam zusammensuchen – nach 1920 wurde er dort aus der Literaturgeschichte getilgt und seine Werke wurden (wie die Werke der meisten anarchistischen Schriftsteller) eingesammelt und vernichtet.<br />
Dabei w&#228;ren seine Gedanken gerade heute in Ost und West interessant, in einer Zeit, wo &#252;ber Ethik in der Politik und in der Gesellschaft hei&#223; diskutiert wird, in einer Zeit der Neufindung nach der Selbstvernichtung des real existierenden Sozialismus und des Kommunismus – die er vorausgesagt hat –, in einer Zeit, in der sich der Kapitalismus durch ungez&#252;gelte Gewinnmaximierung ohne jegliche soziale Komponente selbst diskreditiert hat und weiter diskreditiert, einer Zeit, in der neue Wege f&#252;r die Entwicklung in der „Dritten Welt“ gesucht und ausprobiert werden, in einer Zeit, in der es f&#252;r die ehemals kommunistischen Staaten g&#228;lte, mit der Erfahrung aus der Vergangenheit und im Angesicht einer sich selbst diskreditiert habenden Gesellschaftsform ehrliche neue Wege zu suchen, anstatt den angeblich siegreichen Gegenentwurf einfach zu &#252;bernehmen.<br />
Nicht hei&#223;t es, die Gedanken Kropotkins aus einer vergangenen Zeit eins zu eins zu &#252;bernehmen, aber sie w&#228;ren es wert, neu durchdacht zu werden.</p>
<p>Um ein wenig mehr &#252;ber die au&#223;erordentlich interessante Pers&#246;nlichkeit Pëtr Kropotkins zu erfahren, hier einige <strong>Stationen seines Lebenswegs</strong>:<br />
Am 27. November <sup>jul.</sup> / 9. Dezember <sup>greg.</sup> 1842 kam Pëtr Alekseevi&#269 Kropotkin im Alten Marschallviertel von Moskau zur Welt und verbrachte dort und auf dem Landsitz der Familie die ersten 15 Jahre seines Lebens. Seine Familie ist von ganz altem Hochadel und l&#228;sst sich bis in die Zeiten des war&#228;gischen F&#252;rsten Rurik (*um 830, †um 879), den die slawischen St&#228;mme gerufen hatten, um &#252;ber sie zu herrschen, zur&#252;ckverfolgen. In seinen Memoiren schreibt Kropotkin:</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin%20Wappen.jpg" width="166" height="180" alt="" title="" /></div>
<blockquote><p>Unser Vater war auf die Herkunft seiner Familie sehr stolz und wies mit gro&#223;em Selbstgef&#252;hl auf eine Pergamentrolle, die in seinem Studierzimmer an der Wand hing. Es prangte darauf unser Wappen – das Wappen des F&#252;rstentums Smolensk mit dem Hermelinmantel dar&#252;ber und der Monomachenkrone – und die vom heraldischen Amte beglau- bigte Erkl&#228;rung, dass unsere Familie von einem Enkel Rostislav Mstislavi&#269s des K&#252;hnen (eines alten, auf den Bl&#228;ttern der russischen Geschichte viel genannten Gro&#223;f&#252;rsten von Kiew) abstammte, und dass unsere Vorfahren Gro&#223;f&#252;rsten von Smolensk gewesen w&#228;ren.<br />
»Dreihundert Rubel hat mich dieses Pergament gekostet«, pflegte unser Vater dabei zu sagen. Wie die meisten seiner Zeitgenossen war er mit der russischen Geschichte wenig vertraut, weshalb er den Wert der Rolle mehr nach ihrem Preise als nach ihrer historischen Bedeutung bema&#223;.</p></blockquote>
<p>Als Kropotkin dreieinhalb Jahre alt war starb seine Mutter:</p>
<blockquote><p>So blieben wir, Aleksandr und ich, in dem kleinen Hause und in den H&#228;nden Frau Burmans und Uljanas. Die gute alte Deutsche, die heimatlos und v&#246;llig allein in der weiten Welt dastand, suchte uns nach ihrer Weise die Mutter zu ersetzen. Sie zog uns auf, so gut sie konnte, kaufte uns von Zeit zu Zeit eine Kleinigkeit als Spielzeug und stopfte uns mit Gew&#252;rzk&#252;chlein voll, so oft ein anderer alter Deutscher, der mit diesen Leckerbissen handelte und der wahrscheinlich ebenso heimatlos und verlassen wie Frau Burman selbst war, in unser Haus kam. Unsern Vater sahen wir selten, und im &#252;brigen gingen die beiden n&#228;chsten Jahre dahin, ohne einen dauernden Eindruck in meinem Ged&#228;chtnis zu hinterlassen.</p></blockquote>
<p>Zwei Jahre sp&#228;ter heiratete der Vater auf Befehl seines Vorgesetzten General Timofeev, Chef des sechsten Armeekorps und G&#252;nstlings von Nikolaus I., die Tochter eines Admirals der russischen Flotte im Schwarzen Meer. Auch sie k&#252;mmerte sich wenig um die Kinder, die von einem franz&#246;sischen Lehrer und einem russischen Studenten erzogen wurden.<br />
Bedeutsam wurde f&#252;r den kleinen Pëtr, als er acht Jahre alt war, ein Kost&#252;mfest des Adels anl&#228;sslich des 25. Jahrestages der Thronbesteigung von Nikolaus I., der aus diesem Anlass nach Moskau kam. Da der kleine Pëtr liebreizend anzuschauen war mit seinen Locken und einem persischen Kost&#252;m, wurde er zum Kaiser gerufen und verbrachte den Rest des Festes teils schlafend auf dem Scho&#223; der Frau des Thronerben und Nikolaus I. bestimmte ihn schon als Knabe f&#252;r den sp&#228;teren Eintritt ins Pagenkorps in Petersburg – eine Gunst, die er dem Moskauer Adel nur sehr selten zuteil werden lie&#223;. Damit war Pëtr Aleksandrovi&#269s Weg erst einmal vorgezeichnet.</p>
<p>1855, mitten w&#228;hrend des Krimkrieges, starb Nikolaus I, und da</p>
<blockquote><p>[ …] geschah es in Petersburg, dass Leute der gebildeten Klassen, die einander die Nachricht mitteilten, auf offener Stra&#223;e einander in die Arme fielen. Jeder f&#252;hlte, dass der Krieg und die schrecklichen Zust&#228;nde, die unter dem ›eisernen Despoten‹ geherrscht hatten, bald zu Ende seien. Man munkelte von Gift, besonders da der K&#246;rper des Zaren auffallend schnell der Aufl&#246;sung verfiel, aber die Kenntnis der wahren Ursache sickerte nach und nach durch: Nikolaus hatte eine &#252;berm&#228;&#223;ige Dosis eines st&#228;rkenden Arzneimittels genommen.</p></blockquote>
<p><strong>In diesen ersten f&#252;nf Kapiteln seiner Memoiren (»Die Kindheit«)</strong> malt Kropotkin ein beeindruckendes Bild des alten Moskau, des Alten Marschallviertels, des Lebens auf dem Landgut, der gesellschaftlichen Gepflogenheiten und auch der sozialen Situation zu Zeiten der Leibeigenschaft – nat&#252;rlich aus einer kindlichen Perspektive, nichtsdestotrotz aber die Ungerechtigkeiten erkennend. Es war ein unbeschwertes, sorgenfreies, kindliches Leben.</p>
<p><strong>In den n&#228;chsten sieben Kapiteln (»Das Pagenkorps«)</strong> schildert er die f&#252;nf Jahre in St. Petersburg (von 1857 bis 1862), die Zeit seiner milit&#228;rischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung.<br />
Es war die Zeit des Umbruchs, als der liberale Alexander II. auf dem Thron folgte; die Aufhebung der Leibeigenschaft, die „Befreiung“, fand endlich statt. Da die Kadetten des Pagenkorps neben ihrer Ausbildung zum Offizier regelm&#228;&#223;ige Dienste bei Hofe, in allern&#228;chster N&#228;he zur oder gar bei der kaiserlichen Familie zu verrichten hatten, schaute Kropotkin zwangsl&#228;ufig hinter die Kulissen. Als Bester der obersten Klasse des Pagenkorps war er sogar ein Jahr lang der pers&#246;nliche Kammerpage des Kaisers. </p>
<blockquote><p>In der ersten Zeit meines kaiserlichen Dienstes als Kammerpage war ich von hoher Bewunderung Alexanders, des Sklavenbefreiers, erf&#252;llt. Die Einbildungskraft f&#252;hrt uns in jenem Lebensalter oft &#252;ber die Wirklichkeit hinaus, und ich w&#252;rde damals den Kaiser mit meinem Leibe gedeckt haben, h&#228;tte man in meiner Gegenwart ein Attentat auf den Zaren unternommen.</p></blockquote>
<p>Bald aber sah er die Rivalit&#228;ten der Interessenvertreter und auch, wie diese den Kaiser auf skrupellose Weise beeinflussten, und so begann der Glorienschein, den er Alexander II. anf&#228;nglich aufgesetzt hatte, nach und nach zu verblassen.<br />
Am Ende seiner Pagenzeit war Kropotkin klar, dass er nicht als Offizier in ein Garderegiment bei Hofe eintreten wolle.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/russische%20Gardeoffiziere%20in%20Paradeuniform%201882_2.JPG" width="180" height="135" alt="" title="Die Paradeuniform russischer Gardeoffiziere" /><br /><small>Russische Gardeoffiziere<br />
in Paradeuniform, 1882</small></div>
<blockquote><p>[….] Es war mein Traum, die Universit&#228;t zu besuchen, mich dem Studium zu weihen, ein Studentenleben zu f&#252;hren. Das bedeutete nat&#252;rlich einen v&#246;lligen Bruch mit meinem Vater, dessen Ehrgeiz ganz andere Ziele hatte, und ich h&#228;tte dann meinen Lebensunterhalt nur durch Stundengeben erwerben k&#246;nnen. Tausende von russischen Studenten leben so, und eine solche Existenz hatte f&#252;r mich ganz und gar nichts Schreckliches. Aber wie sollte ich &#252;ber die erste schwierigste Zeit hinwegkommen? [….]<br />
So wendeten sich meine Gedanken mehr und mehr Sibirien zu. Die Amurgegend war kurz vorher von Russland in Besitz genommen worden. Ich hatte alles &#252;ber jenen Mississippi des Ostens gelesen, &#252;ber die Gebirge, die er durchbricht, die subtropische Flora seines Nebenflusses, des Usuri, und meine Gedanken schweiften weiter – zu den tropischen Gegenden, die Humboldt geschildert hatte, und zu Ritters gro&#223;artigen Theorien, deren Lekt&#252;re mich entz&#252;ckte. Au&#223;erdem, sagte ich mir, bietet Sibirien ein ungeheures Arbeitsfeld zur praktischen Durchf&#252;hrung von gro&#223;en bereits beschlossenen oder noch zu erwartenden Reformen: Nur wenige sind dort an der Arbeit, und ich werde einen Wirkungskreis nach meinem Geschmacke finden. [….] So hatte ich nur noch das Regiment in der Amurgegend auszuw&#228;hlen. Der Usuri zog mich am meisten an, aber ach! am Usuri stand nur ein Regiment Kosaken-Infanterie. Ein Kosak ohne Pferd – das war f&#252;r den Knaben, der ich immer noch war, unertr&#228;glich, und ich entschloss mich f&#252;r die berittenen Amur-Kosaken. Dies schrieb ich zur gr&#246;&#223;ten Best&#252;rzung aller meiner Kameraden auf das Verzeichnis. »Es ist soweit«, sagten sie, w&#228;hrend mein Freund Daurov das Offiziersbuch zur Hand nahm und daraus zum Entsetzen aller Anwesenden vorlas: »Uniform, schwarz mit einfachem rotem Kragen ohne Borte; Pelzkappe aus Hundefell oder anderm Pelz; Beinkleid grau.«<br />
»Betrachte nur diese Uniform!« rief er aus. »Bitt&#8217; dich, die Kappe! Nun, du kannst eine aus Wolfs- oder B&#228;renpelz tragen; aber denk nur an das Beinkleid! Grau, wie beim Trainsoldaten!« Die Best&#252;rzung stieg nach dieser Schilderung der Uniform auf den Gipfel.</p></blockquote>
<p><strong>1862 kam Kropotkin nach Sibirien</strong>, wie er es gew&#252;nscht hatte. Es war f&#252;r ihn eine wichtige Zeit und er schreibt dar&#252;ber in den vier »Sibirien« betiteln Kapiteln:</p>
<blockquote><p>Die f&#252;nf Jahre, die ich in Sibirien zubrachte, bildeten f&#252;r mich eine wahre Schule des Lebens und des Charakters. Ich kam mit Leuten jeder Gattung in Ber&#252;hrung, den besten und den schlechtesten, mit den Spitzen der Gesellschaft wie mit den Tief stehenden, den Vagabunden und sogenannten unverbesserlichen Verbrechern. Es bot sich mir reiche Gelegenheit, das t&#228;gliche Leben der Bauern, ihre Lebensweise und Gewohnheiten, zu beobachten, und noch mehr Gelegenheit zu der Erkenntnis, wie wenig ihnen die Staatsregierung, auch wenn sie von den besten Absichten beseelt war, zu bieten vermochte. Dazu st&#228;hlten die ausgedehnten Reisen, auf denen ich mehr als achttausend Meilen im Wagen, im Dampfboot, im Kahn, zumeist aber zu Ro&#223; durchma&#223;, meine Gesundheit in wunderbarer Weise. Sie lehrten mich auch, wie wenig der Mensch wirklich n&#246;tig hat, sobald er aus dem Bannkreis der konventionellen Zivilisation hinaustritt. Mit wenigen Pfund Brot und wenigen Unzen Tee im Lederbeutel, einem Kessel und einem Beil am Sattelknopf und einem Filztuch unterm Sattel, das man am Lagerfeuer &#252;ber ein Bett von frisch geschnittenen Tannenzweigen breitet, f&#252;hlt man sich, auch mitten unter unbekannten dicht bewaldeten oder schneebedeckten Bergen wunderbar unabh&#228;ngig. Es lie&#223;e sich &#252;ber diesen Abschnitt meines Lebens ein ganzes Buch schreiben [….].</p></blockquote>
<p>Kropotkin wurde Adjutant (und auch Freund) eines liberal gesinnten Generals und Sekret&#228;r der Aussch&#252;sse f&#252;r die Reform des Gef&#228;ngnis- und gesamten Verbannungswesens und f&#252;r die Vorbereitung eines Systems der st&#228;dtischen Selbstverwaltung – Reformen, die von Alexander II. angeregt worden waren. In dieser Eigenschaft bereiste er weite Teile Sibiriens. 1863 erhob sich jedoch das von Russland besetzte Polen, der Aufstand wurde grausamst und blutig niedergeschlagen und zigtausend Polen wurden nach Sibirien verbannt. Die Politik Alexanders II. begann reaktion&#228;rer zu werden und Kropotkins Reformvorschl&#228;ge landeten allesamt in der Schublade. Im selben Jahr wurde er Attaché des Generalgouverneurs von Ostsibirien f&#252;r Kosakenangelegenheiten und bekam dadurch in den folgenden Jahren die Gelegenheit, geologische sowie oro- und kartografische Forschungsexpeditionen durch Sibirien und die Mandschurei und entlang des Amurs zu unternehmen. Was er im Pagenkorps bei der Ausbildung zum Offizier gelernt hatte, konnte er nun f&#252;r nichtkriegerische Zwecke gut gebrauchen. Seine Berichte wurden durch die Sibirische Geographische Gesellschaft ver&#246;ffentlicht und begr&#252;ndeten seinen Ruhm auf diesem Gebiet.</p>
<blockquote><p>Elftausend Polen, M&#228;nner und Frauen, hatte man nach dem Aufstande von 1863 allein nach Ostsibirien geschleppt. Es waren zumeist Studenten, K&#252;nstler, fr&#252;here Offiziere, Edelleute und besonders Handwerker aus der intelligenten und hoch entwickelten Arbeiterbev&#246;lkerung Warschaus und anderer polnischer St&#228;dte. Zum gro&#223;en Teil mussten sie schwere Arbeit verrichten, w&#228;hrend der Rest im ganzen Lande zerstreut in D&#246;rfern lebte, wo es keine Arbeit f&#252;r sie gab und sie nicht einmal genug verdienten, ihren Hunger zu stillen. </p></blockquote>
<p>Diese Verbannten waren keine dem Schicksal ergebenen Verbannten wie die meisten Russen. Ein Teil von ihnen erhob sich 1866 mit dem Ziel, &#252;ber die Berge und durch die Mongolei nach China zu fl&#252;chten. Dieser Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Beteiligte und Unbeteiligte grausam misshandelt und die Anf&#252;hrer erschossen.</p>
<blockquote><p>F&#252;r meinen Bruder und mich brachte dieser Aufruhr eine gro&#223;e Lehre. Wir erkannten klar, was die Zugeh&#246;rigkeit zum Heere bedeutete. [….] Wir beschlossen daher, die milit&#228;rische Laufbahn ohne weitere Verz&#246;gerung aufzugeben und nach Russland zur&#252;ckzukehren. Dies war keine so einfache Sache, zumal da Aleksandr in Sibirien geheiratet hatte; doch schlie&#223;lich waren alle Schwierigkeiten &#252;berwunden, und im Anfang des Jahres 1867 befanden wir uns auf dem Wege nach Petersburg.</p></blockquote>
<p><strong>In den folgenden f&#252;nf Jahren (1867–1872)</strong> konnte Pëtr Alekseevi&#269 endlich das tun, wovon er immer schon getr&#228;umt hatte: Er studierte Mathematik an der physisch-mathematischen Fakult&#228;t in St. Petersburg und konnte sich au&#223;erdem in Geografie weiterbilden. Gleichzeitig ver&#246;ffentlichte er weitere Ergebnisse seiner Forschungen in Sibirien und konnte im Auftrag der Geografischen Gesellschaft Forschungsreisen nach Schweden und Finnland zur Untersuchung der glazialen Ablagerungen unternehmen. W&#228;hrend er 1871 die Freuden des Forschens in Finnland genoss, erreichte ihn ein Telegramm der Geografischen Gesellschaft: <em>„Der Vorstand ersucht Sie, die Stellung des Sekret&#228;rs der Gesellschaft anzunehmen.“</em> Eigentlich hatte er damit sein Traumziel erreicht, aber er hatte w&#228;hrend der vergangenen Jahre in Petersburg viel gesehen und erlebt, das ihn nachdenklich gemacht hatte:</p>
<blockquote><p>Die Wissenschaft ist etwas Herrliches. Ich kannte und sch&#228;tzte ihre Freude vielleicht mehr als viele von meinen Kollegen. Auch jetzt stiegen neue und sch&#246;ne Theorien vor meinem geistigen Auge auf, w&#228;hrend ich auf die Seen und H&#252;gel Finnlands schaute. [….]<br />
Aber welches Anrecht hatte ich auf diese h&#246;heren Freuden, wenn ich um mich herum nur Elend sah und den Kampf um ein schimmeliges St&#252;ck Brot, wenn alles, was ich ausgab, um in jener erhabeneren geistigen Welt weilen zu k&#246;nnen, notwendigerweise denen vor dem Munde weggenommen werden musste, die den Weizen bauten und kein Brot f&#252;r ihre Kinder hatten? [….]<br />
Die Massen sind es, die des Wissens bed&#252;rfen, sie wollen lernen, sie k&#246;nnen auch lernen. [….] [S]ie sind bereit, ihr Wissen zu erweitern; biete es ihnen nur! Schaff ihnen nur die Mittel zur Mu&#223;e! In dieser Richtung und f&#252;r diese Leute muss ich t&#228;tig sein! Alle diese t&#246;nenden Redensarten von Wirken f&#252;r den Fortschritt der Menschheit, w&#228;hrend die Fortschrittsf&#246;rderer sich fern von denen halten, die sie angeblich vorw&#228;rts bringen, sind nichts als Sophismen, die nur das Bewusstsein eines peinigenden Widersinns beseitigen sollen. Und ich sandte an die Geographische Gesellschaft eine ablehnende Antwort.</p></blockquote>
<p>Kropotkin war entschlossen, mit den Narodniki „ins Volk“ zu gehen, um von der Basis her eine Umgestaltung der Gesellschaft zu erreichen.</p>
<p>Wie erw&#228;hnt hatte Kropotkin in der <strong>Petersburger Zeit</strong> viel gesehen und erlebt. In den sieben Kapiteln mit dem Titel »Petersburg / Erste Reise nach Westeuropa« beschreibt er die revolution&#228;ren Tendenzen und die reaktion&#228;ren Antworten darauf, die herrschende Korruption, die Reformbewegung in der russischen Jugend und den Untergang des einst so bedeutenden Alten Marschallviertels. Auch bringt er u.v.a. eine sehr durchdachte Charakteristik von Alexander II. zu Papier:</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/443px-Zar_Alexander_II.jpg" width="141" height="190" alt="" title="Alexander II." /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zar Alexander II.</small></div>
<blockquote><p>Gewiss war Alexander kein gew&#246;hnlicher Mensch, aber es lebten zwei verschiedene v&#246;llig entwickelte, einander widerstrei- tende Naturen in ihm; und dieser innere Zwiespalt wurde um so klaffender, je &#228;lter er wurde. Jetzt von entz&#252;ckender Liebens- w&#252;rdigkeit entwickelte er im n&#228;chsten Augenblick eine emp&#246;rende Rohheit. Angesichts einer wirklichen Gefahr voll ruhigen besonnenen Mutes, zitterte er best&#228;ndig vor eingebildeten Gefahren. Sicher war er kein Feigling, er trat dem B&#228;ren Auge in Auge entgegen, und als das Tier einmal seiner ersten Kugel nicht erlag und der mit einer Lanze hinter ihm stehende Mann beim Vorw&#228;rtsst&#252;rzen von dem B&#228;ren niedergeschlagen wurde, kam ihm der Zar zu Hilfe und streckte die Bestie, ihr die Flinte fast auf die Schnauze setzend, nieder (wie ich von dem betreffenden Manne selbst geh&#246;rt habe). Dennoch verfolgten ihn sein Leben lang die Schreckbilder seiner eigenen Fantasie und seines unruhigen Gewissens. Gegen seine Freunde bewies er eine au&#223;erordentliche G&#252;te, aber Hand in Hand damit ging die furchtbare, kaltbl&#252;tige Grausamkeit, wie sie den Despoten des siebzehnten Jahrhunderts eigen war und wie sie Alexander bei der Unterdr&#252;ckung der polnischen Revolution und sp&#228;ter im Jahre 1880 bet&#228;tigte, als die aufr&#252;hrerische russische Jugend durch &#228;hnliche Ma&#223;regeln niedergeschmettert wurde – eine Grausamkeit, deren ihn niemand h&#228;tte f&#252;r f&#228;hig halten sollen. So f&#252;hrte er ein Doppelleben, und in der Periode, von der ich eben rede, unterzeichnete er mit l&#228;chelnder Miene die reaktion&#228;rsten Erlasse, die ihn nachmals zur Verzweiflung brachten. Gegen das Ende seines Lebens versch&#228;rfte sich noch, wie man bald sehen wird, der innere Kampf und nahm fast einen tragischen Charakter an.</p></blockquote>
<p>Um die sozialistischen Ideen besser kennen zu lernen, reiste Kropotkin zun&#228;chst noch in die Schweiz, in der sich damals viele Reformer und Revolution&#228;re aufhielten. Zuerst fuhr er nach Z&#252;rich, anschlie&#223;end nach Genf und zuletzt in ein kleines Dorf im Schweizer Jura. Besonders sein Aufenthalt im Schweizer Jura sollte f&#252;r ihn lebensver&#228;ndernd werden.</p>
<blockquote><p>Im n&#228;chsten Jahre, als der Winter kaum vor&#252;ber war, machte ich meine erste Reise nach Westeuropa. Beim &#220;berschreiten der russischen Grenze empfand ich, sogar noch in h&#246;herem Ma&#223;e, als ich erwartet hatte, was jeder Russe, wenn er sein Vaterland verl&#228;sst, empfindet. Solange der Zug auf russischem Boden durch die d&#252;nnbev&#246;lkerten nordwestlichen Provinzen f&#228;hrt, hat man den Eindruck, als k&#228;me man durch eine W&#252;ste. Wohl hundert Meilen weit ist das Land mit niedrigem Baumwuchs bedeckt, der kaum als Wald bezeichnet werden kann. Hier und da entdeckt das Auge ein in Schnee vergrabenes kleines, elendes Dorf oder eine unwegsame, kotige, enge und gewundene Dorfstra&#223;e. Aber alles, die Landschaft und was dazu geh&#246;rt, &#228;ndert sich mit einem Schlage, sobald der Zug ins Ausland gelangt, nach Preu&#223;en, mit seinen sauberen D&#246;rfern und H&#246;fen, seinen G&#228;rten und gepflasterten Stra&#223;en; und das Gef&#252;hl des Gegensatzes wird immer st&#228;rker, je weiter man in Deutschland eindringt. Sogar das tote Berlin kommt einem nach unsern russischen St&#228;dten belebt vor.</p></blockquote>
<p>In Z&#252;rich lernte er zun&#228;chst die russische Studentenkolonie kennen, konnte endlich die sozialistische Literatur studieren und trat sofort der Internationalen Arbeiterassoziation bei. Nach Genf fuhr er, um mit sozialistischen Arbeitern zu leben. Dort wurde er auch mit den Werken Bakunins bekannt. Die „gro&#223;en Reden“ der Sozialistenf&#252;hrer empfand er als falsch, verlogen und aufgeblasen; er wollte das Leben der „Bakunisten“ (das Wort Anarchist war zu dem Zeitpunkt noch ungebr&#228;uchlich) kennenlernen. Zu diesem Zweck fuhr er in den Schweizer Jura, in dem in mehreren D&#246;rfern Uhrmacher nach diesen Regeln lebten. R&#252;ckblickend schreibt Kropotkin &#252;ber seinen Aufenthalt: </p>
<blockquote><p>[U]nd als ich die Uhrmacher des Jura, nachdem ich etwa zw&#246;lf Tage unter ihnen geweilt hatte, verlie&#223;, standen meine sozialistischen Ansichten fest: <strong>Ich war ein Anarchist.</strong></p></blockquote>
<p>Vor seiner <strong>R&#252;ckkehr nach Russland</strong> deckte er sich reichlich mit sozialistischer, in Russland nat&#252;rlich verbotener Literatur ein, die er nur durch professionelle Schmuggler &#252;ber die Grenze bringen lassen konnte.<br />
Es gelang. </p>
<blockquote><p>Am n&#228;chsten Tage fuhr ich von Krakau ab; und auf der bestimmten russischen Station trat ein Gep&#228;cktr&#228;ger an meinen Wagen und sagte so laut, dass es der auf dem Bahnsteig auf- und abgehende Polizist h&#246;ren konnte, zu mir: »Hier ist der Koffer, den Eure Hoheit gestern hinterlassen haben«, und h&#228;ndigte mir mein wertvolles Paket ein.<br />
Ich freute mich so, es in H&#228;nden zu haben, dass ich nicht einmal in Warschau Halt machte, sondern meine Reise ohne Aufenthalt nach Petersburg fortsetzte, um meinem Bruder meine Siegesbeute zu zeigen. </p></blockquote>
<p><small>[Das Gro&#223;herzogtum Krakau geh&#246;rte seit 1846 zu &#214;sterreich und das &#252;brige Polen ausgenommen das Gro&#223;herzogtum Posen, das zu Preu&#223;en geh&#246;rte, war seit 1867 (Kongresspolen seit 1815) ein Gouvernement Russlands, somit war Warschau „russisch“; die Grenze zu „Russland“ verlief wenige Kilometer n&#246;rdlich von Krakau.]</small></p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin.gif" width="131" height="200" alt="" title="" /><br /><small>Pëtr Kropotkin</small></div>
<p>Zur&#252;ck in Petersburg setzte Kropotkin offiziell seine wissenschaftliche Arbeit f&#252;r die Geografische Gesellschaft fort, suchte und fand aber sofort Kontakt zu den sozialistischen Gruppen im Untergrund. Er schloss sich dem Tschaikowski-Kreis an, einer Narodniki-Gruppe um Nikolai Tschaikowski, den Bruder des Komponisten Peter Tschaikowski; Nikolai wurde sp&#228;ter zwar mehrmals verhaftet, kam aber immer wieder frei, und k&#228;mpfte w&#228;hrend der Revolution auf der Seite der Wei&#223;en und Alliierten, weil ihm die Gewalt der Oktoberrevolution zuwider war. Auch war er zeitweilig Pr&#228;sident der Regierung von Nordrussland. Als ehemaliger K&#228;mpfer gegen den Zaren, der dann Kollaborateur der Alliierten wurde, wurde er in Stalins Werken mit bei&#223;endem Spott bedacht. Kropotkin agitierte in Petersburg insgeheim unter dem Decknamen Borodin und war offiziell ein anerkannter Geologe, so anerkannt, dass er im April 1874 als Vorsitzender der Sektion f&#252;r Physische Geografie vorgeschlagen wurde. Aber schon auf der Heimfahrt von der Sitzung ahnte er, dass man ihm auf der Spur war. Noch in der selben Nacht wurde er verhaftet und nach kurzem Verh&#246;r am n&#228;chsten Tag in eine Zelle der Peter-Pauls-Festung gebracht. Alexander II. gestatte ihm, in seiner Zelle seine Forschungsberichte fertig zu schreiben und Ende des Jahres kam sogar der Gro&#223;f&#252;rst Nikolaus, Alexanders II. Bruder, in seine Zelle, um ihn – ihn an seine hohe Stellung bei Hofe erinnernd – auszufragen (und ihm vielleicht zu helfen). Kropotkin blieb jedoch verschwiegen.</p>
<p>Mit der Zeit ging es ihm gesundheitlich immer schlechter. Im April 1876 waren die Voruntersuchungen beendet und er wurde ins Untersuchungsgef&#228;ngnis verlegt. Zu diesem Zeitpunkt war er jedoch schon so krank, dass man ihm keine zwei Monate mehr gab und seiner Schwester gelang es, die Obrigen davon zu &#252;berzeugen, ihn ins Petersburger Garnisonshospital zu verlegen. Wenn &#252;berhaupt, war das die einzige M&#246;glichkeit, Kropotkin zu befreien, und seine Freunde nahmen die Chance wahr. Nachdem Kropotkin wieder einigerma&#223;en gesundet war, konnte er im Rahmen einer gro&#223; angelegten Aktion und unter Mitwirkung vieler Freunde fliehen: Bei seinem t&#228;glichen Hofspaziergang rannte er an der Schildwache vorbei, sprang in eine wartende Kutsche und jagte auf einer von weiteren Freunden gesicherten Route davon.</p>
<blockquote><p>Kaum hatte ich aber ein paar Schritte getan, als die das Holz am andern Ende des Hofes aufschichtenden Bauern schrien: »Er l&#228;uft fort! Haltet ihn! Fangt ihn!« und mir am Tore den Weg verlegen wollten. Da flog ich, als g&#228;lte es mein Leben. An nichts anderes dachte ich mehr als schnell zu laufen – nicht einmal an das Loch, das die Karren am Tore ausgefahren hatten: »Renne! Renne, was du kannst!« t&#246;nte es in mir.<br />
Wie mir meine Freunde, die der Szene vom grauen H&#228;uschen zuschauten, sp&#228;ter erz&#228;hlten, lief die Schildwache samt den drei Soldaten, die auf den T&#252;rstufen sa&#223;en, hinter mir her. Die Wache war mir so nahe, dass sie sicher glaubte, sie k&#246;nnte mich fangen. Mehrmals stie&#223; sie mit dem Gewehr nach vorn, um mich mit dem Bajonett in den R&#252;cken zu stechen, und einen Augenblick dachten meine Freunde, sie h&#228;tten mich. Offenbar war mein Verfolger so &#252;berzeugt, auf diese Weise meiner habhaft werden zu k&#246;nnen, dass er nicht schoss. Aber ich behielt meinen Vorsprung, und am Tore musste er die Hoffnung, mich einzuholen, aufgeben. Sobald ich das Tor gl&#252;cklich hinter mir hatte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, dass in dem Wagen ein Zivilist mit einer Milit&#228;rkappe sa&#223;, der sein Gesicht mir nicht zuwendete. Verkauft! war mein erster Gedanke. Meine Kameraden hatten geschrieben: »Bist du erst in der Stra&#223;e, so gib dich nicht verloren, es werden Freunde da sein, die dich im Falle der Not verteidigen«; ich wollte daher nicht in den Wagen springen, wenn sich ein Feind darin befand. Als ich aber dem Wagen n&#228;her war, sah ich, dass der Mann einen blonden Backenbart trug, der wie der eines guten Freundes von mir aussah. Er geh&#246;rte zwar unserm Kreise nicht an, aber wir waren pers&#246;nlich befreundet, und ich hatte mehr als einmal Gelegenheit gehabt, seinen k&#252;hnen Mut kennenzulernen und zu sehen, wie seine Kraft, wenn es not tat, auf einmal wahrhaft herkulisch wurde. Warum sollte er hier sein? Ist es m&#246;glich? dachte ich, und wollte schon seinen Namen rufen, als ich noch zur rechten Zeit an mich hielt und stattdessen, w&#228;hrend ich noch lief, in die H&#228;nde klatschte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wandte mir sein Gesicht zu, und nun wusste ich, wer es war. »Spring herein, rasch, rasch!«, schrie er mit schrecklicher Stimme und einen Revolver schussbereit in der Hand haltend, trieb er mich und den Kutscher mit heftigen Worten zur Eile an. »Fahre! Fahre schnell oder ich schie&#223;&#8217; dich nieder, Kerl«, rief er dem Kutscher zu. Das Pferd, ein sch&#246;ner erprobter Traber, den man zu diesem Zwecke erstanden hatte, setzte in vollem Galopp ein. »Haltet sie! greift sie!«, klang es gellend von zahlreichen Stimmen hinter uns, w&#228;hrend mein Freund mir inzwischen behilflich war, mich mit einem Zylinder und einem eleganten &#220;berrock zu bekleiden.
</p></blockquote>
<p>&#220;ber Finnland und Schweden fl&#252;chtete Kropotkin unter dem Decknamen Levašev nach England.</p>
<div class="bildrechts">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin%20um%201900.jpg" width="148" height="200" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Pëtr Kropotkin um 1900</small></div>
<p><strong>In den f&#252;nf Jahren nach seiner Flucht, von 1876 bis 1881,</strong> lebte er haupts&#228;chlich in Frankreich und der Schweiz. Nach dem Tod Bakunins (1876), den er nie pers&#246;nlich getroffen hatte, war er das unerkl&#228;rte Haupt der anarchistischen Bewegung; er hielt agitatorische Vortr&#228;ge und verstand sich als Propagandist des Anarchismus. 1878 musste er aufgrund dieser Aktivit&#228;ten aus Frankreich in die Schweiz fliehen; dort wurde er 1881, nach der Ermordung Alexanders II., auf Druck der russischen Regierung ausgewiesen und ging &#252;ber London zur&#252;ck nach Frankreich. Frankreich aber h&#228;tte er besser meiden sollen, denn prompt wurden er und weitere Anarchisten 1882 – nach einem Bombenattentat, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hatten – wegen Zugeh&#246;rigkeit zu einer internationalen Arbeiterassoziation verhaftet; Kropotkin wurde 1883 zur H&#246;chststrafe von f&#252;nf Jahren Haft verurteilt, was in ganz Europa f&#252;r Emp&#246;rung sorgte. Nach drei Jahren wurde er dann auch – gegen den Willen Alexanders III., der intervenierte – vorzeitig entlassen. Der ganze Prozess war eigentlich eine Farce, hier wollte der Staat ganz einfach seine Macht gegen&#252;ber den Sozialisten demonstrieren. Da Argumente und Fakten fehlten, kam es zu den l&#228;cherlichsten Szenen:</p>
<blockquote><p>Dieser Brief [Kropotkin erkl&#228;rt darin einem Arbeiter die Grammatik- und Interpunktionsregeln, hmw] wurde vom Ankl&#228;ger vor Gericht verlesen und verleitete ihn zu einem h&#246;chst pathetischen Kommentar. »Meine Herren, Sie haben diesen Brief geh&#246;rt«, begann er, zum Gerichtshof gewendet, seine Rede. »Sie haben ihn vernommen. Auf den ersten Blick scheint nichts Verf&#228;ngliches darin zu sein. Er erteilt einem Arbeiter Unterricht in der Grammatik&#8230; Aber« &#8230; und hier zitterte seine Stimme vor tiefer Erregung – »dies geschah nicht, um einem Arbeiter Kenntnisse beizubringen, die er sich in der Schule anzueignen wahrscheinlich aus Faulheit vers&#228;umt hatte. Es geschah nicht, um ihn in den Stand zu setzen, sein Brot ehrlich zu verdienen&#8230; Nein, meine Herren&#8230; er lehrte es ihn nur, um ihn mit Hass gegen unsere erhabenen und herrlichen Einrichtungen zu erf&#252;llen, um ihm nur um so besser das Gift des Anarchismus einzufl&#246;&#223;en, um ihn nur zu einem furchtbareren Feinde der Gesellschaft zu machen&#8230; Verflucht sei der Tag, an dem Kropotkin seinen Fu&#223; auf Frankreichs Boden gesetzt hat!« rief er mit wunderbarem Pathos.<br />
Wir mussten w&#228;hrend der ganzen Rede lachen wie Schuljungen, und die Richter warfen ihm Blicke zu, als wollten sie sagen, er tue in seiner Rolle des Guten zu viel. Er schien aber nichts zu merken und sprach, von seiner Beredsamkeit hingerissen, mit immer theatralischeren Bewegungen und T&#246;nen weiter. Wahrhaftig, er tat sein Bestes, sich eine Belohnung von der russischen Regierung zu verdienen.</p></blockquote>
<p><strong>In den letzten zehn Kapiteln</strong> seiner Memoiren eines Revolution&#228;rs schildert er die Zeit der Agitation, der Verhaftung und des Prozesses, die Zust&#228;nde im franz&#246;sischen Gef&#228;ngnis, seine Entlassung 1886 und seine endg&#252;ltige &#220;bersiedlung nach London. Das letzte Kapitel – es endet 1890 – ist eine R&#252;ckschau, Analyse und ein vorsichtiger Blick in die Zukunft des Sozialismus.</p>
<p><strong>In den nachfolgenden 30 Jahren in England (von 1876 bis 1917) </strong>kehrte er trotz seiner Beziehungen zur englischen Anarchisten- und Arbeiterbewegung nicht zur&#252;ck zur Agitation. Stattdessen widmete er sich ganz seiner Arbeit an Publikationen und Vortr&#228;gen zur Philosophie und Moral des Anarchismus und zur Soziologie; au&#223;erdem ver&#246;ffentlichte er mehrere popul&#228;re naturwissenschaftliche Arbeiten. Sein Leben entsprach dem eines Privatgelehrten.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin_lecture.jpg" width="131" height="200" alt="" title="Einladung zu einem Kropotkin-Vortrag, um 1900" /></div>
<p>Noch w&#228;hrend seiner Haft hatte sein Freund <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=elisee+reclus">Élisée Reclus</a> 1885 die Worte eines Rebellen, eine Sammlung von mit Seele geschriebenen Gedanken und Artikeln Kropotkins herausgebracht. In der Zeitschrift <em>The Nineteenth Century</em> erschienen viele seiner Artikel, unter anderem auch <em>Mutual Aid Among Animals</em>, in Buchform sp&#228;ter unter dem deutschen Titel <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=gegenseitige+hilfe">Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt</a></strong></em> erschienen, eine Abrechnung mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=charles+darwin">Darwin</a>, in deren Verlauf Kropotkin zeigt, dass sich im Kampf ums &#220;berleben immer die Gruppen durchgesetzt haben, in denen Zusammenhalt und gegenseitige Hilfeleistungen zentral waren – ein wesentlicher Grundgedanke des Anarchismus. 1892 erschien die Textsammlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=eroberung+brotes">Die Eroberung des Brotes</a></strong></em>, in der er die Voraussetzungen f&#252;r eine anarchistische Gesellschaft an einigen Grundbed&#252;rfnissen f&#252;r die menschliche Existenz wie Lebensmittel, Wohnen, Kleidung, Arbeit usw. zu kl&#228;ren versucht, 1898 <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=landwirtschaft+industrie">Landwirtschaft, Industrie und Handwerk</a></strong></em>. In seinem Buch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=moderne+wissenschaft+anarchismus">Moderne Wissenschaft und Anarchismus</a></strong></em> (1913 in deutscher Sprache erschienen; auch: Der Anarchismus) skizziert er die Geschichte der Naturwissenschaften und des anarchistischen Denkens in der Absicht, eine Legimitation des Anarchismus zu erreichen. 1896 bringt Kropotkin <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=historische+rolle+staates">Die historische Rolle des Staates</a></strong></em> und 1913 <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=moderne+staat">Der moderne Staat</a></strong></em> heraus, Werke, in denen er gesellschaftliche Einrichtungen naturwissenschaftlich untersucht, um daraus Schl&#252;sse f&#252;r seine Auffassung von Anarchismus zu ziehen. Nach seinem Tod erscheint noch das nicht mehr fertig gestellte Werk <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ethik">Ethik</a></strong></em>. (Alle Ver&#246;ffentlichungen Kropotkins aufzulisten, ist hier nicht m&#246;glich, eine gute &#220;bersicht bietet <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=heinz+hug">Heinz Hug</a> in seiner Bibliographie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hug&#038;title=peter+kropotkin">Peter Kropotkin 1842–1921</a>)<br />
Aus den Vortr&#228;gen, die Kropotkin auf ausgedehnten Vortragsreisen durch die USA 1897 und 1901 hielt, gingen das schon oben erw&#228;hnte <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ideale+wirklichkeit">Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</a></strong></em> und die besprochenen <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=memoiren+revolutionaers">Memoiren eines Revolution&#228;rs </a></strong></em>hervor.</p>
<p>Als einen Bruch in seiner Biografie – &#228;hnlich wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maxim+gorki">Gorkis </a>„S&#252;ndenfall“, als er sich zur Verniedlichung des GULAG hergab – muss man Kropotkins Entscheidung f&#252;r den Ersten Weltkrieg sehen. Er, der wie seine Freunde und Mitstreiter ein eingeschworener Antimilitarist war – schlie&#223;lich war der Antimilitarismus auch Grundlage der von ihm formulierten Theorie des Anarchismus –, war pl&#246;tzlich der Meinung, dass erst nach dem<em> „Endsieg &#252;ber den germanischen Militarismus“</em> der Anarchismus Verwirklichung finden k&#246;nnte. Damit stie&#223; er alle Anarchisten, insbesondere die russischen, vor den Kopf. Sehr schnell fand er sich allein und isoliert. </p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin%20auf%20dem%20Totenbett.jpg" width="190" height="119" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kropotkin auf dem Totenbett</small></div>
<p>Zwar wurde er bei seiner <strong>R&#252;ckkehr nach Petersburg im Jahr 1917 </strong>von Zigtausenden triumphal empfangen, bei Lenin und seinen Mitstreitern aber war diese Einstellung ein weiteres Malus, das zu seiner Theorie des Anarchismus, die ja einen Staat wie ihn die Bolschewiki wollten ablehnt, hinzukam. Lenin wollte, gerade um seinen Staat bilden zu k&#246;nnen, den Krieg so schnell wie m&#246;glich und ohne R&#252;cksicht auf Verluste beenden. Auch die Oktoberrevolution 1917 verurteilte Kropotkin, denn sie sollte zu einer Diktatur f&#252;hren; und eine Diktatur – egal wer &#252;ber wen – stand Kropotkins Vorstellungen von einem libert&#228;ren Kommunismus (Anarchismus) diametral gegen&#252;ber.</p>
<p>Aus Krankheitsgr&#252;nden konnte Kropotkin nicht in Petersburg bleiben und fand sich sehr schnell im kleinen Dorf Dmitrov nahe Moskau wieder. Hier waren ihm seine Abgeschieden- und Ausgeschlossenheit nahezu unertr&#228;glich. Zwar wetterte er &#228;hnlich wie Vladimir Korolenko in Briefen an Lenin gegen die unhaltbaren Exzesse der Revolution&#228;re und 1919 kam es sogar zu einem Treffen in Moskau, aber er war ein Rufer in der W&#252;ste, eine Persona non grata geworden. Dass er in den letzten Jahren an seinem Werk <em>Ethik </em>(1923 unter dem Titel <em>Ethik. Erster Band: Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit</em> im Berliner Verlag »Der Syndikalist« erschienen) arbeitete, war sicher die Folge dieser Ereignisse. </p>
<p><strong>Am 8. Februar 1921 starb Kropotkin</strong> an den Folgen einer Lungenentz&#252;ndung, nachdem er schon durch Nahrungsmangel geschw&#228;cht war.<br />
Die Konfrontation mit Lenin und seinen Revolution&#228;ren hatte dazu gef&#252;hrt, dass sein Ansehen auch bei den russischen Anarchisten in seinen letzten Lebensjahren wieder gestiegen war, und so kam es, dass bei seiner Beerdigung nahezu hunderttausend Menschen und ein Meer von schwarzen Fahnen dem Sarg folgten. Das Ansehen Kropotkins in der Bev&#246;lkerung war so gro&#223;, dass Lenin einigen Quellen zufolge sogar allen gefangenen Anarchisten f&#252;r den Tag der Beerdigung „Urlaub“ aus den Gef&#228;ngnissen geben musste.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin%20Begr%C3%A4bnis%202.jpg" width="200" height="134" alt="" title="" /><br /><small>Fahnenzug der Anarchisten anl&#228;sslich<br />
Kropotkins Beerdigung</small></div>
<p>Pëtr Alexeevi&#269 Kropotkin ist ohne Zweifel eine ganz gro&#223;e Pers&#246;nlichkeit aus und f&#252;r Russland und ein wichtiger Theoretiker des Sozialismus. Sein Konzept des Anarchismus ist ganz sicher nicht eins zu eins umsetzbar und schon gar nicht in die heutige Zeit &#252;bertragbar, es gilt jedoch, vielleicht mehr denn je, seine Vorstellungen von einer gerechten Welt neu zu durchdenken. Um dabei zu positiven Ergebnissen zu kommen, m&#252;ssen lieb gewordene oder einfach nur eingefahrene Verhaltensweisen hinterfragt werden – und das tut bekanntlich weh.</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur</h3>
<p>Die Zitate stammen, sofern nicht anders angegeben, aus:<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=memoiren+revolutionaers"><strong>Memoiren eines Revolution&#228;rs</strong></a> (Insel Verlag, 1969; autorisierte &#220;bersetzung von Max Pannwitz, um 1900)</p>
<p>Im Jahr 2002 sind die <em>Memoiren</em> im Unrast Verlag in 2 B&#228;nden von Heiner Becker und Nicolas Walter neu &#252;bersetzt herausgegeben worden. Die &#220;bersetzung ist ganz unwesentlich modernisiert; ausgezeichnet ist die Einleitung, die ein sehr gutes Bild von Kropotkin und seinen Memoiren zeichnet, und geradezu hervorragend und ausf&#252;hrlich sind die Fu&#223;noten zum Text, die ganz wesentlich zum Verst&#228;ndnis beitragen.</p>
<p><strong>Weitere Werke von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin">Pëtr Alekseevi&#269 Kropotkin</a> (Auswahl):</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ideale+wirklichkeit">Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</a></strong> (Diogenes Verlag, 2003; herausgegeben und kommentiert von Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=gegenseitige+hilfe"><br />
<strong>Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt</strong></a> (Ullstein Verlag, 1975; englisches Original 1902: »Mutual Aid. A Faktor of Evolution«)</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=moderne+wissenschft+anarchismus"><strong>Moderne Wissenschaft und Anarchismus</strong></a> (1978)</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=anarchismus+ideal+ursprung"><strong>Der Anarchismus – Ursprung, Ideal und Philosophie</strong></a> (Trotzdem Verlagsgenossenschaft, 2002; Neu&#252;bersetzung aus dem Franz&#246;sischen von Heinz Hug)</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=eroberung+brotes"><strong>Die Eroberung des Brotes</strong></a> (Edition Anares und Trotzdem Verlag, 1999; franz&#246;sisches Original »La Conquête du Pain« 1892, deutsche Fassung 1919 im Verlag »Der Syndikalist«, neu herausgegeben von Heinz Hug)</p>
<p><strong>Der Staat und seine historische Rolle</strong>, neu herausgegeben im Unrast Verlag 2008. Es enth&#228;lt Kropotkins Schriften <em>Die historische Rolle des Staates</em> (1896) und <em>Der moderne Staat</em> (1913) mit einer sehr guten Einleitung von Teo Panther.</p>
<p>Ich danke dem Unrast Verlag f&#252;r seine wohlwollende Unterst&#252;tzung.</p>
<p><strong>Sekund&#228;rliteratur</strong></p>
<p>Alphons Thun: <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=thun&#038;title=geschichte+revolutionaeren+bewegungen">Die Geschichte der revolution&#228;ren Bewegungen in Ru&#223;land</a></strong> (1883)</p>
</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2010/02/19/petr-alekseevic-kropotkin-fuerst-und-anarchist/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Anton Pawlowitsch TschechowVersuch eines Portr&#228;ts</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/01/29/anton-pawlowitsch-tschechowversuch-eines-portraets/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2010/01/29/anton-pawlowitsch-tschechowversuch-eines-portraets/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 29 Jan 2010 09:54:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Krankheit]]></category>
		<category><![CDATA[medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Naturalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Puschkin]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstironie]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[tolstoi]]></category>
		<category><![CDATA[Tschechow]]></category>
		<category><![CDATA[Weisheit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=3450</guid>
		<description><![CDATA[Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, seine Zweifel am Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Gr&#246;&#223;e hat von stiller, bescheidener Gr&#246;&#223;e so viel.
Thomas Mann

&#220;ber Anton Pawlowitsch Tschechow (Anton Pavlovi&#269; &#268;echov), einen der gr&#246;&#223;ten russischen Schriftsteller, dessen Werke bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist viel geschrieben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, seine Zweifel am Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Gr&#246;&#223;e hat von stiller, bescheidener Gr&#246;&#223;e so viel.</p></blockquote>
<p><small>Thomas Mann</small></p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Chronik_gr.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Chronik.jpg" width="109" height="180" alt="" title="" width="135" height="250" /></a></div>
<p>&#220;ber <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+tschechow"><strong>Anton Pawlowitsch Tschechow</strong></a> (Anton Pavlovi&#269; &#268;echov), einen der gr&#246;&#223;ten russischen Schriftsteller, dessen Werke bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist viel geschrieben worden. Es gibt viele ausf&#252;hrliche und detaillierte Beschreibungen seines Lebens und seines Schaffens (siehe Literaturangaben), nicht zuletzt Peter Urbans <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=cechov+chronik"><em>&#268;echov Chronik</em></a> und der erst k&#252;rzlich im Internet erschienene exzellente <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Pawlowitsch_Tschechow">Artikel von Alexander Savin et al</a>.<br />
Die wohl treffendste Besprechung &#268;echovs, seiner literarischen Entwicklung und seiner Zeit ist bei einem Zeitgenossen, dem Anarchisten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fuerst+kropotkin">F&#252;rst Pëtr Alekseevi&#269; Kropotkin</a> (*1842, †1921), in einem kurzen Kapitel seiner russischen Literaturgeschichte<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ideale+wirklichkeit+russischen+literatur"><em> Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</em></a> nachzulesen. <span id="more-3450"></span></p>
<p>Hier soll versucht werden zu ergr&#252;nden, was Tschechow gepr&#228;gt hat. Dar&#252;ber hinaus werden einige wichtige Z&#252;ge seines facettenreichen Wesens und ihre Auswirkungen auf sein Werk im Mittelpunkt der Betrachtung stehen; vor allem aber sollen er selbst und seine Zeitgenossen zu Wort kommen. </p>
<p>Zwei autobiografische Kurzlebensl&#228;ufe gibt es von ihm, aus denen u. a. deutlich hervorgeht, dass er es keineswegs liebte, wenn um seine Person viel Aufhebens gemacht wurde:</p>
<blockquote><p>Sie brauchen meine Biografie? Da ist sie. Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakult&#228;t der Universit&#228;t Moskau. 1888 bekam ich den Puškinpreis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zur&#252;ck &#252;bers Meer. 1891 unternahm ich eine Tournee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrunken und Austern gegessen habe. 1892 habe ich mich mit V.A. Tichonov auf einem Namenstag am&#252;siert. Zu schreiben begann ich 1879 in der ›Strekoza‹. Meine Erz&#228;hlungsb&#228;nde sind: ›Bunte Erz&#228;hlungen‹, ›In der D&#228;mmerung‹, ›Erz&#228;hlungen‹, ›M&#252;rrische Menschen‹ und die Novelle ›Das Duell‹. Ich habe auch im dramatischen Fach ges&#252;ndigt, wenn auch mit Ma&#223;en. Bin in s&#228;mtliche Sprachen &#252;bersetzt, ausgenommen Fremdsprachen. &#220;brigens, die Deutschen haben mich schon l&#228;ngst &#252;bersetzt. Die Serben und &#268;echen finden mich ebenfalls gut. Auch die Franzosen sind dem Austausch nicht abgeneigt. In die Mysterien der Liebe eingeweiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Mit meinen Kollegen – Medizinern wie Literaten – pflege ich ausgezeichnete Beziehungen. Junggeselle. M&#246;chte eine Pension bekommen. Praktiziere als Arzt, und zwar so weit, dass ich im Sommer manchmal gerichtsmedizinische Obduktionen vornehme, die ich schon 2-3 Jahre nicht mehr durchgef&#252;hrt habe. Unter den Schriftstellern bevorzuge ich Tolstoj, unter den &#196;rzten – Zacharjin.<br />
Aber das ist alles Unfug. Schreiben Sie, was Sie wollen. Wo keine Fakten sind, ersetzen Sie sie durch Lyrik.</p></blockquote>
<p><small>22. Februar 1892 Anton &#268;echov an seinen Schriftstellerkollegen V. A. Tichonov</p>
<p>Sofern nicht anders vermerkt, stammen die &#220;bersetzungen aller Zitate in diesem Essay von Peter Urban und sind, angepasst an die neue Rechtschreibung, verschiedenen Titeln (s. u.) – erschienen im Diogenes Verlag – entnommen.</small></p>
<p>Am 11. Oktober 1899 schickte er an G. I. Rossolimo f&#252;r einen &#196;rztealmanach folgende autobiografische Notiz:</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow_ Serow.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow_1903.jpg" alt="" title=""></a><br /><small>Anton Tschechow auf<br />einem Gem&#228;lde<br />von Serow (1903)</small></div>
<blockquote><p>Ich, A. P. &#268;echov, wurde am 17. Januar 1860 <span style="font-style: normal !important;">[julianischer Kalender = 29. Januar 1860 des heute g&#252;ltigen gregorianischen Kalenders, hmw]</span> in Taganrog geboren. Ich besuchte zuerst die griechische Schule an der Kirche des Kaisers Konstantin, danach das Gymnasium von Taganrog. 1879 immatrikulierte ich mich an der Medizinischen Fakult&#228;t der Universit&#228;t Moskau. Von den Fakult&#228;ten hatte ich damals nur eine schwache Vorstellung, und aus welchen Gr&#252;nden ich die Medizinische Fakult&#228;t w&#228;hlte, wei&#223; ich nicht mehr, aber ich habe diese Wahl sp&#228;ter nie bereut. Bereits im ersten Studienjahr begann ich, in Wochenzeitschriften und Zeitungen zu ver&#246;ffentlichen, und diese Besch&#228;ftigung mit der Literatur nahm bereits Anfang der achtziger Jahre festen, professionellen Charakter an, 1888 erhielt ich den Puškin-Preis. 1890 bereiste ich die Insel Sachalin, um danach ein Buch &#252;ber unsere Strafkolonie und die Katorga zu schreiben. Die gerichtsmedizinischen Berichte, Rezensionen, Feuilletons und Notizen nicht eingerechnet, umfasst alles, was ich tagaus, tagein f&#252;r Zeitungen im Verlauf von 20 Jahren literarischer T&#228;tigkeit geschrieben und ver&#246;ffentlicht habe und was jetzt schwierig w&#228;re, herauszusuchen und zu sammeln, mehr als 300 Druckbogen <span style="font-style: normal !important;">[1 Druckbogen = 16 Seiten, hmw]</span> an Novellen und Erz&#228;hlungen. Ich habe auch Theaterst&#252;cke geschrieben.<br />
Ich bezweifle nicht, dass meine Besch&#228;ftigung mit den medizinischen Wissenschaften gro&#223;en Einfluss auf meine literarische T&#228;tigkeit gehabt hat, sie hat den Horizont meiner Beobachtungen betr&#228;chtlich erweitert, hat mich um Kenntnisse bereichert, deren wahren Wert f&#252;r mich als Schriftsteller nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist; sie besa&#223; auch richtungsweisenden Einfluss, und wahrscheinlich ist es mir, dank meiner N&#228;he zur Medizin, gelungen, viele Fehler zu vermeiden. Die Bekanntschaft mit den Naturwissenschaften, mit der wissenschaftlichen Methode hat mich immer wachsam bleiben lassen, und ich habe mich bem&#252;ht, mein Schreiben dort, wo es m&#246;glich war, mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen, wo dies hingegen unm&#246;glich war, zog ich es vor, gar nicht zu schreiben. Nebenbei merke ich an, dass die Bedingungen des k&#252;nstlerischen Schaffens v&#246;llige &#220;bereinstimmung mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten nicht immer zulassen; es ist unm&#246;glich, auf der B&#252;hne den Tod durch Gift so darzustellen, wie er sich in Wirklichkeit abspielt. Aber die &#220;bereinstimmung mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten sollte man auch in dieser Bedingtheit sp&#252;ren, d .h. dem Leser oder Zuschauer soll klar werden, dass es sich nur um eine Bedingtheit handelt und dass er es mit einem Schriftsteller zu tun hat, der sich dessen bewusst ist. Ich geh&#246;re nicht zu den Schriftstellern, die sich der Wissenschaft gegen&#252;ber negativ verhalten; und zu denjenigen, die alles aus ihrem eigenen Verstande sch&#246;pfen, m&#246;chte ich nicht geh&#246;ren.<br />
Was die prakt. Medizin betrifft, so habe ich noch als Student am Zemstvokrankenhaus von Voskresensk (bei Novyj Ierusalim) bei dem ber&#252;hmten Zemstvo-Arzt P. A. Archangelskij gearbeitet, danach f&#252;r kurze Zeit als Arzt am Krankenhaus von Zvenigorod. In den Cholerajahren (92, 93) leitete ich das Revier Melichovo, Kreis Serpuchov.</p></blockquote>
<p>M&#246;ge das an dieser Stelle – ganz im Sinne Tschechows – gen&#252;gen. Ausf&#252;hrlichere Beschreibungen seines Lebens siehe oben und in den Literaturangaben.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+puschkin">Puschkin </a>und Tschechow </strong>werden h&#228;ufig in einem Atemzug genannt. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Tolstoi </a>sagte 1903 in einem Gespr&#228;ch mit dem Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lazarevskij">Lazarevskij </a>&#252;ber Tschechow:</p>
<blockquote><p>&#268;echov! … &#268;echov ist der Puškin der Prosa. So wie in den Gedichten Puškins jeder etwas findet, das er selbst erlebt hat, so erblickt der Leser auch in &#268;echovs Erz&#228;hlungen sich selbst und seine Gedanken.</p></blockquote>
<p>Sowohl Puschkin als auch Tschechow standen an der Schwelle zu einem neuen literarischen Zeitalter, das sie ma&#223;geblich beeinflussten, wobei Tschechows Einfluss – nicht zuletzt aufgrund der politischen Ereignisse – erst viele Jahre sp&#228;ter richtig offenbar wurde. Mit seiner knappen, das Wesentliche auf den Punkt bringenden Sprache war er der Vater der heutigen modernen Literatur, die mit ihrer Betonung des „Plots“ und der Spannungsb&#246;gen einer lyrischen Sprache nur noch wenig Raum l&#228;sst. In den Briefen an seinen Bruder Alexander finden sich markante S&#228;tze wie <em>„Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des K&#252;rzens“</em> oder <em>„K&#252;rze ist die Schwester des Talents“</em>; in einem der Briefe formuliert er auch <em>„Die Bedingungen eines Kunstwerks“</em>:</p>
<blockquote><p>[ …] ein gro&#223;artiges Thema – wird zu einem Kunstwerk nur unter folgenden Bedingungen: 1.) Abwesenheit lang gezogener Worterg&#252;sse politisch sozial&#246;konomischen Charakters; 2.) absolute Objektivit&#228;t; 3.) Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenst&#228;nde; 4.) &#228;u&#223;erste K&#252;rze; 5.) K&#252;hnheit und Originalit&#228;t; meide das Klischee; 6.) Herzlichkeit. </p></blockquote>
<p>In einem Brief an M. V. Kiselëva wird Tschechows naturwissenschaftliches Verst&#228;ndnis von Literatur deutlich – in dieser Beziehung ist er ganz ein naturalistischer Schriftsteller, wie es seine Kollegen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin">Boborykin </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin+sibirjak">Mamin-Sibirjak</a> waren: </p>
<blockquote><p>F&#252;r Chemiker gibt es auf der Erde nichts Unreines. Der Schriftsteller muss genauso objektiv sein wie ein Chemiker; er muss sich frei machen von der Subjektivit&#228;t seines Alltags und wissen, dass die Misthaufen in der Landschaft eine sehr beachtliche Rolle spielen und b&#246;se Leidenschaften dem Leben ebenso eigen sind wie gute … Kl&#228;glich w&#228;re das Schicksal der Literatur (der gro&#223;en wie der kleinen), wenn man sie der Willk&#252;r pers&#246;nlicher Ansichten preisg&#228;be.</p></blockquote>
<p>(Mit dieser letzten Ansicht ist er wohl auch der heutigen Zeit noch voraus.) </p>
<p>Dieses rationale, naturwissenschaftliche Verst&#228;ndnis vom Schreiben hei&#223;t jedoch nicht, dass man bei Tschechow keine oder nur trockene Landschaftsbeschreibungen f&#228;nde. Im Gegenteil: In seiner Erz&#228;hlung <em>Die Steppe</em> beispielsweise oder in der Beschreibung seiner Reise zur <em>Insel Sachalin</em> finden sich Landschaftsschilderungen, bei denen man glaubt, er h&#228;tte Farben statt Worte verwendet.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin_gr.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kropotkin.jpg" width="116" height="200" alt="" title="Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur" /></a></div>
<p><strong>Tschechow war ohne Frage der geborene Schriftsteller.</strong> Er schrieb jedoch anfangs – aber auch sp&#228;ter noch oft – um des Brotes Willen; selbst achtete er sein „Geschreibsel“ wenig. Einer Autorit&#228;t unter den Literaten, dem Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=d.+grigorowitsch">Dimitrij Wassiljewitsch Grigorowitsch</a>, der ihn als gro&#223;es Talent bezeichnete und ihn aufforderte, ernsthaft zu schreiben, antwortet er im M&#228;rz 1886:</p>
<blockquote><p>[ … ] wenn ich eine Gabe besitze, die ich achten sollte, so bereue ich vor der Reinheit Ihres Herzens, dass ich sie bisher nicht geachtet habe. Bisher habe ich mich gegen&#252;ber meiner literarischen Arbeit &#252;beraus leichtsinnig, sorglos, unbesonnen verhalten. Ich erinnere mich keiner Erz&#228;hlung, an der ich l&#228;nger als vierundzwanzig Stunden gearbeitet h&#228;tte, und den »J&#228;ger«, der Ihnen gefiel, habe ich im Bad geschrieben! Wie Reporter ihre Berichte &#252;ber Feuersbr&#252;nste schreiben, so schrieb ich meine Erz&#228;hlungen mechanisch, halb unbewusst, ohne an den Leser zu denken oder an mich selbst…</p></blockquote>
<p>Und im Dezember 1886 schreibt er an M. V. Kiselëva </p>
<blockquote><p>In Piter … bin ich zur Mode geworden, wie Nana. W&#228;hrend <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=korolenko">Korolenko</a>, den ernsthaften, kaum die Redakteure kennen, liest ganz Piter meinen Krimskrams … Das schmeichelt mir, beleidigt aber mein Gef&#252;hl f&#252;r Literatur … Es ist mir f&#252;r das Publikum peinlich, das literarische Bologneserh&#252;ndchen hofiert, nur weil es die Elefanten nicht sehen kann, und ich bin &#252;berzeugt, dass mich kein Hund mehr kennen wird, wenn ich einmal anfangen werde, ernsthaft zu arbeiten.</p></blockquote>
<p>Aus diesen Worten spricht einmal mehr die Ironie, mit der sich Tschechow seines Lebens selbst begegnete. Kropotkin schreibt in seinen <em>Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur</em> aus einer anderen und sicher wesentlich objektiveren Perspektive: </p>
<blockquote><p>
Niemandem gelang es so wie &#268;echov, die Fehler der menschlichen Natur in unserer gegenw&#228;rtigen Zivilisation und besonders die Verderbtheit, den Bankrott der Gebildeten angesichts der alles infizierenden Niedrigkeit des Alltagslebens darzustellen. Diese Vernichtung des »Intellektuellen« hat er mit Kraft, Vielseitigkeit und Eindrucksf&#228;higkeit wiedergegeben. Und hierin liegt der Wesenszug seines Talentes.<br />
Wenn man &#268;echovs Geschichten und Skizzen in chronologischer Reihenfolge liest, so sieht man in ihm zuerst einen Autor voll &#252;bersch&#228;umender Lebenskraft und jugendlichem Humor. Die Geschichten sind in der Regel sehr kurz, viele von ihnen nicht l&#228;nger als drei bis vier Seiten, aber sie sind von ansteckender Heiterkeit. Einige von ihnen sind nur Possen, aber man kann sich des herzlichsten Lachens nicht enthalten, weil sogar die albernsten und unm&#246;glichsten Dinge mit einem unnachahmlichen Reiz geschrieben sind. Und dann allm&#228;hlich, mitten in jenem Scherz, findet sich ein Ton herzloser Niedrigkeit von Seiten einiger der handelnden Personen in der Erz&#228;hlung, und man f&#252;hlt des Autors Herz schmerzvoll zucken. Langsam, allm&#228;hlich wird die Note h&#228;ufiger, sie tritt immer deutlicher hervor, sie h&#246;rt auf, zuf&#228;llig zu sein, und wird organisch – bis sie zuletzt in jeder Geschichte, in jeder Novelle alles andere erstickt. Sei es die r&#252;cksichtslose Herzlosigkeit eines jungen Mannes, der im Scherze einem M&#228;dchen einreden will, dass er sie liebe, sei es die Herzlosigkeit und der Mangel des allergew&#246;hnlichsten menschlichen Gef&#252;hles in der Familie eines alten Professors – immer kehrt dieselbe Note der Herzlosigkeit und Niedrigkeit, derselbe Mangel verfeinerter menschlicher Gef&#252;hle wieder oder – mehr als das – der vollst&#228;ndige intellektuelle und moralische Bankrott des »Intellektuellen«.</p></blockquote>
<p><small>[Zitiert in der &#220;bersetzung von B. Ebenstein]</small></p>
<p>Noch etwas anderes wird aber schon in Tschechows ersten kurzen Humoresken und Erz&#228;hlungen deutlich: Da ihm der Verleger f&#252;r seine Arbeiten nicht mehr als 100 Zeilen zugestand, war er gezwungen, sehr knapp und auf den Punkt kommend zu schreiben (<em>„Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des K&#252;rzens“</em>) und daher lesen sich viele seiner Erz&#228;hlungen schon wie kleine Theaterst&#252;cke, bei denen das Umfeld der Handlung wie in Regieanweisungen beschrieben wird – ein Stil, der schon den zuk&#252;nftigen Dramatiker erahnen l&#228;sst.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Fruehe_Erzaehlungen.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Fruehe_Erzaehlungen.jpg" width="130" height="200" alt="" title="Fr&#252;he Erz&#228;hlungen" /></a></div>
<p>Als 13j&#228;hriger kam Anton &#252;ber das Theater zum ersten Mal mit der Literatur in Kontakt und war entflammt; als 14j&#228;hriger veranstaltete er mit seinen Geschwistern Liebhaberauff&#252;hrungen (er spielte den <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gogol&#038;title=revisor">Revisor </a>in <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogols </a>gleichnamigem St&#252;ck). Mit 17 Jahren schrieb er Gedichte, die vom humoristischen Wochenblatt <em>Budilnik </em>(Der Wecker) zur&#252;ckgewiesen wurden; mit 19 Jahren schickte er eine Erz&#228;hlung an die Petersburger Wochenzeitschrift <em>Strekoza </em>(Die Libelle) und im folgenden Jahr 1880 wurden von ihm in eben dieser <em>Strekoza </em>zw&#246;lf Erz&#228;hlungen ver&#246;ffentlicht, was er selbst als den Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn betrachtete. Vorbild und Anreiz war ihm in diesen wenigen Anfangsjahren sein f&#252;nf Jahre &#228;lterer Bruder Alexander, der kleinere Erz&#228;hlungen in Petersburger Zeitschriften ver&#246;ffentlichte, den er dann aber sehr schnell &#252;berfl&#252;gelte und zu dessen Mentor dann umgekehrt er wurde.</p>
<p>Als Anton Tschechow 16 Jahre alt war zerfiel die Familie. Seine beiden &#228;lteren Br&#252;der Alexander und Nicolai (der sp&#228;ter Maler wurde) waren der Ausbildung wegen nach Moskau gezogen; kurz danach machte der Vater in Taganrog mit seinem Gemischtwarenl&#228;dchen pleite und fl&#252;chtete vor dem drohenden Schuldturm zu seinen S&#246;hnen. Die Mutter folgte mit den beiden j&#252;ngsten Kindern Marja und Michael, nur Anton und sein Bruder Iwan blieben in Taganrog: Anton, um das Gymnasium zu beenden (1879). Ab jetzt galt es f&#252;r alle Familienmitglieder, sich selbst zu versorgen, und Geldsorgen waren f&#252;r viele, viele Jahre das beherrschende Thema. Im Dezember 1876 schrieb z. B. Antons Mutter an ihren Sohn:</p>
<blockquote><p>[ … ] w&#228;hrend wir nur 4 Kop. f&#252;r Brot <span style="font-style: normal !important;">[reicht f&#252;r etwa ein Kilo Roggenbrot, hmw]</span> und f&#252;r Licht hatten. Wir warteten, ob du nicht Geld schickst, es war sehr bitter, offenbar glaubt ihr uns nicht, Maša hat keinen Pelz, ich keine warmen Schuhe, wir sitzen zu Hause, keine Maschine, um etwas zu verdienen, und du hast noch nicht geschrieben, ob du bald unsere Sachen schickst, es ist schlimm und weiter nichts, schreibt um Gottes willen bald, schickt das Geld an mich. Verkauf die Kommode und die Sachen, nur schnell, lass uns nicht vor Kummer sterben&#8230;</p></blockquote>
<p>Antons Vater verdiente 30 Rubel pro Monat bei freier Kost und Logis. Nach meinen Berechnungen entsprach ein Rubel damals der heutigen Kaufkraft von ca. 17,50 €. Sofort nach seinem Abitur kam Anton mit einem Stipendium der Stadt Taganrog von 33 Rubel pro Monat (ausgezahlt viertelj&#228;hrlich) nach Moskau, um Medizin zu studieren. Das Geld verschwand in der Familienkasse und er verdiente durch sein Schreiben hinzu. F&#252;nf Kopeken (100 Kopeken = ein Rubel) bekam er pro Zeile und seine Abrechnung f&#252;r das zweite Halbjahr 1880 lautete:<em> 645 Zeilen</em> [6 Artikel] à <em>5 Kopeken = 32 R. 25 K. </em>[also ca. 565 €]. Im Laufe der Jahre steigerte sich das Zeilenhonorar zwar auf bis zu 20 Kopeken, aber er war weiterhin gezwungen, irgendetwas um des Broterwerbs Willen zu schreiben, wor&#252;ber er immer wieder klagte – das &#228;nderte sich erst als 1895 sein Bericht <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=insel+sachalin">Die Insel Sachalin</a></strong></em> in Buchform erschien, er die Gesamtrechte an seinen Werken an den Verleger Marks verkauft hatte (1899) und seine Theaterst&#252;cke <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=moewe">Die M&#246;ve</a> </strong></em>(1895), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=onkel+wanja">Onkel Wanja </a></strong></em>(1896), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=drei+schwestern">Drei Schwestern</a></strong></em> (1901) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=kirschgarten">Der Kirschgarten</a></strong></em> (1903) auf den B&#252;hnen Erfolg hatten – das hei&#223;t: gegen Ende seines Lebens.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Troyat_gr.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Troyat.jpg" width="113" height="200" alt="" title="" /></a></div>
<p><strong>Tschechow, Tolstoi und die Religion</strong><br />
Lew Nikolajewitsch Tolstoi (*1828, †1910) war besonders von Tschechows <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=krankenzimmer">Krankenzimmer Nr. 6</a></strong></em> (1892) angetan. In einem Brief an I. I. Gorbunov-Posadov schreibt er im Dezember 1892: <em>„Was f&#252;r eine gute Sache ist &#268;echovs »Krankensaal Nr. 6«. Sie haben sie sicher gelesen“</em>. Auch von der <em>Insel Sachalin</em> war er begeistert, doch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=bauern">Die Bauern </a></strong></em>(1897) fand er f&#252;rchterlich und auch Tschechows Theaterst&#252;cke erregten seinen Unwillen. Umgekehrt sah Tschechow zwar in Tolstoi den literarischen &#220;bervater, mit dem sich niemand messen konnte, von dessen Philosophie aber hielt er wenig. In einem Brief an seinen Verleger Suvorin schreibt er im M&#228;rz 1894:</p>
<blockquote><p>[….] Die Tolstojsche Philosophie hat mich stark ber&#252;hrt, hat mich 6-7 Jahre lang beherrscht, und beeindruckt haben mich nicht die Grundthesen, die mir fr&#252;her schon bekannt waren, sondern Tolstojs Art, sich auszudr&#252;cken, seine Bedachtsamkeit und, wahrscheinlich, eine besondere Art von Hypnose. Jetzt dagegen protestiert etwas in mir; &#220;berlegung und Gerechtigkeitssinn sagen mir, dass in Elektrizit&#228;t und Dampfkraft mehr Menschenliebe liegt als in Keuschheit und Verweigerung des Fleischgenusses. Der Krieg ist ein &#220;bel, Gerichtsverhandlungen sind ein &#220;bel, aber daraus folgt nicht, dass ich in Bastschuhen gehen und neben dem Arbeiter und seiner Frau auf dem Ofen schlafen m&#252;sste usw. usw. Aber darum geht es ja nicht, nicht um das »f&#252;r und wider«, sondern darum, dass es so oder anders sein mag, nur dass Tolstoj f&#252;r mich bereits dahin ist, er ist nicht mehr in meinem Herzen, er ist von mir gegangen mit den Worten: »Siehe, ich verlasse euer leeres Haus.« Ich bin von Einquartierung frei.</p></blockquote>
<p>1895 trafen sich Tschechow und Tolstoi zum ersten Mal auf Tolstois Landgut Jasnaja Poljana. Von da an waren sie ungeachtet aller sachlichen Differenzen freundschaftlich eng miteinander verbunden. Die Religion war allerdings immer ein Punkt, in dem sie sich nicht verstanden. Als z. B. Tschechow im M&#228;rz 1897 schwer krank im Krankenhaus lag, besuchte ihn Tolstoi – der ihn schon im Sterben vermutete – und sprach &#252;ber die Unsterblichkeit, was Tschechow nach einer Weile recht ungehalten werden lie&#223;. Im April schrieb er &#252;ber diesen Besuch an den Publizisten M. O. Menschikow (*1895, †1918):</p>
<blockquote><p>Besuch von Lev Nikolaevi&#269;, mit dem ich ein sehr interessantes Gespr&#228;ch hatte, sehr interessant f&#252;r mich, weil ich mehr zugeh&#246;rt als gesprochen habe. Wir sprachen &#252;ber die Unsterblichkeit. Er erkennt die Unsterblichkeit im Kantschen Sinne an; er ist der Meinung, dass wir alle (Menschen und Tiere) in einem Prinzip leben werden, dessen Wesen und Ziel ein Geheimnis f&#252;r uns darstellt. Mir dagegen erscheint dieses Prinzip der Kraft in Gestalt einer formlosen, gallertartigen Masse, mein Ich – meine Individualit&#228;t, mein Bewusstsein werden mit dieser Masse verflie&#223;en – eine solche Unsterblichkeit brauche ich nicht, ich begreife sie nicht, und Lev Nikolaevi&#269; wundert sich, dass ich sie nicht begreife.</p></blockquote>
<p>Religi&#246;s im kirchlichen Sinn war Tschechow sicher nicht, was aber nicht hei&#223;t, dass er ein Atheist gewesen w&#228;re, wie es sp&#228;ter die Sowjetliteraturkritiker gern gesehen h&#228;tten. So widerspr&#252;chlich seine Aussagen teilweise waren, so suchte er doch mit zunehmendem Alter den Sinn in seinem Schreiben und damit den Sinn des Lebens. Ohne diesen Sinn musste das ganze Leben „langweilig“, nutzlos sein, wie es in seiner Erz&#228;hlung <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=langweilige+geschichte">Eine langweilige Geschichte</a></em></strong> (1889) deutlich zum Ausdruck kommt. Darin sitzt der <em>„verdiente Professor Nikolaj Stepanovi&#269; Soundso“</em> in seinem Bett und denkt:</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow_1889.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow%201889.jpg" width="140" height="200" alt="" title="" /></a><br /><small>Anton Tschechow 1889</small></div>
<blockquote><p>Und so pr&#252;fe ich mich nun selber: Was will ich?<br />
Ich will, dass unsere Frauen, Kinder, Freunde und Sch&#252;ler in uns nicht den Namen lieben, nicht die Firma und nicht das Etikett, sondern den gew&#246;hnlichen Menschen. Was noch? Ich m&#246;chte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich m&#246;chte nach hundert Jahren wieder aufwachen, um zu sehen, und sei es auch nur mit einem Blick, was aus der Wissenschaft geworden ist. Ich m&#246;chte noch zehn Jahre leben … Was weiter?<br />
Weiter nichts. Ich denke, denke lange nach, und mir f&#228;llt nichts mehr ein. Und soviel ich auch nachdenke, und wohin auch meine Gedanken schweifen m&#246;gen, f&#252;r mich ist es klar, meinen W&#252;nschen fehlt etwas Wesentliches, etwas sehr Wichtiges. Meiner leidenschaftlichen Hingabe an die Wissenschaft, meinem Wunsch zu leben, dem Hocken auf einem fremden Bett und dem Bestreben, mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gef&#252;hlen und den Begriffen, die ich mir &#252;ber alles gebildet habe, fehlt etwas Gemeinsames, was dies alles zu einem Ganzen verbinden w&#252;rde. Jedes Gef&#252;hl und jeder Gedanke existiert gesondert in mir, und in allen meinen Urteilen &#252;ber Wissenschaft, Theater, Literatur und Sch&#252;ler und in all den Bildern, die meine Fantasie sich ausmalt, w&#252;rde selbst der geschickteste Analytiker nichts von dem finden, was man eine allgemeine Idee oder den Gott des lebendigen Menschen nennt.<br />
Und wenn das nicht vorhanden ist, so ist &#252;berhaupt nichts vorhanden. [….]<br />
Ich bin besiegt. Wenn dem so ist, dann gibt es nichts weiter zu &#252;berlegen und nichts zu sagen. Ich werde dasitzen und schweigend abwarten, was wird.</p></blockquote>
<p><small>[Zitiert in der &#220;bersetzung von Ada Knipper und Gerhard Dick]</small></p>
<p>Eines aber spricht Tschechow explizit an, und das ist der– man muss schon sagen: – Hass, der auf seine pers&#246;nlichen Kindheitserfahrungen mit der Kirche zur&#252;ckgeht. Antons Vater war nicht nur &#252;ber alle Ma&#223;en despotisch – Anton und sein Bruder mussten, wenn sie nicht in der Schule waren, den ganzen Tag von fr&#252;h morgens bis sp&#228;t in die Nacht <em>„das Gesch&#228;ft f&#252;hren“</em>, was bedeutete, in dem k&#252;mmerlichen Kramladen zu hocken und hin und wieder irgendeine Kleinigkeit zu verkaufen; f&#252;r die Schule lernen durften sie nur nachts –, er war auch ein religi&#246;s-fanatischer Mensch, dessen Religiosit&#228;t allerdings an der Oberfl&#228;che blieb: Er liebte den Kirchengesang und die Ikonenmalerei und leitete mit Inbrunst den Kirchenchor und auch hier waren seine Kinder zwangsverpflichtet. Am Sonntag mussten sie z. B. schon viele Stunden vor Beginn des Gottesdienstes – also mitten in der Nacht – aufstehen und in der Kirche proben.<br />
Im M&#228;rz 1892 schreibt Tschechow an einen Freund, den heute unbekannten Schriftsteller I. L. Leontjev-Š&#269;eglov (*1856, †1911):</p>
<blockquote><p>Ich habe als Kind eine religi&#246;se Bildung erhalten und eine ebensolche Erziehung – mit Kirchengesang, Apostelgeschichte und Psalmen in der Kirche, mit regelm&#228;&#223;igem Besuch der Fr&#252;hmesse, mit der Pflicht, am Altar zu helfen und die Glocken zu l&#228;uten. Und? Wenn ich jetzt an meine Kindheit zur&#252;ckdenke, dann erscheint sie mir ziemlich finster; eine Religion habe ich heute nicht. Wissen Sie, wenn ich manchmal mit meinen beiden Br&#252;dern mitten in der Kirche das Trio »Er richte sich auf« oder »Stimme des Erzengels« sang, dann haben uns alle voller R&#252;hrung angesehen und haben meine Eltern beneidet, wir dagegen f&#252;hlten uns wie kleine Katorgastr&#228;flinge.</p></blockquote>
<p>Noch als 29j&#228;hriger, im M&#228;rz 1889, schreibt er an seinen Bruder in Erinnerung an seinen Vater:</p>
<blockquote><p>Kinder sind heilig und rein. Selbst bei R&#228;ubern und Krokodilen besitzen sie den Rang von Engeln. Wir selbst k&#246;nnen in jede beliebige Grube kriechen, aber sie m&#252;ssen wir mit einer Atmosph&#228;re umgeben, die ihrem Rang geb&#252;hrt. Man darf in ihrer Gegenwart nicht ungestraft unz&#252;chtige Reden f&#252;hren, die Dienstboten beleidigen oder voll Bosheit zu Natalja Aleksandrovna sagen: »Scher dich fort zu allen Teufeln! Ich halte dich nicht zur&#252;ck! « Man darf sie nicht zum Spielzeug seiner Laune machen: sie mal z&#228;rtlich abk&#252;ssen, mal vor Wut mit F&#252;&#223;en treten. Besser gar nicht lieben, als mit der Liebe eines Despoten lieben&#8230; Ich bitte Dich, Dich daran zu erinnern, dass Despotismus und L&#252;ge die Jugend deiner Mutter zugrunde gerichtet haben. Despotismus und L&#252;ge haben unsere Kindheit derma&#223;en verg&#228;llt, dass einem schlecht wird und man Angst hat, sich daran zu erinnern. Erinnere Dich an das Entsetzen und den Ekel, den wir empfanden, wenn Vater damals beim Essen einen Aufstand machte wegen einer versalzenen Suppe oder Mutter eine dumme Kuh nannte. Vater kann sich das heute noch nicht verzeihen.</p></blockquote>
<p>Und zur selben Zeit schreibt er an seinen Schriftstellerkollegen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wladimir+tichonow">Wladimir Alexejewitsch Tichonow</a> (*1857, †1914): </p>
<blockquote><p>Danke f&#252;r das freundliche Wort und die warme Anteilnahme. Ich bin als Kind so wenig gestreichelt worden, dass ich jetzt, wo ich erwachsen bin, Freundlichkeiten als etwas Ungewohntes, nur selten Erlebtes aufnehme.</p></blockquote>
<p>Dem scheint zun&#228;chst entgegenzustehen, was Tschechow als 17j&#228;hriger &#252;ber seine Eltern geschrieben hatte:</p>
<blockquote><p>Vater und Mutter sind f&#252;r mich die einzigen Menschen auf dem ganzen Erdball, f&#252;r die mir nie etwas zu schade ist. Wenn ich einmal hoch stehen werde, so ist dies das Werk ihrer H&#228;nde, sie sind pr&#228;chtige Menschen, und allein ihre grenzenlose Kinderliebe stellt sie &#252;ber jedes Lob, schlie&#223;t in sich alle ihre M&#228;ngel ein, die sich bei schlechtem Leben einstellen k&#246;nnen bereitet ihnen einen sanften und weichen Weg, an den sie glauben und auf den sie so hoffen wie wenige.</p></blockquote>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Familie_1874.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Familie%201874.jpg" width="190" height="138" alt="" title="" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Familie Tschechow im Jahr 1874</small></div>
<p>Letzteres schrieb er jedoch unter dem Eindruck des Auseinanderfallens der Familie nach dem Bankrott seines Vaters und wohl zum ersten Mal mit dem Gef&#252;hl von Einsamkeit, von Alleinsein. Erst nach und nach erkannte er, was die Ereignisse seiner Kindheit mit ihm gemacht hatten, welche Engramme zur&#252;ckgeblieben und wie pr&#228;gend sie f&#252;r sein weiteres Leben waren. Es entspricht ganz seiner Wesensart, dass er seinem Vater nicht zeit seines Lebens gez&#252;rnt hat oder gar nichts von ihm wissen h&#228;tte wollen – im Gegenteil: Er hat seinen Vater sp&#228;ter liebevoll gepflegt, er hat ihm – wiederum die Pr&#228;gungen seines Vaters erkennend – verziehen und dabei doch die bei sich angerichteten Sch&#228;den gesehen. Und im Brief an seinen Bruder 1889 lautet ja auch der letzte Satz: <em>„Vater kann sich das heute noch nicht verzeihen.“</em> Also hatte sich wohl auch Tschechows Vater ge&#228;ndert.</p>
<p>Als Pr&#228;gung aus seiner Kinderzeit mitgenommen hat Tschechow sicher den Hass gegen jede Gewalt, gegen die Despotie, gegen die L&#252;ge (immer und immer wieder wettert er dagegen!), seine Vorbehalte, seine Ambivalenz gegen&#252;ber der Kirche und… die Angst vor der Liebe – vor der Verletzbarkeit in der Liebe. Von Letzterem kommt sicher sein ironisches Verhalten in entsprechenden Situationen; auch in Erz&#228;hlungen kommt es zum Ausdruck. Denn Verletzungen, die durch die Zur&#252;ckweisung kindlicher Liebe entstehen, sind – zumal man als Kind nicht wei&#223;, woher die Ablehnung kommt – besonders schmerzlich und pr&#228;gend f&#252;rs Leben; da kann man sich sp&#228;ter hundert Mal rational erkl&#228;ren, warum der Vater einst nicht anders konnte.</p>
<p>Die schon oben erw&#228;hnte Erz&#228;hlung <em>Eine langweilige Geschichte</em> – Tschechow hat sie 1889, also als 29j&#228;hriger geschrieben! – tr&#228;gt den Untertitel <em>Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes</em> und – was ganz wichtig ist – den Arbeitstitel <em><strong>Mein Name und ich</strong></em>: Es geht darin um einen 62j&#228;hrigen Professor, eine Koryph&#228;e, </p>
<blockquote><p>[…] den verdienten Professor Nikolaj Stepanovi&#269; Soundso; er ist Geheimrat und Ritter so vieler russischer und ausl&#228;ndischer Orden, dass die Studenten ihn »Ikonenwand« nennen, wenn er die Orden einmal anlegen muss. Sein Bekanntenkreis ist der allervornehmste; zumindest hat es in den letzten f&#252;nfundzwanzig bis drei&#223;ig Jahren in Russland keinen ber&#252;hmten Gelehrten gegeben, mit dem er nicht gut bekannt gewesen w&#228;re. Heutzutage ist er mit niemandem mehr befreundet, [ …] </p></blockquote>
<p>er wei&#223;, dass er in etwa einem halben Jahr sterben wird, und erkennt, dass sein ganzes Leben nutzlos, sinnlos war. Kalt betrachtet er sein monotones Leben und seine Vergangenheit – so kalt, als ob ein Fremder auf sein Leben blicken w&#252;rde:</p>
<blockquote><p>Ungl&#252;cklicherweise bin ich kein Philosoph und kein Theologe. Ich wei&#223; sehr wohl, dass ich nicht mehr l&#228;nger als ein halbes Jahr zu leben habe; man sollte meinen, nun m&#252;ssten mich in erster Linie die Fragen nach dem Dunkel des Jenseits und nach den Erscheinungen besch&#228;ftigen, die mich in meinem Todesschlaf heimsuchen werden. Aber meine Seele will von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand ihre Wichtigkeit erkennt. Wie vor zwanzig, drei&#223;ig Jahren, so interessiert mich auch jetzt, an der Schwelle des Todes, allein die Wissenschaft. Noch wenn ich meinen letzten Atemzug tue, werde ich glauben, dass die Wissenschaft das Wichtigste, Sch&#246;nste und Notwendigste im Leben des Menschen ist, dass sie immer die h&#246;chste Offenbarung der Liebe war und sein wird und dass nur durch sie allein der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser Glaube ist vielleicht naiv und im Grunde ungerecht, aber es ist nicht meine Schuld, dass mein Glaube so und nicht anders ist; ich vermag diesen Glauben nicht zu &#252;berwinden.</p></blockquote>
<p>Die Handlung der Erz&#228;hlung ist tats&#228;chlich langweilig, sie folgt haupts&#228;chlich dem Denken des Professors, der hin und wieder schon fast lakonisch anmerkt, dass er bald sterben werde; und die Geschichte endet auch trostlos:</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Langweilige_Geschichte.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Langweilige%20Geschichte.jpg" width="107" height="190" alt="" title="" /></a></div>
<blockquote><p>Katja <span style="font-style: normal !important;">[seine schon erwachsene Pflegetochter, hmw]</span> steht auf und reicht mir, kalt l&#228;chelnd und ohne mich anzusehen, die Hand. Ich m&#246;chte sie fragen: Du wirst also nicht auf meiner Beerdigung sein? Aber sie sieht mich nicht an, ihre Hand ist kalt und kommt mir ganz fremd vor. Schweigend begleite ich sie zur T&#252;r &#8230; Da ist sie von mir gegangen, sie schreitet durch den langen Korridor und schaut sich nicht um. Sie wei&#223;, dass ich ihr nachblicke, wahrscheinlich wird sie sich an der Ecke umdrehen.<br />
Nein, sie hat sich nicht umgedreht. Ihr schwarzes Kleid leuchtet zum letzten Mal auf, ihre Schritte verhallen &#8230; Leb wohl, mein Schatz!</p></blockquote>
<p>Ruhig und nachdenklich gelesen (also ohne auf den Plot zu warten), ist <em>Eine langweilige Geschichte</em> jedoch von einer solch ersch&#252;tternden Brisanz, dass man am Ende nur ganz betroffen schweigen kann – vielleicht gar mit Tr&#228;nen in den Augen. Hier hat der junge Tschechow aus der Sicht und mit der Lebensweisheit eines alten, im Sterben liegenden Mannes viele seiner &#220;berzeugungen niedergeschrieben. Der Schriftsteller und sp&#228;tere Literatur-Nobelpreistr&#228;ger (1933) <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+bunin">Iwan Bunin</a> (*1870, †1953), Tschechow ab 1895 freundschaftlich verbunden, wird sp&#228;ter verbl&#252;fft ausrufen: <em>„Wie konnte er, noch keine 30, die »Langweilige Geschichte« schreiben?“</em></p>
<p>Diese Frage wird man sich bei vielem, was Tschechow geschrieben hat, stellen m&#252;ssen.<br />
Nat&#252;rlich war er ein au&#223;ergew&#246;hnliches literarisches Talent. Aber das erkl&#228;rt nicht die Lebensweisheit, die er besa&#223; und die manche Menschen erst besitzen, wenn sie 20 bis 30 Jahre &#228;lter sind als er (und viele nie erreichen). Um die Erkenntnisse &#252;ber den Menschen und seine Welt gewinnen zu k&#246;nnen, die Tschechow schon so fr&#252;h gewann, bedarf es der F&#228;higkeit, Wesentliches vom Vordergr&#252;ndigen zu trennen, was oftmals erst gelingt, wenn man das Leben aus einigem Abstand betrachten kann, also dann, wenn man das Leben eigentlich schon fast hinter sich hat und aus den gewonnen Erfahrungen die Schl&#252;sse ziehen kann – eine lange Phase des Denkens und Erfahrens geht dem voraus (nicht umsonst ist Tschechows Protagonist ein alternder Professor!). Und man muss von der Wichtigkeit dieser &#220;berlegungen &#252;berzeugt sein, was im Allgemeinen erst der Fall ist, wenn das Leben gelebt ist und sich die Frage nach dem Danach aufdr&#228;ngt. Erst dann kann man die Nichtigkeit vieler allt&#228;glicher Geschehnisse erkennen. Wie aber soll ein 30- bis 40j&#228;hriger Mensch dazu in der Lage sein? fragt Bunin richtig. F&#252;r welchen jungen Menschen k&#246;nnen diese „Endzeitgedanken“ wichtig sein? </p>
<p>Mit dieser Fr&#252;hreife im positiven Sinn des Wortes behandelt Tschechow alle seine Themen – ohne dass es immer Endzeitgedanken sein<br />
m&#252;ssen –, damit durchdringt er den Menschen und das Menschsein, um aus seinen Erkenntnissen handelnde Personen in seinen Werken zu machen.</p>
<p><strong>Anton Tschechow starb 1904</strong>, mit 44 Jahren, an Tuberkulose, im Volksmund auch Schwindsucht genannt. Seine Krankheitsgeschichte begann 1875 mit einer Bauchfellentz&#252;ndung, in deren Folge er an chronischem Darmkatarrh und Gef&#228;&#223;erweiterung (H&#228;morrhoiden) litt. Im Dezember 1884 schreibt er zum ersten Mal von Lungenblutungen:</p>
<blockquote><p>Heute ist bereits der dritte Tag, dass mir – es passt wie die Faust aufs Auge – Blut aus der Kehle flie&#223;t. Dieser Blutfluss hindert mich am Schreiben, hindert mich daran, nach Piter zu fahren&#8230; &#220;berhaupt – ergebensten Dank, das hatte ich nicht erwartet! Drei Tage habe ich keine wei&#223;e Spucke mehr gesehen, und wann mir die Medikamente, mit denen meine Kollegen mich vollstopfen, helfen werden, kann ich nicht sagen. Der Allgemeinzustand ist befriedigend&#8230; Die Ursache ist wahrscheinlich ein geplatztes Gef&#228;&#223;.</p></blockquote>
<p>Von diesem Zeitpunkt an durchlebte Tschechow immer wieder Perioden, in denen er Blut hustete – mal in k&#252;rzeren, mal in l&#228;ngeren Abst&#228;nden, ein typisches Symptom der Lungentuberkulose.<br />
Im April 1887 schrieb er zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>Ich habe einige Krankheiten, die &#252;beraus unangenehm sind und mir buchst&#228;blich das Dasein vergiften: 1) H&#228;morrhoiden mit Kratzen und Jucken, 2) Darmkatarrh, der durch nichts zu bezwingen und, wahrscheinlich, durch die Qualit&#228;t des hiesigen Wassers bedingt ist, 3) Bronchitis mit Husten und, endlich 4) eine Venenentz&#252;ndung am linken Bein – eine Krankheit, die mich in Taganrog zur&#252;ckgehalten hat.</p></blockquote>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow_1903_gr.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Tschechow%201903.jpg" width="130" height="190" alt="" title="" /></a><br /><small>Anton Tschechow 1903</small></div>
<p>Was Tschechow hier schildert sind die klassischen Symptome einer Organtuberkulose (Tuberkulosebazillen k&#246;nnen nicht nur die Lunge, sie k&#246;nnen alle Organe befallen). Und mit denen k&#228;mpft er bis zu seinem Lebensende weiter; die Anf&#228;lle kommen in immer k&#252;rzeren Abst&#228;nden und werden immer schwerer.<br />
Seit 1884 war Tschechow Arzt und behandelte auch F&#228;lle von Schwindsucht, seine Krankheit bagatellisierte er jedoch vor allem gegen&#252;ber anderen so lange es ging – was er 1897 seinem Bruder Alexander und dem Arzt M. N. Maslov eingestand. Sicher wollte er die Wahrheit anfangs selbst nicht wahrhaben, aber er war Arzt und die Tuberkulosebazillen waren 1882 von Robert Koch entdeckt und nachgewiesen worden, was er ganz bestimmt gewusst hat. Von seinen Kollegen wollte er sich (vielleicht eben deshalb) besonders am Anfang nicht untersuchen lassen: </p>
<blockquote><p>Ich habe Angst, mich einer Untersuchung durch meine Kollegen zu unterziehen … Pl&#246;tzlich entdecken die etwas wie ein verl&#228;ngertes Aushauchen oder eine D&#228;mpfung! [ … ]</p></blockquote>
<p>schrieb er im M&#228;rz 1886 an den Schriftsteller <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lejkin">N. A. Lejkin</a> (*1841, †1906). Er wusste im Innersten ganz genau, um was es ging. Erst im Jahr 1897 wurde er seinen N&#228;chsten gegen&#252;ber offener. Zu seinem Verleger Suworin sagte er im M&#228;rz nach einem heftigen Blutsturz:</p>
<blockquote><p>Um die Patienten zu beruhigen, sagen wir bei Husten, er komme aus dem Magen, bei Blutfluss, er sei h&#228;morrhoidal. Aber es gibt keinen Husten, der aus dem Magen kommt, und Blutfluss kommt eindeutig aus den Lungen. Bei mir flie&#223;t das Blut aus der rechten Lunge, wie bei meinem Bruder und einer anderen Verwandten, die ebenfalls an Schwindsucht gestorben ist. </p></blockquote>
<p>Und im Januar 1901 sagt er zu einem Bekannten: </p>
<blockquote><p>Es f&#228;llt mir schwer, mich dem Gedanken an eine l&#228;nger w&#228;hrende Arbeit hinzugeben. Als Arzt wei&#223; ich, dass mein Leben kurz sein wird.</p></blockquote>
<p>Der Dramatiker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=teleschow+nikolai">Nikolai D. Teleschow</a> (*1867, †1957) berichtet von einem Besuch bei Tschechow am 2. Juni 1904, wenige Tage bevor er nach Badenweiler zur Kur fuhr:</p>
<blockquote><p>Und er streckt mir seine schwache, w&#228;chserne Hand entgegen, die schrecklich anzusehen war, schaut mich mit seinen liebevollen, aber nicht mehr l&#228;chelnden Augen an und sagt: ›Morgen fahre ich. Leben Sie wohl. Ich fahre, um zu sterben.‹ Er sagte ein anderes, nicht dieses Wort, ein grausameres als ›sterben‹, das ich hier nicht wiederholen m&#246;chte.</p></blockquote>
<p>Am 15. Juli <sup>greg.</sup> 1904 morgens um 3 Uhr starb Anton Tschechow mit den Worten <em>„Ich sterbe“</em> in Badenweiler.</p>
<p>Auch zu der Zeit, als er seine Krankheit noch nicht wahrhaben wollte und zu jener, als er die Diagnose sicher schon gestellt hatte, sie aber vor seiner Umgebung bagatellisierte, lie&#223; sich Tschechow von seiner Krankheit nicht dominieren – so, wie er sich nie von etwas dominieren hatte lassen. Aber zwangsl&#228;ufig besch&#228;ftigte ihn das Sterben und so ist es auch in vielen seiner Erz&#228;hlungen ein Thema.<br />
Fragen, die sich normalerweise erst viel &#228;ltere Menschen stellen, stellten sich Tschechow schon als jungem Mann. Und es zeugt von seiner Gr&#246;&#223;e, dass er sich diesen Fragen gestellt hat.</p>
<p><small><strong>Dieser Artikel hat sich fast ausschlie&#223;lich mit der Person Anton Tschechow befasst. Erg&#228;nzend finden Sie <a href="http://blog.zvab.com/wp-content/tschechow_werkuebersicht.pdf">hier eine &#220;bersicht</a> &#252;ber die wichtigsten Werke im PDF-Format.</strong></small></p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur</h3>
<p>Auzinger, Helene: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=auzinger&#038;title=tschechow+dichter+russlands"><strong>Anton Tschechow – Ru&#223;lands heiter-melan- cholischer Dichter</strong></a>, Deutsche<br />
	Gesellschaft f&#252;r Osteuropakunde (1960)<br />
Eliasberg, Alexander: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+einzelportraets"><strong>Russische Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts </strong></a>(1922)<br />
Figes, Orlando: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=figes&#038;title=nataschas+tanz"><strong>Nataschas Tanz – Eine Kulturgeschichte Russlands</strong></a> (2003)<br />
Jermilow, W.: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=jermilow&#038;title=tschechow"><strong>Tschechow</strong></a> (1951)<br />
Kropotkin, Pëtr: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=ideale+wirklichkeit+russischen+literatur"><strong>Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur </strong></a>(2003)<br />
Lauer, Reinhard: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+literatur+gegenwart"><strong>Geschichte der russischen Literatur –<br />
von 1700 bis zur Gegenwart</strong></a> (2000)<br />
Melchinger, Siegfried: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melchinger&#038;title=tschechow"><strong>Anton Tschechow</strong></a> (1968; B&#252;hnenwerke)<br />
Schmidt, Christoph: Russische Geschichte 1547–1917 (2009)<br />
Troyat, Henry: <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=troyat&#038;title=tschechow+leben+werk">Tschechow – Leben und Werk</a> </strong>(1987)<br />
Tschechowa, Maria: <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechowa&#038;title=bruder+tschechow">Mein Bruder Anton Tschechow</a></strong> (2004)<br />
Urban, Peter: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=cechov+leben"><strong>&#268;echov – Sein Leben in Bildern</strong></a> (1987)<br />
Urban, Peter: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=cechov+chronik"><strong>&#268;echov Chronik – Daten zu Leben und Werk</strong></a> (1981)<br />
Von der Ley, Alexander: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=von+der+ley&#038;title=tschechow"><strong>Anton P. Tschechow</strong></a> – Mensch und Dichter (1960)</p>
<h3>Anton Tschechow: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, erschienen im Berliner Verlag R&#252;tten &#038; Loening:</h3>
<p>	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+erzaehlungen+band+1"><strong>Erz&#228;hlungen Band 1</strong></a> (&#220;: Johannes von Guenther, 1956)<br />
	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+erzaehlungen+band+2"><strong>Erz&#228;hlungen Band 2</strong></a> (&#220;: Johannes von Guenther, 1956)<br />
	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+romane+kleine+band+1"><strong>Kleine Romane Band 1</strong></a> (&#220;: Johannes von Guenther, 1952)<br />
	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+romane+kleine+band+2"><strong>Kleine Romane Band 2</strong></a> (&#220;: Johannes von Guenther, 1955)<br />
	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+dramen"><strong>Dramen</strong></a> (&#220;: Johannes von Guenther, 1955)<br />
	<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=gesammelte+werke+insel+sachalin"><strong>Die Insel Sachalin</strong></a> (&#220;: &#220;bersetzerkollektiv unter der Leitung von Dr. Gerhard Dick, 1960)</p>
<h3>Anton &#268;echov im Diogenes Verlag, &#252;bersetzt von Peter Urban u. a. (Auswahl):</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=fruehe+erzaehlungen+baenden"><strong>Fr&#252;he Erz&#228;hlungen in zwei B&#228;nden</strong></a><br />
	&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er und Sie – Fr&#252;he Erz&#228;hlungen 1880–1885 (Peter Urban)<br />
	&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ende gut – Fr&#252;he Erz&#228;hlungen 1886–1887 (Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=rothschilds"><strong>Rothschilds Geige – Erz&#228;hlungen 1893–1896</strong></a> (Gerhard Dick/<br />
Ada Knipper/Michael Pfeiffer/Hertha von Schulz)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=leben+fragen+ausrufen"><strong>Das Leben in Fragen und Ausrufen – Humoresken und Satiren 1880–1884</strong></a> (Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=erinnerungen+idealisten"><strong>Aus den Erinnerungen eines Idealisten – Humoresken und Satiren 1885–1892</strong></a> (Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=unnoetiger+sieg"><strong>Ein unn&#246;tiger Sieg – Fr&#252;he Novellen und kleine Romane</strong> </a><br />
(Beate Rausch/Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=langweilige+duell"><strong>Eine langweilige Geschichte / Das Duell – Kleine Romane I</strong></a><br />
(Ada Knipper/Gerhard Dick)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=krankenzimmer+unbekannten"><strong>Krankenzimmer Nr. 6 / Erz&#228;hlungen eines Unbekannten – Kleine Romane II</strong></a> (Ada Knipper/Gerhard Dick)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=drei+jahre+mein+leben"><strong>Drei Jahre / Mein Leben – Kleine Romane III</strong></a> (Ada Knipper/ Gerhard Dick /Michael Pfeiffer)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=drama+jagd+begebenheit"><strong>Das Drama auf der Jagd – Eine wahre Begebenheit</strong></a><br />
(Peter Urban)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=insel+sachalin"><strong>Die Insel Sachalin</strong></a> (Gerhard Dick)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=cechov&#038;title=gesammelte+stuecke"><strong>Gesammelte St&#252;cke</strong></a>, &#252;bersetzt und kommentiert von Peter Urban<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=cechov+leben+bildern"><strong>&#268;echov – Sein Leben in Bildern</strong></a>, herausgegeben von Peter Urban<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=urban&#038;title=cechov+chronik"><strong>&#268;echov Chronik – Daten zu Leben und Werk</strong></a> von Peter Urban</p>
<p><small>Die im Diogenes Verlag erschienenen Titel sind sowohl antiquarisch wie auch im Buchhandel erh&#228;ltlich. Ich danke dem Diogenes Verlag f&#252;r seine wohlwollende Unterst&#252;tzung.     hmw</small>
</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2010/01/29/anton-pawlowitsch-tschechowversuch-eines-portraets/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Weihnachten in einer anderen Welt – in Russland</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/12/22/weihnachten-in-einer-anderen-welt-in-russland/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/12/22/weihnachten-in-einer-anderen-welt-in-russland/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Dec 2009 11:19:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Ded Moros]]></category>
		<category><![CDATA[Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Jolka]]></category>
		<category><![CDATA[Kalender]]></category>
		<category><![CDATA[Neujahr]]></category>
		<category><![CDATA[Orthodoxie]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Tannenbaum]]></category>
		<category><![CDATA[Väterchen Frost]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachtsgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachtsmann]]></category>
		<category><![CDATA[Wietek]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=3179</guid>
		<description><![CDATA[Eine Weihnachtsgeschichte
Bogojavlenskij sobor
v Jelochove
Um 22 Uhr soll am 6. Januar 1993 die Christmette beginnen und schon jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kathedrale des russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Bogojavlenskij sobor v Jelochove, brechend voll. 3.000 Men- schen haben in ihr Platz und dennoch stehen Jung und Alt dicht gedr&#228;ngt – in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine Weihnachtsgeschichte</strong></p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Jelochovskaja_geschn.jpg" class="thickbox" title="Bogojavlenskij sobor<br />
v Jelochove"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Jelochovskaja%20geschn%20klein.jpg" width="180" height="170" alt="" title="" /></a><br /><small>Bogojavlenskij sobor<br />
v Jelochove</small></div>
<p>Um 22 Uhr soll am 6. Januar 1993 die Christmette beginnen und schon jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kathedrale des russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Bogojavlenskij sobor v Jelochove, brechend voll. 3.000 Men- schen haben in ihr Platz und dennoch stehen Jung und Alt dicht gedr&#228;ngt – in den russisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine B&#228;nke und St&#252;hle – und viele werden au&#223;erdem die ganzen vier Stunden drau&#223;en vor den weit ge&#246;ffneten Toren in Schnee und K&#228;lte ausharren m&#252;ssen.<span id="more-3179"></span></p>
<p>Ein monotoner Wechselgesang von Frauenstimmen empf&#228;ngt uns schon am Eingang. Mein Freund Nikolai – er ist Operns&#228;ger (tiefster russischer Bass), und auch alle anderen Chormitglieder sind Profis&#228;nger – f&#252;hrt uns auf eine Seitenempore. Der Chor, bestehend aus etwa 50 bis 60 S&#228;ngern und S&#228;ngerinnen, ist auf die beiden Seitenemporen aufgeteilt, von wo die Gruppen abwechselnd singen werden, jede ungef&#228;hr 20 Minuten lang, immer im Wechsel, bis zum Schluss. Der gesamte Gottesdienst ist ein ununterbrochener Wechselgesang zwischen den Geistlichen – dem zelebrierenden Priester und zwei Diakonen – und dem Chor.</p>
<p>Jetzt wird mir erst bewusst, dass es in russisch-orthodoxen Kirchen keine Orgel gibt. Auf meine Nachfrage wird mir erkl&#228;rt, dass die Ges&#228;nge keine Ausschm&#252;ckungen des Gottesdienstes seien, sondern feste Bestandteile der Liturgie, d. h. sie tragen f&#252;r den Gottesdienst fest vorgeschriebene Hymnen und Texte vor; sie seien „gesungenes Wort“. Instrumentalmusik dagegen sei wortlose Musik, und wortlos k&#246;nne man weder gemeinsam beten, noch die Lehre Gottes verk&#252;nden.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Ikonostase.jpg" class="thickbox" title=""><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Ikonostase%20neu%20klein.jpg" width="164" height="240" alt="" title="Teilansicht der Ikonostase in der sobor v Jelochove" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Teilansicht der Ikonostase<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;in der sobor v Jelochove</small></div>
<p>Ich gehe zu den wenigen Auserw&#228;hlten auf die Mittelempore. Der gesamte Raum, alles in der Kirche, ist ausgerichtet auf eine Seite, auf die Ikonenwand: eine unvorstell- bare Pracht in Gold und Edelsteinen. Viele Ikonen – die russischen Heiligenbilder – sind, kunstvoll in Gold und Silber eingefasst, &#252;ber diese Wand verteilt, so dass es aussieht, als ob diese Wand nur aus Ikonen best&#252;nde. In der Mitte der Wand ist ein gro&#223;es zweifl&#252;gliges Tor aus Gold, das K&#246;nigstor, das nur w&#228;hrend des Hauptteils des Gottesdienstes ge&#246;ffnet wird und hinter dem sich der eigentliche Altarraum befindet. Gegen&#252;ber dem K&#246;nigstor, im Mittelgang, steht der ebenfalls aus Gold, Silber und Edelsteinen gefertigte Thron des Patriarchen. Zu beiden Seiten des Tores stehen besonders gro&#223;e Ikonen und Reliquienschreine hinter Glas; auch sie sind von Gold und Edelsteinen eingerahmt. Der Glanz dieser Ikonenwand ist von atemberaubender, fast &#252;berirdischer Sch&#246;nheit – von einer Pracht, die aus den M&#228;rchen von Tausendundeiner Nacht zu kommen scheint.</p>
<p>Vor der Wand stehen wie auch an vielen anderen Stellen in der Kirche goldene, etwa mannshohe schlanke St&#228;nder, die doppelst&#246;ckig angeordnete gro&#223;e Scheiben tragen (und daher den fr&#252;her gebr&#228;uchlichen – ich bitte f&#252;r diesen profanen Vergleich um Entschuldigung – zweist&#246;ckigen Tortenplatten &#228;hnlich sind), auf denen Kr&#228;nze von d&#252;nnen, langen Bienenwachskerzen mit unverwechselbarem aromatischen Duft spratzend und knisternd brennen.<br />
&#220;ber allem, in der Mitte des Raumes, h&#228;ngt ein weit ausladender, ebenfalls goldener L&#252;ster mit unz&#228;hligen Lichtern.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/2_C8P0111.jpg" class="thickbox"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/2_C8P0111.JPG" width="210" height="140" alt="" title="" /></a></div>
<p>Obwohl die Gl&#228;ubigen schon ununterbrochen betend singen, wird &#252;berall noch flei&#223;ig poliert; schwarz gekleidete Frauen mit T&#252;chern auf dem Kopf – in der russisch-orthodoxen Kirche m&#252;ssen Frauen den Kopf bedecken – laufen unentwegt hin und her, polieren hier, wischen dort und nehmen von den Gl&#228;ubigen diese d&#252;nnen, langen Kerzen entgegen, die dann auf einen der gro&#223;en Kerzenst&#228;nder gesteckt werden (wof&#252;r andere wieder weggenommen werden); sie kommandieren auch die Leute hierhin, dorthin, werfen M&#228;ntel, H&#252;te oder Schals, die unerlaubt auf einem Gitter oder der Abtrennung zur Ikonenwand abgelegt sind, herunter – sie erinnern mich unwillk&#252;rlich an die Erinnyen, die Racheg&#246;ttinnen in der griechischen Mythologie. Bei alledem schlagen sie vor jeder der gro&#223;en Ikonen, an denen sie vorbeikommen, das russisch-orthodoxe Kreuz und verbeugen sich tief, und da es viele Ikonen sind, bekreuzigen und verbeugen sie sich unentwegt. Vor den ganz gro&#223;en Ikonen und Reliquienschreinen bleiben sie immer wieder stehen und k&#252;ssen die sie abdeckende Glasscheibe, die dann von der n&#228;chsten „Erinnye“, die vorbeikommt, sofort wieder geputzt wird.<br />
Zwei Priester in goldenen, weiten Gew&#228;ndern stehen in der Menge, und unabl&#228;ssig dr&#228;ngen Gl&#228;ubige zu ihnen; dann sprechen Priester und Gl&#228;ubiger miteinander, wobei beide manchmal mit den K&#246;pfen unter dem Umhang des Priesters verschwinden, den dieser &#252;ber sich und den wohl Beichtenden legt. Danach k&#252;ssen die Gl&#228;ubigen das Kreuz, das der Priester auf seiner Brust tr&#228;gt, bekreuzigen sich vielmals und verschwinden wieder in der Menge.</p>
<p>&#220;ber allem schwebt dieser endlose monotone Wechselgesang der Frauen; eine unwirkliche Stimmung.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/3C8P8802_2.jpg" class="thickbox"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/3C8P8802.jpg" width="210" height="141" alt="" title="" /></a></div>
<p>Der Glanz, der Gesang, der Duft der vielen brennenden Kerzen und das Treiben der „Erinnyen“ lassen mich alles andere vergessen und zu einem Teil des Geschehens werden. Gespannt sind alle meine Sinne nur noch auf das gerichtet, was da unten geschieht und was da noch kommen soll; ich empfinde keine Zeit mehr. Ich stehe ganz vorn an der Br&#252;stung auf der Mittelempore, genau gegen&#252;ber dem goldenen Tor und bin Teil eines &#252;berirdischen Fluidums; ich entgleite mir langsam selbst. Ich versuche, mich gegen den ewig gleichen monotonen Singsang zu wehren, der mich wegtragen will, der mich benebelt, in Watte einh&#252;llt; ja, ich versuche mich sogar &#252;ber das „rosenkranzgleiche Geleier&#8221; zu &#228;rgern – es gelingt mir nicht.</p>
<p>Endlich verstummt das monotone Grundrauschen und der gro&#223;e Moment ist gekommen: Der Patriarch, die russisch-orthodoxen Metropoliten und Erzbisch&#246;fe und Bisch&#246;fe aus der ganzen Welt halten Einzug.<br />
Alle tragen prunkvolle goldene und reich bestickte Gew&#228;nder, kostbare Kreuze aus Gold und Edelsteinen auf der Brust und H&#252;te (oder sind es Kronen oder Mitras, Mitren?). Alle tragen gewaltige, meist graue B&#228;rte; langsam und w&#252;rdevoll ziehen sie in die Kathedrale ein, schreiten auf die Ikonenwand zu. Einer von ihnen singt mit gewaltiger, tiefer Bassstimme; ein Chor setzt ein, es beginnt ein Wechselgesang.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Weihnacht.jpg" class="thickbox"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/2_MG_9595%20Weihnacht%20a.JPG" width="200" height="164" alt="" title="" /></a></div>
<p>Erst einmal muss alles und jeder geheiligt werden: die Ikonen, die Ikonenwand, das Buch, der der aus dem Buch „liest“, nat&#252;rlich der Patriarch und die Metropoliten und Bisch&#246;fe, einfach alles muss f&#252;r die kommende Feier mit Weihrauch gereinigt und vorbereitet werden. Dabei ist man nicht sparsam, wahre Schwaden von Weihrauch vernebeln beinahe die Sicht – und meinen Kopf. Dann wird eine Lesung nach der anderen vorgetragen, einmal in t&#246;nendem Bass, dann im strahlenden Tenor, immer von einem Diakon oder Archidiakon; der Chor antwortet, und immer wieder wird dem Patriarchen das Buch gebracht, er segnet, seine Hand wird gek&#252;sst, Kerzen werden gebracht, manchmal in Kreuzform gehalten und herumgetragen und immer wieder Weihrauch, Weihrauch, Weihrauch.</p>
<p>W&#228;hrend das alles unter mir geschieht, habe ich hinter mir an der Wand einen kleinen Vorsprung entdeckt, auf den ich mich setzen und nachdenken kann.</p>
<p>Wie kommt dieser eigenartige, nur dem russischen Gesang eigene Klang von S&#228;ngerstimmen und Ch&#246;ren zustande? Die B&#228;sse dr&#246;hnen in Tiefen, dass man meint, die S&#228;nger s&#228;ngen im Kontrabass, die Ten&#246;re strahlen in H&#246;hen, in denen sie den Stimmlagen von Frauen nahe kommen, und die Frauenstimmen im Chor haben einen fast schneidenden Klang.<br />
Jeder S&#228;nger lernt bei uns, er (oder sie) m&#252;sse auf eine gute Mischung aus Kopf- und Bruststimme achten, d. h. der Resonanzraum der T&#246;ne sollten Kopf <u>und</u> Brust sein. Russische B&#228;sse benutzen bevorzugt den Resonanzraum Brust (das kann man lernen); das f&#252;hrt zu so volumenreichen T&#246;nen, dass Tischplatten vibrieren (man kann es tats&#228;chlich mit der Hand sp&#252;ren); Ten&#246;re verst&#228;rken den Resonanzraum Kopf – bis hin zum Countertenor, dessen Stimme von einer Frauenstimme nicht mehr zu unterscheiden ist; Frauen, die in den h&#246;chsten T&#246;nen mit reiner Kopfstimme singen, k&#246;nnen so hohe T&#246;ne „produzieren“, dass Gl&#228;ser zerspringen – wie die Callas gezeigt hat. In russischen Ch&#246;ren singen die Frauenstimmen zudem h&#228;ufig zeitgleich die gleiche Melodie, aber in unterschiedlichen Tonlagen, was f&#252;r uns ungewohnt ist und seltsam klingt. Das ist das Geheimnis dieses eigenartigen, viele Menschen in den Bann ziehenden Klanges.</p>
<p>Etwas erholt wende ich mich wieder dem Geschehen zu. Erstaunt stelle ich fest, dass Jelzin (mit verschiedenen Ministern) nun sehr weit vorn an der Ikonenwand steht. Wie sich die Zeiten &#228;ndern; das hat dem vormaligen Herrn Parteisekret&#228;r und heutigen Pr&#228;sidenten sicher niemand an der Wiege gesungen. </p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/2Jan-6-7-118 Weihnacht_a.jpg" class="thickbox" title=""><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/2Jan-6-7-118 Weihnacht_a.jpg" width="200" height="133" alt="" title="" /></a></div>
<p>Inzwischen ist das K&#246;nigstor ge&#246;ffnet worden und der Patriarch und seine Konzelebranten sind im Altarraum um den Altartisch versammelt: Die Kommunion wird vorbereitet und von den Priestern eingenommen, dann werden Brot und Wein an die Gl&#228;ubigen ausgeteilt, alles begleitet von den Ges&#228;ngen des Chores, der die Liturgie des Heiligen Basilius des Gro&#223;en (*330, †379) singt.</p>
<p>Nach wie vor bin ich vom Glanz, dem Gesang, der ganzen Atmosph&#228;re beeindruckt – und auch von der Standfestigkeit der Menschen, denn es geht jetzt in die vierte Stunde – aber langsam ist mein Vorrat an Gef&#252;hlen aufgebraucht, staunend verfolge ich das Geschehen, ich bin nur noch benommen, leer, zufrieden … und gl&#252;cklich. </p>
<p>Und als sich dann nach &#252;ber vier Stunden die Menschen im verschneiten Moskau die Worte<br />
<strong>Christos raždaetsja – slavte </strong>(Christus ist geboren – verehrt ihn) oder<br />
<strong>S raždestvom christovym</strong> (Frohe christliche Weihnachten)<br />
zurufen, bin ich bei aller Heiligkeit der Ereignisse nun doch recht froh, in absehbarer Zeit etwas zum Essen und vor allem zum Sitzen zu bekommen.</p>
<p><br class="clear" /></p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Patriarchengottesdien.jpg" class="thickbox"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Patriarchengottesdienst%20in%20der%20Erl%C3%B6serkathedrale3.jpg" width="450" height="300" alt="" title="" /></a><br /><small>Alle Fotografien vom Gottesdienst stammen von der Christmette in der Moskauer Erl&#246;serkathedrale mit Patriarch Kyrill vom 6./7. Januar 2009 (&copy; <a href="http://www.patriarchia.ru">www.patriarchia.ru</a>)</small></div>
<div style="text-align: center;">__________________</div>
<p><br class="clear" /></p>
<p><strong>Weihnachten im Wandel der Zeiten</strong></p>
<p>An dem Tag, an dem sich das oben Geschilderte in ganz Russland – von Wladiwostok bis St. Petersburg und meist nicht so prachtvoll, aber ebenso feierlich – ereignet, ziehen in Deutschland die Heiligen Drei K&#246;nige als Sternsinger durch die Stra&#223;en (und politische Parteien pr&#252;geln wortgewaltig aufeinander ein).<br />
In der russisch-orthodoxen Kirche gilt noch heute (wie bis zur Oktoberrevolution in ganz Russland) der julianische Kalender (<sup>jul.</sup>), der von Gajus Julius Caesar (*100 v. Chr., †44 v. Chr.) eingef&#252;hrt wurde. Weltweit – mit den Ausnahmen weltliches Russland (seit 1918) und T&#252;rkei (seit 1926) – gilt seit 1582 der am Sonnenjahr ausgerichtete gregorianische Kalender (<sup>greg.</sup>), den Papst Gregor XIII (*1502, †1585) durchgesetzt hat.</p>
<p>Dass das orthodoxe Russland diesen Wechsel damals nicht mitmachte, hing mit der kalendarischen Festlegung des Osterdatums zusammen: Nach der biblischen &#220;berlieferung starb Jesus am Vorabend des Hauptfestes der j&#252;dischen Pessachwoche (Karfreitag) und ist am Tag nach dem Hauptfest (Sonntag) auferstanden. Im ersten &#246;kumenischen Konzil von Nic&#228;a (325) wurde festgelegt, dass das christliche Ostern <u>nach</u> diesem j&#252;dischen Fest zu feiern sei, da ein Feiern vor dem j&#252;dischen Pessachfest nicht mit den biblischen Aussagen in Einklang zu bringen w&#228;re. Das Pessachfest findet (variabel, nach Berechnung des j&#252;dischen Kalenders) im Monat des Fr&#252;hlingsvollmondes statt; somit wurde festgelegt, dass das christliche Osterfest stets nach dem Fr&#252;hlingsvollmond, am Sonntag nach dem Pessachfest gefeiert werden w&#252;rde. Durch die gregorianische Kalenderreform liegt das Osterfest heute aber fast immer <u>vor</u> dem in der Bibel angegebenen Tag des j&#252;dischen Pessachfestes, denn der Fr&#252;hlingsanfang wurde fest auf den 21. M&#228;rz und Ostern auf den ersten Sonntag nach dem darauf folgenden Vollmond gelegt. Die Orthodoxie, in der Ostern das mit Abstand heiligste Fest ist, bestand auf der einmal &#246;kumenisch getroffenen Regelung und lehnte u. a. mit dieser Begr&#252;ndung den gregorianischen Kalender ab.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko.jpg" class="thickbox" title="Abend im Winter, Gem&#228;lde von G. P. Kondratenko"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko%2C%20G.P.%20%281854-1924%29%20Abend%20im%20Winter..JPG" width="220" height="139" alt="" title="" /></a><br /><small>Abend im Winter, Gem&#228;lde von<br />
G. P. Kondratenko</small></div>
<p>Da das julianische Jahr 11 Minuten und 14 Sekunden l&#228;nger ist als das gregorianische – d. h. das gregorianische Jahr ist eher zu Ende als das julianische, so dass das neue gregorianische auch eher beginnt –, hinkt das julianische Jahr dem gregoria- nischen kalendarisch immer mehr hinterher. Seine „Versp&#228;tung&#8221; summiert sich alle 128 Jahre auf einen ganzen Tag; bis heute sind auf diese Weise 13 Tage zusammengekommen, und ab 2100 werden es 14 sein. So kommt es, dass der 24. Dezember (Heiligabend) des nachhinkenden julianischen Kalenders der russischen Orthodoxie zur Zeit (und noch bis 2100) auf den 6. Januar des weltweit g&#252;ltigen gregorianischen Kalenders f&#228;llt.</p>
<p>Aber damit nicht genug: Zwar hat es in Russland noch nie den heute zumindest im Westen ausgelebten Kauf- und Geschenkrausch gegeben – es gab an Heiligabend Kleinigkeiten, vor allem f&#252;r die Kinder: S&#252;&#223;igkeiten und Gebasteltes, das man sich gegenseitig schenkte, denn ein Geschenke bringendes Christkind gab und gibt es dort nicht –, doch heute gibt es an Heiligabend meist gar keine Geschenke mehr. Es gibt sie an Silvester und dann bringt sie nicht der Weihnachtsmann, sondern V&#228;terchen Frost (Ded Moros, gesprochen: Died Maross) mit seiner Enkelin, dem Schneem&#228;dchen (Snegurotschka). An diesem Tag wird in Russland auch der Tannenbaum aufgestellt, der meist bis zum 14. Januar <sup>greg.</sup> stehen bleibt, denn an diesem Tag ist nach dem russisch-orthodoxen Kalender der 1. Januar <sup>jul.</sup>, sprich Neujahr.</p>
<p>Und das kam so:<br />
<strong>Wie ein kleines B&#228;umchen Geschichte machte</strong></p>
<p>Im Jahr 1700 verlegte Peter der Gro&#223;e den Jahresbeginn (Neujahr) vom bis dahin &#252;blichen 1. September auf den 1. Januar; gleichzeitig brachte er aus „Theutschen Landen“ den von Luther in den evangelischen Gegenden eingef&#252;hrten Tannenbaum mit. (In katholischen Gegenden kam der Baum &#252;brigens erst &#252;ber hundert Jahre sp&#228;ter zu Ehren, denn er war mit dem Makel behaftet, von einem Ketzer eingef&#252;hrt worden zu sein.) Es wurde nun in Russland bei Hofe und in den gehobenen Kreisen &#252;blich, an Neujahr einen Tannenbaum aufzustellen und wahrscheinlich auch zu schm&#252;cken. Nach und nach wurde das auch der Tag, an dem Bef&#246;rderungen erfolgten und Auszeichnungen und Ernennungen durch den Zaren ausgesprochen wurden, was mit Geschenken verbunden war; und so wurden an diesem Tag allgemein Geschenke &#252;blich – in den gehobenen (adeligen) Kreisen, das „niedere Volk“ und sp&#228;ter auch die Kaufmannschaft, die sehr orthodox oder sogar altgl&#228;ubig gepr&#228;gt war, nahm davon keine Notiz.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Vaeterchen_Frost.jpg" class="thickbox" title="V&#228;terchen Frost"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/V%C3%A4terchen%20Frost.jpg" width="132" height="142" alt="" title="" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;V&#228;terchen Frost</small></div>
<p>In diesem Zusammenhang – zunehmend im 19. Jahrhundert – bekam auch die g&#252;tige, gerechte M&#228;rchenfigur Ded Moros (V&#228;terchen Frost) – ein alter Mann mit gro&#223;em wei&#223;em Bart – seine neue Rolle zugewiesen: Er brachte den Kindern nun zu Neujahr Geschenke, was sicher eine Anlehnung an das deutsche Weihnachtsfest war, ebenso wie das Aufstellen des Christ- baums, das in diesen Kreisen jetzt ebenfalls Mode wurde. (Auf Gl&#252;ckwunschkarten aus dieser Zeit wird explizit auf das „Deutsche Weihnachten“ hingewiesen).</p>
<p>Im Jahr 1852 verlieh Nikolai I. dem von Peter dem Gro&#223;en eingeb&#252;rgerten Brauch des Jolkafestes die kaiserlichen Weihen (fast seine gesamte Familie und nahezu alle n&#228;chsten Anverwandten waren ja schlie&#223;lich deutschst&#228;mmig oder gar ehemalige Deutsche) und erkl&#228;rte den 1. Januar zum Jolkafesttag (Tannenbaumfest; Nikolai II. schreibt z. B. am 31. Dezember 1905 in seinem Tagebuch: &#8220;Heute 4 Uhr 30 mit den Offizieren Jolka gefeiert“). Erst sehr viel sp&#228;ter sickerte dann der Tannenbaum nach und nach als Christbaum ins Brauchtum des einfacheren Volkes ein.<br />
Das arme B&#228;umchen hatte im Russland des sp&#228;ten 19. Jahrhunderts also zwei Funktionen: Es kam als Jolka f&#252;r das weltliche Tannenbaumfest und als geheiligter Weihnachtsbaum zum Einsatz.<br />
Dann kam 1918 die Revolution.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko_winter1.jpg" class="thickbox" title=""><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko_winter1_a.jpg" width="200" height="265" alt="" title="Kondratenko, G.P. (1854-1924) Winter im Dorf" /></a><br /><small>Winter im Dorf, Gem&#228;lde von<br />G.P. Kondratenko (1854-1924)</small></div>
<p>Die neuen kommunistischen Machthaber konnten ein religi&#246;ses Hochfest wie Weihnachten nat&#252;rlich nicht dulden, denn Religion war bekanntlich „Opium f&#252;r das Volk“; folgerichtig wurde dieser Feiertag abgeschafft, er war nun ein ganz normaler Arbeitstag. Und das Jolkafest war eine verdammenswerte bourgeoise Einrichtung und wurde daher ebenfalls abgeschafft. Das Feiern mit Tannenbaum wurde unter schwere Strafe gestellt (anfangs konnte man daf&#252;r sogar erschossen werden). Das arme B&#228;umchen war damit erledigt.</p>
<p>Erst ab 1929 wurde das Aufstellen des B&#228;umchens zu Neujahr – und nur zu Neujahr – wieder geduldet – und wirklich nur geduldet, nicht gef&#246;rdert. Im Gegenteil: Es war (zumindest in Gro&#223;st&#228;dten) schwierig, ein B&#228;umchen und Schmuck zu bekommen. Sich zum Weihnachtsfest ein B&#228;umchen zu kaufen, h&#228;tte niemand gewagt, aber nun, nach der Einf&#252;hrung des gregorianischen Kalenders durch die Revolution&#228;re, lag ja das weltliche Neujahr <u>vor</u> dem orthodoxen Weihnachtsfest, also blieb das B&#228;umchen in den Familien einfach stehen und war dann eine Woche sp&#228;ter insgeheim der Weihnachtsbaum.</p>
<p>Erst im Jahr 1954 gab es im Kreml zu Neujahr wieder einen gro&#223;en Tannenbaum und den gibt es seitdem jedes Jahr. Auch wird seitdem im Kreml an diesem Tag ein Fest f&#252;r Kinder gefeiert, bei dem diese Geschenke bekommen; und auch in den Familien konnte man sich wieder gefahrlos beschenken.</p>
<p>Ein Weihnachtsmann – wie er im Westen &#252;blich geworden war – durfte diese Geschenke nat&#252;rlich nicht bringen, aber das brachte keine gro&#223;en Probleme mit sich, denn schon immer gab es ja in Russland V&#228;terchen Frost (Ded Moros), bekanntlich auch ein alter Mann mit gro&#223;em wei&#223;em Bart, der seit dem 19. Jahrhundert sogar als Geschenkbringer unterwegs war. Leider ver&#228;nderte V&#228;terchen Frost nach und nach seine urspr&#252;ngliche Gestalt und sah schlussendlich genau so aus wie der westliche Weihnachtsmann.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Syckov.jpg" class="thickbox" title="Christusverehrende Kinder, Gem&#228;lde von F. S. Syckow"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Syckov%2C%20F.S.%20%28%29Christusverehrende%20%28Kinder%20im%20Dorf%20der%20Vergangenheit%29..JPG" width="198" height="149" alt="" title="" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Christusverehrende Kinder, Gem&#228;lde<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp; von F. S. Syckow</small></div>
<p>So kommt es, dass auch heute noch zu Silvester V&#228;terchen Frost Geschen- ke unter den Jolka/Weihnachtsbaum legt oder sie pers&#246;nlich abgibt – allerdings brachte er sie fr&#252;her nur den reichen, adeligen Kindern; heute bringt er sie allen. Aus dem kleinen, zum Sterben verurteilten B&#228;umchen ist wieder ein gro&#223;er starker Tannen- baum geworden und aus V&#228;terchen Frost ein Coca-Cola-Weihnachtsmann.</p>
<p>Es ist also nicht so, wie allerorten zu lesen ist: dass die Kommunisten den Jolka zu Neujahr an Stelle des Weihnachtsbaumes eingef&#252;hrt h&#228;tten; im Gegenteil, die Bev&#246;lkerung hat sich ihren Neujahrsjolka und Weihnachtsbaum beharrlich von den Machthabern zur&#252;ck erobert.</p>
<p>Doch es geht noch weiter:<br />
<strong>Weihnachten total</strong></p>
<p>Seit Beginn der neuen Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehen immer mehr und insbesondere „Neue Russen“ dazu &#252;ber, auch das „s&#228;kularisierte&#8221; Weihnachten – wie im Westen &#252;blich – mit Geschenk- und sonstigen R&#228;uschen zu feiern. So kommt es, dass einige durchtrainierte Russen am 24. Dezember Weihnachten feiern, das weltweite Silvester und Ded Moros am 31. Dezember, als orthodoxe Christen (denn als solche sehen sich die meisten) am 6. und 7. Januar ihr Weihnachtsfest begehen und in der Nacht vom 13. zum 14. Januar das orthodoxe Neue Jahr begr&#252;&#223;en, das man das <i>Alte Neue Jahr</i> nennt.<br />
Ganz Hartgesottene feiern noch bis zum 19. Januar weiter, dem Dreik&#246;nigsfest, dem Ende der Weihnachtszeit in der Orthodoxie. Letzteres ist insofern nicht abwegig, als dass an diesem Tag auch die 12 (heidnischen) Raun&#228;chte zuende gehen, die in den St&#228;dten mit Maskenb&#228;llen und in l&#228;ndlichen Gebieten mit mehr oder weniger b&#246;sartigem Schabernack begangen werden und in etwa der westlichen Faschingszeit vergleichbar sind (weiter unten mehr).<br />
Wohl dem, der eine gesunde Konstitution hat.</p>
<p><strong>Weihnachten in der Literatur</strong></p>
<p>Unschwer ist zu erkennen, dass sich das russische Weihnachtsfest in seinem Brauchtum doch deutlich von dem in Deutschland zur Zeit der Romantik und des aufstrebenden B&#252;rgertums gewachsenen Fest unterscheidet, was nat&#252;rlich seinen Niederschlag in der Literatur gefunden hat.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Bogoljubov.jpg" class="thickbox" title="Winter, Gem&#228;lde von A. P. Bogoljubov"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Bogoljubov%2C%20A.P.%20%281824-1896%29%20Winter%20in%20Borisoglebsk.JPG" width="130" height="220" alt="" title="" /></a><br /><small>Winter, Gem&#228;lde von<br />
A. P. Bogoljubov</small></div>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+gogol">Nikolai Gogol</a> (*1802, †1852) ist wohl einer der ersten – wenn nicht gar der erste – gewesen, der explizit eine Weihnachtserz&#228;hlung geschrieben hat; sie hei&#223;t <i>Die Nacht vor Weihnachten</i> und ist eine der acht ukrainischen Erz&#228;hlungen, die unter dem Titel <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gogol&#038;title=abende+vorwerke"><em>Abende auf dem Vorwerke bei Dikanka</em> </a>(1831) zusammengefasst sind. F&#252;r westliche Leser v&#246;llig unverst&#228;ndlich, ja gar absurd: Es ist eine Teufels- und Hexen- geschichte, bei der Weihnachten allein im Titel vorkommt. Und damit ist Gogol nicht allein; immer wieder erscheinen Spuk-, Geister- und Gespenstergeschichten, die den Begriff Weihnachten nur im Titel oder Untertitel tragen oder gar nur im Text an einer fast nebens&#228;chlichen Stelle auf Weihnachten verweisen (was auch f&#252;r Weihnachtserz&#228;hlungen allgemein gilt). Nur einige wenige seien genannt: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+tschechow">Anton Tschechows</a> (*1860, †1904) <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=nacht+schrecken"><em>Die Nacht der Schrecken</em></a>. und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow&#038;title=wanka">Wanka</a></em>. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+leskow">Nikolai Leskow</a> (*1831, †1895) nennt seine Erz&#228;hlungen richtiger <em>„Weihnachtszeiterz&#228;hlungen“</em> und definiert sie in seiner Erz&#228;hlung <em>Das Perlenhalsband</em> (1885) so: </p>
<p><i>Von einer Weihnachtszeiterz&#228;hlung verlangt man, dass sie an Ereignissen eines Abends zwischen Weihnacht und Dreik&#246;nigstag gebunden sei, dass sie etwas fantastisch sei, irgendeine Moral, w&#228;re es auch nur die Widerlegung eines Vorurteils, in sich trage und schlie&#223;lich – dass sie unbedingt lustig ende.</i></p>
<p>An diesen Worten wird deutlich, dass viele russische Weihnachtserz&#228;hlungen mit der westlichen Vorstellung von einer Weihnachtserz&#228;hlung nur wenig zu tun haben. Hintergrund sind die schon oben erw&#228;hnten Raun&#228;chte, die an Heiligabend beginnen und mit dem Dreik&#246;nigstag enden. Nicht nur in Russland, auch in Westeuropa haben bzw. hatten bei der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung diese zw&#246;lf N&#228;chte magische Bedeutung. In ihnen trieben sich der Teufel, Hexen und Gespenster herum und versuchten, den Menschen zu schaden; St&#228;lle und H&#228;user mussten daher mit Weihrauch gesch&#252;tzt werden.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko_winter2.jpg" class="thickbox" title=""><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Kondratenko_winter2_a.jpg" width="200" height="143" alt="" title="Kondratenko, G.P. (1854-1924) Winter im Dorf" /></a><br /><small>Winter im Dorf, Gem&#228;lde von<br />G.P. Kondratenko (1854-1924)<br />
</small></div>
<p>(Andererseits waren in dieser Zeit besonderer Magie auch Wetter- und Erntevoraussagen f&#252;r das kommende Jahr m&#246;glich.) Grundlage f&#252;r diese Vorstellung war die unterschiedliche L&#228;nge von Mond- und Sonnenjahr: Das Mondjahr umfasst nur 354, das Sonnenjahr bekanntlich 365 Tage; das ergibt eine Differenz von 11 Tagen respektive 12 N&#228;chten. Dies sind Tage und N&#228;chte, die eigentlich nirgendwo so richtig hingeh&#246;rten, nicht ins alte, nicht ins neue Jahr (auch bei uns hei&#223;t noch heute die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr die Zeit „zwischen den Jahren“): Es waren verlorene Tage; das nutzte das B&#246;se aus, es hatte jetzt viel mehr Macht als im &#252;brigen Jahr. Die gef&#228;hrlichsten N&#228;chte waren Heiligabend, Silvester und die Nacht vor Dreik&#246;nig. Auf diese heidnischen Br&#228;uche im Detail einzugehen, ist hier nicht der Ort; nur soviel ist wichtig: Daraus entwickelten sich, ausgehend von der schon von Haus aus recht emotionalen Ukraine, besonders in b&#228;uerlichen Gebieten die Traditionen der Maskenumz&#252;ge (die es auch in Westeuropa gab) und des wilden, manchmal schon gef&#228;hrlichen „Schabernacks“. Bei den gehobenen Schichten wurde mit Maskenb&#228;llen, Kartenlesen und anderen „Gepflogenheiten“ der russische „Fasching“ daraus.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Savrasov.jpg" class="thickbox" title="Winterlicher Abend, Gem&#228;lde von A. K. Savrasov"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Savrasov%2C%20A.K.%20%281830-1897%29%20Winterlicher%20Abend.JPG" width="200" height="134" alt="" title="" /></a><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Winterlicher Abend, Gem&#228;lde von<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;A. K. Savrasov</small></div>
<p>Es gibt verschiedene Beispiele f&#252;r Schilderungen der Raun&#228;chtebr&#228;uche. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Lew Tolstoi </a>(*1828, †1910) hat z. B. in <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=krieg+frieden">Krieg und Frieden</a></em> die Episode <em>Die Vermummte aus Otradnoje</em> geschrie- ben, die in der Weihnachtszeit auf einem russischen Gut spielt. Und auch <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+gontscharow">Iwan Gontscharow</a> (*1812, †1891) besch&#228;ftigt sich in <em>Das Weihnachtsfest </em>(1875) in: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow&#038;title=monat+petersburg+mai">Ein Monat Mai in Petersburg. Erz&#228;hlungen und Erinnerungen</a></em>, (1875–1891) mit den heidnischen Festtraditionen.<br />
(Das Fantastische gibt es &#252;brigens auch in der westeurop&#228;ischen Weihnachtsliteratur – siehe <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=charles+dickens">Charles Dickens</a> und andere –, nur nicht so ausgepr&#228;gt.)</p>
<p>Viele andere russische Weihnachts- sind eigentlich Wintererz&#228;hlungen, in denen die Freude &#252;ber den eingezogenen Winter zum Ausdruck kommt.<br />
Auch in deutschen Erz&#228;hlungen zur Weihnacht spielt der Schnee sehr h&#228;ufig eine gro&#223;e Rolle, allerdings aus romantischen Gr&#252;nden. In Westeuropa wird man sich verst&#228;ndlicherweise fragen, wie sich die Russen auf eine Zeit freuen k&#246;nnen, in der Temperaturen von bis zu –30° Celsius herrschen. Abgesehen davon, dass die trockene K&#228;lte von z. B. -20° aufgrund des kontinentalen Klimas in Russland bei Weitem nicht so unangenehm ist wie nur wenige Grade Minus im feuchten, gem&#228;&#223;igten Klima hierzulande, gibt es noch eine ganz praktische Erkl&#228;rung: Der nasse Herbst ist in Russland (noch heute) die schlimmste Jahreszeit; alles versinkt in Matsch und Sumpf, ein Reisen auf den unbefestigten Stra&#223;en – und sei es auch nur f&#252;r kurze Strecken – war insbesondere in der Zeit der Kutschen (aber auch heute noch, trotz Allradantrieb) eine m&#252;hselige und schlammige Angelegenheit. Erst wenn der Boden durch kr&#228;ftige Minusgrade bis in die Tiefe durchgefroren war und dicker Schnee darauf lag, war es ein Genuss, mit der Schlittentroika durch die Gegend zu jagen.<br />
Von der Liebe zum Winter zeugen die zahlreichen Winterm&#228;rchen wie <em>Ded Moros</em> oder <em>Snegurotschka oder Das Schneem&#228;dchen</em> – alle von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=afanasjew">Alexander Afanasjew</a> (*1826, †1871), dem russischen Pendant zu den <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gebrueder+grimm">Gebr&#252;dern Grimm</a>, gesammelt.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Samokisch.jpg" class="thickbox" title="Die losrasende Troika, Gem&#228;lde von N. C. Samokisch"><br />
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/N.%20C.%20Samokisch%20%281860-1944%29.%20%20Die%20losrasende%20Troika.%201905..JPG" width="250" height="149" alt="" title="" /></a><br /><small>Die losrasende Troika, Gem&#228;lde von<br />
N. C. Samokisch</small></div>
<p>Zu guter Letzt werden in der Rubrik Weihnachtsgeschich- ten noch viele Tiergeschichten erz&#228;hlt, in denen h&#228;ufig die unverdorbene N&#228;chstenliebe zwischen Mensch und Tier dargestellt wird – wobei der eigentliche Bezug zu Weih- nachten manchmal ein v&#246;llig nebens&#228;chlicher ist. Ein herausragendes Beispiel hierf&#252;r ist Leskows Erz&#228;hlung <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leskow&#038;title=tier">Das Tier</a></em> (1883) auch unter dem Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?&#038;title=sganarell+b%E4r">Sganarell der B&#228;r</a></em>, eine zu Tr&#228;nen r&#252;hrende (manche sagen r&#252;hrselige) Geschichte.</p>
<p>Und dann gibt es da noch die Erinnerungen vieler Schriftsteller an ihre Kindheit, die – wie bei alten M&#228;nnern so &#252;blich – oft mehr oder weniger verkl&#228;rt sind, aber dennoch kulturhistorisch wertvolle Aufzeichnungen und literarisch gl&#228;nzende Erz&#228;hlungen sind. Einige Beispiele sind:</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maxim+gorki">Maxim Gorki</a> (*1868, †1936): <em>Bevor ich ein Schulkind wurde</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorki&#038;title=kindheit">Meine Kindheit</a></em>, 1913) und <em>Kirchgang </em>(aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gorki&#038;title=fremden+menschen">Unter fremden Menschen</a></em>, 1914)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexej+tolstoi">Alexej Tolstoi</a> (*1883, †1945): <em>Der Tannenbaum</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstoi&#038;title=nikitas+kindheit">Nikitas Kindheit</a></em>, 1921)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tatjana+tolstaja">Tatjana Tolstaja</a> (*1864, †1950): <em>Weihnachten bei uns zu Hause</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tolstaja&#038;title=leben+vater">Ein Leben mit meinem Vater. Erinnerungen an Leo Tolstoi</a></em>).<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=konstantin+paustowski">Konstantin Paustowski</a> (*1892, †1968): <em>Wie wenig braucht der Mensch zu seinem Gl&#252;ck</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=paustowskji&#038;title=unruhige+jugend">Unruhige Jugend</a></em>, 1955)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pjotr+kropotkin">F&#252;rst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin</a> (*1842, †1921): <em>Weihnachten auf Vaters Gut</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kropotkin&#038;title=memoiren+revolutionaers">Memoiren eines Revolution&#228;rs</a></em>, 1899)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+herzen">Alexander Herzen</a> (*1812, †1870): <em>Orgie am Nikolaustag</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=herzen&#038;title=leben+memoiren+reflexionen">Mein Leben. Memoiren und Reflexionen</a></em>, 1851)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+schmeljow">Iwan Schmeljow</a> (*1875, †1950): <em>Die Vorfasten und Weihnachten</em> (aus: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=schmeljow&#038;title=wanja+moskau"><i>Wanja im heiligen Moskau. Der Roman meiner Jugend</i></a>, 1933)</p>
<p>Erinnerungen an ein Weihnachtsfest ganz besonderer Art, n&#228;mlich an Weihnachten im sibirischen Straflager, hat <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Fjodor Dostojewski</a> (*1821, †1881) in der Episode <em>Das Weihnachtsfest</em> (aus: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=totenhaus">Aus einem Totenhaus</a></em>, 1861) festgehalten.</p>
<p><strong>С Рождеством Христовым! (S Raždestvom Christovym!)</strong></p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=diederichs&#038;title=vaeterchen+frost"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Wenn%20V%C3%A4terchen%20Frost%20kommt.jpg" width="105" height="171" alt="" title="" /></a></div>
<h3>Weihnachtsgeschichten aus Russland im ZVAB</h3>
<p>Ulf Diederichs (Hrsg.): <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=diederichs&#038;title=vaeterchen+frost">Wenn V&#228;terchen Frost kommt: Weihnachtsfreuden in Ru&#223;land</a> (1999)<br />
Monika Blume (Hrsg.): <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=blume&#038;title=weihnachten+russland">Weihnachten in Russland, Erz&#228;hlungen von Dostojewskij bis Tolstoi</a> (1997)</p>
<div style="height: 35px;">&nbsp;</div>
</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/12/22/weihnachten-in-einer-anderen-welt-in-russland/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Dmitri Mamin-Sibirjak, „der Sibirer“, und Pjotr Boborykin, der vergessenste Schriftsteller seiner Zeit</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/11/23/dmitri-mamin-sibirjak-der-sibirer-und-pjotr-boborykin-der-vergessenste-schriftsteller-seiner-zeit/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/11/23/dmitri-mamin-sibirjak-der-sibirer-und-pjotr-boborykin-der-vergessenste-schriftsteller-seiner-zeit/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Nov 2009 13:16:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbeutung]]></category>
		<category><![CDATA[Comte]]></category>
		<category><![CDATA[Industrialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismuskritik]]></category>
		<category><![CDATA[Mill]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Naturalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Positivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Sibirien]]></category>
		<category><![CDATA[Spencer]]></category>
		<category><![CDATA[Taine]]></category>
		<category><![CDATA[Ural]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2989</guid>
		<description><![CDATA[Ob sie Oden an den Herrscher geschrieben, versteckte oder heftige Kritik an den Herrschern ge&#252;bt oder journalistisch berichtet haben, ob sie ihre Meinung gef&#252;hlvoll, mit feiner Ironie und Satire, brutal und derb oder sachlich aufzeigend vertraten, ob sie aus dem Adel kamen, aus dem einfachen Volk, dem geistlichen Stand oder ob sie Wissenschaftler waren, ob [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ob sie Oden an den Herrscher geschrieben, versteckte oder heftige Kritik an den Herrschern ge&#252;bt oder journalistisch berichtet haben, ob sie ihre Meinung gef&#252;hlvoll, mit feiner Ironie und Satire, brutal und derb oder sachlich aufzeigend vertraten, ob sie aus dem Adel kamen, aus dem einfachen Volk, dem geistlichen Stand oder ob sie Wissenschaftler waren, ob ihr Thema das Bauerntum, der Adel, die Herrscher oder der europ&#228;ische Westen war – immer sind die russischen Schriftsteller Chronisten ihrer Zeit, ja, quasi das Gewissen der russischen Volksgemeinschaft gewesen und das wollten sie auch sein, denn eine auch nur ann&#228;hernd erfolgreiche politische Opposition gab es in Russland nie.<span id="more-2989"></span></p>
<p>Wenn man nun diese Chronisten aus westeurop&#228;ischer Sicht (aber nicht nur, dasselbe gilt bis zu einem gewissen Grad auch aus russischer Sicht – hier kommt allerdings noch bewusste Geschichtsklitterung durch die sozialistische Literaturkritik hinzu) Revue passieren l&#228;sst – den Oden an den Herrscher schreibenden und zugleich als Wissenschaftler t&#228;tigen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=michail+lomonossow">Lomonossow </a>(*1711, †1765), den Geschichtsschreiber <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=karamsin">Karamsin </a>(*1766, †1826), den romantisch-revolution&#228;ren <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+puschkin">Puschkin </a>(*1799, †1837), den religi&#246;s-zeitkritischen, gegen das B&#252;rokratentum anschreibenden <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+gogol">Gogol </a>(*1809, †1852), den tiefenpsychologisierenden <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Dostojewski </a>(*1821, †1881), den bissigen Satiriker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow+michail">Saltykow-Schtschedrin</a> (*1826, †1889), den journalistisch-sachlichen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+leskow">Leskow </a>(*1831, †1895), den durch und durch adligen, vom russischen Bauerntum das Heil erwartenden <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=Lew+Tolstoi">Tolstoi </a>(*1828, †1910), den ironischen, ja s&#252;ffisanten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+tschechow">Tschechow </a>(*1860, †1904), den vom Recht besessenen Journalisten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=korolenko+wladimir">Korolenko </a>(*1853, †1921) und den romantisch-sozialrevolution&#228;ren <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maxim+gorki">Gorki </a>(*1868, †1936) (um nur an einigen die gro&#223;e Linie aufzuzeigen) – wenn man also diese (und alle anderen) Chronisten Revue passieren l&#228;sst und die Themen ihrer Werke betrachtet, so wird eine deutliche L&#252;cke sichtbar: Ihre Themen sind der Adel (dekadent oder verherrlichend), selbstverst&#228;ndlich das Zarentum und die Religion, die Intelligenzija, die B&#252;rokraten und der einfache Mensch und der meist duldsame, Gott und den Zaren liebende Bauer; aber dann taucht bei Gorki auf einmal eine sozial geknechtete und ausgebeutete Arbeiterschicht auf, die pl&#246;tzlich aufbegehrt und von der vorher scheinbar nie die Rede war.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Mamin_sibiryak.jpg" width="118" height="149" alt="" title="Der Sibirer Dmitri Mamin-Sibirjak" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dmitri Mamin-Sibirjak<br />
</small></div>
<p>Diese L&#252;cke f&#252;llen die im Schatten der Gro&#223;en verschwundenen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin+sibirjak"><strong>Dmitri Narkissowitsch Mamin-Sibirjak</strong></a> (*1852, †1912) und <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin">Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin</a></strong> (*1836, †1921). Sie beschreiben die Welt der emporstrebenden Kaufmannschaft, der „del’cy“ (Gesch&#228;ftemacher), der skrupellosen Finanzmanager (!) und der neuen Industriebarone (oder besser gesagt: Industrieg&#246;tter, denn diese Unternehmer hatten unvergleichlich viel mehr Macht als die westeurop&#228;ischen – manche besa&#223;en 40.000 leibeigene Arbeiter, die unter den uns&#228;glichsten Bedingungen f&#252;r ihren „Barin“ schuften mussten) – sie beschrieben aber auch das Leben der Ausgebeuteten: die Armut, den permanenten Suff, die Brutalit&#228;t untereinander, Prostitution … und die Hoffnung.</p>
<p>Mamin-Sibirjak und Boborykin waren zu ihrer Zeit viel gelesene, wenn auch nicht so hoch gesch&#228;tzte Autoren wie Dostojewski, Tolstoi und Tschechow (wen wundert’s!). Bei uns sind sie v&#246;llig unbekannt und werden auch von der Literaturwissenschaft weitgehend ignoriert; Boborykin z. B. wird im gr&#246;&#223;ten deutschsprachigen Literaturlexikon <em>Kindlers </em>(22 B&#228;nde à jeweils ca. 1000 Seiten) nicht einmal erw&#228;hnt, dabei ist er der russische Schriftsteller mit dem umfangreichsten Werk – sein Schaffen f&#252;llt 100 B&#228;nde! Dabei kann man nur durch ihre Werke gnadenlos genaue, keiner Ideologie verpflichtete Berichte &#252;ber die Situation im industriellen Russland, &#252;ber den z&#252;gellosen Raubtierkapitalismus (!), der sogar die schlimmsten Zust&#228;nde der beginnenden Industrialisierung in England noch &#252;bertraf, erhalten – sp&#228;tere Berichte oder Werke sozialistischer Autoren sind fast immer ideologisch gef&#228;rbt.</p>
<p>Wie kam’s, dass man sie verga&#223;? Die Zeit der gro&#223;en Realisten neigte sich mit Dostojewski ihrem Ende zu (siehe <a href="http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/">Hanns-Martin Wieteks Essay &#252;ber Alexander III.</a>); aus dem Realismus begannen Varianten wie der Naturalismus, dem Mamin-Sibirjak und Boborykin zuzurechnen sind, und der Symbolismus hervorzugehen. Den Anh&#228;ngern der Klassiker Dostojewski, Tolstoi etc. und den adeligen Schichten waren Thematik und Stil der Naturalisten suspekt – die Zeit war mehr als turbulent und die gesellschaftliche und finanzielle Situation des Adels steuerte rasant auf den Abgrund zu –, und so las man zwar ihre Romane und Erz&#228;hlungen, aber eher als nervenkitzelnde Gesellschafts- oder Heimatromane – die unangenehme Thematik war ja bekannt, man lebte schlie&#223;lich in der Zeit, also interessierte mehr der „Plot“ (wie man heute sagt). Dann gab es da noch die infolge der Industrialisierung neu entstandene Schicht der Kaufmannschaft und der Finanzmanager, sie aber war das Ziel von Boborykins und Mamin-Sibirjaks Angriffen und konnte damit nat&#252;rlich f&#252;r beide keine Sympathien aufbringen. Den neuen sozialistischen Revolution&#228;ren hingegen waren sie zu lasch, weil beide gem&#228;&#223; der Prinzipien der Naturalisten jede Ideologisierung ablehnten. Und die Arbeiter hatten andere Sorgen, als zu lesen – soweit sie es &#252;berhaupt konnte.</p>
<p>Wie wenig die beiden von den hehren Literaturkritikern wahrgenommen wurden, geht aus einem Brief Gorkis an Tschechow vom Januar 1900 indirekt hervor, in dem er jubiliert, dass er, Tschechow, endlich dem Realismus den Garaus mache. Dass Boborykin und Mamin-Sibirjak dies eigentlich schon l&#228;ngst getan hatten, war ihm irgendwie entgangen. Der den Symbolisten nahe stehende, die Naturalisten ablehnende Literaturhistoriker und &#220;bersetzer <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+eliasberg">Alexander Eliasberg</a> schreibt in seiner <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+literaturgeschichte">Russischen Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts</a></em> (1922) &#252;ber Boborykin: <em>„(D)ie Zahl seiner Romane (hat) die Hundert l&#228;ngst &#252;berschritten. Vielleicht wird der zuk&#252;nftige Kulturhistoriker aus ihnen manches sch&#246;pfen k&#246;nnen, <strong>als Literatur sind sie unrettbar tot.</strong>“ </em> (Hervorhebung von Hanns-Martin Wietek)</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Auguste_Comte2.jpg" width="128" height="180" alt="" title="" /><br /><small>Der Soziologe und Philo-<br />
soph Auguste Comte</small></div>
<p>Die Naturalisten sahen es als ihre Aufgabe an, die gesellschaftliche Situation wissenschaftlich genau, also ohne jede Parteinahme, zu beschreiben. Hintergrund dieses Anspruchs ist die positivistische Philosophie von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=auguste+comte">Auguste Comte</a> (*1798, †1857), der zufolge sich die Menschheit in drei Stadien entwickelt: von der mythisch-theologischen Phase (Fetischismus, Polytheismus, Monotheismus) &#252;ber die metaphysische (gepr&#228;gt vom Antropomorphismus: allem auf der Welt, Belebtem und Unbelebtem, wird eine Seele zugesprochen) hin zur positiven, in der alles Existierende wissenschaftlich erfasst wird und in der man sich mittlerweile befindet. Mit dem Wissen &#252;ber die nat&#252;rliche Ordnung der Gemeinschaften (soziale Statik) und &#252;ber die Fortschrittslehre (soziale Dynamik, sich ergebend aus dem fortw&#228;hrenden Wechsel zwischen Entwicklung und Aufl&#246;sung) k&#246;nne das Leben in der industriellen Welt erkl&#228;rt und gesteuert werden, so Comte. Eine weitere Grundlage der naturalistischen Methodik in der Literatur ist die Evolutionslehre <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=charles+darwin">Charles Darwins</a> (*1809, †1882), die er in <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=darwin&#038;title=arten+zuchtwahl">Die Entstehung der Arten durch nat&#252;rliche Zuchtwahl</a> </em>(1859) niedergelegt hat. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hippolyte+taine">Hippolyte Taine</a> (*1828, †1893) hat die Theorien auf die Kunst &#252;bertragen und postuliert, in jedem Kunstwerk m&#252;ssten stammesbiologische Erbfaktoren, lebensgeschichtliche Umwelt und zeitgeschichtliche Situation zusammenwirken.</p>
<p>Mit diesem wissenschaftlichen R&#252;stzeug betrachteten und beschrieben die Naturalisten wie Boborykin und Mamin-Sibirjak ihre Welt und das Zeitgeschehen. Der literarische Hauptvertreter dieser Richtung war der Franzose <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=emile+zola">Émile Zola</a> (*1840, †1902), und Boborykin nannte man den »russischen Zola«. Der gr&#246;&#223;te deutsche Naturalist war <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gerhart+hauptmann">Gerhart Hauptmann </a>(*1862, †1946), dessen packende Dramen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hauptmann&#038;title=sonnenaufgang"><em>Vor Sonnenaufgang</em> </a>(1889) oder <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hauptmann&#038;title=weber">Die Weber</a></em> (1892) wie auch viele andere auch heute noch (oder wieder?) unter die Haut gehen.</p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin">Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin</a></strong> (*15. <sup>jul.</sup>/ 27. <sup>greg.</sup> August 1836 in Nižni-Novgorod, †12. August 1921 <sup>greg.</sup> in Lugano) stammte aus einer reichen, adeligen Gutsbesitzersfamilie; sein Stammbaum l&#228;sst sich angeblich bis in das 14. Jahrhundert zur&#252;ck verfolgen, wo 1380 F&#252;rst Dimitri Michailowitsch Bobrok-Volynskij als Heerf&#252;hrer unter Dimitri Donskoi in der Schlacht bei Kulikowo entscheidend zum Sieg &#252;ber die Tataren beigetragen haben soll (er kommandierte den rechten Fl&#252;gel des Heeres von Donskoi).</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Boborykin.jpg" width="162" height="180" alt="" title="Pjotr Boborykin" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Pjotr Boborykin</small></div>
<p>Nach seiner Schulzeit auf dem Gymnasium studierte er ab 1853 in Kasan Jura und Chemie und wechselte 1855 an die mathematisch-physikalische und sp&#228;ter an die medizinische Fakult&#228;t der Universit&#228;t Dorpat. Schon als Student verfasste er ein Lehrbuch f&#252;r Physiologische Chemie und &#252;bersetzte naturwissenschaftliche Studien aus dem Franz&#246;sischen. Gleichzeitig schrieb er kleinere Kom&#246;dien, die im Studenten- theater aufgef&#252;hrt wurden. Mit <em>odnodvorec </em>(dt. der Einh&#246;fer) hatte er so gro&#223;en Erfolg, dass er beschloss, Schriftsteller zu werden. 1860 zog er nach St. Petersburg, legte 1861 an der dortigen Universit&#228;t noch sein Examen in Jura ab und ver&#246;ffentlichte ab diesem Zeitpunkt seine Werke in der <em>Biblioteka dlja &#269;tenija</em> (dt. Lesebibliothek). 1863 erbte er 60.000 Rubel und kaufte die Zeitschrift; als ihr Herausgeber aber hatte er kein „gl&#252;ckliches H&#228;ndchen&#8221;: Die ganz gro&#223;en Namen wollten nicht bei ihm ver&#246;ffentlichen, also nahm er recht wahllos alle Autoren an, was ihm bald den Ruf eintrug, reaktion&#228;r zu sein. 1864/65 gab er dann auch noch den ideologisch hei&#223; umstrittenen Roman <em>Nekuda </em>(dt. Titel <em>Ohne Ausweg</em>; auch: <em>Die Sackgasse</em>) von Leskow heraus, was ihm endg&#252;ltig das Genick brach: Im Mai 1865 musste er angesichts riesiger Schulden die Zeitschrift liquidieren und vor seinen Gl&#228;ubigern ins Ausland fliehen, nach Paris. Dort verdiente er sein Geld mit journalistischen und literarischen Arbeiten. Er besch&#228;ftigte sich intensiv mit der Philosophie des Positivismus, insbesondere mit Auguste Comte und Hippolyte Taine. Der Positivismus lag seinem Denken als ausgebildeter Naturwissenschaftler sehr nahe und schon 1867 ver&#246;ffentlichte er einen Artikel zu diesem Thema. 1868 lernte er in London die liberalen Philosophen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=stuart+mill">Stuart Mill </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=herbert+spencer">Herbert Spencer</a> kennen, deren Werke und Vorstellungen wesentliche Grundlagen des Naturalismus geworden waren; Mill mit der utilitaristischen Ethik, der zufolge eine Handlung dann als gut zu beurteilen ist, wenn sie n&#252;tzlich ist, und Spencer mit seinen Schriften <em>Soziale Statik</em> (1851) und <em>Die Soziale Dynamik</em> (1860) (s.o.).</p>
<p>Zeitgleich zu seinen philosophischen Studien arbeitete Boborykin als Auslandskorrespondent f&#252;r russische Zeitungen und nahm in dieser Eigenschaft an den Kongressen der Ersten Internationale 1868 in Br&#252;ssel und 1869 in Basel teil; aufgrund seiner Berichterstattung begann eine pers&#246;nliche Freundschaft mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+herzen">Alexander Herzen</a>. 1870/71 war er Kriegsberichterstatter im deutsch-franz&#246;sischen Krieg und studierte au&#223;erdem in Paris Theaterwissenschaften. In den <em>Ote&#269;estvennye zapiski</em> (dt. Vaterl&#228;ndische Annalen) unter <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nekrassow+nikolai">Nekrassow </a>publizierte er ab 1870 viele seiner Romane, hatte aber in dem ebenfalls f&#252;r die Zeitschrift t&#228;tigen Saltykow-Schtschedrin einen strengen, ihm feindlich gesinnten Kritiker, der nach Nekrassows Tod 1878 die Zeitschrift &#252;bernahm und ihn 1881 dann auch &#8220;herausboxte&#8221;. </p>
<p>In den 1870er-Jahren hielt sich Boborykin wieder verst&#228;rkt in Russland auf. 1873 machte er erneut eine Erbschaft, die ihn von seiner Schuldenlast befreite. Er ver&#246;ffentlichte in vielen russischen Zeitschriften und Tageszeitungen, was zu einer ungeheuer gro&#223;en Menge an Ver&#246;ffentlichungen f&#252;hrte, die aber immer – dem Medium gem&#228;&#223; – recht kurzlebig und wenig nachhaltig waren. Ein Grund, weswegen ihn viele seiner Schriftstellerkollegen verspotteten. Nach 1891 hielt sich Boborykin meist im Ausland auf, kehrte aber immer wieder, wenn auch nur f&#252;r kurze Zeit; nach Russland zur&#252;ck. 1900 – im Jahr seines 40. Schriftstellerjubil&#228;ums – wurde er auf Vorschlag von Tschechow und Tolstoi zum Ehrenmitglied der russischen Akademie der Wissenschaften ernannt; dass er 1902, nach Gorkis Ausschluss aus der Akademie, nicht wie Tschechow und Korolenko seine Mitgliedschaft zur&#252;ckgegeben hat, hat man ihm schwer ver&#252;belt. Ebenfalls 1900 hat er in Br&#252;ssel noch eine &#246;ffentliche Vorlesung gehalten, bei der er als „le Zola russe“ angek&#252;ndigt wurde; danach nahm seine Schaffenskraft aufgrund von Krankheit und besonders zunehmender Sehschw&#228;che rapide ab. 1913 verlie&#223; er Russland und sollte nie wieder dahin zur&#252;ckkehren; &#252;ber Baden-Baden und Bad Ems fuhr er nach Rom, ab 1915 lebte er in Lugano, wo er 1921 im Alter von 85 Jahren starb.</p>
<p>Boborykins Werke f&#252;llen – wie schon erw&#228;hnt – &#252;ber 100 B&#228;nde, es ist unm&#246;glich, in diesem Rahmen auch nur ann&#228;hernd ersch&#246;pfend auf sie einzugehen, zumal nur ein Bruchteil von ihnen in deutscher Sprache erschienen ist und das meist um die Jahrhundertwende, so dass die B&#252;cher heute kaum noch auffindbar sind. Von den auf Deutsch erschienen Werken sind zu nennen: <em>Pered &#269;em-to</em> (dt. Titel <em>Am Scheideweg</em>, um 1900 &#252;bersetzt), <em>Kitaj-gorod </em>(1895 &#252;bersetzt; dt. auch: <em>Kitaj-Gorod</em>), <em>Vasilij T&#279;rkin</em> (dt. Titel <em>Wassilij Tjorkin</em>, 1895 &#252;bersetzt) und <em>&#382;ertva ve&#269;ernjaja</em> (dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin&#038;title=abendliches">Abendliches Opfer</a></em>, vermutlich um 1900 &#252;bersetzt). Nicht ermittelbar sind aufgrund der willk&#252;rlichen deutschen Titelgebung und der (zumindest hier in Deutschland) mangelnden Zug&#228;nglichkeit der Originalliteratur (sowie der Tatsache, dass bibliografische Angaben in den B&#252;chern um die Jahrhundertwende nicht &#252;blich waren) die Originaltitel zu den ebenfalls nennenswerten Ver&#246;ffentlichungen <em>Die Unverbesserlichen</em> (&#252;bersetzt um 1900), <em>An der Seite des M&#246;rders</em> (&#252;bersetzt um 1900), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=boborykin&#038;title=herde">Am Herde</a></em> (&#252;bersetzt 1924). </p>
<p>Allein eines Romanes wegen aber lohnte es sich schon, die m&#252;hevolle Kleinarbeit des Recherchierens &#252;ber diesen Schriftsteller auf sich genommen zu haben: Es ist dies der Roman <em><strong>Kitaj-Gorod – Roman aus dem Moskauer Kaufmannsleben</strong></em>, 1882 im Original, 1895 in der &#220;bersetzung von Erwin Bauer erschienen. Schon die Recherchearbeit, die n&#246;tig war, um an diese deutsche &#220;bersetzung zu kommen, war abenteuerlich: Lediglich in der Universit&#228;tsbibliothek Frankfurt a. M. gibt es im Archiv ein Exemplar aus der Rothschildbibliothek, weltweit ist es sonst in keinem Katalog verzeichnet. Diese Rarit&#228;t wird nat&#252;rlich nur in den dortigen Lesesaal ausgegeben, allerdings kann man eine digitale oder gedruckte Kopie erhalten.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Stadttor_Kitaj_gorod_1852.jpg" width="230" height="168" alt="Stadttor zum Kitajgorod 1852" title="Stadttor zum Kitajgorod 1852" /><br /><small>Stadttor zum Kitaj-Gorod, dem<br />Moskauer Handelsbezirk. 1852</small></div>
<p><em>Kitaj-Gorod – Roman aus dem Moskauer Kaufmannsleben</em> ist ein einzigartiges sowohl historisches als auch literarisches Dokument und ein nicht nur dem Ma&#223;stab der Naturalisten nach spannend geschriebener Roman. Die Handlung als solche ist relativ schnell erz&#228;hlt:<br />
Ein junger, studierter und gebildeter, aus dem verarmenden Adel stammender Mann, Andrej Dimitritsch Paltussow, erkennt, dass der Adel durch seine vornehme Borniertheit einerseits und durch seine ma&#223;lose Verschwendungssucht und Unf&#228;higkeit andererseits immer mehr an Bedeutung, Einfluss und Besitz verliert. Die „Neuen Menschen“ sind die „Gesch&#228;ftemacher“ der Kaufmannschaft (heute bekannt unter der russischen Bezeichnung „Bisenessmen“), es sind die Gro&#223;kaufleute, Finanziers und B&#246;rsianer; sie haben nicht nur die Macht des Adels &#252;bernommen und kosten sie aus, sie &#252;bertreffen den Adel auch an Reichtum, den sie deutlich vor sich hertragen. Paltussow beschlie&#223;t, sich von den Konventionen eines Edelmannes zu befreien und mit den Mitteln und auf den Wegen dieser Gesch&#228;ftemacher selbst sein Gl&#252;ck zu machen, notfalls auch mit nicht ganz lauteren Methoden, und dabei wenn m&#246;glich den Gesch&#228;ftemachern zu schaden. Beigesellt ist ihm sein alter Studienkollege Iwan Alexejewitsch Piroschkow – nat&#252;rlich auch von altem Adel –, den er als Freund und hochgelehrten Menschen sch&#228;tzt. Dieser h&#228;lt die Tugenden seines Standes hoch, versucht jeden Kontakt mit diesen „Neuen Menschen“ zu vermeiden, leidet aber gleichzeitig, wenn er zusehen muss wie sein Stand untergeht – „Gesch&#228;fte machen“ ist f&#252;r ihn ein barbarisches Verhalten. Er steht immer etwas im Hintergrund des Geschehens, quasi als Paltussows Gewissen.<br />
Paltussow scheitert letztendlich moralisch. Er hat mit fremdem Geld und der m&#252;ndlichen Generalvollmacht einer in ihn verliebten Kaufmannsfrau eine Aktion zu seinem Vorteil ausgef&#252;hrt, wovon aber diese Frau nichts wusste. Dann stirbt pl&#246;tzlich jene, die ihm mit dem Gedanken an eine k&#252;nftige Heirat vorbehaltlos vertraut hatte, und Paltussow soll das Geld, das er vor&#252;bergehend (wie er es vor sich selbst rechtfertigt) f&#252;r sich verwendet hat, auf den Tisch legen. Dass er mit dem Geld nach eigenem Gutd&#252;nken handeln durfte, kann er nicht beweisen, und so wandert er wegen des Verdachts der Veruntreuung ins Gef&#228;ngnis. Durch juristische Findigkeit kommt er zwar frei und gelangt durch die Heirat mit einer anderen Kaufmannsfrau (zumindest kann man dies nach Lage der Dinge im Roman vermuten) zu Verm&#246;gen, moralisch ist er jedoch „angez&#228;hlt“ und weit von den ethischen Normen seines Adelsstandes – die er ja durchaus bef&#252;rwortet – entfernt. Sein Freund Piroschkow sch&#252;ttelt angewidert von dieser Zeit den Staub von seinen F&#252;&#223;en und m&#246;chte sich ins Ausland zur&#252;ckziehen.</p>
<p>Mit den wissenschaftlich exakten Methoden des Naturalismus beobachtet Boborykin das Umfeld, die Personen und das Geschehen und entwirft sozusagen ein Bild der Zeit, der Stadt Moskau und ihrer Menschen; dabei gibt er wieder, was sich abspielt – es ist ein kulturgeschichtliches Gem&#228;lde. Gleichzeitig aber ist es auch ein spannend geschriebener Roman, wenn man sich vom „Action-Wahn“ unserer Zeit befreien kann und sich auf die sich langsam entwickelnde Handlung und die mit Liebe am Detail gezeichneten Einzelheiten einl&#228;sst. Das Grundger&#252;st des Romans, auf dem sich das Bild entwickelt, sind wie in jedem Roman die menschlichen St&#228;rken und Schw&#228;chen wie Liebe, Hass, Gier, Vertrauen, Eitelkeit, G&#252;te etc.<br />
Hinzuzuf&#252;gen ist noch, dass auch die &#220;bersetzung f&#252;r sich schon ein zeitgeschichtliches Dokument ist: Es ist die Sprache genau dieser Zeit, sie ist – ohne antik zu wirken – nahe am Original und verst&#228;rkt f&#252;r uns heutige Leser den Eindruck von dieser Zeit und ihren Menschen.</p>
<p>So viel zu Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin. Es g&#228;be noch viel zu ihm zu sagen, zu seiner Person, seinem Leben und zu seiner sp&#228;teren Rezeption in der sowjetischen Zeit und auch zu den auf Deutsch erschienenen Romanen und Erz&#228;hlungen. Vielleicht ist – wie schon Alexander Eliasberg 1922 schreibt – der kulturgeschichtliche Aspekt ein Anreiz f&#252;r Wissenschaftler und Publizisten, sich verst&#228;rkt mit Boborykins Werk zu besch&#228;ftigen, wenn sich schon die Literaturwissenschaft mit dem russischen Naturalisten schwer tut. (In diesem Zusammenhang sei Frau Kirsten Blanck gedankt, die 1990 die Dissertation <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=blanck&#038;title=boborykin+studien">P. D. Boborykin – Studien zur Theorie und Praxis des naturalistischen Romans in Ru&#223;land</a></em> geschrieben hat.)</p>
<p>Nun zu <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin-sibirjak">Dmitri Narkissowitsch Mamin-Sibirjak</a></strong> (*25. Oktober <sup>jul.</sup> / 6. November <sup>greg.</sup> 1852 im Dorf Visim, Gebiet Ekaterinburg (Swerdlowsk), † 2. <sup>jul.</sup> / 15. <sup>greg.</sup> November in St. Petersburg). </p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Visim%2C%20Geburtsort%20Mamin-Sibirjaks.jpg" width="175" height="95" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mamin-Sibirjaks Gebortsort:<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Visim am s&#252;dlichen Ural</small></div>
<p>Der Geburtsort von Dmitri Mamin ist ein gutes Beispiel daf&#252;r, wie sich ein einmal gemachter Fehler &#252;ber Generationen von Wissenschaftlern hinweg vererbt. Irgendjemand hatte „in Erdkunde nicht gut aufgepasst“ und am Fluss Kama im Gouvernement (heute „Oblast“) Perm das Dorf Visim gefunden; dass Perm nicht in Sibirien liegt, ist ihm nicht aufgefallen, und auch nicht, dass es dort im Dorf Visim kein H&#252;ttenwerk namens Visimo Šajtansk (gesprochen Wissimo-Schajtansk) gibt.<br />
Der in fast allen Nachschlagewerken angegeben Geburtsort „Wissimo-Schajtansk“, Oblast (Gebiet) Perm ist also falsch; Mamin wurde im Dorf Visim am Westhang des s&#252;dlichen Ural, etwa 100 km nordnordwestlich von Ekaterinburg im gleichnamigen Gouvernement (respektive Oblast Swerdlowsk) geboren. In diesem Dorf hatte der Industriemagnat Demidow ein H&#252;ttenwerk mit Siedlung errichtet, das den Namen Visimo Šajtansk erhielt. Mamin-Sibirjak selbst schreibt, dass er, wenn er aus seinem Haus nach Osten schaute, die gr&#252;nen H&#252;gel des Ural vor Augen hatte und im Westen vor ihm eine endlose, weite Ebene lag. Das Dorf Visim im Oblast Perm liegt etwa 150 km westlich des Ural am Fluss Kama in der weiten Ebene des europ&#228;ischen Russland; von dort konnte er ganz sicher nicht jene gr&#252;nen H&#252;gel sehen. Ein weiterer deutlicher Beweis gegen Perm ist der Beiname „Sibirjak“ (dt. der Sibirer), den sich Mamin sp&#228;ter zugelegt hat – und das mit berechtigtem Stolz, denn er war zu dieser Zeit der einzige Schriftsteller Russlands, der aus Sibirien stammte. Diesen Beinamen h&#228;tte er sich nicht geben k&#246;nnen, wenn er im Oblast Perm geboren w&#228;re, denn Perm geh&#246;rt nicht zu Sibirien, Ekaterinburg dagegen schon.</p>
<p>Zur&#252;ck zur Person. Nicht nur seine geografische Herkunft war eine Besonderheit, auch seine famili&#228;re war eine seltene: Mamin stammte aus einer Fabrikpfarrersfamilie. Und er ging auch zuerst einmal in die Fabrikarbeiterschule; in dieser Zeit erlebte er das Ende der Leibeigenschaft. In seinem dritten gro&#223;en Uralroman <em>Tri Konca</em> (1890, dt. Drei Enden – leider un&#252;bersetzt) schildert er den Tag im Jahr 1861, <em>„als die Freiheit kam“</em>: wie die Kirchenglocken l&#228;uteten, die Ikonen auf die Stra&#223;en getragen wurden, die Kirchenfahnen im Wind flatterten und das Volk auf dem Kirchplatz kniend und weinend h&#246;rte, wie der Pfarrer das Manifest des Zaren <em>Bekreuzige dich, russisches Volk … ! </em>verlas. Ein Tag, der dem damals Neunj&#228;hrigen ein Leben lang in Erinnerung blieb.</p>
<p>Von 1866 bis 1868 ging Mamin dann auf eine theologisches Seminar in Ekaterinburg und anschlie&#223;end bis 1872 auf ein ebensolches in Perm. Danach erf&#252;llte sich endlich sein Wunsch, in St. Petersburg studieren zu k&#246;nnen. Vier Jahre lang studierte er hier Tiermedizin (zur Medizin soll er nicht zugelassen worden sein, da er im Verdacht stand, revolution&#228;re Ideen zu haben) und wechselte anschlie&#223;end ohne Abschluss zur juristischen Fakult&#228;t. Auch hier aber blieb er nicht lange, denn schon nach einem Jahr musste er Petersburg aus Krankheitsgr&#252;nden und wegen finanzieller Schwierigkeiten verlassen und in seine Heimat zur&#252;ckgehen. Das fiel ihm nicht schwer, denn sein Leben in Petersburg war ganz und gar nicht so, wie er es sich ertr&#228;umt hatte: Bettelarm lebte er hier und konnte sich nur mit M&#252;h und Not &#252;ber Wasser halten. Gebracht aber hatte es ihm immerhin den Wunsch zu schreiben, und er versuchte sich noch dort an kleinen literarischen Arbeiten, aber die gro&#223;en Schriftsteller seiner Zeit machten ihn mutlos. In seinem autobiografischen Roman <em>&#268;erty is žizin Pepko </em>(1894, dt. Z&#252;ge aus dem Leben Pepkos – nicht &#252;bersetzt) dr&#252;ckt er die Mutlosigkeit in dieser Zeit aus. </p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Mamin-Sibirjak.jpg" width="180" height="151" alt="" title="" /><br /><small>Mamin-Sibirjak</small></div>
<p>Kurz nach seiner R&#252;ckkehr in die Heimat 1877 starb sein Vater und er musste nun f&#252;r die Familie sorgen. Bis 1880 unternahm er dann viele Reisen in der Uralregion, um ihre Geschichte, ihre Wirtschaft, die ethnografischen Gegebenheit und vor allem das t&#228;gliche Leben zu studieren, denn er hatte sich vorgenommen, dar&#252;ber zu schreiben. Und er hatte damit Erfolg: Kleineren Erz&#228;hlungen wie <em>Ot Urala do Moskvy</em> (1882/83, dt. Vom Ural nach Moskau – nicht &#252;bersetzt) folgten seine gro&#223;en Werke: der Roman <em>Privalovskie milliony</em> (1883, dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=priwalowschen">Die Priwalowschen Millionen</a></em>), der ihn schlagartig in aller Munde brachte, dann <em>Boicy </em>(1883, dt. Krieger – nicht &#252;bersetzt), <em>Gornoe gnezdo</em> (1884, dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=bergnest">Das Bergnest</a></em>), <em>Dikoe szast’e</em> (1884, dt. Wildes Gl&#252;ck – nicht &#252;bersetzt), <em>Na ulice</em> (1886, dt. Auf der Stra&#223;e – nicht &#252;bersetzt), <em>Tri konca</em> (1890, dt. Drei Enden – nicht &#252;bersetzt), <em>Ural’skie rasskazy</em> (1888/89, dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=erzaehlungen+ural">Die Begegnung &#8211; Erz&#228;hlungen aus dem Ural</a></em>), <em>Zoloto </em>(1892, dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=gold">Gold</a></em>), <em>Ochononiny brovi</em> (1892, dt. Die Ochoninschen Augenbrauen – nicht &#252;bersetzt), <em>Chleb </em>(1895, dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=korn">Korn</a></em>), <em>Okolo gospod</em> (1900, dt. Um die Herren herum – nicht &#252;bersetzt) und in den Jahren 1894 bis 1896 Kindererz&#228;hlungen wie <em>Al&#279;nuškiny skazki </em>(dt. Titel <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=maerchen">M&#228;rchen f&#252;r Aljonuschka</a></em>) und weitere Erz&#228;hlungen und Tierm&#228;rchen. (Die Aufz&#228;hlung ist nicht vollst&#228;ndig.)</p>
<p>1890 lie&#223; er sich von seiner ersten Frau, die er kurz nach seiner R&#252;ckkehr in die Heimat geheiratet hatte, scheiden, heiratete die Schauspielerin Abramova aus Ekaterinburg und zog mit ihr nach St. Petersburg; sie bekamen die Tochter Aljonuschka. Schon nach einem Jahr starb seine Frau. Danach ging er wieder in die Heimat zur&#252;ck, zog aber 1908 endg&#252;ltig nach St. Petersburg, wo er 1912 starb.</p>
<p>Aus gutem Grund hatte Dmitri Mamin viele ausf&#252;hrliche Reisen zu Studienzwecken in den Ural unternommen, denn er hatte beschlossen, &#252;ber seine Heimat zu schreiben. &#220;ber das europ&#228;ische Russland hatten schon viele und gro&#223;e Schriftsteller geschrieben; &#252;ber den Ural, die Grenze zwischen Europa und Asien, noch niemand. Im Vergleich zu den manchmal trostlosen Weiten der europ&#228;ischen russischen Tiefebene gab es hier eine gewaltige, abwechslungsreiche Landschaft von unvergleichlicher und kontrastreicher Sch&#246;nheit. Das war das Eine. Gleichzeitig aber war es ein zum Teil noch wenig erforschtes Gebiet, in dem fast archaische asiatische Urspr&#252;nglichkeit mit modernster industrieller Entwicklung zusammenprallte; hinzu kam, dass der Zar weit weg war und daher ganz eigene Gesetze galten. Und es war (und ist!) ein an Bodensch&#228;tzen ungeheuer reiches Gebiet: Da war zum einen Gold, das einen wahren Rausch ausl&#246;ste und wie in Amerika unz&#228;hlige Menschen in den Ruin trieb, w&#228;hrend einige wenige zu sagenhaftem Reichtum kamen; es gab Edelsteine (auch heute noch ertragreiche und ber&#252;hmte Lagerst&#228;tten) und es gab Eisen und viele andere Erze, die f&#252;r die rasant fortschreitende Industrialisierung dringend gebraucht wurden. S&#252;dlich und s&#252;d&#246;stlich schlie&#223;lich lagen die weiten Gebiete der „schwarzen Erde“, die massenhaft Frucht hervorbrachten, ohne dass man sich gro&#223; anstrengen musste.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Fluss%20im%20Ural.JPG" width="140" height="180" alt="" title="" /><br /><small>Fluss im Ural</small></div>
<p>Der Zusammenprall von archaischer Vergangenheit mit der modernen industriellen Zukunft trieb die durch Industrialisierung zwangsl&#228;ufig entstehenden Probleme im Ural auf die Spitze. Nirgendwo sonst konnte man die zuk&#252;nftigen Probleme besser erkennen als hier. Ein Beispiel: Den Demidows geh&#246;rten Gebiete von der Gr&#246;&#223;e europ&#228;ischer L&#228;nder, mit allem, was darauf stand: D&#246;rfer, Berge Fl&#252;sse –einfach alles. Bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft (1861) besa&#223;en sie bis zu 40.000 „Seelen“, leibeigene Arbeiter, die t&#228;glich zw&#246;lf Stunden zu arbeiten hatten und gleichzeitig auch noch Land bewirtschafteten – zur Erntezeit schloss Demidow f&#252;r einige Wochen die H&#252;tten- und Bergwerke, damit seine Arbeiter die Ernte einfahren konnten, von der die Familien lebten. Peter der Gro&#223;e hatte ihnen das Recht genommen, ohne Erlaubnis des „Barin“ ihren Wohnort zu verlassen, sonst w&#228;ren sicher schon damals viele „auf Wanderschaft gegangen“, wie sie es sp&#228;ter auch taten.</p>
<p>H&#252;ttenwerke, Bergwerke und industrielle Anlagen waren nat&#252;rlich auf schnellsten Profit ausgerichtet, was entsprechend lasche Sicherheitsvorkehrungen bedingte. Die Liste der „Zust&#228;nde“ k&#246;nnte endlos weitergef&#252;hrt werden. Die sozialen Bedingungen waren erb&#228;rmlich: Die Menschen schufteten und soffen sich zu Tode, das Recht des St&#228;rkeren war erbarmungslos, es herrschte die Gier nach Besitz, es gab Neid, Pr&#252;gel und Schl&#228;gereien in der Familie, Prostitution, dazu kamen unterschiedliche religi&#246;s und ethnisch gepr&#228;gte Einstellungen. In <em>Tri Konca</em> – Drei Enden; gemeint sind drei Bev&#246;lkerungsgruppen: die Altgl&#228;ubigen, die Ukrainer und die europ&#228;ischen Russen (meist zur Arbeit hierher verbannte Str&#228;flinge) – beschreibt Mamin-Sibirjak das „Zusammenleben“ dieser religi&#246;sen und ethnischen Gruppen sehr eindringlich.</p>
<p>Mamin beschreibt seine Welt als analytisch ausgebildeter Wissenschaftler und Schriftsteller naturalistischer Pr&#228;gung, also ohne Partei zu ergreifen, geschweige denn eine ideologische Position zu beziehen. In seinen einzelnen Romanen ver&#228;ndert er lediglich die Blickrichtung: Einmal stellt er die Magnaten ins Zentrum seiner Betrachtung, einmal die Gutsbesitzer, dann die Arbeiter, die skrupellosen Geldgeber, reformwillige aber -unf&#228;hige Adlige, die wilden Goldgr&#228;ber, die Bauern, usw.; von allen Seiten beleuchtet er das Geschehen und zeichnet damit ein pr&#228;zises Bild dieser Zeit des Umbruchs in Russland. Und dieses pr&#228;zise Bild ist – wie bei Boborykin – eingefasst in eine spannende Handlung, die meist nicht in einem „Showdown“ endet, sondern in der die einzelnen „Mitwirkenden“ zu ihrer Bestimmung finden.</p>
<p>Einer von Mamins erschreckendsten Romanen ist <em><strong>Chleb </strong></em>(dt. Titel <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=korn">Korn</a></strong></em>). Auf den ersten Blick liefert er „nur“ eine Beschreibung der Umw&#228;lzungen, die im Getreidehandel vor sich gingen, als durch die Industrialisierung der M&#252;hlen die rein b&#228;uerliche, selbstversorgende Landbewirtschaftung in die kommerzialisierte &#252;berging. Der Bauer produzierte jetzt nicht mehr nur zur Selbstern&#228;hrung oder um sich das kaufen oder ertauschen zu k&#246;nnen, was er brauchte. Die M&#252;hlenbesitzer und Getreideeink&#228;ufer kauften von den Bauern mit Geld so viel Korn, wie sie bekommen konnten, denn sie trieben mit dem Mehl landesweit Handel. Soweit, so gut – ein notwendiger &#220;bergang von der Selbstversorgung zur Volkswirtschaft. Schockierend aber ist, dass aus den Bauern das letzte Getreide herausgelockt wurde, die Bauern verf&#252;hrt wurden, so viel wie m&#246;glich zu produzieren mit Mitteln, die ja nur auf einen relativ geringen Ertrag (eben zur Selbstversorgung) ausgerichtet waren. Die Folge war selbst in den Schwarzerdegebieten immer schlechterer Ertrag, der letztlich nicht einmal mehr f&#252;r die Bauern selbst zum Leben reichte; es wurde keine Vorsorge (Saatgut) f&#252;r das kommende Jahr getroffen und nach schlechten Erntejahren, die auch durch Zukauf aus fernen Gebieten nicht ausgeglichen werden konnten, gab es immer wieder und in den verschiedensten Gebieten Russlands riesige Hungersn&#246;te – es starben Millionen von Menschen. Gleichzeitig trieben die Getreideh&#228;ndlerkonzerne eine r&#252;cksichtslose Preispolitik, durch die sie riesige Gewinne einfuhren und gnadenlos alle kaputt machten, die ihnen nicht genehm waren.</p>
<p>Das Allererschreckendste an diesem Roman ist jedoch, dass man, wenn man den Roman heute liest und das Wort <em>„Getreide“ </em>im Denken der damaligen Konzern- und Finanzmanager durch das Wort <em>„Finanzprodukte“</em> ersetzt, ein Déjà-vu-Erlebnis hat und glaubt, Mamin-Sibirjak habe unsere weltweite Finanzkrise miterlebt. Der archaische Wildostkapitalismus gleicht dem westlichen Raubtierkapitalismus der Finanzmanager aufs Haar – und dazwischen liegen wohlgemerkt 150 Jahre. Ein Unterschied besteht allerdings: Jene von einst wurden durch die Revolution bestraft.</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur</h3>
<p><strong>Deutschsprachige Literatur zu zu Boborykin und Mamin-Sibirjak</strong></p>
<p>Kirsten Blanck: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=blanck&#038;title=boborykin+studien"><em>P. D. Boborykin – Studien zur Theorie und Praxis des naturalistischen Romans in Ru&#223;land</em></a> (1990)<br />
Erika Wischer [Hrsg.]: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wischer&#038;title=geschichte+literatur"><em>Propyl&#228;en-Geschichte der Literatur Band V</em></a> (1988)<br />
Alexander Eliasberg: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+literaturgeschichte"><em>Russische Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts</em></a> (1922)<br />
Reinhard Lauer: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+literatur"><em>Geschichte der russischen Literatur – Von 1700 bis zur Gegenwart</em></a> (2000)</p>
<p><strong>Russischsprachige Literatur im Internet:</strong></p>
<p><a href="http://www.peoples.ru/art/literature/prose/publicist/petr_boborykin/index1.html">http://www.peoples.ru/art/literature/prose/publicist/petr_boborykin/index1.html</a><br />
<a href="http://az.lib.ru/b/boborykin_p_d/text_0080.shtml">http://az.lib.ru/b/boborykin_p_d/text_0080.shtml</a><br />
<a href="http://www.pseudology.org/Literature/Boborykin_PD.htm">http://www.pseudology.org/Literature/Boborykin_PD.htm</a><br />
<a href="http://geo.1september.ru/article.php?ID=200300603">http://geo.1september.ru/article.php?ID=200300603</a><br />
<strong><br />
&#220;bersetzte Werke von Mamin-Sibirjak (auch Mamin-Ssibirjak):</strong></p>
<p>Dmitrij Mamin-Ssibirjak: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin-ssibirjak&#038;title=priwalowschen"><em>Die Priwalowschen Millionen</em></a>, Manesse Verlag 1953 [Originaltitel: <em>Privalovskie milliony</em> (1883), &#252;bersetzt und mit einem Nachwort versehen von Bruno Goetz]<br />
Dmitrij Mamin-Ssibirjak: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin-ssibirjak&#038;title=gold">Gold</a></em>, Manesse Verlag 1956 [Originaltitel: <em>Zoloto </em>(1892), &#252;bersetzt von Anne Bock, mit einem Nachwort von Kurt Friedlaender]<br />
Dmitri Mamin-Sibirjak: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=bergnest">Das Bergnest</a></em>, R&#252;tten &#038; Loening 1959 [Originaltitel: <em>Gornoe gnezdo</em> (1884), &#252;bersetzt von Hertha von Schulz]<br />
Dmitri Mamin-Sibirjak: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=korn">Korn</a></em>, R&#252;tten &#038; Loening 1954 [Originaltitel: <em>Chleb </em>(1895), &#252;bersetzt von Hertha von Schulz]<br />
Dmitri Mamin-Sibirjak: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=erzaehlungen+ural">Die Begegnung &#8211; Erz&#228;hlungen aus dem Ural</a></em> [Originaltitel: <em>Ural’skie rasskazy</em> (1888/89)]<br />
Dmitri Mamin-Sibirjak: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mamin&#038;title=maerchen">M&#228;rchen f&#252;r Aljonuschka</a></em> [Originaltitel: <em>Alënuškiny skazki</em> (1894–1896)]<br />
<strong><br />
Die Werke von Boborykin, die in deutscher Sprache vorliegen, wurden im Text genannt.</strong></div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/11/23/dmitri-mamin-sibirjak-der-sibirer-und-pjotr-boborykin-der-vergessenste-schriftsteller-seiner-zeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kaiser Alexander III. – Der Anfang vom Ende</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Oct 2009 08:59:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander]]></category>
		<category><![CDATA[Attentat]]></category>
		<category><![CDATA[Hanns-Martin Wietek]]></category>
		<category><![CDATA[Industrialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kaiser]]></category>
		<category><![CDATA[Nikolaus]]></category>
		<category><![CDATA[Orchana]]></category>
		<category><![CDATA[Reformen]]></category>
		<category><![CDATA[Schukowski]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Verfolgung]]></category>
		<category><![CDATA[Zar]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitenwende]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2871</guid>
		<description><![CDATA[Alexander II.
Als am Ende des „finsteren Jahrsiebts“ 1855 Nikolaus I. starb, atmete ganz Russland auf. Sein Sohn Alexander II. folgte ihm auf dem Thron. Dessen Erzieher und Lehrer war der fr&#252;hromantische Dichter und &#220;bersetzer (von Goethe, Schiller, Hebel) Wassili Schukowski (*1783, †1852) gewesen, der die aufgekl&#228;rten, humanistischen Ideen des europ&#228;ischen Westens im Vaterl&#228;ndischen Krieg gegen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Alexander II.</strong><br />
Als am Ende des „finsteren Jahrsiebts“ 1855 Nikolaus I. starb, atmete ganz Russland auf. Sein Sohn Alexander II. folgte ihm auf dem Thron. Dessen Erzieher und Lehrer war der fr&#252;hromantische Dichter und &#220;bersetzer (von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johann+wolfgang+goethe">Goethe</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=friedrich+schiller">Schiller</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johann+peter+hebel">Hebel</a>) <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wassili+schukowski">Wassili Schukowski</a> (*1783, †1852) gewesen, der die aufgekl&#228;rten, humanistischen Ideen des europ&#228;ischen Westens im Vaterl&#228;ndischen Krieg gegen Napoleon (1812) kennengelernt und schon 1822 die Leibeigenschaft auf seinem Landgut abgeschafft hatte. Alexander II. – weiterhin von Schukowski beraten – war von dessen liberalen Vorstellungen gepr&#228;gt, als er seine Regentschaft begann; die Aufhebung der Leibeigenschaft war eine seiner ersten Reformen. Nach einem Attentatsversuch 1866 nahm er zwar vor&#252;bergehend eine restriktivere Haltung ein, doch schlie&#223;lich erkannte er trotz (oder wegen) eines weiteren Attentats, dass Russland nur durch eine Liberalisierung vorangebracht werden konnte, und begann, noch radikalere Reformen einzuleiten. 1881 kam Alexander II. bei einem Bombenanschlag ums Leben; noch am Morgen hatte er die Bildung eines Ausschusses angeordnet, der die Mitwirkung der &#246;ffentlichen Meinung an der Gesetzgebung einf&#252;hren und festschreiben sollte – ein gro&#223;er Schritt hin zur Demokratie, der dann aber unterblieb.<br />
Sein Tod war eine Trag&#246;die f&#252;r Russland.<br />
<span id="more-2871"></span><br />
Und noch weit gr&#246;&#223;er wurde die Trag&#246;die, als sein Sohn Alexander III. (*1845, †1894) Kaiser des Russischen Imperiums (1881-1894) wurde. Die Weitsicht seines Vaters blieb ihm versperrt, und so sah er in der Ermordung seines Vaters durch Terroristen nur eine Bedrohung auch seiner Person und Familie und einen Angriff auf die Institution &#8220;Kaiser des Russischen Imperiums und Zar der Orthodoxie&#8221;, die er als autokratischer Herrscher ausf&#252;llte.<br />
Auch er hatte einen Erzieher gehabt, der ihn w&#228;hrend seiner gesamten Regentschaft weiter beriet, mit dem er eng befreundet und eines Geistes war: </p>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=# pobedonoscev">Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew (*1827, †1907)</a></strong></p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Pobedonoszevw_gemalt_von_repin.jpg" width="134" height="180" alt="" title="Ilja Repin: Konstantin Pobedonoszew" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Konstantin Pobedonoszew,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;portr&#228;tiert von Ilja Repin</small></div>
<p>Der war nun das genaue Gegenteil von Wassili Schukowski, dem liberalen Dichter und Erzieher Alexanders II. Als gelernter Jurist war er Beamter in verschiedenen Ministerien, wurde sehr schnell bef&#246;rdert, wurde Professor der Rechtswissenschaften an der Lomonossow-Universit&#228;t Moskau, von Alexander II. zum Lehrer seines &#228;ltesten Sohnes und Thronfolgers Nikolaus in Rechts- und Verwaltungswissenschaften berufen und &#8211; nach dessen Tod &#8211; 1865 zum Lehrer und Erzieher des in der Thronfolge n&#228;chsten Zarensohnes Alexander III. bestellt. 1880, noch unter Alexander II., wurde er dann sogar Oberprokuror des Heiligen Synod – eine von Zar Peter dem Gro&#223;en im Zuge der Abschaffung des orthodoxen Patriarchen von Moskau geschaffene Institution zur quasistaatlichen Verwaltung der Kirche – und damit faktisch zum Oberhaupt der orthodoxen Kirche Russlands. </p>
<p>Pobedonoszew war ein n&#252;chterner, kalter Charakter – Repin hat ihn auf seinem Portr&#228;t mit raubvogelartigen Gesichtsz&#252;gen gemalt –, ein &#252;berzeugter Anh&#228;nger der Autokratie, ein Feind jeglicher Reformen und er lehnte Pressefreiheit und s&#228;kulare Bildung des Volkes als Produkte des westlichen Rationalismus ab. Die Gesellschaft sollte sich seiner Ansicht nach unter dem autokratischen Herrscher und der orthodoxen Kirche ruhig und von selbst entwickeln; die Altgl&#228;ubigen, die sich dem nicht unterordnen wollten, hasste er von ganzem Herzen; f&#252;r ihn war es die Aufgabe der Kirche, die Menschen zu guten Untertanen des Kaisers zu erziehen. Als Ultraorthodoxer war er gleichzeitig aggressiver Antisemit, als extremer Nationalist verantwortete er eine rigide Russifizierung im Vielv&#246;lkerstaat Russland. Als er w&#228;hrend der Revolution von 1905 erkannte, dass Liberalisierungen nicht mehr aufzuhalten waren, wurde er mit seiner Einwilligung von Nikolaus II. des Amtes enthoben.</p>
<p><strong>Alexander III. </strong><br />
Letztlich sind mit diesen Eigenschaften und &#220;berzeugungen Pobedonoszews auch jene Alexanders III. beschrieben – nicht umsonst war Pobedonoszew zeit Alexanders Lebens dessen rechte Hand. Sehr viele Reformen seines Vaters hob der neue Regent daher umgehend wieder auf – wenn er gekonnt h&#228;tte, h&#228;tte er auch die Leibeigenschaft wieder eingef&#252;hrt. Liberale Minister wurden schnellstens abgesetzt, die Erleichterungen f&#252;r Juden r&#252;ckg&#228;ngig gemacht, den lokalen Selbstverwaltungen gro&#223;e Beschr&#228;nkungen auferlegt. Die Zensur wurde versch&#228;rft und in den Provinzen setzte er nur ihm verpflichtete Stellvertreter ein. Ein moderner Polizeistaat wurde geschaffen, mit dessen Hilfe der Kaiser Liberale und potenzielle Liberale, insbesondere die Anh&#228;nger der Narodniki (Volkst&#252;mler), jahrelang unbarmherzig verfolgte und hinrichten oder nach Sibirien verschicken lie&#223;.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Zar_Alexander_III.jpg" width="140" height="199" alt="" title="" /><br /><small>Zar Alexander III.</small></div>
<p>Die Zeit Alexanders III. war auch die Zeit der Industrialisierung Russlands, und nach der Bauernbefreiung str&#246;mten nun immer mehr land- und arbeitslose Bauern in die St&#228;dte und Industriezentren, was der Geheimpolizei zus&#228;tzliche Arbeit bescherte, denn aufgrund ihrer sozialen Lage radikalisierten sich diese Bauern immer mehr. Es entstanden revolution&#228;re Gruppen; einer davon geh&#246;rte Lenins &#228;lterer Bruder Alexander an, der 1887 wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren hingerichtet wurde, was den j&#252;ngeren Bruder stark gepr&#228;gt hat. Lenin selbst wurde im selben Jahr von der Uni relegiert und ins Dorf Kokuschkino im Gouvernement Kasan verbannt.</p>
<p>Als Alexander III. 1894 starb, hatte das Land industriell einen gro&#223;en Sprung vorw&#228;rts gemacht und zwangsl&#228;ufig auch der Kapitalismus Einzug in Russland gehalten (wovon freilich nur wenige profitierten). Politisch und sozial jedoch hinterlie&#223; er seinem Sohn Nikolaus II. ein Land, das um Jahrzehnte zur&#252;ckgeworfen war und das einem Pulverfass mit brennender Lunte glich.</p>
<p><strong>Die revolution&#228;re Entwicklung in Russland</strong><br />
Wie schon erw&#228;hnt, hatten sich in den 1870er-Jahren – also noch unter Alexander II. – revolution&#228;r Gesinnte in Gruppen zusammengefunden. 1875 wurde beispielsweise die erste proletarisch-revolution&#228;re Organisation im Russischen Reich, der S&#252;drussische Arbeiterbund, gegr&#252;ndet, und 1878 bildete sich eine erste revolution&#228;re Arbeitergruppe, die Untergrundorganisation Nordbund der russischen Arbeiter, die sich in programmatischer Hinsicht an die sozialdemokratischen Parteien des Westens anlehnte und 1879/80 zerschlagen wurde.</p>
<p>Wichtig waren die schon erw&#228;hnten Narodniki (Volkst&#252;mler) – eine vieltausendk&#246;pfige Gruppe von Studenten. Sie hatten versucht, ihre revolution&#228;ren Ideen ins Volk, also zu den Bauern zu tragen (1874/75), was summa summarum grandios gescheitert war, weil den Bauern nicht zu vermitteln war, dass sie sich <b>gegen</b> V&#228;terchen Zar wenden sollten; f&#252;r sie gab es nur <b>durch</b> den Zaren eine Erl&#246;sung aus ihrer gr&#228;sslichen Lage – alles andere war ihnen unverst&#228;ndlich.</p>
<p>Schon 1876 spaltete sich von den Narodniki die Gruppe Semlja i Volja (Land und Freiheit) ab; sie wollte das Ziel durch gezielte Agitation erreichen und hatte eine eigene Abteilung, die durch Attentate den Staat desorganisieren und Verr&#228;ter in den eigenen Reihen liquidieren sollte. Diese Abteilung verselbstst&#228;ndige sich 1879 und wurde zur Terrororganisation Narodnaja Volja (Volkswille), die 1881 Alexander II. mit einem Bombenattentat ermordete. </p>
<p>Im Zuge der Abspaltung der Narodnaja Volja ging aus dem gem&#228;&#223;igteren Fl&#252;gel der Semlja i Volja die Gruppe &#268;ernyi Peredel (Schwarze Umverteilung) um den Journalisten und Philosophen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=georgi+plechanow">Georgi Plechanow</a> (*1856, †1919), um Pavel Akselrod (auch Pawel Axelrod; *1850, †1928; nach 1903 f&#252;hrender Philosoph der Menschewiki) und Vera Zasuli&#269; (auch Vera Sassulitsch; *1849, †1919) hervor. Zasuli&#269; hatte erst vor kurzem eingesehen, dass mit Attentaten nichts erreicht werden w&#252;rde; sie hatte noch 1878 einen Attentatsversuch auf den Petersburger Polizeichef General Trepow unternommen und war – man beachte die Effizienz der Alexanderschen Justizreform – gegen den Willen der Politik freigesprochen worden; einer eventuellen neuen Verhaftung entzog sie sich durch ihre Flucht in die Schweiz. Vor ihr hatte selbst <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Dostojewski</a>, ein Gegner jeglichen Terrorismus‘, eine solche Hochachtung, dass er einmal sagte, wenn es darauf ank&#228;me, w&#252;rde er sie nicht verraten.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Georgij_Plechanov_um_1895.jpg" width="143" height="179" alt="" title="Georgi Plechanow" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Georgi Plechanow</small></div>
<p>Die Gruppe  &#268;ernyi Peredel war stark beein- flusst von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=karl+marx">Karl Marx</a> (*1818 †1883). Plechanow (ab 1880 ebenfalls im Exil in der Schweiz) &#252;bersetzte das Kommunistische Manifest und gab es mit einem Vorwort von Marx und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=friedrich+engels">Engels </a>heraus, Zasuli&#269; korrespondierte mehrmals mit Marx &#252;ber den russischen Sonderweg zur Revolution, denn der Marxsche Weg – erst b&#252;rgerliche, dann sozialistische Revolution – war in Russland nicht m&#246;glich, da es keine b&#252;rgerliche Schicht gab. 1883 begr&#252;ndeten Plechanow, Akselrod, Zasuli&#269; und ihre Anh&#228;nger in Genf die Russische Sozialdemokratie, die sich eng mit der Internationalen Sozialdemokratie verbunden f&#252;hlte. Von der Russischen Sozialdemokratie spalteten sich 1903 unter Lenin die Bolschewiki ab (die eine schnelle Revolution in Russland und die Diktatur einer (Arbeiter)Klasse wollten), die russische Sozialdemokratie bestand unter dem Namen Menschewiki weiter. Die Mitglieder der Menschewiki-Gruppe wollten eine repr&#228;sentative Demokratie – ein Mehrparteiensystem, in dem gew&#228;hlte Volksvertreter entscheiden (was grunds&#228;tzlich auch im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie m&#246;glich ist, wie es zum Beispiel in England, D&#228;nemark oder Holland der Fall ist).</p>
<p>Alexander III., Feind jeglicher Reformen, aber schor alle &#252;ber einen Kamm. Alle waren Feinde der Autokratie und aufgrund ihrer materialistischen Ideen auch Feinde der Orthodoxie; also mussten sie gejagt und vernichtet werden. Nun waren diese Gruppen und Personen nicht leicht aufzufinden, denn sie lebten im Untergrund. Um herauszubekommen, was diese Gruppen – insbesondere terroristische – planten, wurden Agenten der kaiserlichen Geheimpolizei Ochrana in die Gruppen eingeschleust. Daraus ergab sich ein paradoxes, ja groteskes Ph&#228;nomen: Diese M&#228;nner mussten, um ihre Glaubw&#252;rdigkeit zu beweisen, selbst terroristisch aktiv werden; sie pendelten unentwegt zwischen Enttarnungsgefahr, Verrat und Attentat. Statt die Terroristen durch die Geheimagenten in den Griff zu bekommen, befeuerte der Staat die Spirale der Gewalt; die Situation war aussichtslos, der Hass auf beiden Seiten wuchs und auch urspr&#252;nglich gem&#228;&#223;igte Reformer radikalisierten sich immer mehr und die schon vorhandenen Revolution&#228;re gewannen die Oberhand.</p>
<p>Die Frage „was w&#228;re gewesen, wenn“ ist eigentlich nutzlos und historisch wenig brauchbar, aber eines ist sicher: H&#228;tte Alexander II. mit seinen zuletzt rigorosen, ja sogar systemver&#228;ndernden Reformen Erfolg gehabt, h&#228;tte die Entwicklung Russlands anders und wahrscheinlich besser ausgesehen und das russische Volk h&#228;tte weniger leiden m&#252;ssen. Die Richtungsentscheidung f&#252;r das Schicksal des russischen Volkes waren die Ermordung Alexanders II. und die Borniertheit seines nachfolgenden Sohnes Alexanders III.</p>
<p><strong>Die Zeit in der Literatur</strong><br />
Auch in der Literatur war es, als ob die Geschichte mit der Ermordung Alexanders II. eine Pause machen, tief Luft holen wollte.<br />
Sie starben alle, die Gro&#223;en einer Zeit; eine ganze Generation von Schriftstellern trat in wenigen Jahren ab. Noch vor der literarischen Zeitenwende mit Dostojewskis Tod starben 1873 der wohl gr&#246;&#223;te lyrische Dichter neben <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+puschkin">Puschkin </a>und lange in Bayern lebende Diplomat <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+tjutschew">Fjodor Tjutschew</a>, 1875 <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexei+tolstoi">Graf Alexei Konstantinowitsch Tolstoi</a> und 1878 der f&#252;r seine Zeit und seine Schriftstellerkollegen so wichtige Dichter und Herausgeber der Zeitschrift <em>Sovremennik </em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+nekrassow">Nikolai Nekrassow</a>.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Lew%20Tolstoi%20von%20Ilja%20Repin%201887.jpg" width="132" height="189" alt="" title="" /><br /><small>Der letzte &#220;berlebende<br />
einer gro&#223;en Generation:<br />
Lew Tolstoi (portr&#228;tiert<br />
von Ilja Repin)</small></div>
<p>Am 28.01.1881 starb Fjodor Dostojewski. Sein Erzrivale <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Iwan Turgenjew</a> &#252;berlebte ihn nur um gut zwei Jahre.<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pawel+melnikow"> Pawel Melnikow</a>, der Chronist der Altgl&#228;ubigen, starb ebenfalls 1883; der beliebte Kom&#246;dienschreiber <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+ostrowski">Alexander Ostrowski </a>verabschiedete sich 1886; die im Westen weniger bekannten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=semen+nadson">Semjon Nadson</a> (auch Semen Nadson) und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wsewolod+garschin">Wsewolod Garschin</a> starben 1887 und 1888; der gro&#223;e Satiriker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow+michail">Michail Saltykow-Schtschedrin</a> 1889. Der Autor des <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow&#038;title=oblomow">Oblomow</a></em>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+gontscharow">Iwan Gontscharow</a>, ging 1891; der Dritte im Lyrikerdreigestirn mit Puschkin und Tjutschew, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=afanassij+fet">Afanassi Fet</a>, folgte 1892. Geblieben ist nur <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Lew Tolstoi</a>, aber der hatte sich schon 1882 mit <i>Meine Beichte</i>, in der er alles, was er in seinem Leben gemacht hatte und geworden war, verworfen hatte, von der gro&#223;en Literatur verabschiedet – dass er dann 1899 mit <i><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=tolstoi&amp;title=auferstehung>Auferstehung</a></i> noch einmal auf die B&#252;hne der Literatur zur&#252;ckkehren w&#252;rde, konnte er damals nicht wissen. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+leskow">Nikolai Leskow</a> sah sie alle dahingehen, er starb erst 1895; und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wladimir+korolenko">Wladimir Korolenko</a>, dem bedeutendsten Schriftsteller der Narodniki, war es beschieden, bis zum bitteren Ende auszuhalten, bis 1921; er erlebte noch eine ganz neue Generation von Schriftstellern und &#252;berlebte selbst <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=anton+tschechow">Anton Tschechow</a>, der 1904 starb – ja sogar das Urgestein, den Propheten, den Lehrer, den gr&#246;&#223;ten Schriftsteller der Welt, den Goethe Russlands (und wie die Superlative alle hei&#223;en) Lew Tolstoi &#252;berlebte er um elf Jahre.</p>
<p>Anfang der 1880er-Jahre war mit dem Tod Dostojewskis und Alexanders II. eine Epoche zu Ende gegangen, die nur mit den ganz gro&#223;en Epochen der Weltliteratur in einem Atemzug genannt werden kann, mit der italienischen Fr&#252;hrenaissance, dem englischen Elisabethanismus, dem franz&#246;sischen Klassizismus und der Goethezeit. Was ihre weltweite Bedeutung und ihren Einfluss auf das russische Zeitgeschehen betrifft, so ist sie noch &#252;ber der einzuordnen, die man „das goldene Zeitalter“ der russischen Literatur (<a href="http://blog.zvab.com/2008/02/06/alexander-sergejewitsch-puschkin/">Puschkin</a>, Schukowski, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lermontow+michail">Lermontow</a>) nennt.<br />
Der russische Realismus schien alle Kraft aufgesogen zu haben, er hatte keinen Konkurrenten, der ihm die Macht streitig machte, der ihn besiegte und fortan das Sagen gehabt h&#228;tte. Er l&#246;ste sich langsam in verschiedene Abwandlungen auf, die seine Grundz&#252;ge mehr oder weniger stark beibehielten und andere Schwerpunkte setzen. Als Beispiel seien hier der Naturalismus, den man als eine Fortentwicklung und Vertiefung des Realismus sehen muss (z. B. <a href="http://blog.zvab.com/2009/04/28/pawel-iwanowitsch-melnikow-chronist-der-altglaeubigen/>Pawel Melnikow</a>, <a href="http://blog.zvab.com/2008/11/03/michail-jewgrafowitsch-saltykowschtschedrin-satiriker-von-weltrang/">Michail Saltykow-Schtschedrin</a>, <a href="http://blog.zvab.com/2008/12/10/nikolai-semjonowitsch-leskow-journalist-und-schriftstellerteil-i/">Nikolai Leskow</a>) und der (fr&#252;he) Symbolismus genannt, die „vergeistigte“, mystisch-idealistische Variante (z. B. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mereschkowski+dimitri">Dimitri Mereschkowski</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+sologub">Fjodor Sologub</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=valeri+brjussow">Valeri Brjussow</a>).<br />
Diese literarische &#220;bergangszeit nach dem Tod Dostojewskis (mehr <a href="http://blog.zvab.com/2009/05/19/brief-an-fjodor-michailowitsch-dostojewski/">hier</a>, <a href="http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/">hier</a>, <a href="http://blog.zvab.com/2009/07/28/dostojewskis-stuermische-jahre/">hier</a> und <a href="http://blog.zvab.com/2009/08/31/dostojewski-am-ziel-seiner-traeume/">hier</a>) f&#228;llt mit der Regierungszeit Alexanders III. zusammen, darauf folgt die Zeit der Russischen Moderne (1900 bis 1921; das „silberne Zeitalter“ mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=alexander+blok">Blok</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andrei+bely">Bely</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gumilev">Gumiljow </a>u. a.), sie f&#228;llt in die Regierungszeit des letzten, des ungl&#252;cklichen Zaren Nikolaus II.</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur</h3>
<p>Orlando Figes: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=figes&#038;title=nataschas+tanz">Nataschas Tanz – Eine Kulturgeschichte Russlands</a> (2003)<br />
Edgar H&#246;sch, Hans-J&#252;rgen Grabm&#252;ller: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hoesch&#038;title=daten+russischen+geschichte">Daten der russischen Geschichte. Von den Anf&#228;ngen bis 1917</a> (1981)<br />
Geoffrey Hosking: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hosking&#038;title=russland+nation+imperium">Russland – Nation und Imperium 1552-1917</a> (2000)<br />
Reinhard Lauer: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart</a> (2000)<br />
Christoph Schmidt: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=schmidt+christoph&#038;title=russische+geschichte">Russische Geschichte 1547 – 1917</a> (2009)
</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/10/19/kaiser-alexander-iii-der-anfang-vom-ende/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Dostojewski am Ziel seiner Tr&#228;ume</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/08/31/dostojewski-am-ziel-seiner-traeume/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/08/31/dostojewski-am-ziel-seiner-traeume/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 08:17:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Der Jüngling]]></category>
		<category><![CDATA[Die Brüder Karamasow]]></category>
		<category><![CDATA[Die Dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[Dostojewski]]></category>
		<category><![CDATA[Großinquisitor]]></category>
		<category><![CDATA[Puschkinrede]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Turgenjew]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2612</guid>
		<description><![CDATA[Fjodor M. Dostojewski
kurz vor seinem Tod
Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski am 1. Februar 1881 auf dem Friedhof des Alexander-Newskij-Klosters in St. Petersburg beigesetzt wurde, war der Trauerzug, der ihn begleitete, &#252;ber zwei Kilometer lang – ca. 60 000 Trauerg&#228;ste gaben ihm das letzte Geleit.
Erst zehn Jahre zuvor war er als zwar anerkannter, aber von Literaturkritik und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski%20kurz%20vor%20seinem%20Tod.jpg" width="123" height="170" alt="" title="Dostojewski" /><br /><small>Fjodor M. Dostojewski<br />
kurz vor seinem Tod</small></div>
<p>Als <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski"><strong>Fjodor Michailowitsch Dostojewski</strong></a> am 1. Februar 1881 auf dem Friedhof des Alexander-Newskij-Klosters in St. Petersburg beigesetzt wurde, war der Trauerzug, der ihn begleitete, &#252;ber zwei Kilometer lang – ca. 60 000 Trauerg&#228;ste gaben ihm das letzte Geleit.<br />
Erst zehn Jahre zuvor war er als zwar anerkannter, aber von Literaturkritik und Publikum hinter <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Tolstoi </a>und zu seinem Leidwesen auch hinter seinem Intimfeind <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew </a>eingereihter Schriftsteller wieder nach Russland zur&#252;ckgekehrt, wirtschaftlich am Boden liegend und von seinen Gl&#228;ubigern verfolgt.<span id="more-2612"></span></p>
<p>Unbestreitbar hatte er in der Vergangenheit gro&#223;e Erfolge gehabt – <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=arme+leute">Arme Leute</a></strong></em> (1846), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=aufzeichnungen+totenhaus">Aufzeichnungen aus einem Totenhaus</a></strong></em> (1860/61) und <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=schuld+suehne">Schuld und S&#252;hne </a></em></strong>(1866) waren popul&#228;re Werke –, aber ebenso oft wurde er von Kritikern und/oder dem Publikum abgelehnt bis zerrissen, &#252;beraus kontrovers diskutiert oder ganz einfach nicht verstanden: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=erniedrigte+beleidigte">Erniedrigte und Beleidigte</a></strong></em> (1861), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=aufzeichnungen+kellerloch">Aufzeichnungen aus dem Kellerloch</a></em></strong><strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=aufzeichnungen+untergrund"> (Untergrund)</a></em></strong> (1864), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=idiot">Der Idiot </a></strong></em>(1868/69) und andere seiner Romane fielen nicht auf den fruchtbaren Boden, den er sich erhofft hatte. Sein Schreiben beunruhigte, verunsicherte die Leser, in seinen Werken gab es keine einfachen L&#246;sungen, h&#228;ufig waren sie ergebnisoffen, die Leser mussten sich selbst eine Meinung bilden und immer wieder roch es darin auch nach Kritik an der staatlichen Ordnung.</p>
<p>So nimmt es nicht Wunder, dass er, als er <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=idiot">Der Idiot</a></em> und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></em> – die bisher nur in Fortsetzung in Zeitschriften erschienen waren – in Buchform herausbringen wollte, keinen Verleger fand. Die Not war gro&#223;, zumal im Juni 1871 sein Sohn Fjodor zur Welt gekommen war. Daher gr&#252;ndete seine Frau kurz entschlossen einen eigenen Verlag und Ende 1872 konnten beide Romane erscheinen. Das war endlich die – sich zwar langsam, aber doch entwickelnde – wirtschaftliche Grundlage f&#252;r die Familie. </p>
<p><strong>Die D&#228;monen</strong></p>
<p>Im November 1869 – Dostojewski lebte noch in Dresden – ereignete sich im Park der Landwirtschaftlichen Akademie in Moskau ein grauenhafter Mord, der in der &#214;ffentlichkeit f&#252;r gro&#223;e Aufregung sorgte: Der ber&#252;chtigte anarchistischer Nihilist Sergei Netschajew (ein Freund des Anarchisten Michail Bakunin) und seine Genossen ermordeten den Studenten Iwanow, nur weil dieser den revolution&#228;ren Kreis verlassen wollte. (Zwei Jahre sp&#228;ter wurde Netschajew in der Schweiz gefasst, ausgeliefert und in St. Petersburg zu lebensl&#228;nglicher Haft in der Peter-und-Paul-Festung verurteilt). Der Bruder von Dostojewskis Frau war ein Kommilitone von Iwanow gewesen und konnte bei einem Besuch in Dresden ausf&#252;hrlich &#252;ber den Mord und die Person Iwanow berichten. Das war f&#252;r Dostojewski der &#228;u&#223;ere Anlass, mit den Nihilisten der 1860er-Jahre abzurechnen; er begann seinen Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></strong></em>. (Der russische Titel lautet <em>Besy</em>, was eigentlich mit <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=boese+geister">B&#246;se Geister</a></em>, <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=teufel">Die Teufel </a></em>oder <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=besessenen">Die Besessenen</a></em> – so die Titel verschiedener &#220;bertragungen – besser &#252;bersetzt ist und dem Sinn des Romans n&#228;her kommt.) Fertiggestellt hat er ihn erst im Jahr 1871, also nach seiner R&#252;ckkehr nach St. Petersburg; erschienen ist er zuerst in einzelnen Kapiteln in der konservativen Zeitschrift <em>Russischer Bote</em>.</p>
<p>Der Roman spielt irgendwo in der Provinz in einem Gouvernement, dessen Chef ein vertrottelter Deutschst&#228;mmiger mit einer machtgierigen und dummen Frau ist. Die Handlung erstreckt sich &#252;ber drei Monate Ende der 1860er-Jahre, ihr Kernst&#252;ck ist – in Anlehnung an das oben genannte tats&#228;chliche Ereignis – das Folgende: Ein ehrgeiziger Fanatiker strebt die Terrorherrschaft &#252;ber ganz Russland an. Er bildet eine F&#252;nfergruppe mit Gleichgesinnten (angeblich g&#228;be es solche &#252;ber ganz Russland verstreut, nur d&#252;rften sie keinen Kontakt zueinander haben), die er durch Schuld zusammenschwei&#223;en will. Zu diesem Zweck verleumdet er einen von ihnen als Verr&#228;ter und l&#228;sst ihn von den anderen hinrichten. Einen verschrobenen Theoretiker des Absurden, der seinen Selbstmord plant, &#252;berredet er, sich zur Tat zu bekennen und dann erst Selbstmord zu begehen. Er selbst entkommt ins Ausland. Die Polizei kommt zwar sehr schnell hinter den wahren Sachverhalt, bekommt jedoch den Hauptt&#228;ter im Hintergrund, ein wahres Monster an anarchistischer Kaltbl&#252;tigkeit, nicht zu fassen; er erdrosselt sich schlie&#223;lich mit einer Seidenschnur. H&#246;hepunkt des Geschehens ist ein Fest der Gouverneursgattin, das in vollkommenes Chaos ausartet: Es kommt zu einer Reihe sinnloser Brandstiftungen und anderer Gr&#228;ueltaten, denen niemand Einhalt gebieten kann, auch nicht der „ber&#252;hmte Schriftsteller“ (eine &#252;ble Karikatur von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew</a>), der sich bei der nihilistischen Jugend anbiedert (wie Turgenjew mit seinem Roman <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew&#038;title=rauch">Rauch</a></em>).</p>
<p>An den damaligen Thronfolger und sp&#228;teren Zaren Alexander III. schrieb Dostojewski zu seinem Werk:</p>
<blockquote><p><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></em> … beinahe eine historische Studie, mit der ich zu erkl&#228;ren suchte, wie es kommt, dass ein so ungeheuerliches Ph&#228;nomen wie die Netschajew-Bewegung in unserer seltsamen Gesellschaft m&#246;glich ist … Diese Verwandtschaft und Kontinuit&#228;t der Ideen, die von den V&#228;tern auf die S&#246;hne &#252;bergegangen sind, wollte ich in meinem Werk ausdr&#252;cken.</p></blockquote>
<p>In diesem Roman, der zweifelsohne zu seinen bestkomponierten geh&#246;rt, schreckt Dostojewski vor keinem Mittel zur&#252;ck – auch nicht dem rei&#223;erischsten –, um einerseits den Atheismus in seinen Erscheinungsformen Sozialismus und Materialismus anzuprangern und nat&#252;rlich gleichzeitig den Leser zu fesseln. Er distanziert sich damit scharf von seiner eigenen revolution&#228;ren Jugend. Treffen wollte er mit Sicherheit auch den Anarchisten Michail Bakunin, den er in London kennengelernt hatte.</p>
<p>Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings anmerken, dass Dostojewski beim Gebrauch seiner Stilmittel weit &#252;ber die Realit&#228;t hinausgeschossen ist, was sicher seiner Vergangenheit und seinem Skeptizismus geschuldet ist. Denn es ist sicher falsch, alle sozialen Revolution&#228;re zu kriminalisieren auf die Stufe eines Netschajew herabzuziehen oder sie mit Anarchisten gleichzusetzen – die anarchistischen Bestrebungen des Michail Bakunin machten schlie&#223;lich nur einen kleinen Teil der revolution&#228;ren Bewegung aus. Das Werk erweckt den Eindruck, als habe es aufrechte, ehrliche Revolution&#228;re nicht gegeben.<br />
Tief im Grunde geht es Dostojewski aber, wie in immer st&#228;rkerem Ma&#223;e in allen seinen Romanen, um Liebe, Freiheit, Macht, Erl&#246;sung und vor allem um die Suche nach Gott.</p>
<p>Das Wagnis, das seine Frau Anna Grigorjewna mit der Gr&#252;ndung eines eigenen Verlages eingegangen war, machte sich mit dem Erscheinen der <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">D&#228;monen</a></em> in Buchform bezahlt. <em>Die D&#228;monen</em> war ein unbestreitbarer Erfolg, der sich auch wirtschaftlich bemerkbar machte; und sie beschlossen, zuk&#252;nftig alle Werke im Eigenverlag herauszugeben.<br />
Dostojewski geh&#246;rte von nun an zu den gro&#223;en russischen Schriftstellern, in einem Atemzug zu nennen mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Tolstoi</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow">Gontscharow </a>und seinem Intimfeind <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew</a>.</p>
<p><strong>Dostojewski – Turgenjew</strong></p>
<div class="bildrechts">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Turgenjew%20von%20Ilja%20Repin.jpg" width="130" height="170" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Iwan Turgenjew,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;portr&#228;tiert von Ilja Repin</small></div>
<p>An dieser Stelle muss kurz etwas zum Verh&#228;ltnis der beiden Antipoden <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew </a>– <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Dostojewski </a>gesagt werden: Einmal f&#252;hlte sich Dostojewski von Turgenjew pers&#246;nlich beleidigt, weil Turgen- jew ihm, als er ihn 1865 (bei seiner dritten Europareise) um Geld zum Spielen angebettelt hatte, nur einen Teil der gew&#252;nschten Summe (sozusagen mit erhobenem Zeigefinger) ge- schickt hatte. Des Weiteren war Turgenjew ein &#252;berzeugter Westler, Dostojewski dagegen ein &#252;berzeugter Slawophiler. Turgenjew hatte 1861 zwar mit <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew&#038;title=vaeter+soehne">V&#228;ter und S&#246;hne</a></em> (richtiger w&#228;re „V&#228;ter und Kinder&#8221;) den ersten antinihilistischen Roman geschrieben – den Dostojewski bef&#252;rwortete – und nach heftiger Kritik das Land verlassen. Mit seinem Roman <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew&#038;title=rauch">Rauch </a></em>hatte er jedoch eine Kehrtwendung gemacht, um sich bei den Lesern wieder anzubiedern. Das ver&#252;belte ihm Dostojewski sehr, und bei einem hitzigen Gespr&#228;ch &#252;ber den Roman im Jahr 1867 in Baden-Baden kam es zum offenen Eklat: Dostojewski hatte &#252;ber die Deutschen geschimpft, worauf Turgenjew ihm w&#252;tend erkl&#228;rte, dass er sich mehr als Deutscher denn als Russe f&#252;hle und sich die Beleidigungen verbitte. K&#252;hl und schweigend verabschiedeten sich beide und blieben Feinde bis an Dostojewskis Lebensende (s. <strong>Puschkinrede</strong>).</p>
<p><strong>Wladimir Solowjow</strong></p>
<p>In die Zeit nach dem Roman <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></em> fiel auch der Beginn (1873) einer tiefen – ja seelentiefen – Freundschaft mit dem auch heute noch anerkannten und ma&#223;geblichen Religionsphilosophen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=solowjow+wladimir">Wladimir Solowjow</a> (und dessen Bruder, dem Schriftsteller Wsewolod Solowjow). Mit ihm verband Dostojewski die &#220;berzeugung, dass allein der russisch-orthodoxe Glauben – wie ihn das einfache Volk der Bauern lebte – die Rettung Russlands (und der ganzen Welt) herbeif&#252;hren k&#246;nne; alle rationalen Gesellschaftstheorien oder Ideologien, wie sie aus dem Westen nach Russland her&#252;bergeschwappt waren, w&#252;rden Russland nur ins Ungl&#252;ck st&#252;rzen. Positivismus, Sozialismus, Kapitalismus, Rationalismus, Materialismus und andere Ismen waren ihrer Meinung nach nur verschiedene Kehrseiten der einen Medaille Atheismus. Dostojewski ging sogar so weit, zu sagen, dass auch der r&#246;mische Katholizismus und der Protestantismus des Westens letztlich rationalistische Glauben seien, denn sie versuchten, die Existenz Gottes mit der Vernunft zu erforschen und zu beweisen. Den r&#246;mischen Katholizismus bewertet er nicht besser als den Sozialismus, denn seit der Katholizismus zur Staatsreligion im R&#246;mischen Reich geworden sei werde versucht, ihn als weltweite Macht zu etablieren; Gott werde quasi machtpolitisch missbraucht (vgl. hierzu <em>Die Legende vom Gro&#223;inquisitor</em> in <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=karamasow">Die Br&#252;der Karamasow</a></em>).</p>
<p><strong>Politische Hintergr&#252;nde der 1870er-Jahre</strong></p>
<p>Nach dem Erfolg seiner <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></em> widmet sich Dostojewski immer st&#228;rker dem Kampf gegen die revolution&#228;re – und atheistische – Entwicklung in Russland. Wie aber war die politische Situation?<br />
Alexander II. hatte zwar Anfang der 1860er-Jahre eine ganze Reihe von Reformen durchgef&#252;hrt, die – verglichen mit der Zeit unter Nikolaus I. – auch ein Mehr an Freiheiten gebracht hatten, diese aber f&#252;hrten nicht zu einer Beruhigung der revolution&#228;ren Bestrebungen. Im Gegenteil: Der kritischen Intelligenzija war es leichter geworden, ihre Ziele zu verfolgen. 1866 wurde ein Attentat auf Alexander II. ver&#252;bt, was ihn restriktiver werden lie&#223;, wodurch sich im Gegenzug die revolution&#228;ren Tendenzen verst&#228;rkten. Die Aktiven der Narodniki (Volkst&#252;mler), Studenten und Intellektuelle, aber auch „von ihrem Gewissen geplagte Adelige“, die f&#252;r die S&#252;nden ihrer Vorfahren Bu&#223;e tun wollten, glaubten, Ver&#228;nderungen in der Gesellschaft herbeif&#252;hren zu k&#246;nnen, indem sie zu den Bauern („ins Volk“) gingen und wie sie und mit ihnen lebten, um an der Basis „aufzukl&#228;ren“ und eine Revolution heraufzubeschw&#246;ren. Die Idee der Narodniki war vom Prinzip her eine Idee, der auch Dostojewski (besonders in den 1860ern) nahe stand, denn er war der Meinung, dass die Intelligenzija dort bei den Bauern den wahren russischen Glauben an Gott finden w&#252;rde.</p>
<p>1873 gab es einen Massenaufbruch der Narodniki, der 1874 scheiterte. Einerseits sorgten Polizei und Geheimdienst f&#252;r ein schnelles Ende, andererseits aber sahen die Narodniki auch sehr schnell ein, dass sie von den Bauern nicht verstanden wurden. Nach dem Fehlschlag radikalisierte sich die Bewegung und es entstanden radikal-sozialistische und anarchistische Gruppen. Einer dieser Gruppen, der Narodnaja Wolja (Volkswille), sollte dann 1881 auch Alexander II. (der „demokratischste“ aller Zaren) zum Opfer fallen.<br />
Gegen diese Radikalisierung und den damit verbundenen Atheismus zu k&#228;mpfen, sah der tief religi&#246;se Dostojewski als seine Aufgabe an. Seine &#220;berzeugung war, dass das Heil der Welt im unverf&#228;lschten, urt&#252;mlichen, nicht-rationalen (im Gegensatz zum Westen) Glauben der einfachen russischen Bauern lag. Dieser Glauben war ein national-russisch-orthodoxer Glaube, der sich nur dadurch vom Chauvinismus abgrenzte, dass er auch dem Westen das Heil, die All-Br&#252;derlichkeit, die All-Menschlichkeit in Frieden bringen werde. Ein echter Russe k&#246;nne nur der sein, der in allen Menschen seine Br&#252;der in Gott sieht, sagte Dostojewski sp&#228;ter in seiner ber&#252;hmten <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=puschkin">Puschkinrede </a></em>(1880).</p>
<p><strong>Das Tagebuch eines Schriftstellers</strong></p>
<p>Um auch nicht-belletristisch zu gesellschaftlichen Problemen Stellung nehmen zu k&#246;nnen (aber auch, weil das monatliche Sal&#228;r von 250 Rubeln seine wirtschaftliche Lage deutlich verbesserte), nahm Dostojewski 1873 das Angebot des F&#252;rsten Meschtscherski an, Redakteur der extrem staatstreuen Zeitschrift <em>Grashdanin </em>(<em>Der Staatsb&#252;rger</em>) zu werden. Hier arbeitete er unter anderem eng mit dem ultrarechten Juristen Konstantin Pobedonoszew zusammen, der sp&#228;ter als Oberprokuror des Heiligen Synods (gewisserma&#223;en die „Regierung“ der russisch orthodoxen Kirche) Stellvertreter des Zaren wurde und mit seiner aggressiven orthodoxen, gro&#223;russisch-nationalistischen Politik viel Unheil anrichten w&#252;rde. Die Zusammenarbeit dauerte allerdings nur etwas mehr als ein Jahr an, dann schied Dostojewski wegen heftiger Meinungsverschiedenheiten aus der Redaktion aus. Wichtig ist jedoch, dass er in dieser Zeitschrift mit der Herausgabe seines <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=tagebuch+schriftstellers">Tagebuch eines Schriftstellers</a></strong></em>, das sp&#228;ter (1876) dann auch im Eigenverlag in einer Monatszeitschrift erschien, begann. Hier &#228;u&#223;erte er unverbr&#228;mt seine Meinung zu Erscheinungen der Zeit und ver&#246;ffentlichte Erz&#228;hlungen wie <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=bobok">„Bobok“ </a></em>(1873), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=sanfte">„Die Sanfte“</a></em> (1876) und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=traum+menschen">„Der Traum eines l&#228;cherlichen Menschen“</a> </em>(1877) aber auch Artikel zum russisch-osmanischen Krieg (1877), einen Nachruf auf <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+nekrassow">Nekrassow </a>(1878) und, kurz vor seinem Tod, anl&#228;sslich der Einweihung des Puschkindenkmals in Moskau am 8. Juni 1880 – quasi als Testament – die erw&#228;hnte <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=puschkin">Puschkinrede</a></em>.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewskis%20Haus%20in%20Staraja%20Russe.jpg" width="180" height="113" alt="" title="Staraja Russa" /><br /><small>Dostojewskis Haus in<br />
Staraja Russa</small></div>
<p>Dostojewski war nicht zuletzt durch das <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=tagebuch+schriftstellers">Tagebuch eines Schriftstellers</a></em> zu einer Instanz des &#246;ffentlichen Lebens geworden und seine wirtschaftlichen Verh&#228;ltnisse waren endlich gut und stabil, nur gesundheitlich ging es ihm seit 1874 immer schlechter. Seine epileptischen Anf&#228;lle kamen zwar seltener, daf&#252;r waren sie heftiger; hinzu kam ein chronisches Lungenemphysem, zu dessen Behandlung er j&#228;hrlich nach Bad Ems fuhr. In Staraja Russa hatte er mit seiner Familie 1873 ein Haus gemietet (1876 kauften sie dort ein Haus), wo sie viel Zeit verbrachten. So schrieb er seinen vierten gro&#223;en Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=juengling">Der J&#252;ngling</a></strong></em> (auch: <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=werdender">Ein Werdender</a></em>) gewisserma&#223;en auf dem Land.</p>
<p><strong>Der J&#252;ngling</strong></p>
<p><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=juengling">Der J&#252;ngling</a></em> ist im Ton wesentlich moderater als sein Vorg&#228;nger <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></em>. Er erschien in der liberal-demokratischen Zeitschrift <em>Vaterl&#228;ndische Annalen</em> (<em>Otetschestwennje sapiski</em>), die von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+nekrassow">Nekrassow </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow">Saltykow-Schtschedrin</a> herausgegeben wurde und zu dieser Zeit eine der radikalsten ebenso wie die f&#252;hrende Zeitschrift der Intelligenzija, der Narodniki, war. Sicher spielte f&#252;r Dostojewski auch eine Rolle, dass er einen sehr guten Vorschuss und ebenso gute Autorentantiemen bekam, die ihm den doch recht deutlichen Kurswechsel von den aggressiven <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">D&#228;monen </a></em>im konservativen <em>Russischen Boten</em> hin zum moderaten <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=juengling">J&#252;ngling </a></em>in einem sehr viel liberaleren Blatt verschmerzen halfen. Zudem war <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+nekrassow">Nekrassow </a>ein von Dostojewski hoch verehrter Dichterfreund. Die Ver&#228;nderungen im Roman waren jedoch prim&#228;r stilistischer Natur – der Ton wurde kommoder, umg&#228;nglicher –, in der Sache blieb sich Dostojewski treu.</p>
<p>Politischer Hintergrund des Romans ist die Zeit der Narodniki, mit denen Dostojewski ja eigentlich sympathisierte. Wie in allen seinen Romanen greift er auch in diesem die ganzen „verfluchten Fragen“ auf (wie er es einmal genannt hat): die Existenz Gottes, DES Guten und DES B&#246;sen, die M&#246;glichkeit eines Paradieses auf Erden, der von seinen Wurzeln (das Bauerntum) abgeschnittene aristokratische Intelligenzler, der tief gl&#228;ubige Mann des Volkes (der Bauer), die Zerrissenheit des Individuums, der Wille zur Macht und der &#220;bermensch.</p>
<p>Die individuelle Zerrissenheit und die Tatsache, dass meist nichts so ist, wie es scheint, zeigen sich schon in der Zusammensetzung der <em>„zuf&#228;lligen Familie“</em>, um die sich die Handlung dreht: Der J&#252;ngling Arkadij, der nach einer Richtschnur f&#252;r sein Leben sucht, der wissen will, was Gut und B&#246;se ist, ist der illegitime Sohn des adeligen Gutsbesitzers Werssilow – ein widerspr&#252;chlicher Charakter – und seiner Leibeigenen Sofija, mit der er in wilder Ehe zusammenlebt; Sofija ist eigentlich mit Werssilows leibeigenem G&#228;rtner verheiratet, mit Makar Dolgorukij, der als frommer Pilger durch Russland zieht. Arkadij hat also einen leiblichen Vater, der adelig ist, und einen nominellen Vater, der fromm und ein Leibeigener ist. Er tr&#228;gt den Namen seines nominellen Vaters, Dolgorukij; Dolgorukij aber ist auch der Name eines der &#228;ltesten und einflussreichsten Adelsgeschlechter Russlands, sodass jeder Arkadij nach seiner Herkunft fragt. Zu allem &#220;berfluss sind beide – Arkadij und sein leiblicher Vater Werssilow – in dieselbe Frau verliebt, die stolze Femme fatale Katerina. Verwirrungen ohne Zahl sind die Folge. Sofija, Arkadijs Mutter, eine einfache und – worauf der Name schon hindeutet – weise Frau, ertr&#228;gt alle Dem&#252;tigungen aus der illegitimen Verbindung. Am Ende, als der fromme Pilger und eigentliche Ehemann Sofijas Makar Dolgorukij gestorben ist, nimmt sie der adelige Werssilow zur Frau. Eine Vertreterin des Volkes heiratet einen Adeligen: Es kommt zur Verbindung von Volk und Intelligenzija, und ein frommer, selbstloser Pilger stiftet mit seinem Tod Vers&#246;hnung und beendet das Chaos.</p>
<p>Dostojewski war jetzt am Ziel seiner Jugendtr&#228;ume, er war ber&#252;hmt: Im Dezember 1877 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen und im Juni 1879 einstimmig zum Mitglied des Ehrenkomitees des Internationalen Literaturkongresses in London gew&#228;hlt.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Anna%20Grigorjewna%20Dostojewskis%20Frau.jpg" width="130" height="170" alt="" title="" /><br /><small>Dostojewskis Frau<br />
Anna Grigorjewna</small></div>
<p>Das Schicksal bewahrte ihn aber auch weiterhin nicht vor Tiefschl&#228;gen: Nachdem schon im Dezember 1877 sein hoch gesch&#228;tzter Dichterfreund <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolaj+nekrassow">Nekrassow </a>an Krebs gestorben war, starb im Mai 1878 sein hei&#223; geliebter Sohn Alexej (Aljoscha) nicht ganz drei Jahre alt an einem epileptischen Anfall. Dostojewski war verzweifelt. Seine Frau Anna Grigorjewna schreibt: <em>„Die ganze Nacht kniet er vor ihm und verdammt sich, dass er seinem Sohn diese schreckliche Krankheit vererbt hat.“</em> Nach Monaten der Trauer fuhr Dostojewski im Oktober zusammen mit Wladimir Solowjow ins Kloster Optina Pustyn, wo er in mehreren Gespr&#228;chen mit dem Einsiedlerm&#246;nch Ambrosius Trost fand.<br />
Dieser Einsiedlerm&#246;nch ist das Vorbild f&#252;r den M&#246;nch Sossima in seinem letzten gro&#223;en Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=karamasow">Die Br&#252;der Karamasow</a></strong></em>, den er nach dem Tod seines Sohnes zu schreiben begann und kurz vor seinem eigenen Tod im November 1880 abschlie&#223;en sollte.</p>
<p><strong>Die Br&#252;der Karamasow</strong></p>
<p>Von der Handlung her gesehen ist <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=karamasow">Die Br&#252;der Karamasow</a></em> ein spannender, mitrei&#223;ender Kriminalroman. Hinter dieser inhaltlichen Oberfl&#228;che aber verbirgt sich ein episodenreicher Roman, dessen Handlung auf mehreren Ebenen stattfindet. Des komplizierten Aufbaus war sich Dostojewski durchaus bewusst; darauf angesprochen erwiderte er lapidar: <em>„Die Leser sollen auch etwas zu tun haben.“</em><br />
Kernst&#252;ck der Handlung sind der Mord an Fjodor Karamasow und seine Hintergr&#252;nde, und anders als in Schuld und S&#252;hne wird die Tat erst am Ende des Romans aufgekl&#228;rt.</p>
<p>Fjodor Karamasow, ein woll&#252;stiger, sexbesessener, boshafter, alter Gutsbesitzer, z&#228;h und von ungeheurer Vitalit&#228;t, wird eines Tages erschlagen. Er hat drei legitime S&#246;hne – Dmitrij, Iwan und Aljoscha – und einen illegitimen, Smerdjakow, ein Epileptiker. Letzteren hat er nach einer n&#228;chtlichen Orgie im Kreis seiner Saufkumpane mit der „Stinkenden“ gezeugt, einer Halbirren, die nachts im Unkraut an Bachr&#228;ndern zu schlafen pflegt; er ist als Koch und Lakai auf dem Gut seines Vaters angestellt. Dmitrij ist ein wilder und leichtlebiger aber grundehrlicher Offizier, der von seinem Vater die Leidenschaftlichkeit geerbt hat; bei Iwan hat sich die Vitalit&#228;t des Vaters auf den Intellekt &#252;bertragen; Aljoscha (der Name von Dostojewskis gerade verstorbenem Sohn) ist ein tiefreligi&#246;ser Mensch, der als – viele Freiheiten habender – Novize in einem der Stadt benachbarten wei&#223;en Kloster lebt. In diesem Kloster lebt auch der Starez Sossima, der f&#252;r alle drei Br&#252;der der geistige Vater ist.</p>
<p>Die drei Br&#252;der – schon erwachsen – kommen aufgrund einer Erbschaftsangelegenheit zu ihrem Vater auf das Gut; Dmitrij beschuldigt seinen Vater, ihm sein Erbteil vorzuenthalten. Sie alle hassen oder zumindest verachten wie auch Smerdjakow den Vater, und die Situation eskaliert, als herauskommt, dass der z&#252;gellose Vater mit einer Femme fatale eine Beziehung hat, die Dmitrij anbetet. Nachdem der Vater ein Vers&#246;hnungsgespr&#228;ch mit dem Sohn bei Sossima in eine Farce hat ausarten lassen, beschlie&#223;t Dmitrij, seinen Vater umzubringen, nimmt aber von dem Gedanken wieder Abstand, als er feststellt, dass die von ihm Angebetete von seinem Vater nicht lassen will. Auch Iwan hat schon mit dem Gedanken an Mord gespielt und mit Smerdjakow dar&#252;ber gesprochen, was in Smerdjakow ebenfalls den Plan zum Mord reifen l&#228;sst. Als Iwan eines Tages weit weg vom Gut ist, erschl&#228;gt Smerdjakow den Vater. Er t&#228;uscht einen epileptischen Anfall vor, der ihm f&#252;r die Tatzeit als Alibi dient. Bleibt nur noch Dmitrij. Die Eifersucht und der Erbstreit mit seinem Vater gelten als Indizien, zudem macht ein Diener unwillentlich eine Falschaussage. Dmitrij wird verhaftet; Smerdjakow gesteht Iwan den Mord und erh&#228;ngt sich danach. Als Iwan – schon halb wahnsinnig vor Schuldgef&#252;hlen, weil er Smerdjakow den Mordgedanken eingepflanzt hat – sich bei Gericht auf den Toten beruft, glaubt man ihm jedoch nicht, verurteilt Dmitrij und schickt ihn f&#252;r zwanzig Jahre nach Sibirien.</p>
<p>Zur selben Zeit, als der alte Karamasow ermordet wird, stirbt auch Starez Sossima, die andere Vaterfigur der drei Br&#252;der. Aljoscha verl&#228;sst mit dem Erbe seiner geistigen Erfahrungen das Kloster. Die drei Br&#252;der m&#252;ssen jetzt jeder f&#252;r sich mit dem Karamasowschen Erbe in sich fertig werden; das B&#246;se in ihnen muss sterben, damit das Gute (auf christlicher Grundlage) gedeihen kann.</p>
<p><strong>Die Legende vom Gro&#223;inquisitor</strong></p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Die%20Br%C3%BCder%20Karamasow.jpg" width="101" height="170" alt="" title="" /></div>
<p>Eine der vielen Episoden im Roman ist die ber&#252;hmt gewordene Legende vom Gro&#223;inquisitor. Dieses „Poem&#8221; hat sich Iwan ausgedacht (gedichtet und nicht aufgeschrieben, wie er sagt), Iwan, der die von Gott geschaffene Welt so nicht akzeptiert, weil er meint, es gebe in ihr zu viel Leiden durch Ungerechtigkeit.</p>
<p>Die Legende spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts. Der Gro&#223;inquisitor ist der Meinung, dass Christus den allergr&#246;&#223;ten Teil der Menschheit mit der M&#246;glichkeit, zwischen Gut und B&#246;se zu w&#228;hlen, &#252;berfordert habe und diese Freiheit kein Segen, sondern ein Fluch sei. Er korrigiert dies, indem er den Menschen strenge Gesetze gibt, die sie der Wahlm&#246;glichkeit berauben; nur was er sagt, gilt; und wer danach lebt, ist gl&#252;cklich, weil er zu wissen glaubt, in die Ewigkeit zu Gott einzugehen. Der Gro&#223;inquisitor ist damit der<br />
Antichrist(us).</p>
<p>Nun erscheint Christus wieder auf der Erde, genauer gesagt in Sevilla, wird vom Volk erkannt und bejubelt und erweckt sogar ein M&#228;dchen von den Toten. Der Gro&#223;inquisitor, ein alter asketischer Greis, l&#228;sst Christus festnehmen und in ein Verlies im Palast des Heiligen Tribunals werfen, um ihn am n&#228;chsten Tag auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. In der Nacht geht er zu Christus in die Zelle und erkl&#228;rt ihm, warum er ihn am n&#228;chsten Morgen auf dem Scheiterhaufen verbrennen m&#252;sse. Er klagt ihn an, dass er kein Recht habe, wieder auf Erden zu erscheinen und die von ihm, dem Gro&#223;inquisitor, geschaffene Ordnung zu st&#246;ren. Christus habe die Menschen viel zu hoch eingesch&#228;tzt: Sie wollten die von ihm angebotene Freiheit nicht; nur wenige Auserw&#228;hlte seien stark genug, diese furchtbare Gabe zu ertragen. Er hingegen werde der Menschheit das Gl&#252;ck bringen, indem er sie zu absolutem Gehorsam, zur &#220;bernahme der von ihm geschaffenen Vorstellungen von Gut und B&#246;se und zur Entpers&#246;nlichung zwinge. Wenn der Mensch moralisch versklavt sei, werde er zur Belohnung Brot erhalten. Alle Menschen w&#252;rden gl&#252;cklich sein, bis auf die wenigen „&#220;bermenschen“, die um das Geheimnis w&#252;ssten und &#252;ber die Menschheit herrschten. Flammend schleudert er Christus entgegen:</p>
<blockquote><p>Wisse, dass ich keine Furcht vor Dir habe. Wisse, dass auch ich in der W&#252;ste war, dass auch ich mich von Heuschrecken und Wurzeln gen&#228;hrt, dass auch ich die Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete und auch ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserw&#228;hlten zu geh&#246;ren, zur Zahl der M&#228;chtigen und Starken, lechzend danach, „die Zahl vollzumachen“. Aber ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen. Ich kehrte zur&#252;ck und schloss mich der Schar jener an, die <strong>Dein Werk verbesserten</strong>. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zur&#252;ck zu den Dem&#252;tigen, zum Gl&#252;cke eben dieser Dem&#252;tigen. Das, was ich Dir sage, wird in Erf&#252;llung gehen, und unser Reich wird kommen. Und ich sage es Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen st&#252;rzen wird, um das Feuer zu sch&#252;ren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich daf&#252;r, dass Du gekommen bist, uns zu st&#246;ren. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat, der vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen. Dixi!</p></blockquote>
<p>Dann wartet der Gro&#223;inquisitor auf Christus&#8217; Antwort. Der aber schweigt, schweigt lange. Dann steht er auf, geht auf den Gro&#223;inquisitor zu und </p>
<blockquote><p>k&#252;sst ihn still auf die blutleeren neunzigj&#228;hrigen Lippen. Das ist Seine ganze Antwort. Der Greis zuckt zusammen. Und dann erbebt etwas an den Mundwinkeln des greisen Gro&#223;inquisitors; er geht zur T&#252;r des gew&#246;lbten Verlieses, &#246;ffnet sie und sagt zu Ihm: „Geh und komme nie wieder … komme &#252;berhaupt nicht mehr … nie wieder, nie wieder!“ Und er l&#228;sst ihn hinaus auf die ‚dunklen Gassen der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.</p></blockquote>
<p>Unschwer ist zu erkennen, auf wen diese Legende gem&#252;nzt ist. In der Diskussion der drei Br&#252;der, im Verlauf derer Iwan sein Poem erz&#228;hlt, wird es ja auch explizit ausgesprochen: Es geht um die r&#246;misch-katholische Kirche, die sich vom Urchristentum – d. h. vom eigentlichen Anliegen Christi – entfernt und sich Dostojewskis Ansicht nach durch ihre Machtpolitik verweltlicht hat.<br />
Um die m&#246;glichen Standpunkte in einer Diskussion um dieses Thema, um Dostojewskis <em>„religi&#246;se Weltschau“</em>, wie es Ludolf M&#252;ller in seinem Essay <em>Die Religion Dostojewskis</em> (erschienen in: Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Dichter, Denker, Vision&#228;r) nennt, auch nur ann&#228;hernd nachzuzeichnen, ist hier leider der Raum nicht gegeben. Und so bleibt die Empfehlung: Auch wenn manches &#252;berzeichnet, manches durch sehr punktuelle Betrachtung einseitig geschildert erscheinen mag, es lohnt sich unbedingt, sich mit dieser – auch packend geschriebenen – Legende auseinanderzusetzen.</p>
<p>Der Erfolg der <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=karamasow">Br&#252;der Karamasow</a></em> war und ist &#252;berw&#228;ltigend; es gibt wohl keinen anderen Roman in der Weltliteratur mit diesem Bekanntheitsgrad – bis heute.<br />
Dostojewski war auf dem Gipfel seines Ruhms.</p>
<p><strong>Dostojewskis polyfoner Roman</strong></p>
<p>Dostojewski ist Schriftsteller <strong>und </strong>Denker, Philosoph. Ihm geht es, wie mehrfach schon angesprochen, um die Erkenntnis von Gut und B&#246;se, um die Existenz Gottes, die Zerrissenheit des Individuums, den verderblichen Willen nach Macht, den Gott-&#220;bermenschen – um metaphysische Fragen also, die jedoch unzweifelhaft ihren Niederschlag in ganz praktischen Fragen finden, wie: Kann es ein Paradies auf Erden geben? Findet ein aristokratischer Intelligenzler wieder Boden unter den F&#252;&#223;en? Kann der gl&#228;ubige Bauer der Gesellschaft weiterhelfen? u. v. m. Um diese f&#252;r Dostojewski wegweisenden Fragen der &#214;ffentlichkeit bewusst zu machen und einer L&#246;sung zuzuf&#252;hren, gen&#252;gte es nicht, zu philosophieren, sie mussten unters Volk, sprich unter die Leser, gebracht werden; dazu bedurfte es eines Schriftstellers. Und Dostojewski war ein Schriftsteller, ein genialer Schriftsteller.</p>
<p>Er verstand es auf der einen Seite, den Leser durch mitrei&#223;ende (manchmal schon rei&#223;erische) Handlungen zu fesseln, die ihn m&#252;helos auch &#252;ber viele Hunderte von (und manchmal tausend) Seiten fesseln, auf der anderen Seite konnte er viele stark divergierende, oft kontr&#228;re Meinungen zu einem Problem an oder besser noch in den Leser „transportieren“, die widerspr&#252;chlich in einer Person angelegt sind.<br />
Mit dem herk&#246;mmlichen Schema eines Romans, dem <strong>homofonen</strong> Schema, lie&#223; sich dies nicht bewerkstelligen, denn in ihm gibt es einen Hauptdarsteller, dem sich alle Personen und alles Geschehen unterordnen muss; der Roman ist vollst&#228;ndig auf ihn ausgerichtet. Was sich nicht auf ihn bezieht, wird belanglos, ja verwirrend – ist nicht zielf&#252;hrend (wie man heute sagt). Dostojewski l&#246;ste dieses Problem, indem er den <strong>polyfonen</strong> Roman entwickelte und ihn auch gleich zu nie wieder erreichter Vollkommenheit f&#252;hrte. Im polyfonen Roman gibt es keinen Hauptdarsteller; alle Personen handeln mehr oder weniger gleichrangig nebeneinander, teilweise in Episoden, schriftstellerisch brillanten Schilderungen von Geschehen, die manchmal erst am Ende zu einem gemeinsamen Ziel f&#252;hren, manchmal aber auch nur f&#252;r ein Zwischenziel bedeutsam sind. Bei dieser Technik werden auch widerspr&#252;chliche Gedanken und Meinungen anhand verschiedener Figuren oder verschiedener Entwicklungsstadien eines einzelnen Charakters gleichrangig dargestellt. </p>
<p>Im polyfonen Roman k&#246;nnen Meinungen, &#220;berzeugungen, ja Weltanschauungen in ununterbrochenen Streit miteinander treten, sich mit der Person entwickeln oder die Person scheitern lassen – was zwangsl&#228;ufig R&#252;ckschl&#252;sse auf die &#220;berzeugung oder Weltanschauung erlaubt. Die Personen f&#252;hren Dialoge, in denen sich das Geschehen entwickelt, und die Charaktere werden durch diese Dialoge dargestellt. Im homofonen Roman werden dagegen die Charaktere erst dargestellt und handeln dann entsprechend ihrem Charakter, was den Figuren wenig Entwicklungsspielraum l&#228;sst.</p>
<p>Es gibt bei Dostojewski nie die <strong>eine </strong>Quintessenz, es gibt immer mehrere; scheitert eine Person oder &#220;berzeugung, wird die gegenteilige zwar Erfolg haben, niemals aber nach dem Motto „Ende gut, alles gut&#8221;, denn der ewige Zweifler Dostojewski findet nie ein statisches Ende, immer ist in einem Ende auch ein Anfang oder ein Vielleicht angelegt.</p>
<p><strong>Die Puschkinrede</strong></p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Puschkindenkmal%20Moskau.jpg" width="200" height="143" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das Puschkindenkmal in Moskau</small></div>
<p>Am 8. Juni 1880 wurde in Moskau ein Puschkindenkmal enth&#252;llt (am heu- tigen Puschkinplatz). Mehrere Redner waren eingeladen, darunter <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgen- jew</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aksakow">Aksakow </a>und Dostojewski. Dos- tojewski ahnte nicht, dass dies sein letzter &#246;ffentlicher Auftritt werden w&#252;rde, denn an das andauernde Kranksein hatte er sich gew&#246;hnt und meinte, damit leben zu m&#252;ssen und zu k&#246;nnen. Am ersten Tag sprach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew </a>und am zweiten Dostojewski. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjews</a> Rede war elegant, aber reserviert. Dostojewski hingegen hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=puschkin">Puschkin </a>zum Symbol f&#252;r das friedliche Sendungsbewusstsein der russischen Nation erkl&#228;rte. Die Wirkung seiner Rede war fulminant. Selbst sein erbitterter Feind <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=iwan+turgenjew">Turgenjew </a>kam zu ihm nach vorn und k&#252;sste ihn. In einen Brief an seine Frau beschrieb er die Szene:</p>
<blockquote><p>Als ich am Ende die weltweite Einheit der Menschheit verk&#252;ndete, war der ganze Saal wie hysterisch; ich kann Dir die Begeiste- rungsschreie nicht wiedergeben, als ich geendet hatte; einander unbekannte Menschen aus der Zuh&#246;rerschaft weinten, schluchzten und umarmten einander und gelobten, in Zukunft bessere Menschen zu werden, ihre Mitmenschen zu lieben, statt sie zu hassen &#8230;<br />
Ich suchte Zuflucht hinter der B&#252;hne, aber alle st&#252;rzten vom Saal her herein, gr&#246;&#223;tenteils Frauen. Sie k&#252;ssten meine Hand und wollten nicht von mir weichen. Die Studenten st&#252;rmten herein. Einer von ihnen fiel mir tr&#228;nen&#252;berstr&#246;mt zu F&#252;&#223;en und verlor die Besinnung. Es war ein vollst&#228;ndiger, ein absolut vollst&#228;ndiger Sieg! &#8230; Nach einer Unterbrechung von fast einer Stunde ging die Versammlung weiter. Aber niemand wollte seine Rede verlesen. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aksakow">Aksakow </a>kam herein und erkl&#228;rte, er werde seine Rede nicht halten, da alles gel&#246;st sei durch die gro&#223;en Worte unseres Genius – Dostojewski.</p></blockquote>
<p>Wie schon so oft sollte Dostojewskis Gl&#252;ck jedoch nicht von Dauer sein, denn schon am n&#228;chsten Tag begannen die Kritiker von links und rechts, seine Rede auseinanderzunehmen.</p>
<p><strong>Dostojewskis Tod</strong></p>
<p>Am 25. Januar 1881 erlitt Dostojewski wieder einmal einen Blutsturz, eine Lungenarterie platzte, angeblich, als er einen Schrank verr&#252;cken wollte. Es schien nicht weiter bedenklich, man nahm an, dass er sich bald erholen werde. Dann hatte er jedoch wegen einer Erbschaftsangelegenheit einen heftigen Streit mit seiner Schwester aus Moskau, der zu einem Kollaps und zu weiteren Blutst&#252;rzen f&#252;hrte. Schon am Morgen des 27. ahnte er, dass er an diesem Tag sterben w&#252;rde; er bat seine Frau um das <em>Neue Testament</em>, das ihm die Dekabristenfrau Fonwisina geschenkt hatte (vgl. <a href="http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/">Fjodor Michailowitsch Dostojewski – vom Saulus zum Paulus</a>), als er auf dem Weg in die Katorga war (1850), schlug es an einer willk&#252;rlichen Stelle auf und bat seine Frau, ihm vorzulesen. Es war eine Stelle aus dem Matth&#228;usevangelium, in dem es unter anderem hei&#223;t: <em>„Halte mich nicht zur&#252;ck!&#8221;</em> &#8211; <em>„Siehst du&#8221;, sagte er zu seiner Frau, „‚Halte mich nicht zur&#252;ck!‘, das hei&#223;t, dass ich sterben muss.&#8221;</em><br />
Abends um halb neun war <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Fjodor Michailowitsch Dostojewski</a></strong> tot.</p>
<p><strong>Das Testament</strong></p>
<p>Die Rede zur Enth&#252;llung des Puschkindenkmals war mehr als eine Rede aus feierlichem Anlass, sie war, ohne, dass er es wusste, sein Testament. Hier der wichtigste Absatz, in dem er seine im Leben schwer erk&#228;mpfte &#220;berzeugung ausdr&#252;ckte:</p>
<blockquote><p>Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist zweifellos alleurop&#228;isch und allweltlich. Ein wirklicher Russe, ganz Russe sein, hei&#223;t vielleicht nur (letzten Endes, ich bitte das zu unterstreichen) ein Bruder aller Menschen sein, ein <strong>Allmensch</strong>, wenn man so will. Unser ganzes Slavophilentum und Westlertum ist nur ein gro&#223;es, wenn auch historisch notwendiges Missverst&#228;ndnis. Dem echten Russen ist Europa und das Los des gro&#223;en arischen Stammes ebenso teuer wie Russland selbst, wie das Los seiner heimatlichen Erde, denn unser Los ist die Allweltlichkeit, und zwar keine mit dem Schwerte erk&#228;mpfte, sondern eine durch die Kraft der Br&#252;derlichkeit und des br&#252;derlichen Strebens nach einer Vereinigung der Menschen erworbene. Wenn man in unsere Geschichte nach der Reform Peters eindringen will, so findet man schon Spuren und Andeutungen dieser Idee, dieses meines Gedankens, wenn man will im Charakter unserer Beziehungen zu den V&#246;lkern Europas, sogar in unserer Staatspolitik. Denn was tat Russland diese zwei Jahrhunderte lang in seiner &#228;u&#223;eren Politik anderes, als dass es Europa diente, vielleicht sogar in viel h&#246;herem Ma&#223;e als sich selbst? Ich glaube nicht, dass dies nur auf der Unf&#228;higkeit unserer Politiker beruhte. Die V&#246;lker Europas wissen gar nicht, wie teuer sie uns sind! In der Zukunft, ich glaube daran, werden wir, d. h. nat&#252;rlich nicht wir, sondern die zuk&#252;nftigen russischen Menschen alle ohne Ausnahme begreifen, dass echter Russe sein nichts anderes bedeutet als: Danach streben, die europ&#228;ischen Widerspr&#252;che endg&#252;ltig zu vers&#246;hnen, der europ&#228;ischen Sehnsucht den Ausweg in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele zu zeigen, in sie mit br&#252;derlicher Liebe alle unsere Br&#252;der aufzunehmen und schlie&#223;lich und endlich vielleicht auch das endg&#252;ltige Wort der gro&#223;en allgemeinen Harmonie auszusprechen, der br&#252;derlichen endg&#252;ltigen Einigung aller V&#246;lker nach dem Gesetze Christi und des Evangeliums! Ich wei&#223;, ich wei&#223; allzu gut, dass meine Worte ekstatisch, &#252;bertrieben und fantastisch erscheinen k&#246;nnen. Sollen sie es nur, ich bereue nicht, dass ich sie ausgesprochen habe. Das musste ausgesprochen werden, besonders aber jetzt, bei der Ehrung unseres gro&#223;en Genies, das gerade diese Idee mit seiner k&#252;nstlerischen Kraft verk&#246;rpert hat. Dieser Gedanke ist ja schon mehr als einmal ausgesprochen worden, und ich sage durchaus nichts Neues. Vor allen Dingen wird es als Selbst&#252;berhebung erscheinen: „Wir und unser armes, rohes Land sollen eine solche Bestimmung haben? Uns ist es vorbehalten, der Menschheit ein neues Wort zu verk&#252;nden&#8221; Nun, spreche ich denn von wirtschaftlichem Ruhm, vom Ruhm des Schwertes oder der Wissenschaft? Ich spreche ja nur von der Verbr&#252;derung der V&#246;lker und davon, dass das russische Herz zu so einer allmenschlich-br&#252;derlichen Vereinigung vielleicht mehr als die Herzen aller anderen V&#246;lker vorbestimmt ist, und ich sehe Hinweise darauf in unserer Geschichte, in unseren begabten Menschen, im k&#252;nstlerischen Genie Puschkins.</p></blockquote>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewskis%20Grab.jpg" width="135" height="180" alt="" title="" /><br /><small>Dostojewskis Grab in<br />
St. Petersburg</small></div>
<p>Hier finden Sie einen ausf&#252;hrlichen <b><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Zeittafel_Dostojewski.pdf">tabellarischen Lebenslauf Dostojewskis mit Werkeverzeichnis</a></b> im PDF-Format.</p>
<p>Die Inhaltsangaben zu den einzelnen Werken – auch in den vorangegangenen Essays – mussten hier nat&#252;rlich kurz gehalten werden und betreffen in erster Linie die Handlung. Die weit wichtigeren metaphysischen und philosophischen Aspekte, die den Gehalt von Dostojewskis Werken ausmachen, konnten nur angedeutet werden. &#220;ber sie sind aber unz&#228;hlige B&#252;cher geschrieben worden, die ganze Bibliotheken f&#252;llen. Eine hervorragende und reichhaltige Bibliografie zu Dostojewski (Stand 1992, 22 Seiten lang!) befindet sich in <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lavrin&#038;title=dostojevskij">Dostojevskij</a></em> von Janko Lavrin, erschienen bei rororo.</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur:</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=eliasberg&#038;title=russische+einzelportraets">Eliasberg, Alexander: Russische Literaturgeschichte in Einzelportr&#228;ts </a>(1922)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=figes&#038;title=nataschas">Figes, Orlando: Nataschas Tanz – Eine Kulturgeschichte Russlands </a>(2003)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=geier&#038;title=lesen">Geier, Swetlana:  Ru&#223;land lesen</a> (2003)<br />
Hamel, Christine: Fjodor M. Dostojewskij (2003)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hosking&#038;title=nation+imperium">Hosking, Geoffrey: Russland – Nation und Imperium</a> (2000)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ingold&#038;title=faszination+kulturgeschichte">Ingold, Felix Philipp: Die Faszination des Fяemden – eine andere Kulturgeschichte</a> (2009)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=ingold&#038;title=russische+wege">Ingold, Felix Philipp: Russische Wege – Geschichte, Kultur, Weltbild (2007)</a><br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+literatur">Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – Von 1700 bis zur Gegenwart </a>(2000)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lavrin&#038;title=dostojevskij">Lavrin, Janko: Dostojevskij</a> (1997)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mueller+ludolf&#038;title=leben+werk+vermaechtnis">M&#252;ller, Ludolf: Dostojewskij. Sein Leben – Sein Werk – Sein Verm&#228;chtnis</a> (1990)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=schramm&#038;title=puschkin+gorki+wandel">Schramm, Gottfried: Von Puschkin bis Gorki – Dichterische Wahrnehmungen einer Gesellschaft im Wandel</a> (2008)<br />
Setzer, Heinz/M&#252;ller, Ludolf/Kluge, Rolf-Dieter: F. M. Dostojewski – Dichter, Denker, Vision&#228;r (1998)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=propylaeen+geschichte+literatur"><br />
Propyl&#228;en Geschichte der Literatur in 6 B&#228;nden </a><br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=propylaeen+gechichte+europas">Propyl&#228;en Geschichte Europas in 6 B&#228;nden</a>
</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/08/31/dostojewski-am-ziel-seiner-traeume/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Dostojewskis st&#252;rmische Jahre</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/07/28/dostojewskis-stuermische-jahre/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/07/28/dostojewskis-stuermische-jahre/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 28 Jul 2009 14:08:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Dostojewski]]></category>
		<category><![CDATA[Hanns-Martin Wietek]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Strafe]]></category>
		<category><![CDATA[Verbrechen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2482</guid>
		<description><![CDATA[
Endlich war es soweit: 1859 konnte Fjodor Michailowitsch Dostojewski nach St. Petersburg zur&#252;ckkehren. Es war jedoch nicht mehr das St. Petersburg, das er verlassen hatte; in den zehn Jahren seiner Abwesenheit hatte sich Entscheidendes ver&#228;ndert. Vorbei war es mit der bleiernen Friedhofsruhe unter Nikolaus I.: Russland hatte die Erfahrung des verlorenen Krimkrieges gemacht; mit Alexander [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/D%2040%20Jahre.jpg"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/_D%2040%20Jahre.jpg" width="190" height="250" alt="" title=""  /></a></div>
<p>Endlich war es soweit: 1859 konnte Fjodor Michailowitsch Dostojewski nach St. Petersburg zur&#252;ckkehren. Es war jedoch nicht mehr das St. Petersburg, das er verlassen hatte; in den zehn Jahren seiner Abwesenheit hatte sich Entscheidendes ver&#228;ndert. Vorbei war es mit der bleiernen Friedhofsruhe unter Nikolaus I.: Russland hatte die Erfahrung des verlorenen Krimkrieges gemacht; mit Alexander II. war ein liberaler Kaiser an der Macht; Reformen waren angek&#252;ndigt und teilweise schon durchgef&#252;hrt; die Aufhebung der Leibeigenschaft stand vor der T&#252;r; &#252;ber hundert Zeitungen waren neu gegr&#252;ndet worden und die Pressezensur war zwar nicht aufgehoben, aber doch erheblich abgeschw&#228;cht worden – Land und Leute und vor allem die Schriftsteller atmeten auf.<br />
<span id="more-2482"></span><br />
Dostojewski war darauf versessen, sich endlich wieder ganz dem Schreiben widmen zu k&#246;nnen, was zwangsl&#228;ufig bedeutete, dass er sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen hatte, denn von einem ernsthaften Schriftsteller erwartete man, dass er Stellung bezog; und genau das wollte er auch. Die beste M&#246;glichkeit, am politischen und kulturellen Leben Russlands teilzunehmen, bot eine eigene Zeitschrift. Mit seinem Bruder Michail gr&#252;ndete er die Zeitschrift <em><strong>Vremja</strong></em> (Die Zeit); Michail, der f&#252;r dieses Vorhaben seine Fabrik verkaufte, fungierte als Herausgeber, und so wurde das Blatt zur finanziellen Grundlage beider Familien. Namhafte Autoren ver&#246;ffentlichten darin und Dostojewski schrieb, deutlich auf den Geschmack der Leser zugeschnitten, den bewusst sensationellen und sozialkritisch-sentimentalen Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Erniedrigte+und+Beleidigte">Erniedrigte und Beleidigte</a></strong></em> f&#252;r die erste Ausgabe. Er kn&#252;pfte mit diesem Roman ganz bewusst an <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Arme+Leute">Arme Leute</a></strong></em> an, seinen Erfolgsroman von 1846. Beim Publikum war er dann auch ein voller Erfolg, bei den Kritikern fand er geteilten Beifall.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Aufzeichnungen+aus+dem+Kellerloch"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/_Aufzeichnungen%20aus%20dem%20Kellerloch.jpg" width="147" height="250" alt="Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" title="Aufzeichnungen aus dem Kellerloch"  /></a></div>
<p>In <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Erniedrigte+und+Beleidigte">Erniedrigte und Beleidigte</a></strong></em> blickt ein desillusionierter, todkranker Schriftsteller auf die letzten Jahre seines Lebens zur&#252;ck. Es sind zwei anfangs scheinbar nichts miteinander zu tun habende Geschehen, die Dostojewski erz&#228;hlerisch hervorragend miteinander verwebt, bis sich am Schluss herausstellt, dass beide in der Person eines moralisch minderwertigen F&#252;rsten zusammenlaufen. Es ist ein Gesellschaftsroman à la Balzac oder Dickens, mit dem er den Geschmack der Leser genau traf. Ber&#252;hrende Einzelszenen und hervorragend gezeichnete Charaktere – St&#228;rken Dostojewskis, die auch seine weiteren Werke auszeichnen – machen den Roman noch heute lesenswert. Sozialkritik ist vorhanden, tritt aber hinter die effektvoll gezeichneten Szenen zur&#252;ck.</p>
<p><a href="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2009/07/Erniedrigte_und_Beleidigte.pdf"><br />
(Sie finden hier im PDF-Format eine dieser effektvollen Szenen, der fast die Schl&#252;sselrolle f&#252;r den Roman zukommt.)</a></p>
<p>Schon nach wenigen Ausgaben begann er in der Zeitschrift mit dem Abdruck der ersten Kapitel der <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=">Aufzeichnungen aus einem Totenhaus</a></strong></em>, die ihn endg&#252;ltig ber&#252;hmt machten. (Siehe hierzu <a href="http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/"><strong>»Fjodor Michailowitsch Dostojewski – vom Saulus zu Paulus«</strong></a>)</p>
<p>Dostojewskis Ber&#252;hmtheit und die Beliebtheit seiner Zeitschrift f&#252;hrten dazu, dass sich auch junge Schriftsteller mit der Bitte um Ver&#246;ffentlichung an ihn wandten. 1861, bei einer Lesung aus seinen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, lernte er die 21j&#228;hrige Polina Suslova kennen, die bald einige Manuskripte bei ihm einreichte. So wie Dostojewski in seinen jungen Jahren war auch sie – wie viele ihrer intellektuellen Altersgenossen – eine begeisterte Anh&#228;ngerin der Fr&#252;hsozialisten.<br />
Polina wurde zu Dostojewskis einziger, leidenschaftlicher Liebe; es war eine besessene Liebe, eine sexuelle Abh&#228;ngigkeit bis zur H&#246;rigkeit. In vielen seiner Frauengestalten hat er sie sp&#228;ter abgebildet.<br />
Sie wandte sich 1863 desillusioniert von ihm ab, weil sie erkannte, dass sich seine &#220;berzeugungen ver&#228;ndert hatten. F&#252;r ihn aber blieb sie die gro&#223;e Liebe und er versuchte noch lange Jahre danach, sie zur&#252;ckzugewinnen. </p>
<p>Dostojewski lehnte jetzt den materialistischen Rationalismus der Sozialisten als einen westlichen Import ab. Er war &#252;berzeugt davon, dass das Wohl von Russland davon abhing, einen eigenen Weg zu gehen. Die Intelligenzija musste sich dem Volk wieder ann&#228;hern, Bauern, Intellektuelle, Kirche und Obrigkeit mussten wieder EIN Volk werden, alle mussten Teil einer russischen Gruppenseele werden. Aus dem einstigen Sozialrevolution&#228;r von 1848 war ein Liberaldemokrat geworden, der V&#228;terchen Zar und die Kirche als notwendige Bestandteile des russischen Volkes anerkannte.</p>
<p>Anfang Juni 1862 fuhr Dostojewski zum ersten Mal nach Westeuropa. Es war eine wilde Hatz. In nur zweieinhalb Monaten jagte er durch Berlin, Dresden, Wiesbaden, Baden-Baden, K&#246;ln, Paris, London, Genf, Luzern, Turin, Genua, Livorno, Florenz, Mailand, Venedig und Wien. Ihm ging es bei dieser Reise nicht um Sehensw&#252;rdigkeiten, er wollte die Menschen kennenlernen, ihn interessierte ein Gesamtbild des Stra&#223;enlebens – er suchte die Best&#228;tigung f&#252;r sein Bild von dem dekadenten Westeuropa. Und er lie&#223; an den Westeurop&#228;ern kein gutes Haar. Er reiste quasi mit russischen Scheuklappen und fand eine arrogante, pr&#252;de und egoistische Bourgeoisie vor (von der sich auch die westlichen Sozialisten in nichts unterschieden), protzigen Reichtum, uferlosen Egoismus, Profitstreben und blinde Verherrlichung der Vernunft auf der einen Seite und trostlose Armut auf der anderen Seite – kurz: er sah ein Bild, das zwar durchaus dem fr&#252;hkapitalistischen Westeuropa entsprach, aber er sah eben nur dieses eine Bild, andere Seiten wollte er gar nicht sehen. Sein Russlandbild bekam dagegen zwangsl&#228;ufig einen immer gr&#246;&#223;eren Glorienschein.</p>
<p>Die Eindr&#252;cke von dieser Reise fasste Dostojewski in <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&#038;title=Aufzeichnungen+aus+dem+Kellerloch">Winterliche Aufzeichnungen &#252;ber sommerliche Eindr&#252;cke</a></strong></em> zusammen, die er Anfang 1863 in seiner <em>Vremja</em> ver&#246;ffentlichte. In diesen Aufzeichnungen stellt er der Pers&#246;nlichkeitsstruktur des Westeurop&#228;ers, die auf &#8220;schwankendem Egoismus&#8221; beruhe, das Wesen des Russen gegen&#252;ber, der in &#8220;fester Familien- und Gemeinschaftsbildung&#8221; verwurzelt sei; die Lebensform des westlichen Menschen sei &#252;berzogenes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, f&#252;r den Russen dagegen sei &#8220;st&#228;ndiges Misstrauen gegen sich selbst&#8221; charakteristisch; auf Erden ein angebliches Paradies oder eine vermeintliche H&#246;lle seien nur scheinbare Gegens&#228;tze, denn entweder lande der Mensch in einem spie&#223;b&#252;rgerlichen oder in einem sozialistischen Ameisenhaufen der Gesichtslosigkeit. Es ist eine harsche Kritik, die teilweise deutlich &#252;ber das Ziel hinausschie&#223;t, aber doch mehr als nur  ein K&#246;rnchen Wahrheit enth&#228;lt.</p>
<p>Im selben Jahr ver&#246;ffentlichte er in seiner Zeitschrift auch noch einmal einen rein literarischen Beitrag, eine kleine Satire &#252;ber einen Vorgesetzten, eine Exzellenz, die schon leicht angeheitert beschlie&#223;t, einen seiner Untergebenen patriarchalisch wohlwollend bei dessen Hochzeit zu &#8220;beehren&#8221;, um seine Verbundenheit mit dem einfachen Volk zu demonstrieren. Diese <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Dumme+Geschichte">Dumme Geschichte</a></strong></em> geht nat&#252;rlich ganz f&#252;rchterlich daneben, denn am Ende schleppen ihn die G&#228;ste sturzbesoffen in das Hochzeitbett der Neuverm&#228;hlten, denn nur das war nat&#252;rlich f&#252;r einen so hohen Gast gut genug.</p>
<p>Im April 1863 wurde die Zeitschrift <em>Vremja</em> tragischerweise verboten. Tragischerweise einerseits, weil das Verbot auf einem von der Zensur v&#246;llig missverstandenen Artikel beruhte und andererseits, weil es die Zeitschrift in ihrer Bl&#252;tezeit traf, in der die Existenz beider Familien endlich gesichert gewesen war. Fjodor Michailowitschs Bruder beantragte sofort die Zulassung einer neuen Zeitschrift, <em><strong>Epocha</strong></em>, der b&#252;rokratische Weg war jedoch zeitraubend.</p>
<p>Dostojewski nutzte die Zeit bis zu einem m&#246;glichen Erscheinen, indem er seine zweite Europareise begann; er reiste seiner geliebten Polina, die in Paris war, hinterher. Er kam aber erst einmal nur bis Wiesbaden. Und hier begann ein tragisches Kapitel seines Lebens: Er wurde von der Spielleidenschaft gepackt. </p>
<p>Von einer Sucht im wissenschaftlich definierten Sinn kann man wahrscheinlich nicht sprechen, denn genauso pl&#246;tzlich, wie er zu spielen begann, h&#246;rte er 1871 wieder damit auf. Er glaubte zumindest anfangs (wie viele Spieler), mit einem System, mit Berechnung, das Gl&#252;ck bezwingen zu k&#246;nnen, und wenn er verlor, war das nicht die Logik des Roulette-Spiels, sondern ein Fehler in seiner Berechnung.<br />
Um dieses Ph&#228;nomen besser zu verstehen, muss man den Menschen Dostojewski etwas genauer betrachten: Er hatte durch das pl&#246;tzliche Verbot der Vremja einen Sack voll Schulden, und das, wo er doch von Beginn seiner schriftstellerischen T&#228;tigkeit an immer von einer Million getr&#228;umt hatte, die ihn unabh&#228;ngig machen sollte, damit er das schreiben k&#246;nnte, was er f&#252;r richtig und wichtig hielt. Hinzu kommt, dass die Reizschwelle f&#252;r einen Menschen, der Extremsituationen ausgestanden hat, ungeheuer hoch liegt. Dostojewski hatte eine Verurteilung zum Tode, eine Scheinhinrichtung und die grausamste Strafe, die es damals gab, die Katorga, &#252;berstanden, Erlebnisse, die einen &#8220;normalen&#8221; Menschen physisch und psychisch h&#228;tten zerbrechen lassen. Dostojewski brauchte Reize und Anspannung, um kreativ sein zu k&#246;nnen, um schreiben zu k&#246;nnen. Seine zweite Frau Anna Grigorjevna w&#252;rde sp&#228;ter erkennen und akzeptieren, dass Dostojewski, wenn er beim Schreiben einfach nicht weiter kam, wieder einmal in einer Spielh&#246;lle versinken musste, obwohl die Familie dadurch mehr als einmal an den Rand des Abgrunds geriet.</p>
<p>In Wiesbaden gewann er schlussendlich einige Tausend Franken und fuhr weiter nach Paris, wo ihn Polina mit den Worten empfing: &#8220;Du kommst etwas zu sp&#228;t&#8221;. Sie hatte sich in einen jungen Spanier verliebt, der sie jedoch sitzen lie&#223;. Und wieder spielte er – wie nach seiner Hochzeit mit Marja Dmitrijevna und ihrem Liebhaber – den Helden, den er in seinen <i>Wei&#223;en N&#228;chten</i> beschrieben hatte, und versuchte diese Beziehung zu retten, jedoch ohne Erfolg. Dostojewski und Polina fuhren weiter – wie &#8220;Bruder und Schwester&#8221; – nach Baden-Baden, wo er die gesamte Reisekasse verspielte und sich von seiner kranken Frau 100 Rubel schicken lassen musste, um weiterzukommen. Genf, Turin, Rom, Neapel, Genua und wieder Turin waren die Stationen – teilweise fl&#252;chteten sie vor den Hoteliers – und &#252;berall spielte er und verlor, sodass er sogar seine Uhr und Polina ihren Ring versetzen musste. Wieder in Turin angekommen hatte Polina genug, sie verlie&#223; ihn und fuhr nach Paris zur&#252;ck; er versuchte mit dem Geld, das er sich aus Russland von seinem Verleger als Vorschuss hatte schicken lassen und das f&#252;r die Heimreise gedacht war, noch einmal in Bad Homburg sein Gl&#252;ck und verlor wieder alles. Flehentlich bat er Polina in Paris um Hilfe, die ihre Uhr und Halskette verpf&#228;ndete, damit er nach St. Petersburg zur&#252;ckfahren konnte.</p>
<p>Am 21. Oktober 1863 kam er nach St. Petersburg zur&#252;ck. Hier war er zwar vor den Spielh&#246;llen des Auslands sicher, daf&#252;r erwarteten ihn aber andere Schicksalsschl&#228;ge. Gepeinigt von Schuldgef&#252;hlen zog er mit seiner todkranken Frau nach Moskau – des f&#252;r sie besseren Klimas wegen – und pflegte sie hingebungsvoll bis zu ihrem Tod im April 1864. Er selbst litt in dieser Zeit h&#228;ufig unter seinen epileptischen Anf&#228;llen, die ihn erstmals 1850 w&#228;hrend seiner Zeit in der Katorga heimgesucht hatten und danach immer h&#228;ufiger wurden, und an verschiedenen anderen Krankheiten. In dieser Zeit schrieb er in wenigen Wochen – w&#228;hrend sein Bruder die erste Ausgabe der Epocha vorbereitete – sein wohl kompromisslosestes (und wohl auch am schwersten zu lesendes) Werk, die <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Aufzeichnungen+aus+dem+Kellerloch">Aufzeichnungen aus dem Kellerloch</a></strong></em> (auch: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Aufzeichnungen+aus+dem+Untergrund">Untergrund</a></strong></em>).</p>
<p>Die <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Aufzeichnungen+aus+dem+Kellerloch">Aufzeichnungen aus dem Kellerloch</a></strong></em> sind im ersten Teil der gro&#223;e Monolog eines verbitterten, kranken, aber h&#246;chst intelligenten Mannes, der schonungslos gegen die intellektuellen Tendenzen der Zeit wettert und die bedingungslose Vernunftgl&#228;ubigkeit der Menschen anprangert. <em>Wie w&#228;re es, meine Herren, wenn wir diese ganze Vern&#252;nftigkeit mit einem einzigen Fu&#223;tritt davonjagen w&#252;rden?&#8221;</em> Zwei plus zwei m&#252;sse nicht vier sein, es k&#246;nne zum Beispiel auch f&#252;nf sein. Der Kellerlochmensch pl&#228;diert f&#252;r eine freiwillige Verr&#252;cktheit. Der zweite Teil zeigt Ereignisse aus der Vergangenheit des zur Zeit der Niederschrift Vierzigj&#228;hrigen. Masochistisch schildert er sein Versagen, sein Versagen im Berufsleben, im zwischenmenschlichen Kontakt und auch in seinen Intimbeziehungen.</p>
<p>Dostojewski ver&#246;ffentlichte diese <em>Aufzeichnungen</em>, mit denen er sich vollst&#228;ndig gegen den Zeitgeist stellte, in der gerade neu erschienen <em>Epocha</em>, was der Zeitschrift gar nicht gut tat. Die ohnehin schon sp&#228;rlichen Abonnentenzahlen ging noch weiter zur&#252;ck. Als fast einziger lobte der Kritiker Apollon Grigorjev das Werk und sp&#228;ter bezeichnet Nietzsche das Werk als <em>&#8220;wahren Geniestreich der Psychologie&#8221;</em>.</p>
<p>Im M&#228;rz 1864 erschien die erste Ausgabe der <em>Epocha</em> mit seinen <em>Aufzeichnungen</em>, im April starb Dostojewskis Frau und im Juni starb &#252;berraschend auch sein Bruder Michail. Urpl&#246;tzlich stand Dostojewski v&#246;llig allein da: <em>&#8220;Vor mir&#8221;</em>, schrieb er, <em>&#8220;habe ich nur noch die Epilepsie und ein kaltes, einsames Alter&#8221;</em>. Der Schrecken wurde noch gr&#246;&#223;er, als er erfuhr, dass er von seinem Bruder 25.000 Rubel Schulden &#8220;geerbt&#8221; hatte – zum Gl&#252;ck half ihm eine reiche Patentante erst einmal mit 10.000 Rubel aus.<br />
Anfang 1865 – in Russland herrschte eine schwere Wirtschaftskrise – musste Dostojewski fehlender Abonnenten wegen die Zeitschrift liquidieren, M&#228;rz 1865 erschien die letzte Ausgabe. Seine letzte Ver&#246;ffentlichung darin war die groteske Novelle Das <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Krokodil">Krokodil</a></strong></em>, mit der er sich allerdings auch keine Freunde machte, denn sie wurde als Anspielung auf Tschernyschewski, der gerade nach Sibirien geschickt worden war, und als Verunglimpfung der Ideen der utopischen Sozialisten gelesen. </p>
<p>15.000 Rubel Schulden blieben ihm und dazu die moralische Verpflichtung, f&#252;r die Familie seines Bruders und dessen Geliebte mit Kind zu sorgen. Verzweifelt bettelte er alle an, die als Unterst&#252;tzer in der Not infrage kommen konnten, Verwandte, Freunde, Kollegen, er bat Herausgeber um Darlehen, alles erfolglos. Wie schlecht es ihm ging, zeigt ein Brief an seinen alten Freund Baron Wrangel:</p>
<blockquote><p>O mein Freund, wie gerne ginge ich wieder ebenso viel Jahre ins Zuchthaus, nur um meine Schulden zu bezahlen und mich wieder frei zu f&#252;hlen. Jetzt muss ich wieder einen Roman unter der Fuchtel schreiben, das hei&#223;t aus Not und in Hast. Er wird sehr wirkungsvoll werden, aber ist denn das mein Ziel? Die Arbeit aus Not, um des Geldes willen, erdr&#252;ckt mich und frisst mich auf! &#8230; Ich laufe von Haus zu Haus, um das Geld zu beschaffen, sonst bin ich verloren. Ich ahne, dass nur ein Zufall mich retten kann. Von dem ganzen Vorrat an Kr&#228;ften und Energie ist in meiner Seele nur eine dumpfe Erregung geblieben, ein Gef&#252;hl, das hart an Verzweiflung grenzt. Unruhe, Bitterkeit, kalte Gesch&#228;ftigkeit, ein f&#252;r mich v&#246;llig unnormaler Zustand und zu alledem die Einsamkeit.</p></blockquote>
<p>Im Juli 1865 verkaufte Dostojewski die Rechte an all seinen Werken f&#252;r eine einmalige Ausgabe f&#252;r 3.000 Rubel an einen Verleger. Der Vertrag enthielt die Klausel, dass Dostojewski sich au&#223;erdem verpflichtete, bis 1. November 1866 das Manuskript eines Romans vorzulegen. Sollte er den Termin nicht einhalten, sicherte sich der Herausgeber das Recht, alle Werke der darauf folgenden neun Jahre ohne Honorar f&#252;r den Autor herauszugeben. Diese Klausel sollte noch recht bedeutsam f&#252;r Dostojewskis Leben werden.</p>
<p>Mit den 3.000 Rubeln ergriff Dostojewski die Flucht, nat&#252;rlich ins Ausland, zu den Roulettetischen nach Wiesbaden. Es war seine dritte Europareise und schon nach f&#252;nf Tagen war alles Geld einschlie&#223;lich Armbanduhr verspielt. Er bat Alexander Herzen um 150 Taler und Turgenjew um 100. Turgenjew schickte nur 50 Taler, was er sicherlich als Ermahnung wegen Dostojewskis Spielleidenschaft verstanden wissen wollte. Das ver&#252;belte ihm Dostojewski zeit seines Lebens sehr.<br />
Die Situation war so katastrophal, dass er zeitweilig nichts zu essen hatte und bef&#252;rchtete, auf die Stra&#223;e gesetzt bzw. der Polizei &#252;bergeben zu werden. Baron Wrangel half ihm schlie&#223;lich aus der Klemme und mit 300 Rubeln Vorschuss, die er vom Verleger Katkow f&#252;r das Projekt Schuld und S&#252;hne erhalten hatte, reiste er im Oktober nach St. Petersburg zur&#252;ck. Dort erwarteten ihn die alten Zust&#228;nde: Die Gl&#228;ubiger standen Schlange, die Verwandten forderten eindringlich Geld und es gab keine Aussicht auf Einnahmen.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Schuld+und+S%FChne"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/_Schuld%20und%20S%C3%BChne.jpg" width="148" height="250" alt="Schuld und S&#252;hne" title="Schuld und S&#252;hne"  /></a></div>
<p>Dostojewski aber arbeitete 1866 unbeirrt an seinem gro&#223;en Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Schuld+und+S%FChne">Schuld und S&#252;hne</a></strong></em> (auch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Verbrechen+und+Strafe">Verbrechen und Strafe</a></strong></em> oder <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Rodion+Raskolnikoff">Rodion Raskolnikoff</a></strong></em>), dessen Kapitel noch w&#228;hrend er schrieb nach und nach in der Zeitschrift <em>Russischer Bote</em> erschienen. <em>Schuld und S&#252;hne</em> ist sicher einer der besten Romane von Dostojewski – wenn nicht der beste. Es ist ein atemberaubend spannender sozial-psychologischer Kriminalroman, durchkomponiert, wie es nur ein Dostojewski kann, und zugleich eine k&#252;nstlerische Wiedergabe der dostojewskischen Weltanschauung. Dieser Roman ist in jeder Beziehung eine Klasse f&#252;r sich:</p>
<p>Der Student Rodion Raskolnikow ist ein &#252;berzeugter Anh&#228;nger des N&#252;tzlichkeitsdenkens, ein Utilitarist. Er ist der Meinung, dass es kein Verbrechen ist, Menschen, die zum Schaden anderer ein verabscheuungsw&#252;rdiges Leben f&#252;hren, umzubringen. Also beschlie&#223;t er, eine habgierige Pfandleiherin umzubringen. Er nimmt sich das Recht heraus, Gerechtigkeit im von ihm verstandenen Sinn zu &#252;ben, und meint, damit keine Schuld vor sich selbst und der Gesellschaft auf sich zu laden. Bei der Tat ertappt ihn jedoch die fromme Schwester der Pfandleiherin und er muss sie, um ungeschoren davon zu kommen, ebenfalls umbringen. Nur kann er diesen zweiten Mord nicht wie den ersten entschuldigen. Die eigentliche Strafe f&#252;r das Verbrechen entpuppt sich dann aber als die Angst vor dem Entdecktwerden, und die h&#228;lt Raskolnikow nicht lange aus. Er gesteht den Mord, kann aber immer noch keine Reue empfinden. Erst im sibirischen Straflager kommt er zu der Einsicht, dass ein Leben, das allein auf der Ratio gr&#252;ndet, nicht das richtige sein kann, es bedarf etwas, was kein Mensch leisten kann: Es bedarf der g&#246;ttlichen Hilfe. Dostojewski stellt sich hier gegen die Meinung, dass Gesellschaftstheorien – wie sie Raskolnikow vertritt – Heil bringend sein k&#246;nnten. Soziale Gerechtigkeit ist seiner Meinung nach nur mit Gott erreichbar: <em>&#8220;Moralische Ideen entstehen aus religi&#246;sen Gef&#252;hlen. Logik kann sie niemals rechtfertigen.&#8221;</em></p>
<p>Der Roman wurde zu einem riesigen Erfolg, man sprach, wo man auch immer hinkam, nur von ihm; das ging so weit, dass einige sich sogar &#252;ber die Faszination, die der Roman ausl&#246;ste, beklagten.<br />
Dostojewski zog sich aufs Land zur&#252;ck und genoss zum ersten Mal in seinem Leben etwas Ruhe.</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Der+Spieler"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/_Der%20Spieler.jpg" width="151" height="250" alt="Der Spieler" title="Der Spieler"  /></a></div>
<p>Das konnte aber nicht lange so bleiben, denn der omin&#246;se 1. November 1866 r&#252;ckte unaufhaltsam n&#228;her, der Termin, an dem er laut dem Knebelvertrag ein Manuskript vorlegen musste, wollte er nicht die zuk&#252;nftigen Fr&#252;chte seiner Arbeit aufs Spiel setzen. Ende September kehrte er nach St. Petersburg zur&#252;ck und hatte noch kein Wort geschrieben. Dem Ratschlag eines Freundes folgend nahm er sich eine Stenotypistin und diktierte ihr in nur 26 Tagen seinen Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Der+Spieler">Der Spieler</a></strong></em>. Dies ist nat&#252;rlich ein stark autobiografischer Roman, in dem er seine ungl&#252;ckliche Liebe zu Polina und seine Spielleidenschaft zu bew&#228;ltigen versucht. Schon wegen der Umst&#228;nde seiner Entstehung konnte <i>Der Spieler</i> kein so hervorragend durchkomponierter Roman werden wie <em>Schuld und S&#252;hne</em>, es ist jedoch ein spannender, teilweise (aufgrund der unausgesprochenen Selbstkritik) auch am&#252;santer Roman mit vielen psychologischen Analysen – und er hatte Erfolg.</p>
<p>Die Zusammenarbeit mit der Stenotypistin, der 20 Jahre alten Anna Grigorjevna Snitkina, hatte ihn begeistert; endlich fand er Unterst&#252;tzung bei einer Frau, w&#228;hrend alle seine vorherigen Beziehungen ihm im Gegenteil seine Kr&#228;fte geraubt hatten. Er bat sie, weiter f&#252;r ihn zu arbeiten und schon eine Woche sp&#228;ter machte er ihr einen Heiratsantrag. Der 45j&#228;hrige, kranke, einigerma&#223;en ber&#252;hmte und von Schulden geplagte Dostojewski fand in Anna Grigorjevna seinen ruhenden, verst&#228;ndnisvollen Gegenpol. Schon am 15. Februar 1867 fand zum Missfallen all seiner Verwandten die Hochzeit statt.<br />
Die Querelen in der Familie – bei allen war er verschuldet und der schon immer haltlose Stiefsohn aus erster Ehe, der auch noch zum Trinker geworden war, intrigierte, wo immer er nur konnte, gegen die neue Frau – und vor allem der Druck der aufdringlichen Gl&#228;ubiger wurden unertr&#228;glich; im April fl&#252;chteten die Neuverm&#228;hlten aus Russland nach Westeuropa. Vier lange Jahre sollten sie Russland nicht wiedersehen, obwohl eigentlich nur drei Monate geplant waren.</p>
<p>Die Stationen waren wieder Berlin, Dresden, Bad Homburg, Baden-Baden, Genf, Mailand, Florenz und Wiesbaden. Sie zigeunerten hin und her. Es war das gleiche Drama wie bei seiner dritten Europareise im Jahr 1865: Dostojewski spielte, verlor, sie mussten alles verpf&#228;nden, sie hungerten, bettelten Freunde und Bekannte an, die Familie stand mehrmals am Rand des Abgrunds. Dostojewski versprach, sich zu bessern, dann folgten wieder Wochen angestrengten Arbeitens. Zwei T&#246;chter kamen zur Welt, eine Tochter starb – und &#252;ber allem stand Dostojewskis Sehnsucht nach Russland.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Der+Idiot"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski/_Der%20Idiot.jpg" width="144" height="250" alt="Der Idiot" title="Der Idiot"  /></a></div>
<p>In den vier Jahren im gef&#252;hlten Exil schrieb er sein zweites gro&#223;es Werk, das 1869 erschien: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Der+Idiot">Der Idiot</a></strong></em>.<br />
In ihm stellt Dostojewski einen vollkommenen und sch&#246;nen Menschen dar, eine russische Christusgestalt, einen Menschen von selbstverst&#228;ndlicher G&#252;te: F&#252;rst Myschkin, ein junger Mann aus altem adligen Geschlecht, aus einer Heilanstalt – als von einer Geisteskrankheit geheilt – entlassen und mit epileptischen Anf&#228;llen, wird wegen seines schon beunruhigend friedfertigen Naturells als Idiot bezeichnet. Zuerst gewinnt er immer sehr schnell die Sympathie der Menschen, verliert sie aber auch sehr schnell, weil er den Menschen in seiner G&#252;te unheimlich ist und weil um ihn herum alles immer in eine Katastrophe m&#252;ndet. Thematisch ist es ein Liebesroman, in dem F&#252;rst Myschkin und der Kaufmann Rogoschin, der charakterlich der Gegensatz zu Myschkin ist, auf der einen Seite stehen, wohingegen Natascha, eine ehemalige Kurtisane, und Aglaja, eine bildh&#252;bsche Generalstochter, auf der anderen Seite. Am Ende ersticht Rogoschin Natascha, und F&#252;rst Myschkin wacht gemeinsam mit seinem Gegenspieler neben der toten Frau:</p>
<blockquote><p>Jedenfalls, als, bereits viele Stunden sp&#228;ter, die T&#252;r sich &#246;ffnete und Menschen hereinkamen, fanden sie den M&#246;rder in v&#246;lliger Besinnungslosigkeit und im Fieberwahn. Der F&#252;rst sa&#223; unbeweglich neben ihm auf der Matte und beeilte sich jedes Mal, wenn der Kranke einen Schreikrampf oder einen Fantasieausbruch hatte, ihm leise mit seiner Hand &#252;ber Haar und Wangen zu fahren, als ob er ihn liebkosen und tr&#246;sten wollte. Aber er begriff nicht mehr, wonach man ihn fragte, und erkannte die Menschen, die hereingekommen waren und ihn umstanden, nicht wieder. Und wenn Schneider selbst jetzt aus der Schweiz erschienen w&#228;re, um seinen ehemaligen Sch&#252;ler und Patienten wiederzusehen, so h&#228;tte auch er, eingedenk des Zustandes, in dem der F&#252;rst w&#228;hrend seines ersten Kurjahres manchmal gewesen war, jetzt mit der Hand verzweifelt abgewinkt und wie damals gesagt: »Ein Idiot!«</p></blockquote>
<p>Von gr&#246;&#223;ter Not getrieben – seine Frau musste sogar ihren letzten warmen Rock versetzen – schrieb Dostojewski Ende 1869, Anfang 1870 f&#252;r die slawophile Zeitschrift <em><strong>Sarja</strong></em> (Die Morgenr&#246;te) die spannende Erz&#228;hlung <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Der+ewige+Gatte">Der ewige Gatte</a></strong></em>. Hier beschreibt er ein Dreiecksverh&#228;ltnis, das in ein Eifersuchtsdrama ausartet. Die Erz&#228;hlung ist wieder eine Lohnarbeit, geh&#246;rt aber zu den kompositorisch ausgefeiltesten Arbeiten Dostojewskis. Im gleichen Jahr beginnt er auch mit den Entw&#252;rfen f&#252;r seinen n&#228;chsten gro&#223;en Roman: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Dostojewski&amp;title=Die+D%E4mone">Die D&#228;monen</a></strong></em>.</p>
<p>Im April 1871 jedoch wird seine Arbeit wieder einmal unterbrochen. Nachdem er ein Jahr lang keinen Roulettetisch gesehen hatte, packte ihn die Leidenschaft erneut. Mit 120 Talern in der Tasche und dem Einverst&#228;ndnis seiner Frau fuhr er nach Wiesbaden. Nat&#252;rlich verspielte er alles, seine Frau schickte zwei Mal neues Geld. Am 28. April schrieb er ihr:</p>
<blockquote><p>Mir ist Gro&#223;es geschehen, der niedertr&#228;chtige Wahn, der mich fast zehn Jahre qu&#228;lte, ist verschwunden … Jetzt ist alles vor&#252;ber und zu Ende. Dies war tats&#228;chlich das letzte Mal. Glaubst Du mir, Anna, dass meine H&#228;nde jetzt frei sind? Das Spielen war eine Kette f&#252;r mich, aber jetzt werde ich an meine Arbeit denken und nicht mehr wie bisher endlose N&#228;chte vom Spielen tr&#228;umen.</p></blockquote>
<p>Anna Grigorjevna glaubte es nat&#252;rlich nicht – wie sollte sie auch nach all seinen Schw&#252;ren –, aber es war tats&#228;chlich das letzte Mal. Er sa&#223; nie mehr an einem Roulettetisch.</p>
<p>Im Juli 1871 kehrten sie nach St. Petersburg zur&#252;ck.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/07/28/dostojewskis-stuermische-jahre/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Fjodor Michailowitsch Dostojewski – vom Saulus zum Paulus</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2009 10:02:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Dostojewski]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetze]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus Christus]]></category>
		<category><![CDATA[Katorga]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Neues Testament]]></category>
		<category><![CDATA[Omsk]]></category>
		<category><![CDATA[Strafe]]></category>
		<category><![CDATA[Verbrechen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2380</guid>
		<description><![CDATA[Das Straflager in Omsk
Am 24. Dezember 1849 trat Fjodor Michailo- witsch Dostojewski mit Ketten an den Beinen auf einem offenen Pferdeschlitten seine „Reise“ in die vierj&#228;hrige Verbannung nach Sibirien an, in ein Zuchthaus und Straflager bei Omsk (S&#252;dwestsibirien). Sehr bedeutsam f&#252;r sein Leben sollte auf dieser „Reise“ ein Treffen mit Natalja Fonwisina werden, eine der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Straflager%20Omsk.jpg" width="132" height="197" alt="" title="" /><br /><small>Das Straflager in Omsk</small></div>
<p>Am 24. Dezember 1849 trat <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Fjodor Michailo- witsch Dostojewski</a></strong> mit Ketten an den Beinen auf einem offenen Pferdeschlitten seine „Reise“ in die vierj&#228;hrige Verbannung nach Sibirien an, in ein Zuchthaus und Straflager bei Omsk (S&#252;dwestsibirien). Sehr bedeutsam f&#252;r sein Leben sollte auf dieser „Reise“ ein Treffen mit Natalja Fonwisina werden, eine der Dekabristenfrauen, die ihren M&#228;nnern 1825 in die sibirische Verbannung gefolgt waren. Sie lebte in Tobolsk (etwa 600 km vor Omsk), besuchte mit anderen Dekabristenfrauen den Gefangenentransport und schenkte dem revolution&#228;ren Sozialisten Dostojewski bei dieser Gelegenheit das <em>Neue Testament</em>. W&#228;hrend der vier Jahre Straflager war dies das einzige Buch, das er lesen durfte; er sollte es f&#252;r den Rest seines Lebens immer bei sich tragen und es sich noch auf dem Sterbebett geben lassen. <span id="more-2380"></span></p>
<p>&#220;ber die vier Jahre Katorga (so nannte man eine besonders schwere Zuchthausstrafe mit Zwangsarbeit) mit f&#252;nf Kilogramm Ketten an den Beinen schrieb Dostojewski nach seiner Entlassung aus dem Straflager 1854 an seinen Bruder:</p>
<p>Als Gef&#228;ngnis dient ein </p>
<blockquote><p>altes, bauf&#228;lliges Holzhaus, das l&#228;ngst als unbewohnbar h&#228;tte abgebrochen sein sollen. Im Sommer ist es unertr&#228;glich hei&#223;, im Winter unertr&#228;glich kalt. Alle Bohlen sind morsch, auf dem Boden liegt der Schmutz zolldick. Die Decke ist undicht und tropft, &#252;berall ist Durchzug. Wir sind wie Heringe in einem Fass verpackt &#8230; Im Vorraum ist ein h&#246;lzerner Trog (f&#252;r die Notdurft) aufgestellt, und der Gestank ist unertr&#228;glich. Alle Gefangenen stinken wie Schweine &#8230; Wir schliefen auf rohen Brettern; einem jeden war nur ein Kopfkissen erlaubt. Wir bedeckten uns mit kurzen Halbpelzen und die F&#252;&#223;e blieben die ganze Nacht blo&#223;; wir froren die ganze Nacht. Fl&#246;he, L&#228;use und anderes Ungeziefer gab es Scheffel voll.</p></blockquote>
<p>Als weitaus schlimmer als diese &#228;u&#223;eren Lebensumst&#228;nde aber empfand er, dass er in der ganzen Zeit nicht einen Augenblick f&#252;r sich allein sein konnte und mit Kriminellen &#252;belster Art zusammenleben musste:</p>
<blockquote><p>Sie sind brutale, zornige, verbitterte Menschen. Ihr Hass auf den Adel ist grenzenlos; sie betrachten uns alle, die wir dazugeh&#246;ren, mit feindseliger Abweisung. Sie w&#252;rden uns auffressen, wenn sie k&#246;nnten. Urteile nun selbst, in welcher Gefahr wir schwebten, w&#228;hrend wir unser Leben mit diesen Menschen gemeinsam verbringen mussten, mit ihnen essen, neben ihnen schlafen, und ohne irgendeine M&#246;glichkeit, uns &#252;ber das Unrecht zu beschweren, das uns st&#228;ndig angetan wurde &#8230; Einhundertundf&#252;nfzig Widersacher, die niemals m&#252;de wurden, uns zu verfolgen – das war ihr Spa&#223;, ihre Ablenkung, ihr Zeitvertreib &#8230; Unser einziger Schild war unsere Indifferenz und unsere moralische &#220;berlegenheit, die sie gezwungen waren anzuerkennen und zu respektieren.</p></blockquote>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Anschmieden%20der%20Ketten%2C%20Foto%20von%20Tschechow.jpg" width="114" height="200" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Anschmieden der<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ketten, fotografiert<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;von A. Tschechow</small></div>
<p>Sechs Jahre nachdem Dostojewski dieser H&#246;lle entronnen war, begann er, diese Zeit in seinen ber&#252;hmt gewordenen <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=totenhaus">Aufzeichnungen aus<br />
einem Totenhaus </a></strong></em>zu verarbeiten. Sie erschienen 1861 und die Leser waren geschockt; selbst Zar Alexander II. sollen beim Lesen die Tr&#228;nen gekom- men sein. Zum ersten Mal wurden hier die Zust&#228;n- de in einem sibirischen Zuchthaus geschildert. Dostojewski l&#228;sst einen nicht-politischen Gefan- genen der Intelligenzija sachlich und emotionslos berichten, was die Wirkung der Schilderungen ungeheuer verst&#228;rkt; entstanden ist ein ethisch begr&#252;ndeter Tatsachenbericht mit grunds&#228;tzlichen humanistischen &#220;berlegungen (vor allem zum Thema »Verbrechen und Strafe«), der durch die Justizreform von Alexander II. einen aktuellen und hei&#223; diskutierten Bezug bekam.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r die packenden Bilder, mit denen Dostojewski seine Leser aufschreckte, ist die Badehausszene:</p>
<blockquote><p>Als wir die T&#252;r zur Badestube &#246;ffneten, hatte ich das Gef&#252;hl, wir k&#228;men in die H&#246;lle. Man stelle sich einen Raum von zw&#246;lf Schritt L&#228;nge und der gleichen Breite vor, in dem an die hundert Menschen zusammengepfercht sind, mindestens aber achtzig, denn wir Str&#228;flinge waren in nur zwei Gruppen eingeteilt, und zum Baden gekommen waren wir mit rund zweihundert Mann. Dazu Dampf, der einem jede Sicht nimmt, Ru&#223;, Schmutz und eine derartige Enge, dass man nicht wei&#223;, wohin man treten soll. Ich erschrak und wollte schon umkehren, doch Petrow ermutigte mich sogleich. Mit M&#252;h und Not und unter den gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten dr&#228;ngten wir uns zu den B&#228;nken durch, &#252;ber die K&#246;pfe der am Boden Sitzenden hinweg, nachdem wir sie gebeten hatten, sich zu b&#252;cken, damit wir durch k&#246;nnten. Aber auf den B&#228;nken waren alle Pl&#228;tze besetzt. Petrow erkl&#228;rte mir, man m&#252;sse einen Platz kaufen, und verhandelte denn auch gleich mit einem Str&#228;fling, der bei dem kleinen Fenster sa&#223;. F&#252;r eine Kopeke trat der mir seinen Platz ab, erhielt auf der Stelle von Petrow das Geld, das dieser vorsorglich in der geschlossenen Faust mit in die Badestube gebracht hatte, und schl&#252;pfte sofort unter die Bank, direkt unter meinen Platz, wo es dunkel und schmutzig war und eine klebrig-feuchte Masse fast einen halben Finger dick den Boden bedeckte. Dennoch waren auch unter den B&#228;nken alle Pl&#228;tze besetzt; auch dort wimmelte es von Menschen. Auf dem ganzen Fu&#223;boden gab es nicht eine Handbreit, wo nicht Str&#228;flinge gekauert und sich aus ihren Sch&#246;pfk&#252;beln bespritzt h&#228;tten. Andere standen aufrecht zwischen ihnen und wuschen sich, den Sch&#246;pfk&#252;bel in der Hand haltend; das schmutzige Wasser floss von ihnen geradewegs auf die rasierten K&#246;pfe der unten Sitzenden herab. Auf der Schwitzbank und auf allen Stufen, die zu ihr hinauff&#252;hrten, sa&#223;en, gekr&#252;mmt und geb&#252;ckt, sich Waschende. Sie wuschen sich jedoch nicht sehr eifrig. Das einfache Volk w&#228;scht sich selten mit hei&#223;em Wasser und Seife; es bringt sich nur t&#252;chtig zum Schwitzen und &#252;bergie&#223;t sich dann mit kaltem Wasser – das ist alles. An die f&#252;nfzig Badequaste hoben und senkten sich gleichzeitig auf der Schwitzbank; jeder schlug sich fast bis zur Besinnungslosigkeit. Alle Augenblicke wurde neuer Dampf gemacht. Das war schon keine Hitze mehr, das war die H&#246;lle. Alles br&#252;llte und wieherte, und dazu das Geklirr von hundert Ketten, die auf der Erde schleiften. Manche, die sich durchdr&#228;ngen wollten, verhedderten sich in fremden Ketten oder blieben an den K&#246;pfen der unten Sitzenden h&#228;ngen, strauchelten, fluchten und rissen die, an denen sie h&#228;ngengeblieben waren, mit sich. Von allen Seiten ergoss sich Schmutz. Alles war in einem trunkenen, erregten Gem&#252;tszustand; Gekreische und Geschrei ert&#246;nten. Am Fenster zum Vorraum, durch das das Wasser hereingereicht wurde, herrschte arges Geschimpfe und Gedr&#228;nge, geriet man sich regelrecht in die Haare. Das empfangene hei&#223;e Wasser schwappte den am Boden Sitzenden auf die K&#246;pfe, bevor es an sein Ziel gelangte. Von Zeit zu Zeit blickte durch das Fenster oder die halb ge&#246;ffnete T&#252;r das schnauzb&#228;rtige Gesicht eines Soldaten herein, der, das Gewehr in der Hand, nachschaute, ob auch kein Unfug getrieben wurde. Die rasierten K&#246;pfe und die rot geschwitzten Leiber der Str&#228;flinge wirkten noch verunstalteter als sonst. Auf einem vom Dampf aufgeweichten R&#252;cken treten die Narben einst empfangener Peitschen- und Stockhiebe gew&#246;hnlich deutlich hervor, und so sahen all diese R&#252;cken aus, als w&#228;ren sie gerade erst wundgeschlagen worden. Welch entsetzliche Narben! Bei ihrem Anblick &#252;berlief es mich eiskalt. Ein neuer Aufguss – und der Dampf erf&#252;llt als dichte, hei&#223;e Wolke die ganze Badestube; alles johlt und schreit. Allm&#228;hlich tauchen aus der Dampfwolke die zerschundenen R&#252;cken, die rasierten K&#246;pfe, die gekr&#252;mmten Arme und Beine wieder auf; und als Kr&#246;nung des Ganzen jauchzt Issai Fomitsch auf der obersten Stufe aus voller Kehle. Er peitscht sich bis zur Raserei, aber anscheinend ist es immer noch nicht hei&#223; genug; f&#252;r eine Kopeke mietet er sich einen Badeknecht, doch der h&#228;lt es schlie&#223;lich nicht mehr aus, wirft den Badequast hin und eilt, sich mit kaltem Wasser zu &#252;bergie&#223;en. ….
</p></blockquote>
<p>War er in der Katorga von Omsk noch als revolution&#228;rer, aufgrund der in Europa missgl&#252;ckten Revolutionen von 1848 und 1849 allerdings schon zweifelnder Sozialist angekommen, der noch immer der Meinung war, dass, wenn sich nur die &#228;u&#223;eren Umst&#228;nde &#228;nderten – verbesserten! –, das Gute im Menschen von allein die Oberhand gewinnen w&#252;rde, so musste er jetzt, zusammengepfercht mit Verbrechern, erkennen, dass das B&#246;se immer die Vorherrschaft w&#252;rde innehaben, wenn dem Menschen nicht klare Grenzen gezogen w&#252;rden. Und das d&#252;rften keine von au&#223;en, durch Gesetze gezogenen Grenzen sein – an den ihn umgebenden Verbrecher zeigte sich ja, dass diese Gesetze wirkungslos waren. Es m&#252;ssten vielmehr Grenzen sein, die von innen k&#228;men, moralische Gesetze, die der Mensch als wahr erkannt habe – also solche, die letztlich nur gottgegeben sein k&#246;nnten. Ohne die Erkenntnis Gottes und seiner moralischen Gesetze lebten die Menschen wie Tiere, befand Dostojewski, denn wenn sie das Wahre und Gute nicht sehen k&#246;nnten, k&#246;nnten sie auch ihre eigene B&#246;sartigkeit nicht sehen und sich folglich nicht bessern.</p>
<p>Leicht fiel dem ehemaligen Anh&#228;nger der Atheisten <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wissarion+belinski">Belinski </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+nekrassow">Nekrassow </a>die Wendung zur Gottsuche nicht; er fand jedoch in Christus das leuchtende Vorbild, das ihm bis ans Ende seines Lebens bleiben sollte. An Natalja Fonwisina, die ihm auf dem Weg in die Katorga das <em>Neue Testament </em>gegeben hatte, schrieb er 1854:</p>
<blockquote><p>Man findet den Glauben eigentlich nur deshalb, weil die Wahrheit im Ungl&#252;ck erstrahlt. Ich will gestehen, dass ich ein Kind unseres Jahrhunderts bin, ein Kind des Zweifels und des Unglaubens, – bis jetzt und sogar (ich wei&#223; es) bis zum Grabe. Welch furchtbare Qualen hat mich dieser Durst nach dem Glauben gekostet – und das bis auf den heutigen Tag –, der immer heftiger in meiner Seele wird, je mehr Gegenbeweise ich in mir aufh&#228;ufe. Gott schickt mir jedoch zuweilen Augenblicke, in denen ich vollkommen ruhig bin; in diesen Augenblicken liebe ich und f&#252;hle, dass ich wiedergeliebt werde, und in solchen Augenblicken bildete ich mir ein Glaubenssymbol, in dem f&#252;r mich alles klar und heilig ist. Dieses Symbol ist sehr einfach, hier ist es: zu glauben, dass es nichts gibt, was sch&#246;ner, tiefer, sympathischer, weiser, mutiger und vollkommener als Christus ist; dass es dies nicht nur nicht gibt, beteuere ich mir selbst mit eifernder Liebe, sondern auch nicht geben kann.<br />
<strong>Nicht genug – wollte mir jemand beweisen, dass Christus au&#223;erhalb der Wahrheit sei, so w&#252;rde ich vorziehen, in Christo, statt in der Wahrheit zu bleiben.</strong>
</p></blockquote>
<p>Ohne dieses schlichte Glaubensbekenntnis sind alle Werke, die Dostojewski nach seiner Katorga geschrieben hat, nicht zu verstehen. Nun darf aber nicht der Eindruck entstehen, er w&#228;re ein „gel&#228;uterter“ Mensch geworden, der in religi&#246;sen Sph&#228;ren ein abgehobenes Leben gef&#252;hrt h&#228;tte; nein, nichts Menschliches war ihm fremd, ja, man muss sogar sagen: nichts Allzumenschliches, wie sein weiterer Lebensweg zeigt.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Onkelchens%20Traum.jpg" width="107" height="180" alt="" title="" /></div>
<p>Nach seiner Entlassung aus der Katorga 1854 wurde Dostojewski als einfacher Soldat in ein Linien-Bataillon (Grenz-Bataillon) nach Semipalatinsk (heute Semei, Ostkasachstan) gesteckt, wo er im Herbst des Jahres den jungen Staatsanwalt Baron Wrangel traf. Schnell verband die beiden eine tiefe Freundschaft und Baron Wrangel konnte ihm durch seine Beziehungen „zu allerh&#246;chster Stelle&#8221; Strafmilderung verschaffen, so dass er in einer eigenen Blockh&#252;tte wohnen durfte und auch dienstlich schonender behandelt wurde. Endlich war er allein. Und sofort begann er wieder zu schreiben – allerdings „mit schrecklicher Angst vor der Zensur“, wie er sp&#228;ter berichtete, denn als ehemaliger Str&#228;fling wurde er nat&#252;rlich strengstens &#252;berwacht. So nimmt es nicht Wunder, dass die ersten beiden Erz&#228;hlungen nach Omsk, <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dosstojewski&#038;title=onkelchens+traum"><strong>Onkelchens Traum</strong></a></em> und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dosstojewski&#038;title=dorf"><strong>Das Dorf Stepantschikowo</strong></a></em> (beide 1859 ver&#246;ffentlicht), vollkommen unpolitisch sind; es sind seine heitersten, fast kom&#246;dienhaften Werke, die allerdings wenig Anklang bei den Lesern fanden – eigentlich zu Unrecht, wie ich finde.</p>
<p>In <em>Onkelchens Traum </em>versucht die „Erste Dame“ eines Provinzst&#228;dtchens, ein geldgieriger Drachen, einen total senilen, gerade durch eine Erbschaft zu viel Geld und Besitz gekommenen Grafen mit ihrer jungen Tochter zu verheiraten. Beinahe gelingt das, denn nachdem sie den Alten betrunken gemacht hat, macht er tats&#228;chlich einen Antrag. Sie hat aber die Rechnung ohne den Neffen des Alten gemacht. Der &#252;berzeugt seinen Onkel, dass er den Antrag in Wirklichkeit nur getr&#228;umt habe und daher durchaus nicht heiraten muss.</p>
<p>In <em>Das Dorf Stepantschikowo </em>dreht sich alles um einen im Leben gescheiterten Schmarotzer. Dieser tyrannisiert seinen schon krankhaft, ja bis zur Verbl&#246;dung gutm&#252;tigen Gutsherrn und die ganze auf dem Gut anh&#228;ngige verwandte Weiberschar, bis dem Gutsherren endlich der Kragen platzt und er ihn rausschmei&#223;t. Clever wie er ist kommt der Schmarotzer aber durch das Hintert&#252;rchen wieder herein und spielt nun den gro&#223;en, weisen Heiligen.<br />
Die Charaktere in dieser Erz&#228;hlung sind hinrei&#223;end gezeichnet, man sp&#252;rt schon den gro&#223;en Dostojewski mit seinen weltber&#252;hmten Romanen. Dazu ist die Handlung ist so voll von praller Komik, dass sie vor dem Ersten Weltkrieg sogar vom Moskauer K&#252;nstlertheater als B&#252;hnenst&#252;ck aufgef&#252;hrt wurde.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski%20Offizier%201858.jpg" width="111" height="190" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dostojewski in<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;Offizierskluft (1958)</small></div>
<p>Schon im Mai 1854 hatte sich der emotional aus- gehungerte Dostojewski „unsterblich“ in die mit einem niederen Beamten gl&#252;cklos verheiratete Marja Dmitrijewna verliebt. Trotz der mahnenden Worte seines Freundes Baron Wrangel heiratete er sie, nachdem ihr Mann sich totgesoffen hatte und er selbst (durch Wrangels Protektion) 1856 zum Offizier bef&#246;rdert worden war. Die Ehe war von Anfang an ein Fiasko. Seine Zuk&#252;nftige hatte schon vor der Trauung ein Verh&#228;ltnis mit einem anderen, verbrachte sogar noch die Nacht vor der Hochzeit mit ihm und lie&#223; auch danach nicht von ihm ab. Es sollte eine qu&#228;lende Ehe bleiben; Marja Dmitrijewna starb 1864 nach langer Krankheit an Schwindsucht und Fjodor Michailowitsch, der zwischenzeitlich eine andere – Polina Suslowa – ungl&#252;cklich liebte, trauerte sehr bei ihrem Tod und machte sich Vorw&#252;rfe.</p>
<p>Zwischendurch aber war es 1859 endlich soweit gewesen: Wieder einmal auf Baron Wrangels Betreiben wurde er aus dem Milit&#228;rdienst entlassen und konnte nach einer kurzen Periode in Twer – das er ebenso verabscheute wie Semipalatinsk – mit „allerh&#246;chster“ Erlaubnis von Alexander II. nach Petersburg zur&#252;ckkehren.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/06/30/fjodor-michailowitsch-dostojewski-vom-saulus-zum-paulus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Brief an Fjodor Michailowitsch Dostojewski</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/05/19/brief-an-fjodor-michailowitsch-dostojewski/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/05/19/brief-an-fjodor-michailowitsch-dostojewski/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 19 May 2009 11:55:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Arme Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Die Brüder Karamasow]]></category>
		<category><![CDATA[Dostojewski]]></category>
		<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>
		<category><![CDATA[Frühwerk]]></category>
		<category><![CDATA[freud]]></category>
		<category><![CDATA[Hinrichtung]]></category>
		<category><![CDATA[Petraschewski]]></category>
		<category><![CDATA[Schuldgefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Utopische Sozialisten]]></category>
		<category><![CDATA[Vater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2175</guid>
		<description><![CDATA[Dostojewski &#8230; &#8230; Fjodor Michailowitsch!  –  почему? – warum?  –  &#8230; &#8230; &#8230; &#8230; –  was soll man &#252;ber Dich, Du gr&#246;&#223;ter aller Romanschreiber dieser Welt, noch schreiben, was noch nicht geschrieben w&#228;re? Die Wissenschaft hat Deine Werke zerpfl&#252;ckt, zerfieselt bis ins letzte Komma – und alles M&#246;gliche herausgefunden und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski+fjodor"><strong>Dostojewski </strong></a>&#8230; &#8230; Fjodor Michailowitsch!  –  почему? – warum?  –  &#8230; &#8230; &#8230; &#8230; –  was soll man &#252;ber Dich, Du gr&#246;&#223;ter aller Romanschreiber dieser Welt, noch schreiben, was noch nicht geschrieben w&#228;re? Die Wissenschaft hat Deine Werke zerpfl&#252;ckt, zerfieselt bis ins letzte Komma – und alles M&#246;gliche herausgefunden und hineingelegt – Richtiges und Falsches &#8230; &#8230; oft das, was sie finden wollte &#8230; &#8230; und oft genug hat sie nur irgendeinen Teil von Dir angeschaut &#8230; &#8230; seziert – Freud hat sogar Deine Psyche seziert! &#8230; &#8230; die einen fanden in Dir das &#8230; &#8230; die anderen das Gegenteil &#8230; &#8230; „was hat er dabei gedacht?“ –  „was hat er damit sagen wollen?“ t&#246;nt es &#8230; &#8230; hat je jemand gefragt: „was hat er dabei gef&#252;hlt?“ &#8230; &#8230; Dass Du ein Spieler warst, dass Du Schulden hattest, wird erw&#228;hnt – mit Verst&#228;ndnis f&#252;r Deine Gl&#228;ubiger, die Dich gejagt haben – aber – t-t-t-t – so etwas tut man aber auch nicht, hast schon ein bisschen selber Schuld! …. Aber, was hast Du gef&#252;hlt, als Du wieder einmal sahst, dass sich Dein Geld wieder einmal – warum auch immer – in Rauch aufgel&#246;st hatte? &#8230; &#8230; wie war es, zu schreiben mit dem unerbittlichen Abgabetermin im Nacken, um nicht zu verhungern? &#8230; &#8230; was f&#252;hltest Du, wenn Du wieder einmal Deine Liebe NICHT gefunden hattest? &#8230; &#8230; was f&#252;hltest Du, als Du merktest, dass Du spielen musstest, um Gro&#223;es zu schreiben? – es gab die Zeit, erinnere Dich  &#8230; &#8230; an den Tod Deiner Kinder will ich Dich lieber nicht erinnern, von Deiner Hinrichtung und den schlimmsten Jahren danach gar nicht sprechen &#8230; &#8230; Selbst gro&#223;e Geister verstummen einfach devot vor Deinem Werk – fast keiner fragt, wie’s Dir ging, als Du dies oder jenes schriebst.<br />
Also, sprich! … WER WARST DU – heute, ich wei&#223;, bist Du ein Gott – wer warst Du, Mensch?<br />
Warst Du ein Genie? … oder … ein Psychopath? … ein S&#252;chtiger? … ein Revolution&#228;r? … ein Gottsucher? … oder warst Du vielleicht nicht doch einfach nur ein Mensch mit wachem Auge und der Gabe, die Br&#252;cke zum Leser zu finden – was, wie ich wei&#223;, nicht wenig ist.<br />
<span id="more-2175"></span><br />
Nun, da ich nicht wei&#223;, ob mir Fjodor Michailowitsch antworten wird – sei es des Nachts in einem Traum oder durch einen Blitz der Erkenntnis, wie er viele „seiner“ Menschen trifft, will ich die wichtigsten Ereignisse der wichtigsten Zeit im Leben eines Menschen, in seiner Kindheit und Jugend, und die ersten Jahre seiner Schriftstellerzeit beleuchten.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewskij.jpg" width="155" height="173" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fjodor M. Dostojewski (1872)</small></div>
<p>Zur Welt kam Fjodor Michailowitsch Dosto- jewski am 30. Oktober<sup>jul</sup> / 11. November<sup>greg</sup> 1821 in einem Armenhospital am Rande von Moskau, wo sein Vater Michail Andrejewitsch leitender Arzt war. Er war ein sehr ange- sehener Arzt, erhielt f&#252;r seine Verdienste einen Orden und wurde 1830 mitsamt seinen S&#246;hnen in das Buch des Moskauer Erbadels eingetragen – eine zu dieser Zeit nicht unwichtige soziale „Bef&#246;rderung“. Privat aber war er weniger vollkommen, ein j&#228;hzorniger, geiziger, ehrgeiziger und vor allem verschlossener Despot, der die Familie mit milit&#228;rischem Drill und der strengen Forderung nach Disziplin beherrschte; von Zuwendung, gar von Liebe – keine Spur. </p>
<p>Typisch f&#252;r Fjodor Michailowitsch – und f&#252;r viele, die eine solche Kindheit mitgemacht haben: Er sprach zeit seines Lebens nicht &#252;ber den Vater; erst kurz vor seinem Tode bildete er das grausame Familienoberhaupt in der Figur des alten Karamasow in <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=brueder+karamasow">Die Br&#252;der Karamasow</a></strong></em> (1878 – 1880) ab.<br />
Was er nicht wissen konnte, weil auch wir es erst seit einigen zehn Jahren wissen: Die Kontakt- und Liebesf&#228;higkeit eines Menschen wird schon im Mutterleib und den ersten Monaten des Lebens gepr&#228;gt; wer keine Zuwendung erf&#228;hrt, wird es schwer haben, Zuwendung zu geben und Liebe zu erfahren.<br />
Nun, Dostojewskis Mutter Maria Fjodorowna war zwar das genaue Gegenteil ihres Mannes, stand aber unter dessen unerbittlicher Fuchtel; immerhin konnte sie ihre Liebe zur Literatur an Fjodor Michailowitsch weitergeben. In der Erz&#228;hlung <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=kleiner+held"><em><strong>„Ein kleiner Held“</strong></em></a> (1849) beschreibt er sie als Madame M., die die gro&#223;e erste Liebe des kleinen Helden ist:</p>
<blockquote><p>Sie war vielleicht ein wenig schweigsam, vielleicht auch verschlossen, obwohl es zugleich schwerlich ein aufmerksameres und liebevolleres Wesen gab als sie, wenn jemand der Teilnahme bedurfte. Es gibt Frauen, die im Leben geradezu wie barmherzige Schwestern sind. Vor ihnen braucht man nichts zu verbergen, nichts zu verschweigen, wenigstens nichts, was in unserer Seele krank und verwundet ist. Wer leidet, der gehe getrost zu ihnen und f&#252;rchte nicht, ihnen zur Last zu fallen, denn nur selten wei&#223; jemand von uns, wieviel unendlich geduldige Liebe, wieviel Mitgef&#252;hl und welch ein Allverzeihen in manchen Frauenherzen sein kann. Ganze Sch&#228;tze an Mitempfinden, Trost und Hoffnung ruhen in diesen reinen Herzen, die so oft selbst verwundet sind – Herzen, die viel trauern, mehr als andere lieben, aber die eigenen Wunden behutsam vor jedem neugierigen Blick verbergen, denn tiefes Leid schweigt und verbirgt sich. Diese Frauen schreckt weder die Tiefe der fremden Wunde noch ihre F&#228;ulnis ab: Wer an sie mit seinem Vertrauen herantritt, ist ihrer schon wert; aber sie sind ja auch, nebenbei bemerkt, wie eigens zum Helfen geboren.</p></blockquote>
<p>Die ersten zehn Jahre verbrachte Fjodor Michailowitsch in dem Armenhospital, in dem er geboren wurde; seine und seines Bruder Kammer war ein fensterloser kleiner Raum, der durch eine Bretterwand von der Eingangshalle des Krankenhauses abgetrennt war, Tagt&#228;glich waren sie umgeben von kranken Armen, die teilweise gespenstisch und ziellos umherwanderten. Diese Welt der Armen wird Dostojewski sein Leben lang besch&#228;ftigen; er wird sie wieder und wieder beschreiben. 1831 kaufte sein Vater ein kleines Landgut etwa 200 km s&#252;dlich von Moskau, wo die Familie zuk&#252;nftig die Sommermonate verbringen w&#252;rde. Im selben Jahr hatte Fjodor Michailowitsch auch sein erstes gro&#223;es Theatererlebnis: Als Zehnj&#228;hriger besuchte er in Moskau die Auff&#252;hrung von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=friedrich+schiller">Schillers </a><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=schiller&#038;title=raeuber">R&#228;uber</a></em>. Das romantische Erleben der Natur auf dem Gut und die aufw&#252;hlenden Eindr&#252;cke aus dem fr&#252;hromantischen, idealistischen Theaterst&#252;ck bestimmen f&#252;r die n&#228;chsten Jahre sein Weltbild. Es sind die Jahre, in denen der verg&#246;tterte Puschkin seine Triumphe feiert, und als Puschkin 1837 im Duell get&#246;tet wird und auch seine geliebte Mutter stirbt, wei&#223; er nicht, &#252;ber welchen Verlust er mehr trauern soll. </p>
<p>In Folge des Todes seiner Mutter traf Dostojewski ein weiteres Ungl&#252;ck: Da sein Vater nicht alle sieben Kinder versorgen konnte, mussten er und sein Bruder aus dem Haus; Fjodor Michailowitsch wurde auf die milit&#228;rische Ingenieurschule nach St. Petersburg geschickt. Als romantischer Tr&#228;umer und rebellischer Geist sah er sich im kalten Norden erneut mit Drill und Disziplinierungsma&#223;nahmen konfrontiert und musste sich mit ungeliebten – um nicht zu sagen verhassten – Unterrichtsf&#228;chern herumschlagen. </p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/s%C3%A4mtliche%20Erz%C3%A4hlungen.jpg" width="116" height="180" alt="" title="S&#228;mtliche Erz&#228;hlungen" /></div>
<p>Noch hatte er diese Schl&#228;ge nicht verarbeitet, da traf ihn schon der n&#228;chste: Sein Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau ganz auf das kleine Landgut zur&#252;ckgezogen und dort nat&#252;rlich ebenfalls despotisch regiert hatte, wurde von seinen eigenen Bauern erschlagen. Dass der Vater aufgrund seiner Pers&#246;nlichkeitsstruktur seinen Kindern seine Liebe – wenn sie denn in welcher Form auch immer vorhanden war – nicht zeigen konnte, ist sehr wahrscheinlich; dass Fjodor Michailowitsch seinen Vater nicht so lieben konnte wie seine Mutter, ist sicher ebenso verst&#228;ndlich. Doch der Vater war immerhin sein Vater und Dostojewski war ganz sicher noch nicht in der Lage gewesen, seine Beziehung zu ihm aufzuarbeiten. Es ist sicher eine Art Hassliebe gewesen, die ihn mit seinem Vater verband, wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sigmund+freud">Freud </a>sie 1928 in seinem Essay <em>„Dostojewski und die Vatert&#246;tung“</em> beschreibt. F&#252;r Fjodor Michailowitsch wurde der Mord an seinem Vater zu einem Trauma, aus dem heraus er heftige Schuldgef&#252;hle entwickelte – bis hin zum Selbstvorwurf, f&#252;r den Tod des Vaters (mit) verantwortlich zu sein. Sicher, weil er ihm manchmal aus gegebenem Anlass den Tod gew&#252;nscht hatte. An anderer Stelle wird beschrieben, er habe geglaubt, dass der Vater seine Bauern immer weiter ausgepresst habe, um seine, Fjodors, Ausbildung zu finanzieren – bis sie ihn letztendlich erschlugen.<br />
Was nun auch immer ihr Grund gewesen sein mag – seine Schuldgef&#252;hle hat Dostojewski sein Leben lang mit sich herumgeschleppt. Sie wurden zum zentralen Thema des letzten gro&#223;en Werkes, das er kurz vor seinem Tod geschrieben hat: <em>Die Br&#252;der Karamasow</em> (1878 – 1880).</p>
<p>1843 beendete Fjodor Michailowitsch mit Erfolg sein Studium und trat in den Staatsdienst ein. Trotz heftiger Geldsorgen und Schulden – er hatte nie gelernt, mit Geld umzugehen, und gab Geld, sobald er welches hatte, genau so schnell aus, wie er es bekommen hatte – entschloss er sich 1844, den Dienst zu quittieren und als freier Schriftsteller zu leben. Und so sollte er – abgesehen von den letzten paar Jahren – zeit seines Lebens von Geldsorgen geplagt sein.</p>
<p>Aus dem romantisch-idealistischen kleinen Rebellen, der er als Zehnj&#228;hriger war, war ein romantischer, sozialkritischer Geist geworden, der seine geliebten Vorbilder verschlungen und ihre &#220;berzeugungen verarbeitet hatte. Seine ersten Erz&#228;hlungen, Novellen und kleinen Romane spielen – wie k&#246;nnte es anders sein – im Milieu der armen Leute und haben die Liebe zum Thema. Sein erster ver&#246;ffentlichter Roman, mit dem er auch &#252;ber Nacht ber&#252;hmt wurde, hei&#223;t sogar <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=arme+leute">Arme Leute </a></strong></em>(1846).</p>
<p>Wenn man Dostojewskis Fr&#252;hwerke in drei Gruppen einordnet, kann man seine Entwicklung gut erkennen. Zu Beginn seines Schreibens – zwischen 1844 und 1846 entstandene Texte (Erscheinungsjahr in Klammern) – steht stets irgendein Beamtentyp im Mittelpunkt, eine ungl&#252;ckliche Gestalt, die mit ihrem Umfeld nicht zurecht kommt:<br />
<em>Arme Leute</em> (1846), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=doppelgaenger">Der Doppelg&#228;nger</a> </strong></em>(1846), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=ehrliche+dieb">„Der ehrliche Dieb“</a></strong></em> (1848), <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=roman+briefen">Ein Roman in neun Briefen</a></strong></em> (1845), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=prochartschin">„Herr Prochartschin“</a></em></strong> (1846).</p>
<p>In den darauffolgenden anderthalb Jahren verst&#228;rkt sich das sozialkritische Element. Im Mittelpunkt steht jetzt der isolierte jugendliche Held, dessen Gl&#252;ck und Erf&#252;llung an den Umst&#228;nden seiner Existenz scheitert. Die Erz&#228;hlungen sind – ausgenommen <em>„Ein kleiner Held“</em> – in der Zeit von Ende 1846 bis Mitte 1848 geschrieben:<br />
<em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=wirtin">„Die Wirtin“</a></strong></em> (auch: <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewskij&#038;title=junges+weib">„Ein junges Weib“</a></em></strong>, 1847), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=schwaches+herz">„Ein schwaches Herz“</a></em> </strong>(1848), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=polsunkow">„Polsunkow“</a></em></strong> (auch: <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=polsunkoff">„Polsunkoff“</a></em></strong>, 1847), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=netotschka">„Netotschka Neswanowa“</a></em></strong> (1849), <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=weisse+naechte">„Wei&#223;e N&#228;chte“</a></em></strong> (1848) und die w&#228;hrend seiner Untersuchungshaft entstandene Erz&#228;hlung <em>„Der kleine Held“</em> (1849). Letztere handelt von Missbrauch und Manipulation der Liebe und war f&#252;r lange Jahre die letzte, die Fjodor Michailowitsch schreiben sollte.</p>
<p>Zeitgleich und im Anschluss – von Herbst 1847 bis Herbst 1848 – entstanden auch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=weihnacht">„Weihnacht und Hochzeit“</a></strong></em> (1848) und „Die fremde Frau“ und „Der eifers&#252;chtige Gatte“, die Dostojewski unter dem Titel <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=fremde+frau+mann+bett">„Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“</a></em></strong> (1848) zusammenfasste. Diese Erz&#228;hlungen haben die Ehe und im besonderen die d&#252;mmlichen bis habgierigen Ehem&#228;nner zum Thema.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Die%20fremde%20Frau%20und%20der%20Mann%20unter%20dem%20Bett.jpg" width="96" height="170" alt="" title="Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett" /></div>
<p>Es ist hier nicht der Raum, auf jede Erz&#228;hlung, Novelle oder jeden kleinen Roman aus dieser Zeit im Einzelnen einzugehen; wichtig ist: Wir begegnen hier einem ganz anderen Dostojewski als dem, den man aus seinen weltber&#252;hmten Romanen kennt. Bezeichnenderweise wird &#252;ber diesen Teil seines Werkes kaum gesprochen. Zu Unrecht! Hier gibt es noch hervorragende Schilderungen von (Stadt-)Landschaft und Milieu, es finden sich Humor und Satire, die Personen sprechen noch jede in ihrer eigenen Sprache (gem&#228;&#223; dem von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+gogol">Gogol </a>kreierten und von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nikolai+leskow">Leskow </a>zur Vollendung gebrachten Stilmittel skaz) – alles Dinge, die Dostojewski sp&#228;ter zugunsten von Psychologie und Seelentiefe vernachl&#228;ssigt hat. Dazu sind diese weniger umfangreichen Werke ebenso packend und mitrei&#223;end wie seine sp&#228;teren.<br />
Um selbst die Probe aufs Exempel zu machen, finden Sie am Ende Ausz&#252;ge aus: <em>„Ein junges Weib“</em>, <em>„Weihnacht und Hochzeit“</em> und <em>„Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“</em>.</p>
<p>Aber worauf trieben die Ereignisse zu?<br />
Oben schrieb ich, dass <em>„Der kleine Held“</em> – &#252;brigens eine wundersch&#246;ne und ergreifende Erz&#228;hlung: Mit viel Einf&#252;hlung schildert Dostojewski die erwachende Liebe eines Jungen! – aus dem Jahr 1849 f&#252;r lange Jahre das letzte war, das er verfasste. Schon im Jahr 1846, zunehmend vereinsamend in dieser ungeliebten Stadt, in der es nur M&#228;nner zu geben schien (die meisten waren Regierungsbeamte, der weibliche Einwohneranteil lag bei nur 25 %), lernte er die drei Br&#252;der Beketow kennen; sie waren &#252;berzeugte Anh&#228;nger der Utopischen Sozialisten und begeisterten ihn f&#252;r das Konzept eines humanistischen Sozialismus, der Gerechtigkeit und Ausgleich unter den Menschen auf friedliche Weise hervorbringen sollte. Nach dem Konzept <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=charles+fourier">Charles Fouriers</a>, Vater der Sozialutopisten, gr&#252;ndeten sie eine – heute w&#252;rde man sagen – Kommune und f&#252;hrten euphorische Diskussionen &#252;ber die M&#246;glichkeiten zur Weltverbesserung. Leider rief die Pflicht lauter als die Ideale und die Br&#252;der Beketow mussten zum Studium nach Kasan. Als „Ersatz“ bot sich der Kreis um Petraschewski an, ebenfalls ein utopischer Sozialist, allerdings von weit schwererem Kaliber. Petraschewski war ein hoher Regierungsbeamter und hatte Zugang zu dem Archiv, in dem die verbotenen und beschlagnahmten ausl&#228;ndischen Schriften lagerten; und er verteilte sie gro&#223;z&#252;gig an seine Freunde. Zu seinem Kreis geh&#246;rte auch Nikolai Speschnjew, der sich als Radikaler profilierte. Bei ihm war nicht mehr von humanistischem Sozialismus die Rede, bei ihm hie&#223; die Parole immer mehr <em>„Sozialismus, Atheismus, Terrorismus“</em>. Von Speschnjew war Dostojewski fasziniert – au&#223;erdem hatte er 500 Rubel Schulden bei ihm, von denen er nicht wusste, wie er sie zur&#252;ckzahlen soll. Und ihn hat er sp&#228;ter in seinem Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=daemonen">Die D&#228;monen</a></strong></em> (auch: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=besessenen">Die Besessenen</a></strong></em> – und neuerdings: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dostojewski&#038;title=boese+geister">B&#246;se Geister</a></strong></em>) in der Person Nikolai Stawrogins verewigt.) </p>
<p>Erinnere Dich, Fjodor Michailowitsch, Du &#252;berzeugter J&#252;nger Christi, wie Du damals immer wieder beteuertest, dass Du f&#252;r die Befreiung der Bauern auch mit der Waffe in der Hand k&#228;mpfen w&#252;rdest! Und wie Du mit zehn anderen den Durow-Kreis gr&#252;ndetest, um die radikalen Absichten zu verwirklichen.</p>
<p>Der Petraschewski-Kreis war aber l&#228;ngst von der Geheimpolizei mit Spitzeln durchsetzt worden und am 23. April 1849 wurden alle 34 Mitglieder verhaftet und in das Verlies der Peter-Paul-Festung geworfen. In monatelangen Verh&#246;ren wurden sie ausgequetscht und am 16. November wurden 15 von ihnen, darunter Dostojewski, zum Tode durch Erschie&#223;en verurteilt. Hinrichtungstermin in f&#252;nf Wochen, am 22. Dezember. Die offizielle Begr&#252;ndung f&#252;r Dostojewskis Todesurteil war, dass er den von Nikolaus I. verbotenen Brief Belinskis an Gogol verlesen hatte, in dem Belinski Gogol als <em>„Prediger der Knute“ </em>und <em>„Lobsinger tatarischer Sitten“</em> verflucht, die Religion scharf angreift und Gesellschaftsreformen verlangt.</p>
<p>Fjodor Michailowitsch, so irrwitzig es klingt: Du hast bei allem Ungl&#252;ck noch Gl&#252;ck gehabt! Du hast es geschafft, Deine Aktivit&#228;ten vor der Untersuchungskommission so weit wie m&#246;glich zu verschleiern – wer h&#228;tte anders gehandelt! es ging um Dein Leben! – und so wurdest Du „nur“ wegen des vorgelesenen Briefes verurteilt. So kann man es noch heute allenthalben lesen. Wir aber wissen, dass die Untersuchungskommission ganz einfach die Papiere des Durow-Kreises nicht gefunden hatte. Wer wei&#223;, ob sonst eingetroffen w&#228;re, was Du sp&#228;ter berichtetest:</p>
<blockquote><p>Heute &#8230; wurden wir alle nach dem Semjonower Platz gebracht. Dort verlas man uns das Todesurteil, lie&#223; uns das Kreuz k&#252;ssen, zerbrach &#252;ber unseren K&#246;pfen den Degen und machte uns die Todestoilette (wei&#223;e Hemden). Dann stellte man drei von uns vor dem Pfahl auf, um das Todesurteil zu vollstrecken. Ich war der Sechste in der Reihe; wir wurden in Gruppen von je drei Mann aufgerufen, und so war ich in der zweiten Gruppe und hatte nicht mehr als eine Minute noch zu leben &#8230; Ich hatte noch Zeit, Pleschtschejew und Durow, die neben mir standen, zu umarmen und von ihnen Abschied zu nehmen. Schlie&#223;lich wurde Retraite getrommelt, die an den Pfahl Gebundenen wurden zur&#252;ckgef&#252;hrt, und man las uns vor, dass seine Kaiserliche Majest&#228;t uns das Leben schenkte.</p></blockquote>
<p>Diese Scheinhinrichtung, bei der einer der Todeskandidaten verr&#252;ckt wurde, sollte aber nicht das letzte grausame Ereignis in Dostojewskis Leben sein. Am 24 Dezember 1849 trat er mit Ketten an den Beinen auf einem offenen Pferdeschlitten seine „Reise“ in die vierj&#228;hrige Verbannung nach Sibirien an, in das Zuchthaus und Straflager bei Omsk, und was ihn hier erwartete, konnte sich damals niemand vorstellen; und auch heute, wo wir es wissen, kann unser Gef&#252;hl es nicht erfassen.</p>
<p>Nun, lieber Fjodor Michailowitsch, ich hatte keinen Traum. Mich durchzuckte kein Blitz der Erkenntnis. Ich habe alles, was ich bis hierhin von Dir wei&#223;, gewissenhaft aufgezeichnet, und ich hoffe, dass Du sp&#228;ter noch zu mir „sprechen“ wirst. Vielleicht im n&#228;chsten Brief, wenn es um Dein „n&#228;chstes Leben“ geht? </p>
<p>До скорого<br />
Dein<br />
Iwan Gendrichowitsch</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lauer&#038;title=geschichte+russischen+gegenwart">Reinhard Lauer: <strong>Geschichte der russischen Literatur – Von 1700 bis zur Gegenwart</strong> </a>(2000)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=neuhaeuser&#038;title=fruehwerk+dostoevskijs">Rudolf Neuh&#228;user: <strong>Das Fr&#252;hwerk Dostoevskijs</strong></a> (1979)<br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hamel&#038;title=dostojewskij">Christine Hamel: <strong>Fjodor M. Dostojewskij </strong></a>(2003)<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kasack&#038;title=hauptwerke+russischen"><br />
Wolfgang Kasack: <strong>Hauptwerke der russischen Literatur </strong></a>(1997)<br />
<strong><br />
<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=propylaeen+geschichte+literatur">Propyl&#228;en Geschichte der Literatur</a></strong> in 6 B&#228;nden</div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
<p>Hier finden Sie Ausz&#252;ge aus einigen fr&#252;hen Erz&#228;hlungen (PDF-Format):<br />
<a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Ein_junges_Weib_auch_Die_Wirtin.pdf">„Ein junges Weib“</a> (auch: „Die Wirtin“, 1847)<br />
<a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Weihnacht_und_Hochzeit.pdf">„Weihnacht und Hochzeit“</a> (1848)<br />
<a href="http://blog.zvab.com/wp-content/Die_fremde_Frau_und_der_Ehemann_unter_dem_Bett.pdf">„Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“</a> (1848)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/05/19/brief-an-fjodor-michailowitsch-dostojewski/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Pawel Iwanowitsch Melnikow – Chronist der Altgl&#228;ubigen</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/04/28/pawel-iwanowitsch-melnikow-chronist-der-altglaeubigen/</link>
		<comments>http://blog.zvab.com/2009/04/28/pawel-iwanowitsch-melnikow-chronist-der-altglaeubigen/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2009 07:26:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanns-Martin Wietek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Russlands romantische Revolutionäre]]></category>
		<category><![CDATA[Zu gut zum Vergessen]]></category>
		<category><![CDATA[Altgläubige]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Melnikow]]></category>
		<category><![CDATA[Orthodoxie]]></category>
		<category><![CDATA[Petscherski]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtgläubige]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.zvab.com/?p=2125</guid>
		<description><![CDATA[&#160;&#160;&#160;Cover von Na gorach
&#160;&#160;&#160;(dt. In den Bergen),
&#160;&#160;&#160;das nicht in deutscher
&#160;&#160;&#160;&#220;bersetzung vorliegt
Pawel Melnikow war ganz gewiss kein Systemkritiker geschweige denn ein Revolution&#228;r. Ganz im Gegenteil, er war ein – so w&#252;rde man heute sagen – regierungstreuer, rechtsliberaler Beamter und er starb – darin sind sich alle Quellen einig – „nach einem ruhigen Lebensabend“ im Bett (und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Melnikow%202%20Kopie.jpg" width="124" height="190" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Cover von <strong>Na gorach</strong><br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;(dt. In den Bergen),<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;das nicht in deutscher<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#220;bersetzung vorliegt</small></div>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pawel+melnikow">Pawel Melnikow</a></strong> war ganz gewiss kein Systemkritiker geschweige denn ein Revolution&#228;r. Ganz im Gegenteil, er war ein – so w&#252;rde man heute sagen – regierungstreuer, rechtsliberaler Beamter und er starb – darin sind sich alle Quellen einig – „nach einem ruhigen Lebensabend“ im Bett (und zwar am 1. <sup>jul</sup> / 13.<sup>greg</sup> Februar 1883 in Nishni Nowgorod).<br />
Seine einzige „Unbotm&#228;&#223;igkeit“ bestand wohl darin, dass er w&#228;hrend seines Studiums an einer Studentenfeier teilnahm. Er wurde deswegen nach seiner Promotion f&#252;r unw&#252;rdig gehalten, einen Lehrstuhl f&#252;r slawische Mundarten zu besetzen.<br />
Aus Melnikows Leben gibt es ansonsten wenig herausragende Ereignisse zu berichten. Die wenigen, die &#252;berliefert sind, sind dazu noch – je nachdem von welch politischer Couleur die Berichterstatter waren – unterschiedlich berichtet und gewichtet worden.<span id="more-2125"></span></p>
<p>In Nishni Nowgorod wurde er am 22. Oktober <sup>jul</sup> / 3. November <sup>greg</sup> 1819 geboren. Er stammte aus einer adligen Familie und sein Vater war Polizeikommandant, was wohl letztlich dazu f&#252;hrte, dass Melnikow ein hoher Beamter des Innenministeriums wurde. Nach seinem Studium in Kasan wurde er erst einmal als Lehrer f&#252;r Geschichte und Statistik ans Gymnasium in Perm und sp&#228;ter nach Nishni Nowgorod verschickt. 1843 wurde er Beamter f&#252;r besondere Auftr&#228;ge im Regierungsdienst beim Gouverneur von Nishni Nowgorod und ab 1850 war er dann Beamter im Innenministerium in St. Petersburg.</p>
<p>Schon w&#228;hrend seiner Zeit als Lehrer betrieb er nebenher geschichts- und volkskundliche Studien; ganz besonders interessierte ihn die Kirchenspaltung (1662 &#8211; 1666) unter dem Patriarchen Nikon und das Leben der Altgl&#228;ubigen. Folgerichtig kam er auch ins Altgl&#228;ubigenressort des Innenministeriums, das f&#252;r die Bek&#228;mpfung des Sektenwesens, womit in erster Linie die Altgl&#228;ubigen gemeint waren, zust&#228;ndig war. Dieses Ressort war wahrscheinlich so etwas wie eine geheime Spezialpolizei, weshalb Melnikow von manchen auch der Spitzelei beschuldigt wurde.</p>
<p>Wer aber sind die Altgl&#228;ubigen? „Altgl&#228;ubige“ werden die genannt, die die Liturgiereform unter Nikon (Patriarch von Moskau 1652 &#8211; 1666) nicht mitgemacht haben und auf dem Konzil 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt wurden; die „offiziellen“ Orthodoxen nennen sich „Rechtgl&#228;ubige“. Dass die Altgl&#228;ubigen um ihres Glaubens willen von Staats wegen verfolgt, gejagt und zeitweise auch brutal vernichtet wurden, obwohl sie ebenso orthodoxe Christen waren wie die Rechtgl&#228;ubigen, nur mit einem geringf&#252;gig anderen Ritus, h&#228;ngt damit zusammen, dass der Kaiser als weltlicher Vertreter Gottes, als Besch&#252;tzer der Gl&#228;ubigen angesehen wurde. Die rechtgl&#228;ubige Orthodoxie war Staatsreligion; und wer das geistliche Oberhaupt, den Patriarchen von Moskau, nicht anerkannte, wandte sich automatisch auch gegen den Kaiser (was die Altgl&#228;ubigen realiter in keinster Weise taten). Hierin unterscheidet sich das russische Modell ganz wesentlich vom westlichen, denn zwar galt auch f&#252;r westliche K&#246;nige und Kaiser das „Gottesgnadentum“, sie waren jedoch nicht das Oberhaupt der jeweiligen Kirche. </p>
<p>Die Geschichte der Altgl&#228;ubigen ist ein mitrei&#223;endes und aufregendes Kapitel in der an gewaltigen Ereignissen wei&#223; Gott nicht armen Geschichte Russlands. Es ist eine Geschichte von Urchristentum, M&#228;rtyrertum, Selbstverbrennungen, gewaltlosem Widerstand – aber auch von Aufst&#228;nden von Kl&#246;stern gegen die Staatsgewalt (Kloster Soloveckij 1668) und kraftvoller Selbstbehauptung auch unter schwierigsten Umst&#228;nden.</p>
<p>1866 zog Melnikow nach Moskau und hier widersprechen sich die Quellen: Der Schriftsteller, Kritiker und gro&#223;e &#220;bersetzer <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johannes+guenther">Johannes von Guenther</a> (1886 – 1973) schreibt, er habe den Dienst quittiert; in der sozialistischen Literaturgeschichte hei&#223;t es, er sei zur besonderen Verf&#252;gung des Gouverneurs nach Moskau gesandt worden. Was auch immer richtig sein mag, es begann f&#252;r ihn eine Zeit intensiven Schreibens.</p>
<p>Schon in seiner Nishni Nowgoroder Zeit hatte er damit angefangen; er schrieb – wahrscheinlich seiner Stellung als Beamter wegen – unter dem Pseudonym <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melnikow-petscherski">Petscherski </a>und viele seiner ersten Erz&#228;hlungen fielen der Zensur zum Opfer. In den Jahren 1857 bis 1859 &#8211; also nach dem Tod von Nikolaus I. unter dem damals liberalen Alexander II. &#8211; wurde dann eine ganze Reihe von Erz&#228;hlungen ver&#246;ffentlicht, darunter <em><strong>„Gro&#223;mutters Erz&#228;hlungen“</strong></em> (auch: <em><strong>„Gro&#223;mutters Plaudereien“</strong></em>), <strong><em>„Pojarkow“</em></strong>, <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melnikow&#038;title=namenstagspastete">„Die Namenstagspastete“</a></em></strong>, <strong><em>„Der st&#228;ndige Beisitzer“</em></strong>, <strong><em>„Ein B&#228;renlager“</em></strong> und <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=melnikow&amp;title=alten+zeiten"><strong><em>„Alte Zeiten“</em></strong> (auch: <strong><em>„In alten Zeiten“</em></strong>)</a>.</p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/In%20alten%20Zeiten.jpg" width="119" height="200" alt="" title="" /></div>
<p>In <em>„Alte Zeiten“</em> erz&#228;hlt Melnikow vom ausschweifenden und selbstherrlichen Leben des F&#252;rsten Alexej Jurjewitsch und davon, wie er letztendlich dann doch zur Rechenschaft gezogen wurde; in <em>„Pojarkow“</em> erz&#228;hlt ein gel&#228;uterter „Titularrat im Abschied“ von den Schandtaten, die er &#8211; wie alle seinesgleichen &#8211; in seiner Zeit als Sekret&#228;r des Landgerichts, Schriftf&#252;hrer der Stadtverwaltung und Landkommiss&#228;r begangen hat; in <em>„Die Namenstagspastete“</em> beschreibt ein Beamter aus St. Petersburg einen liebedienerischen Speichellecker aus der Provinz, den er selbst erlebt hat; <em>„Der st&#228;ndige Beisitzer“</em> ist begl&#252;ckt, dass er die abgelegte (schwangere) Maitresse seines Vorgesetzten, einer Exzellenz, heiraten darf und ahnt, beschr&#228;nkt wie er ist, nicht einmal, dass die Heirat nur den Zweck hat, dass die Exzellenz weiter die Vorz&#252;ge der Maitresse genie&#223;en kann; in <em>„Gro&#223;mutters Plaudereien“</em> erz&#228;hlt die fast hundertj&#228;hrige Gro&#223;mutter ihrem Enkel von den „guten alten Zeiten“ unter Katharina der Gro&#223;en (18. Jahrhundert), als eine grausame, gewissenlose Oberschicht glaubte, sich alles erlauben zu k&#246;nnen und dabei noch lustig und kokett war.</p>
<p>All diese Erz&#228;hlungen sind voll von prallem Lebensgef&#252;hl, virtuos erz&#228;hlt – und damit, wie man so sagt, „von hohem Unterhaltungswert“. Sie zeigen aber auch, dass <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pawel melnikow">Pawel Melnikow</a></strong> durchaus nicht ein so gehorsamer, unkritischer hoher Beamter war, wie es seiner Dienststellung entsprochen h&#228;tte. Die Erz&#228;hlungen sind denen eines <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=saltykow">Saltykow-Schtschedrin</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=leskow">Leskow</a>, ja <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=tschechow">Tschechow </a>durchaus ebenb&#252;rtig.</p>
<p>W&#228;hrend seiner Dienstzeit reiste Melnikow viel an die Ufer der Wolga und der Kama, wo viele Altgl&#228;ubige lebten. Er sollte dort das Leben der Altgl&#228;ubigen kennenlernen und dienstlich „durchleuchten“, um danach zu berichten und im Sinn seines Herrschers zu handeln. Er begann seine Aufgabe als Feind der Altgl&#228;ubigen und war bei ihnen gef&#252;rchtet. Dies &#228;nderte sich jedoch nach und nach, denn er fing an, die Altgl&#228;ubigen zu verstehen. Er erkannte, dass bei ihnen die positiven Grundz&#252;ge des russischen Nationalcharakters unverf&#228;lschter erhalten geblieben waren als in anderen Schichten und dass ihnen in Russlands Zukunft eine bedeutende Rolle zukommen w&#252;rde. 1866 schrieb er: <em>„Die Hauptst&#252;tze des zuk&#252;nftigen Russlands sehe ich (trotz manchen anderen) in den Altgl&#228;ubigen“</em>. Und damit sollte er recht behalten, denn noch heute ist der russische Nationalcharakter, die russische Mentalit&#228;t, stark von der Orthodoxie und – besonders in dem Hang, &#220;berliefertes zu bewahren – von den Altgl&#228;ubigen gepr&#228;gt (was man wissen muss, wenn man heute manche uns auf den ersten Blick unverst&#228;ndliche Reaktionen „der Russen“ beurteilt).<br />
Aus dem Feind war also ein Freund geworden, jedoch kein unkritischer, eher ein wohlwollender.</p>
<p>Schon 1859 hat sich Melnikow dem Thema Altgl&#228;ubige dann auch schriftstellerisch zugewandt; in der von ihm redigierten Zeitschrift <em>Russkij dnevnik</em> erschienen unter dem Titel <em><strong>Die Leute jenseits der Uzola</strong></em> sechs Kapitel eines Romans &#252;ber das Leben der Altgl&#228;ubigen. 1868 erschien ein zweiter Roman, <em><strong>Jenseits der Wolga</strong></em>, den er in der Zeit von 1871 bis 1874 unter dem Titel <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melnikow&#038;title=waeldern">In den W&#228;ldern</a></strong></em> (russ. <em>V lesach</em>) in der Zeitschrift <em>Russkij vestnik</em> fortsetzte. Schlie&#223;lich fasste er 1875 beide Romane zu einem zusammen und ver&#246;ffentlichte ihn unter dem Titel <em>In den W&#228;ldern</em>. Gleich anschlie&#223;end, in den Jahren 1875 bis 1881, schrieb er seinen weiteren gro&#223;en Roman zu diesem Thema, der leider nie auf Deutsch erschienen ist: <em>In den Bergen</em> (russ. <em>Na gorach</em>). Jeder dieser beiden gro&#223;en Roman enth&#228;lt vier B&#228;nde; insgesamt umfassen sie in der Originalausgabe 2400 Seiten. </p>
<p>Sein wirklich einzigartiges Wissen &#252;ber die Altgl&#228;ubigen hatte Melnikow w&#228;hrend seiner Dienstzeit in Aufzeichnungen niedergelegt, die jetzt zur Grundlage f&#252;r sein schriftstellerisches Arbeiten wurden. Und so ist zu erkl&#228;ren, dass seine Romane zugleich von einzigartiger und unsch&#228;tzbarer kultur- und religionshistorischer Bedeutung sind; es gibt zu diesem Thema vor und nach ihm auf der Welt nichts von solcher Bedeutung und alle nach ihm beziehen sich auf ihn. Es handelt sich also um kulturhistorische Dokumente von allerh&#246;chstem Rang.</p>
<p>Literarisch gesehen sind diese beiden im doppelten Wortsinn gro&#223;en realistischen Romane streng genommen ein gro&#223;es Epos, das man getrost mit den ber&#252;hmten Romanen <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fjodor+dostojewski">Dostojewskis</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=lew+tolstoi">Tolstois</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gontscharow">Gontscharows</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=turgenjew">Turgenjews </a>– also jenen aller Gr&#246;&#223;en seiner Zeit – auf eine Stufe stellen kann; auch der Vergleich mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=thomas+mann">Thomas Manns</a> <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=thomas+mann&#038;title=buddenbrooks"><em>Buddenbrooks </em></a>ist durchaus angebracht.</p>
<p>Die Romane beschreiben das Leben der Altgl&#228;ubigen in den Jahren 1849 bis 1853 unter Zar Nikolaus I., das – wen nimmt es Wunder, wenn er diesen Namen h&#246;rt – f&#252;r sie wieder einmal ein recht unerquickliches war. Der historische Hintergrund: 1849 versuchten die russischen Altgl&#228;ubigen, Beziehungen zu den nach &#214;sterreich gefl&#252;chteten Altgl&#228;ubigen aufzunehmen, denn in Russland gab es keine altgl&#228;ubigen Bisch&#246;fe und damit auch keine Priester, da diese ja von Bisch&#246;fen geweiht werden m&#252;ssen. (Aus diesem Sachverhalt heraus entstand sogar eine bis heute existierende Gruppe der Altgl&#228;ubigen, die der Priesterlosen.) Es gab nur die Priester, die von den Rechtgl&#228;ubigen zu den Altgl&#228;ubigen &#252;bergewechselt waren: ein gef&#228;hrliches Unterfangen, denn sie wurden gejagt und hingerichtet. In &#214;sterreich wurden die vielen gefl&#252;chteten Altgl&#228;ubigen nicht verfolgt; somit gab es dort auch Bisch&#246;fe, und man erhoffte sich in Russland Priester von dort.<br />
1853 lie&#223; Nikolaus I. gro&#223;e Kl&#246;ster der Altgl&#228;ubigen brutaliter zerst&#246;ren und die M&#246;nche, soweit man ihrer habhaft werden konnte, hinrichten.</p>
<div class="bildrechts">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/In%20den%20W%C3%A4ldern.jpg" width="109" height="180" alt="" title="" /></div>
<p>In <em>In den W&#228;ldern</em> beschreibt Melnikow die Altgl&#228;ubigen realistisch, mit all ihren St&#228;rken und Schw&#228;chen, mit ihren S&#252;nden und Tugenden, ihren Gewissensn&#246;ten und ihren Mogeleien, um weltliche W&#252;nsche mit geistlichen Regeln in Einklang zu bringen. Man erlebt sie bei ihrem Versuch, sich vor Verfolgungen zu sch&#252;tzen und doch ein normales Leben zu f&#252;hren. Der Roman enth&#228;lt fesselnd gezeichnete Charaktere und, wie das Leben, teilweise deftige Handlungen. Den Alltag der Kaufmannschaft, in der es viele und auch sehr ber&#252;hmt gewordene Altgl&#228;ubige gab – wie Chludov (altrussische Manuskripte, Rubljows Ikonen), Tretjakow (Kunstsammlung), Morosow (Textilmanufaktur, Kunstsammlungen), Soldatenkow (Krankenh&#228;user, Ikonensammlungen), Kusnezow (Porzellanmanufaktur), um nur einige zu nennen –, zeichnet er ebenso differenziert nach wie das Leben in einem altgl&#228;ubigen Frauenkloster, in dem die Novizinnen den weltlichen Verlockungen durchaus nicht abhold sind und die &#196;btissin, um des Erhalts ihres Klosters willen, immer wieder Kompromisse mit ihren „Wohlt&#228;tern“ – den reichen Spendern aus der Kaufmannschaft – eingehen muss.<br />
Man erkennt, wie stark das weltliche Leben im Allgemeinen und das der Kaufmannschaft im Besonderen mit dem religi&#246;sen Leben ganz selbstverst&#228;ndlich verzahnt, ja eins war.</p>
<p>Die von <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pawel+melnikow">Pawel Melnikow</a></strong> geschilderte Welt erscheint uns heute erfundener, ausgedachter als manch ein moderner Science-Fiction-Roman, und doch war sie so real wie heute unser t&#228;glicher Bummel durch die Stadt. Von ihr sind unterschiedlich starke Spuren auch im heutigen Russland zu finden und tats&#228;chlich gibt es sie noch in manchen Winkeln Sibiriens – in den W&#228;ldern.</p>
<p>Die 700 Seiten des Romans (in deutscher Ausgabe) schrecken wom&#246;glich manchen Leser ab; er f&#252;rchtet vielleicht, solch ausgedehnte Lekt&#252;re k&#246;nne erm&#252;den, was jedoch &#252;berhaupt nicht der Fall ist: In den W&#228;ldern ist von der ersten bis zur letzten Zeile packend. Melnikow reichert den Handlungsablauf, der haupts&#228;chlich von den beiden Protagonisten, dem sehr reichen patriarchalischen Kaufmann Patap Maksimytsch Tschapurin und seiner Schwester, der &#196;btissin Manefa, bestimmt wird, mit so vielen einzelne Begebenheiten an, dass man immer wieder aufs Neue gefesselt ist. Es ist die herausragende literarische Leistung Melnikows, viele einzelne Erz&#228;hlungen nahtlos in ein Gesamtgeschehen einzubinden, ohne dass man das Gef&#252;hl bek&#228;me, einzelne Erz&#228;hlungen zu lesen, wie es bei nicht minder gro&#223;en Schriftstellern, aber weniger begabten Romanautoren manchmal der Fall ist; und das stellt ihn auf eine Stufe mit z. B. Dostojewski und vielleicht noch &#252;ber Tolstoi. </p>
<p>Und jetzt kommt das Erstaunliche: Schon zu seiner Zeit wurde Melnikow kaum gelesen und Anfang des 20. Jahrhunderts war er vollkommen in der Versenkung verschwunden. Es war ausgerechnet der sozialistische Moskauer Staatsverlag f&#252;r k&#252;nstlerische Literatur, der Melnikows Werk mit seiner eindeutig religi&#246;sen Thematik 1955 neu herausbrachte – und das in einer gewaltigen Auflage: In den W&#228;ldern mit 300.000 und das un&#252;bersetzte In den Bergen gar mit 450.000 Exemplaren! Und wieder einmal ein Gl&#252;cksfall f&#252;r die Literatur: In der DDR f&#252;hlte man sich als „kleiner Bruder“ selbstverst&#228;ndlich verpflichtet, etwas von Melnikow ins Deutsche zu &#252;bersetzen – In den W&#228;ldern g&#228;be es sonst nicht in deutscher Sprache.</p>
<p>Zu Melnikows Lebzeiten waren die Werke von kitzeliger Thematik. Bei Schriftstellerkollegen wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=biely">Biely</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=remisow">Remisow</a>, und sp&#228;ter <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=maxim+gorki">Gorki </a>und anderen war er sehr gesch&#228;tzt, doch der Leser wollte damit wenig zu tun haben, denn es roch verd&#228;chtig nach Kritik am Herrschertum. Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts war bei der herrschenden Schicht das mond&#228;ne k.u.k.-Leben angesagt, die einen tanzten Walzer, die anderen marschierten; die, die am meisten lasen, waren Frauen, und f&#252;r die war das Thema uninteressant – Helden waren in der Literatur gefragt.<br />
Die Leser aus anderen Schichten hatten andere Probleme, was interessierten sie die Probleme der Altgl&#228;ubigen! Und nach der Revolution 1917/18 und erst recht unter Stalin war das Thema verp&#246;nt und h&#246;chst gef&#228;hrlich.<br />
Nach Stalins Tod war Kritik an der Religion – am „Opium f&#252;r das Volk“ – selbstverst&#228;ndlich weiterhin angesagt und anscheinend hatte man Melnikows Werk etwas oberfl&#228;chlich gelesen und nur die Schilderung „schlimmer“ Zust&#228;nde gesehen, und die glaubte man f&#252;r antireligi&#246;se (und versp&#228;tete antizaristische) Propaganda benutzen zu k&#246;nnen. Wieder einmal kannten die Herrscher ihre Untertanen schlecht und verrannten sich in ihrer Ideologie.</p>
<p>Dass Melnikow im Westen kein Interesse weckte (ausgenommen bei Johannes von Guenther), ist kaum erstaunlich: Von der russischen Orthodoxie hatte man keine Ahnung und glaubte sie unter dem Kommunismus praktisch verschwunden; das Wort „Altgl&#228;ubige“ konnte man noch nicht einmal buchstabieren und alle Literatur, die nicht von Dissidenten kam, war uninteressant bis suspekt. Nur die ganz gro&#223;en Namen hatten G&#252;ltigkeit – &#252;ber die schrieb man sich die Finger wund.</p>
<p>Im Teich der Literatur, dort, wo das Wasser tr&#252;be ist, schlummert noch eine Perle. Sie gilt es zu heben. Vielleicht ist das Wasser durch diesen Essay etwas aufgewirbelt und die Perle sichtbar geworden. </p>
<p>Wer will sie herausfischen?</p>
<div class="dialog">
<div class="hd">
<div class="c"></div>
</div>
<div class="bd">
<div class="c">
<div class="s">
<h3>Literatur:</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melnikow&#038;title=alten+zeiten&amp;anyWords=guenther">Pawel Melnikow:Die alten Zeiten</a> (1962), herausgegeben von Johannes von Guenther (<em>Marginalien zur russischen Prosa des 19. Jahrhunderts</em>, <em>Die alten Zeiten</em>, <em>Pojarkow</em>, <em>Die Namenstagspastete</em>, <em>Der st&#228;ndige Beisitzer</em>, <em>Gro&#223;mutters Plaudereien</em>)</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=pawel+melnikow">Pawel Iwanowitsch Melnikow:</a> <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=melnikow&#038;title=waeldern">In den W&#228;ldern</a> (2 Bd.)</p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hauptmann&#038;title=altglaeubige">Peter Hauptmann:Ru&#223;lands Altgl&#228;ubige</a></p>
<p><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hauptmann&#038;title=altrussischer+glaube">Peter Hauptmann:Altrussischer Glaube</a></div>
</div>
</div>
<div class="ft">
<div class="c"></div>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.zvab.com/2009/04/28/pawel-iwanowitsch-melnikow-chronist-der-altglaeubigen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
