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Fëdor Sologub, der „Sänger des Todes“ – Teil I

von wietek

Ich nehme ein Stück grauen, armseligen Lebens und schaffe daraus eine liebliche Legende, weil ich ein Dichter bin. Magst du, Leben, in Dunkelheit verharren, trüb und alltäglich, oder in wütenden Bränden toben, ich, der Dichter, werde über dir eine von mir geschaffene Legende aufbauen – eine Legende vom Schönen und vom Entzückenden.

[Anfang der Legende im Werden von Fëdor Sologub, übersetzt von Friedrich Schwarz]

Fëdor Sologub (eigentlich Fëdor Kuzmič Teternikov), am 17. Februar jul./ 1. März greg. 1863 in St. Petersburg geboren, gehört zusammen mit Valerij Brjusov (*1873, †1924) und Nikolaj Minskij (*1855, †1937) zur älteren Generation der russischen Symbolisten. Schon mit zwölf Jahren schrieb er Gedichte (die verloren gegangen sind), im Jahr 1882 verteidigte er am Sankt Petersburger Lehrerbildungsinstitut seine Diplomarbeit mit dem Titel Märchen des Tierepos und die Ethik (im Original Skazki životnovo ėposa i nravstvenno-bytovye) und 1884 veröffentlichte er (noch unter seinem richtigen Namen) in der Kinderzeitschrift Wesna (dt. Frühling) die Fabel „Fuchs und Igel“. Letzteres Ereignis gilt als der eigentliche Beginn von Sologubs schriftstellerischer Tätigkeit.
Sologub hat sehr bewusst die Blütezeit des russischen Realismus mit ihren Größen Dostoevskij und Tolstoj miterlebt, ebenso jedoch auch ihren „Niedergang“, den Übergang zum Naturalismus. Politisch geprägt wurde er von der hoffnungslosen Zeit der Repression unter Alexander III., die er als Lehrer an verschiedenen Orten in der Provinz erlebt (oder besser: durchgestanden) hat.
[Die für das Verständnis von Fëdor Sologubs Schaffen wichtigen gesellschaftspolitischen und künstlerischen Voraussetzungen wurden in den Essays Kaiser Alexander III. und Aufbruch in die Moderne – die russischen Symbolisten dargelegt.]

Fëdor Sologub gehörte nicht nur zu der kleinen Gruppe von Schriftstellern dieser Zeit, die nicht „von Adel“ waren; er stammte sogar aus sehr ärmlichen Verhältnissen. (Ein ausführlicher tabellarischer Schaffens- und Lebenslauf kann hier nachgelesen werden). Sein Vater, ein ehemaliger Bauer, war Schneider in St. Petersburg; er starb, als Sologub erst vier Jahre alt war. Die Mutter war gezwungen, als Wäscherin zu arbeiten und später ihre alte Stelle als Dienstmagd einer adeligen Familie wieder anzunehmen, was zur damaligen Zeit bedeutete, bar jeglichen sozialen Schutzes von den Brosamen der Herrschaft zu leben. Im Haus dieser Familie verlebte Sologub seine ganze Kindheit und Jugend, immer das eigene soziale Elend und die Kultiviertheit der Herrschaft vor Augen, an der er zumindest ein Stück weit teilhaben konnte, denn er wurde zum Lernen angehalten und unterstützt. Es war ein heftiges Kontrastprogramm, das er durchlebte: Hier die Förderung und strenge Aufsicht durch die adeligen Arbeitgeber, dort die völlig überforderte Mutter, die Dienstmagd, die ihre eigene Qual an den Kindern ausließ und sie bei jeder Gelegenheit prügelte – wobei ihn nicht so sehr die Prügel schmerzte, sondern die Demütigung, die er durch die Prügel erfuhr. In der Erzählung „Trost“ (im Original „Utešenie“, 1899 ) hat Sologub diese Zeit beschrieben – was eine Seltenheit bei ihm ist, denn er hinterließ ansonsten nichts Autobiografisches; lediglich seine Erfahrungen sind in sein Werk eingegangen.

Sologub besuchte mehrere Schulen und begann 1878 seine Ausbildung zum Lehrer, machte 1882 sein Examen, wurde in den Staatsdienst übernommen und unterrichtete zehn Jahre lang in verschiedenen Provinzstädten. In dieser Zeit schrieb er hauptsächlich Gedichte, die später dann veröffentlicht wurden; es blieb ihm allerdings auch gar nichts anderes übrig, denn als Staatsbeamter „revolutionäre“ Schriften zu veröffentlichen, wäre ihm schlecht bekommen. Der an die Hauptstadt gewöhnte Sologub empfand das Leben in der Provinz als trostlos und deprimierend – es war so schlimm, dass er den Ansporn zum Schreiben verlor. Aus dieser Zeit resultierte die Einsicht, dass der Tod besser als das Leben, ja eine Erlösung sei. Hoffnungslosigkeit, tödliche Langweile und Einsamkeit gehörten zu seinen ständigen Begleitern, Grunderfahrungen, die später den symbolistischen Dichtern der Décadence zur Inspiration wurden. Seinen Niederschlag fand dieser Lebensabschnitt in Sologubs Romanen Der kleine Dämon (im Original Melkij bes, 1907) und Schwere Träume (im Original Tjažëlye Sny, 1896).
Im Jahr 1892 schaffte es Sologub endlich, aus dieser trostlosen Umgebung herauszukommen – er wurde nach St. Petersburg versetzt. Nun ging es mit seinem Bekanntheitsgrad – besonders, aber nicht nur, unter seinen Dichterkollegen – sehr schnell aufwärts. Ab 1893 veröffentlichte er, um sein Ministerium nicht zu beunruhigen, unter seinem Pseudonym. Von 1895 an verkehrte er im Kreis der „modernen“ Schriftsteller, zu dem u. a. Zinaida Gippius (auch Sinaida Hippius, *1869, †1945), Anton Čechov (*1860, †1904), Konstantin Fofanov (*1862, †1911), Konstantin Balmont (*1867, †1942 ), Vasilij Rozanov (*1856, †1919) und Valerij Brjusov (*1873, †1924) gehörten.
Etwa zehn Jahre später richtete er selbst den literarisch Zirkel „Sonntage“ ein, dem alles beiwohnte, was unter Schriftstellern, Künstlern und Schauspielern Rang und Namen hatte: Aleksandr Blok (*1880, †1921), Michail Kuzmin (*1875, †1936), Aleksej Remizov (*1877, †1957), Sergej Gorodeckij (*1884, †1967), Vjačeslav Ivanov (*1866, †1949), Léon Bakst (*1866, †1924), Mstislav Dobužynskij (*1875, †1957), Graf Aleksej Nikolaevič Tolstoj (*1883, †1945) u. v. a. Auch Politiker und Rechtsanwälte gehörten zu Sologubs Gästen.


   Sologub mit seiner Frau
   Anastasia Tschebotarewskaja

An dieser Stelle ist eine kleine Episode erwäh- nenswert, weil sie damals als „Petersburger Skandal mit dem Affenschwanz“ beträchtliches Aufsehen erregte und sehr bezeichnend für die damalige Zeit und den Künstlerkreis der Décadence ist:
Wie in Russland (auch heute noch) vielerorts üblich, feierte man am 3. Januar 1911 einen Maskenball, um das neue Jahr zu feiern. In Sologubs Salon erschien Graf Aleksej Tolstoj ohne Kostüm und bat Sologubs (damals noch) Lebensgefährtin um Etwas zum Verkleiden. Sie gab ihm mit der Bitte um besondere Vorsicht ein sehr wertvolles Affenfell, das sie von einer Aristokratin geschenkt bekommen hatte. Nach kurzer Zeit jedoch erregte Aleksej Remizov, unter dessen Jackett ein Affenschwanz hervorragte, auf der einen Seite beträchtliche Heiterkeit und auf der anderen Missfallen und Abscheu. Remizov, bekannt für seine derben Scherze, hatte 1908 begonnen, die literarische Geheimgesellschaft Große und freie Kammer der Affen (Obezvelvolpal) zu gründen, die sich über die zu jener Zeit üblichen literarischen Dichterschulen und künstlerischen Programme lustig machte und mit Tabubrüchen experimentierte, und die heftige Reaktion eines Teils der Anwesenden lässt wohl vermuten, dass der Affenschwanz nicht an seinem Rücken herausragte.
Sologubs Lebensgefährtin machte ihm heftige Vorwürfe ob des abgeschnittenen Schwanzes und Remizov hatte noch lange damit zu tun, alle Vorwürfe von sich zu weisen, indem er – auch in Briefen – behauptete, er habe den Schwanz gefunden. Es blieb nur noch der Graf als „böser Bube“; der allerdings tat nichts, um die Sache aufzuklären. Die Angelegenheit kam sogar vor ein Schiedsgericht. Sologubs Frau verlangte von allen ihren Bekannten und Gästen, den Graf in Zukunft als persona non grata zu behandeln, und tatsächlich verschwand Graf Aleksej Nikolaevič Tolstoj für einige Jahre von der Petersburger Bildfläche. Erst kurz vor seinem Lebensende, also 40 Jahre später, gestand er, dass er der Übeltäter gewesen war.

In seiner Petersburger Zeit als Lehrer kletterte Sologub in der Beamtenhierarchie beständig nach oben und wurde sogar mit Orden ausgezeichnet. Während der ersten Russischen Revolution 1905 aber arbeitete er an revolutionären Zeitschriften mit; nach ihrem Scheitern nahm er1907 seinen Abschied aus dem Staatsdienst. In dieser Zeit entstanden auch seine Kleinen politischen Fabeln und Märchen, die es an Bissigkeit durchaus mit denen Saltykov-Ščedrins aufnehmen können, anders als diese aber weit über das Politisch-Satirische hinausgehen und die menschlichen Schwächen geißeln.
Von 1913 bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution1917 machte er unzählige Vortrags- und Lesereisen in ganz Russland bis nach Sibirien und in die Südukraine; 1909 war er in Frankreich, 1914 in Deutschland, Spanien und Frankreich.
Die Revolution von 1917 begrüßte Sologub insoweit, als er über die Abdankung des Zaren froh war; er lehnte jedoch das Chaos und die Brutalität der Bolschewiki ab und schrieb daher für unabhängige Zeitungen. Sein Antrag auf Ausreise wurde 1919 abgelehnt. 1921 starb seine Frau, was ihn schwer traf und seine Kreativität nahezu zum Erlöschen brachte. 1924 wurde er zum Ehrenpräsidenten der Petersburger Übersetzerabteilung des Schriftstellerbundes, 1925 zum Präsidenten der Neoklassikervereinigung und 1926 zum Präsidenten des Petersburger Schriftstellerbundes gewählt.
Am 5. Dezember 1927 starb Sologub in St. Petersburg/Leningrad.


   Sologub im Jahr 1913
   (Quelle aller verwendeten
   Bilder: Sologub.narod.ru)
   

Fëdor Sologub war ein ungemein vielseitiger und produktiver Schriftsteller, bereits 1914 zählte seine Werkausgabe 12 Bände. Er hat – wie alle Symbolisten – zuallererst Gedichte und Poeme, lyrische Widmungen und Epigramme, dann aber auch Erzählungen und Romane, Kritiken und kunsttheoretische Aufsätze geschrieben; er hat selbst Dramen verfasst, aber auch Lev Tolstojs Krieg und Frieden dramatisiert und nahezu 100 Bücher rezensiert. Mehrere seiner Werke sind auch verfilmt worden.
Schließlich war Sologub ein großer Übersetzer: Griechische Klassiker wie Euripides (*480 v. Chr., †406 v. Chr.) und Aischylos (*525 v. Chr., †456 v. Chr.) hat er ebenso übertragen wie die großen Franzosen Voltaire (*1694, †1778) (Candide oder Der Optimismus) und Honoré de Balzac (*1799, †1850) (Tolldreiste Geschichten) und seine zeitgenössischen Kollegen Paul Verlaine (verschiedene Gedichte), Henri de Régnier (La double maîtresse), Guy de Maupassant (Fort comme la mort, dt. Stark wie der Tod) und, aus dem Englischen, Oscar Wilde (Poems in Prose, dt. Prosagedichte; „The Harlot’s House“, dt. „Das Hurenhaus“). Er war ein großer Verehrer von Heinrich von Kleist (*1777, †1811) und hat dessen Werke Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn und Der zerbrochene Krug übersetzt. Seine deutschen Zeitgenossen Franz Werfel, Yvan Goll, Kurt Heynicke, Paul Zech, Jakob van Hoddis, Georg Heym und Gottfried Benn übertrug er ebenso wie das Gedichtbuch Kobsar des großen (heute zum ukrainischen Nationaldichter gewordenen) Lyrikers Taras Ševčenko (*1814, †1861), der schon damals auf Ukrainisch schrieb.

Seine eigenen Werke hat Sologub aber nicht selbst in fremde Sprachen übersetzt. Zumindest für die Übersetzungen ins Deutsche – und er wurde schon zu seinen Lebzeiten übersetzt – hatte er kongeniale Kollegen wie z. B. Alexander Eliasberg, Arthur Luther, Fega Frisch und Johannes von Guenther, deren Übersetzungen dem Original in nichts nachstehen; es ist geradezu ein Erlebnis, die ausdrucksreiche Sprache zu genießen.

Einen Einblick in die literarische Welt, die Sologub erschaffen hat, können Sie in einem zweiten Essay nehmen, das in Kürze hier erscheinen wird. Dort finden Sie auch eine Werkübersicht sowie Angaben zur weiterführenden Literatur.

26. August 2011

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