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Nichts zu verlieren : DBC Pierres „Jesus von Texas“

von bardola

Der 15-jährige Vernon Gregory Little aus der fiktiven texanischen Kleinstadt Martirio (Nomen est omen: Die Stadt steht symbolisch für alle hinterwäldle- rischen Städte in Zentral-Texas, dem Land der Bush-Dynastie) – pubertie- render, ständig fluchender Ich-Erzähler, verklemmter Außenseiter an der High School, Muttersöhnchen und geborener Verlierer – fiel bislang immer aus der Rolle. Doch jetzt wird ihm von den Stadtbewohnern und den Medien eine Rolle auf den Leib geschneidert: die Rolle eines Täters.

Der Anlass: Vernons Freund Jesus Navarro, Sohn mexikanischer Einwanderer und ein typischer Underdog („falsche Turnschuhe, falsches Leben“), wird an der Schule so lange gemobbt, bis er 16 Mitschüler und Lehrer und anschließend sich selbst erschießt. Nun belagern die Medien die triste, abgelegene und von der Sonne verdorrte Ölförderstadt. Die Bürger Martirios und die TV-Zuschauer brauchen einen Sündenbock, einen Schuldigen, den sie bestrafen können, und als einziger Überlebender des Amoklaufs gerät Vernon in den Verdacht der Komplizenschaft. Was kann diese „faulige Hülle sinnloser Markennamen“ (so fühlt sich Vernon!) tun, um sich nicht „ans Kreuz nageln zu lassen“? Muss er – wie sein Freund Jesus – für Martirio den Opfertod sterben? Es beginnt eine aberwitzige Höllenfahrt durch ein Provinz-Amerika, das sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert hat.

Vernons Dad ist tot, seine Mum versucht vergeblich, dem Schlankheitsideal zu entsprechen, und das Geld ist immer knapp – soziale Verhältnisse, die ein gefundenes Medienfressen sind. Vernon war zum Zeitpunkt des Massakers nicht in der Schule. Zunächst will er seine Unschuld nicht beweisen. Später kann er es nicht mehr. Der Ruf als mutmaßlicher Massenmörder erscheint ihm besser, als seine Schwächen einzugestehen. Was ist angenehmer: als analfixierter Junge mit einer Vorliebe für Mäd- chenhöschen oder als gewalttätiger Psychopath traurige Berühmtheit zu erlangen?

Vernon ist kein Ausbund an Nächstenliebe, und doch wirkt er in seiner Not mit all seiner Trotteligkeit sympathisch. DBC Pierre schreibt ruppig und wortgewaltig und stellt seinen vom Pech verfolgten Helden so in eine von Mark Twains Huck Finn, J.D. Salingers Holden Caulfield oder Philip Roths Alexander Portnoy geprägte Tradition. Die den Helden umgebenden komplexen Personenkonstellationen sind dabei Pierres Besonderheit. Mit spielerischer Leichtigkeit springt er zwischen Gefühlslagen und Interessenkonflikten mehrerer Figuren hin und her. Es ist ein Vergnügen, den slangreichen und unangestrengt kunstvollen Kaskaden Vernons zu folgen.

Dann kommt die Stimme meiner alten Dame dahergeschleimt.
„Vernon, geht’s dir gut?“
Ihr Gegreine fühlt sich an, als würde sie mir tatsächlich ihre Zunge ins Ohr schieben, wie ein Ameisenbär oder so. Ich könnt’ kotzen und heulen, beides zugleich, so sieht’s aus. Sie geht aufs Ganze, und warum? Ich werd’s euch verraten: weil ich jetzt nicht mehr nur im Knast bin, sondern eventuell auch noch verrückt. Das wäre ihr verdammtes Eldorado – verrückt, auch das noch! Dann hätte sie nur das Problem, dass sie ihre besten Wimmernummern alle schon gebracht hat.

„Mit der Wahl eines Teenagers als Erzähler wollte ich einen möglichst unverstellten Tonfall erreichen. Ein Halbwüchsiger kann ehrlicher sein als ein Erwachsener und blickt anders auf das Leben. Er ist in einem Alter, in dem er beginnt, die Diskrepanz zwi- schen dem, was ihm gesagt wird, und dem, was passiert, zu hinterfragen“, sagt Pierre. Die Übersetzerin hat sich glücklicherweise zurückgehalten: Viele Amerikanismen und unübersetzbare Original-Wortspiele kennzeichnen den Text. In Duktus, Erzählhaltung und auch atmosphärisch klingt Andrew M. Wellmans SFW – So Fucking What (1990, der Titel wurde für die deutsche Ausgabe nicht übersetzt), einer der prägendsten, aber bis heute leider wenig beachteten und unterschätzten Romane zur Jugendgewalt, immer wieder bei Pierre an. Pierres Groteske über moderne Medienpolitik, diese Satire über die Gewaltkultur in Schulen, greift jedoch tiefer als Wellmans Roman. Das Verhältnis zwischen distanzierter Justiz und sensationslüs- ternen Medien, zwischen überforderten Staatsanwälten und Richtern und respektlosen Reportern, wird hier mit Gewinn karikiert. Es ist der heuchlerische Journalist Eulalio „Lally“ Ledesma, der ein Verhältnis mit Vernons Mutter anfängt, um an Insider-Informationen zu gelangen. Lally berichtet nicht objektiv, sondern klagt an, indem er später selbst zweifelhafte Zeugen bestimmt und öffentlich befragt. Gegen Ende entwickelt sich der Roman zu einer schwarzen Romanze, denn es stellt sich heraus, dass die Protagonistin von Vernons feuchten Träumen eine Schlampe ist, die seiner Hingabe nicht wert ist, denn sie verrät ihn.

In Mexiko wird Vernon von dem Spruch Me ves y sufres (dt. Sieh mich und leide) elektrisiert. Diesem Detail liegt eine autobiographischer Episode zu Grunde: Pierre verstand als Kind in Mexiko ohne Spanischkenntnisse zunächst nicht, dass dieser Satz Jesus meint. Der Satz ist das Motto des fünften und letzten Aktes des Romans und prangt vor der Hinrichtung tätowiert auf Vernons Brust, denn Vernon findet sich im Todestrakt wieder, wo Ledesma Kameras für das ultimative Reality-TV installiert hat. Nach der tödlichen Injektion erzählt Vernon weiter. Auch das macht die Qualität dieser finster-funkelnden Komödie aus. Doch dann war es nur die Betäubungsspritze und plötzlich besteht wieder Hoffnung auf Begnadigung…

Jesus von Texas (im Original Vernon God Little) wurde 2003 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet und ist in über 40 Ländern erschienen. Das aggressive, überzeichnete und oft genug geschmacklose Teenagerdrama rund um ein High-School-Massaker, das auch in der Hörbuchfassung und als Theaterstück empfehlenswert ist, regt die Leser nicht zuletzt zum Nachdenken über die Todesstrafe nach. Das Massaker von Columbine fand 1999 statt – da stand schon ein Großteil des Romans, sagt der Autor. Egal. Das Thema bleibt wichtig.


   DBC Pierre, Foto von B. Mitterrand

DBC Pierre wurde 1961 unter dem Namen Peter Warren Finlay als Sohn britischer Eltern in Australien geboren. Von der Comic-Figur Dirty Pierre inspi- riert nennt er sich als Autor DBC Pierre (was für „Dirty But Clean Peter“ steht). Sein Vater arbeitete für die UN. Die Familie Finlay genoss in Mexiko, wo Pierre ab dem siebten Lebensjahr wohnte, diplomatischen Status. Als Jugendlicher geriet Pierre auf die schie- fe Bahn. Als er 16 war, erkrankte sein Vater an einem Gehirntumor, an dem er drei Jahre später starb. Auf Mexiko folgten Aufenthalte u.a. in Australien, Großbritannien und den USA und schließlich der Rückzug nach Irland. Kreditkartenbetrug, Glücksspiel, Drogen, (Wett-)Schulden, mehrere Bewährungsstrafen begleiteten diesen Werdegang.

In Irland kommt Pierre vom Rauschgift los, sucht den Sinn seines verkorks- ten Lebens in der Literatur und schreibt auf eigenes Risiko seinen ersten Roman:

Man weiß, wenn man schreibt, nie wirklich, was man tut. Das ist harte Arbeit. Worte sind trügerische kleine Bastarde. Sie sind wie Ratten, die man fangen und an die richtigen Stellen bringen muss. Als Anfänger fragt man sich auch, ob das alles je jemand lesen wird. Ich habe alle 18 Stunden gedacht: Mann, du bist ein Idiot, du musst damit aufhören und etwas Ernsthaftes machen. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich das Buch zu Ende bringen musste, im Namen von – allem.

Dieses Gefühl empfindet Pierre als Wette auf sich selbst. Zudem hat er darauf gewettet, dass er den Booker Prize gewinnen wird. Seitdem er diese Wette gewonnen hat, lässt er die Finger vom Glücksspiel: „Jetzt, mit dem Erfolg, habe ich plötzlich etwas zu verlieren – und ich denke: Scheiße, das Einzige, was ich nicht verlieren will, ist, nichts verlieren zu können.“

17. October 2011

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1 Kommentar

  1. Annamaria schrieb am November 9, 2011:

    Regt sehr zum Selber- bzw. Weiterlesen an!
    Zumal dies mein spezielles Lieblings-Feind-
    Thema ist: Das Mobben und die Todesstrafe.
    Ich werde es sicher(auch) weiter empfehlen!
    Annamaria


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