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Die Lisa

von lesartige

Das Buch erzählt die Lebensgeschichte einer Frau namens Lisa, die 1899 geboren wird und 90 Jahre Deutsche Geschichte miterlebt. Sie erlebt beide Weltkriege, die Teilung Deutschlands in BRD und DDR und endlich die Wiedervereinigung beider Staaten zum heutigen Deutschland. Indem wir Lisas Leben mitverfolgen, ergibt sich so ein Überblick über die gesamte neuere deutsche Geschichte bis in die 90er Jahre hinein.

Das Buch erzählt dabei von den guten und den schlechten Seiten des Lebens in Deutschland. Es erzählt von Söhnen, Vätern und Ehemännern, die in den zwei Weltkriegen fallen, von jüdischen Freunden, die von den Faschisten abgeholt werden, Trennungen ganzer Familien durch den Bau der Berliner Mauer. Aber es erzählt auch von fröhlichen Tanzabenden und Hochzeiten.

Wenn es um die Geschichte Deutschlands geht, versucht der Autor neutral zu bleiben. So erzählt er zum Beispiel, dass sich ein Sohn von Lisa entscheidet in der DDR zu leben, da er davon überzeugt ist, so an einem Staat mitzubauen, der sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten will. Lisa hingegen erlebt nur, dass sie ihren Sohn durch den Bau der Mauer nicht mehr sehen kann, sie vermisst ihn sehr.

Die Illustrationen von Peter Schimmel ergänzen die Geschichte gut und fügen ihr sogar noch etwas zum Nachdenken hinzu. So wählt er oft Lisas Fenster als Motiv. So kann er die Sichtweise des Betrachters verändern und zum Teil auch beeinflussen. Manchmal schaut der Leser durch das Fenster in Lisas Wohnung hinein, ist also ein Betrachter von Außen. Es gibt aber auch Bilder, wo man durch Lisas Augen schaut, nämlich aus dem Fenster hinaus. Dadurch kann man sich gut in ihre Gefühle hineinversetzen, zum Beispiel, als sie miterleben muss, dass ihre jüdische Freundin Else von den Nazis abgeholt wird und sie nicht wagt etwas dagegen zu unternehmen. Das Fenster, aus dem sie schaut gewährt ihr Schutz vor den Nazis, trennt sie aber auch von ihrer Freundin, steht zwischen ihnen, da Lisa eben nur zuschaut und nichts unternimmt.

LesArtige

Klaus Kordon lässt seine Geschichte in Berlin spielen. Wir haben uns gefragt, ob sich Lisas Leben genauso auch in einer anderen Stadt hätte abspielen können, ob die Wahl des Ortes also zufällig war. Uns schien es aber so, als wäre Berlin, als Hauptstadt Deutschlands ein Ort gewesen ist, wo man immer mitten im Geschehen war. Hier wurden politische Entscheidungen getroffen, hier war man also immer hautnah dabei. Und gerade die Auswirkungen der Teilung Deutschlands auf das Leben der Menschen wird durch den Bau der Mauer in keiner anderen Stadt so deutlich, wie in Berlin.

Unsere Frage aber, ob alles Geschehen auch woanders hätte stattfinden können, scheint sich auch der Illustrator gestellt zu haben. Denn in seinen Bildern lässt er bis auf bei einer Ausnahme nie deutlich erkennen, dass es sich bei Lisas Stadt um Berlin handelt. Zwar sieht man hohe Häuser und Plakate, die auf eine Großstadt hinweisen, doch davon gab es auch damals schon einige. So macht er deutlich, dass es auch in anderen Städten Deutschlands Männer gab, die in den Krieg ziehen mussten, dass auch in anderen Städten Juden verfolgt und deportiert wurden. Nur beim Bau der Mauer kann der Leser erkennen, dass es sich um Berlin handeln muss, denn nur hier wurde eine Stadt durch eine Mauer geteilt.

Wir fanden das Buch sehr interessant und spannend und denken, dass es ein toller Einstieg in den Geschichtsunterricht für die fünfte oder sechste Klasse sein kann. Die gut und leicht verständlich erzählte Geschichte gibt einen kurzen Überblick über die neuere deutsche Geschichte und macht neugierig auf mehr. Sarah zum Beispiel hat nach dem Lesen der Geschichte beschlossen das Tagebuch der Anne Frank zu lesen, um mehr über die Situation jüdische Menschen während des Faschismus zu erfahren.

Hauptfigur dieses ungewöhnlichen Kinderbuches ist Lisa: auf dem ersten Bild ist sie gerade geboren, auf dem letzten sehen wir sie als zahnlose Neunzigjährige. Dazwischen liegen all die Ereignisse, die die gesellschaftlich-politische Entwicklung in unserem Jahrhundert geprägt haben. Kriege und politische und gesellschaftliche Umbrüche erlebt sie in ihrer Heimatstadt Berlin ebenso wie Kontinuitäten und Neuanfänge. Die ihr eigene Beharrlichkeit findet ihren Niederschlag nicht nur in Handlungen und Verhaltensweisen, sondern auch in Gefühlen und Gedanken. Die Vielschichtigkeit ihres Lebens ist in kurzen, schmucklosen Sätzen angedeutet; großformatige, karrikaturhafte Farbillustrationen von großer Eigenständigkeit bieten zusätzliche Informationen. Gut geeignet als Einstieg in Gespräche über früher und heute oder über die Auswirkungen von Politik auf den Alltag.

Besprechung aus der Zeitschrift „Roter Elefant“

3. December 2010

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