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Die größte Freiluftbuchhandlung der Welt

von Martina Berg (Die Bücher-Berg)
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“ferdinand bouquiniste des quais de Paris”

 

“Die größte Freiluftbuchhandlung der Welt” – so nennt das Pariser Tourismusbüro die rund 200 “Bouquinisten”, die entlang des Seine-Ufers in der französischen Metropole in ihren Klappläden meist antiquarische Bücher und Kunstdrucke anbieten.

Ihre Anfänge lassen sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen – die erste urkundliche Erwähnung von Buchhändlern am Seine-Ufer stammt aus dem Jahre 1609. Damals zogen die “Colporteurs” (Hausierer) mit ihren Buch-Bauläden noch von Haus zu Haus und wurden von der Obrigkeit mißtrauisch beäugt, weil sie häufig verbotene Schriften verkauften. Später transportierten sie ihre Bücher mit Schubkarren zu ihren Verkaufsplätzen an der Seine und mußten sie jeden Abend wieder nach Hause schaffen. Unter Ludwig XIII. wurden diese ambulanten Buchhändler erstmals registriert und erhielten damit auch die königliche Zulassung. Die erste Zählung dieser Händler ergab 25, 1732 waren es 120.

Ab 1891 durften die ersten Buchhändler ihre “boites”, ihre blau-grünen Klappkästen aus Holz, an der Quaimauer entlang der Seine befestigen. Und schon ein Jahr später waren es 156 Bouquinisten (wie sie jetzt genannt wurden) mit 1.636 Klappläden. 1920 war mit einer Zahl von 235 Händlern der bisherige Höhepunkt erreicht, gegenwärtig sind es knapp 200. Jedem Bouquinisten steht übrigens eine Fläche von acht laufenden Metern zur Verfügung.

Die Standplätze werden häufig vom Vater auf den Sohn vererbt und so sind die meisten bereits seit vielen Generationen in Familienbesitz.

Die Stadt Paris vergibt Genehmigungen für die Übernahme eines Klappladens erst nach sorgfältiger Prüfung. Neue Standplätze werden schon seit langem nicht mehr vergeben.

Im Angebot haben die Bouquinisten neben antiquarischen Büchern und Zeitschriften häufig auch alte Grafiken und Kunstdrucke. Neben dem naturgemäß sehr großem Angebot an französischsprachigen Schriften findet sich aber auch zahlreiche Literatur in anderen Sprachen.

Und so mancher Buchkritiker arbeite mit den Bouquinisten zusammen und macht bei ihnen ihre Rezensionsexemplare zu Geld. So findet man auch verlagsfrische Bücher moderner Literatur neben der Familienbibel von 1750. Meist beziehen die Händler ihre Bücher aber aus Haushaltsauflösungen, die in Paris auch immer zahlreiche Bücher enthalten.

Büchernarren finden hier ihr Paradies und sollten mindestens einen halben Tag für den Bummel entlang der Klappläden einplanen.

Geöffnet haben die Freiluft-Antiquariate allerdings nur bei schönem, trockenen Wetter. Verständlich – denn jeder Bücherfreund weiß, wie schädlich Regen und Nässe für Papier sind. Und Ladenöffnungszeiten gibt es auch im Sommer nicht – manch Händler schlägt die Läden seiner Bücherkiste meist erst ab Mittags auf.

Aber auch bei den traditionellen Pariser Antiquaren macht sich die Konkurrenz des Internets mehr und mehr bemerkbar. Und weil die Händler schließlich von ihren Einnahmen Miete und Baguette bezahlen müssen, versuchen sie vermehrt durch den Verkauf von Souvenirs ihre Umsätze zu erhöhen. So gibt es leider schon reine Ramschkisten mit Mini-Eiffeltürmen, Paris-Tassen und T-Shirts, die Bücher scheinbar nur noch als Alibi-Ware enthalten. Schade, aber da dieser Kitsch bei den Touristen scheinbar besser ankommt auch verständlich.

Zum Glück sind aber die meisten der Klappläden noch immer Bücherläden und so lohnt sich allein schon wegen der Bouquinisten eine Reise nach Paris. Und so mancher Bibliophile soll hier schon echte Schnäppchen gemacht haben.

Und, waren Sie schon in Paris und haben dem größten Freiluftantiquariat der Welt einen Besuch abgestattet?

18. August 2015

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