Die schönen Seiten der Globalisierung
von Jaromir Konecny
Foto: Reinhard Heßlöhl
Gott ist allmächtig und allwissend und somit wusste er, wozu der Mensch evolvieren würde: Zum globalisierten Vegetarier! Um das ökologische Gleichgewicht zwischen Pflanze und Tier, zwischen Beute und Jäger, auf Erden zu halten, hat sich Gott etwas ganz Ausgefallenes ausgedacht: Wurstsalat! Immer, wenn ich Vegetarier werden will, denke ich nur kurz daran, auf Wurstsalat verzichten zu müssen und bekomme Panik! Ein Wurstsalatschmaus ist das Körper-und-Geist-Erlebnis schlechthin – die Wurstwellness!
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Omas Hahn am Tag der Arbeit
von Jaromir Konecny
Auch im Urlaub auf einem Dorf in Mähren musst du erfahren, dass wir längst unsere alte Welt für die neue, virtuelle ausgetauscht haben. „Unser dreijähriger Sohn Adam, das Stadtkind, flitzte aus dem Hühnerstall, hielt ein Ei hoch und brüllte: „Papa, die Eier macht man nicht in der Fabrik!“
„Nein!“, sagte ich. „Die werden von den Hennen gelegt!“
„Von der da?“, fragte Adam und zeigte auf den Hahn, der auf dem Misthaufen herumstolzierte.
„Nein! Das ist der Hahn! Der legt keine Eier!“
„Und was macht der Hahn?“, fragte Adam. Tja! Was macht eigentlich der Hahn? Ich ging in die Felder hinter den Häusern, kletterte auf einen Strohschober und dachte an die alten Zeiten im sozialistischen Mähren. Als noch allen Kindern auf der Welt klar war, wozu der Hahn gut sei.
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Männer auf der Kirmes
von Jaromir KonecnyDer Mann ist ein erfinderisches Geschöpf, wenn’s darum geht, geistige Sachen mittels geistiger Getränke in geistlose Abgründe zu führen. Der Fastenschank zum Beispiel, der letzte Ausschank von Alkohol, hat früher die christliche Fastenzeit eingeleitet, die den Körper fürs Spirituelle reinigen sollte. Die Fastenzeit und das Spirituelle spart man sich mittlerweile, der Fastenschank aber ist uns als Fasching erhalten geblieben, eine jetzt grundlose Sauferei, die jeder Spiritualität spottet. Jahr für Jahr artet somit eine christliche Tradition zu einem mittels Alkohol enthemmten heidnischen Fest aus.
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Eine Frau mit Buch
von Jaromir KonecnyEine Frau mit Buch macht mich an. Wenn ich eine Frau mit Buch sehe, muss ich am Abend kein Bier trinken. Nach einer Frau mit Buch brauche ich keine anderen Drogen. Wegen einer Frau mit Buch streune ich wie ein Wahnsinniger durch Buchhandlungen, Buchmessen und Bibliotheken. Das Schlimmste für mich wäre wohl, wenn Männer wieder zu lesen anfangen und Frauen aus den Buchhandlungen verschwinden würden. Aus der U-Bahn ist eine Frau mit Buch bereits verschwunden. Leider nimmt dich eine Frau mit Buch gar nicht wahr – sie hat an ihrem Buch ja Ersatzbefriedigung genug. Damit mich eine Frau mit Buch wahrnimmt, bin ich Schriftsteller geworden. 20 Jahre lang hab ich mit diesem Scheißschreiben verbracht, bis mir klar wurde, dass für eine Frau mit Buch nur ein berühmter Schriftsteller von Interesse ist. Eine Frau mit Buch liest ja keine Bücher unbekannter Autoren, wie du einer bist. Eine Frau mit Buch nimmt nur das große Ding von Philip Roth oder John Irving oder Günter Grass in die Hand, und nicht dein Mickriges, an dem kein Bestsellerorden hängt, du Versager, du!..
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Mein Irrglaube an den Janoschik
von Jaromir Konecny
Den Reichen zu nehmen, um die Armen zu beschenken, empfand die Volksseele noch im ausgehenden Feudalismus als eine vornehme Tat. Räuber wie Robin Hood, den Slowaken Jánošík oder sogar den Schinderhannes verehrte das Volk wie Helden. Gegen diesen Irrglauben musste sich der anbrechende Kapitalismus wehren: Das Eigentum eines Milliardärs ist unantastbar! Und muss hemmungslos weiter wuchern! Wie sollte man aber die ehemaligen Untertanen schröpfen, nachdem sie sich einiges an Menschenrechten erkämpft hatten? Eine legale Großraubinstitution musste her! Und so entstand die Börse. Immer, wenn die Leute etwas Geld einsammeln, wird mittels Börse das mühsam Ersparte geschoren. Das heißt dann der Börsenkrach. Dieser leitet eine grandiose Ausbeutung breiter Bevölkerungsschichten ein – die Finanz- und die Wirtschaftskrise. Gerade im letzten Jahr hat mir meine Bank meinen Dispokredit aberkannt. “Ihre Bonität hat sich geändert, Herr Konecny!”, hat mir damals der Bankberater mit einem Lächeln gesagt. Wie stolz war ich gleich in diesem Jahr, dass ich mit Hilfe der Regierung der Bank selbst etwas Geld leihen konnte. Obwohl sich ihre Bonität auch krass geändert hatte.
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„Das Papier mein Acker, die Feder mein Pflug“ – wie ein Rektor aus Böhmen in die Moderne aufbrach
von Carsten Tergast
Cover der Ausgabe mit
Holzstichen von Wilfried Blecher
(erschienen 1963 im
Gütersloher Verlagshaus)
Darf man jemanden einen Dichter nennen, der nur ein einziges Werk verfasst hat? Und jemanden als „vergessen“ bezeichnen, mit dem sich die Gelehrten bis heute immer wieder befassen? Man darf, wenn es um einen Dichter geht, der – gleichwohl Gegenstand der akademischen Forschung – doch nicht im Bewusstsein derjenigen verankert ist, die die Literatur in all ihren heutigen Formen, Farben und Themen lieben, obwohl all diese Formen, Farben und Themen ohne die Grundlegung in seinem einzigen Werk vielleicht anders aussehen würden.
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Der freie Wille der Kneipenphilosophen
von Jaromir KonecnyEine Weihnachtsgeschichte

Die alte Linde ächzt unter Zentnern von Schnee. Eine Schar Kinder schiebt ihre Schlitten die Straße hinauf zur Kapelle des Heiligen Johann, um eine Viertelstunde später wieder nach unten zu rasen, bis zum eingefrorenen Fluss. Hier streut man erst, wenn die Kinder den ersten Schönschnee zu Eis gefahren haben. Sogar ein Schellenschlitten kündigt sich mit seinem Läuten an. Hoffentlich rückt nicht wieder mal der Großvater Frost aus Russland an, um das Jesuskind aus der Stillen Nacht zu prügeln. Nein! Jetzt waltet der Winter in Mähren, nicht der Prager Frühling! Keiner nimmt dir dein Weihnachtsglück! Deine neue Heimat Deutschland liegt weit weg – München hockt auf dem Gipfel der gezuckerten Zugspitze. Du bist zu Hause! Durch das Fenster deiner alten Stammkneipe beguckst du die Schönheit der mährischen Weihnacht und erweiterst dein Bewusstsein mit Bier der Marke Radegast – nach einem Slawengott benannt. In Mähren ist jedes Glas Bier eine Opfergabe an Gott! Ja! Hier sind auch Götter Biertrinker, saufen öffentlich und aus Freude und nicht heimlich und vor lauter Frust über ihre Schäfchen wie der Gott der Katholiken, zu dem die Leute in Mähren auch gehören. Dass unser katholischer Gott hin und wieder besoffen irgendwo rum liegt, ist wohl klar – sonst ist manches in der Welt nicht zu erklären. Heiliger Abend am Vormittag in Mähren!
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Die schöne neue Welt der falschen Nikoläuse
von Jaromir Konecny
Nikolauskostüme aus Prerov,
Tschechien (Foto: Pazuzu)
Die Kommunisten in Mähren haben eine ganz perfide Art der antireligiösen Aufklärung betrieben. Zum Beispiel durften am Nikolaustag der Nikolaus, ein Engel und zwei Teufel in einem Pferdeschlitten von Haus zu Haus fahren und Geschenke bringen. Der Nikolaus in seinem Bischofsmantel, sich auf den zwei Meter langen Hirtenstab stützend… Das Schönste am Nikolaus freilich ist die Mitra – seine Bischofsmütze, die wie ein gegrillter Hühnerarsch ausschaut. Um diesen knusprigen „Bischof“ streitet in Mähren der Sohn mit dem Vater, wenn’s Grillhendl zum Essen gibt. Die Mutter mag keine Hühnerärsche.
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Blondinen und das Wahlrecht
von Jaromir Konecny
DNS-Strang
(www.genome.gov)
An der TU München ist es mir als Tscheche in Deutschland gut gegangen. In meiner Doktorarbeit erforschte ich ein so obskures Wissensgebiet, dass die Menschheit damit nicht einmal in tausend Jahren würde etwas anfangen können. Leider ging diese schöne Zeit langsam zu Ende – man wollte mich endgültig in die freie Wirtschaft entlassen und ich musste mich auf unerfreuliche Bewerbungsgespräche einstellen:
„Worum ist es denn in Ihrer Dissertation gegangen?“
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Fifi poppt den Elch
von Jaromir Konecny
Jana konnte in einem Mann seine besten Eigenschaften zum Leben erwecken. Und seine schlimmsten! Schon ihr Name! Jana – Johanna, die Jungfrau von Kiel, die Heilige! Schön und rein, doch mit einem Körper, der dich zu solch sündigen Gedanken verführte, dass dir nach einer Begegnung mit ihr nur Gebet und Buße übrig blieben! (Weiterlesen …)
25. August 2008Wer ist hier der Schriftsteller, verdammt?
von Jaromir KonecnyZur Feier des Erscheinens meiner Mährischen Rhapsodie in Tschechien traf ich einige tschechische Freunde in Ostrava in einem Biergarten. Dort lernte ich Pepino kennen, einen hochgeschossenen Langhaarigen. „Ich könnte nie Schriftsteller sein!“, sagte Pepino und nahm einen Schluck von seinem Pilsner Urquell. „Mir passieren nur krasse Sachen! Die kauft mir keiner ab! Aber das Leben ist eben unglaubwürdig, verdammt noch mal!“
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Der kopflose Ritter der Moderne
von Jaromir KonecnyDie Bafler sind meinem genialen Landsmann Bohumil Hrabal nach Leute, „gegen die unaufhörlich ein Ozean zudringlicher Gedanken anbrandet“. Aus diesem Ansturm rettet sich der Bafler durch das Bafeln – einen Rederausch ohne Gleichen, in dem er maßlos übertreibt, vergrößert, verschiebt und verkehrt. „Der Bafler sieht die Wirklichkeit durch das diamantene Auge seiner Phantasie“, schreibt der große Bafler Bohumil Hrabal. „Ich bin ein durch Lachen entbluteter Stier, dem jemand das Gehirn wie ein Eis auslöffelt.“ (Weiterlesen …)
9. Juni 2008

