Hanns-Martin Wietek

Alle Artikel von Hanns-Martin Wietek
Petr Alekseevic Kropotkin – Fürst und Anarchist

Fürst und Anarchist, dieser Widerspruch klingt schon seltsam genug. Aber Pëtr Alekseevič Kropotkin war noch mehr.
Er war – aus einem der ältesten Adelsge- schlechter Russlands stammend – Kammerpage seiner Majestät des Kaisers Alexander II., Offizier der Berittenen Amur-Kosaken in Sibirien, oro- und kartografischer Forscher in Sibirien und Finnland (dessen Erkenntnisse noch heute Gültigkeit besitzen) und als Wissenschaftler Sekretär einer Sektion der Russischen Geo- grafischen Gesellschaft (deren Gesamtvorsitz
er ablehnte, da er sich entschlossen hatte, gesellschaftlich tätig zu werden), er war Reformer, er war Gefangener in der Peter-Pauls-Festung, er war Revolutionär, er war als Sozialist Theoretiker des Anarchismus und er war Schriftsteller. (Weiterlesen …)
Anton Pawlowitsch Tschechow
Versuch eines Porträts
Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, seine Zweifel am Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Größe hat von stiller, bescheidener Größe so viel.
Thomas Mann
Über Anton Pawlowitsch Tschechow (Anton Pavlovič Čechov), einen der größten russischen Schriftsteller, dessen Werke bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist viel geschrieben worden. Es gibt viele ausführliche und detaillierte Beschreibungen seines Lebens und seines Schaffens (siehe Literaturangaben), nicht zuletzt Peter Urbans Čechov Chronik und der erst kürzlich im Internet erschienene exzellente Artikel von Alexander Savin et al.
Die wohl treffendste Besprechung Čechovs, seiner literarischen Entwicklung und seiner Zeit ist bei einem Zeitgenossen, dem Anarchisten Fürst Pëtr Alekseevič Kropotkin (*1842, †1921), in einem kurzen Kapitel seiner russischen Literaturgeschichte Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur nachzulesen. (Weiterlesen …)
Weihnachten in einer anderen Welt – in Russland
Eine Weihnachtsgeschichte
Um 22 Uhr soll am 6. Januar 1993 die Christmette beginnen und schon jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kathedrale des russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Bogojavlenskij sobor v Jelochove, brechend voll. 3.000 Men- schen haben in ihr Platz und dennoch stehen Jung und Alt dicht gedrängt – in den russisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Bänke und Stühle – und viele werden außerdem die ganzen vier Stunden draußen vor den weit geöffneten Toren in Schnee und Kälte ausharren müssen. (Weiterlesen …)
Dmitri Mamin-Sibirjak, „der Sibirer“, und Pjotr Boborykin, der vergessenste Schriftsteller seiner Zeit
Ob sie Oden an den Herrscher geschrieben, versteckte oder heftige Kritik an den Herrschern geübt oder journalistisch berichtet haben, ob sie ihre Meinung gefühlvoll, mit feiner Ironie und Satire, brutal und derb oder sachlich aufzeigend vertraten, ob sie aus dem Adel kamen, aus dem einfachen Volk, dem geistlichen Stand oder ob sie Wissenschaftler waren, ob ihr Thema das Bauerntum, der Adel, die Herrscher oder der europäische Westen war – immer sind die russischen Schriftsteller Chronisten ihrer Zeit, ja, quasi das Gewissen der russischen Volksgemeinschaft gewesen und das wollten sie auch sein, denn eine auch nur annähernd erfolgreiche politische Opposition gab es in Russland nie. (Weiterlesen …)
Kaiser Alexander III. – Der Anfang vom Ende
Alexander II.
Als am Ende des „finsteren Jahrsiebts“ 1855 Nikolaus I. starb, atmete ganz Russland auf. Sein Sohn Alexander II. folgte ihm auf dem Thron. Dessen Erzieher und Lehrer war der frühromantische Dichter und Übersetzer (von Goethe, Schiller, Hebel) Wassili Schukowski (*1783, †1852) gewesen, der die aufgeklärten, humanistischen Ideen des europäischen Westens im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon (1812) kennengelernt und schon 1822 die Leibeigenschaft auf seinem Landgut abgeschafft hatte. Alexander II. – weiterhin von Schukowski beraten – war von dessen liberalen Vorstellungen geprägt, als er seine Regentschaft begann; die Aufhebung der Leibeigenschaft war eine seiner ersten Reformen. Nach einem Attentatsversuch 1866 nahm er zwar vorübergehend eine restriktivere Haltung ein, doch schließlich erkannte er trotz (oder wegen) eines weiteren Attentats, dass Russland nur durch eine Liberalisierung vorangebracht werden konnte, und begann, noch radikalere Reformen einzuleiten. 1881 kam Alexander II. bei einem Bombenanschlag ums Leben; noch am Morgen hatte er die Bildung eines Ausschusses angeordnet, der die Mitwirkung der öffentlichen Meinung an der Gesetzgebung einführen und festschreiben sollte – ein großer Schritt hin zur Demokratie, der dann aber unterblieb.
Sein Tod war eine Tragödie für Russland.
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Dostojewski am Ziel seiner Träume

Fjodor M. Dostojewski
kurz vor seinem Tod
Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski am 1. Februar 1881 auf dem Friedhof des Alexander-Newskij-Klosters in St. Petersburg beigesetzt wurde, war der Trauerzug, der ihn begleitete, über zwei Kilometer lang – ca. 60 000 Trauergäste gaben ihm das letzte Geleit.
Erst zehn Jahre zuvor war er als zwar anerkannter, aber von Literaturkritik und Publikum hinter Tolstoi und zu seinem Leidwesen auch hinter seinem Intimfeind Turgenjew eingereihter Schriftsteller wieder nach Russland zurückgekehrt, wirtschaftlich am Boden liegend und von seinen Gläubigern verfolgt. (Weiterlesen …)
Dostojewskis stürmische Jahre
Endlich war es soweit: 1859 konnte Fjodor Michailowitsch Dostojewski nach St. Petersburg zurückkehren. Es war jedoch nicht mehr das St. Petersburg, das er verlassen hatte; in den zehn Jahren seiner Abwesenheit hatte sich Entscheidendes verändert. Vorbei war es mit der bleiernen Friedhofsruhe unter Nikolaus I.: Russland hatte die Erfahrung des verlorenen Krimkrieges gemacht; mit Alexander II. war ein liberaler Kaiser an der Macht; Reformen waren angekündigt und teilweise schon durchgeführt; die Aufhebung der Leibeigenschaft stand vor der Tür; über hundert Zeitungen waren neu gegründet worden und die Pressezensur war zwar nicht aufgehoben, aber doch erheblich abgeschwächt worden – Land und Leute und vor allem die Schriftsteller atmeten auf.
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Fjodor Michailowitsch Dostojewski – vom Saulus zum Paulus

Das Straflager in Omsk
Am 24. Dezember 1849 trat Fjodor Michailo- witsch Dostojewski mit Ketten an den Beinen auf einem offenen Pferdeschlitten seine „Reise“ in die vierjährige Verbannung nach Sibirien an, in ein Zuchthaus und Straflager bei Omsk (Südwestsibirien). Sehr bedeutsam für sein Leben sollte auf dieser „Reise“ ein Treffen mit Natalja Fonwisina werden, eine der Dekabristenfrauen, die ihren Männern 1825 in die sibirische Verbannung gefolgt waren. Sie lebte in Tobolsk (etwa 600 km vor Omsk), besuchte mit anderen Dekabristenfrauen den Gefangenentransport und schenkte dem revolutionären Sozialisten Dostojewski bei dieser Gelegenheit das Neue Testament. Während der vier Jahre Straflager war dies das einzige Buch, das er lesen durfte; er sollte es für den Rest seines Lebens immer bei sich tragen und es sich noch auf dem Sterbebett geben lassen. (Weiterlesen …)
Brief an Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Dostojewski … … Fjodor Michailowitsch! – почему? – warum? – … … … … – was soll man über Dich, Du größter aller Romanschreiber dieser Welt, noch schreiben, was noch nicht geschrieben wäre? Die Wissenschaft hat Deine Werke zerpflückt, zerfieselt bis ins letzte Komma – und alles Mögliche herausgefunden und hineingelegt – Richtiges und Falsches … … oft das, was sie finden wollte … … und oft genug hat sie nur irgendeinen Teil von Dir angeschaut … … seziert – Freud hat sogar Deine Psyche seziert! … … die einen fanden in Dir das … … die anderen das Gegenteil … … „was hat er dabei gedacht?“ – „was hat er damit sagen wollen?“ tönt es … … hat je jemand gefragt: „was hat er dabei gefühlt?“ … … Dass Du ein Spieler warst, dass Du Schulden hattest, wird erwähnt – mit Verständnis für Deine Gläubiger, die Dich gejagt haben – aber – t-t-t-t – so etwas tut man aber auch nicht, hast schon ein bisschen selber Schuld! …. Aber, was hast Du gefühlt, als Du wieder einmal sahst, dass sich Dein Geld wieder einmal – warum auch immer – in Rauch aufgelöst hatte? … … wie war es, zu schreiben mit dem unerbittlichen Abgabetermin im Nacken, um nicht zu verhungern? … … was fühltest Du, wenn Du wieder einmal Deine Liebe NICHT gefunden hattest? … … was fühltest Du, als Du merktest, dass Du spielen musstest, um Großes zu schreiben? – es gab die Zeit, erinnere Dich … … an den Tod Deiner Kinder will ich Dich lieber nicht erinnern, von Deiner Hinrichtung und den schlimmsten Jahren danach gar nicht sprechen … … Selbst große Geister verstummen einfach devot vor Deinem Werk – fast keiner fragt, wie’s Dir ging, als Du dies oder jenes schriebst.
Also, sprich! … WER WARST DU – heute, ich weiß, bist Du ein Gott – wer warst Du, Mensch?
Warst Du ein Genie? … oder … ein Psychopath? … ein Süchtiger? … ein Revolutionär? … ein Gottsucher? … oder warst Du vielleicht nicht doch einfach nur ein Mensch mit wachem Auge und der Gabe, die Brücke zum Leser zu finden – was, wie ich weiß, nicht wenig ist.
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Pawel Iwanowitsch Melnikow – Chronist der Altgläubigen

Cover von Na gorach
(dt. In den Bergen),
das nicht in deutscher
Übersetzung vorliegt
Pawel Melnikow war ganz gewiss kein Systemkritiker geschweige denn ein Revolutionär. Ganz im Gegenteil, er war ein – so würde man heute sagen – regierungstreuer, rechtsliberaler Beamter und er starb – darin sind sich alle Quellen einig – „nach einem ruhigen Lebensabend“ im Bett (und zwar am 1. jul / 13.greg Februar 1883 in Nishni Nowgorod).
Seine einzige „Unbotmäßigkeit“ bestand wohl darin, dass er während seines Studiums an einer Studentenfeier teilnahm. Er wurde deswegen nach seiner Promotion für unwürdig gehalten, einen Lehrstuhl für slawische Mundarten zu besetzen.
Aus Melnikows Leben gibt es ansonsten wenig herausragende Ereignisse zu berichten. Die wenigen, die überliefert sind, sind dazu noch – je nachdem von welch politischer Couleur die Berichterstatter waren – unterschiedlich berichtet und gewichtet worden. (Weiterlesen …)
Wladimir Galaktionowitsch Korolenko – der erste russische Menschenrechtler
Ich erinnere mich noch aus der Zeit, wo ich schon ein ziemlich bewusstes geistiges Leben führte, eines bezeichnenden Falls…
Vor das Kreisgericht war der Prozess zwischen einem reichen Gutsbesitzer, Grafen E., und seiner armen Verwandten, wenn ich nicht irre, der Witwe seines Bruders, gekommen. Der Graf war ein großer Herr mit mächtigen Konnexionen, Mitteln und Einflüssen, die er auch rührig ins Werk setzte. Die Witwe verfocht ihren Anspruch kraft des ,Armenrechts’, ohne Stempelgebühren zu zahlen.
Man prophezeite, dass sie verlieren würde, da der Rechtsfall immerhin verwickelt war, von des Grafen Seite aber ein kräftiger Druck auf das Gericht ausgeübt wurde. Vor der Entscheidung sprach der Herr Graf bei uns in eigener Person vor; seine wappengeschmückte Kutsche hielt zwei- oder dreimal vor unserem bescheidenen Häuschen, und sein langbeiniger Heiduck in Livree stelzte vor unserer windschiefen Treppe auf und ab. Die ersten beiden Male beobachtete der Graf eine majestätische und vorsichtige Haltung, und der Vater schob nur kühl und förmlich seine Tastversuche zurück. Beim dritten Besuch jedoch war der Herr wahrscheinlich mit einem direkten Anerbieten herausgerückt. Der Vater brauste plötzlich auf, warf dem hohen Herrn einen unparlamentarischen Ausdruck an den Kopf und klopfte dabei heftig mit dem Stock auf den Boden. Der Graf verließ Vaters Zimmer hochrot vor Wut, Drohungen murmelnd, und bestieg eilig wieder seine Kutsche.
Auch die Witwe war ein paarmal gekommen, wiewohl der Vater diese Besuche nicht sonderlich liebte. Das arme Weib setzte sich in seinen Trauergewändern, mit verweinten Augen, bedrückt und schüchtern zu meiner Mutter, erzählte ihr etwas und weinte. Die Ärmste glaubte, sie müsse dem Richter immer noch etwas auseinandersetzen. Wahrscheinlich waren es bloße Lappalien, denn der Vater winkte mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Redensart ab: ,Ach was! Belehre Kranker den Medikus! Alles wird gemacht, wie das Gesetz es vorschreibt.’
Der Prozess wurde zugunsten der Witwe entschieden, wobei alle Welt wusste, dass dies ausschließlich der Festigkeit meines Vaters zu danken war. Der Senat bestätigte diesmal die Entscheidung unerwartet schnell, und die armselige Witwe war plötzlich eine der reichsten Gutsbesitzerinnen des Kreises, wenn nicht gar des Gouvernements geworden.
Als sie wieder vor unserem Hause, diesmal in eigener Kalesche, erschien, war die frühere kümmerliche Bittstellerin kaum zu erkennen. Ihre Trauer war zu Ende, sie schien beinahe verjüngt und strahlte vor Glück. Der Vater nahm sie sehr freundlich mit jenem Wohlwollen auf, das wir Leuten gegenüber zu fühlen pflegen, die uns stark verpflichtet sind. Als sie aber ein Gespräch »unter vier Augen« erbeten hatte, trat sie bald aus Vaters Zimmer mit gerötetem Gesicht und verweinten Augen. Die gute Frau wusste, dass die Wendung in ihrem Schicksal gänzlich an der Festigkeit, man kann beinahe sagen an dem Heroismus dieses schlichten lahmen Mannes gehangen hatte. Und nun durfte sie ihm nicht einmal irgendwie ihre Erkenntlichkeit zeigen.
Sie war bekümmert, ja gekränkt. Am Tag darauf kam sie wieder, als mein Vater im Dienst, die Mutter aber zufällig fortgegangen war, und schleppte einen Haufen verschiedener Stoffe und Waren her, die sie auf allen Möbeln in unserem Wohnzimmer aufstapelte. Unter anderm rief sie mein Schwesterchen heran und gab ihm eine riesige herrlich gekleidete Puppe mit blauen Augen, die sich schlossen, wenn man die Puppe schlafen legte. Die Mutter kriegte keinen geringen Schreck, als sie der Bescherung ansichtig wurde. Als aber der Vater vom Dienst kam, brach in unserer kleinen Wohnung eines der heftigsten Gewitter los, deren ich mich entsinnen kann. Er erging sich in Schimpfworten über die Witwe, überhäufte die Mutter mit Vorwürfen und gab nicht eher Ruhe, bis ein Handwägelchen vor der Treppe erschien, auf das sämtliche Geschenke aufgeladen und zurückgeschickt wurden.
Dabei stellte sich jedoch eine unerwartete Schwierigkeit heraus: Als die Reihe an die Puppe kam, legte mein Schwesterchen entschiedenen Protest ein, und dieser Protest nahm so dramatische Formen an, dass Vater nach einigen Versuchen, wiewohl mit großer Unzufriedenheit, nachgab.
‚Durch euch bin ich also doch ein käuflicher Kerl geworden’, brummte er ärgerlich und verschwand in seinem Zimmer.
Solches Gebaren wurde damals allgemein für zwecklose Marotte angesehen.
Angeklagt! Nikolai Gogol und Nikolai Leskow – „geistige Väter“ der Finanzkrise?
hanns-martin wietek / Moskau – Wie aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen der russischen Regierung verlautet, soll der berühmte russische Schriftsteller Nikolai Gogol vor dem Internationalen Gerichtshof als geistiger Vater der weltweiten Finanzkrise angeklagt werden. Mit seinem weltberühmten Roman Die Toten Seelen (1842) habe er die Akteure der von der USA ausgehenden Finanzkrise inspiriert, ja mehr noch, ihnen einen „Arbeitsplan“ geliefert. Mitangeklagt werde Nikolai Leskow, der in seiner Erzählung Das erlesene Korn (1884) den Tathergang noch genauer vorgeschlagen und damit noch größere kriminelle Energie gezeigt habe (s. u.). In beiden Fällen geht es um Betrug durch den Verkauf nicht existierender Ware, im heutigen Sprachgebrauch „Leerverkäufe“ genannt.
Die russische Regierung ist noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen und behält sich rechtliche Schritte gegen die Anklage vor. Man werde aber die Angeklagten keinesfalls ausliefern, heißt es aus Moskau. (Weiterlesen …)



