Carsten Tergast

Alle Artikel von Carsten Tergast
Eine Mischung aus Kant und Chaplin
Anonymus ist ein immer wieder gerne benutztes Pseudonym, wenn der Verfasser eines Textes – aus welchem Grund auch immer – nicht erkannt werden will. Dass einer das irgendwie langweilig findet, das Wörtchen “anonym” einfach umdreht und dann als Mynona Literaturgeschichte schreibt, ist allerdings einzigartig.
(Weiterlesen …)
So genial wie maßlos – Hans Henny Jahnn, der große Außenseiter in der deutschen Literatur
Vor einiger Zeit war der Dichter Oskar Loerke Gegenstand dieser Kolumne, die der Würdigung fast vergessener Autoren gewidmet ist (hier geht’s zur Kolumne über Oskar Loerke). Doch Loerke schrieb nicht nur selbst, er goutierte auch, was andere schrieben, und überreichte sogar Preise dafür. So beispielsweise im Jahr 1920, als der nicht gerade unwichtige Kleist-Preis für ein völlig unbekanntes Buch eines völlig unbekannten Schriftstellers verliehen wurde. Das Buch hieß Pastor Ephraim Magnus, der Autor Hans Henny Jahnn.
(Weiterlesen …)
Überzeugung und Tatkraft – Franz Jung
Beginnen wir mit einem Zitat:
Ein Autor expressionistischer Prosa, Mitbegründer von Dada Berlin. Kriegsfreiwilliger, Deserteur, linksradikaler Aktivist. Terrorist und Häftling – fünfmal im Gefängnis, einmal im KZ, einmal zum Tod verurteilt. Promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Fabrikdirektor in der Sowjetunion, Börsenkorrespondent, Unternehmer, Mäzen Brechts. Säufer; gelegentlich schwere Depressionen. Dreimal verheiratet. Lebte u.a. in Schlesien, München, Berlin, Petrograd, Wien, Genf, Budapest, Italien, San Francisco, Paris. Starb 1963 in einem Stuttgarter Krankenhausbett, 74 Jahre alt. (Weiterlesen …)
Kein Sinn im Leben außerhalb der Kunst – Wilhelm Lehmann, Großmeister der Naturlyrik
1923 erhält Robert Musil den Kleist-Preis. Doch nicht nur er, sondern noch ein weiterer Zeitgenosse wird von Alfred Döblin in diesem Jahr mit dem renommierten Preis geehrt: ein gewisser Wilhelm Lehmann, dessen Name heute selbst bei fleißigen Lesern im Gegensatz zu Musil und Döblin vor allem Achselzucken hervorrufen dürfte. (Weiterlesen …)
„der Poet ein Lumpensammler“ – Jörg Fauser, Wirklichkeitssucher im Rausch
Darf man in dieser Rubrik über jemanden schreiben, der gerade erst durch eine frisch abgeschlossene Werkausgabe geehrt worden ist? Ich denke, man darf, wenn es sich um einen Autor handelt, der trotz seiner überragenden Bedeutung für die deutsche Nachkriegsliteratur bis heute eher eine Sache für Eingeweihte geblieben ist und der wohl nie mit dem Bekanntheitsgrad deutscher Großschriftsteller wird konkurrieren können.
(Weiterlesen …)
„Eine kluge Frau hat Millionen Feinde – alle dummen Männer.“ Marie von Ebner-Eschenbach als poetische Vorbotin der Gleichberechtigung.

Im Riesenreich des Kaisers Franz-Joseph wuchs sie nach ihrer Geburt1830 vorwiegend im mährischen Teil auf, verbrachte jedoch auch einen Teil der Kindheit im Zentrum der habsburgischen Monarchie, in Wien. Die frühen Jahre von Marie von Ebner-Eschenbach spielten sich zwischen zwei Sprachpolen ab: Französisch war die Sprache ihrer Familie, Tschechisch die von Amme, Kinderfrau und Gesinde, die für ihr Aufwachsen nicht ohne Bedeutung waren. Nachdem die Mutter kurz nach der Geburt gestorben war und Marie mit nur sieben Jahren auch die erste Stiefmutter verlor, war die Großmutter die zentrale Konstante im Leben des jungen Mädchens, das sich früh für Corneille begeisterte und infolgedessen die „größte Schriftstellerin“ werden wollte. Einer der ersten poetischen Gehversuche, eine „Ode à Napoléon“, findet vor dem 15 Jahre älteren Vetter Moritz Freiherr von Ebner-Eschenbach, der sie zufällig liest, keine Gnade. Vor allem die Anbiederung ans Französische stört in jener Zeit; er empfiehlt ihr: „Was deutsch du denkst, hab deutsch zu sagen auch den Mut!“
(Weiterlesen …)
„Das Papier mein Acker, die Feder mein Pflug“ – wie ein Rektor aus Böhmen in die Moderne aufbrach

Cover der Ausgabe mit
Holzstichen von Wilfried Blecher
(erschienen 1963 im
Gütersloher Verlagshaus)
Darf man jemanden einen Dichter nennen, der nur ein einziges Werk verfasst hat? Und jemanden als „vergessen“ bezeichnen, mit dem sich die Gelehrten bis heute immer wieder befassen? Man darf, wenn es um einen Dichter geht, der – gleichwohl Gegenstand der akademischen Forschung – doch nicht im Bewusstsein derjenigen verankert ist, die die Literatur in all ihren heutigen Formen, Farben und Themen lieben, obwohl all diese Formen, Farben und Themen ohne die Grundlegung in seinem einzigen Werk vielleicht anders aussehen würden.
(Weiterlesen …)
Otto Julius Bierbaum: Adorant der Schönheit und Förderer der Kultur

Otto Julius Bierbaum
„Es könnte sein, daß manch sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger dünkt, vergessen ist.“ Kein geringerer als Thomas Mann schrieb diese Zeilen 1910, nachdem am 1. Februar des Jahres ein Literat gestorben war, dessen Name heute, entgegen Manns Hoffnung, dem Vergessen anheim gefallen zu sein scheint. (Weiterlesen …)
Vom Expressionismus in die BRD – Kasimir Edschmids problematischer Werdegang

Kasimir Edschmid
Erzähler, Reiseschriftsteller, Essayist, Journalist – was war er nun eigentlich, dieser 1890 in Darmstadt geborene Kasimir Edschmid? Die Antwort kann wohl nur lauten: Einmal mehr das eine, ein andermal mehr das andere, doch eigentlich immer alles zugleich. Das Multitalentierte zieht sich quer durch Edschmids beachtliches Gesamtwerk, das genauso viele spannende wie problematische Stellen aufweist und allein dadurch die Bandbreite schriftstellerischen Schaffens in extenso präsentiert.
(Weiterlesen …)
Formenstrenge und Sprachmacht: Oskar Loerke als lyrisches Vorbild
Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote PfählenIm Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und VerstandIm Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.
Der „zweisprachige Grenzvogel“ René Schickele – Journalist, Schriftsteller und früher Europäer

René Schickele (1912)
Als Journalist weiß man bisweilen gar nicht mehr zu schätzen, dass man heute eigentlich alles schreiben kann, was einem gerade so in den Sinn kommt (immer vorausgesetzt, jemand druckt es…). Ein Blick in die Vergangenheit ist hilfreich, um sich dieses große Glück zu vergegenwärtigen und sich vergleichend daran zu erinnern, wie es um Publikations- und Meinungsfreiheit einmal bestellt war.
Den Kaiser einen „Scharlatan“ zu nennen, konnte schon ausreichen, damit die komplette Auflage einer Zeitschrift beschlagnahmt wurde. Das musste 1901 der gerade erst 18-jährige René Schickele feststellen, als er eben dies in der dritten Ausgabe seiner jüngst gegründeten Zeitschrift Der Merker tat. René Schickele war jedoch keiner, der sich davon sonderlich beeindrucken ließ. Er hatte bereits vor dem Merker mit dem Stürmer eine erste literarische Zeitschrift gegründet, die nach wenigen Nummern ihr Leben wieder aushauchte, und er sollte Zeit seines Lebens Visionär und Kämpfer bleiben. (Weiterlesen …)
Ernst Glaeser – gefeiert, verfemt, vergessen. Zur Karriere eines deutschen Schriftstellers
„Ich kann mit diesem Buch wenig anfangen. Das kann an mir liegen. Und deshalb ist der Autor, der eine der saubersten und anständigsten Erscheinungen der jüngern Generation ist, noch lange kein wilder Höllenhund. Er hat Anspruch darauf, gehört zu werden. Der Mann hat episches Talent. Er hat auch einen leisen Humor. Möge er sein Talent von keinem Stoff und von keiner Doktrin auffressen lassen.“

Ernst Glaeser
Am 16.12.1930 erscheint in der Weltbühne eine Kritik an Ernst Glaesers gerade erschienenem Roman Frieden. Rezensent Peter Panter, eines der journalistischen alter egos des berühmten Kurt Tucholsky, verleiht darin vor allem mit der letzten Bemerkung einer Hoffnung Ausdruck, die Glaeser auf eindrucksvolle Art und Weise nicht erfüllen konnte.
Der Name Ernst Glaeser hat in der deutschen Literaturgeschichte einen eigentümlichen Beigeschmack, zeigt doch die Karriere dieses Autors Risse und Brüche wie nur wenig andere. Und Ansatzpunkte zur Kritik gibt es, sicherlich, doch ist letztlich alles menschlich, allzumenschlich… (Weiterlesen …)
Nächste Seite »


