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Der Erfinder von nichts: John Cage (Teil 1)

von zvab
John Cage

Zum 100. Geburtstag von John Cage – ein biografisches Portrait in drei Teilen

Üblicherweise beginnen Würdigungen am Anfang oder am Ende eines Lebenswerkes, bei seinem Ursprung oder seiner überdauernden Bedeutung. Beim Lebenswerk eines Künstlers, für den das Brechen mit Konventionen zum Tagesgeschäft gehörte, darf es aber ruhig auch einmal in der Mitte losgehen. 1950 begann John Cage, einem jungen Klavierspieler und angehenden Komponisten deutscher Abstammung Unterricht zu erteilen. Christian Wolff war der älteste Sohn des Kafka-Verlegers Kurt Wolff und bedankte sich bei seinem Lehrer mit einem Buch, das der von seinem Vater im Exil gegründete Pantheon-Verlag eben in erstmals vollständiger Übersetzung herausgebracht hatte: I Ging, das chinesische Buch der Wandlungen. Die Lektüre dieses Buches kam für Cage einer Offenbarung gleich, denn sie zeigte ihm einen Weg, auf dem er die Intention endgültig aus dem Schaffensprozess verbannen konnte. Seine Werke konnten nun absichtslose Klangfolgen sein. Darauf hatte Cage lange hingearbeitet.

Dass der am 5. September 1912 in Los Angeles geborene John Milton Cage Jr. nicht vorhatte, sich in vorgezeichneten Bahnen zu bewegen, deutete sich schon früh an. Sein Vater, ein mäßig erfolgreicher Erfinder von Problemlösungen aller Art, hatte ihm die Lebensweisheit eines Visionärs mit auf den Weg gegeben: „If someone says »can’t« that shows you what to do.“ Bei einem zweijährigen Zwischenspiel am College las Cage als einziger Schüler nicht das vom Lehrplan vorgegebene Werk, sondern das erste Buch eines Autors mit Z aus dem Bibliotheksregal. Als er trotzdem Klassenbester wurde, beendete er enttäuscht seine Schullaufbahn.

Von kurzer Dauer war auch das Kompositionsstudium bei Arnold Schönberg, das Cage am Ende seiner Lehr- und Wanderjahre aufnahm. Nach zwei Unterrichtsjahren verkündete Schönberg, was beiden Beteiligten mit der Zeit klar geworden war: Cage würde das strukturelle Wesen der Harmonie nie erfassen. Die Folgerung, die er daraus zog, nämlich dass Cage niemals würde Musik komponieren können, teilte der Schüler indes nicht. Das Scheitern ließ ihn lediglich nach einem neuen Ansatz suchen; eine Strategie, die schließlich auch den Lehrmeister beeindruckte, der Cage später zumindest als Ausnahmeerscheinung zu würdigen wusste: „Of course he’s not a composer, but he’s an inventor — of genius.“

von Juliane Schmidt-Wellenburg

Zu den Noten von John Cage im ZVAB

2. September 2012

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