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	<title>ZVABlog &#187; Altpapiergeschichten</title>
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	<description>das offizielle Blog des ZVAB rund um antiquarische und vergriffene Bücher - Literatur, Kolumnen, Lesetipps und Autoren-Nachrufe.</description>
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		<title>Frau im Licht</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Oct 2011 12:17:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
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		<description><![CDATA[&#160;&#160;&#160;Vladimír Birgus&#8217; R&#252;ckschau &#160;&#160;&#160;auf Drtikols Werk und Leben &#160;&#160;&#160;(aus dem Sortiment des An- &#160;&#160;&#160;tiquariats Bernhard, Berlin) Das Schaffen des ersten tschechischen Fotografen von weltweiter Bedeutung, František Drtikol, begann sich vor dem Ersten Weltkrieg zu entwickeln. … Durch wohldurchdachten Einsatz des Lichts und manchmal auch durch leichte Unsch&#228;rfe schuf er aus den Modellen fast unreale Traumgestalten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><a href="http://www.zvab.com/profile/c21700.jsp"><img class="alignright size-full wp-image-5683" title="Fotograf František Drtikol" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/drtikol_biografie.jpg" alt="" width="141" height="200" /></a><br />
<small>&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vladimír Birgus&#8217; R&#252;ckschau<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;auf Drtikols Werk und Leben<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;(aus dem Sortiment des An-<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;tiquariats Bernhard, Berlin)</small></div>
<blockquote><p>Das Schaffen des ersten tschechischen Fotografen von weltweiter Bedeutung, František Drtikol, begann sich vor dem Ersten Weltkrieg zu entwickeln. … Durch wohldurchdachten Einsatz des Lichts und manchmal auch durch leichte Unsch&#228;rfe schuf er aus den Modellen fast unreale Traumgestalten, indem er au&#223;er dem Ideal der Sch&#246;nheit auch die symbolische Aussage unterstrich. … Drtikols Akte waren f&#252;r ihre Zeit sehr k&#252;hn und zeigten den nackten K&#246;rper in seiner Nat&#252;rlichkeit und Sch&#246;nheit.</p></blockquote>
<p><small>[<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=birgus&amp;title=tschechische+avantgarde">Vladimír Birgus: <em>Tschechische Avantgarde-Fotografie</em></a>]</small></p>
<blockquote><p>Der Schatten spielt eine v&#246;llig selbst&#228;ndige Rolle, besonders beim F&#252;llen einer Fl&#228;che; er haucht Leben ein, betont, ist genauso wichtig wie die Sache selbst.</p></blockquote>
<p><small>[<a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=drtikol&amp;title=augen+weit">František Drtikol:<em> Augen weit ge&#246;ffnet</em></a>]</small></p>
<blockquote><p>In einem der K&#228;fige wurde ein riesiger B&#228;r gehalten und gezeigt. Der Anblick dieses Tieres, das der kleine František zum ersten Mal im Leben sah, hat ihn unbegreiflich erregt und gereizt. Er versuchte sogar – durch einen inneren Trieb dazu gebracht – es mit einer Axt anzugreifen, was ganz seinem milden Charakter widersprach. … Die wahrscheinliche Erkl&#228;rung kann man erst in den Erinnerungen von Rostislav Obsnajdr finden, dem Drtikol am Ende seines Lebens erz&#228;hlte, dass er in einem seiner fr&#252;heren Leben in Russland gelebt habe und infolge von Verletzungen gestorben sei, die ihm durch einen B&#228;ren zugef&#252;gt worden seien.</p></blockquote>
<p><small>[Karel Funk: <em>Der Mystiker und Lehrer František Drtikol</em>]</small><span id="more-5625"></span></p>
<p>Schon der Name unseres Aufenthaltsortes in Prag zeugte von kultureller Inflation: Das Hotel hie&#223; Kafka. Frustriert sichteten Christof und ich unsere Buchausbeute von der Prager Antiquariatsmesse. Quantitativ gesehen gar nicht so &#252;bel: Etwa 40 B&#228;nde des Jahrbuches <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=ceskoslovenska+fotografie">&#268;eskoslovenská fotografie</a></em> (Tschechoslowakische Fotografie) aus den 1930er Jahren, eine Menge von Nachkriegsmonografien tschechischer Fotografen – manche der Titel dreimal  –, doch den gr&#246;&#223;ten Stapel bildete das ber&#252;hmte Werkverzeichnis <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?title=sudek+fotografie">Josef Sudek: Fotografie</a></em> von Lubomír Linhart. Zw&#246;lf Exemplare desselben Buches!<br />
„Ich bin Antiquar geworden, um Abenteuer auf der Suche nach h&#252;bschen alten B&#252;chern zu erleben“, sagte ich zu meinem Kumpel Christof Gr&#246;&#223;l, der in unserem frisch gegr&#252;ndeten Abeceda-Antiquariat auch meinen Gesch&#228;ftspartner spielte. „Doch schon am Anfang meiner Karriere komme ich mir statt wie ein Antiquar wie ein Metzger vor: zehn Kilo Sudek!“<br />
„Der Sudek-Boom wird nicht lange anhalten“, sagte Christof. „Das Buch ist vor vierzig Jahren in einer Auflage von f&#252;nfzehntausend Exemplaren erschienen. So viele Fotobuchsammler gibt’s im ganzen Universum nicht. Bald sacken die Preise ab und wir haben unsere Ruhe. Jetzt k&#246;nnen wir den Kunden aber nicht erz&#228;hlen, dass wir keinen Sudek haben. Wir sind doch die Spezialisten f&#252;r tschechische Avantgardefotografie!“ Er holte aus der vollen Bananenkiste drei Exemplare einer vor ein paar Jahren erschienen Monografie &#252;ber <strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=frantisek+drtikol">František Drtikol</a></strong> und packte sie in Zeitungspapier ein. „Drtikols <em>Frau im Licht</em> m&#246;chte ich schon haben!“<br />
„<em>Frau im Licht</em>?“ Als Anf&#228;nger im Antiquariatsgesch&#228;ft f&#252;hlte ich mich durch Christofs Kenntnisse der tschechischen Moderne etwas &#252;berfordert. Ich war doch der Tscheche hier, verdammt!<br />
„Drtikols einziges Buch! Noch zu seinen Lebzeiten erschienen – 1939! Darin sind seine besten Aktfotos versammelt. Sehr selten! Sehr teuer! Noch dazu mit dem Schutzumschlag… hmm…“<br />
„Warum gibt’s nur ein Buch von ihm?“<br />
„Drtikol hat Mitte 30er mit dem Fotografieren aufgeh&#246;rt. Als er als Fotograf von Weltrang schon richtig ber&#252;hmt war. Er hat angefangen, esoterische Bilder zu malen. In der Nachkriegstschechoslowakei war er Kommunist, Buddhist und spiritueller F&#252;hrer!“<br />
„Siehst du!“, sagte ich voller Stolz. „So was hat’s bei uns auch gegeben! Gehen wir Bier trinken?“<br />
„Was sonst? Wir sind doch in Prag!“</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/profile/t1100v.jsp"><img class="alignright size-full wp-image-5701" title="Potfolio mit Werken Drtikols" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/drtikol-portfolio.jpg" alt="" width="200" height="143" /></a><br />
<small>Drtikol-Portfolio mit f&#252;nf Drucken von<br />
Originalnegativen (aus dem Sortiment<br />
des Antiquariats Valentinská, Prag)</small></div>
<p>Am n&#228;chsten Tag streunten wir schon durch die Antiquariate im nordm&#228;hri- schen Ostrava. Doch Sch&#228;tze lagen wohl anderswo vergraben. Gar nichts haben wir gekauft. „Ruf Hrobnik an!“, sagte Christof. „Nee!“, sagte ich. „Da mag ich nicht hin!“<br />
Hrobnik war ein Antiquit&#228;tenh&#228;ndler im Altvatergebirge, der uns letztes Mal beim St&#246;bern in seinem Laden seine sch&#246;n dralle Tochter Nadja vor die Nase gesetzt hatte, um uns zu verwirren. Licht und Schatten im Busental! Wer konnte bei diesem Anblick schon g‘scheit die Druckb&#246;gen und die Tafeln z&#228;hlen? Zwei Stunden lang haben wir mit Hrobnik um eine Kochbuchhandschrift aus dem 18. Jahrhundert gek&#228;mpft und den Kampf schlie&#223;lich verloren. Mit diesem prallen Leben konnten nicht einmal Drtikols sch&#246;ne Aktdamen konkurrieren. Wir zahlten zweimal mehr, als wir wollten, um nicht mehr in Nadjas Ausschnitt glotzen zu m&#252;ssen, und fl&#252;chteten.<br />
„Ruf ihn an!“, sagte Christof, und ich rief an. Was blieb mir auch anderes &#252;brig? Wir mussten ja noch eine Menge sch&#246;ne B&#252;cher kaufen.<br />
Der Ankauf bei Hrobnik war noch schlimmer als letztes Mal. Von Nadjas Kleid gar nicht zu reden. Wieder und wieder schleppte sie deutschsprachige B&#252;cher in den Empfangsraum, alte Drucke, billige und unvollst&#228;ndige Ausgaben von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=friedrich+schiller">Schiller</a>, <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=johann+wolfgang+goethe">Goethe </a>und <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=gustav+freytag">Gustav Freytag</a>, Nazischrott und Zigarettenbilderalben. Baedeker und B&#252;cher von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=karl+may">Karl May</a>, Militaria-Prachtausgaben, Ortsgeschichten aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien – Schrott und Seltenes. Wir kollationierten, z&#228;hlten Seiten und Tafeln, w&#228;hlten B&#252;cher aus und legten sie nach einer kurzen Schlacht wieder zur&#252;ck, weil Hrobnik auf einem Preis bestand, f&#252;r den man die halbe Bibliothek von Alexandria h&#228;tte kaufen k&#246;nnen. Ohne eine Spur von Ahnung von seinen B&#252;chern zu zeigen. Als wir uns spa&#223;eshalber ein <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=wilhelm+busch">Wilhelm-Busch</a>-Album krallten, das in jeder deutschen Antiquariatsw&#252;hlkiste f&#252;r damals eine Mark zu haben war, sagte Hrobnik ganz cremig 600 Mark und guckte mit seinem Pokergesicht zu, wie wir das billige Busch-Album erleichtert Nadja zur&#252;ckgaben. Nur sie lachte die ganze Zeit entz&#252;ckt, sichtlich durch die Summen beeindruckt, die durch die Luft flogen. Sie lief mit schweren Folianten hin und her und schwitzte, bis durch ihr tiefes Busental ein kleiner Fluss str&#246;mte.<br />
Nach ein paar Stunden hockten wir ersch&#246;pft da, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben und glotzten ins Nadjas Flusstal – nur noch wegschwimmen wollten wir! Weg sein! Vor einem Schweinebraten hocken, an einem Tisch geschm&#252;ckt mit Bierblumen in ihren Vasen. „Ich h&#228;tte da noch ein Foto von Drtikol“, sagte Hrobnik. Stille! Er machte die Schreibtischschublade auf: Eine Nackte in Drtikols typischem geometrischen Spiel von Licht und Schatten.<br />
„Woher wissen Sie, dass das ein Drtikol ist?“, fragte Christof und drehte das Foto um. Kein Stempel, keine Signatur.<br />
„Ich kenn’ mich aus!“, sagte Hrobnik, und diese Aussage war sicher Grund genug, von dem Foto die Finger zu lassen.<br />
„Damals hat’s eine Menge Fotografen gegeben, die wie Drtikol fotografieren wollten“, sagte Christof. „Von F&#228;lschungen gar nicht zu reden!“<br />
„F&#252;nftausend!“, sagte Hrobnik.<br />
„D-Mark?“, fragten wir. Nicht mehr erstaunt.<br />
Hrobnik &#252;berlegte kurz, l&#228;chelte endlich, machte den Mund auf und sagte: „Nee! Nur Kronen!“<br />
„Lass das!“, sagte ich zu Christof. Der bl&#228;tterte Hrobnik wortlos den Betrag in D-Mark hin: 400 DM. „Spinnst du?“, fragte ich. „Ich muss hier unbedingt raus und einen Kuchen essen“, sagte er auf Deutsch. Hrobnik l&#228;chelte.<br />
„Ein Kuchen f&#252;r vierhundert Mark wird uns sicher schmecken“, sagte ich.<br />
„Das Foto ist sehr h&#252;bsch“, sagte Christof.<br />
„Mensch!“, sagte ich. „Wir sind doch keine &#196;stheten!“<br />
„Ich schon!“<br />
„Wir sind Antiquare! Wir m&#252;ssen Geld verdienen, nicht ausgeben! Kennst du das Foto?“<br />
„Nee!“<br />
Ich seufzte. „Dann ist es kein Drtikol! Du hast doch sicher alle Fotos von ihm gesehen, wie ich dich kenne, oder?“<br />
„Vielleicht nicht ganz alle.“ Ich konnte nur den Kopf sch&#252;tteln. So w&#252;rden wir bald pleitegehen.<br />
„Auf Wiedersehen!“, sagte Nadja.</p>
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/profile/f24103.jsp"><img class="alignright size-full wp-image-5639" title="Žena ve sv&#277;tle - Frau im Licht" src="http://blog.zvab.com/wp-content/uploads/2011/10/IMGP6413.jpg" alt="" width="152" height="210" /></a><br />
<small>Žena ve sv&#277;tle &#8211; Frau im Licht<br />
(aus dem Sortiment des<br />
Antiquariats Arco, Prag)</small></div>
<p>Auch am n&#228;chsten Tag schien sich unsere Pechankaufstour fortzusetzen: Kein seltenes Buch weit und breit. Ich w&#252;hlte mich durch Tausende von billigen B&#228;nden in einem m&#228;hri- schen Antiquariat und schimpfte im Geiste &#252;ber Christof, der statt zu arbeiten sein &#252;bliches Schw&#228;tzchen in seinem Intschu-tschuna-Tschechisch mit der Antiquarin an der Theke hielt. Die Tschechin schien seinen deutschen Akzent zu genie&#223;en. Huch! Pl&#246;tzlich halte ich <em><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=biermann+aenne&amp;title=60+fotos">60 Fotos</a></em> von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=aenne+biermann">Aenne Bierman</a> in der Hand, den zweiten Fototek-Band von <a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=franz+roh">Franz Roh</a> aus dem Jahr 1930. Hmm… 240 Kronen. Die Pechstr&#228;hne vorbei! Stolz blicke ich zu Christof. Doch Christof steht pl&#246;tzlich dicht vor mir: „Nehmen wir das?“ Er h&#228;lt mir einen d&#252;nnen Band hin. Auf dem Umschlag ein wundersch&#246;nes Foto einer halbnackten Frau, gelb eingerahmt: <em><strong><a href="http://www.zvab.com/basicSearch.do?author=drtikol&amp;title=zena">Žena ve sv&#277;tle – Frau im Licht</a></strong></em>! Der Preis viel happiger als der f&#252;r meine Biermann, aber was soll’s? Wir bl&#228;tterten der Antiquarin unsere letzten Scheine hin, und f&#252;r das verbliebene Kleingeld gingen wir wieder Kuchen essen. Biermann lag zwar auch in meinem Rucksack, war aber von dem Drtikol-Buch ganz sch&#246;n in den Hintergrund gedr&#228;ngt worden. Kein W&#246;rtchen des Lobs von Christof f&#252;r meinen gro&#223;artigen Fund. Wieder mal schlechtes Timing bei mir.<br />
„Ich wollt’s mir gerade angucken“, sagte ich am Abend in unserem Hotelzimmer in Ostrava. Christof lag auf seinem Bett und bl&#228;tterte in Drtikols Buch.<br />
„Ich hab’s auch noch nie in der Hand gehalten“, sagte er. „Guck dir das Drtikol-Foto von Hrobnik an!“<br />
„Deine Drtikol-F&#228;lschung?“, fragte ich. „Mann, oh, Mann! Die Frau im Licht freut mich auch. Dass du aber f&#252;r das Foto, f&#252;r diesen Pseudo-Drtikol, Geld ausgeben musstest! 400 Mark!“<br />
„Das Foto ist ab genau dieser Sekunde ein bissl mehr Wert!“, sagte Christof.<br />
„Was?“<br />
„Schau!“ Ich kam an sein Bett. Christof hielt mir das aufgeschlagene Buch von Drtikol hin: zwei Fototafeln. Auf der linken war unser Foto abgebildet, das Christof bei Hrobnik f&#252;r mickrige 400 Mark gekauft hatte. „Da hast du deinen Drtikol-Nachweis! Direkt in Drtikols Buch!“<br />
„Du bist ein Genie!“, sagte ich.<br />
„Wei&#223; ich doch!“, sagte Christof.<br />
„Gehen wir Bier trinken?“<br />
„Na, klar!“, sagte Christof. „Was willst du in Tschechien sonst tun?“</p>
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		<title>Monteur Dada</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2011/04/15/monteur-dada/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 11:14:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Zufall ist ein durchtriebenes Luder, das sich nicht um die Folgen seiner Taten schert. An diesem Samstag hatte die geheimnisvolle Anna ihren Flohmarkt-Stand neben Karl aufgebaut, dem Kommunisten. Anna trug heute Shorts und eine Bluse, auf der Blumen bl&#252;hten. Zu Zeiten des Jugendstils h&#228;tte ihre sparsame Kluft als ein schicker Badeanzug durchgehen k&#246;nnen. Aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek1_kl.jpg" width="177" height="280" alt="" title="" /></div>
<p>Der Zufall ist ein durchtriebenes Luder, das sich nicht um die Folgen seiner Taten schert. An diesem Samstag hatte die geheimnisvolle Anna ihren Flohmarkt-Stand neben Karl aufgebaut, dem Kommunisten. Anna trug heute Shorts und eine Bluse, auf der Blumen bl&#252;hten. Zu Zeiten des Jugendstils h&#228;tte ihre sparsame Kluft als ein schicker Badeanzug durchgehen k&#246;nnen. Aus jeder Perspektive genie&#223;bar. Ihre schwarzen Haarstr&#228;hnen rahmten das sch&#246;ne Bild mit h&#252;bschen Ornamenten ein. Anna hatte ich entdeckt – ja, „entdeckt“ ist das richtige Wort f&#252;r unser erstes Treffen -, als sie im Stadtmuseum ein uraltes Foto mit einer Dame betrachtet hatte, die Anna nahezu poetisch &#228;hnelte. Doch seitdem tat Anna so, als ob sie mich damals im Museum &#252;berhaupt nicht wahrgenommen h&#228;tte. Komisch, oder?<br />
<span id="more-4984"></span><br />
„Siehst du?“, sagte Karl zu Anna, als ich auftauchte. „Ein Antiquar! Unser Ausbeuter! Kauft von uns ein Buch f&#252;r zwei Euro und schiebt’s weiter f&#252;r 200.“<br />
„Warum verkaufst du ihm dann die B&#252;cher?“, fragte Anna die Gute.<br />
„Weil sie sonst keine Sau kauft!“<br />
„Antiquare sind das Greenpeace der kulturellen Umwelt!“, sagte ich. „Sie retten die aussterbende Art Altbuch vor dem Regen und den M&#252;lltonnen!“<br />
„Und werden reich damit!“<br />
„Antiquare werden nur an B&#252;chern reich!“, sagte ich, leider nicht ganz originell. Der Spruch stammte von meinem Kumpel Christof Gr&#246;&#223;l vom Abeceda-Antiquariat, kann aber sein, dass Christof den auch irgendwo abgestaubt hatte.<br />
„Meine Tante hat mir den ganzen Dachboden voll mit B&#252;chern hinterlassen!“, sagte Anna. „Die sind noch von unserem Uropa!“<br />
Obwohl ich dank eBay von „echten Dachbodenfunden“ den Hals gestrichen voll hatte, scheue ich als Antiquar vor keiner Verzweiflungstat zur&#252;ck: „K&#246;nnte ich mir den Dachboden angucken?“, fragte ich.<br />
„Ich kann die B&#252;cher vielleicht selbst bei eBay verkaufen“, sagte Anna.<br />
„Jeder kann ein Antiquar sein!“, sagte Karl.<br />
„Jeder kann ein K&#252;nstler sein!“, sagte ich.<br />
„Der Spruch ist von Beuys!“, sagte Anna, womit sie Bildung bewies.<br />
„Zu seinem Gl&#252;ck muss Beuys nicht mehr miterleben, welche verheerenden Folgen sein Spruch f&#252;r das Niveau unserer Kultur hatte“, sagte ich. „Gestern hab ich auf einem B&#252;chertisch bei Hugendubel zwischen den ganzen Blutsaugerb&#252;chern den ansprechenden Titel <em>Sissi die Vampirj&#228;gerin</em> entdeckt. So was h&#228;tte zu Beuys-Zeiten kein Buchh&#228;ndler auszustellen gewagt.“<br />
„Im hoch entwickelten Kapitalismus ist das Geld das einzige Kulturgut, das wirklich z&#228;hlt!“, sagte Karl. Karl hat nicht immer Recht, aber auch nicht immer Unrecht.<br />
„Warum bist du der Frau auf dem alten Foto im Stadtmuseum so &#228;hnlich?“, fragte ich Anna.<br />
„Du hast mein Foto gesehen?“<br />
„Sie hat mich tats&#228;chlich vergessen!“, sagte ich zu Karl.<br />
„Du bist halt nicht so attraktiv!“, sagte er und k&#228;mmte mit den Fingern ein paar Fr&#252;hst&#252;cksk&#228;sest&#252;cke aus seinem Bart. Pl&#246;tzlich lie&#223; uns der Beat aus meiner Hosentasche die Ohrl&#228;ppchen vibrieren:<br />
“Wacht auf, Verdammte dieser Erde,<br />
die stets man noch zum Hungern zwingt!“<br />
„Du hast die Internationale als Klingelton?“, fragte Karl. „Unglaublich!“<br />
„Das ist meine Mahnung an die Reichen, die mich anrufen!“, sagte ich und nahm ab.<br />
„Die h&#246;ren deinen Klingelton doch gar nicht, wenn sie dich anrufen!“, sagte Anna. Hell war sie auch, die Kleine. Nur sollte sie nicht an meinem Robin-Hood-Image kratzen.<br />
„Guten Morgen, Herr Urban!“, sagte ich ins Handy.<br />
„Ich muss unbedingt die tschechische <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=57731641&#038;b=1"><em>Svejk</em>-Ausgabe</a> mit allen sechs Heartfield-Umschl&#228;gen haben!“, sagte Urban. Ich entschloss mich f&#252;r die sanfte Behandlung. Manche Sammler sind wie Patienten, die an argen Mangelerscheinungen leiden. Als Antiquar muss du in die Rolle des verst&#228;ndigen Arztes schl&#252;pfen und den Vitaminmangel beheben!<br />
„Leider…“, setzte ich an.<br />
„Ich muss die B&#252;cher haben!“, sagte Urban. Er hat sein Geld von seinem Vater geerbt und duldete somit keinen Widerspruch.<br />
„Ich m&#252;sste deswegen nach Prag fahren!“, sagte ich. „Das wird nicht ganz billig werden!“<br />
„Geld spielt keine Rolle!“, sagte Urban. Sein Vater drehte sich einmal im Grab um.<br />
„Ich gebe Ihnen n&#228;chste Woche Bescheid“, sagte ich.<br />
„Musst du die Bundeslade auftreiben?“, fragte Karl.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek2_kl.jpg" width="181" height="287" alt="" title="" /></div>
<p>„Etwas &#196;hnliches!“, sagte ich. „Die zehnte tschechische Ausgabe von <em>Die Abenteur des guten Soldaten Svejk</em>! Mit den Umschl&#228;gen von John Heartfield.“<br />
„<em>Des <strong>BRAVEN</strong> Soldaten Svejk</em> hei&#223;t das!“, sagte Karl.<br />
„Auf Tschechisch ‚des guten‘!“, sagte ich. „Grete Reiner, die deutsche &#220;bersetzerin, hat den Text damals in den 20ern gegl&#228;ttet.“<br />
„Wer ist denn Heartfield?“, fragte Anna. Hmm… was Buchkunst anging, war sie nicht ganz auf der H&#246;he. W&#252;rde wohl doch ein paar J&#228;hrchen dauern, aus ihr eine ordentliche Antiquarin zu machen.<br />
„Ein Genosse!“, sagte Karl.<br />
„Monteur Dada!“, sagte ich. „Hat mit George Grosz die Fotomontage erfunden!“<br />
„Vielleicht habe ich die <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=21657026&#038;b=1"><em>Svejk</em>-Ausgabe</a>?“, sagte Karl.<br />
Ich lachte. „Alle vier B&#228;nde von Jaroslav Hasek und die zwei Fortsetzungsb&#228;nde von Karel Vanek?“<br />
„Das passt!“, sagte Karl. „Sechs B&#252;cher sind’s, glaub ich!“<br />
„Das ist der bl&#246;deste Witz dieses Fr&#252;hlings!“, sagte ich.<br />
„Ich hab die!“, sagte Karl.<br />
Ich verdrehte die Augen. „Na, gut!“, sagte ich, um das dumme Gespr&#228;ch zu beenden. „Zeig mal! F&#252;r die 10. tschechische Ausgabe von <em>Svejk</em> bekommst du gleich einen Tausender von mir!“<br />
„Vielleicht hat er sie!“, sagte Anna.<br />
„Unm&#246;glich!“, entgegnete ich. „Die Dinger sind zu selten! Au&#223;erdem habe ich hier auf dem Flohmarkt noch nie ein tschechisches Buch gesehen.“<br />
„Hab mal den Nachlass von einem Prager Deutschen bekommen!“, sagte Karl. „Der <em>Svejk</em> war das einzige tschechische Buch dabei!“ Das konnte stimmen. Die Prager Deutschen haben f&#252;r den Tschechen <em>Svejk</em> schon immer etwas &#252;brig gehabt! Max Brod hat <em>Svejk</em> in Deutschland bekannt gemacht und verhindert, dass die akademische Literaturkritik das biblische Buch zum M&#252;lltonnenfutter erkl&#228;rte. Weil’s auf seine wunderbar dadaistische Art jede Form von Autorit&#228;t verspottete. Kein Wunder, dass der Monteur Dada Heartfield die <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=78865142&#038;b=1"><em>Svejk</em>-Umschl&#228;ge</a> mit seinen kongenialen Fotomontagen schm&#252;ckte, in denen er sich der Illustrationen eines dritten Genies, des <em>Svejk</em>-Illustrators Josef Lada, bediente. Karl kramte in seinem Lieferwagen und kam mit sechs B&#228;nden zur&#252;ck.<br />
Ich schlug das erste Buch auf. „Gibt’s doch nicht!“, sagte ich. „Das ist wirklich die 10. Ausgabe von 1936!“<br />
Karl streckte die Hand. „Tausend Euro!“, sagte er.<br />
„Flohmarkt ist super!“, sagte Anna.<br />
„Wo sind aber die Umschl&#228;ge von Heartfield?“, fragte ich.<br />
„Schei&#223; auf die Umschl&#228;ge!“, sagte Karl. „1000 Euro!“<br />
„Ohne die Umschl&#228;ge sind die B&#252;cher wertlos!“, sagte ich.<br />
„Wieso?“, fragte Anna. Ich seufzte. Karl guckte mich lange an. Seine Augen strahlten aus seinem Bart wie zwei Leuchtk&#228;fer im Busch. „Bringst du mir aus Prag ein paar Flaschen Gro&#223;popowitzer Bock?“, fragte er.<br />
„Klar!“, sagte ich.<br />
„Ich komme mit!“, sagte Anna. „Muss das Antiquariatsgesch&#228;ft lernen!“<br />
„Um Gottes willen!“, sagte der Kommunist Karl.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek3_kl.jpg" width="177" height="283" alt="" title="" /></div>
<p>„Ich hab mir ein paar Heartfield-Fotomontagen im Netz angeguckt.“, sagte Anna zwei Tage sp&#228;ter. Wir bretterten in meinem Opel gerade an Pilsen vorbei. Anna trug ein kurzes Fr&#252;hlingskleid, und ich musste mich verdammt konzentrieren, um den Schalthebel nicht mit ihrem nackten Knie zu verwechseln. „Verstehe jetzt, warum Heartfield 1933 vor den Nazis in die Tschechoslowakei fl&#252;chten musste“, sagte Anna. „Zum Beispiel die Hitler-Montage: <em>Adolf der &#220;bermensch: Schluckt Gold und redet Blech</em> ist 1932 noch in Deutschland erschienen, kurz bevor Adolf Hitler an die Macht kam: Ein R&#246;ntgenbild von Hitler mit einem Stapel Geldm&#252;nzen statt Speiser&#246;hre.“ Wow! Die Frau lernte flei&#223;ig. Sie meinte es wohl ernst damit, eine Antiquarin zu werden. Schade um den Dachbodenfund.<br />
„Adolf Behne sagte mal &#252;ber Heartfields Fotomontagen, sie seien Fotografie und Dynamit!“, sagte ich. Musste ein bissl mit meinem Wissen protzen, wenn sie schon vom Antiquariat so angetan war. Frauen freuen sich immer, wenn du mehr wei&#223;t als sie. Wenn du M&#228;nner erfreuen willst, musst du dich dagegen d&#252;mmer als sie stellen. „Die Nacht auf Ostermontag 1933 verbrachten Heartfield und seine Frau in einem Lokal in Berlin, weil sie sich nicht mehr nach Hause trauten. Um vier in der Fr&#252;h wollte Heartfield noch schnell ein paar Sachen aus ihrer Wohnung holen, kurz darauf tauchte dort ein Nazi-Trupp auf. Heartfield hat sich nur in Socken und ohne Mantel an ein paar zusammengebundenen Bettlaken vom Gitterfenster runtergelassen und verbrachte den Rest der Nacht im Blechkasten einer ausgedienten Leuchtreklame im Hof, weil das Tor verschlossen war. In seinem Versteck h&#246;rte er, wie die Nazis seine Brecht/Eisler-Schalplatten kaputt schlugen und seine Schnapsflaschen leersoffen. Bis 1938 lebte Heartfield in Prag. Er machte weiter seine Fotomontagen f&#252;r die AIZ – Arbeiter Illustrierte Zeitung -, die jetzt in Prag im Exil erschien, arbeitete aber auch mit etlichen tschechischen Verlagen zusammen. Die meisten seiner Exil-Arbeiten sind selten…“ Und wieder die Internationale aus meiner rechten Hosentasche. Ich steuerte mit der Linken und fummelte mit der Rechten das Handy heraus. Pl&#246;tzlich bremste ein Laster vor uns heftig. Ich warf das Handy Anna in den Scho&#223; und scherte in die linke Spur aus. Uff! Nur eine Baustelle. Anna hatte sich durch das Man&#246;ver nicht aus der Ruhe bringen lassen und wohl inzwischen auf die Handyanzeige geguckt. „Hallo Christof Gr&#246;&#223;l!“, sagte sie.<br />
„Hey!“, sagte ich. „Du nimmst meine Gespr&#228;che ab?“<br />
„Ich soll dir ausrichten, dass Christof nur seine eigene Heartfield-<em>Svejk</em>-Ausgabe hat!“, sagte sie und legte das Handy aufs Armaturenbrett. Ziemlich dominant, die Frau. „Auch ein Antiquar?“, fragte sie.<br />
„Ja!“, sagte ich. „Die tschechischen Heartfield-Arbeiten hat wohl Christof auf dem deutschen Markt bekannt gemacht. Christof hat mal sieben Romane des Prager Verlags Odeon aufgetrieben: Aus der Reihe <em>Schriftsteller aus der Sowjetunion</em>. Die Schutzumschl&#228;ge zu Avdejenkos und Katajevs Romanen waren mit Namenszug von Heartfield versehen, drei andere von tschechischen Graphikern signiert, jedoch stilistisch stark an die Entw&#252;rfe von Heartfield angelehnt. Heartfield hat auch die tschechische Avantgarde beeinflusst. Zwei der Umschl&#228;ge waren ohne Angabe des Gestalters, doch auch bei ihnen hat Christof Heartfield vermutet.“<br />
„Konnten sie auch nicht von tschechischen K&#252;nstlern stammen?“<br />
„Dann w&#228;ren die wohl auch signiert oder die Namen des Urhebers w&#228;ren im Impressum erw&#228;hnt!“, sagte ich. „Wie’s bei den anderen Umschl&#228;ge der Reihe der Fall war!“<br />
„Das gilt doch f&#252;r Heartfields Umschl&#228;ge auch!“<br />
„Die beiden Titel mit anonym gestalteten Schutzumschl&#228;gen sind 1935 erschienen, im Jahr nach der ber&#252;hmten <em>Manes-Aff&#228;re</em>. Der Prager Kunstverein <em>Manes</em> hatte 1934 eine Ausstellung veranstaltet, in der auch Heartfields politische Fotomontagen zu sehen waren, in denen er sich &#252;ber Hitler und die Nazis lustig machte. Nach massivem Druck des NS-Regimes auf die tschechoslowakische Regierung wurden diese aus der Ausstellung entfernt. Christof dachte, dass der Verlag aus Angst vor Repressalien auf die Nennung von Heartfield als Gestalter verzichtete.“<br />
„Mann, oh, Mann!“, sagte Anna. „Das Antiquariat ist eine Wissenschaft! Wo willst du die Heartfield-Umschl&#228;ge in Prag &#252;berhaupt auftreiben?“<br />
„Ich kenne da einen Tomatenh&#228;ndler!“<br />
„Tomatenh&#228;ndler?“<br />
„Tonda! Ein Antiquar aus Prag! Vor etwa zehn Jahren sind Christof und ich bei ihm aufgetaucht. In der Ladenecke standen ein paar Tomatenkisten voll mit B&#252;chern. Dr&#252;ber ein Schild: ‚1 Kilo Buch 80 Kronen!‘“</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek4_kl.jpg" width="185" height="280" alt="" title="" /></div>
<p>Anna lachte. „In einer der Kisten lag ein Stapel von Svejk-Heften. 38 St&#252;ck“, sagte ich. „Alle Hefte hatten auf dem Umschlag die gleiche Fotomontage von Heartfield: Ein Foto mit von Menschen ges&#228;umten Stra&#223;en in Prag, mittendrin eine Svejk-Zeichnung von Josef Lada: Frau M&#252;ller schiebt den von Rheuma gel&#228;hmten Svejk im Rollstuhl zur Einberufungskommission. Der Kr&#252;ppel Svejk will in den Krieg, singt vor Freude, fuchtelt begeistert mit seinen Kr&#252;cken in der Luft und die herumstehenden Prager lachen sich schlapp dabei. Diese Szene hat Svejk von den k. u. k.-Beh&#246;rden eine Anklage wegen des Hochverrats eingebracht.“<br />
„38 Hefte?“, fragte Anna. „Du hast doch gesagt, die <em>Svejk</em>-Ausgabe ist sechsb&#228;ndig!“<br />
„Man hat den Roman auch in Einzellieferungen herausgebracht. 48 Hefte, wenn ich mich richtig erinnere. Alle Hefte mit demselben Umschlag des ersten Bandes der gebundenen Ausgabe. Nur jeweils das erste Heft des jeweiligen Teils trug einen farbigen Umschlag, alle anderen waren schwarzwei&#223;. Und ein Gro&#223;teil dieser Heftausgabe mit dem schwarzwei&#223;en Umschlag des ersten Bandes lagen vor uns in der Tomatentraumkiste, 80 Kronen das Kilo. 38mal der gleich Umschlag von Heartfield, der damals auf dem deutschen Antiquariatsmarkt seltener war als die Gutenberg-Bibel. Ach, was seltener! Dieses Heft hat es bis dahin in Deutschland gar nicht gegeben.“<br />
„Wie viele Kilo waren’s?“<br />
„Etwa anderthalb!“<br />
„Dann habt ihr 38 seltene Umschl&#228;ge von Heartfield f&#252;r vier Euro bekommen!“<br />
„Damals acht Mark!“, sagte ich. „Tonda hat uns ausgelacht, als wir die Hefte aus der Tomatenkiste herauskramten. ‘Was wollt ihr mit dem Schrott?‘, hat er gefragt. ‘Der Svejk ist doch nicht vollst&#228;ndig! Sicher 20 Hefte fehlen!‘ Das hat auf dem deutschen Markt aber keine Rolle gespielt. Wollte ja keiner eine tschechische Svejk-Ausgabe lesen. Jeder Heartfield-Sammler wollte nur den seltenen Umschlag haben. Wir hatten die Hefte einzeln angeboten. Jeden zweiten Tag mussten wir den Preis anheben. Der Umschlag ging weg wie Krapfen im Fasching! Damals hatte ich das Antiquariat noch mit Christof zusammen. Mit 38 gleichen Heartfield-Umschl&#228;gen waren wir die Heartfield-Spezialisten schlechthin!“<br />
„Hmm… ein Tomatenh&#228;ndler, der keine Ahnung von Heartfield hatte?“, fragte Anna. „Wieso glaubst du, dass du von ihm jetzt die sechs farbigen Heartfield-Umschl&#228;ge kriegst!“<br />
„Weil der Tomatenh&#228;ndler seitdem zum gr&#246;&#223;ten Heartfield-Kenner in Mitteleuropa avanciert ist!“, antwortete ich. „Das Antiquariatsgesch&#228;ft ist eine Bildungsmaschine! Kein Professor hat so viel Wissen &#252;ber ein Gebiet, wie ein Antiquar, wenn er einen Katalog macht!“<br />
Tonda hat sich vergr&#246;&#223;ert, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, sowohl laden- als auch k&#246;rperumfangm&#228;&#223;ig. Aber auch was sein know how anging: Die Handbibliothek im hinterstem Zimmer seines Antiquariats am Rand von Prag barg mehr Wissen pro Quadratmeter als die Bibliothek von Alexandria. Lauter handverlesene Bibliographien. Hier w&#252;rde ich mir keine billigen Heartfields mehr schnappen k&#246;nnen. Wenn &#252;berhaupt welche!<br />
„Heartfield?“, fragte Tonda, w&#228;hrend er f&#252;r uns Kaffee kochte. „Die <em>Svejk</em>-Ausgabe? Komplett? Du spinnst! Die ist heutzutage Gold wert!“ Anna guckte mich an und zuckte mitleidig die Schultern. Inmitten dieser ganzen verstaubten B&#252;cher machte das leichte Fr&#252;hlingskleid sie ganz sch&#246;n poetisch – die Fr&#252;hlingsprinzessin im K&#246;nigreich des Altpapiers. Tonda l&#246;ffelte drei Tassen halb voll mit Kaffeepulver &#8211; schwarz wie auf dem H&#246;llenrost ger&#246;stet – goss etwas Wasser dr&#252;ber und reichte uns zwei davon. Anna starrte verdutzt in die schwarze Br&#252;he, in der ein L&#246;ffel stehen konnte. Tja! M&#228;dchen! Zumindest lernst du tschechische Sitten kennen und vergr&#246;&#223;erst damit ein bissl dein Herz – damit ich reinpasse -, wenn wir hier schon keinen Heartfield auftreiben.<br />
„Ich zeige dir was!“, sagte Tonda, stand auf und schlurfte aus dem Hinterzimmer. Anna schlug ein Bein &#252;bers andere. Der untere Rand ihres kurzbunten Kleids rutschte noch n&#228;her an ihre Taille. Ich dachte an „Otvirani studanek“, das tschechische Brunnenfest, das auf Deutsch „Das &#214;ffnen der Brunnen“ hei&#223;t. Der Spruch von Karl zog wie ein schwer bewaffneter Gangster durch meinen Kopf und jagte alle anderen Gedanken davon: Schei&#223; auf die Umschl&#228;ge! Da tauchte aber schon wieder Tonda auf. In den H&#228;nden hielt er eine Tomatenkiste, mit einem Pappschild an der Seite geschm&#252;ckt, auf dem eine gro&#223;e rote Tomate aufgemalt war. Anna guckte mich an. Ein Lachanfall warf uns fast von den St&#252;hlen.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek5_kl.jpg" width="181" height="281" alt="" title="" /></div>
<p>„Hab ich was verpasst?“, brummte Tonda und stellte die Tomatenkiste auf den Tisch. Das Lachen war begr&#252;ndet: In der Kiste lagen die 6 B&#228;nde der gebundenen 10. <em>Svejk</em>-Ausgabe mit den wundersch&#246;nen farbigen Umschl&#228;gen von Heartfield. Daneben die 48 Hefte der Einzellieferungen-Ausgabe, von der Christof und ich damals einen Teil gehabt hatten. Das erste Heft des jeweils einen der sechs Teile auch mit einem farbigen Umschlag. Diese sah ich zum ersten Mal! Ach, was sah! Nicht mal gewusst hatte ich bis dahin davon: Farbige Umschl&#228;ge bei der Heftausgabe? Insgesamt also 12 farbige Heartfield-Umschl&#228;ge neben den &#252;ber 50 gleichen schwarzwei&#223;en. Die Ausgabe der Einzellieferungen durfte man jetzt aber auf keinen Fall auseinandernehmen – es war vielleicht die einzige existierende vollst&#228;ndige Heftausgabe &#252;berhaupt. Die Hefte waren vor dem Krieg ja gemeine Gebrauchsliteratur wie Zeitungen, landeten nach der Lekt&#252;re im Abfalleimer, und kurz nach ihrem Erscheinen fielen die Nazis &#252;ber B&#246;hmen und M&#228;hren her, die den <em>Svejk</em> nicht mochten und Heartfield schon &#252;berhaupt nicht. Mann, oh, Mann! Vor uns in der Tomatenkiste lag alles, was in der Vorkriegstschechoslowakei von Heartfield zu Svejk erschienen war! Der Traum eines jeden Heartfield-Sammlers!<br />
Ich nahm zuerst die gebundene Ausgabe aus der Kiste. Band f&#252;r Band. Die Umschl&#228;ge wie frisch gedruckt. Auch die Hefte hatte noch nie ein Leser in der Hand gehalten. Sammler-St&#252;cke der 1. internationalen Altpapierliga! Antiquarische Top-Ware! „Was kosten die?“, fragte ich, als ich mich vom Schock erholte. Und da nannte Tonda einen Preis, den man f&#252;r die B&#252;cher nicht mal bei Sotheby’s verlangen durfte.<br />
Nichts zu machen. Ich ging nach drau&#223;en und rief Urban an. Die einzige Befriedigung verschaffte mir die Tatsache, dass der Preis auch ihm die Sprache verschlug: „Ist schon Ihre Provision in dem Preis drin?“ Ich seufzte wieder mal und fing an zu verhandeln. Damit Anna und ich uns am Abend im Restaurant Olympia zumindest eine sch&#246;ne b&#246;hmische Ente mit Kraut und Kn&#246;deln leisten konnten.<br />
„Wollen Sie auch die Einzellieferungen?“<br />
„Alles!“, sagte Urban, und ich kaufte.<br />
Die Ente schwamm am sp&#228;ten Abend gem&#252;tlich in unseren B&#228;uchen &#8211; in einem See aus Pilsner Urquell, was uns leider im Hotelbett nur ein m&#252;des Gespr&#228;ch &#252;ber seltene Kinderb&#252;cher erlaubte. Mehr war nicht drin.<br />
Am n&#228;chsten Tag fuhren wir in Nordb&#246;hmen von Antiquariat zu Antiquariat. In den L&#228;den stellte sich Anna ausgesprochen bl&#246;d an. Steuerte immer die langweiligste Regalwand an, kein Gesp&#252;r f&#252;r etwas Wertvolles zeigte sie, keine Schatzsuchersp&#252;rnase. Konnte sie so als Antiquarin &#252;berhaupt &#252;berleben? Auch in einem kleinen St&#228;dtchen an der Elbe nahm sich Anna gleich die Regale mit den tschechischen B&#252;chern vor, sie wollte mir es wohl zeigen und vor mir eine <em>Svejk</em>-Ausgabe mit Heartfield-Umschl&#228;gen aus dem Regal zaubern. Ein Schn&#228;ppchen f&#252;r ein paar Hundert Kronen machen. So was von naiv! „Unter den tschechischen B&#252;chern findest du nichts, Anna!“, sagte ich. „Hier sind tschechische Profi-Antiquare jeden Tag unterwegs!“<br />
„Wie hei&#223;t der Typ noch mal, der den <em>Svejk</em> geschrieben hat!“, rief sie mir zu.<br />
Da blieb mir echt nichts anderes &#252;brig, als wieder zu seufzen. „Jaroslav Hasek!“, rief ich, „mit ‚H‘!“ Ich steuerte das Regal mit den deutschen B&#252;chern an, die sind f&#252;r die tschechischen Kollegen nicht so interessant, zupfte einen von dem Br&#252;nner Avantgarde-Architekten Frantisek Kalivoda wundersch&#246;n gestalteten deutschsprachigen <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=9108785&#038;b=1<br />
">Fotoband <em>Pro&#223;nitz</em></a> vom 1940 heraus – &#252;ber die gleichnamige mittelm&#228;hrische Stadt. In der zweiten Buchreihe lachte mich die deutsche Ausgabe von <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=146555265&#038;b=1"><em>Klapperzahns Wunderelf</em></a> von <a href="http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=166363158&#038;b=1">Eduard Bass</a> aus dem Jahr 1935 an &#8211; mit den h&#252;bschen Illustrationen des tschechischen Kuboexpressionisten Josef Capek, der von den Nazis im KZ Bergen-Belsen umgebracht wurde, aber vor allem mit dem farbigen Vorderdeckelbild von Walter Trier. Ein Beispiel f&#252;r die Zusammenarbeit der tschechischen und der deutschen Avantgarde, ein grandios lustiger Fu&#223;ballroman und ein Muss f&#252;r jeden Trier-Sammler! Ich drehte mich zu Anna. „Komm mal her! Hier spielt die Musik!“ Gerade als Anna die ersten vier <em>Svejk</em>-B&#228;nde aus dem „H“-Regal herausnahm. Sie kam zu mir damit. Die 10. Ausgabe! Mit den Umschl&#228;gen dran! Ich war nicht schockiert wie gestern bei Tonda. Ich war fertig, ich war sprachlos, mein Gehirn feuerte nicht mehr. Ja, musste ich den Depp des Antiquariatshandels spielen, oder was? Den Kaspar f&#252;r die Anf&#228;nger? „Der Trier ist auch ein super Schn&#228;ppchen!“, redete ich mir ein, um mein Ego wieder ein bissl aufzubauen.<br />
„Wie hie&#223; der andere Typ, der die zwei Zusatzb&#228;nde geschrieben hat?“, fragte Anna.</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Hasek6_kl.jpg" width="181" height="287" alt="" title="" /></div>
<p>„Va… Va… Vanek!“, stotterte ich heraus. Mann, oh, Mann! Glaubte sie ernsthaft, auch die zwei seltenen Fortsetzungsb&#228;nde zu finden? Ja, ist sie gr&#246;&#223;enwahnsinnig geworden, oder was? „Die Zusatzb&#228;nde findest du hier sicher nicht!“, stellte ich fest. „Die w&#228;ren sowieso alle beisammen. Als eine <em>Svejk</em>-Ausgabe meine ich. Nicht ein Teil davon unter ‚Hasek‘ und ein Teil unter ‚Vanek‘! Die zwei Vanek-B&#228;nde fehlen meistens! Du hast schon mit den vier B&#228;nden von Hasek einmaliges Gl&#252;ck gehabt!“<br />
„Vanek mit ‚Vau‘?“, fragte Anna und steuerte das „V“-Buchfach an. &#220;ber das ganze Gesicht grinsend zeigte sie mir die restlichen zwei Svejk-B&#228;nde von Vanek. Auch sie waren mit Umschl&#228;gen. Nicht so frisch wie die von Tonda f&#252;r Urban, doch zusammen sicher Zweitausend Euro wert. Anna zahlte f&#252;r die sechs B&#228;nde 340 Kronen, was etwa 14 Euro ausmachte.<br />
Das gerade aufgebl&#252;hte B&#246;hmen war sehr sch&#246;n. Einen ganzen Tag Zeit hatten wir uns f&#252;r die R&#252;ckfahrt nach M&#252;nchen gelassen. Anna spr&#252;hte vor Stimmung! Leider konnte ich vor ihr nicht mehr so angeben wie auf der Hinfahrt. Als Antiquar und Schatzsucher von Gottes Gnaden, meine ich!</p>
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		<title>Mein Kampf</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jan 2011 08:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was seit 1922 dem deutschen Volk als Kunst aufgeschw&#228;tzt worden ist, ist auf dem Gebiet der Malerei ein einziges verkr&#252;ppeltes Gekleckse. &#8230; Man kann der F&#252;gung danken, dass 1933 der Nationalsozialismus an die Macht gekommen ist und mit diesem Kitsch ein f&#252;r allemal Schluss gemacht hat. Bei meinen G&#228;ngen durch Kunstausstellungen habe ich stets r&#252;cksichtslos [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Was seit 1922 dem deutschen Volk als Kunst aufgeschw&#228;tzt worden ist, ist auf dem Gebiet der Malerei ein einziges verkr&#252;ppeltes Gekleckse. &#8230; Man kann der F&#252;gung danken, dass 1933 der Nationalsozialismus an die Macht gekommen ist und mit diesem Kitsch ein f&#252;r allemal Schluss gemacht hat. Bei meinen G&#228;ngen durch Kunstausstellungen habe ich stets r&#252;cksichtslos alles entfernen lassen, was nicht k&#252;nstlerisch einwandfrei war.</p></blockquote>
<p>Adolf Hitler (Nach Henry Picker, <em>Hitlers Tischgespr&#228;che im F&#252;hrerhauptquartier</em>)</p>
<blockquote><p>Man muss systematisch Verwirrung stiften, das setzt Kreativit&#228;t frei.</p></blockquote>
<p>Salvador Dali</p>
<p>Wenn du dein Leben zu Geschichten machst, werden die Geschichten irgendwann zu deinem Leben. Wie die Frau! Sie strahlte… „Sie strahlt Poesie aus“, sagte eine weibliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Sie zeigte auf das 140 Jahre alte Damenportrait in der Vitrine. Doch ich guckte nicht mehr zur&#252;ck zum Foto, ich glotzte zur Abwechslung die Lebendige an: Langes schwarzes Haar, leichtes Blumenkleid. Als w&#228;re sie gerade zur&#252;ck aus Woodstock. <em>With A Little Help From My Friends</em>! Ihr L&#228;cheln baute Br&#252;cken. Aber nur kurz. Sie drehte sich um und trippelte davon. Ameisen krabbelten den Tunnel in meiner Wirbels&#228;ule hinauf. Die Frau hatte genauso ausgesehen wie die auf dem Albuminabzug aus der Fr&#252;hzeit der Photographie! Eine 170 Jahre alte Frau? Die Poesie ausstrahlte? Mit einem lebendigen Abbild einer sch&#246;nen alten Zeit? Wo kannst du heutzutage eine solche Frau finden? Weg war sie! Die Poesie verflog. Im Museum brummten wieder nur die Ventilatoren ihre neusachlichen Ges&#228;nge.<br />
<span id="more-4855"></span><br />
<object width="480" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/uQYDvQ1HH-E?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/uQYDvQ1HH-E?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="480" height="385"></embed></object></p>
<div align="center">*</div>
<p>Die K&#252;che duftete nach Aprikosen. Der Tee in der Kanne nahm langsam seine orangegelbe Farbe an. Noch 30 Sekunden zur Vollendung. Die Scherben meiner kaputten Teetasse lagen auf dem K&#252;chenboden – „wie die Scherben meines Lebens“ k&#246;nnte ich glatt schreiben, aber ich lasse das. Karin war weg, zur&#252;ck in ihrer Heimat Niederbayern, samt ihrer h&#252;bschen Tassen aus Hutschenreuther Porzellan, und ich machte mir Gedanken &#252;ber das Wesen der Kunst. Woraus trinke ich jetzt meinen Tee, verdammt? Bin nun mal ein Formalist! F&#252;r Banausen wie mich ist der Tee nicht so wichtig wie seine Tasse!<br />
Von meiner Kunstmisere unbeeindruckt badete der anbrechende Samstag weiter im Duft der Aprikosen, den mein gr&#252;ner Tee verstr&#246;mte. Die Chinesen, diese Genie&#223;er, lassen wohl den Tee unter Aprikosenstr&#228;uchern wachsen. Aprikosen! Kunst und Abenteuer! Mhmm!.. Ich holte meine Sonntagstasse aus dem K&#252;chenschrank: <em>Die Versuchung des Heiligen Antonius</em>. Die habe ich von meiner Mutter geerbt. „An Antonius solltest du dir ein Beispiel nehmen!“, hatte meine Mutter &#246;fter gesagt und dabei auf das Bildchen auf der Tasse geklopft. Im Gegensatz zu mir habe Antonius der Versuchung zur Unzucht widerstanden! So konnte ich jetzt mit einem Heiligenschein im Mund meinen Tee trinken. Vor mir auf dem K&#252;chentisch lag faul die Avantgarde.
<div class="bildlinks"><a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=Goltz&#038;title=Zehn+Jahre+Neue+Kunst+in+M%FCnchen"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/goltz.jpg" width="170" height="250" alt="Goltz Katalog" title="Goltz Katalog" /></a></div>
<p>Meine Flohmarktausbeute vom gestrigen Freitag: <em>Zehn Jahre Neue Kunst in M&#252;nchen</em>, der Katalog der Jubil&#228;umsaustellung des Verlegers und Galleristen Hans Goltz aus dem Jahr 1923: Grosz, Schwitters, Kandinsky&#8230; Bei der Gelegenheit dieser Jubil&#228;umsaustellung hatte Goebels in seinem <em>V&#246;lkischen Beobachter</em> Goltz‘ <em>Neu Kunst</em> als eine „Geistesseuche“ bezeichnet, „Kunstpest“! Jetzt f&#252;llen Goebels Tr&#228;ume die M&#252;lltonnen und die von Goltz Museen.<br />
Uff, ein Tropfen Tee aus meiner Heiliger-Antonius-Tasse formte ein Fraktalmuster auf der Tischplatte. Bevor die katholisch-taoistische Br&#252;he die Avantgarde bekleckern w&#252;rde, klappte ich die Broschur zu. Hinter dem K&#252;chenfenster herrschte noch die Nacht. Doch der Mond lachte breit, und der Tee schmeckte dank Antonius nahezu unfreiwillig komisch.</p>
<div align="center">*</div>
<p>Obwohl’s noch dunkel war, f&#252;llte der warme Samstag den Flohmarkt bis zur letzten Ecke. Der Parkplatz prall voll. Ich schl&#252;pfte durch die L&#252;cke im Drahtzaun von hinten hinein und st&#252;rzte mich auf die ersten Kisten. „Du leuchtest wie ein Irrlicht!“, sagte der Flohmarkth&#228;ndler.<br />
„Ah, du bist’s, Karl!“, sagte ich. „Warum stehst du nicht an deinem angestammten Platz?“<br />
„Revolution!“, sagte er. Karl tr&#228;gt einen breiten Bart, ein gro&#223;es Holzkreuz auf der Brust, ist aber ein alter Kommunist. So ist das in Bayern nun mal.<br />
„Hast du f&#252;r mich etwas linke Propaganda?“, fragte ich. Vor ein paar Wochen hatte ich von Karl ein h&#252;bsches Heft &#252;ber die M&#252;nchner R&#228;terepublik gekauft. Etwas br&#252;chig, aber selten.<br />
„Ihr Kapitalisten wollt nur alte kommunistische B&#252;cher haben!“, sagte Karl. „Wei&#223;t du &#252;berhaupt warum?“<br />
„Warum denn?“<br />
„Na, weil die Kapitalisten jetzt auch den Kommunisten die Themen klauen wollen! Zuerst haben die Kapitalisten die Gr&#252;nen vereinnahmt, jetzt sind die Kommunisten dran. Marx hat doch gesagt, ‚Proletarier aller L&#228;nder vereinigt euch!‘ Wer hat uns aber erst richtig globalisiert?“<br />
„Die Kapitalisten!“, sagte ich.<br />
„Das ist aber noch nicht alles! Marx hat im <em>Kapital </em>geschrieben: Wenn die Banken vom Staat unterst&#252;tzt werden, befinden wir uns im Kommunismus. Sind wir jetzt nicht soweit?.. Hmm… mit deiner Lampe wirst du in den neuen Zeiten aber keinen langen Schatten werfen!“<br />
„Halogenlicht!“, sagte ich. „Spart Energie! Die Taschenlampe hat 20 Euro gekostet.“<br />
„Und siehst du was?“<br />
„N&#246;!“, sagte ich.<br />
„Das sind die Auswirkungen des gr&#252;nen Kapitalismus“, sagte Karl. „Da! Nimm meine Polizeitaschenlampe!“<br />
„Was kostet die?“<br />
„Zehn Euro!“ Hurra! Mein erstes Schn&#228;ppchen heute. Eine Polizeitaschenlampe. Ich versuchte, mich weiter von Stand zu Stand, von Kiste zu Kiste, ins Gl&#252;ck zu w&#252;hlen: Die Blauen B&#252;cher, Deutsche Buchgemeinschaft, Rudolf Herzog, Gustav Freytag… W&#252;rdet Ihr euch einen Roman von Gustav Freytag ins Buchregal stellen? Nein? Vor hundert Jahren ging Freytag weg wie Freibier! Ich war schon kurz davor, eine Werbebroschur des Ostseebads Kellenhusen zu kaufen. Der bunte Umschlag war der Hammer! Wie von Georg Schrimpf gemalt. Nur h&#228;tte der alte Anarchist und Kommunist Schrimpf wohl nicht das Hakenkreuz auf die Strandflagge geklackst. „Ups!“, sagte die Flohmarktdame in einem tollen Dirndl. „Das Heft ist noch von Opa! Ist irgendwie reingerutscht. Ich schmei&#223;e das weg!“<br />
„Sicher kauft’s jemand!“, sagte ich.<br />
„Das ist aber verboten!“ Sie zeigte auf das Hakenkreuz.<br />
„Ist doch nur eine Kritzelei auf einem St&#252;ck Papier!“, sagte ich.<br />
„Ich nehme das!“ Jemand hinter mir schnappte nach der Hakenkreuz-Broschur!<br />
„Hallo, Wotan!“, sagte ich.<br />
„Ich hei&#223;e Hans!“, sagte Hans unwirsch. Wir kennen uns, seit ich vor 25 Jahren als Werkstudent in einer Lackiererei gearbeitete hatte, in der Hans fest angestellt war. Obwohl genug Farben zur Auswahl, hatte Hans schon damals alles nur braun gestrichen. Bevor Hans redselig w&#252;rde, lief ich weiter.<br />
Aah! Alte Fotos! Auf Karton aufgezogene Portraits. Fr&#252;her hatte ich gar nicht so nach alten Portraitfotos geguckt. Erst seit meinem Besuch vor zwei Wochen im Museum. Als ob es auf Erden noch eine Aufnahme dieser sch&#246;nen, poetischen Dame aus der Zeit um 1870 g&#228;be. Eine liegt ja bereits in einer Museumsvitrine. Wahrscheinlicher w&#228;re es wohl, ihr lebendiges Abbild zu finden, die Frau, die mir im Museum so schnell davonlief. Fotos gibt’s ja auf der Welt wie Sand am Meer, Frauen nur etwa drei Milliarden. Mann, oh, Mann! Kennt Ihr das Gef&#252;hl, etwas verloren zu haben, bevor Ihr’s gefunden habt? Nein? Komisch!</p>
<p>Also weiter geht&#8217;s. Die B&#252;cher dr&#228;ngten immer mehr ans Licht. Der Samstag brach endg&#252;ltig an. Ich steckte die Polizeitaschenlampe in den Rucksack. Holla! Was war das? Mein Blick wurde von drei alten B&#228;nden in einer Kiste mit lauter Lustigen Taschenb&#252;chern angezogen. Und wieder eine Entt&#228;uschung! Der Tag heute stand wohl im Zeichen des Todes der deutschen Avantgarde. Drei fr&#252;he Ausgaben von Hitlers <em>Mein Kampf</em>. „Ein Euro f&#252;nfzig pro Buch!“, sagte eine Frauenstimme.<br />
Ich drehte mich um. „He?“, fragte ich schockiert.<br />
„Na, ein Euro f&#252;nfzig pro Buch!“, sagte sie und f&#252;gte leicht verunsichert hinzu: „Ist das zu viel?“<br />
„Nee!“, stotterte ich. „Eher zu wenig!“ Ich legte die B&#252;cher in die Kiste zur&#252;ck, doch starrte sie weiter an. Nicht &#252;ber den niedrigen Preis der drei Ausgaben von Hitler-Erg&#252;ssen war ich schockiert! N&#246;!<br />
„Zu wenig?“, fragte sie verdutzt.<br />
Oh! Vielleicht sollte ich den Schwachsinn doch kaufen. Das w&#228;re ja kein schlechter Anfang, um zusammenzukommen. Zu sp&#228;t! Wotan – pardon – Hans st&#252;rzte sich auf die Kiste wie ein Werwolf und zog die drei <em>Mein Kampf</em>-Schn&#228;ppchen heraus. „Was kosten die B&#252;cher?“, erkundigte er sich betont gelangweilt. Doch wenn Hans Desinteresse vort&#228;uscht, dann m&#246;chte gleich jeder Verk&#228;ufer eine Armee auffahren, um seine Ware zu sch&#252;tzen. Nur die schwarzhaarige Flohmarkth&#228;ndlerin nicht. Sie guckte mich an, kr&#228;uselte entschuldigend ihren poetischen Mund, drehte sich zu Hans und sagte: „Eins f&#252;nfzig pro Buch!“ Zum Gl&#252;ck verschluckte sie das „eins“ etwas.<br />
„Was?“, fragte Hans.<br />
Und ich hatte zum Gl&#252;ck meine Sprache wieder gewonnen. „Na, f&#252;nfzig Euro pro Buch!“, sagte ich. „Hast du dir heute nicht die Ohren gewaschen?“<br />
„He?“, fragte jetzt zur Abwechslung die Flohmarkth&#228;ndlerin. Hans motzte etwas rum, bl&#228;tterte ihr aber die hundertf&#252;nfzig Euro hin, packte die schmuddeligen B&#228;nde und lief davon. Die Frau guckte weiter unglaublich die drei F&#252;nfziger in ihren H&#228;nden an. „Da kann ich f&#252;r heute Schluss machen und Hendl grillen!“, sagte sie. Humor hatte sie also auch.<br />
„Wir kennen uns!“, sagte ich.<br />
„Die Anmache mit den drei F&#252;nfzigern war origineller!“, sagte sie.<br />
„Nee!“, sagte ich. „Wir haben uns …“ Doch sie h&#246;rte mir nicht zu, immer noch im Bann ihres Verkaufs.<br />
„Kann man mit Hitler so viel Geld verdienen?“, fragte sie.<br />
„Du bist wohl Anf&#228;ngerin auf dem Flohmarkt, oder?“, fragte ich.<br />
„Ich habe auf dem Land das Haus von meiner Oma geerbt.“, sagte sie. „Das Haus ist nicht viel wert, aber voll mit altem Krempel. Also hab ich mir gedacht, ich kann auf dem Flohmarkt ein bisschen was dazu verdienen. Ich habe Germanistik studiert.“ Deswegen hatte sie also Hitler als Schriftsteller nicht gesch&#228;tzt. Wer S&#228;tze schreibt, wie „Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur weniges hinzulernen m&#252;ssen, zu &#228;ndern brauchte ich nichts.“, sagt nur, wie dummdreist er eigentlich ist und bleiben will.<br />
„Dein Freund ist ein H&#228;ndler, oder?“, fragte sie. „So wie du!“<br />
„Mein Freund?.. Nein!“, wollte ich emp&#246;rt rufen. Aber Schei&#223;e! Sie hatte Recht! Ich bin ein H&#228;ndler!<br />
„Darf er die B&#252;cher weiter verkaufen? Ist der Verkauf von <em>Mein Kampf</em> in Deutschland nicht verboten?“<br />
„Na, du hattest auch keine Angst, das Zeug zu verkaufen“, sagte ich.<br />
„Ich bin mutig!“, sagte sie und lachte.<br />
„Eigentlich ist <em>Mein Kampf</em> nicht verboten“, sagte ich. „Nur besitzt der bayerische Staat die Rechte an dem Buch und erlaubt keine Neuausgabe. Na, ja, der antiquarische Handel damit wird auch nicht gern gesehen. Schon Hitler hat verboten, <em>Mein Kampf</em> antiquarisch zu verkaufen. Im Dritten Reich haben die deutschen Standes&#228;mter den Brautpaaren auf Kosten des Staates anstatt der Bibel <em>Mein Kampf</em> geschenkt. Und damit Hitler und sein Verlag nicht zu kurz kommen, hat Hitler den antiquarischen Handel mit <em>Mein Kampf</em> verboten. Hitler war ja ein armer Schlucker, er musste erst das Dritte Reich um seine Millionen prellen!“</p>
<div class="bildrechts"><img width="212" height="164" title="Flohmarkt" alt="Flohmarkt" src="http://blog.zvab.com/wp-content/flohmarkt2.jpg"></div>
<p>„Bist du Tscheche?“, fragte sie.<br />
„Berufstscheche!“, sagte ich. „In Tschechien wird mir der Nazim&#252;ll tonnenweise angeboten. Einmal konnte aber auch ich nicht widerstehen: Habe von einem Nachkommen des tschechischen G&#228;rtners von Reinhard Heydrich einen gro&#223;en Andree-Atlanten gekauft! Auf den Schmutztitel hatte Heinrich Himmler f&#252;r Heydrich eigenh&#228;ndig eine ganzseitige Widmung geschrieben: In gr&#246;&#223;enwahnsinnigen Buchstaben. Jeder Buchstabe wie der Tod – fett, schwarz und gro&#223;. ‚Die drei L&#246;cher im Deckel hat ein russischer Soldat mit seinem Bajonett gestochen!‘, sagte mir der tschechische Verk&#228;ufer. ‚Vor lauter Wut dar&#252;ber, dass er auf Heydrichs tschechischem Herrschaftssitz niemanden mehr aus Heydrichs Familie gefunden hatte.‘ Wegen der Geschichte mit dem Bajonett hab ich das Ding gekauft und bei einer Militaria-Auktion eingeliefert. Bevor ich dem Auktionsgutachter zu dem Atlanten etwas sagen konnte, hatte er sich die L&#246;cher im Einband angeguckt und gesagt: „Ah! Russisches Bajonett!“ Manche Typen kennen sich halt aus.<br />
„Wieso verbrennen das die Tschechen nicht?“, fragte sie. „Sie wurden ja von den Nazis okkupiert!“<br />
„Geld verbrennt man nicht!“, sagte ich. „Die Tschechen haben vor einem Hakenkreuz viel weniger Angst als die Deutschen.“<br />
„Wer wenig Angst hat, der hat auch wenig Respekt!“, sagte sie.<br />
„Ich verstehe mich super mit dir!“, sagte ich. Sie lachte, und ich f&#252;gte hinzu: „Wohl hat Hitler den Deutschen mehr geschadet als den Tschechen.“<br />
„Ups!“, sagte sie. „Darf man so was &#252;berhaupt sagen?“<br />
„Ich schon!“, sagte ich. „Ich bin ja Tscheche! Hei&#223;t du Anna?“<br />
„Bist du ein tschechischer Hellseher?“<br />
„Ein tschechischer Sherlock Holmes!“, antwortete ich und hob einen alten Schulranzen mit einem Namensschildchen hoch, der unter ihrem Tapeziertisch lag. Sie schaute pl&#246;tzlich nicht nur ganz nostalgisch aus, sie guckte auch so. „Dann bis zum n&#228;chsten Samstag!“, sagte sie.<br />
Und pl&#246;tzlich f&#252;hlte ich etwas, das ich noch nie im Leben gef&#252;hlt hatte: Ich habe Zeit! „Ciao!“ Ich lief noch ein bisschen auf dem Flohmarkt rum, doch kaufte nichts. Echt &#252;bel, dass mich Anna nicht erkannt hatte. Seit unserer Begegnung im Museum waren doch gerade mal zwei Wochen vergangen. Sehe ich so uninteressant aus, dass sich eine Frau an mich &#252;berhaupt nicht erinnert? Vielleicht w&#252;rde sie mir n&#228;chste Woche sagen, warum sie der Frau auf dem Foto im Museum so &#228;hnlich ist. Ich stieg in mein Auto. Hmm… keine Schn&#228;ppchen heute. Oder doch? Eine Frau aus den alten Zeiten. Sch&#246;n wie ein Fortsetzungsroman!</p>
<p>Jaromir Konecny auf <a href="http://www.facebook.com/pages/Jaromir-Konecny/186734381337103"><strong>Facebook</strong></a><span style="border: 1px solid yellow; padding: 1px; margin-left: 5px; font-size: 10px; font-weight: bold; color: red; background-color: yellow; -moz-border-radius: 3px 3px 3px 3px;">neu</span></p>
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		<title>Letzte Worte</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 11:13:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Brendan Behan]]></category>
		<category><![CDATA[einstein]]></category>
		<category><![CDATA[Goethe]]></category>
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		<category><![CDATA[Letzte Worte]]></category>
		<category><![CDATA[Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry Slam]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal ruft mich sogar der WDR an: „Jaromir!“, sagte die Stimme am Telefon. „M&#246;chtest du bei unserem Poetry Slam auftreten? Thematisch geht’s um letzte Worte!“ „Die bring ich st&#228;ndig!“, sagte ich, um Wissen vorzut&#228;uschen, auch wenn ein normaler Deutscher bei einem Tschechen wie mir gar nicht so viel Wissen erwartet. Erst Wikipedia kl&#228;rte mich auf. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Brendan_Behan_NYWTS.jpg" width="176" height="220" alt="Brendan Behan" title="Brendan Behan" /></div>
<p>Manchmal ruft mich sogar der WDR an: „Jaromir!“, sagte die Stimme am Telefon. „M&#246;chtest du bei unserem Poetry Slam auftreten? Thematisch geht’s um letzte Worte!“</p>
<p>„Die bring ich st&#228;ndig!“, sagte ich, um Wissen vorzut&#228;uschen, auch wenn ein normaler Deutscher bei einem Tschechen wie mir gar nicht so viel Wissen erwartet.</p>
<p>Erst Wikipedia kl&#228;rte mich auf. Unter den letzten Worten versteht man das, was ein Mensch im Angesicht des Todes der Nachwelt als Quintessenz seines Lebens hinterl&#228;sst. Humphrey Bogart zum Beispiel sagte, bevor er starb: „Ich h&#228;tte nicht von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“ Oder der irische Dramatiker Brendan Behan. Der sagte vor seinem Tod zu der Nonne, die ihn pflegte: „Gott segne Sie, Schwester. M&#246;gen alle Ihre S&#246;hne Bisch&#246;fe werden.“<br />
<span id="more-4470"></span><br />
Kluge Leute bringen’s im letzten Augenblick sch&#246;n auf den Punkt: „Ich f&#252;hle mich nicht gut“, sagte der US-amerikanische Pflanzenz&#252;chter Luther Burbank. Besonders sympathisch sind mir Dichter, die auch aus ihrem Tod ein Gedicht machen: „Vorsicht, bitte!“, hatte Egon Friedell gesagt, bevor er aus dem Fenster sprang. Manch einer hat aber auch in der Sekunde seines Todes keine Ahnung: „Noch lebe ich“, sagte Caligula und wurde prompt ermordet. Nicht jeder ist im Sterben so geistreich wie Heinrich Heine, der sagte: „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Beruf.“ Andere Dichter halten sich bei ihrem letzten Spruch einfach weiter an die wichtigen Sachen im Leben. „Ich hatte achtzehn volle Whiskys“, sagte Dylan Thomas“, ich denke, das ist Rekord.“ Und diesen hat er dann nicht mehr getoppt.</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Luther_by_Lucas_Cranach.jpg" width="180" height="263" alt="" title="" /></div>
<p>Die bekanntesten letzten Worte stammen wohl von Jesus. „Vater, in deine H&#228;nde lege ich meinen Geist“, soll Jesus gesagt haben. Das war damals ziemlich originell, doch seitdem hat man um Jesus bekannteweise einen gewaltigen Personenkult aufgebaut. Bald wollte jeder vor seinem Tod wie Jesus daherreden: „In deine H&#228;nde, Vater, befehle ich meinen Geist“, sagte Karl der Gro&#223;e im Jahre 814. Aber auch Martin Luther scheute nicht vor diesem Plagiat: „Vater, in Deine H&#228;nde befehle ich meinen Geist, du hast mich erl&#246;st, du treuer Gott“; sagte Luther und starb.</p>
<p>Dieser &#252;blen Copyrightverletzung wollte Karl Marx Einhalt bieten und scheuchte die Letzte-Worte-Aufschreiber von seinem Todesbett: „Hinaus!“, sagte Marx. „Letzte Worte sind f&#252;r Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“</p>
<p>Ein ber&#252;hmter Mensch muss nun mal mit seinen letzten Worten den richtigen Punkt hinter sein Leben setzen. Deswegen sagte Einstein im Sterben etwas so Kompliziertes, dass es die ihn pflegende Krankenschwester gar nicht verstehen und somit nicht aufschreiben konnte und wir &#8211; die restlichen Sterblichen &#8211; uns dar&#252;ber jetzt nicht den Kopf zerbrechen m&#252;ssen. Vor Einstein starb man zu Hause bei seiner Familie, die die letzten Worte f&#252;r die &#214;ffentlichkeit bewahren konnte. Jetzt stirbt man im Krankenhaus, zwischen Apparaten und gehetzten Krankenschwestern, die einfach keine Zeit haben, deinen gro&#223;artigen letzten Spruch aufzuschreiben. Das finde ich gar nicht komisch! Manch einer bastelt das ganze Leben lang an seinen letzten Worten rum, und keine Sau schreibt sie auf! Aus diesem Grund pfeifen heutzutage viele ber&#252;hmte Leute auf ihre letzten Worte, sie sterben einfach, ohne ein Sterbensw&#246;rtchen gesagt zu haben!</p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Moses_Wolff.jpg" width="220" height="165" alt="Moses Wolff" title="Moses Wolff" /><br /><small>Moses Wolff</small></div>
<p>Zum Gl&#252;ck muss ich mir &#252;ber meine letzten Worte keine gro&#223;en Gedanken machen, ich bin nicht ber&#252;hmt, und werde’s wohl bis zu meinem Tod auch nicht werden, so wie ich mich anstelle. Bl&#246;d w&#228;re’s nur, wenn man mich nach meinem Tod ber&#252;hmt machen w&#252;rde. In diesem unglaublichen Leben, das der Tod mit anderen Mitteln fortsetzt, ist ja alles m&#246;glich. Oh, Gott! Was mache ich, wenn ich tot bin wie William Shakespeare und pl&#246;tzlich ber&#252;hmt wie Wladimir Kaminer, doch ohne ein paar deftige letzte Worte der Nachwelt hinterlassen zu haben? Warum wird das mit den letzten Worten nicht ordentlich geregelt, verdammt? In Deutschland gibt’s f&#252;r alles ein Gesetz, nur f&#252;r die letzten Worte nicht. Ich rief Moses Wolff an. Moses ist als Wildbach-Toni bei YouTube und Titanic-Online hinreichend ber&#252;hmt, in M&#252;nchen sogar ber&#252;hmter als unser Oberb&#252;rgermeister Ude und verdient Geld ohne Ende deswegen. Moses wird Bescheid wissen.</p>
<p>„Freili wird’s mit den letzten Worten geregelt!“, sagte Moses am Telefon. „Jeder ber&#252;hmte Mensch in Deutschland bekommt mit 30 vom Kultusministerium einen Brief mit der Aufforderung, sich seine letzten Worte zu &#252;berlegen. Die musst du dem Kultusministerium dann zur Bewilligung vorlegen. Seit Bertolt Brecht im Sterben gesagt hat, ‚lasst mich in Ruhe!“, will man bei den letzten Worten kein Risiko mehr eingehen!</p>
<p>„Klar!“, sagte ich. „Ein deutscher Intellektueller sollte vor seinem Tod etwas Tiefsinniges sagen!“</p>
<p>„Freili!“, sagte Moses. „Deswegen hat das Ministerium Mario Barth aufgefordert, mit seinen letzten Worten einen Lohnschreiber zu beauftragen. Dieter Bohlen will vor seinem Tod, ‚letztes casting, baby’, sagen, dann eine tiefsinnige Pause einlegen und erst dann sterben. Auch wegen dieses Spruchs hat das Kultusministerium gemotzt, aber am Ende war man sich einig, dass etwas Tiefsinnigeres unglaubw&#252;rdig w&#228;re.“</p>
<p>„Ich hatte keinen Brief bekommen“, sagte ich.</p>
<p>„Freili!“, sagte Moses. „Du bist ja Tscheche! Au&#223;erdem wirst du bei deinem Tod so viel Stress machen und alle volllabern, die um dein Sterbebett herumstehen, dass keiner checkt, was deine letzten Worte eigentlich waren!“</p>
<p>„Hast du dir schon deine letzten Worte zurechtgelegt?“, fragte ich.</p>
<p>„Freili!“, sagte Moses. „Fere ouzo kai pame!“</p>
<p>Mosi ist zwar ein waschechter M&#252;nchner, was er zu Zeiten des Oktoberfestes mit seinem Bierpegel zu gen&#252;ge beweist, doch seine romantische Seele macht ihn auch zu einem gro&#223;en Griechen. Letzte Worte auf Griechisch also? Hmm… „Was bedeutet der Spruch?“, fragte ich.</p>
<p>„Bring Ouzo und geh’ma!“</p>
<p>„Ich bring den Ouzo an dein Sterbebett!“, sagte ich.</p>
<p>„Du stirbst fr&#252;her!“, sagte Moses. „Du lebst zu gesund!</p>
<p>Ich versuchte zu recherchieren, ob das mit dem Brief vom Kultusministerium stimmt. Dabei habe ich in alten Quellen die letzten Worte von Goethe entdeckt: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“ Ein Spruch voller Alltagspoesie also. Doch in den neuen Sammlungen der letzten Worte stand bei Goethe nur: „Mehr Licht!“ Eine bedeutungsschwangere und Tiefsinn vorspielende Abk&#252;rzung von Goethes echten letzten Worten. Das mit dem Fensterladen war zu profan, also weg damit. Jetzt hatte ich’s Schwarz auf Wei&#223;: Das Kultusministerium verf&#228;lschte letzte Worte gro&#223;er Deutscher, damit sie tiefsinniger werden! Damit wir trotz Mario Barth und Dieter Bohlen ein Volk der Dichter und Denker bleiben. </p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Lenny_Bruce.gif" width="121" height="150" alt="Lenny Bruce" title="Lenny Bruce" /></div>
<p>Um’s dem Kultusministerium zu zeigen, wollte ich in meiner Geschichte f&#252;r den WDR-Poetry-Slam knallharte letzte Worte unterbringen, etwas so Profanes, dass sich jeder tiefsinnige Mensch daf&#252;r sch&#228;men w&#252;rde. Den amerikanischen Stand-Up-Comedien Lenny Bruce hatte mal ein Journalist gefragt, warum seine Witze so unter die G&#252;rtellinie gehen. „Wenn Sie am menschlichen K&#246;rper etwas anekelt“, antwortete darauf Lenny Bruce, „beschweren sie sich beim Hersteller.“ Leider hat sich Lenny dann ziemlich schnell zu Tode gedopt. Seine letzten Worte wird aber kein noch so tiefsinniger Intellektueller &#252;bertreffen: „Do you know where I can get any shit?“ („Wei&#223;t du, wo ich etwas Marihuana herbekommen kann?“) Und so beendete ich damit auch meine Geschichte <em><a href="http://blog.zvab.com/2009/12/07/die-suesse-tuete-des-vergessens/">Die s&#252;&#223;e T&#252;te des Vergessens</a></em> f&#252;r den WDR-Poetry-Slam. Leider waren diese letzten Worte von Lenny Bruce so unglaublich, dass sie mir keiner abnahm. „Du hast dich nicht an die Vorgaben gehalten!“, sagte mir ein Jurymitglied. „Deine Geschichte hatte &#252;berhaupt nichts mit letzten Worten zu tun.</p>
<p>„Doch, doch!“, beteuerte ich, und wollte das mit Lenny Bruce erkl&#228;ren, aber keiner h&#246;rte mir zu. So ist es nun mal mit den letzten Worten heutzutage. Die Jury gab mir die niedrigste Punktzahl von allen Auftretenden, ich solle froh sein, dass ich nicht disqualifiziert wurde.</p>
<p>Jetzt muss ich halt abwarten, ob jemand zumindest meinen eigenen letzten Worten zuh&#246;rt. Die habe ich mir zur Sicherheit doch zurechtgelegt. Etwas noch Unglaublicheres als die letzten Worte von Moses Wolff oder Lenny Bruce. Klar kann ich Euch meine letzten Worte jetzt nicht verraten. Dann w&#228;ren’s ja keine letzten Worte mehr</p>
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		<title>Sex auf Distanz</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Aug 2010 10:04:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
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		<description><![CDATA[„Ich war ein verlogenes Kind, das kam vom Lesen“, schrieb Isaak Babel. Klar ist &#252;bersprudelnde Phantasie auch eine schwere Last f&#252;r den Fabulierer, bis er sich f&#252;r seine L&#252;gnereien ein h&#252;bsches Alibi zurechtgelegt hat &#8211; man schreibt einen Roman! Ab da ist man nicht mehr L&#252;gner, man ist der Herr Schriftsteller. Das gelingt nicht jedem. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Ich war ein verlogenes Kind, das kam vom Lesen“, schrieb Isaak Babel. Klar ist &#252;bersprudelnde Phantasie auch eine schwere Last f&#252;r den Fabulierer, bis er sich f&#252;r seine L&#252;gnereien ein h&#252;bsches Alibi zurechtgelegt hat &#8211; man schreibt einen Roman! Ab da ist man nicht mehr L&#252;gner, man ist der Herr Schriftsteller. Das gelingt nicht jedem. Die meisten Bafler werden keine Schriftsteller, sie m&#252;ssen sich weiter direkt von Mensch zu Mensch in ihren Weltrausch reden und nicht in einem Roman, sie brauchen den Zauber der direkten Rede. Wenn du einen Bafler in der Kneipe triffst, erz&#228;hlt er dir gleich unb&#228;ndig Geschichten, in denen er alles verdreht und ma&#223;los &#252;bertreibt. Der Bafler will deine Burg aus anerzogener Distanz st&#252;rmen, dich ganz f&#252;r seine Geschichte einnehmen! Der Bafler sucht „K&#246;rpern&#228;he“, m&#246;chte dich zum Schwitzen bringen. Ein L&#252;gner will dich betr&#252;gen, um f&#252;r sich irgendwelche Vorteile zu ergattern, ein Bafler will dich staunen lassen. Und aus dem Staunen kommt die Freude! Ein Bafler begl&#252;ckt dich also. Zum Beispiel mein Freund Pepino in M&#228;hren, der mal erz&#228;hlte, wie er den <a href="http://blog.zvab.com/2008/07/14/wer-ist-hier-der-schriftsteller-verdammt/">Hamster</a> seiner Freundin aus dem 9. Stock eines Plattenbaus mit einem kleinen Fallschirm habe runter springen lassen.<br />
<span id="more-4422"></span></p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/th_mann_1937.jpg" alt="" title="" width="142" height="126" /></div>
<p>Wenn ein Bafler seine poetisch humorigen Welten in meinem Kopf baut, h&#246;re ich ihm atemlos zu, viel mehr als einem „richtigen“ Schriftsteller, der auf einem Rei&#223;brett stilsichere S&#228;tze zu bilden vermag, um die eigenen D&#228;monen in Schach halten. Thomas Mann kann in seinem <em>Zauberberg</em> seitenlange Schmuckst&#252;cke &#252;ber das Aufh&#228;ngen von Vorh&#228;ngen zusammen klopfen, bis sich Literaturkritiker aus diesen kalten Worten ein Iglu bauen, in das sie sich f&#252;r immer verkriechen &#8211; mir fehlt in den blutleeren ausgefeilten S&#228;tzen einfach der Mensch! Von mir aus war Thomas Mann auch ein gro&#223;er Schriftsteller oder besser gesagt, ein gro&#223;er Stilist, wie Alfred D&#246;blin &#252;ber ihn mal spottete, aber kein Fall f&#252;r mich. Thomas Mann war’s wichtiger, sein wahres Menschsein zu verbergen, als ein saftig menschelndes Buch zu schreiben &#8211; ein Mann der Distanz. Hans Castorp im <em>Zauberberg</em> ist f&#252;r mich ein verklemmter Held von einem verklemmten Autor in die Welt gesetzt. Klar spielt sich auch hier die absurd menschliche Kom&#246;die ab. W&#252;rde sich Thomas Mann dar&#252;ber freuen, dass jetzt seine m&#252;hsam versteckten homoerotischen Neigungen von den Literaturpsychologen unter die psychoanalytische Lupe genommen werden?</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/Dostojewski_1872.kl.jpg" alt="" title="" width="144" height="180" /></div>
<p>Was f&#252;r eine herrlich menschliche Gestalt dagegen Dostojewskij mit seinem General Iwolgin erschuf, dem notorischen L&#252;gner in <em>Der Idiot</em>! Dostojewskij schickte seine eigenen D&#228;monen furchtlos in die Werkstatt seiner Phantasie, damit sie uns in seinen Romanen zeigen: So bin ich, und so bist du! Dostojewskij ging’s nicht darum, sich vor uns zu verstecken, ihm war seine Geschichte viel wichtiger als die eigene Eitelkeit. „Ein gro&#223;er Schriftsteller muss Exhibitionist sein“, sagte Dostojewskij mal.</p>
<p>Irgendwie passt die kalte Literaturkirche des Thomas Mann, die f&#252;r uns die Germanistik aufgebaut hat, zu unserer jetzigen entmenschlichten Medienwelt: Kunst auf Distanz als Programm! Romane voll mit kalter Information und poesieloser Handlung. Und nicht nur B&#252;cher! Zig Radioprogramme in der Stadt, und alle spielen Charts &#8211; auf dem Flie&#223;band produzierte Musik. Fegefeuer der Eitelkeiten! Wichtigtuerei! Verstellung! Warum spielt kein Radio Jan Koch oder Tiger Willi, verdammt noch mal? Hunderte Fernsehprogramme, in denen sich Zuschauer an hirnrissigen Ersatzhandlungen ihr Leben abgew&#246;hnen sollen. Angst vor der N&#228;he! K&#246;rperfeindlichkeit direkt aus unseren christlichen Herzen gespeist! Was hat das Leben auf Distanz mit der Kirche zu tun? Sehr viel! Die Suche nach Gott war schon immer eine Ersatzhandlung f&#252;r’s Leben! Und der Sex, den die Kirche seit ihren Anf&#228;ngen so verbissen bek&#228;mpft, ist nun mal die sozialste aller Handlungen, kommen wir doch beim Sex verdammt nahe zusammen! Was ist das f&#252;r eine Gesellschaft, in der schmutzige Begriffe wie „unbefleckte Empf&#228;ngnis“ als spirituelle Wahrheiten gelten? Als ob die normale Empf&#228;ngnis, aus der jeder Mensch hervorgeht, etwas Dreckiges w&#228;re. Sexb&#252;cher werden hier nur dann zu Bestsellern, wenn sie sch&#246;n katholisch den Misthaufen auf der Blume suchen: Statt Sex <em>Feuchtgebiete</em>! Ein wahrer Dichter sucht die Blume dort, wo die Nichtdichter den Misthaufen sehen! Wir sollen in einer &#252;bersexualisierten Welt leben? Wo ist aber diese &#220;bersexualisierung, bitte sch&#246;n? Die schmierige Nacktweiberwerbung auf den Plakaten? Die Musikclips, in denen Modells in Tangas um Pseudo-Gangsta-Rapper rumh&#252;pfen? Die Pornovideos im Internet, in denen Frauen wetteifern, welche von ihnen die Speiser&#246;hre breiter und l&#228;nger machen kann? Das ist keine Sexualit&#228;t, das ist menschenfeindlicher Bl&#246;dsinn! &#220;ber unsere ganz normale Sexualit&#228;t reden wir miteinander immer noch nicht. So von Mensch zu Mensch. Wenn Kinder und Jugendliche gelernt h&#228;tten, frei &#252;ber die Sexualit&#228;t zu reden, k&#246;nnte dann derselbe Pfarrer oder Lehrer 20 Jahre lang immer wieder Kinder sexuell missbrauchen? Als ich eine Literaturkritikerin fragte, ob sie mit ihrem siebzehnj&#228;hrigen Sohn &#252;ber Sexualit&#228;t redet, sagte sie, dass das unpassend sei. Was ist dann passend? Die zerfetzten Leiber in der Glotze? Wir werden im wahrsten Sinne des Wortes „virtuell“, tauschen nur herz- und k&#246;rperfremde Informationen aus. Klar bleibt dann auch der ganz normale Sex auf der Strecke. Daf&#252;r gibt’s ja Statistiken. Noch nie wurde in Deutschland so wenig gev&#246;gelt wie heutzutage &#8211; das ist nun mal unsere sch&#246;ne neue „&#252;bersexualisierte“ Welt! Wenn du die Zeitungen liest oder in die Glotze schaust, bekommst du bald das Gef&#252;hl, dass sich Leute heutzutage mehr gegenseitig umbringen, als dass sie zusammen schlafen. Was machen die Leute aber mit ihren Hormonen, wenn sie’s nicht miteinander treiben? Sex auf Distanz?</p>
<p>Ich gebe zu, das Miteinanderreden wird auch f&#252;r mich immer schwieriger. In M&#252;nchen in der U-Bahn traue ich mich nicht mehr, nur aus Lust auf ein Gespr&#228;ch, jemanden anzuquatschen. Schon &#252;berhaupt nicht eine Frau. Wenn du in der Stadt so mir nichts dir nichts einen Fremden ansprichst, schwingt die dir unterstellte Absicht wie eine Keule &#252;ber dem sich anbahnenden Gespr&#228;ch: Will er mir was verkaufen? Mich anbaggern? Man hat ja seine Erfahrungen…</p>
<p>Zweimal pro Woche laufe ich in die Buchhandlung, mein Herz pocht vor Freude: Heute hole ich mir ein blutvolles Werk eines Dichters, der das Leben besingt, ein Buch, das nicht den Zustand der amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt, keinen gro&#223;en Mauerroman, nein, ein saftiges Buch &#252;ber unser buntes und manchmal schmerzliches Miteinander, ein Werk, das vor Leben strotzt, mit vielen Menschen darin, eine verdichtete Sch&#246;ntrauerparade, das Niedrige und das Erhabene an uns in einem Satz zusammengekocht, das Komische und das Tragische eng beieinander, so wie das Leben nun mal ist. Nach zwei Stunden Rumw&#252;hlen auf den B&#252;chertischen laufe ich mit einem Krimi nach Hause, den ich nach zwei Seiten lustlos in die Papierentsorgungskiste haue. Hmmm… Sollte ich mich vielleicht doch besser mit Dir verabreden? Zu einem ausufernden Gespr&#228;ch beim Bier! Wir werden lachen und heulen und dann wieder lachen, wenn die Erinnerung ihre sch&#246;ntraurigen Salti schl&#228;gt. Aber zu Hause ist es heute so gem&#252;tlich! Ich nehme die Gitarre in die Hand und dichte ein Lied: Wie es mal fr&#252;her war! Als Du und ich die Tage und N&#228;chte mit Quatschen zum Galoppieren brachten. Diese Erinnerung ist fast so gut wie Sex mit Dir. Unser Sex auf Distanz!</p>
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		<title>Wesensnahe Lebensk&#252;nstlerinnen</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 09:11:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Jaromir Konecny]]></category>
		<category><![CDATA[Schnaps]]></category>
		<category><![CDATA[Sliwowitz]]></category>
		<category><![CDATA[Spiegelei]]></category>
		<category><![CDATA[Tschechisch]]></category>
		<category><![CDATA[Zuzy]]></category>

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		<description><![CDATA[F&#252;r Zuzy* Ich schlenderte &#252;ber den Viktualienmarkt und betrieb Fr&#252;hlingsforschung. Zum Gl&#252;ck war alles bei altem geblieben: Die Fr&#252;hlingsfrauen bei ihrer bombastischen Bein-Bauch-Brust-Stabreimparade. In diesem Jahr gab es keinen Kirchentag in der Stadt, die Bienen bl&#252;melten und die V&#246;gel v&#246;gelten &#8211; es herrschte Fr&#252;hling. Drei braunbusige Prinzessinnen aus Bora Bora mit Goldkettchen an nackten Fu&#223;kn&#246;cheln, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div align="center"><em>F&#252;r Zuzy</em><br />*</div>
<p>Ich schlenderte &#252;ber den Viktualienmarkt und betrieb Fr&#252;hlingsforschung. Zum Gl&#252;ck war alles bei altem geblieben: Die Fr&#252;hlingsfrauen bei ihrer bombastischen Bein-Bauch-Brust-Stabreimparade. In diesem Jahr gab es keinen Kirchentag in der Stadt, die Bienen bl&#252;melten und die V&#246;gel v&#246;gelten &#8211; es herrschte Fr&#252;hling. Drei braunbusige Prinzessinnen aus Bora Bora mit Goldkettchen an nackten Fu&#223;kn&#246;cheln, an denen kleine Arschherzchen hingen, lutschten beim Pferdemetzger an hei&#223;en Knackern rum &#8211; Poesie pur! Nicht einmal mit seinen 2010 Jahren war das Christentum unserer Natur gewachsen. Wie waren sinnlich geblieben!<br />
„Jaromir?“ Die Sonne hatte sich nackt ausgezogen, doch der Mann steckte in einem dunklen Anzug &#8211; als wollte er bei der Regierung f&#252;r die Hypo Real Estate etwas Geld schnorren. „Bist du’s?“, sagte er auf Tschechisch.<br />
<span id="more-4195"></span><br />
„Servus! Lange nicht gesehen!“, antwortete ich in unserer Muttersprache, obwohl mir dieser Tscheche nicht mal ansatzweise bekannt vorkam. Doch bei Bankangestellten bin ich immer h&#246;flich, du wei&#223;t ja nie, wann sie dich brauchen k&#246;nnen.</p>
<p>„Du musst uns besuchen!“, sagte er. „An Alena erinnerst du dich auch, oder?“<br />
Ach, du Schei&#223;e! Alena? Ein Lastwagen voller Erinnerungen schnitt Serpentinen auf einer Landstra&#223;e in meinem Hirn! Alena aus dem Sammellager? Die hatte ich seit 26 Jahren nicht gesehen. „Alena, mit der ich…“, sagte ich, doch bei einem Blick in sein erwartungsvolles Gesicht wurde mir klar, dass ich nicht mit der ganzen Wahrheit rausr&#252;cken konnte. „Eh… Alena, mit der ich damals im Lager deutsche Vokabeln lernte?“<br />
„Wir haben geheiratet!“, sagte er. „Besuchst du uns? Alena w&#252;rde sich freuen!“</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/schnappes.jpg" width="150" height="223" alt="" title="" /></div>
<p>Auch wenn ich nicht ganz sicher war, ob eine verheiratete Frau mittleren Alters an eine Kiste aus ihrer Jugend erinnert werden wollte, die weitgehend im Bett stattgefunden hatte, r&#252;ckte ich am Samstag in ihrer Villenwohnung in Bogenhausen an. Mit einem Blumenstrau&#223; und einer Flasche Sliwowitz in den H&#228;nden.<br />
Alena sah ziemlich gepflegt aus! Nur der Mercedes-Stern fehlte auf ihrer Motorhaube. Schon in der T&#252;r st&#252;rzte sie sich auf mich, so dass ich nicht wusste, wohin mit den H&#228;nden. Pl&#246;tzlich f&#252;hlte ich mich wie damals, als ich mir das Rauchen abgew&#246;hnen wollte. Was sollte ich sagen, verdammt? „Rauchst du noch?“, fragte ich. Ohne freilich &#252;berlegt zu haben, dass das Rauchen im Tschechischen auch Blasen hei&#223;t.<br />
„Ja!“, lachte sie dreckig und hauchte mir ins Ohr: „Ohne Filter!“</p>
<p>In der Wohnung gl&#228;nzte es und strahlte. Henry Millers <em>Wendekreis des Krebses</em> fiel mir ein: „Wir leben in Villa Borghese. Hier gibt es keine Spur von Schmutz, keinen Stuhl, der nicht auf seinem Platz steht. Wir sind hier ganz allein und wie Tote.“</p>
<p>„Kannst du Schnapsgl&#228;ser vorbereiten, Alena?“, sagte der Typ mit dem Blick auf meinen Sliwowitz.<br />
„Ja, Karel!“, sagte Alena, und so wusste ich endlich, wie er hie&#223;.</p>
<p>Karel f&#252;hrte mich ins Wohnzimmer. Wahnsinn! Noch eine Frau. Mit der hatte ich noch nie Erfahrungsaustausch gepflegt, sie war ja etwa 20 Jahre j&#252;nger als Alena. Sie lachte… nein sie strahlte, und pl&#246;tzlich stand sie da, strandbraun, mit gelben Blumen hinter den Ohren und zwischen den Zehen. Wasser tropfte aus ihren langen Haaren. Eine Wasserfrau! Keine Ahnung wie sie die Umwandlung herbeigef&#252;hrt hatte &#8211; wohl ziemlich durchtrieben, die Kleine! „Susi arbeitet bei uns in der Bank!“, sagte Karel „Sie hat ein Buch von dir gelesen!“<br />
„Welches Buch?“, fragte ich.<br />
„<em>Fifi poppt den Elch</em>!“, sagte Susi.<br />
„Chochocho!“ Karels Lachen klang, als ob ihm jemand eine Penisvergr&#246;&#223;erung angeboten h&#228;tte.<br />
„Du hast dich &#252;berhaupt nicht ge&#228;ndert!“, sagte Alena. „Immer noch diese pubert&#228;ren Ideen? Bist du echt Schriftsteller?“<br />
„Nur so ’n kleiner Schriftsteller!“, beruhigte ich sie. „Nichts wof&#252;r man sich sch&#228;men m&#252;sste!“<br />
„Schau dich nur um, was man sich leisten kann, wenn man ordentlich arbeitet!“, sagte Karel.<br />
„Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche langen!“, sagte Susi. Weise war sie also auch.<br />
„Was?“, sagte Karel. „Dieser Teppich hat 8 000 Euro gekostet!“ Er zeigte auf einen wei&#223;en langhaarigen Teppich unter unseren F&#252;&#223;en.<br />
„Ist der aus Angorakatzenfell?“, fragte ich.<br />
„Hohoho!“, gurgelte sich Karel wieder einen Lacher aus dem Hals. Als h&#228;tte ich einen Witz gemacht. „Du bist wirklich immer der Alte! Kommt! Wir essen in der K&#252;che. Der Teppich ist sehr schmutzanf&#228;llig.“<br />
„D&#252;rfen wir nicht im Wohnzimmer essen, Karel?“, fragte Alena. „Wenn wir schon solche G&#228;ste haben?“<br />
Karel inspizierte meinen Sliwowitz. „Der ist aus den teuersten Zwetschgen in M&#228;hren gebrannt!“, sagte ich.<br />
„Na, gut!“, sagte Karel. „Aber passt bitte, auf!“<br />
W&#228;hrend Alena in der K&#252;che mit den T&#246;pfen hantierte, unterhielt uns Karel mit spannenden Geschichten dar&#252;ber, was die einzelnen M&#246;belst&#252;cke gekostet hatten. Welche Aktien hast du?“, fragte er mich am Ende seines Monologs.</p>
<p>„Beate Uhse!“, log ich schlau. Ich hatte im Leben schon jeden unbrauchbaren Bl&#246;dsinn gekauft: Watschelblechenten zum Aufziehen, einen nackten und ziemlich hei&#223;en Schutzengel aus Porzellan, polnisches Bier, doch Aktien geh&#246;rten nicht dazu.</p>
<p>„Der B&#246;rse kannst du auch mental beikommen!“, sagte Susi. „Ich versuche in der Bank durch auf den B&#246;rsencomputer telepathierte Tippfehler, einen kleinen Totaltagescrash in den Gang zu bringen.“ Dieses freim&#252;tige Bekenntnis seiner Mitarbeiterin verschlug Karel die Sprache. Ich zwinkerte Susi zu, doch pl&#246;tzlich hockte sie in einem Guerillatarnanzug da und brachte Karels Computer und Handys zum Schwitzen, die L&#228;mpchen dran blickten unter der Attacke der Furcht erregenden Anti-Technik-Aktivistin ihr Todeslied. Besser ich machte mein Handy aus und den Sliwowitz auf. Und sogleich schwebte Alena mit dampfenden Tellern herein, zu meinem Erstaunen nicht mit irgendwelchen Kohlrabibouletten oder Sojaw&#252;rschteln beladen, war doch der ma&#223;lose Surrogatverzehr die traurige Begleiterscheinung des fortgeschrittenen Kapitalismus. Auf den Tellern protzten Steaks mit jeweils einem Spiegelei drauf &#8211; gute Grundmauer, um darauf aus dem Sliwowitz ein sch&#246;nes Luftschloss zu bauen. Susi und ich hockten auf dem Sofa. „Ihr seid die ersten, die hier im Wohnzimmer essen d&#252;rfen!“, sagte Karel.<br />
„Unter der Woche bedecken wir den Teppich mit Plastikfolie!“, sagte Alena. </p>
<div class="bildlinks"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/spiegelei.jpg" width="180" height="156" alt="" title="" /></div>
<p>„Der Ernst des Lebens ist auch nur ein Witz!“, sagte Susi und ging mit Messer und Gabel brutal auf ihr Spiegelei los. Und wieder spielte sie ihre Spielchen mit mir und verwandelte sich in eine Amazone im Urwald! Einen Tigerzahn zwischen den nackten Br&#252;sten h&#228;ngend. Einen Bogen in der Hand! Mann, oh, Mann &#8211; wenn die dich unter ihre Gabel kriegt… Pl&#246;tzlich kreischte von drau&#223;en ein Rettungswagen. Ich guckte Susi fasziniert bei ihrem Kampf mit dem Spiegelei zu. Und schon schoss das Spiegelei aus Susis Teller wie ein Skibob und landete unter dem Tisch auf dem Angorateppich zwischen Susis und meinen F&#252;&#223;en. Klar mit dem Eigelb nach unten. Susis Blick huschte zu Karel und Alena, die zum Gl&#252;ck mit dem L&#228;rm drau&#223;en besch&#228;ftigt waren. Mit einem durchtriebenen Grinsen im Gesicht guckte Susi mich an und schob das Spiegelei mit dem Fu&#223; unters Sofa. Nur eine breite Eigelb-Spur blieb auf dem wei&#223;en Teppich. Unter dem Wohnzimmertisch versteckt. Susi hat dem B&#246;rsenfreak Karel seine FDP-Fahne direkt unter die F&#252;&#223;e gemalt.<br />
„Ich hab mein Spiegelei unter dem Sofa liegen gelassen!“, sagte ich Karel beim Abschied. „Vielleicht kannst du’s mir f&#252;rs n&#228;chste Mal im K&#252;hlschrank aufheben.“ Doch das n&#228;chste Mal kam nie.</p>
<p>„Du bist ein Gedicht, das sich wandelt!“, sagte ich drau&#223;en zu Susi.<br />
„Pass nur auf, Poet!“, sagte sie. „Bin ziemlich durchtrieben!“<br />
Unberechenbar ist Susi auch. Sie hat in der Bank gek&#252;ndigt und schreibt jetzt taoistische M&#228;rchen, die vor neuen Wortsch&#246;pfungen strotzen. Zum Beispiel „S&#252;&#223;e Tr&#228;umerung“ &#8211; ein M&#228;rchen &#252;ber eine Nixe am Weiher des kreativen Chaoismus. Mich verabschiedet sie mit ihrer „Dicken Dr&#252;ckerung“, und die ist wohl auch das Beste, was man in dieser sch&#246;nen neuen materiellen Welt bekommen kann.</p>
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		<title>Ausgang auf Afrikanisch</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/05/31/ausgang-auf-afrikanisch/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 07:35:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Asyl]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Jaromir Konecny]]></category>
		<category><![CDATA[Rassimus]]></category>

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		<description><![CDATA[Bimbo lernte ich vor 24 Jahren in einem Fl&#252;chtlingslager bei Vilsbiburg kennen. Jeder ist auf etwas stolz. Der schwarze Afrikaner Bimbo war Philosoph und somit stolz auf seinen Spitznamen. Dazu zitierte er immer gern Lao Tse: „Wer seine Glorie kennt und dennoch in Schande weilt, der ist das Vorbild der Welt.“ Wir hatten in Bayern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bimbo lernte ich vor 24 Jahren in einem Fl&#252;chtlingslager bei Vilsbiburg kennen. Jeder ist auf etwas stolz. Der schwarze Afrikaner Bimbo war Philosoph und somit stolz auf seinen Spitznamen. Dazu zitierte er immer gern Lao Tse: „Wer seine Glorie kennt und dennoch in Schande weilt, der ist das Vorbild der Welt.“<br />
Wir hatten in Bayern politisches Asyl beantragt, und der bayerische Staat steckte uns in ein heruntergekommenes Kloster in einem winzigen niederbayerischen Dorf, damit wir dort Sozialmissbrauch betreiben konnten. Ohne Pass und Arbeitserlaubnis lagen wir Schmarotzer auf der faulen Haut und warteten auf die 50 Mark, die wir jeweils am Monatsanfang bekamen. Zwischen diesen Geldtagen tr&#228;umten Bimbo und ich vom wilden Nachtleben in der Stadt. Deswegen waren  nach Deutschland gekommen. Um das „Saturday Night Fever“ im Westen zu genie&#223;en! Leider durften wir nicht hin! Wenn uns die Polizei au&#223;erhalb des Lagereinzugsgebietes erwischt h&#228;tte, w&#228;re es vorbei gewesen mit dem Asyl. Zwar war Bimbo im Dunkeln schwer auszumachen, doch in Bayern gibt’s keine dunklen Ecken mehr. Einmal hatte Gott gesagt, „es werde Licht!“, und seitdem scheint und strahlt und gl&#228;nzt und glei&#223;t und blinkt und blitzt hier alles. In Bayern kannst du dich als Schwarzer nirgendwo verstecken, in Bayern bist du als Schwarzer eine wei&#223;e Kr&#228;he, verdammt! Bayern leuchtet!<br />
<span id="more-4067"></span><br />
„Mann!“, hatte Bimbo damals gesagt. „Wenn wir aus Lager raus kommen, tanze ich drei N&#228;chte lang in einem Club wie John Travolta.“<br />
„Ja, Mensch!“, sagte ich. „Nur einmal so richtig ausgehen! Die Sau rauslassen! Das w&#228;re was Feines!“<br />
Ein Jahr sp&#228;ter konnten Bimbo und ich uns mit frischen Asylantenp&#228;ssen endlich auf den Weg in die Gro&#223;stadt machen &#8211; nach N&#252;rnberg! Aufenthaltserlaubnis unbefristet. Wir suchten uns in N&#252;rnberg jeder eine Bleibe, putzten die Z&#228;hne und hurra in die Stadt!<br />
„So geht’s nicht!“, sagte uns der T&#252;rsteher vor der ersten Disco.<br />
„Wie?.. So?“<br />
„Na, so… angezogen!“<br />
„Und wie soll’n wir uns anziehen?“<br />
„Etwas heller!“<br />
„Du kannst rein!“, sagte der Rausschmei&#223;er vor dem zweiten Laden zu mir, „aber dein schwarzer Kollege nicht.“<br />
„Ich bin auch nicht ganz sauber!“, sagte ich. „Ich bin Tscheche!“<br />
Der Typ an der dritten Discot&#252;r war Schwabe und ging gleich zur Sache: „So schwarz kommscht du mir nicht rein!“, sagte er.<br />
„Isch bin Michael Jackson!“, sagte Bimbo. Wir kauften uns an der Tankstelle ein paar Jever und schauten uns bei meinem Bekannten in der Glotze die Oben-Ohne-Show „Tuti Fruti an“. „Super!“, sagte Bimbo. „Wie bei uns im Busch!“ In den folgenden Tagen ging er mir irgendwie verloren.</p>
<p>*</p>
<p>22 Jahre sp&#228;ter wartete ich in Neuperlach-Zentrum auf die U-Bahn und guckte meinem vierj&#228;hrigen Sohn Tom zu, wie er die Aufzugst&#252;r auf Trab hielt. Sie ging auf, wenn er heran lief, und zu, wenn er zur&#252;ckflitzte. Auf und zu! Pl&#246;tzlich zog eine &#228;ltere Dame Tom vom Aufzug weg. „Das ist zu gef&#228;hrlich!“, sagte sie und f&#252;gte mit einem b&#246;sen Blick auf mich hinzu: „Wenn dein Opa nichts tut, muss ich mich um dich k&#252;mmern!“<br />
„Ich bin sein Papa!“, sagte ich. Mein Akzent kl&#228;rte die Lage sofort.<br />
„Sie t&#252;rkisch?“, fragte die Dame.<br />
„N&#246;!“, sagte ich. „Tschechisch!“<br />
„Und in Deutschland gut, oder?“ fragte sie.<br />
„Super!“, sagte ich. „Bin hier schon seit 24 Jahren!“<br />
Das beeindruckte die Dame dann doch so, dass sie anfing, mit mir deutsch zu sprechen. „Bei uns ist f&#252;r alle gesorgt!“, sagte sie. „Jeder bekommt in Deutschland Sozialhilfe…“<br />
„Ich lebe von meiner Frau!“, sagte ich. „Sie kommt aus Niederbayern. Dort gibt’s wahnsinnig viel Geld! Die schwemmen Gold aus der Donau…“<br />
Endlich h&#246;rten wir aus dem Tunnel das dumpfe Dr&#246;hnen des Zuges. Die U-Bahn-M&#228;use jagten in Panik davon. Kalte Luft fegte uns um die Ohren. Die U-5 tauchte auf. Wir stiegen ein, und… was f&#252;r eine &#220;berraschung! Auf dem Vierersitz hockte ein Schwarzer mit Glatze. „Ja, servus Bimbo!“, sagte ich.<br />
„Sie Rassist!“, sagte die Frau und trottete tiefer in den Waggon.<br />
„Servus, Tscheche!“, sagte Bimbo.<br />
„Bist du echt Bimbo?“, fragte Tom.<br />
„Jawohl!“, sagte er. „Ich bin echter Bimbo!“<br />
„Wo warst du die ganze Zeit, Mensch?“, fragte ich.<br />
„In Frankreich und Afrika“, sagte Bimbo. „Zuerst war mein Papa in Afrika Terrorist. Das war damals &#8211; als ich in Deutschland politisches Asyl beantragt hatte. Kurz nachdem wir nach N&#252;rnberg gekommen waren, wurde mein Papa aber in Afrika Minister! Mann! Ich wurde in einem Mercedes nach Frankreich gefahren. Habe dort studiert. Nach meinem Doktor fuhr ich nach Afrika zur&#252;ck, aber dann ist Papa wieder Terrorist geworden, und ich musste wieder nach Deutschland &#8211; nach K&#246;ln. Jetzt ist Papa aber Innenminister und ich ein gro&#223;er Professor. Man hat mich f&#252;r drei Monate nach Deutschland eingeladen. Halte hier Vortr&#228;ge.“<br />
„Bist du schon lange in M&#252;nchen?“<br />
„Letzte Woche bin ich her gekommen.“<br />
„Boah!“, sagte ich. „Professor?“<br />
„Ja, Mann!“, sagte Bimbo. „Ich bin Professor und mein Papa Innenminister. Und du und ich gehen jetzt richtig aus. Uns die Schuhe abzutanzen. Die Sau rauslassen! In einer Disco!“<br />
„Papa darf nicht in die Disco!“, sagte mein kleiner Sohn.<br />
„Warum darf dein Papa nicht in die Disco?“, fragte Bimbo.<br />
„Er ist dann besoffen“, sagte Tom.<br />
„Was redest du da, verdammt?“, sagte ich. „Hast du mich schon besoffen gesehen?“<br />
„Neee!“, sagte Tom. „Mama hat dich gesehen!“<br />
„Aha!“, sagte ich.<br />
„Dann gehen wir in den Zirkus!“, sagte Bimbo. „Afrika! Afrika!-Zirkus. Ich habe zwei Freikarten bekommen! Nach der Show sehen wir weiter.“<br />
Wahnsinn! Vielleicht w&#252;rde’s nach zweiundzwanzig Jahren doch klappen, und Bimbo und ich k&#246;nnten so richtig ausgehen!<br />
Am darauf folgenden Freitag kam ich zu unserem Treff im Neuperlach-Zentrum zu sp&#228;t. Tom hatte sich im Knotenbinden ge&#252;bt &#8211; leider an allen meinen Schuhen. Bimbo stand bereits auf dem U-Bahnsteig. Ich klopfte ihm von hinten auf die Schulter: „Kontrolle!“, sagte ich.<br />
Bimbo fing an, in seinen Taschen zu w&#252;hlen. „Mann!“, sagte er. „Ich habe meinen Passport in der Wohnung vergessen!“<br />
„Ich wurde in den letzten 20 Jahren in Deutschland nur einmal im Auto kontrolliert“, sagte ich.<br />
„Du bist wei&#223;e Schokolade!“, sagte Bimbo und rannte los, um seinen Pass zu holen.<br />
Gleich am Ostbahnhof gab’s eine dritte Verz&#246;gerung. Nachdem wir aus der U-5 gestiegen waren. Verz&#246;gerung im Doppelpack &#8211; Mann und Frau.<br />
„Er ist ein Professor!“, sagte ich zu der Streife.<br />
„Sieht man ihm gar nicht an!“, sagte der Polizist.<br />
„K&#246;nnen Sie nicht schneller machen?“, fragte ich. „Im Zirkus l&#228;uft schon die zweite H&#228;lfte an.“<br />
„Wir gehen nicht in den Zirkus!“, sagte die Polizistin.<br />
Nach der Kontrolle fuhren wir mit der Rolltreppe ins Zwischengeschoss. Am Aufzug erwischten uns zwei andere &#8211; diesmal M&#228;nner. Penibel bl&#228;tterten sie Bimbos Papiere durch und nahmen jeden seiner Stempel unter die Lupe.<br />
„Sein Vater ist Innenminister!“, sagte ich. „So wie Beckstein hier. Nur etwas gr&#246;&#223;er!“<br />
„Manchmal ist Papa aber auch Terrorist!“, sagte Bimbo und lachte.<br />
Zum Gl&#252;ck h&#246;rten uns die Polizisten gar nicht zu. „Das gibt’s doch nicht!“, sagte der eine zu dem anderen, w&#228;hrend er in Bimbos Papiere starrte. „Der Schwarze ist Professor!“<br />
„Du… du kannst Englisch?“, fragte ihn beeindruckt sein Kollege.<br />
„Jetzt kann nichts mehr passieren!“, sagte ich zu Bimbo, als wir weiter latschten. „Mehr als zwei Streifen gibt’s hier am Ostbahnhof sicher nicht.“ Doch oben bei den Taxen schickten sich der Polizist und die Polizistin vom Bahnsteig wieder an, Bimbo in die Parade zu nehmen.<br />
„Sie haben uns schon kontrolliert!“, sagte ich zu ihnen. „Unten auf dem Bahnsteig!“<br />
„Stimmt!“, sagte die Frau mit einem Blick auf mich.<br />
„Man kann die Schwarzen ja nicht auseinander halten!“, sagte ihr Kollege.<br />
„Euch auch nicht!“, dachte ich mir.<br />
„Ausgehen ist in Deutschland echt anstrengend!“, sagte Bimbo beim Weiterlatschen. Im Zirkus tauchten wir auf, als die schwarzen Akrobaten, T&#228;nzer und Jongleure, Frauen und M&#228;nner, in die Manege hinaus schw&#228;rmten, um sich beim Publikum zu bedanken. Muss echt ein h&#252;bscher Zirkus gewesen sein, so wie das Publikum tobte. „Schau! Kontrolle!“, sagte Bimbo und zeigte auf drei Polizisten, die unweit von uns enthusiastisch die Afrikaner beklatschten.<br />
Drau&#223;en vor dem Zelt l&#228;utete Bimbos Handy! „Schei&#223;e!“, sagte er nach dem Gespr&#228;ch. „Probleme! Muss nach Afrika fliegen!“<br />
„Gib mir Bescheid, wenn dein Vater in Afrika wieder bei den Partisanen ist und du nach Deutschland musst!“, sagte ich. „Dann lassen wir die Sau echt raus.“<br />
„Wenn hier irgendwann das Licht ausgeht“, sagte Bimbo und haute ab. Ich ging heim. Seitdem erz&#228;hle ich meinen S&#246;hnen Geschichten &#252;ber den afrikanischen Zirkus. Und &#252;ber den bayerischen.</p>
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		<title>Die Gurken der spirituellen Frauen</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 11:41:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Esoterik]]></category>
		<category><![CDATA[Gurken]]></category>
		<category><![CDATA[Jaromir Konecny]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Sinn des Lebens eines Mannes ist, m&#246;glichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen und somit die eigenen Gene dicht &#252;ber die Erde zu verteilen. Also zu poppen! Das haben Sultane, K&#246;nige, Politiker, Pop-Stars und sogar P&#228;pste &#8211; the Popes &#8211; wohl hinreichend bewiesen. Klar versuchen M&#228;nner, wenn sie alt werden und nicht mehr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Sinn des Lebens eines Mannes ist, m&#246;glichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen und somit die eigenen Gene dicht &#252;ber die Erde zu verteilen. Also zu poppen! Das haben Sultane, K&#246;nige, Politiker, Pop-Stars und sogar P&#228;pste &#8211; the Popes &#8211; wohl hinreichend bewiesen. Klar versuchen M&#228;nner, wenn sie alt werden und nicht mehr k&#246;nnen, ihre j&#252;ngeren Konkurrenten an erfolgreicher Fortpflanzung zu hindern. Daf&#252;r denken sie sich Sachen aus wie die katholische Kirche, den Z&#246;libat, die unbefleckte Empf&#228;ngnis, die Spiritualit&#228;t, Himmelreiche mit h&#252;bschen Jungfrauen nach einem glorreichen Tod und &#196;hnliches. In der Neuzeit versuchen diverse Gurus aus demselben Grund, Frauen klarzumachen, dass alles K&#246;rperliche sie an ihrer spirituellen Entwicklung hindere.<br />
<span id="more-3975"></span><br />
Frau Meisinger war mit ihren 40 Jahren der Prototyp einer Frau, nach der sich jeder Guru die Finger lecken w&#252;rde. Sie sprach mich an, als ich in der esoterischen Abteilung vom Hugendubel nach einer realistisch bebilderten Kamasutra-Ausgabe suchte.</p>
<p>„Interessieren Sie sich f&#252;r’s Spirituelle?“, fragte sie. Boah! Bombastischer Busen! Brisante Beine!..<br />
„Bin Buddhist!“, sagte ich.<br />
„Und was machen Sie beruflich“, fragte sie.<br />
„Eeh… ich bin Berufstscheche!“<br />
„Toll!“, sagte sie. „Ich habe einen gro&#223;en Garten, der etwas Pflege braucht. Wenn Sie einen Job br&#228;uchten…“</p>
<p>Am Samstag holte mich meine neue Arbeitgeberin in Starnberg am Bahnhof ab. In kurzen Shorts und einer Bluse, die v&#246;llig ungeeignet war, etwas zu verh&#252;llen. Hinter dem Steuer spreizte sie breit ihre nackten Beine und vertrieb den letzten Hauch von Spiritualit&#228;t aus meinem Hirn. Die ganze Fahrt hindurch steuerte sie mit der Linken, die Rechte lie&#223; sie am Kopf des Schalthebels liegen, und entweder schwenkte sie ihn brutal hin und her oder kraulte den Hebelkopf z&#228;rtlich mit ihren Fingern durch. Endlich stiegen wir vor einer gewaltigen Villa im Zen-Stil aus. „Mein verstorbener Mann hat das mit Hilfe von Feng-Shui gebaut!“, sagte sie. „Ein Haus muss gute Vibrationen haben.“ Sie f&#252;hrte mich durch das Schloss. „Hier schlafe ich!“, sagte sie und machte eine T&#252;r auf. Unter einer Pyramide aus verchromten Stahlrohren stand als einziges M&#246;belst&#252;ck ein gelb bezogenes Bett. „Legen Sie sich hin!“, sagte sie.<br />
„He?“<br />
„Na, machen Sie schon! Alle Kraftfeldenergien werden durch die Pyramide auf das Bett konzentriert. Sp&#252;ren Sie die Vibrationen?“<br />
„In allen Knochen!“, sagte ich. Erst in der K&#252;che &#8211; bei Yogitee &#8211; lie&#223;en mich die good vibrations zu Atem kommen. </p>
<p>„Mein Meister Sami hat mich schon sehr weit gef&#252;hrt auf dem Pfad der Erleuchtung“, sagte sie. „Man muss in allem aufgehen, was man tut und sich nicht von anderen Gedanken versklaven lassen. Wenn ich mir die Z&#228;hne putze, dann bilde ich eine Einheit mit der Zahnb&#252;rste &#8211; ich putze mir die Z&#228;hne und denke an nichts anderes. Wenn ich Tee trinke, dann trinke ich Tee! Ich bin der Tee! Ich bin der L&#246;ffel darin!“<br />
„Wahnsinn!“, sagte ich, versuchte, der L&#246;ffel in meinem Tee zu sein, und stach mir damit beim Trinken fast das Auge aus.</p>
<p>„Am Abend k&#246;nnen wir zusammen meditieren“, sagte sie. „Das setzt positive Energien in die Welt. Wenn alle Menschen das machen w&#252;rden, g&#228;be es keine Kriege. Seit ich meditiere, versp&#252;re ich keinen Groll mehr. In der Meditation habe ich wieder die Gelassenheit gefunden, die uns von Gott gegeben ist!“</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/gurken.jpg" width="200" height="150" alt="Foto: Rasbak" title="Foto: Rasbak" /></div>
<p>Sie f&#252;hrte mich in den Garten, zu einem unter Tonnen von Unkraut st&#246;hnenden Gem&#252;sebeet. „Hier habe ich Gurken eingepflanzt!“, sagte sie. „Bitte, vorsichtig j&#228;ten!“<br />
„Mit Gurken kenne ich mich aus!“, sagte ich. Sie kehrte zur&#252;ck ins Haus. Ich kniete nieder. Die Gurkenpflanzen waren noch ganz klein, ganz zart. Wie meinte sie das? Nur an das denken, was ich gerade machen w&#252;rde? Also b&#252;ndelte ich mein zerrissenes Ich auf diese eine Aufgabe: Vorsichtig die Gurkenpflanzen aussuchen, das Zeug um sie herum aus der Erde ziehen, die Erde absch&#252;tteln, das Unkraut wegwerfen. Wenn Gedanken auftauchten, lie&#223; ich sie vorbeihuschen wie Irrlichter und lenkte meine Aufmerksamkeit zur&#252;ck auf die Arbeit. Mann! Mein Denken h&#246;rte auf, alles verschwand, der Garten, das Haus &#8211; mein ganzes Gef&#252;hl lebte in meinen H&#228;nden und in den Gurken, die ein Teil von mir geworden waren. Irgendwann erwachte ich aus meiner tiefen Meditation. Das Beet: rein, befreit von der gr&#252;nen Pest. Nur die zierlichen Gurken schm&#252;ckten das braune Stillleben. Und schon sah ich die Herrin des Hauses auf mich zukommen. Mann, oh, Mann! Heute w&#252;rde man mich ordentlich hinter den Ohren kraulen! Und dann good vibrations, hehehe, oder?</p>
<p>Sie schaute sich das Gurkenbeet an. Pl&#246;tzlich wurden ihre Augen gro&#223; &#8211; wie Squashb&#228;lle. An ihrer Schl&#228;fe trat eine Ader hervor! „Was haben Sie da gemacht?“, bellte sie mich an.<br />
„Was? Doch das Unkraut gej&#228;tet!“<br />
„Und wo sind die Gurken?“, fragte sie eisig.<br />
„Hier doch“, ich zeigte auf die Pflanzen, aber ahnte schon B&#246;ses.<br />
„Waaas?“; kreischte sie wieder. „Das da sollen Gurken sein? Das ist doch irgendein Schei&#223;gras!“ Sie st&#252;rzte sich auf den gro&#223;en Unkrauthaufen, den ich auf dem Weg aufgebaut hatte und fing an, aus dem Abfall irgendwelche komischen Pflanzen zu fischen. „Das sind die Gurken!“, br&#252;llte sie. „Da und da und da auch!“ Am Ende r&#246;chelte sie aber nur noch. „Warum haben Sie mir das angetan?“, fragte sie.<br />
„Tja… da hab ich mich wohl am Anfang auf eine falsche Gurke eingespielt und dann&#8230; na, und dann versuchte ich bei der Arbeit ihre Meditation zu praktizieren&#8230; also, ich lie&#223; alle Gedanken an mir vorbeilaufen, mir schienen die Gurken hin und wieder schon ein bisschen zickzack eingepflanzt zu sein, aber weil ich meditierte&#8230;“<br />
„Zickzack!“, heulte sie und peitschte mich mit den herausgerissenen Gurkenpflanzen wie eine Domina ihren Sklaven. „Zickzack? Der Depp hat alle meine Gurken rausgerissen!“</p>
<p>Boah! Wie sch&#246;n sie war in ihrer Wut! Ihr grandioser K&#246;rper bebte! Vorbei die Gelassenheit! Sie konnte sich dem ganzen Kosmos &#246;ffnen, meditierte f&#252;r das Wohl der Menschheit, aber wenn es ihr an die Gurken ging, wurde sie wieder das, was sie wirklich war! Kurz darauf hockte ich in der S-Bahn nach M&#252;nchen, dachte an die Gurken und an den Bl&#246;dsinn, den ich wieder angestellt hatte. Klar freute ich mich dar&#252;ber. Denn wenn ich keinen Bl&#246;dsinn mehr anstelle, dann bin ich tot, und wenn ich tot bin, dann bin ich nun mal tot und sonst gar nichts.</p>
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		<title>Etwas Vernunft im Wahnsinn</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/04/06/etwas-vernunft-im-wahnsinn/</link>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 08:03:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Alfons]]></category>
		<category><![CDATA[Jaromir Konecny]]></category>
		<category><![CDATA[Mähren]]></category>
		<category><![CDATA[Pepino]]></category>
		<category><![CDATA[Psychatrie]]></category>

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		<description><![CDATA[Alfons hob sein Pilsner Urquell hoch. „Meine Herren!“, sagte er. „Ab heute kann ich trinken so viel ich will! Ich habe das Autofahren aufgegeben!“ „Warum denn?“, fragte Milena. „Wegen der Ampeln!“, sagte Alfons. „Ich fahre an eine Kreuzung heran, die Ampel steht auf Gr&#252;n, und pl&#246;tzlich kurbelt ein Zwangsgedanke mein Hirn durch: Springt gleich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Alfons hob sein Pilsner Urquell hoch. „Meine Herren!“, sagte er. „Ab heute kann ich trinken so viel ich will! Ich habe das Autofahren aufgegeben!“<br />
„Warum denn?“, fragte Milena.<br />
„Wegen der Ampeln!“, sagte Alfons. „Ich fahre an eine Kreuzung heran, die Ampel steht auf Gr&#252;n, und pl&#246;tzlich kurbelt ein Zwangsgedanke mein Hirn durch: Springt gleich die Ampel auf Gelb? Und dann auf Rot? Soll ich beschleunigen oder verlangsamen? Verdammt! In der letzten Zeit hatte ich nur Ampeln im Kopf! Schon in der Fr&#252;h weckte mich die Farbmusik von Gr&#252;n und Gelb und Rot, ich zitterte vor dem Augenblick, an dem ich ins Auto steigen musste!“<br />
„Ihr M&#228;nner habt alle einen Knall!“, sagte Milena.<br />
„Auch der kl&#252;gste Philosoph kann dem Wahnsinn anheim fallen“, sagte Alfons. „Sogar Nietzsche ist wahnsinnig geworden! Der Wahnsinn ist die W&#252;rze des Daseins! Schon Nietzsche meinte aber, dass es Vernunft im Wahnsinn gibt!“<br />
<span id="more-3885"></span><br />
„Typisch, wie du die Sachen besch&#246;nigst!“, sagte Milena. „Nietzsche hat gesagt, dass es immer AUCH ETWAS Vernunft gibt im Wahnsinn!“ Ich habe genauso wie du zwei Semester Philosophie studiert. Ich kann auch g’scheit daher reden!“<br />
„Was ist mit meinem Bier, verdammt?“, rief ich zur Wirtin. Mein Sinn f&#252;r Philosophie ist nun mal von der Nahrung abh&#228;ngig, die ich zu mir nehme.</p>
<p>Auch Pepino hatte sich bis jetzt aus dem Gespr&#228;ch herausgehalten. Stattdessen schlug er seine Streichholzschachtel im Rhythmus des Kneipenventilators gegen die Tischplatte und brummte dazu hiphopartige Sprechges&#228;nge, die aber semantisch nicht allzu viel hergaben. Nur „,bl&#246;de Arschl&#246;cher!“ und &#196;hnliches. Pl&#246;tzlich hob Pepino aber den Kopf von der Tischplatte. „Die Grenze zwischen Wahnsinn und Vernunft ist flie&#223;end!“, sagte er.</p>
<p>„Bei dir ist die Grenze zwischen Wahnsinn und Vernunft schon davon geflossen!“, sagte Milena. „Wer den Hamster seiner Freundin aus dem 9. Stock mit ’nem Fallschirm runter springen l&#228;sst, kann nicht ganz dicht sein! Von deinem Schifahren im Treppenhaus gar nicht zu reden! Und wer au&#223;er dir kann voll bekifft ein Polizeiauto am Seil abschleppen und dabei denken, dass er von der Polizei verfolgt wird?“<br />
„Hinter meinen Taten verbirgt sich eiserne Logik“, sagte Pepino. „Der Wahnsinn ist nur eine Frage der Perspektive! In meinen Augen begehe ich vern&#252;nftige Taten, meiner Umgebung aber kommen sie irrsinnig vor.“</p>
<p>„Das stimmt!“, sagte Alfons. „Viele Verr&#252;ckte halten die vermeintlich Normalen f&#252;r wahnsinnig. Guck dir die Mitra eines Bischofs an! Wenn du mit einer solch infantilen M&#252;tze in der Arbeit auftauchen w&#252;rdest, w&#252;rde man dich sofort in die Klapse stecken. Vom Papstgewand gar nicht zu reden! Rote Kalbslederschuhe! Und der rote Umhang des Papstes und die roten Talare der Kardin&#228;le! Ist es nicht verr&#252;ckt, wenn sich achtzigj&#228;hrige M&#228;nner wie Goldfasanm&#228;nnchen kleiden, bei denen ihre knallrote Prachtfeder nur dazu dient, Weibchen zu verf&#252;hren? Katholische W&#252;rdentr&#228;ger laufen rum, als ob sie rund um die Uhr auf Balz w&#228;ren!“</p>
<p>„Naturwissenschaftler haben herausgefunden, dass die Farbe rot beim Menschen die Weibchen sexy macht!“, sagte ich. „Nicht die M&#228;nnchen! Deswegen kleiden sich Frauen rot, wenn sie M&#228;nner verf&#252;hren wollen. Auch der Name „Rotlichtbezirk“ kommt daher.“<br />
„Na, siehst du!“, rief Alfons! „Also schaut’s im Vatikan aus wie in einem Bordell.“ </p>
<p>„Komischerweise wirkt Rot nur auf M&#228;nner erotisch!“, sagte ich. „Nicht auf Frauen. Wen wollen die katholischen W&#252;rdentr&#228;ger mit ihren roten Umh&#228;ngen also bet&#246;ren, wenn in der Kirche die Homosexualit&#228;t verboten ist?“<br />
„Verbotene Fr&#252;chte schmecken am besten!“, sagte Alfons. „Es lebe der Wahnsinn!“</p>
<div class="bildrechts"><img src="http://blog.zvab.com/wp-content/airplane.jpg" width="180" height="135" alt="Foto: Kevin Porter" title="Foto: Kevin Porter" /></div>
<p>„Dass der Wahnsinn eine Frage der Perspektive ist, erfahre ich allzu oft!“, sagte Pepino. „Grade gestern musste ich deswegen in der Arbeit blau machen, und muss die gestrige Nachmittagsschicht am Wochenende nachholen. Dabei habe ich nur mein ferngesteuertes Modelflugzeug etwas fliegen lassen. Hinten am Wald bei der psychiatrischen Klinik. Hier zwischen den H&#228;usern geht das nicht. Ich stehe also da mit der Fernsteuerung. Das Flugzeug schmei&#223;t Loopings ohne Ende, doch pl&#246;tzlich bsss! Das bl&#246;de Flugzeug fliegt davon und st&#252;rzt &#252;ber dem Klinikgarten ab. Die Verr&#252;ckten dort harken und graben mit Gartenger&#228;t rum. Ich klettere also &#252;ber den Zaun und suche im Klinikgarten im Geb&#252;sch nach meinem Flugzeug. Pl&#246;tzlich l&#228;utet es in der Klinik zum Mittagessen. Ein paar Pfleger laufen aus dem Geb&#228;ude und lassen die Verr&#252;ckten in zwei Reihen aufstellen. ‚Essen!’, rufen sie. Von meinem Flugzeug immer noch keine Spur. Da kommt ein Pfleger zu mir und packt mich am Arm. ‚Mittagessen!“, sagt er. „Hopp, hopp! In die Reihe!’<br />
‚Nein, nein!’, sag ich. ‚Ich bin nicht verr&#252;ckt! Ich such hier nur nach meinem Flugzeug!“<br />
„Ja, ja!“, sagt der Pfleger. „Aber auch der tapfere Flieger muss hamm, hamm machen!“ Erst nach zwei Stunden haben die mich rausgelassen. Das ist halt die Macht der Perspektive. Die Pfleger hielten mich f&#252;r einen Verr&#252;ckten, obwohl ich mich ganz vern&#252;nftig verhalten habe.“<br />
„Das nennst du vern&#252;nftig?“, rief Milena. „Ein Vierzigj&#228;hriger spielt neben einer psychiatrischen Klinik mit einem ferngesteuerten Flugzeug?“</p>
<p>Mit offenen M&#252;ndern starrten wir Milena an, die einzige Frau am Tisch. „Na, klar ist das vern&#252;nftig!“, rief Alfons.<br />
„Ja!“, riefen Pepino und ich. „Was sollte dran unvern&#252;nftig sein?“<br />
Zum Gl&#252;ck marschierten gerade frische Pilsner Urquell in ihren feschen wei&#223;en Papstk&#228;ppis auf. Den Marsch hat ihnen die Wirtin geblasen! „Der Mann ist der Wahnsinn in der Welt, und die Frau das Etwas Vernunft darin!“, sagte Milena frei nach Nietzsche. Und darauf stie&#223;en wir auch an.</p>
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		<item>
		<title>Italienisch f&#252;r Machos</title>
		<link>http://blog.zvab.com/2010/03/01/italienisch-fuer-machos/</link>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 08:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jaromir Konecny</dc:creator>
				<category><![CDATA[Altpapiergeschichten]]></category>
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<p>In einer Ehe kriegst du schnell raus, wer das Sagen hat. Vor allem, wenn du dreimal weniger als deine Frau verdienst. Fr&#252;her aber, Mann, fr&#252;her hatte ich vor Karin den wilden Burschen aus M&#228;hren gespielt, den Macho! Das Einzige an gesunder Ern&#228;hrung, das ich zu mir nahm, war Bier! Nix Broccoli! Ich futterte nur Leberk&#228;se und Wei&#223;w&#252;rste, bekleckerte mich mit Senf wo und wann auch immer ich wollte, und wenn mir danach war, auch mit Ketchup! Gepinkelt habe ich damals nur im Stehen! Die Spuren meines Mannesdaseins markierten die Welt! Wo sind nur diese herrlichen Zeiten meiner Selbstverwirklichung als Mann geblieben?<br />
<span id="more-3648"></span><br />
Wenn Kinder kommen, kannst du die dir von der Evolution zugewiesene Rolle vergessen! Erz&#228;hle mal deinem kleinen Sohn: „Ich kann dir nicht die Windeln wechseln, Pauli! Ich bin der Macho!“ Das Baby schreit trotzdem weiter! Au&#223;erdem verlierst du als Mann auch deine wichtigste und letzte Funktion in der Ehe: die Frau zu unterhalten. Daf&#252;r hat sich die Frau die Kinder angeschafft! Nur tragen kann Karin die Kinder nicht! Zehn Kilo unb&#228;ndige Masse in den Armen waren f&#252;r sie zu viel. Diese wichtige Funktion konnte nur ein gestandener Mann &#252;bernehmen. Mein Ansehen in der Familie stieg dadurch enorm. Unser Paul zum Beispiel schlief nur beim Tragen ein. Tag f&#252;r Tag f&#252;nf Stunden lang Paul in den Schlaf tragen! Nach vier Stunden erlahmte langsam Pauls Entdeckerdurst, er musste nicht mehr aus dem Fenster im Schlafzimmer gucken, gleich danach den Sch&#252;sselbund am Haken in der K&#252;che anfassen, um mich anschlie&#223;end wie einen Packesel ins Wohnzimmer zu treiben und schreien: „Pajme! Pajme!“ Ja, Pauli! Dort steht die die gro&#223;e Palme! Mamas Lieblingspflanze! Siehst du? Bl&#228;-tter! Die kannst du jetzt sch&#246;n rupfen, wenn Mama nicht da ist. Mama wird sich sicher freuen dr&#252;ber!“ Endlich! Paul legte sein K&#246;pfchen auf meine Schulter. Nach einer weiteren halben Stunde streichelte sein Atem mein Ohr im Takt eines Wiegenlieds. Jetzt ihn nur langsam und vorsichtig ins Bettchen legen, so… und… die zum Schlafen unnat&#252;rliche Liegelage im Bett riss Paul sofort aus dem Schlummer. Weitere zwei Stunden Laufen, von einem Zimmer ins andere, mit Paul in den Armen! Weil ich Paul so exzessiv getragen habe, wurde ich seine wichtigste Bezugperson. Er sagte, „Mama“, zu mir. </p>
<p>„Ich nicht Mama, Pauli!“, sagte ich. „Dort Mama! Siehst du? Mama liest, Papa tr&#228;gt!“<br />
„Mama tlagen!“, sagte Pauli. Irgendwie konnte ich ihm die Geschlechterrollen nicht klar machen. Die vollst&#228;ndige Kapitulation und die Selbstaufgabe als Mann belasteten mich aber zunehmend. Wie konnte ich wieder zu dem Macho werden, der ich fr&#252;her mal gewesen war? Und dann sah ich in der Glotze Eros Ramazotti! Sofort entschloss ich mich, heimlich italienisch zu lernen. Wenn ich bei unserem n&#228;chsten Urlaub in der Toskana mit dem Kellner in der Pizzeria auf Italienisch zu palavern anfange, wird Karin vor lauter Bewunderung vom Stuhl fallen und mich wieder als das wahrnehmen, was ich in meinem Wesen bin: Ein Mann, verdammt! Die St&#252;tze der Frau! Macho, aber lieb!</p>
<p>In drei Monaten hatte ich das ganze <em>Italienisch f&#252;r B&#252;ffelmuffel</em> durch. Mann! War ich stolz auf mich! Und dann kam endlich unser erstes Urlaubsabendessen in Principina. Karin staunte nicht schlecht, als ich f&#252;r uns auf Italienisch Pizza bestellte und mit dem Kellner ein paar frauenfeindliche Witze riss. Sah ich da einen Hauch von Bewunderung in ihren Augen? Nach dem Essen wollte Karin auf der Terrasse unserer Mietwohnung lesen. Ich ging mit den Jungs zum Strand. Wahnsinn! Nach Jahren als Schlappschwanz f&#252;hlte ich mich wieder wie ein Macho vor Gott!</p>
<p>„He, Adam! Hol mir ein Capuccino vom Kiosk! Subito presto!“ Paul stand auch von seiner Sandbaustelle auf! „N&#246;! Du gehst nicht mit, Pauli! Du kannst weiter buddeln! Aber nur in die Tiefe, damit du nicht verloren gehst. He, he, he!.. Wie? Du willst einen Schnuller? So ein gro&#223;er Mann von zwei Jahren? Warte, bis Adam zur&#252;ck ist, dann bekommst du etwas von dem Capuccinoschaum! Das beruhigt auch!“ Unweit von uns guckten zwei h&#252;bsche italienische Damen dem Sonnenuntergang zu. Paul warf seinen Gummiball direkt unter ihre Liegen. „Buona sera!“, sagte ich zu den Damen. „Mio ballo!“<br />
„Parlo tedesco!“, sagte eine der Damen.<br />
„Ach, Sie verstehen Deutsch?“<br />
„Ja, ich habe mal in Hamburg gearbeitet!“, sagte die Sch&#246;ne. Wie gef&#228;llt Ihnen der Urlaub bei uns?“<br />
Und da packte mich der Gr&#246;&#223;enwahn! „Ich bin nicht im Urlaub!“, sagte ich. „Ich schreibe hier eine Reportage!“<br />
„&#220;ber uns Italiener?“<br />
„&#220;ber die italienischen M&#228;nner!“, sagte ich. „In meiner Zeitung bringt man eine Serie &#252;ber die heutigen Geschlechterrollen. ‚Du bist doch auch so ein Macho, Jaromir!’, hat mein Chefredakteur gesagt. „Fahr nach Italien und schreibe etwas &#252;ber die italienischen M&#228;nner!“<br />
„Sind Sie wirklich ein Macho?“, fragte die Dame. „Ich dachte, die deutschen M&#228;nner k&#228;mpfen eher f&#252;r die Gleichberechtigung der Frau!“<br />
„Ich bin Tscheche!“, sagte ich.</p>
<p>„Setzen Sie sich doch zu uns!“, sagte sie. Mann, oh, Mann! Ich wusste es! Als Macho kannst du die Frauen immer beeindrucken! Ich warf einen Blick auf Paul. Nanu? Hoffentlich kein Stress in Anmarsch! An Paul vorbei lief eine Katze. Verdammt! Gott! Lass Paul die Katze nicht entdecken! Als Stadtkind hatte Paul eine irre Angst vor freilaufenden Katzen und Hunden. Aber da br&#252;llte Paul schon und lief zu mir. „Keine Angst, Pauli!“, rief ich. „Die Katze mag auch nur Milch!“ Aber Paul rannte, als ob ihn ein Rudel W&#246;lfe verfolgen w&#252;rde. „Mama!“, kreischte er. „Mama!“</p>
<p>Die zwei Signoras kriegten einen Lachanfall! „Mama?“, riefen sie und zeigten auf mich. „Mama! Macho! Hehehe!“ So endete meine glorreiche aber kurze Karriere als Macho. Doch wenn Paul mal gro&#223; ist, Mann, wenn Paul gro&#223; ist, lasse ich noch mal die Macho-Sau raus! Und bis dahin versuche ich, etwas mehr italienisch zu lernen.</p>
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