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22. November: Ein hoffnungsfroher Anfang, aber…

von wietek

Nichts deutete zunächst darauf hin, dass dieser Tag einmal nicht als ein ruhmreicher in die Annalen der Weltgeschichte eingehen würde. Es fing sehr hoffnungsfroh an:


   Am 22. November 1497
   hatte er den Seeweg
   nach Indien entdeckt:
   Vasco da Gama landet
   auf Calicut (Gemälde von
   Ernesto Casanova, 1888)

Am 22. November 1497 umsegelte der portugie- sische Seefahrer Vasco da Gama die Südspitze Afrikas, das „Kap der Stürme“, wie es bis dahin genannt wurde. In den Folgewochen setzte er seine Reise bis nach Indien fort – der heiß ersehnte Seeweg in das sagenumwobene Gewürzland war gefunden. Voll Freude wurde das Kap in „Kap der Guten Hoffnung“ umgetauft. Die Umsegelung Afrikas blieb über 350 Jahre lang die einzige Möglichkeit, Indien mit dem Schiff zu erreichen – erst der Suezkanal raubte dem Weg ums Kap 1869 seine Bedeutung.

Fast 80 Jahre später, am 22. November 1574, war es wieder ein Seefahrer, der Geschichte schrieb: Der spanische Seefahrer Juan Fernández entdeckte im Pazifik eine Inselgruppe – sie wurde nach ihm benannt und gehört seit 1818 zu Chile. Eine der Inseln – die Isla Más a Tierra (dt. Insel, die näher am Land liegt) – sollte 1704 Bedeutung erlangen: Auf ihr blieb der schottische Seefahrer und Freibeuter Alexander Selkirk zurück, weil er das Schiff, auf dem er Segelmeister war, für nicht mehr funktionstüchtig hielt (und er sollte recht behalten, denn kurz nachdem das Schiff wieder in See gestochen war, ging es mit Mann und Maus unter!). Er lebte vier Jahre und vier Monate lang völlig allein auf der mit Trinkwasser, Früchten und Fischbeständen reich gesegneten Insel. Nachzulesen ist die Geschichte seines Lebens auf der Insel im berühmten Abenteurerklassiker Robinson Crusoe, den der englische Schriftsteller Daniel Defoe 1719 veröffentlicht hat. Die Insel trägt seit 1966 den Namen Isla Robinsón Crusoe.

Leider aber sah der 22. November nicht nur Entdeckungen, die das Leben der Menschen bereichert haben. Es folgten Schlachten, Besetzungen, furchtbare Gräueltaten, von denen jedoch anscheinend keine wirklich weitreichende Folgen hatte.
Anders war das 1942, als die Geschichte des „kriegerischen 22. November“ einen schrecklichen Höhepunkt erlebte. An diesem Tag schloss die Rote Armee ihren Kesselring um das von den Deutschen besetzte Stalingrad: Die 6. Armee unter General Paulus mit 230.000 deutschen Soldaten war gemeinsam mit etwa 75.000 russischen Zivilisten von der Außenwelt abgeschnitten und dem Untergang geweiht. Viele Menschen erfroren oder verhungerten im Laufe der Kampfhandlungen in der zerstörten Stadt. 110.000 deutsche Soldaten, von denen nur 5.000 das Kriegsende erlebten, gerieten in Gefangenschaft. Insgesamt starben in der Schlacht um Stalingrad 700.000 Menschen.

Hitler hatte den Kampf bis zum letzten Mann befohlen, obwohl vom Tag der Einkesselung an absehbar gewesen war, dass seine Armee die Stadt nicht würde halten können. General Paulus beförderte er noch schnell zum Generalfeldmarschall, weil ihm dieser Rang nur Sieg oder Tod gestattete, aber keine Kapitulation. Paulus war aber der erste und während des Krieges einzige Befehlshaber, der (ohne offizielle Kapitulation) die Waffen streckte – und der einzige, der sich Hitlers Willen widersetzte. Es war der Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges, denn sowohl die Verbündeten des Deutschen Reiches als auch die Hitler-Gegner in Deutschland und der Welt begannen, die Möglichkeit einer Niederlage Deutschlands ernsthaft zu erwägen.

Ab 1945 schrieb der Tag – wen wundert’s – erst einmal Nachkriegsgeschichte. Am 22. November 1945 einigten sich die vier Siegermächte auf drei Luftkorridore, die die Bundesrepublik (damals Besatzungszone West) mit Berlin West verbanden. Die Luftkorridore durften nur von Flugzeugen (militärisch und zivil) der drei Westalliierten USA, Großbritannien und Frankreich benutzt werden. Von nicht zu ermessender Bedeutung wurden sie von Juni 1948 bis Mai 1949. Denn als die Sowjets alle Landverbindungen durch die DDR (die damals noch Sowjetische Besatzungszone hieß) nach Berlin unterbrachen, wurden Berlins Bewohner in einem beispiellosen Kraftakt über diese „Luftbrücke“ am Leben erhalten.


   Ein Rosinenbomber am Flughafen
   Berlin-Tempelhof (1948): Ohne den
   Beschluss über die Luftkorridore
   vom 22. November 1945 wäre die
   Luftbrücke nicht möglich gewesen

Sehr schnell entfloh Deutschland nun der nationalsozialistischen Vergangenheit – die BRD und die DDR, jede auf ihre Weise. Schon im Mai 1949 war aus der Besatzungszone West die Bundesrepublik Deutschland geworden, am 7. Oktober, dem „Tag der Republik“, wurde die DDR aus der Taufe gehoben. Am 22. Novem- ber 1949 nun weitete das Petersberger Abkommen die Rechte der Bundesre- gierung so stark aus, dass man das Abkommen getrost als den ersten und wichtigsten Schritt zur Selbstständigkeit und Westintegration ansehen kann. Und weiter ging es mit großen Schritten und der 22. November spielte kräftig mit: 1951 fand in Paris an diesem Tag die erste Außenministerkonferenz der Westmächte unter Beteiligung von Konrad Adenauer statt (Adenauer war zu dieser Zeit Bundeskanzler und Außenminister zugleich), auf der in nur zweieinhalb Stunden ein Generalvertrag ausgearbeitet wurde, der das geltende Besatzungsstatut ablösen und der BRD die (fast) volle Souveränität geben sollte. Dieser sogenannte Deutschlandvertrag trat im Mai 1955 nach Ratifizierung der Pariser Verträge in abgeänderter Version in Kraft.

Nun, die BRD war im Westen, die DDR im Osten und die Welt im Kalten Krieg angekommen. Der Zweite Weltkrieg war mit zwei Atombomben beendet worden; nach dem Krieg machten sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets Jagd auf die Kernphysiker des Deutschen Reiches – allerdings nicht, um sie zu vernichten, sondern um an ihr Wissen zu gelangen. Beide Seiten arbeiteten mit Hochdruck an der Entwicklung von Atomwaffen. Die USA schienen die Nase weit vorn zu haben, als die Sowjetunion am 22. November 1955 die erste transportable Wasserstoffbombe (H-Bombe) zündete. Der Schock war bei den Amerikanern gewaltig, denn die SU hatte nicht nur gleichgezogen, sondern war über Nacht zu einem atomar führenden Kontrahenten geworden.


   Dass Nikita Chruschtschow, der
   Regierungschef der UdSSR, mit sei-
   nen Gegnern kein Erbarmen kannte,
   musste am 22. November 1956
   Imre Nagy erfahren: Der Präsident
   der ungarischen Revolutionsregierung
   wurde trotz anderslautender Ver-
   sprechungen hingerichtet

Kalter Krieg oder nicht, das war schon seit einiger Zeit nicht mehr die Frage – die Frage, die sich nach dem Tod Stalins 1953 immer häufiger stellte, war: „Kalter oder ‚Heißer‘ Krieg?“ – und wenn auch nur aus Versehen… Mit Stalin war ein böser, aus westlicher Sicht aber immer- hin berechenbarer Feind dahingegan- gen. Jetzt sah man sich einem zwar gutmütig scheinenden, aber unbere- chenbaren Nachfolger gegenüber, der es sogar in Windeseile geschafft hatte, den scheinbar allmächtigen skrupellosen Geheimdienstchef Beria liquidieren zu lassen. Offiziell vertrat der polternde Nikita Chruschtschow zwar das Prinzip der Friedlichen Koexistenz, in seinem Machtbereich aber duldete er keine Abweichung. Er ließ den Aufstand vom 17. Juni 1953 niederwerfen und am 4. November 1956 den Ungarnaufstand. Am 22. November wurde Imre Nagy, Ministerpräsident der ungarischen Revolutionsregierung, trotz Zusicherung von Straffreiheit vom KGB festgenommen, nach Rumänien deportiert und dort nach eineinhalb Jahren Isolationshaft aufgehängt.

Chruschtschow leitete zwar in der UdSSR Reformen ein und entlarvte die Verbrechen Stalins, aber er stationierte im Oktober 1962 auch Atomraketen in Kuba und bedrohte so die westliche Welt (allerdings erst nachdem die USA klammheimlich atomare Mittelstreckenraketen in England, Italien und der Türkei stationiert hatten). Die Welt stand am Abgrund. Wie viele meines Alters wartete auch ich täglich auf den Befehl, „zu den Fahnen zu eilen“. Der Dritte Weltkrieg schien unmittelbar bevorzustehen.
Gegenspieler Chruschtschows in der Kubakrise, in diesem Poker um die Vorherrschaft in der Welt, war der charismatische junge US-Präsident John F. Kennedy. Er gewann die Partie und die Welt atmete auf.
Sein Sieg über „das Böse“ machte ihn zum unangefochtenen und weltweit verehrten Führer der westlichen Welt. Ihren Gipfel erreichte seine Beliebtheit hierzulande im Juni 1963, als er sich anlässlich des 15. Jahrestages der Luftbrücke in Berlin zu einem freien Berlin bekannte. Mit den berühmt gewordenen Worten „Ich bin ein Berliner“ eroberte er die Herzen der Deutschen. Eine ähnlich gefühlvolle Verehrung wurde nur Michail Gorbatschow 50 Jahre später entgegengebracht.

Dann kam der 22. November 1963.
Ich erinnere mich genau: Es war schon dunkel und ich war in der Freudenbergstraße in Weinheim auf dem Nachhauseweg in meine trostlose Bude, als mir mein Freund entgegenkam und völlig deprimiert nur den einen Satz sagte: „Kennedy ist ermordet worden, in Dallas.“ Nach einem kurzen Aufschrei – „Nein!!!!!“ – stand ich da wie betäubt und weinte. In den nächsten Tagen saugten wir – wie wohl alle – ununterbrochen auch die winzigste Nachricht auf, um das Unfassbare zu erfassen. Auf der ganzen Welt waren die Menschen bis hinauf zu den höchsten Politikern derart geschockt, dass sich Szenen der Verzweiflung abspielten. Und als auf der Trauererfeier in Berlin die Trompete für ihn zum ewigen Abschied erklang, flossen die Tränen in Strömen und die Welt schien für uns in Dunkelheit zu versinken.

So beliebt Kennedy in Deutschland war, so viele Feinde hatte er in seinem eigenen Land. In den Süd- staaten war er insbesondere bei den rechtsgerichteten Erzkonser- vativen regelrecht verhasst. Für die Profiteure der Sklavenhaltung war er aufgrund seines Kampfes gegen die Rassendiskriminierung ein Todfeind. Noch drei Tage vor dem Attentat soll er nach Aufdeckung von Attentatsplänen in Miami gesagt haben:

„Wenn jemand wirklich den Präsidenten der Vereinigten Staaten erschießen wollte, wäre das keine schwierige Arbeit: Man müsste nur eines Tages mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf ein hohes Gebäude hinauf, niemand könnte etwas gegen einen solchen Anschlag unternehmen.“
[zitiert nach Alan Posener: John F. Kennedy in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1991]

Es war wie eine Voraussage, genau so ist es geschehen.

Der mutmaßliche Mörder Lee Harvey Oswald wurde nach seiner Festnahme von einem anderen erschossen; bewusste oder unbewusste Schlampereien bei der Aufklärung des Verbrechens, Kompetenzgerangel und die Vielzahl der als Mörder in Betracht kommenden Feinde – von einzelnen Fanatikern über die CIA, die Mafia, Fidel Castro bis hin zu einheimischen Militärs und einflussreichen Politikern – führten dazu, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt ist. Stattdessen entstanden Dutzende von Verschwörungstheorien. Man wird wohl noch bis 2017 warten müssen, wenn die Untersuchungsakten freigegeben werden, um vielleicht Genaueres zu erfahren.

Nun, dieser 22. November 1963 hatte wohl die Belastbarkeit des 22. Novembers erschöpft. Weltbewegendes geschah nicht mehr – durchaus aber noch Bedeutendes:
Am 22. November 1964 richtete der am 22. November 1890 geborene Französische Staatspräsident General Charles de Gaulle in einer Rede in Straßburg vor etwa 10.000 Menschen einen dringenden Appell an die Bundesrepublik, gemeinsam mit Frankreich ein „europäisches Europa“ zu schaffen.
Am 22. November 1981 begann der Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow, einst Vater der russischen Wasserstoffbombe, mit seiner Frau Jelena Bonner einen Hungerstreik an ihrem Verbannungsort.
1988 stellten die USA am 22. November den ersten Tarnkappenbomber vor und am selben Tag des Jahres 1990 ging in England eine elfjährige, wichtige Periode zu Ende: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die „Eiserne Lady“, ging von Bord.

Ach ja, auch für Sportfans hat der 22. November etwas zu bieten. An diesem Tag im Jahr 1950 durften die als Verursacher des Zweiten Weltkrieges bis dahin von internationalen Fußball ausgeschlossenen Deutschen zum ersten Mal wieder ein Länderspiel bestreiten: Hoch die Fahnen! – sie gewannen 1:0 gegen die Schweiz.

Ja, und nochwas! Mir wird’s heiß und mir zucken die Füße, wenn ich daran denke: Am 22. November 1928 wurde in der Opéra National de Paris der weltberühmte »Boléro« des französischen Komponisten Maurice Ravel uraufgeführt, von dem der köstliche Satz überliefert ist: „Mein Meisterwerk? Der Boléro natürlich. Schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält.”

22. November 2011

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