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	<title>ZVABlog &#187; Femde Welten erLesen</title>
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	<description>das offizielle Blog des ZVAB rund um antiquarische und vergriffene Bücher - Literatur, Kolumnen, Lesetipps und Autoren-Nachrufe.</description>
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		<title>Gro&#223;ereignisse und ein neurotischer Buchmarkt: &#220;ber die Rezeption s&#252;dafrikanischer Kriminalliteratur</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 07:19:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[Krimi-Kolumne von Thomas W&#246;rtche Gro&#223;ereignisse wie die Fu&#223;ballweltmeisterschaft sind de facto gigantische Multiplikatoren. Ein paar Aufmerksamkeitssplitter bleiben auch f&#252;r die Kultur, davon ein paar f&#252;r die Literatur und von diesen wiederum ein paar f&#252;r die Kriminal- literatur. Im Falle S&#252;dafrikas sogar ganz speziell f&#252;r die Kriminalliteratur. Denn ohne die globale Bedeutung von literarischen Schwergewichten wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Krimi-Kolumne von Thomas W&#246;rtche</strong></p>
<div class="bildrechts">
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=smith&#038;title=kap+der+finsternis"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/smith.jpg" width="132" height="200" alt="" title="Smith: Kap der Finsternis" /></a></div>
<p>Gro&#223;ereignisse wie die Fu&#223;ballweltmeisterschaft sind de facto gigantische Multiplikatoren. Ein paar Aufmerksamkeitssplitter bleiben auch f&#252;r die Kultur, davon ein paar f&#252;r die Literatur und von diesen wiederum ein paar f&#252;r die Kriminal- literatur. Im Falle S&#252;dafrikas sogar ganz speziell f&#252;r die Kriminalliteratur. Denn ohne die globale Bedeutung von literarischen Schwergewichten wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nadine+gordimer">Nadine Gordimer</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andre+brink">André Brink</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=coetzee">J. M. Coetzee</a> schm&#228;lern zu wollen – Kriminalautoren wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=deon+meyer">Deon Meyer</a> (vgl. auch unsere Interview-Kolumne <a href="http://blog.zvab.com/2008/04/07/deon-meyer-ein-mann-mit-leidenschaften/">Deon Meyer: ein Mann mit Leidenschaft</a>) und in dessen Erfolgssog <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=roger+smith">Roger Smith</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andrew+brown">Andrew Brown </a>oder <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=margie+orford">Margie Orford</a> haben binnen einiger Jahre einen mindestens analogen Bekanntheitsstatus bei einem breiteren internationalen Publikum erreicht.<span id="more-4213"></span></p>
<p>Man kann nun dar&#252;ber streiten, ob und wie betr&#252;blich es sei, dass Genre-Autoren den Mainstream &#252;berholen, beziehungsweise ob und wie sie die literarische Repr&#228;sentanz einer Weltgegend &#252;bernehmen. Dass S&#252;dafrika auf jeden Fall eine Art Eldorado f&#252;r Kriminalliteratur sein k&#246;nnte, scheint nach allem, was wir &#252;ber das Genre wissen, evident. Kriminalliteratur entsteht immer dort, wo sich Gesellschaften im Umbruch befinden, wo es g&#228;rt. Am besten in urbanen Gegenden, dort, wo sich Gesellschaften unter Druck verdichten, wo Vielfalt aufeinanderprallt. S&#252;dafrika hat mit seiner rasend hohen Mordrate (man behauptet: im Moment die h&#246;chste der Welt in Gegenden ohne Krieg und B&#252;rgerkrieg und unter einer formal stabilen Regierung, wobei angesichts des kollabierenden Mexikos dieser traurige Wettstreit nicht zu entscheiden ist), mit erschreckenden Anzahlen von Vergewaltigungen und Raub&#252;berf&#228;llen, mit einer in erheblichem Ma&#223;e korrupten Polizei, mit Verslummung und Ghettoisierung, mit hoher Arbeitslosigkeit und ersch&#252;tterndem Gef&#228;lle zwischen Arm und Reich, mit unz&#228;hligen Ethnien und zunehmender Migration aus anderen afrikanischen Staaten und den ganzen unappetitlichen Hinterlassenschaften der Apartheid alles, was nach literarischer Bearbeitung in Form von Kriminalliteratur geradezu br&#252;llt. </p>
<p>Betrachtet man zum Beispiel die beiden international sehr erfolgreichen Thriller von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=roger+smith"><strong>Roger Smith</strong></a>, <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=smith&#038;title=kap+finsternis">Kap der Finsternis</a></strong></em> (2009) und mehr noch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=smith&#038;title=blutiges+erwachen">Blutiges Erwachen</a></strong></em> (2010), dann kann man einen solchen Zusammenhang kaum von der Hand weisen. Smiths Kapstadt gleicht einer Post-Doomsday-Landschaft – ein graues, stinkendes Meer aus Wellblech und M&#252;ll, bewohnt von gewaltt&#228;tigen, seelisch und k&#246;rperlichen verst&#252;mmelten und verkr&#252;ppelten Menschen, mit Drogen bis zum Wahnsinn zugeknallt, nur mittels einer Semiotik von Gewalt kommunizierend, auf der einen Seite – und auf der anderen Seite die umz&#228;unten, bewachten, gesicherten Ghettos der herrschenden Klasse, in denen sich Leute selbst einsperren, die ihren Reichtum auf so korrupte und b&#246;se Art und Weise erworben haben, dass selbst ihre teuren Kosmetika und Eau de Colognes den Gestank von Aas und Verwesung nicht be- oder &#252;bert&#228;uben k&#246;nnen.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Richard+Kunzmann&#038;title=Blutige+Ernte"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/kunzmann.jpg" width="132" height="200" alt="" title="Kunzmann: Blutige Ernte" /></a></div>
<p>Ein &#228;hnliches Tableau bietet das Johannesburg, das uns <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=richard+kunzmann">Richard Kunzmann</a></strong> im ersten Band seiner nach den Hauptfiguren so genannten Mason/Tshabalala-Trilogie <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kunzmann&#038;title=blutige+ernte">Blutige Ernte</a></strong></em> (2009) beschreibt. Der von Kunzmann vermutlich nicht zuf&#228;llig nach <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=dashiell+hammett">Dashiell Hammetts </a>Schl&#252;sselwerk der Kriminalliteratur <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=hammett&#038;title=red+harvest">Red Harvest </a></em>aus dem Jahr 1929 <em> Bloody Harvest </em>genannte Roman beschreibt auch Jo&#8217;burg als eine beinahe unbewohnbare Stadt mit riesigen No-go-Areas, in denen das blanke Gesetz der Gewalt herrscht und deren Bosse und Slumlords mit einer korrupten Polizei und Politik in pr&#228;chtigem, nach Gewinn strebendem Einvernehmen verbunden sind. So wie Hammett grunds&#228;tzlich die analogen Strukturen von <em>Big Business </em>und Organisierter Kriminalit&#228;t zusammen gedacht hat, versucht Kunzmann, alle (s&#252;d-)afrikanischen Problemfelder in kriminalliterarische Kompatibili&#228;ten zusammen zu denken: Slum, Migration (besonders aus dem notorischen Voodoo-Gebiet Westafrika), Drogen, Korruption, ordnungspolitisches Niemandsland, internationale Vernetzung von Verbrechen und ein ungeheuer hohes allt&#228;gliches Gewaltniveau. Dazu kommt bei Kunzmann explizit das Thema Religion, Kult und Zauberei. In seiner Darstellung amalgamiert sich da viel Westafrikanisches mit einheimischer Hexerei. Die ganze erz&#228;hlte Welt ist durchdrungen von exzessiv grausamen Ritualen, von der kriminellen Macht der Zauberer, von Numinosem, Vision&#228;rem, Transzendentem. Das alles kontrastiert Kunzmann auch noch durch das Christentum seiner Hauptfiguren. Die Schwarz/Wei&#223;-Verteilung seiner Figuren – Detective Harry Mason, Brite, ist skeptisch und europ&#228;isch-aufgekl&#228;rt, borniert; sein Partner Jacob Tshabalala ist Bantu, kommt aus einer Zauberer-Familie, ist wiedergeborener Christ und spirituell „offen“ – klinkt sich bei aller m&#246;glichen Realit&#228;tst&#252;chtigkeit in ein Afrika-Bild ein, nach dem die schwarze Bev&#246;lkerung &#252;berwiegend abergl&#228;ubisch ist und sich folgerichtig von charismatischen Figuren (wie in Kunzmanns Roman von dem Albino-Gangster ohne Namen) tyrannisieren l&#228;sst, wenn nur genug D&#228;monie und Hexerei inszeniert werden. </p>
<p>&#196;hnlich ist das in Roger Smiths <em>Blutiges Erwachen</em>. Dort wird die farbige Bev&#246;lkerung in den Cape Flats (einem besonders &#252;blen Ghetto) von den Gewaltritualen der Gangs derart tyrannisiert, dass rationales Handeln innerhalb dieses „Narrativs“ kaum noch m&#246;glich ist. Realit&#228;tst&#252;chtig angesichts der Lebensumst&#228;nde mag auch dieser Aspekt sein, als Erz&#228;hldominante des Romans aber werden hier globale Klischees bedient, die ein gro&#223;es Unbehagen vor nicht-wei&#223;er Irrationalit&#228;t artikulieren.</p>
<p>Beide Autoren, Kunzmann und Smith, komprimieren, k&#246;nnte man sagen, so viele reale S&#252;dafrika-Aspekte in ihren Romanen, dass fast schon eine &#220;berklischeeisierung passiert, die dann – ironischerweise – auf den internationalen M&#228;rkten gerne genommen wird, weil die B&#252;cher eben alles, was wir uns &#252;ber die „H&#246;lle S&#252;dafrika“ heimlich gedacht haben oder aus Furcht vor Vorurteilen nicht zu denken wagten, hier mit der Autorit&#228;t der ortsans&#228;ssigen Schriftsteller beglaubigt wird. Ohne komische Brechungen oder andere „uneigentliche“ Verfahren strahlt diese Art von Literatur etwas starr-grimmiges, naturalistisches, gar veristisches und deswegen etwas unbehaglich Autorit&#228;res aus. Lachen verboten!</p>
<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Margie+Orford&#038;title=Blutsbr%E4ute"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/orford.jpg" width="123" height="200" alt="" title="Orford: Blutsbr&#228;ute" /></a></div>
<p>Kein Wunder also, dass der derzeitige Doyen der s&#252;dafrikanischen Kriminalliteratur, <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=deon+meyer">Deon Meyer</a></strong>, neulich in einem Statement davon sprach, dass seine Fiktionen meilenweit von den Realit&#228;ten entfernt sei. Damit wollte Deon Meyer nicht den Befund dementieren, S&#252;dafrika sei eine zutiefst problematische Gesellschaft mit allen oben aufge- z&#228;hlten kriminellen Strukturen. Meyer wollte eher darauf hinweisen, dass es sich sich bei den ausgefuchsten Plotf&#252;hrungen, in denen alle diese Elemente von Ritualmord bis Menschenhandel in einen speziellen narrativen Zusammenhang gebracht werden, nicht deswegen schon um besonders „realistische“ Romane handelt, die man beinahe wie Verbrechensreportagen lesen kann. Durchaus eine leise Kritik an den Kollegen und Kolleginnen, zu denen man auch die eher thriller-standardstrickenden Autorinnen <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=margie+orford">Margie Orford</a></strong> und <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=jassy+mackenzie">Jassy Mackenzie</a></strong> hinzudenken darf.</p>
<p>Deon Meyer selbst spielt schon ein wenig au&#223;er Konkurrenz, denn seine Romane sind entweder eher hochaufl&#246;sende Auseinandersetzungen mit der s&#252;dafrikanischen Geschichte oder eben formal interessante Storys, deren literarische F&#252;gungen aus ihrer Literarizit&#228;t keinen Hehl machen, wie sein j&#252;ngstes Buch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=meyer+deon&#038;title=stunden">Dreizehn Stunden</a></strong></em>, eine Art „Echtzeit-Thriller“, beweist. Mit der Sorgfalt und Genauigkeit, mit der er seit 1994, als sein erster, noch etwas unsicherer Roman erschien, an einer Chronik der Kaprepublik in Thrillern arbeitet (und nicht an einer Kriminalit&#228;tschronik), kn&#252;pft er an die Tradition an, die ein <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wessel+ebersohn">Wessel Ebersohn</a> und der gro&#223;e <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=james+mcclure">James McClure</a> begr&#252;ndet und in die sich hin und wieder auch Autoren wie <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andre+brink&#038;title=">André Brink</a> eingeklinkt haben.</p>
<p>Nat&#252;rlich bringt auch ein kleiner Boom, eine sekund&#228;re Welle inmitten des WM-Tsunamis nicht alles und nicht alles Interessante zu uns: Es gibt eine Riege in Afrikaans schreibender Kriminalschriftsteller und –schriftstellerinnen, es gibt Autoren, die auf Zulu schreiben und von denen wir h&#246;chstens ein paar kurze, in englischen Anthologien versammelte Texte kennen. </p>
<p>Nicht &#252;bersetzt sind auch die eher pragmatisch an einzelnen, konkreten Verbrechen interessierten Romane von<strong> <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mike+nicol">Mike Nicol </a></strong>und die von ihm zusammen mit <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=joanne+hitchens">Joanne Hitchens </a></strong>geschriebene Serien. Die &#220;bersetzungen dieser B&#252;cher m&#246;gen noch ausstehen, falls der Boom sich auch nach der Weltmeisterschaft h&#228;lt und falls die deutsche Nationalmannschaft nicht fr&#252;hzeitig ausscheidet. Man erlaube mir diesen skeptischen Blick auf die Interdependenzen von gro&#223;en Ereignissen und einem neurotischen Buchmarkt, mit dem ich durchaus nicht unbedingt recht behalten m&#246;chte.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Malla+Nunn&#038;title=Ein+sch%F6ner+Ort+zu+sterben"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/nunn.jpg" width="116" height="200" alt="" title="Nunn: Ein sch&#246;ner Ort zu sterben" /></a></div>
<p>Bemerkenswert auf jeden Fall erscheinen mir noch zwei Autoren, die beide tief in die Geschichte hinabsteigen, um zu einem stimmigen Bild des heutigen S&#252;dafrikas und seiner Kriminalit&#228;t zu kommen: <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=andrew+brown"><strong>Andrew Brown</strong></a> siedelt seinen kapitalen Roman <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=brown&#038;title=schlaf+ein+kind">Schlaf ein, mein Kind </a></em></strong>(2009) in den Anfangsjahren der Kapkolonie im 17. Jahrhundert an, und <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=malla+nunn">Malla Nunn</a></strong> geht mit ihrem Swaziland-Thriller <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nunn&#038;title=schoener+ort+sterben">Ein sch&#246;ner Ort zu sterben </a></strong></em>(2009) zu den verheerenden Apartheits-Entscheidungen der 1950er-Jahre zur&#252;ck. Beide Romane bedienen keinen irgendwie gearteten Sensationalismus, keine Exzesse, keine Show-Werte, keine Zeitgeistigkeiten und keine Markterfordernisse. Ihre Geschichten diktieren ihre Form.<br />
Und dass Malla Nunn die einzige Nicht-Wei&#223;e unter all den hier aufgez&#228;hlten Verfassern von Kriminalliteratur sind, sollte uns sehr zu denken geben.</p>
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		<title>Die R&#228;uber vom Liang-Schan-Moor. Aus dem Regal hervorgeholt von Eva Massingue</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 08:58:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Traum der roten Kammer (eine Sittengeschichte im weitesten Sinne des 18. Jahrhunderts), Die Reise nach Westen (ein Bericht &#252;ber die Reise eines buddhis- tischen M&#246;nches nach Indien), Die Geschichte der Drei Reiche (ein Mammutgeschichtsroman in mindestens 10 B&#228;nden) und Die R&#228;uber vom Liang-Schan-Moor sind die vier klassischen Romane der chinesischen Literatur. Die R&#228;uber vom [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/over_liang.schan.jpg" width="94" height="160" alt="" title="" /></div>
<p><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=traum+roten+kammer">Der Traum der roten Kammer</a></em> (eine Sittengeschichte im weitesten Sinne des 18. Jahrhunderts), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=reise+nach+westen">Die Reise nach Westen</a></em> (ein Bericht &#252;ber die Reise eines buddhis- tischen M&#246;nches nach Indien), <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=geschichte+drei+reiche">Die Geschichte der Drei Reiche </a></em>(ein Mammutgeschichtsroman in mindestens 10 B&#228;nden) und <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=raeuber+liang+schan">Die R&#228;uber vom Liang-Schan-Moor</a></strong></em> sind die vier klassischen Romane der chinesischen Literatur.<em> Die R&#228;uber vom Liang-Schan-Moor</em> ist dabei mein absoluter Favorit. Es handelt sich um einen echten Volksroman, in Umgangssprache geschrieben, eine Robin-Hood-Geschichte um Song Jian und seine Gefolgsleute, die gegen korrupte kaiserliche Beamte k&#228;mpfen und den Armen geben, was sie den Reichen stehlen. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=shi+nai'an">Shi Nai’an</a> und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=luo+guanzhon">Luo Guanzhong</a> werden als diejenigen genannt, die die verschiedenen Versionen um den historischen Volkshelden gesammelt und zusammengeschrieben haben, erschienen sind sie zum ersten Mal im 13. Jahrhundert unter dem Titel <em>Shui Hu Zhuan</em> (<em>Wasserufergeschichte</em>). Der historische Song Jian hat im 12. Jahrhundert gelebt.<br />
<span id="more-2914"></span><br />
Als ehrenhafter Mann kann Song Jian Gewalt und Willk&#252;r des korrupten Beamtenapparates nicht mehr ertragen, wegen seiner Kritik wird er zum Tode verurteilt. Ein R&#228;uber aus dem Liang-Schan-Moor rettet ihn und Song Jian schlie&#223;t sich dessen Bande an. Im Volksmund hei&#223;t es, die R&#228;uber seien die wiedererwachten Seelen von 108 historischen K&#228;mpfern, so kommen weitere Verfolgte und Ge&#228;chtete dazu: Bauern, Fischer, aber auch Kaufleute, Beamte, ehemalige Soldaten, M&#246;nche und K&#228;mpferinnen. Der Rebellenarmee, die sich im Sumpfgebiet um den Liang-Schan-Berg in der heutigen Provinz Shandong verschanzt, gelingt es sogar, kaiserliche Heere zu besiegen. Die „Wasserufergeschichte“ beschreibt ausf&#252;hrlich das Leben der 36 Anf&#252;hrer und 72 Unterf&#252;hrer: Jeder hat seine eigenen Gr&#252;nde, sich den Rebellen anzuschlie&#223;en, jeder hat ein besonderes Aussehen und eine ganz besondere Kampftechnik, die ihn oder sie einzigartig macht.</p>
<p>Bestechend ist die F&#252;lle der Einzelheiten. Die Helden helfen den Guten, begehen aber auch Taten von blutr&#252;nstiger Grausamkeit: Da wird nicht nur der Feind get&#246;tet, dessen gesamte Familie sowie zuf&#228;llig Anwesende werden gleich mit beseitigt. Es gibt Geschichten um Liebe und Eifersucht, Intrigen und Ehre, wilde Schlachten, Kampf und Tod. Au&#223;erdem wird sehr viel gegessen und noch mehr getrunken.Der Held Wu Song s&#228;uft gleich 18 gro&#223;e Becher Schnaps, was ihn nicht davon abh&#228;lt, anschlie&#223;end noch einen Tiger zu t&#246;ten.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/litho_gro%C3%9F.JPG" width="126" height="220" alt="" title="" /><br /><small>8 der 108 R&#228;uber vom<br />
Liang-Schan-Moor<br />
(Druck, Ende 19. Jh.)</small></div>
<p>Da es nicht gelingt, die R&#228;uber zu besiegen, werden sie mit Begnadigung gek&#246;dert und zur Bek&#228;mpfung anderer Rebellen eingesetzt. Trotz dieses staatstragenden Endes war die Geschichte um die R&#228;uberarmee in der Qing- Dynastie verboten. <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=franz+kuhn">Franz Kuhn</a> hat diesen und auch viele andere chinesische(n) Klassiker ins Deutsche &#252;bersetzt. An seinen Sprachstil muss man sich jedoch erst gew&#246;hnen, er schreibt von Jungfern, Poemen und recht h&#228;ufig von Unge- mach. (Mit der &#220;bersetzungsarbeit u.a. Franz Kuhns besch&#228;ftigt sich der Artikel <em>Der Traum der roten Kammer</em> in den <a href="http://www.litprom.de/fileadmin/redakteure/download/_G_LN98_08S2-25.pdf">LiteraturNachrichten 98</a>,<br />
S. 8 und 9)</p>
<p>Wer sich nicht so gerne durch mehrere hundert Seiten Literatur in D&#252;nndruck hindurcharbeitet, kann sich auch eine Verfilmung in chinesisch-japanischer Koproduktion auf DVD ansehen, 26 Folgen à 50 Minuten, die 1980 unter dem Titel <em>Die Rebellen vom Liang Shan Po</em> auch im deutschen Fernsehen liefen.</p>
<p><small>Die Besprechung von Eva Massingue entstammt der Herbstausgabe 2009 der <em><a href="http://www.litprom.de/literaturnachrichten.html">LiteraturNachrichten</a></em>, die litprom im Oktober 2009 unter <a href="http://www.litprom.de">www.litprom.de</a> ver&#246;ffentlicht hat.</small></p>
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		<title>Mario Vargas Llosa: Die Stadt und die Hunde. Aus dem Regal hervorgeholt von Doris Wieser</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/08/25/mario-vargas-llosa-die-stadt-und-die-hunde-aus-dem-regal-hervorgeholt-von-doris-wieser/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 07:37:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Femde Welten erLesen]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
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		<description><![CDATA[&#160;&#160;&#160;Mario Vargas Llosa &#160;&#160;&#160;(Foto: MDCarchives) Mario Vargas Llosa (*1936) geh&#246;rt zu jenen gro&#223;en lateinamerikanischen Erz&#228;hlern, deren Werke in den 1960ern und -70ern auf der Welle des boom nach Europa gesp&#252;lt wurden. Die Paradigmen des Neuen Romans und Magischen Realismus standen damals f&#252;r die lateiname- rikanische Literatur schlechthin und brachten erstklassige Werke von Weltruhm hervor. Dies [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/420px-Mario_Vargas_Llosa_1985.jpg" width="126" height="180" alt="" title="Mario Vargas Llosa (1985)" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mario Vargas Llosa<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;(Foto: MDCarchives)</small></div>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=vargas+llosa">Mario Vargas Llosa </a></strong>(*1936) geh&#246;rt zu jenen gro&#223;en lateinamerikanischen Erz&#228;hlern, deren Werke in den 1960ern und -70ern auf der Welle des <em>boom </em>nach Europa gesp&#252;lt wurden. Die Paradigmen des Neuen Romans und Magischen Realismus standen damals f&#252;r die lateiname-<br />
rikanische Literatur schlechthin und brachten erstklassige Werke von Weltruhm hervor. Dies war nur durch die Professionalisierung des Schriftstellerberufs m&#246;glich, die den Autoren die M&#246;glichkeit gab, solche extrem zeitaufw&#228;ndigen „totalen Romane“ wie die von Vargas Llosa zu schreiben. <span id="more-2579"></span></p>
<p><em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=llosa&#038;title=stadt+hunde">Die Stadt und die Hunde</a></strong></em> (1963) ist der erste Roman des Peruaners und immer noch einer seiner besten. Er fasziniert, ersch&#252;ttert, schockiert und vibriert in einem Erguss gro&#223;artiger Einf&#228;lle. Auf gut 400 Seiten reizt der Autor bereits alle &#228;sthetischen Verfahren aus, die seine Erz&#228;hlkunst ber&#252;hmt gemacht haben, und erz&#228;hlt von einer Welt, die gleichzeitig zutiefst peruanisch und absolut universal gelesen werden kann. </p>
<p>In der Kadettenanstalt Leoncio Prado werden blutjunge Burschen mit milit&#228;rischer Disziplin zu „richtigen M&#228;nnern“ erzogen. Gewalt ist das didaktische Grundprinzip der Schule und wird in der milit&#228;rischen Hierarchie von oben nach unten immer schonungsloser weitergegeben. Bei den Sch&#252;lern l&#246;st sie Angst, Terror, sexuelle Perversion (z.B. die Vergewaltigung eines Huhns), Sadismus und Gegengewalt aus. Die J&#252;ngsten, auch <em>„die Hunde“</em> genannt, werden von den &#196;lteren systematisch gepiesackt und erniedrigt. Nachdem bei einem &#220;bungsman&#246;ver ein Mitsch&#252;ler erschossen wird, entfaltet sich die ganze Tragweite der milit&#228;rischen Ordnung: Kadetten wie Milit&#228;rs beschuldigen und dem&#252;tigen sich gegenseitig und stellen die Suche nach der Wahrheit hinter Ehre und Karriere zur&#252;ck. Im Hintergrund entfaltet Vargas Llosa eine Vielfalt an Episoden, die das vom Machismo gebeutelte Familienleben, den Weg eines kaum 13-j&#228;hrigen in die Kriminalit&#228;t sowie Schmerz und Freuden einer ersten Liebe detailreich und feinf&#252;hlig sichtbar machen. Un&#252;bertroffen ist die F&#228;higkeit des Autors, die unterschiedlichsten Personen aus ihrem Inneren heraus zu deuten und ihr Verhalten mit den gesellschaftlichen Kontexten so zu verkn&#252;pfen, dass sich kein moralisches (Vor-)Urteil aufdr&#228;ngt. </p>
<div class="bildlinks">
<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/die%20stadt%20und%20die%20hunde.jpg" width="108" height="180" alt="" title="" /></div>
<p>Die Paradigmen des Neuen Romans und des Magischen Realismus sind seit den 1990ern endg&#252;ltig tot. Den Autoren, die daran festhalten, wirft die j&#252;ngere Generation absch&#228;tzig „Macondismo“ vor (nach dem mythisch-magischen Ort Macondo aus <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=bagriel+garcia+marquez">García Márquez</a> Roman <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=marquez&#038;title=jahre+einsamkeit">Hundert Jahre Einsamkeit</a></em>). Und auch Vargas Llosa ist mit der Zeit irgendwie braver geworden, irgendwie angepasster, irgendwie langweiliger… Aber gerade er muss sich gefallen lassen, dass man ihn selbst immer wieder an seinen ersten fabelhaften Romanen (zu denen auch <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=llosa&#038;title=gruene+haus">Das gr&#252;ne Haus</a></em> und <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=llosa&#038;title=gespraech+kathedrale">Gespr&#228;ch in der Kathedrale</a></em> geh&#246;ren) misst. Zwar bleibt er auch in seinen neueren Werken wie <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=llosa&#038;title=paradies+anderswo">Das Paradies ist anderswo</a></em> (2003) oder <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=llosa&#038;title=boese+maedchen">Das b&#246;se M&#228;dchen</a></em> (2006) ein nur schwer kritisierbarer Meister seines Handwerks, der alle narrativen Techniken souver&#228;n beherrscht und bewusst einsetzt, doch irgendwie will er uns nicht mehr so packen wie damals…  irgendwie schade! </p>
<p><small>Die Besprechung von Doris Wieser entstammt der Sommerausgabe 2009 der <em><a href="http://www.litprom.de/literaturnachrichten.html">LiteraturNachrichten</a></em>, die litprom Anfang Juni 2009 unter <a href="http://www.litprom.de">www.litprom.de</a> ver&#246;ffentlicht hat.</small></p>
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		<title>Als ob man mit einer Wassermelone auf Ameisen zielte</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/05/28/als-ob-man-mit-einer-wassermelone-auf-ameisen-zielte/</link>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 13:15:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Femde Welten erLesen]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Heiner Mueller]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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		<description><![CDATA[Etel Adnan Vor 20 Jahren endete mit dem Abkommen von Taif der libanesische B&#252;rgerkrieg. Die 1925 geborene libanesische Allroundk&#252;nstlerin Etel Adnan ver&#246;ffentlichte mit Sitt Marie Rose einen der wichtigsten Romane &#252;ber diese Epoche der libanesischen Geschichte. Seither hat Etel Adnan sich als bildende K&#252;nstlerin, Dichterin und Essayistin immer wieder mit der Frage besch&#228;ftigt, wie Kriegs- [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/24_adnan_etel.jpg" width="124" height="170" alt="" title="Die libanesische Autorin Etel Adnan" /><br /><small>Etel Adnan</small></div>
<p>Vor 20 Jahren endete mit dem Abkommen von Taif der libanesische B&#252;rgerkrieg. Die 1925 geborene libanesische Allroundk&#252;nstlerin <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=etel+adnan">Etel Adnan</a></strong> ver&#246;ffentlichte mit <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=adnan&#038;title=sitt"><em><strong>Sitt Marie Rose </strong></em></a>einen der wichtigsten Romane &#252;ber diese Epoche der libanesischen Geschichte. Seither hat Etel Adnan sich als bildende K&#252;nstlerin, Dichterin und Essayistin immer wieder mit der Frage besch&#228;ftigt, wie Kriegs- und Gewalterfahrungen die Individuen und die Beziehungen von Menschen pr&#228;gen &#8211; zuletzt in dem Erz&#228;hlband <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=adnan&#038;title=herzen+finsternis">Im Herzen der Finsternis</a></strong></em>. Im Rahmen ihrer k&#252;nstlerischen Arbeiten zu Krieg und Nachkriegszeiten setzte Etel Adnan sich auch intensiv mit dem deutschen Dramatiker <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=heiner+mueller">Heiner M&#252;ller</a> auseinander.  Martina Sabra hat Etel Adnan nach ihrer Identit&#228;t, ihrer Beziehung zur arabischen Welt und nach dem Umgang der Libanesen mit ihrer Vergangenheit gefragt.<br />
<span id="more-2243"></span><br />
<strong>Martina Sabra:</strong> Etel Adnan, Sie sind 1925 im Libanon geboren und mit drei Sprachen (Arabisch, Franz&#246;sisch, Griechisch) aufgewachsen. Heute leben Sie haupts&#228;chlich in San Francisco und in Paris. Was bedeutet f&#252;r Sie Identit&#228;t?</p>
<blockquote><p><strong>Etel Adnan:</strong> Wir sind alle eine Synthese, ein Gewebe aus vielen F&#228;den, das unsere Pers&#246;nlichkeit ausmacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass in jedem von uns mehrere Personen stecken. </p></blockquote>
<p>In Ihrem j&#252;ngsten Erz&#228;hlband <em>Im Herzen der Finsternis</em> ist das simultane Leben in mehreren Kulturen ein wichtiges Thema. Sie verbringen viel Zeit in Kalifornien, das Sie in dem Buch als Ihre Heimat bezeichnen. Aber Sie f&#252;hlen Sich offenbar auch im arabischen Nahen Osten tief verwurzelt. Gleichzeitig werden arabische Intellektuelle in Ihrem Buch als sehr zerrissen dargestellt, was deren Verh&#228;ltnis zu den USA und zum Westen angeht. Wie erleben Sie Ihre Beziehung zur arabischen Kultur, zu den arabischen Gesellschaften?</p>
<blockquote><p>F&#252;r mich ist Identit&#228;t nicht naturgegeben. Identit&#228;t kann auch auf einer bewussten Entscheidung beruhen. Nat&#252;rlich bin ich auch Araberin, neben vielen anderen Dingen. Ich f&#252;hle mich der arabischen Welt tief verbunden, gerade wegen all der Konflikte und der Schwierigkeiten, die die arabische Welt durchlebt hat und immer noch durchlebt. Selbst wenn man sie vergessen wollte: Es geht einfach nicht. Denn man wird jeden Tag an diesen Teil der Welt erinnert. In diesem Sinne f&#252;hle ich mich loyal und irgendwie auch verantwortlich.   </p></blockquote>
<p>Sie haben in einem Sammelband insgesamt drei kurze Essays &#252;ber den deutschen Dramatiker Heiner M&#252;ller ver&#246;ffentlicht. Wie kam es zu Ihrer besonderen Beziehung zu Heiner M&#252;ller?</p>
<blockquote><p>1984 schuf <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=robert+wilson">Robert Wilson</a> eine Oper in vier verschiedenen Sprachen, mit dem Titel <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wilson&#038;title=civil+wars">Civil WarS </a>(dt. B&#252;rgerkriege). Heiner M&#252;ller schrieb die deutschen und ich die franz&#246;sischen Texte. W&#228;hrend der Proben in S&#252;dfrankreich kam Heiner M&#252;ller gelegentlich vorbei. F&#252;r die Dauer einer Woche sahen wir uns t&#228;glich, verbrachten viel Zeit miteinander, redeten, diskutierten. Was uns verband, war die besondere Erfahrung mit Nachkriegszeiten. Mein Vater war ja ein Offizier des osmanischen Reiches gewesen, und ich selbst war ein Kind der Nachkriegszeit. Eine Nachkriegszeit, die eigentlich nicht aufh&#246;rte: Es war nicht mehr Krieg, aber noch nicht Frieden. Heiner M&#252;ller war jemand, der sich ungeheuer intensiv mit dieser Art Zwischenzeiten auseinandersetzte, und das interessierte mich. Nach seinem Tod (1995) habe ich gemeinsam mit der Internationalen Heiner-M&#252;ller-Gesellschaft einige Essays &#252;ber ihn ver&#246;ffentlicht.</p></blockquote>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/sitt.jpg" width="110" height="180" alt="" title="Etel Adnan: Sitt Marie Rose" /></div>
<p>Ihr erster Roman in deutscher &#220;bersetzung, <em>Sitt Marie Rose</em>, erschien 1988 bei Suhrkamp und wurde 2004 neu aufgelegt.  Die Hauptperson, Sitt Marie Rose, ist eine Christin, die Pal&#228;stinensern hilft. Ort des Geschehens ist das Pal&#228;stinenserlager Tell El Zaatar, in dem 1976 bei einem Massaker sch&#228;tzungsweise 2000 Menschen get&#246;tet wurden und das im Lauf des Krieges dem Erdboden gleich gemacht wurde. Sie waren damals in Beirut. Wie haben Sie die Geschehnisse erlebt?</p>
<blockquote><p>Tel El Zaatar war das Tor zu Beirut. Vom Balkon aus, am Horizont war es wie ein benachbartes Viertel, nebenan, man kannte es. Dies ist der h&#228;rtest-m&#246;gliche Krieg. Eine kleine Stadt, ein kleines Lager, 15 Jahre Krieg auf diesem Flecken Erde, ich wei&#223; nicht, woher die Menschen die Energie nahmen, das 15 Jahre mitzumachen. Es war ein Stadtviertel, ganz einfach, am Eingang zur Stadt, nicht irgendwo weit weg. Es wurde komplett abrasiert, es gibt heute nichts, was daran erinnert.<br />
Aber ich erinnere mich noch sehr genau. Stellen sie sich vor, Sie sitzen in Ihrem Haus. Sie h&#246;ren die Bomben, sie gehen hinaus auf den Balkon, sehen den Rauch am Horizont. Die Bomben sind so m&#228;chtig, die Menschen so ohnm&#228;chtig ausgeliefert. Es ist, als zielte man mit einer Wassermelone auf Ameisen. Mir war bewusst, dass jede dieser Bomben Menschen zerschmetterte. Ich fand es unertr&#228;glich. Nat&#252;rlich wurde ganz Beirut st&#228;ndig bombardiert, nicht nur Tel El Zaatar. Aber in Tel El Zaatar gab es keinen Feind mehr zu bek&#228;mpfen. Die bewaffneten Kr&#228;fte hatten das Lager l&#228;ngst verlassen.</p></blockquote>
<p>Und es lebten nicht nur Pal&#228;stinenser in dem Lager &#8230; </p>
<blockquote><p>Auch viele arme Libanesen waren unter den Opfern der Bombardements. Die Bomben hatten die Wasserversorgung unterbrochen. Die Belagerung dauerte 59 Tage. Deshalb besteht mein Gedichtzyklus Arabische Apokalypse aus 59 Gedichten. Sp&#228;ter, als alles vorbei war, erz&#228;hlte man sich, dass es wegen der Bombardements f&#252;r das ganze Viertel nur noch eine Wasserleitung gab. Wenn etwa 20 Frauen sich aufmachten, um Wasser zu holen, wussten sie, dass nur eine zur&#252;ckkommen w&#252;rde, oder vielleicht zwei. Aber sie taten es dennoch, denn h&#228;tten sie es nicht getan, w&#228;ren drinnen noch mehr Menschen gestorben. Deshalb gab es so wenige &#220;berlebende. Und dann, als die Verwundeten auf Lastwagen gepackt wurden, um sie in Krankenh&#228;user zu bringen, da kamen die Falangisten und t&#246;teten sie auf den Lastwagen. Es war ein perfektes Massaker, ich kann es nicht vergessen.
</p></blockquote>
<p>Wie beurteilen Sie den Umgang der Libanesen mit dem B&#252;rgerkrieg? </p>
<blockquote><p>Es gibt kein Umdenken bei den Leuten, die heute 60 Jahre und &#228;lter sind, denn sie haben teilgenommen und sie wollen nicht wahr haben, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie wissen, dass sie verloren haben, aber sie wollen nicht das Gef&#252;hl haben, dass sie Unrecht hatten. Aber die jungen Leute, die vielleicht um die 35 sind, Leute, die f&#252;nf oder zehn Jahre alt waren, als der Krieg begann – diese Leute wollen wissen, was passiert ist. Die neue Generation ist unschuldiger und man hat sie von ihrer Geschichte abgeschnitten. Manche Stra&#223;en sind verschwunden, H&#228;user, Cafés, die einfach nicht mehr da sind. Die jungen Leute stellen Fragen. Sie tun das von selbst, man muss sie gar nicht dazu ermuntern.</p></blockquote>
<p>Im Sommer 2006 bombardierte Israel vier Wochen lang den Libanon. Heute ist der Nahostkonflikt immer noch ungel&#246;st. Was muss in Ihren Augen passieren, damit die Gewalt im Nahen Osten aufh&#246;rt? </p>
<blockquote><p>Es geht nicht darum, f&#252;r eine Seite Partei zu ergreifen. Es geht nicht darum zu sagen, die Juden haben gelitten, die Pal&#228;stinenser haben gelitten, sondern es geht darum, im Interesse der ganzen Welt die Gewalt zu stoppen. Die UN-Resolutionen m&#252;ssen endlich umgesetzt werden, so wie &#252;berall auch im Nahen Osten. Das hei&#223;t nicht, dass wir einander lieben m&#252;ssen, oder dass wir den einen oder anderen mehr lieben. Israel ist kein Ghetto, es ist ein Land mit einer Atombombe, mit einer Armee, und es sollte wie alle anderen L&#228;nder beurteilt werden, nicht schlechter, nicht besser. Und die Pal&#228;stinenser m&#252;ssen verstehen, dass die Situation sich ge&#228;ndert hat, dass die Israelis bleiben werden. Die Welt muss sich darum k&#252;mmern, weil wir alle daf&#252;r bezahlen. Wir k&#246;nnen nicht nach einem Vermittler von au&#223;en rufen, der unsere Probleme l&#246;st. Wenn wir uns nicht k&#252;mmern, wird die Apokalypse weitergehen. </p></blockquote>
<p><small><strong>Martina Sabra</strong> ist Journalistin und freie Gutachterin f&#252;r arabische Literatur. Sie lebt und arbeitet in K&#246;ln.</small></p>
<p><small>Das Interview entstammt der Sommerausgabe 2009 der <em><a href="http://www.litprom.de/literaturnachrichten.html">LiteraturNachrichten</a></em>, die litprom in der ersten Juniwoche unter <a href="http://www.litprom.de">www.litprom.de</a> ver&#246;ffentlichen wird.</small></p>
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		</item>
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		<title>Die Wahrheit im Blick und echten Geschichten auf der Spur</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2009/03/11/die-wahrheit-im-blick-und-echten-geschichten-auf-der-spur/</link>
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		<pubDate>Wed, 11 Mar 2009 13:22:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Femde Welten erLesen]]></category>
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		<description><![CDATA[In den letzten zehn Jahren hat die deutsche Buchlandschaft eine interessante Entwicklung durchlaufen. So konnten wir beobachten, wie das scheinbar generell gesteigerte Bed&#252;rfnis nach “echten” Geschichten und dem “wahrem Erlebten” befriedigt wurde und noch immer mit neuen spektakul&#228;ren (Auto-)Biografien, Dokumentationen und Reportagen befriedigt wird. Vielerorts spricht man von einem Documentary Turn, ein Begriff, der die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/sklavin_cover.jpg" width="118" height="180" alt="" title="" /></div>
<p>In den letzten zehn Jahren hat die deutsche Buchlandschaft eine interessante Entwicklung durchlaufen. So konnten wir beobachten, wie das scheinbar generell gesteigerte Bed&#252;rfnis nach “echten” Geschichten und dem “wahrem Erlebten” befriedigt wurde und noch immer mit neuen spektakul&#228;ren (Auto-)Biografien, Dokumentationen und Reportagen befriedigt wird. Vielerorts spricht man von einem <em>Documentary Turn</em>, ein Begriff, der die gesteigerte Produktion von autobiografischen Erz&#228;hlungen, aber auch biografischen Narrationen dokumentiert. Nat&#252;rlich wurden schon immer Geschichten solcher Art erz&#228;hlt. Neu ist jedoch, dass heute vermehrt Geschichten von Afrikanerinnen erz&#228;hlt werden, von Frauen, die oftmals viele tausend Kilometer reisen mussten, bevor sie die Grenzen Europas erreichten und glaubten, ihrem Traum von einem besseren Leben n&#228;her gekommen zu sein. Doch wie gestaltet sich dann dieses neue Leben in Europa? W&#228;hrend sich manche tats&#228;chlich ihrem Ziel n&#228;her sehen, scheinen andere gerade erst den Eingang zur H&#246;lle passiert zu haben. <span id="more-1869"></span></p>
<p><strong>Eine Art Bilanz</strong></p>
<p>Als <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mende+nazer">Mende Nazer</a></strong> ihre erfolgreiche Biografie <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=nazer&#038;title=sklavin">Sklavin </a></em></strong>, die sie zusammen mit dem englischen Journalisten <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=damien+lewis">Damien Lewis </a></strong>verfasste, im Jahr 2002 den deutschen Lesern vorstellte, war vielen sofort klar, dass dieses Buch in der deutschen und europ&#228;ischen Leserlandschaft Spuren hinterlassen w&#252;rde. Darin berichtet Mende von ihrer gl&#252;cklichen Kindheit in den Nubabergen (Sudan), bevor sie von militanten Mudschaheddin verschleppt und sp&#228;ter als Arbeitssklavin in die Hauptstadt Khartoum verkauft wird. Dort arbeitet sie unter schwersten Bedingungen und wird aufgrund ihrer Hautfarbe unentwegt von ihrer Herrin diskriminiert. Schlie&#223;lich wird sie als Magd in den Haushalt eines hochrangigen Mitarbeiters der sudanesischen Botschaft nach London verkauft. Ohne auch nur ein Wort Englisch zu sprechen, lebt sie abgeschottet im Haushalt ihres Landsmannes, bis ihr schlie&#223;lich am 11. September 2000 die Flucht aus einem der gro&#223;en Anwesen eines Londoner Villen-Vororts gelingt. Doch auch nach ihrer Flucht hat Nazer Angst um ihr Leben, denn ihr Aufenhaltsrecht ist noch nicht gekl&#228;rt. Ein neuer Kampf beginnt. Eine Ausweisung in den Sudan k&#246;nnte den Tod bedeuten. Aber ihre Rechnung geht auf. Nachdem ihr Asylantrag 2002 zun&#228;chst abgelehnt wird, erwirkt sie (auch durch den durch das Buch entstandenen &#246;ffentlichen Druck!) eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens. 2006 wird ihr schlie&#223;lich die britische Staatsb&#252;rgerschaft zuerkannt. Geschrieben als eine Mischung aus Sklaven-Memoiren und Fluchtgeschichte schaffen es Mende Nazer und Damien Lewis, aktuelle Genres miteinander zu verbinden und dabei das ureigene Interesse Nazers stets im Blick zu behalten. In einem eigent&#252;mlichen Gemisch aus biografischer Erz&#228;hlung und Reflexion entsteht ein beachtenswertes <em>Lifewriting</em>. Dies zu lesen, macht betroffen und erinnert die Leser daran, dass Sklaverei noch lange nicht passé ist. </p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Nazer-Mende-gross.jpg" width="121" height="180" alt="" title="Mende Nazer" /><br /><small>Mende Nazer</small></div>
<p>Nat&#252;rlich gab es Versuche, Nazers Geschichte als frei erfunden abzutun, vor allem da die Verst&#228;ndigung zwischen dem Journalisten und der Sudanesin sich &#228;u&#223;erst kompliziert gestaltet hatte. Nazers Englisch war zum Zeitpunkt des Interviews noch sehr rudiment&#228;r und Lewis spricht kein Arabisch. Ein &#220;bersetzer, so beteuert Lewis im Nachwort, h&#228;tte das Vertauensverh&#228;ltnis jedoch zu sehr belastet und so enstand das Buch irgendwo zwischen zwei Sprachen: eine Mischung aus Kindheitserinnerung, gerade Erlebtem und m&#246;glicherweise aufgetretenen Missverst&#228;ndnissen, wobei die Interviewsituation auch detailgenau geschildert wird. Wie soll man nun damit umgehen? Welchen Unterschied macht eine derartig gelagerte Erz&#228;hl- bzw. Schreibsituation f&#252;r den Leser? Die rechtlichen Unw&#228;gbarkeiten bewusst ausgeblendet, stellt sich f&#252;r die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin die Frage nach dem tats&#228;chlichen Wahrheitsgehalt, vor allem, wenn die Eckpunkte (Sklavenhandel im Sudan,  Erz&#228;hlen der Geschichte, Flucht und Asylantrag) stimmig ineinander passen. </p>
<p><strong>Die Wahrheit im Blick…</strong></p>
<p>Eine neue Wendung erhalten hat die Bedeutung von Wahrheit allerdings in Deutschland sp&#228;testens seit der Publikation von <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=senait+mehari">Senait G. Meharis</a></strong> spannender Biografie <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mehari&#038;title=feuerherz">Feuerherz </a></em></strong>(2004), die sich mittlerweile als v&#246;llig haltlos und frei erfunden erwiesen hat. Das skandalumwitterte Buch um Mehari und ihre Zeit als Kindersoldatin sowie ihre sp&#228;tere Teilnahme an der Vorentscheidung des Eurovision Song Contests hat vor allem bei uns erneut die Frage nach der Bedeutung von Wahrheit und Fiktion in Biografien aufgeworfen. W&#228;hrend klar ist, dass &#246;ffentliche Diffamierungen weder in fiktiven noch in (auto-)biografischen Texten Platz haben sollten, stellt sich die Frage, wie „fiktiv“ darf denn nun eigentlich ein (auto-)biografischer Text sein? </p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Senait%20Mehari_gro%C3%9F.JPG" width="120" height="180" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Senait Mehari</small></div>
<p>Dieser Frage Rechnung tragend hat sich in den Medienwissenschaften unl&#228;ngst ein eigenst&#228;ndiges Genre entwickelt, das <em>Dokudrama</em>. Dokudramas erz&#228;hlen fiktionale Geschichten im autobiografischen Gewand, wobei das Genre ganz bewusst von der Form der autobiografischen Dokumentation profitiert. Interessanterweise hat sich das Dokudrama im eher konservativen Buchgesch&#228;ft jedoch als weitgehend marktuntauglich erwiesen. Diese Erkenntnis ist vor allem f&#252;r Verlage von zentraler Bedeutung, denn auch heute noch werden Texte weitgehend nach dem Kriterium fiktiv oder aber (auto-)biografisch sortiert und f&#252;r den Markt aufbereitet. So werden B&#252;cher mit entsprechendem Cover oder aber Fotografien ausgestattet. Spielerische Mischformen wie beispielsweise das Dokudrama finden sich kaum im Buchhandel, am ehesten noch in den Zeitschriftenregalen. Vielleicht l&#228;sst sich dies damit erkl&#228;ren, dass im Lande Gutenbergs gedruckte B&#252;cher, die augenscheinlich keine Fiktion sind, allzu leicht mit einem hohen Wahrheitsanspruch versehen werden. Und so scheint es, als w&#252;rde ein ganzes Genre, das von Natur aus auf ein gewisses Ma&#223; an Spekulation angewiesen ist, nach einer fast nicht zu erreichenden Wahrheit streben. In diesem Tauziehen spielen Verlage eine bedeutsame Rolle, nicht zuletzt geht es ihnen hierbei ja auch um Selbstschutz. Wohl kaum ein Verlag m&#246;chte sich in diesem Zusammenhang auf dem hart umk&#228;mpften Buchmarkt einen Skandal leisten. Diese Feststellung wirft auf eine Reihe neuer Publikationen ein anderes Licht.  </p>
<p><strong>Den Geschichten auf der Spur…</strong></p>
<p>In ihrer aufw&#252;hlenden Reportage <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=kreutzer&#038;title=ware+frau">Ware Frau: Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa</a></em> </strong>(2008) legen die beiden Politikwissenschaftlerinnen <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=mary+kreutzer">Mary Kreutzer</a></strong> und <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=corinna+milborn">Corinna Milborn</a></strong> sehr eindringlich dar, wie sich der Frauenhandel von Afrika nach Europa in den letzten 20 Jahren entwickelt hat. In einer Mischung aus Hintergrundinformation, politischer Analyse und autobiografischen Berichten erz&#228;hlen und dokumentieren die Autorinnen den (Leidens-)Weg von acht Nigerianerinnen, die allesamt in Europa ihr Gl&#252;ck zu finden hofften, um dann auf einer der zahlreichen europ&#228;ischen „Freudenstra&#223;en“ ihre „Reisekosten“ abzuarbeiten. Die acht Frauen tragen Namen wie Joana, Lucy, Florence oder aber Grace und geh&#246;ren zu den ca. 100.000 Nigerianerinnen, die alle in irgendwelchen europ&#228;ischen St&#228;dten im schmutzigen Gesch&#228;ft der Zwangsprostitution gefangen sind. Die Lebensstationen der Frauen lesen sich fast wie die Urlaubsrouten internationaler St&#228;dtereisen: Benin City, Lagos, Kairo, Wien oder aber Lagos, Budapest, Kiew, Mailand, Rom. Bald fragen sich die Leser, warum machen sich diese M&#228;dchen auf diese oftmals so beschwerliche Reise? Wie und von wem werden sie rekrutiert? Sind sie sich bewusst, welche Art Job sie in Europa aus&#252;ben sollen? Wie werden die Frauen &#252;ber die Grenzen geschleust, und was tut die europ&#228;ische Polizei gegen diese Art von Frauenhandel? All diesen Fragen gehen die Autorinnen nach. Neben einer brisanten politischen Reportage enth&#228;lt das Buch Passagen, in denen die Frauen selbst zu Wort kommen und so ihre eigene Geschichte erz&#228;hlen k&#246;nnen. Insgesamt ein &#228;u&#223;erst eindrucksvolles Dokument, das seinesgleichen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sucht. </p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Joana%20Adesuwa%20Reiterer%20%282%29.JPG" width="182" height="145" alt="" title="" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Joana Adesuwa Reiterer</small></div>
<p>Eine der zitierten Frauen ist <strong>Joana Adesuwa Reiterer</strong>. Sie war es, die Mary Kreutzer und Corinna Milborn erstmals auf das Problem des nigerianischen Frauenhandels aufmerksam machte und f&#252;r deren Buch Impulsgeberin und Informantin war. Eine ausf&#252;hrliche Version ihrer Geschichte hat sie in dem Buch <strong><em>Die Wasserg&#246;ttin: Wie ich den Bann des Voodoo brach </em></strong>(2009) niedergeschrieben.<br />
Die Geschichte Adesuwas beginnt mit dem Versto&#223; ihres Vaters, weil dieser glaubt, in seiner Tochter eine Hexe, eine „Wasserg&#246;ttin“ zu erkennen. Die junge Frau folgt ihrem Ehemann nach Wien, wo sie schmerzhaft erkennen muss, dass dieser als Menschenh&#228;ndler t&#228;tig ist. Er ist es, der junge M&#228;dchen mit falschen Versprechen nach Europa lockt, um sie dann bei ihren neuen Herrinnen, die sich auch Madame nennen, abzuliefern. Als Adesuwa sich beharrlich weigert, f&#252;r ihren Ehemann als Madame zu arbeiten, wird das Leben in &#214;sterreich f&#252;r die junge Frau immer schwieriger. Die Situation eskaliert, nachdem sie eines Tages einem jungen M&#228;dchen zur Flucht verhilft. Nun muss Adesuwa selbst aus der Wohnung ihres Mannes fliehen. Neben diesen schrecklichen Einblicken in Adesuwas Lebenswelt als Ehefrau eines Frauenh&#228;ndlers erf&#228;hrt der Leser viel &#252;ber nigerianische Voodoo-Traditionen, denn noch heute werden in Nigeria Frauen als „Hexen“ gebrandmarkt, verfolgt und ermordet. </p>
<p>Wie die beiden zuletzt vorgestellten B&#252;cher zeigen, kann auch ein dritter Weg im (auto-)biografischen Erz&#228;hlen bestens funktionieren. Gut recherchiert und „ehrlich erz&#228;hlt“ k&#246;nnen Fl&#252;chtlingsschicksale, B&#252;rgerkriegssituationen, Geschichten von Menschenhandel und K&#246;rperverst&#252;mmelung dem Muster skandaltr&#228;chtiger Memoiren entsagen, ohne dabei ihre Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit einb&#252;&#223;en zu m&#252;ssen. Dies jedoch soll nicht hei&#223;en, dass ein semi-autobiografischer Text nicht auch seinen Platz innerhalb des Genres finden kann. Wichtig ist vor allem, dass die Leser erkennen k&#246;nnen, welche Art Geschichte sie in unerschrockener Mittelbarkeit pr&#228;sentiert bekommen. Man sollte sie blo&#223; nicht f&#252;r dumm verkaufen. </p>
<p><small><strong>Sissy Helff</strong>, die Autorin dieses Aufsatzes, arbeitet als promovierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Postkoloniale Studien/Transcultural English Studies an der Goethe-Universit&#228;t Frankfurt. Sie lebt mit ihrer Familie in Bad Homburg.</small> </p>
<p><small>Der Aufsatz entstammt der am 9. M&#228;rz 2009 erschienenen Fr&#252;hjahrsausgabe der <em><a href="http://www.litprom.de/literaturnachrichten.html">LiteraturNachrichten</a></em>, die litprom unter <a href="http://www.litprom.de">www.litprom.de</a> ver&#246;ffentlicht.</small></p>
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		<title>Jean Rhys: Sargassomeer. Aus dem Regal hervorgeholt von Andreas M. Widmann</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jan 2009 08:45:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Antoinette Mason lebt als uneheliche Tochter eines Plantagenbesitzers mit ihrer Mutter auf einem verwahrlosten Landsitz in Coulibri. Es ist die Zeit kurz nach Abschaffung der Sklaverei in der Karibik. Als das Haus von marodierenden Schwarzen niedergebrannt wird und ihr Bruder ums Leben kommt, wird die vor Verzweiflung rasende Mutter als Geisteskranke eingesperrt. Antoinette wird fortan [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Antoinette Mason lebt als uneheliche Tochter eines Plantagenbesitzers mit ihrer Mutter auf einem verwahrlosten Landsitz in Coulibri. Es ist die Zeit kurz nach Abschaffung der Sklaverei in der Karibik. Als das Haus von marodierenden Schwarzen niedergebrannt wird und ihr Bruder ums Leben kommt, wird die vor Verzweiflung rasende Mutter als Geisteskranke eingesperrt. Antoinette wird fortan von Nonnen in einem Kloster erzogen, anschlie&#223;end heiratet sie einen jungen Engl&#228;nder. Diese ohnehin fragile Beziehung wird bald dadurch zerst&#246;rt, dass Antoinette in Briefen eines angeblichen Halbbruders als Wahnsinnige verleumdet wird. Ihres Besitzes und ihrer Identit&#228;t beraubt, lebt sie zuletzt als Gefangene in einem Herrenhaus in England. Dort endet ihre Geschichte mit einem gro&#223;en Feuer. Es ist die Geschichte der ersten Mrs. Rochester aus <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=charlotte+bronte">Charlotte Brontes</a> <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=bronte&#038;title=jane+eyre"><em>Jane Eyre</em></a> (1847), der wahnsinnigen, auf dem Dachboden eingesperrten Ehefrau, die zu den faszinierendsten Figuren aus der Literatur des 19. Jahrhunderts z&#228;hlt. In <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=rhys&#038;title=sargassomeer">Sargassomeer </a></strong></em>(1966) erz&#228;hlt die kreolische Schriftstellerin <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=jean+rhys">Jean Rhys</a></strong> mehr als ein Jahrhundert sp&#228;ter von ihrem Leben.<span id="more-1611"></span></p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/rhys.oR.gif" width="138" height="194" alt="" title="Portr&#228;tfoto Jean Rhys" /><br /><small>Die kreolische Autorin<br />
Jean Rhys</small></div>
<p>Als der Roman erschien, war keines von Jean Rhys fr&#252;heren B&#252;chern mehr im Druck. Geboren 1890 auf der Insel Dominica, ging sie im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie nach England. Sie fand Anschluss an europ&#228;ische K&#252;nstler- und Intellektuellenkreise, begann in den 1920er-Jahren zu schreiben, geriet nach Ver&#246;ffentlichung ihres Romans <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=rhys&#038;title=morgen+mitternacht"><em>Guten Morgen, Mitternacht</em></a> (1939) jedoch in Vergessenheit. Erst <em>Sargassomeer </em>verhalf ihr zu neuer, auch internationaler Bekanntheit. Der Roman wurde gleicherma&#223;en als Schl&#252;sseltext der Feminismus- und Postkolonialismus-Theorie gelesen, doch Rhys&#8217; Kunst erweist sich gerade darin, wie sie ihren Stoff literarisch gestaltet, wie sie die Handlung reduziert, Leerstellen l&#228;sst, anstatt alles auszusprechen, zu erkl&#228;ren und zu bewerten: Der erste und der dritte Teil des Romans sind aus der Sicht Antoinettes erz&#228;hlt, dazwischen stehen die Aufzeichnungen des namenlos bleibenden Engl&#228;nders. Er hasst <em>„die Berge und die H&#252;gel, die Fl&#252;sse und den Regen“</em>, hasst <em>„die Sonnenunterg&#228;nge von welcher Farbe auch immer“</em>, ebenso <em>„die Sch&#246;nheit des Landes und seine Magie und das Geheimnis“</em>, schlie&#223;lich <em>„seine Gleichg&#252;ltigkeit und die Grausamkeit, die Teil seines Zaubers war“</em>. </p>
<p>Karibik und Europa, Wei&#223;e und Schwarze, Schriftkultur und Analphabetismus, Voodoo und Rationalit&#228;t sto&#223;en hier zusammen, ohne dass exotische gegen abendl&#228;ndische Stereotypen ausgespielt w&#252;rden. Der Albtraum eines Lebens entfaltet sich in Bruchst&#252;cken und in der Atmosph&#228;re, bevor er sich in Antoinettes Bewusstseinsmonolog am Ende verdichtet. So sind es die erz&#228;hlerische und sprachliche Kraft sowie eindringliche Bilder wie das eines brennenden Papageien, die begeistern und die die (Wieder)Entdeckung des Romans und seiner Autorin w&#252;nschenswert machen. </p>
<p><small>Andreas M. Widmanns Rezension stammt aus der im Dezember 2008 erschienenen Winterausgabe der <strong><em><a href="http://www.litprom.de/literaturnachrichten.html">LiteraturNachrichten</a></em></strong>, die Sie &#252;ber <a href="http://www.litprom.de/">www.litprom.de</a> beziehen k&#246;nnen.</small></p>
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		<title>Sherko Fatah: Ein saumseliger Zaungast</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Nov 2008 09:17:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Grenzerfahrungen, topografisch wie mental, handeln die Romane von Sherko Fatah, der in seiner Muttersprache &#252;ber sein Vaterland, den Irak, schreibt. Das ist w&#246;rtlich zu verstehen, ist er doch im November 1964 als Sohn eines irakisch-kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ostberlin geboren. F&#252;r seinen Roman Das dunkle Schiff (Jung und Jung 2008) wurde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Grenzerfahrungen, topografisch wie mental, handeln die Romane von <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=sherko+fatah">Sherko Fatah</a></strong>, der in seiner Muttersprache &#252;ber sein Vaterland, den Irak, schreibt. Das ist w&#246;rtlich zu verstehen, ist er doch im November 1964 als Sohn eines irakisch-kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ostberlin geboren. F&#252;r seinen Roman <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fatah&#038;title=dunkle+schiff"><strong><em>Das dunkle Schiff</em></strong></a> (Jung und Jung  2008) wurde er in diesem Jahr f&#252;r den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und stand auf der Shortlist f&#252;r den Deutschen Buchpreis. Monika Carbe hat sich umfassend mit Autor und Werk besch&#228;ftigt.<span id="more-749"></span></p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/800px-Sherko_Fatah_2008_%28aka%29.jpg" width="190" height="127" alt="" title="Sherko Fatah, fotografiert von André Karwath" /><br /><small>Sherko Fatah (Foto: Aka)</small></div>
<p>Von Kindheit an hat Sherko Fatah erlebt, wie Schranken sich &#246;ffnen und schlie&#223;en, P&#228;sse kontrolliert, gestempelt oder f&#252;r nichtig erkl&#228;rt werden. Er kennt die Erfahrungen der m&#252;tterlichen Familie ebenso wie die traumatischen Erlebnisse der Verwandtschaft seines Vaters und beschreibt in seinen Romanen die Auswirkungen von Diktatur, Kriegen und brutal ausgetragenen Konflikten unvers&#246;hnlicher Feinde, die zuvor manches Mal Freunde waren. Oft geht es um Machtproben oder religi&#246;s gepr&#228;gte Auseinandersetzungen, um den Seitenwechsel, um Linientreue – und Verrat. Vor allem aber schildert Fatah, wie Gewalt und Einsch&#252;chterung auf junge oder alte M&#228;nner wirken, die sich der Macht beugen und dadurch verbiegen m&#252;ssen. </p>
<p>Als Kind lebte Sherko Fatah in der DDR und oft wochen-, wenn nicht monatelang mit den Eltern im Irak. Exil, Wertewechsel und Verfremdung, genauer gesagt: den Perspektivenwechsel zwischen den Kulturen, hat er mehrfach pers&#246;nlich erfahren, wenn auch immer in einer formal durch den Pass gesch&#252;tzten Position. Von irakischer Seite ist es ein ererbtes, von deutscher Seite ein fast schon surrealistisches Exil, wenn man es von heute aus, aus der Distanz von &#252;ber 30 Jahren betrachtet. Die Familie verlie&#223; schon 1975 die DDR, als Sherko zehn Jahre alt war, lebte eine Zeitlang in Wien und ging von dort aus nach Westberlin. Dort besuchte er ein Gymnasium, begab sich nach dem Abitur 1985/86 auf die Kavalierstour der Postmoderne, das hei&#223;t, er reiste nach Indien, Bangladesh und Nepal, studierte, ebenfalls in Westberlin, Philosophie und Kunstgeschichte, schloss sein Studium ab und begann ab 1996 an seinem ersten Roman zu schreiben. Vom Jahr 2000 an wurden seine Texte in Anthologien und Zeitschriften wie den Grazer <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=manuskripte+zeitschrift">Manuskripten </a></em>ver&#246;ffentlicht, und als <strong><em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fatah&#038;title=grenzland">Im Grenzland</a></em></strong> (Jung und Jung 2001) erschien, wurde das Buch nicht nur mit dem <em>aspekte</em>-Literaturpreis 2001, sondern ein Jahr sp&#228;ter auch mit dem Sonderpreis des Deutschen Kritikerpreises f&#252;r das bemerkenswerteste Prosadeb&#252;t ausgezeichnet.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/fatah-grenzland.jpg" width="128" height="200" alt="" title="Im Grenzland" /></div>
<p>Wenn Sherko Fatah darin die Erfahrungen eines Schmugglers schildert, ist er nur scheinbar <em>„saumseliger Zaungast“</em>, wie er seine Rolle als Schriftsteller in einem Interview anl&#228;sslich der Verleihung des Heidelberger Hilde-Domin-Preises f&#252;r Literatur im Exil (2007) definierte. Diskret versteckt er sich als Erz&#228;hler hinter dem <em>„zugereisten Gast“</em>, der <em>„nach der &#220;berwindung von ein paar tausend Kilometern per Flugzeug und mit gel&#228;ndeg&#228;ngigem Sammeltaxi durchs Gebirge“</em> im Norden des Irak ankommt, dort, wo das Land an die T&#252;rkei und den Iran grenzt. Es ist eine raffinierte Verkn&#252;pfung von Autobiografischem und Fiktionalem, da der Erz&#228;hler als Neffe des Schmugglers zum Beobachter der Ereignisse auf vermintem Gel&#228;nde wird und dabei Gast bleibt, allerdings weniger saumselig, weniger tr&#228;ge und nachl&#228;ssig als Fatah sich selbst – ironisch – beschreibt. </p>
<p>Mit dem Wissen des Insiders erz&#228;hlt er vom Leben in den H&#228;usern der Stadt, von der Depression, die alle Einwohner seit dem letzten Golfkrieg erfasst hat. Er beginnt aus der Perspektive des Besuchers aus Europa, setzt die Geschichte dann jedoch aus der Innensicht des Mannes fort, der sich Jahre zuvor entschieden hat, begehrte Waren wie Wodka, Zigaretten, Laptops und sonst noch alles, was sich im Rucksack verstauen l&#228;sst, als Einzelg&#228;nger hin&#252;ber und her&#252;ber zu schmuggeln, in den Iran, in die T&#252;rkei und zur&#252;ck, eine lukrative T&#228;tigkeit, die nicht nur von der Familie, sondern auch vom Geheimdienst stillschweigend geduldet wird, und die Grenzsoldaten begn&#252;gen sich mit Dollarb&#252;ndeln. Dramatisch wird es, als der &#228;lteste Sohn des Schmugglers sich so sehr mit den Zielen einer islamistischen Vereinigung identifiziert, dass keine Verst&#228;ndigung mehr m&#246;glich ist; man warnt den Vater vor dem sch&#228;dlichen Einfluss, jedoch zu sp&#228;t, da er jede Autorit&#228;t &#252;ber den Jungen verloren hat. Der Sohn wird schlie&#223;lich get&#246;tet, und mit dem Trauerritual im Haus der Mutter beginnt der Roman; als R&#252;ckblende, mit ineinander verschachtelten Geschichten. Und berichtet dann vom Leben des Schmugglers, von seiner Einsamkeit, von den Gefahren in rauer Landschaft und seiner durch zahllose Dem&#252;tigungen verkr&#252;mmten Psyche.</p>
<p>Novellencharakter hat die n&#228;chste Ver&#246;ffentlichung: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fatah&#038;title=donnie">Donnie</a> </strong></em>(Erz&#228;hlung. Jung und Jung 2004), die an einem geografisch kaum bestimmbaren Ort spielt und zeigt, dass man den Autor auf keinen Fall allein auf das Thema der Beziehungen zwischen den kurdischen Regionen in den L&#228;ndern des Nahen Ostens bzw. der T&#252;rkei und Deutschland festlegen sollte, denn auch andere Stoffe behandelt er mit der gleichen Souver&#228;nit&#228;t, detailgenau und mit dem langen Atem des Erz&#228;hlers, der trotzdem seine Leser nicht langweilt.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/6994816.jpg" width="111" height="180" alt="" title="Das dunkle Schiff" /></div>
<p>Das Alfred-D&#246;blin-Stipendium der Akademie der K&#252;nste, das Sherko Fatah 2003 erhielt, erlaubte ihm, ohne Existenzsorgen an seinem n&#228;chsten Roman <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fatah&#038;title=onkelchen">Onkelchen </a></strong></em>(Jung und Jung 2004) zu arbeiten. Schaupl&#228;tze sind Berlin und – wieder – die kurdischen Berge. Bizarr ist der Anfang und spannend die Handlung; ebenso spannend aber das Geschehen in seinem zuletzt erschienenen Buch <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=fatah&#038;title=dunkle+schiff">Das dunkle Schiff</a></strong></em>, wird darin doch das Schicksal eines jungen Irakers, Kerim, von dessen Kindheit an verfolgt. Nach dem Tod des Vaters &#252;bernimmt dieser als &#228;ltester Sohn mit ruhiger Selbstverst&#228;ndlichkeit die Verantwortung f&#252;r die Mutter und seine Geschwister. Seit Generationen steht die Familie der Religion, d.h. dem Islam, indifferent gegen&#252;ber, doch auf einer seiner Reisen in die Berge, wieder im Grenzland von Irak, Iran und der T&#252;rkei, wird Kerim entf&#252;hrt – und verf&#252;hrt, sich einer Geheimgesellschaft religi&#246;ser Fanatiker mit internationalen Verbindungen anzuschlie&#223;en. In ihm vollzieht sich ein Bewusstseinswandel, doch nach seiner R&#252;ckkehr zur Familie treiben ihn Schuldgef&#252;hle ins Exil. Er erkauft sich eine Schiffspassage als blinder Passagier, wird ausgesetzt und kommt auf Umwegen zu einem vor Jahrzehnten emigrierten Onkel nach Berlin, der die aktuelle politische Entwicklung mit Kopfsch&#252;tteln, aber auch recht abgekl&#228;rt verfolgt. Die Vergangenheit in den Bergen holt Kerim schlie&#223;lich in einer der Berliner Moscheenvereine ein und als Feind der extremistischen Bewegung, der er einst angeh&#246;rte, wird er erstochen. <em>Das dunkle Schiff</em> ist ein Abenteuerroman, in dem das Thema der Verstrickung in religi&#246;sen Fanatismus einen Berichterstatter gefunden hat, der sein Sujet beherrscht. </p>
<p>Zum Schluss noch ein Wort zur Schilderung der Liebe und der Frauen: Da wird eine gewisse Scheu deutlich; ja, alle Romanhelden Fatahs erleben auch die Liebe, aber manchmal hat man den Eindruck, einige Frauen huschten nur als M&#252;tter, Tanten und Cousinen, kaum Beteiligte vorbei, andere wiederum waren, wie die Schwester des Schmugglers in <em>Im Grenzland</em>, so erf&#228;hrt man im Schlusskapitel, einst Anlass f&#252;r erste sexuelle Erfahrungen, allerdings ein wenig versch&#228;mte. </p>
<p><small><strong>Monika Carbe</strong> ist freie Kulturjournalistin und &#220;bersetzerin aus dem Englischen und T&#252;rkischen, au&#223;erdem Vorsitzende des Kulturvereins <em>Transfer zwischen den Kulturen</em>. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.</p>
<p>Ihr hier ver&#246;ffentlichtes Portr&#228;t stammt aus der im Oktober 2008 erschienenen Herbstausgabe der <strong><em>LiteraturNachrichten</em></strong>, die Sie &#252;ber www.litprom.de beziehen k&#246;nnen.</small></p>
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		<title>Amma Darko aus Ghana: Polygamie ist das Haupt&#252;bel</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2008/09/29/amma-darko-aus-ghana-polygamie-ist-das-hauptuebel/</link>
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		<pubDate>Mon, 29 Sep 2008 11:04:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Abschiebung]]></category>
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		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<category><![CDATA[Polygamie]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160;&#160;&#160;Amma Darko (Foto:Regina Bouillon) Amma Darko, 1956 geboren in Tamale im Norden Ghanas, geh&#246;rt zu den meist gelesenen afrikanischen Autorinnen in Deutschland. Das verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass ihr Deb&#252;t Der verkaufte Traum zun&#228;chst auf Deutsch im Stuttgarter Schmetterling Verlag erschien, der bis heute alle ihre Romane ver&#246;ffentlicht und Darko regelm&#228;&#223;ig zu Lesereisen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/6_Amma%20Darko%28c%29ReginaBouillon.JPG" width="200" height="150" alt="" title="Amma Darko, fotografiert von Regina Bouillon" /><br /><small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Amma Darko (Foto:Regina Bouillon)</small></div>
<p><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=amma+darko">Amma Darko</a></strong>, 1956 geboren in Tamale im Norden Ghanas, geh&#246;rt zu den meist gelesenen afrikanischen Autorinnen in Deutschland. Das verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass ihr Deb&#252;t <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=verkaufte+traum">Der verkaufte Traum</a></strong></em> zun&#228;chst auf Deutsch im Stuttgarter Schmetterling Verlag erschien, der bis heute alle ihre Romane ver&#246;ffentlicht und Darko regelm&#228;&#223;ig zu Lesereisen einl&#228;dt. Zuletzt war sie mit ihrem j&#252;ngsten Werk <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=nemesis">Das L&#228;cheln der Nemesis</a></strong></em> unterwegs.<br />
<span id="more-326"></span><br />
Amma Darko schrieb ihren ersten Roman w&#228;hrend ihrer sechs Jahre als Asylbewerberin in Deutschland. Ihren zweiten, <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=spinnweben">Spinnweben</a></strong></em>, begann sie bald nach ihrer im Jahre 1988 erfolgten Abschiebung in die Heimat Ghana. Sind diese beiden Werke noch stark gepr&#228;gt von den Eindr&#252;cken zweier verschiedener Lebenswirklichkeiten – der in Ghana und der in Deutschland –, so tritt mit den weiteren Romanen <em><strong><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=hausmaedchen">Das Hausm&#228;dchen</a></strong></em> und <a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=gesichtslosen"><strong><em>Die Gesichtslosen</em></strong></a> eine Kehrtwende ein: Die Schriftstellerin widmet sich ab sofort fast ausschlie&#223;lich der ghanaischen Lebenswirklichkeit, besonders der traditionelle Brauch der Polygamie ist ihr ein Dorn im Auge. Ihr neuester Roman <em>Das L&#228;cheln der Nemesis</em> thematisiert das durch das Fremdgehen der M&#228;nner hervorgerufene Leiden der Frauen sehr eindr&#252;cklich. </p>
<p>Amma Darko ist eine der wenigen afrikanischen Schriftstellerinnen, die es mit ihrer Literatur geschafft haben, sich in Europa – insbesondere in Deutschland – Geh&#246;r zu verschaffen und deren Texte auch in Afrika selbst ver&#246;ffentlicht werden. Bis heute pflegt die Autorin eine besondere Beziehung zu Deutschland und engen Kontakt zu ihrer Leserschaft hierzulande; dieser Tage ist sie beim <em>internationalen literaturfestival berlin</em> (24.09.-05.10.2008) zu erleben.  </p>
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<h3>Amma Darko im ZVAB</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=verkaufte+traum">Der verkaufte Traum </a>(1991)<br />
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=spinnweben">Spinnweben</a> (1996)<br />
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=hausmaedchen">Das Hausm&#228;dchen</a> (1998)<br />
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=verirrtes+herz">Verirrtes Herz </a>(2000)<br />
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=gesichtslosen">Die Gesichtslosen</a> (2003)<br />
<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=darko&amp;title=nemesis">Das L&#228;cheln der Nemesis </a>(2006)
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		<item>
		<title>Clarice Lispector: Nahe dem wilden Herzen. Aus dem Regal hervorgeholt von Andreas M. Widmann</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2008/07/21/clarice-lispector-nahe-dem-wilden-herzen-aus-dem-regal-hervorgeholt-von-andreas-m-widmann/</link>
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		<pubDate>Mon, 21 Jul 2008 07:47:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Femde Welten erLesen]]></category>
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		<category><![CDATA[Brasilien]]></category>
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		<category><![CDATA[Debut]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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		<category><![CDATA[Woolf]]></category>

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		<description><![CDATA[Selten d&#252;rfte ein erster Roman ein &#228;hnlich eigenst&#228;ndiger Auftakt zu einem literarischen Lebenswerk gewesen sein wie Nahe dem wilden Herzen. 1944, als das Buch erschien, war seine Autorin, Clarice Lispector (1925–1977), gerade 19 Jahre alt, geschrieben hatte sie es mit 17. Lispectors Deb&#252;t brach radikal mit dem traditionellen Realismus, der zu jener Zeit in der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Selten d&#252;rfte ein erster Roman ein &#228;hnlich eigenst&#228;ndiger Auftakt zu einem literarischen Lebenswerk gewesen sein wie <em><strong><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=wilden+herzen">Nahe dem wilden Herzen</a></strong></em>. 1944, als das Buch erschien, war seine Autorin, <strong><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=clarice+lispector">Clarice Lispector</a></strong> (1925–1977), gerade 19 Jahre alt, geschrieben hatte sie es mit 17. Lispectors Deb&#252;t brach radikal mit dem traditionellen Realismus, der zu jener Zeit in der brasilianischen Literatur vorherrschte, und kn&#252;pfte stattdessen an die europ&#228;ische Moderne an.<br />
<span id="more-340"></span></p>
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<img src="http://blog.zvab.com/wp-content/33_Clarice%20Lispector.kl%28c%29SV.jpg" width="190" height="145" alt="" title="Clarice Lispector" /><br /><small>Clarice Lispector</small></div>
<p>Die Handlung ist schnell erz&#228;hlt. Im Mittelpunkt stehen Abschnitte aus dem Leben einer jungen Frau, Johanna: Johannas Kindheit, die sie nach dem Tod ihrer Eltern wenig gl&#252;cklich im Haus einer Tante verlebt, und, im zweiten Teil, Szenen ihrer Ehe mit Octavio, einem ehrgeizigen Juristen. &#196;hnlich wie bei <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=james+joyce">James Joyce</a> (von dem der Titel entlehnt ist) und <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=virginia+woolf">Virginia Woolf</a>, mit der Lispector auf Grund der Themen und ihrer Erz&#228;hltechnik h&#228;ufig verglichen wurde, wird das Geschehen dabei einzig aus der Perspektive der Figuren dargestellt – was &#228;u&#223;erlich passiert, schl&#228;gt sich in Emotionen, Impressionen und Gedanken nieder. Meistens ist es Johannas Sicht, die mit der Erz&#228;hlung verschmilzt. Au&#223;erhalb ihrer selbst scheint nichts zu geschehen, und so wie die Handlung nur durch die Innensicht vermittelt wird, bleibt Johanna als Mensch isoliert. Sie durchbricht das Futteral nicht, das sie von ihrer Umwelt abschirmt. Ihre Tante ist ihr fremd und ihr Ehemann kehrt zu seiner Jugendfreundin Lydia zur&#252;ck, die von ihm ein Kind erwartet. Johannas eigenes „Verh&#228;ltnis“ mit einem anderen Mann w&#228;hrt ebenfalls nicht lange. Zuletzt ist sie allein, aber frei.</p>
<p>Es ist keine ganz leichte Lekt&#252;re, denn die Art etwa, in der sich der Text zwischen den Zeiten hin und her bewegt, fordert Konzentration, doch daf&#252;r entsch&#228;digen eindringliche Bilder und Epiphanien – Momente des Erkennens, die im Fluss des Erlebens und des Bewusstseins aufleuchten –, die sich dank ihrer suggestiven Sprache auf den Leser &#252;bertragen: </p>
<blockquote><p>„Trockene Bl&#228;tter auf der feuchten Erde. Das Herz zog sich langsam zusammen, &#246;ffnete sich, einen Augenblick hielt sie wartend den Atem an &#8230; Es war morgens, sie wu&#223;te, da&#223; es morgens war &#8230; Als werde sie von der zerbrechlichen Hand eines Kindes gezogen, wich sie zur&#252;ck und h&#246;rte ged&#228;mpft, als sei es im Traum, H&#252;hner, die die Erde aufscharrten. Hei&#223;e, trockene Erde &#8230; die Uhr schlug bim-bam&#8230; bim&#8230; bam&#8230; die Sonne regnete in kleinen roten und gelben Rosen auf die H&#228;user &#8230; Gott, war das nicht sie selbst?“ </p></blockquote>
<p>Von diesem ersten Buch an hatte Clarice Lispector mit Werken wie <em><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=apfel+dunkeln"><strong>Der Apfel im Dunkeln</strong></a></em> (1961) oder <em><strong><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=sternstunde">Die Sternstunde</a></strong> </em>(1977) Teil an einer literarischen Entwicklung, die von Joyce, Woolf und <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=william+faulkner">Faulkner </a>zu <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=jorge+borges">Borges </a>und <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=julio+coratzar">Cortazar </a>f&#252;hrt. So macht die innovative Erz&#228;hlkunst Lispectors, die zeitweise auch als s&#252;damerikanische Ikone der Frauenbewegung galt, ihr Erstlingswerk auch heute noch (oder wieder) lesbar und lesenswert.</p>
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<h3>Clarice Lispector im ZVAB</h3>
<p><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=nahe+herzen">Nahe dem wilden Herzen </a>(1944)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=von+traum">Von Traum zu Traum</a> (1949)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=apfel">Der Apfel im Dunkeln</a> (1961)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=passion">Die Passion nach G.H.</a> (1964)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=nachahmung">Die Nachahmung der Rose</a> (1973)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=viva">Agua viva. Ein Zwiegespr&#228;ch </a>(1973)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=nacht">Wo warst Du in der Nacht</a> (1974)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=sternstunde">Die Sternstunde</a> (1977)<br />
<a href="http://www.zvab.com/index.html?author=lispector&#038;title=ungeheuer">Die Dame und das Ungeheuer</a> (1979)
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		<title>Deon Meyer: ein Mann mit Leidenschaften</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2008/04/07/deon-meyer-ein-mann-mit-leidenschaften/</link>
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		<pubDate>Mon, 07 Apr 2008 07:23:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>litprom</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Deon Meyer]]></category>
		<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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		<description><![CDATA[Deon Meyer Deon Meyer, der erfolgreiche Autor von Kriminalromanen aus S&#252;dafrika, entspricht genau dem Bild, das man sich von einem ehemaligen Rugbyspieler macht. 1958 in Paarl in der westlichen Kap-Provinz in S&#252;dafrika geboren, wuchs er in der Goldgr&#228;berstadt Klerksdorp auf, leistete seinen Milit&#228;rdienst im angolanischen B&#252;rgerkrieg ab, studierte an der Potchefstroom-Universit&#228;t und arbeitete dann als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=deon+meyer"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/deonmeyer_cprivat_klein.jpg" width="200" height="313" alt="Deon Meyer" title="Deon Meyer" /></a><br /><small>Deon Meyer</small></div>
<p>Deon Meyer, der erfolgreiche Autor von Kriminalromanen aus S&#252;dafrika, entspricht genau dem Bild, das man sich von einem ehemaligen Rugbyspieler macht. 1958 in Paarl in der westlichen Kap-Provinz in S&#252;dafrika geboren, wuchs er in der Goldgr&#228;berstadt Klerksdorp auf, leistete seinen Milit&#228;rdienst im angolanischen B&#252;rgerkrieg ab, studierte an der Potchefstroom-Universit&#228;t und arbeitete dann als Reporter beim „Volksblad“, einer afrikaanssprachigen Tageszeitung in Bloemfontein. Nach jahrelanger T&#228;tigkeit unter anderem als Pressesprecher, Webdesigner, Manager f&#252;r BMW S&#252;dafrika und in der Werbebranche ist er heute freier Schriftsteller, sein Traumberuf seit seinem 14. Lebensjahr.<br />
<span id="more-299"></span><br />
Nebenbei organisierte er die j&#228;hrliche GS Challenge, eine anspruchsvolle Biker-Tour auf S&#252;dafrikas Stra&#223;en und offroad. Motorrad fahren ist eine von Deon Meyers Leidenschaften, kein Wunder, dass er Thobela Mpayipheli, den Helden seines Kriminalromans <em><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=deon+meyer&amp;title=herz+des+jaegers">Das Herz des J&#228;gers</a></em> (aus dem Englischen von Ulrich Hoffman, R&#252;tten und Loening Verlag 2005) auf eine lange Reise mit einer schweren BMW-Maschine von Kapstadt nach Lusaka/Sambia schickt. Ein hoch spannender Roadmovie  f&#252;r den Kopf und ein Roman, der ebenso wie sein 2007 erschienener Nachfolgeband <em><a href="http://www.zvab.com/index.html?author=deon+meyer&amp;title=atem+des+jaegers">Der Atem des J&#228;gers</a></em> von der KrimiWelt unter die 10 besten Kriminalromane (2005 und 2007) gew&#228;hlt wurde. Eva Massingue, f&#252;r die seine B&#252;cher wahre „pageturner“ sind, konnte dem Autor anl&#228;sslich seiner Lesung in Bad Homburg einige Fragen stellen.</p>
<p><strong>Eva Massingue</strong>: Die Helden in ihren B&#252;chern, mittlerweile sind ja vier Ihrer Krimis bereits ins Deutsche &#252;bersetzt, scheinen mir alle ein bisschen Ihr Alter Ego zu sein: Wie Thobela sind Sie gro&#223; und kr&#228;ftig, Sie lieben Mozart wie Zapotek von Heerden, essen und kochen gern wie der &#252;bergewichtige Matt Joubert. Und Sie fahren leidenschaftlich gern Motorrad wie Thobela. Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Protagonisten und Ihnen?</p>
<blockquote><p><strong>Deon Meyer</strong>: Eigentlich nicht. Ich neige nur dazu, &#252;ber meine Leidenschaften zu schreiben, z.B. eben &#252;ber Motorrad fahren, &#252;ber Musik und &#252;bers Essen, aber wenn es um die Pers&#246;nlichkeitsstruktur, um &#220;berzeugungen oder Anschauungen geht, dann bin ich anders als meine Helden. Es sei denn, ich h&#228;tte eine multiple Pers&#246;nlichkeit, von der ich bisher noch keine Ahnung habe.</p></blockquote>
<p>In Deutschland werden Sie in der Werbung Ihres Verlags als der afrikanische <a href="http://www.zvab.com/index.html?author=henning+mankell">Henning Mankell</a> bezeichnet. Kennen Sie die B&#252;cher des Schweden? Und wenn, sehen Sie auch eine Verbindung zwischen Mankell und Ihnen oder betrachten Sie das nur als ein typischen Werbeslogan, um das Kaufinteresse zu wecken?</p>
<blockquote><p>Ich kenne und liebe Mankells B&#252;cher und betrachte den Vergleich zuallererst als Kompliment. Und da wir beide Kriminalromane schreiben, die einen deutlichen Anstrich von „noir“ haben, glaube ich, dass die Analogie ihre Berechtigung hat. Zumindest gibt sie dem Leser einen Hinweis darauf, was er oder sie bei meinen Romanen erwarten kann.</p></blockquote>
<p>Alle Ihre Helden ringen mit pers&#246;nlichen Problemen und haben ein komplexes, angeschlagenes Innenleben. Benny Griessel h&#228;lt seine Arbeit nur mit Alkohol aus und verliert durch die Sauferei Frau und Kinder und fast auch den Job. Matt Joubert ist traumatisiert durch den Tod seiner Frau und die Umst&#228;nde ihres Todes, van Heerden ist ein verkrachter Ex-Bulle und auch Thobela, mein liebster Held, ringt mit den gewaltt&#228;tigen Anteilen seines Charakters und der Furcht, dass der Killer in ihm f&#252;r immer die Oberhand gewinnen k&#246;nnte. Eigentlich alles kaputte Typen – ist das auch als eine Lagebeschreibung des neuen S&#252;dafrikas zu verstehen: angeschlagen, traumatisiert zum Teil, aber stark und eigentlich doch sympathisch? </p>
<blockquote><p>Ich versuche meine Charaktere so menschlich, lebensnah und plastisch zu zeichnen wie m&#246;glich, mit Schw&#228;chen und St&#228;rken, die wir doch alle auch von uns selbst kennen. Ich glaube auch, dass sich ein Leser eher mit einem etwas fragw&#252;rdigen Charakter identifizieren kann. Wo gibt es denn schon perfekte Menschen?<br />
F&#252;r die Dramaturgie einer Geschichte ist nat&#252;rlich auch ein gebrochener Charakter deutlich spannender als ein nahezu fehlerloser – und au&#223;erdem entsprechen die Personen eher der Wirklichkeit, viele im Polizeidienst trinken, viele sind geschieden &#8230; Letztendlich hilft ihnen das sogar bei ihrer Arbeit mehr, als dass es schadet: Wer die Abgr&#252;nde in sich selbst kennt, kann die Abgr&#252;nde in anderen eher ausloten und verstehen.<br />
Was Analogien zur Lage in S&#252;dafrika betrifft, so ist es eher die Aufgabe des Lesers und des Rezensenten, diese herauszustellen – wenn es sie denn gibt.</p></blockquote>
<p>In Afrikaans, der Sprache, in der Sie Ihre B&#252;cher schreiben, erstaunen Ihre Titel durch Ein-Wort-K&#252;rze: <em>Feniks</em>, <em>Orion</em>, <em>Proteus</em> und <em>Infanta</em>. K&#246;nnen Sie uns die Titel etwas erl&#228;utern? </p>
<blockquote><p>Ich liebe kurze Titel, und seit meinem zweiten Buch tendiere ich dazu, nur jeweils ein einziges Wort daf&#252;r zu w&#228;hlen. Das funktioniert gut in Afrikaans, der Sprache, in der ich schreibe, aber nicht immer genauso gut in den &#220;bersetzungen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Feniks in Afrikaans hei&#223;t auf Englisch Phoenix. Das ist als Titel aber keine sehr gute Wahl, englischsprachige Leser k&#246;nnten Phoenix wom&#246;glich eher mit der Stadt in Arizona verbinden als mit dem Vogel, der aus der Asche wiedergeboren wird. Da verlasse ich mich bei der Titelwahl lieber auf die Verleger, die ihren jeweiligen Markt kennen und den f&#252;r Land und Sprache passenderen Titel vorschlagen k&#246;nnen.</p></blockquote>
<p>Wie sieht es denn &#252;berhaupt mit den &#220;bersetzungen aus? Die deutschen Ausgaben ihrer Romane werden aus dem Englischen &#252;bersetzt, doch die englische Ausgabe ist ja schon eine &#220;bersetzung aus dem Afrikaans. Haben wir es also mit der &#220;bersetzung einer &#220;bersetzung zu tun und besteht dadurch nicht die Gefahr von Qualit&#228;tsverlust und Fehlern?</p>
<blockquote><p>Da kann ich sie beruhigen. Ich schreibe zwar in Afrikaans, weil es einfach meine Sprache ist, die Sprache, in der ich liebe und tr&#228;ume. Aber ich arbeite an der englischen &#220;bersetzung sehr eng mit und kann Ihnen versichern, dass es keine substantiellen Unterschiede zwischen der Afrikaans-Version und der englischen Version meiner B&#252;cher gibt.</p></blockquote>
<p>Seit Anfang dieses Jahres ist Ihr neuer Kriminalroman <em>The Invisible</em> fertig, noch dieses Jahr wird er auch auf Englisch erscheinen. Wieder f&#252;hren Sie einen neuen Charakter ein: den Bodyguard Lemmer, der eigentlich zum <em>white trash</em> geh&#246;rt und ebenfalls eine dunkle Vergangenheit hat. Gibt es wieder eine neue Reihe oder planen Sie weiter einzelne, unterschiedliche Protagonisten, die dann in den Geschichten der anderen kurze Gastauftritte haben?</p>
<blockquote><p>Ich wei&#223; es nicht. Mir gef&#228;llt Lemmer, und wenn ich f&#252;r ihn noch eine richtig gute Geschichte finde, dann kommt er vielleicht zur&#252;ck!</p></blockquote>
<p>Alle Ihre Ermittler sind Afrikaaner. Wie w&#228;re es denn mal mit einem Zulu oder Xhosa Cop?</p>
<blockquote><p>Es gibt in meinen B&#252;chern eine ganze Reihe schwarzer Polizeibeamte, auch in <em>Invisible</em>. Und wer wei&#223;, vielleicht wird einer von ihnen mal zu einer Hauptperson?</p></blockquote>
<p>Sie sprachen von einem Projekt an der Universit&#228;t in Stellenbosch, an dem Sie beteiligt sind: WoW, Words open Worlds, ein Hilfsprojekt f&#252;r benachteiligte Sch&#252;ler und Jugendliche. K&#246;nnen Sie dar&#252;ber noch ein bisschen mehr erz&#228;hlen?</p>
<blockquote><p>Das WoW-Projekt startete 2003 mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen aus durch die Apartheid ehemals benachteiligten Gemeinschaften zu mehr Bildung zu verhelfen. Viele haben nur einen rudiment&#228;ren Zugang zu Sprache und Bildung, ihre Sprachkompetenz ist mangelhaft – sowohl m&#252;ndlich als auch schriftlich. Mit Literatur und Kunstaktionen soll den nachwachsenden Generationen zu einer besseren Beherrschung ihrer Sprache verholfen werden, auch um ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Mit verschiedenen Programmen erreichen wir in der westlichen Kap-Provinz bis zu 10.000 Kinder j&#228;hrlich. Zu diesen Programmen geh&#246;ren u. a. Literaturwettbewerbe und auch Autorenlesungen in Schulen – etwas, was ich sehr gerne mache.</p></blockquote>
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