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2. Dezember – Zwei Napoleons, Monroe und der Weltraum

von wietek

Bis 1800 war der 2. Dezember ein ganz gewöhnlicher Kalendertag – es gab nicht viel zu erdulden und nicht viel zu feiern. Das aber änderte sich am 2. Dezember 1804 gewaltig. Napoléon Bonaparte, der schon seit 1799 quasi diktatorisch als Erster Konsul – und seit 1802 sogar auf Lebenszeit – regierte, krönte sich in Anwesenheit des Papstes in der Kathedrale Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser der Franzosen. Es war ein gewaltiges Spektakel – eines, von dem die heutigen Hofberichterstatter nur träumen können.
Wie es der Kaiser Napoléon mit Recht und Gesetz halten würde, hatte die Welt schon einige Monate zuvor mit Empörung feststellen können: Er ließ der Abschreckung halber einen Prinzen aus dem Stamm der Bourbonen, die bis zur Revolution die Könige Frankreichs gestellt hatten, aus Baden entführen und mit der Behauptung, er sei an einem Putsch gegen ihn beteiligt gewesen, hinrichten.

Die „Neuordnung“ Europas folgte dann zügig: Genau ein Jahr später, am 2. Dezember 1805, besiegte Napoléon in der Schlacht bei Austerlitz – der sogenannten Dreikaiserschlacht – Russland und Österreich, wobei die beiden Letzteren noch einen weiteren Verbündeten hatten, nämlich die Dummheit. Sie hatten beim Erstellen der Aufmarschpläne schlichtweg vergessen, dass sie unterschiedliche Kalender hatten: die Russen den julianischen, der dem gregorianischen der Österreicher um 13 Tage hinterherhinkte.

Ob sich Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, der Neffe Napoléons I. und Staatspräsident des nach der 1848er-Revolution zur Republik gewordenen Frankreich, mit Bedacht den 2. Dezember 1851, den Krönungstag seines Onkels, für seinen Staatsstreich ausgesucht hat, ist nicht bekannt, den gleichen Kalendertag im Jahr 1852 wählte er jedoch bewusst, um sich als Napoléon III. zum Kaiser des Zweiten Kaiserreiches ausrufen zu lassen.


   Übergabe des Kaisers Napoléon III
   an König Wilhelm von Preußen
   drei Monate vor den wegweisenden
   Schlachten vom 2.Dezember 1870

Doch das Datum sollte ihm kein Glück bringen: 18 Jahre später, am 2. De- zember 1870, verloren seine Truppen im von Bismarck auf perfide Weise (Emser Depesche) angezettelten Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 die Schlacht bei Loiny und Poupry, es war eine der verlust- reichsten Schlachten des Krieges und ein wesentlicher Schritt hin zu Frankreichs Niederlage. Napoléon selbst war übrigens schon drei Monate zuvor von den Deutschen gefangen genommen und in Kassel interniert worden – woher der Spruch „Ab nach Kassel!“ rührt, mit dem man klar macht, dass man jemanden verschwinden lassen will. Nach Kriegsende ging er ins Exil nach Großbritannien, dort starb er drei Jahre später bei einer Operation.

Aber auch in der Neuen Welt erhielt der Tag eine Bedeutung, die bald weit über ihre Grenzen hinausreichen sollte.
Am 2. Dezember 1823 verkündete der US-Präsident James Monroe im außenpolitischen Teil seiner Rede „Zur Lage der Nation“, dass sich die Vereinigten Staaten in Zukunft nicht mehr in europäische Konflikte einmischen würden und forderte die Europäer auf, Kolonisierung auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent zu unterlassen – andernfalls werde die USA militärisch intervenieren.

Diese „Monroe-Doktrin“ sollte von schwer- wiegender Bedeutung für die ganze Welt werden, denn exakt 22 Jahre später, am 2. Dezember 1845, interpretierte James Knox Polk, der mittlerweile das Präsidentenamt übernommen hatte, die Doktrin um. Er nahm die weißen US-Amerikaner in die „göttliche Pflicht“ (Manifest Destiny), anderen Völkern – notfalls mit Gewalt – die Ideale Freiheit etc. „überbringen“ zu müssen. Diese Interpretation war die Grundlage für das Niedermetzeln der Indianer, sie führte – verbunden mit dem Goldrausch – zur Eroberung des Westens Nordamerikas und sie war der Auslöser für den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg und den Amerikanischen Bürgerkrieg zur Sklavenbefreiung. Den Europäern kam das zur Schau getragene „Sendungsbewusstsein“ gerade recht für ihre Kolonisierung in Afrika und anderen Erdteilen.
Am 2. Dezember 1904 setzte US-Präsident Theodore Roosevelt noch eins drauf und proklamierte das Recht der USA, sich in die inneren Angelegenheiten der südamerikanischen Staaten einmischen zu dürfen. Das US-amerikanische Sendungsbewusstsein – welche (auch positiven) Auswirkungen es auch immer hat und hatte – musste damals wie heute dafür herhalten, den politischen und zunehmend auch wirtschaftlichen Einflussbereich der USA zu erhalten oder zu erweitern – auch wenn es so nicht ausgesprochen wird.


   American Progress – nicht erst seit
   Präsident Polks Rede vom 2. Dezember
   1845 begriffen die US-amerikanischen
   Siedler die Eroberung neuer Territorien
   als göttliche Mission (Gemälde von
   John Gast, 1872)

Auch für die Weltraumfahrt ist der
2. Dezember von einiger Bedeutung. Am 2. Dezember 1971 gelang der Sowjetunion mit der Sonde »Mars 3« die erste Landung auf dem Mars. Sie sollte Bilder von der Marsoberfläche zur Erde funken. Das funktionierte auch 20 Sekunden lang, dann aber schalteten die „kleinen grünen Marsmännchen“ die Übertragung ab – offensichtlich fühlten sie sich in ihrer Privatsphäre gestört.
Die Amerikaner hatten anscheinend aus dieser Panne gelernt und ließen am 2. Dezember 1974 ihre Jupiter-Sonde »Pioneer 11« sicherheitshalber 42.000 km am Jupiter vorbeifliegen. Niemand konnte abschalten und Tausende von Bildern und unzählige Daten wurden zum ersten Mal vom Jupiter zur Erde gefunkt.
Und es ging weiter: Am 2. Dezember 1988 startete die US-Raumfähre »Atlantis« zu ihrem dritten Flug ins All; es war die 27. Shuttle-Mission. Am 2. Dezember 1990 startete die US-Raumfähre »Columbia« zu ihrem zehnten Flug ins All – die 38. Shuttle-Mission. Und am 2. Dezember 1993 wurde in Cape Canaveral die bemannte US-Raumfähre »Endeavor« zur Reparatur des Weltraumteleskops »Hubble« entsandt.

Aber es gab auch andere, nicht minder wichtige Ereignisse am 2. De- zember. An diesem Tag im Jahr 1917 informierte der russische Volkskommissar des Äußeren Leo D. Trotzki die Alliierten, dass das Deutsche Reich zu Friedensverhandlungen bereit sei, und lud sie zur Teilnahme an den Verhandlungen ein – erfolglos, wie man weiß. Russland schloss mit dem Deutschen Reich daraufhin den Separatfrieden von Brest-Litowsk.

Am 2. Dezember 1927 verlor Trotzki dann den Kampf um die Nachfolge Lenins und wurde auf dem XV. Parteitag der KPdSU auf Bestreben Stalins aus der Partei ausgeschlossen.

Die für die Welt wohl folgen- reichste wissenschaftliche Tat an diesem Tag wurde 1942 an der Universität von Chicago vollbracht: Enrico Fermi löst die erste kontrollierte Kettenreaktion aus, womit das Zeitalter der Kernenergie begann.

Wie sich später für die Welt erweisen sollte, war auch der 2. Dezember 1956 ein wichtiges Datum: Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevara landeten mit 80 weiteren Revolutionären auf Kuba und begannen den siegreichen Guerillakrieg gegen Diktator Batista.

Ein schlimmer Tag war der 2. Dezember 2005. An diesem Tag wurde in den USA die eintausendste Hinrichtung vollzogen.

Aber ein bisschen Schönes gab es auch: Am 2. Dezember 1901 meldete King Camp Gilette sein Patent für einen Nassrasierer mit auswechselbarer Klinge an und am 2. Dezember 1931 wurde in Berlin der Film Emil und die Detektive nach dem Roman von Erich Kästner uraufgeführt – ein Kindertraum! Ein Traum war es auch, am 2. Dezember 1973 mit Sondergenehmigung über die Autobahn zu rauschen, denn in Deutschland galt aufgrund der Ölkrise ein allgemeines Fahrverbot. Echtes Träumen war beim „Dahinrauschen“ allerdings nicht zu empfehlen, denn es galt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h und die Polizei hatte leider kein Fahrverbot.

Und noch ein Nachschlag für Kulturbeflissene:
Thomas Mann wurde am 2. Dezember 1936 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.
1891 wurde an diesem Tag der später berühmte Maler Otto Dix geboren, 1923 die begnadete Sängerin Maria Callas und 1944 der Schriftsteller Botho Strauß.

2. Dezember 2011

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5 Kommentare

  1. H.P.Krähenbühl schrieb am Dezember 8, 2011:

    Enrico Fermi hat wohl kaum 1842, sondern eher 1942 die erste kontrollierte Kettenreaktion ausgelöst …

    Aber sonst sind diese Infos wirklich lesenswert gewesen.

    Besten Dank

  2. Hanns-Martin Wietek schrieb am Dezember 8, 2011:

    Danke H.P.Krähenbühl! Dieser verdammte Fehlerteufel! Man sieht es falsch und liest es richtig. Danke! Ist korrigiert.

  3. Johannes Zimmer schrieb am Dezember 9, 2011:

    Danke für den mir wertvollen Geschichtsunterricht

  4. Robert schrieb am Dezember 10, 2011:

    Wieder ein wunderbarer Tiefflug durch die Geschichte – danke!
    Zum US-amerikanischen Sendungsbewusstsein und den politischen und … wirtschaftlichen Einflussbereich: der ist nicht verborgen – siehe einfach die Homepage des Weissen Hauses. Da stehts.

  5. Max Costelli schrieb am Dezember 15, 2011:

    Ein schnelles und informatives Lesen war mir eigen, als ich diese Zeilen las.
    Danke dafür!
    ….und übrigens, an meiner Meinung zu den Amerikanern hat sich nichts geändert!


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