ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Frau im Licht

von konecny

   Vladimír Birgus’ Rückschau
   auf Drtikols Werk und Leben
   (aus dem Sortiment des An-
   tiquariats Bernhard, Berlin)

Das Schaffen des ersten tschechischen Fotografen von weltweiter Bedeutung, František Drtikol, begann sich vor dem Ersten Weltkrieg zu entwickeln. … Durch wohldurchdachten Einsatz des Lichts und manchmal auch durch leichte Unschärfe schuf er aus den Modellen fast unreale Traumgestalten, indem er außer dem Ideal der Schönheit auch die symbolische Aussage unterstrich. … Drtikols Akte waren für ihre Zeit sehr kühn und zeigten den nackten Körper in seiner Natürlichkeit und Schönheit.

[Vladimír Birgus: Tschechische Avantgarde-Fotografie]

Der Schatten spielt eine völlig selbständige Rolle, besonders beim Füllen einer Fläche; er haucht Leben ein, betont, ist genauso wichtig wie die Sache selbst.

[František Drtikol: Augen weit geöffnet]

In einem der Käfige wurde ein riesiger Bär gehalten und gezeigt. Der Anblick dieses Tieres, das der kleine František zum ersten Mal im Leben sah, hat ihn unbegreiflich erregt und gereizt. Er versuchte sogar – durch einen inneren Trieb dazu gebracht – es mit einer Axt anzugreifen, was ganz seinem milden Charakter widersprach. … Die wahrscheinliche Erklärung kann man erst in den Erinnerungen von Rostislav Obsnajdr finden, dem Drtikol am Ende seines Lebens erzählte, dass er in einem seiner früheren Leben in Russland gelebt habe und infolge von Verletzungen gestorben sei, die ihm durch einen Bären zugefügt worden seien.

[Karel Funk: Der Mystiker und Lehrer František Drtikol]

Schon der Name unseres Aufenthaltsortes in Prag zeugte von kultureller Inflation: Das Hotel hieß Kafka. Frustriert sichteten Christof und ich unsere Buchausbeute von der Prager Antiquariatsmesse. Quantitativ gesehen gar nicht so übel: Etwa 40 Bände des Jahrbuches Československá fotografie (Tschechoslowakische Fotografie) aus den 1930er Jahren, eine Menge von Nachkriegsmonografien tschechischer Fotografen – manche der Titel dreimal –, doch den größten Stapel bildete das berühmte Werkverzeichnis Josef Sudek: Fotografie von Lubomír Linhart. Zwölf Exemplare desselben Buches!
„Ich bin Antiquar geworden, um Abenteuer auf der Suche nach hübschen alten Büchern zu erleben“, sagte ich zu meinem Kumpel Christof Größl, der in unserem frisch gegründeten Abeceda-Antiquariat auch meinen Geschäftspartner spielte. „Doch schon am Anfang meiner Karriere komme ich mir statt wie ein Antiquar wie ein Metzger vor: zehn Kilo Sudek!“
„Der Sudek-Boom wird nicht lange anhalten“, sagte Christof. „Das Buch ist vor vierzig Jahren in einer Auflage von fünfzehntausend Exemplaren erschienen. So viele Fotobuchsammler gibt’s im ganzen Universum nicht. Bald sacken die Preise ab und wir haben unsere Ruhe. Jetzt können wir den Kunden aber nicht erzählen, dass wir keinen Sudek haben. Wir sind doch die Spezialisten für tschechische Avantgardefotografie!“ Er holte aus der vollen Bananenkiste drei Exemplare einer vor ein paar Jahren erschienen Monografie über František Drtikol und packte sie in Zeitungspapier ein. „Drtikols Frau im Licht möchte ich schon haben!“
Frau im Licht?“ Als Anfänger im Antiquariatsgeschäft fühlte ich mich durch Christofs Kenntnisse der tschechischen Moderne etwas überfordert. Ich war doch der Tscheche hier, verdammt!
„Drtikols einziges Buch! Noch zu seinen Lebzeiten erschienen – 1939! Darin sind seine besten Aktfotos versammelt. Sehr selten! Sehr teuer! Noch dazu mit dem Schutzumschlag… hmm…“
„Warum gibt’s nur ein Buch von ihm?“
„Drtikol hat Mitte 30er mit dem Fotografieren aufgehört. Als er als Fotograf von Weltrang schon richtig berühmt war. Er hat angefangen, esoterische Bilder zu malen. In der Nachkriegstschechoslowakei war er Kommunist, Buddhist und spiritueller Führer!“
„Siehst du!“, sagte ich voller Stolz. „So was hat’s bei uns auch gegeben! Gehen wir Bier trinken?“
„Was sonst? Wir sind doch in Prag!“

Am nächsten Tag streunten wir schon durch die Antiquariate im nordmähri- schen Ostrava. Doch Schätze lagen wohl anderswo vergraben. Gar nichts haben wir gekauft. „Ruf Hrobnik an!“, sagte Christof. „Nee!“, sagte ich. „Da mag ich nicht hin!“
Hrobnik war ein Antiquitätenhändler im Altvatergebirge, der uns letztes Mal beim Stöbern in seinem Laden seine schön dralle Tochter Nadja vor die Nase gesetzt hatte, um uns zu verwirren. Licht und Schatten im Busental! Wer konnte bei diesem Anblick schon g‘scheit die Druckbögen und die Tafeln zählen? Zwei Stunden lang haben wir mit Hrobnik um eine Kochbuchhandschrift aus dem 18. Jahrhundert gekämpft und den Kampf schließlich verloren. Mit diesem prallen Leben konnten nicht einmal Drtikols schöne Aktdamen konkurrieren. Wir zahlten zweimal mehr, als wir wollten, um nicht mehr in Nadjas Ausschnitt glotzen zu müssen, und flüchteten.
„Ruf ihn an!“, sagte Christof, und ich rief an. Was blieb mir auch anderes übrig? Wir mussten ja noch eine Menge schöne Bücher kaufen.
Der Ankauf bei Hrobnik war noch schlimmer als letztes Mal. Von Nadjas Kleid gar nicht zu reden. Wieder und wieder schleppte sie deutschsprachige Bücher in den Empfangsraum, alte Drucke, billige und unvollständige Ausgaben von Schiller, Goethe und Gustav Freytag, Nazischrott und Zigarettenbilderalben. Baedeker und Bücher von Karl May, Militaria-Prachtausgaben, Ortsgeschichten aus Böhmen, Mähren und Schlesien – Schrott und Seltenes. Wir kollationierten, zählten Seiten und Tafeln, wählten Bücher aus und legten sie nach einer kurzen Schlacht wieder zurück, weil Hrobnik auf einem Preis bestand, für den man die halbe Bibliothek von Alexandria hätte kaufen können. Ohne eine Spur von Ahnung von seinen Büchern zu zeigen. Als wir uns spaßeshalber ein Wilhelm-Busch-Album krallten, das in jeder deutschen Antiquariatswühlkiste für damals eine Mark zu haben war, sagte Hrobnik ganz cremig 600 Mark und guckte mit seinem Pokergesicht zu, wie wir das billige Busch-Album erleichtert Nadja zurückgaben. Nur sie lachte die ganze Zeit entzückt, sichtlich durch die Summen beeindruckt, die durch die Luft flogen. Sie lief mit schweren Folianten hin und her und schwitzte, bis durch ihr tiefes Busental ein kleiner Fluss strömte.
Nach ein paar Stunden hockten wir erschöpft da, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben und glotzten ins Nadjas Flusstal – nur noch wegschwimmen wollten wir! Weg sein! Vor einem Schweinebraten hocken, an einem Tisch geschmückt mit Bierblumen in ihren Vasen. „Ich hätte da noch ein Foto von Drtikol“, sagte Hrobnik. Stille! Er machte die Schreibtischschublade auf: Eine Nackte in Drtikols typischem geometrischen Spiel von Licht und Schatten.
„Woher wissen Sie, dass das ein Drtikol ist?“, fragte Christof und drehte das Foto um. Kein Stempel, keine Signatur.
„Ich kenn’ mich aus!“, sagte Hrobnik, und diese Aussage war sicher Grund genug, von dem Foto die Finger zu lassen.
„Damals hat’s eine Menge Fotografen gegeben, die wie Drtikol fotografieren wollten“, sagte Christof. „Von Fälschungen gar nicht zu reden!“
„Fünftausend!“, sagte Hrobnik.
„D-Mark?“, fragten wir. Nicht mehr erstaunt.
Hrobnik überlegte kurz, lächelte endlich, machte den Mund auf und sagte: „Nee! Nur Kronen!“
„Lass das!“, sagte ich zu Christof. Der blätterte Hrobnik wortlos den Betrag in D-Mark hin: 400 DM. „Spinnst du?“, fragte ich. „Ich muss hier unbedingt raus und einen Kuchen essen“, sagte er auf Deutsch. Hrobnik lächelte.
„Ein Kuchen für vierhundert Mark wird uns sicher schmecken“, sagte ich.
„Das Foto ist sehr hübsch“, sagte Christof.
„Mensch!“, sagte ich. „Wir sind doch keine Ästheten!“
„Ich schon!“
„Wir sind Antiquare! Wir müssen Geld verdienen, nicht ausgeben! Kennst du das Foto?“
„Nee!“
Ich seufzte. „Dann ist es kein Drtikol! Du hast doch sicher alle Fotos von ihm gesehen, wie ich dich kenne, oder?“
„Vielleicht nicht ganz alle.“ Ich konnte nur den Kopf schütteln. So würden wir bald pleitegehen.
„Auf Wiedersehen!“, sagte Nadja.

Auch am nächsten Tag schien sich unsere Pechankaufstour fortzusetzen: Kein seltenes Buch weit und breit. Ich wühlte mich durch Tausende von billigen Bänden in einem mähri- schen Antiquariat und schimpfte im Geiste über Christof, der statt zu arbeiten sein übliches Schwätzchen in seinem Intschu-tschuna-Tschechisch mit der Antiquarin an der Theke hielt. Die Tschechin schien seinen deutschen Akzent zu genießen. Huch! Plötzlich halte ich 60 Fotos von Aenne Bierman in der Hand, den zweiten Fototek-Band von Franz Roh aus dem Jahr 1930. Hmm… 240 Kronen. Die Pechsträhne vorbei! Stolz blicke ich zu Christof. Doch Christof steht plötzlich dicht vor mir: „Nehmen wir das?“ Er hält mir einen dünnen Band hin. Auf dem Umschlag ein wunderschönes Foto einer halbnackten Frau, gelb eingerahmt: Žena ve svĕtle – Frau im Licht! Der Preis viel happiger als der für meine Biermann, aber was soll’s? Wir blätterten der Antiquarin unsere letzten Scheine hin, und für das verbliebene Kleingeld gingen wir wieder Kuchen essen. Biermann lag zwar auch in meinem Rucksack, war aber von dem Drtikol-Buch ganz schön in den Hintergrund gedrängt worden. Kein Wörtchen des Lobs von Christof für meinen großartigen Fund. Wieder mal schlechtes Timing bei mir.
„Ich wollt’s mir gerade angucken“, sagte ich am Abend in unserem Hotelzimmer in Ostrava. Christof lag auf seinem Bett und blätterte in Drtikols Buch.
„Ich hab’s auch noch nie in der Hand gehalten“, sagte er. „Guck dir das Drtikol-Foto von Hrobnik an!“
„Deine Drtikol-Fälschung?“, fragte ich. „Mann, oh, Mann! Die Frau im Licht freut mich auch. Dass du aber für das Foto, für diesen Pseudo-Drtikol, Geld ausgeben musstest! 400 Mark!“
„Das Foto ist ab genau dieser Sekunde ein bissl mehr Wert!“, sagte Christof.
„Was?“
„Schau!“ Ich kam an sein Bett. Christof hielt mir das aufgeschlagene Buch von Drtikol hin: zwei Fototafeln. Auf der linken war unser Foto abgebildet, das Christof bei Hrobnik für mickrige 400 Mark gekauft hatte. „Da hast du deinen Drtikol-Nachweis! Direkt in Drtikols Buch!“
„Du bist ein Genie!“, sagte ich.
„Weiß ich doch!“, sagte Christof.
„Gehen wir Bier trinken?“
„Na, klar!“, sagte Christof. „Was willst du in Tschechien sonst tun?“

24. October 2011

Stichwörter:

, , , , , , , , , , ,

4 Kommentare

  1. Thomas L. Koppe schrieb am November 10, 2011:

    Ich habe gerade nachgesehen, was die “Frau im Licht” so ungefähr kostet. Davon könnte ich vermutlich meine Scheidung bezahlen 🙂

  2. friedrich taussig schrieb am November 29, 2011:

    großartig, gratuliere herzlichst.

  3. Jaromir Konecny schrieb am November 29, 2011:

    Lieber Thomas, ich sehe, dass wir neben ähnlichen Vorlieben auch ähnliche Lebensabschnitte abwickeln müssen! Bunte Grüße Jaromir

  4. Jaromir Konecny schrieb am November 29, 2011:

    Vielen Dank, lieber Friedrich Taussig! Herzliche Grüße Jaromir


RSS-Feed für Kommentare dieses Beitrags.

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>