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Zurück zum Glück

von bardola

Katherine Hannigans Roman mit dem langen Titel Ida B. … und ihre Pläne, so viel Spaß wie möglich zu haben, Unheil zu vermeiden und (eventuell) die Welt zu retten erzählt in einer ungewöhnlich poetischen Prosa von Zufriedenheit, Krise und Glück.

Ich setzte mich auf die Veranda und schaute das Land und den Berg und die Bäume und die Sterne an, die, weiß Gott, nicht meine waren und es auch nie sein würden. Aber in einiger Hinsicht würden sie mir trotzdem immer gehören und es war völlig unmöglich mir vorzustellen, dass ich ihnen nicht gehörte. In Worten ausgesprochen ergibt das vielleicht keinen Sinn, aber an dem Abend ergab es für mich durchaus einen Sinn.

Alles ist zunächst bestens bei dem fröhlichen Mädchen Ida B Applewood. Die Farm ihres Vaters Evan und ihrer Mutter Ida ist eine Idylle, die Ida B jeden Tag genießen kann, weil sie nicht zur Schule muss. Ida B wusste schon am ersten Schultag, dass sie mit Lehrern, Klassenzimmern und Kameraden nicht klarkommen würde. Sie protestierte sofort so geschickt, dass ihr die Mutter das Versprechen gab, nie mehr in die Schule zu müssen, vorausgesetzt, der Heimunterricht würde klappen. Seither lehren Mam und Dad Ida B, die jedes Jahr ein öffentliches Examen mit sehr guten Ergebnissen ablegt.


    Katherine Hannigan

Also verbringt Ida B ihre Zeit da, wo es ihr am besten gefällt: mit den Eltern, den Bäumen oder dem Berg vor dem Haus. „Wir sind die Hüter der Erde“, sagt der Vater und die Tochter entgegnet, „ich glaube, die Erde behütet uns.“ Ida spricht mit einem Bach und mit Apfelbäumen, denen sie Namen gegeben hat. Sie ist erfinderisch, zeichnet, schreibt, träumt und hat ihren Hund Rufus und ihre Katze Lulu. Und wenn sie in der Obstplantage spielt, sprechen die Bäume mit vielen verschiedenen Stimmen zu ihr.
Ärger mit den Eltern kriegt sie nur, wenn sie beispielsweise auf der Suche nach der bahnbrechenden Entwicklung einer „Seifenmaske“ ihr Gesicht mit Hilfe eines Spülmittels in einen Anti-Schmutzpanzer verwandelt, der Kinder und Erwachsene dauerhaft vor dem lästigen Gesichtwaschen befreien soll.
Alles könnte so schön weitergehen, wenn nicht Mam plötzlich schwer erkranken würde. Mit unerschütterlicher Zuversicht stellt sich Ida B zunächst dem Drama, legt beispielsweise die ausgefallenen Haare in Ida B’s Tasche vermischter Dinge für nicht fest umrissene Pläne. Doch in der Folge verschlimmert sich das Leben Ida B’s drastisch. Der Vater muss ein Stück des Landes verkaufen, um die Klinik-Kosten zu bezahlen. Auf diesem Grund stehen auch einige von Ida B’s Lieblingsbäumen. Sie müssen gefällt werden, damit die neuen Eigentümer ihr Haus bauen können. Zudem muss Ida B wieder in die Schule, da die Mutter zu schwach ist, um sie weiterhin zu unterrichten. Damit bricht die Mutter ihr Versprechen. Der Vertrauensverlust, der Schmerz über die gefällten Bäume und der weiterhin ungewisse Gesundheitszustand der Mutter führen dazu, dass sich Ida B zurückzieht und radikal abschottet. Sie lässt ihr Herz „steinhart werden“, denn sie ist die Beschützerin des Tales, die die neuen Nachbarn, die Käufer des Grundstücks, u.a. die nette Claire aus ihrer Klasse, verjagen muss. Mit den Eltern und in der Schule spricht sie nur das Nötigste. In ihrer großen Not holt sie sich einen schwachen Trost bei den Bäumen, die ihr zuflüstern, dass alles wieder in Ordnung komme.
Mit außerordentlich viel psychologischem Feingefühl schildert Katherine Hannigan die emotionale Notlage Ida B’s, ein schwieriges Jahr, in der Ida B die Frage „wie war dein Tag?“ nicht ertragen kann. Und als sie doch wieder ertönt, denkt Ida B: Und jetzt hatte ich ein Problem. Ich musste einen Weg finden, die Befragung durchzustehen, ohne den Entschluss meines Herzens zu gefährden, und gleichzeitig die Laune eines Daddys umschiffen, der bestimmt nicht hören wollte, was irgendwie, und sei es auch nur ganz leicht, nach Unverschämtheit klänge. Schließlich brachte ich Folgendes heraus, das zwar passender klang als alle anderen Möglichkeiten, aber auf jeden Fall weit weg von gut: „Es war okay“, sagte ich. Aber in meinem Kopf sah „okay“ so aus: O.K. Die beiden Buchstaben standen für ‚Oberpeinliche Katastrophe’“
Die Eltern kapitulieren vor Ida B’s Halsstarrigkeit. Nur Miss Washington, ihrer Lehrerin, gelingt es langsam und behutsam, Ida B in den Alltag zurückfinden zu lassen. Sie gibt Ida B Aufgaben, sei es laut Vorlesen, sei es Mathe-Nachilfe für Ronnie, mit dem sich Ida B wider willen allmählich anfreundet. Der zweite Teil dieses Romans schildert den schwierigen Weg Ida B’s von der Trauer- und Trotzblockade zurück zum Glück. Sie verwandelt sich nicht in ihr altes munteres Selbst, aber in ein reiferes Mädchen, das um wichtige Erfahrungen reicher ist.
Katherine Hannigans Sprache macht diese wunderbare Geschichte zu einem prägenden Leseerlebnis. Isoliert mögen Hannigans Vergleiche, ihre ungewöhnliche Wortwahl überraschen, im Kontext verstärken sie die starken Stimmungen innerhalb der kleinen Familie, die neben ihrer Plantage und umgeben von Natur weitab städtischer Alltäglichkeit lebt. Allein die Bilder für den Tonfall bei Gesprächen sensibilisieren die Wahrnehmung der Leser, beispielsweise wenn Ida B den Vater beschreibt, wie er zur kranken Mutter spricht: … und seine Stimme war weich wie ein Kaninchenfell und leicht wie Rauch oder die Mutter, wie sie Ida B. bittet, ihr irgendwann auch einmal die Geschichte vorzulesen, die Ida B. ihrer Klasse vorgelesen hatte, wodurch sie sie sich wieder zu öffnen begann: das sagte sie so sanft wie Schritte in frischem Schnee. Die Wahrhaftigkeit nach der großen Angst und Trauer, nach der Isolation und Kälte, zu der sich Katherine Hannigans Figuren durchringen müssen, springt auf die Leser über.

8. February 2011

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2 Kommentare

  1. Hascho T. Perl und das Basisgutachten | Literaturblog Bayern schrieb am February 15, 2011:

    […] der darin porträtierten Autorin Oda Schaefer. /// Der Münchner Autor Nicola Bardola empfiehlt im ZVAB-Blog Katherine Hannigans. /// Am Mittwoch startet die Litera-Tour in Nürnberg (Nürnberger Zeitung). […]

  2. Michael schrieb am February 10, 2012:

    Tolle Geschichte muss ich sagen. Die wird meiner Nichte sicher auch gefallen 🙂


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