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Letzte Worte

von konecny
Brendan Behan

Manchmal ruft mich sogar der WDR an: „Jaromir!“, sagte die Stimme am Telefon. „Möchtest du bei unserem Poetry Slam auftreten? Thematisch geht’s um letzte Worte!“

„Die bring ich ständig!“, sagte ich, um Wissen vorzutäuschen, auch wenn ein normaler Deutscher bei einem Tschechen wie mir gar nicht so viel Wissen erwartet.

Erst Wikipedia klärte mich auf. Unter den letzten Worten versteht man das, was ein Mensch im Angesicht des Todes der Nachwelt als Quintessenz seines Lebens hinterlässt. Humphrey Bogart zum Beispiel sagte, bevor er starb: „Ich hätte nicht von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“ Oder der irische Dramatiker Brendan Behan. Der sagte vor seinem Tod zu der Nonne, die ihn pflegte: „Gott segne Sie, Schwester. Mögen alle Ihre Söhne Bischöfe werden.“

Kluge Leute bringen’s im letzten Augenblick schön auf den Punkt: „Ich fühle mich nicht gut“, sagte der US-amerikanische Pflanzenzüchter Luther Burbank. Besonders sympathisch sind mir Dichter, die auch aus ihrem Tod ein Gedicht machen: „Vorsicht, bitte!“, hatte Egon Friedell gesagt, bevor er aus dem Fenster sprang. Manch einer hat aber auch in der Sekunde seines Todes keine Ahnung: „Noch lebe ich“, sagte Caligula und wurde prompt ermordet. Nicht jeder ist im Sterben so geistreich wie Heinrich Heine, der sagte: „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Beruf.“ Andere Dichter halten sich bei ihrem letzten Spruch einfach weiter an die wichtigen Sachen im Leben. „Ich hatte achtzehn volle Whiskys“, sagte Dylan Thomas“, ich denke, das ist Rekord.“ Und diesen hat er dann nicht mehr getoppt.

Die bekanntesten letzten Worte stammen wohl von Jesus. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, soll Jesus gesagt haben. Das war damals ziemlich originell, doch seitdem hat man um Jesus bekannteweise einen gewaltigen Personenkult aufgebaut. Bald wollte jeder vor seinem Tod wie Jesus daherreden: „In deine Hände, Vater, befehle ich meinen Geist“, sagte Karl der Große im Jahre 814. Aber auch Martin Luther scheute nicht vor diesem Plagiat: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöst, du treuer Gott“; sagte Luther und starb.

Dieser üblen Copyrightverletzung wollte Karl Marx Einhalt bieten und scheuchte die Letzte-Worte-Aufschreiber von seinem Todesbett: „Hinaus!“, sagte Marx. „Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“

Ein berühmter Mensch muss nun mal mit seinen letzten Worten den richtigen Punkt hinter sein Leben setzen. Deswegen sagte Einstein im Sterben etwas so Kompliziertes, dass es die ihn pflegende Krankenschwester gar nicht verstehen und somit nicht aufschreiben konnte und wir – die restlichen Sterblichen – uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen müssen. Vor Einstein starb man zu Hause bei seiner Familie, die die letzten Worte für die Öffentlichkeit bewahren konnte. Jetzt stirbt man im Krankenhaus, zwischen Apparaten und gehetzten Krankenschwestern, die einfach keine Zeit haben, deinen großartigen letzten Spruch aufzuschreiben. Das finde ich gar nicht komisch! Manch einer bastelt das ganze Leben lang an seinen letzten Worten rum, und keine Sau schreibt sie auf! Aus diesem Grund pfeifen heutzutage viele berühmte Leute auf ihre letzten Worte, sie sterben einfach, ohne ein Sterbenswörtchen gesagt zu haben!

Zum Glück muss ich mir über meine letzten Worte keine großen Gedanken machen, ich bin nicht berühmt, und werde’s wohl bis zu meinem Tod auch nicht werden, so wie ich mich anstelle. Blöd wäre’s nur, wenn man mich nach meinem Tod berühmt machen würde. In diesem unglaublichen Leben, das der Tod mit anderen Mitteln fortsetzt, ist ja alles möglich. Oh, Gott! Was mache ich, wenn ich tot bin wie William Shakespeare und plötzlich berühmt wie Wladimir Kaminer, doch ohne ein paar deftige letzte Worte der Nachwelt hinterlassen zu haben? Warum wird das mit den letzten Worten nicht ordentlich geregelt, verdammt? In Deutschland gibt’s für alles ein Gesetz, nur für die letzten Worte nicht. Ich rief Moses Wolff an. Moses ist als Wildbach-Toni bei YouTube und Titanic-Online hinreichend berühmt, in München sogar berühmter als unser Oberbürgermeister Ude und verdient Geld ohne Ende deswegen. Moses wird Bescheid wissen.

„Freili wird’s mit den letzten Worten geregelt!“, sagte Moses am Telefon. „Jeder berühmte Mensch in Deutschland bekommt mit 30 vom Kultusministerium einen Brief mit der Aufforderung, sich seine letzten Worte zu überlegen. Die musst du dem Kultusministerium dann zur Bewilligung vorlegen. Seit Bertolt Brecht im Sterben gesagt hat, ‚lasst mich in Ruhe!“, will man bei den letzten Worten kein Risiko mehr eingehen!

„Klar!“, sagte ich. „Ein deutscher Intellektueller sollte vor seinem Tod etwas Tiefsinniges sagen!“

„Freili!“, sagte Moses. „Deswegen hat das Ministerium Mario Barth aufgefordert, mit seinen letzten Worten einen Lohnschreiber zu beauftragen. Dieter Bohlen will vor seinem Tod, ‚letztes casting, baby’, sagen, dann eine tiefsinnige Pause einlegen und erst dann sterben. Auch wegen dieses Spruchs hat das Kultusministerium gemotzt, aber am Ende war man sich einig, dass etwas Tiefsinnigeres unglaubwürdig wäre.“

„Ich hatte keinen Brief bekommen“, sagte ich.

„Freili!“, sagte Moses. „Du bist ja Tscheche! Außerdem wirst du bei deinem Tod so viel Stress machen und alle volllabern, die um dein Sterbebett herumstehen, dass keiner checkt, was deine letzten Worte eigentlich waren!“

„Hast du dir schon deine letzten Worte zurechtgelegt?“, fragte ich.

„Freili!“, sagte Moses. „Fere ouzo kai pame!“

Mosi ist zwar ein waschechter Münchner, was er zu Zeiten des Oktoberfestes mit seinem Bierpegel zu genüge beweist, doch seine romantische Seele macht ihn auch zu einem großen Griechen. Letzte Worte auf Griechisch also? Hmm… „Was bedeutet der Spruch?“, fragte ich.

„Bring Ouzo und geh’ma!“

„Ich bring den Ouzo an dein Sterbebett!“, sagte ich.

„Du stirbst früher!“, sagte Moses. „Du lebst zu gesund!

Ich versuchte zu recherchieren, ob das mit dem Brief vom Kultusministerium stimmt. Dabei habe ich in alten Quellen die letzten Worte von Goethe entdeckt: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“ Ein Spruch voller Alltagspoesie also. Doch in den neuen Sammlungen der letzten Worte stand bei Goethe nur: „Mehr Licht!“ Eine bedeutungsschwangere und Tiefsinn vorspielende Abkürzung von Goethes echten letzten Worten. Das mit dem Fensterladen war zu profan, also weg damit. Jetzt hatte ich’s Schwarz auf Weiß: Das Kultusministerium verfälschte letzte Worte großer Deutscher, damit sie tiefsinniger werden! Damit wir trotz Mario Barth und Dieter Bohlen ein Volk der Dichter und Denker bleiben.

Lenny Bruce

Um’s dem Kultusministerium zu zeigen, wollte ich in meiner Geschichte für den WDR-Poetry-Slam knallharte letzte Worte unterbringen, etwas so Profanes, dass sich jeder tiefsinnige Mensch dafür schämen würde. Den amerikanischen Stand-Up-Comedien Lenny Bruce hatte mal ein Journalist gefragt, warum seine Witze so unter die Gürtellinie gehen. „Wenn Sie am menschlichen Körper etwas anekelt“, antwortete darauf Lenny Bruce, „beschweren sie sich beim Hersteller.“ Leider hat sich Lenny dann ziemlich schnell zu Tode gedopt. Seine letzten Worte wird aber kein noch so tiefsinniger Intellektueller übertreffen: „Do you know where I can get any shit?“ („Weißt du, wo ich etwas Marihuana herbekommen kann?“) Und so beendete ich damit auch meine Geschichte Die süße Tüte des Vergessens für den WDR-Poetry-Slam. Leider waren diese letzten Worte von Lenny Bruce so unglaublich, dass sie mir keiner abnahm. „Du hast dich nicht an die Vorgaben gehalten!“, sagte mir ein Jurymitglied. „Deine Geschichte hatte überhaupt nichts mit letzten Worten zu tun.

„Doch, doch!“, beteuerte ich, und wollte das mit Lenny Bruce erklären, aber keiner hörte mir zu. So ist es nun mal mit den letzten Worten heutzutage. Die Jury gab mir die niedrigste Punktzahl von allen Auftretenden, ich solle froh sein, dass ich nicht disqualifiziert wurde.

Jetzt muss ich halt abwarten, ob jemand zumindest meinen eigenen letzten Worten zuhört. Die habe ich mir zur Sicherheit doch zurechtgelegt. Etwas noch Unglaublicheres als die letzten Worte von Moses Wolff oder Lenny Bruce. Klar kann ich Euch meine letzten Worte jetzt nicht verraten. Dann wären’s ja keine letzten Worte mehr

7. September 2010

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15 Kommentare

  1. Mel schrieb am September 7, 2010:

    tja… selbst kurz vor dem tod wird noch (leistungs-)druck gemacht und mit einem gruseln überlege ich gerade was denn wohl wäre, wenn ich garnicht mehr reden kann? muss ich dann was schreiben, smsen, mailen, bloggen, twittern und posten? ich glaube, ich sage nichts und “gehe” einfach 🙂

  2. Jaromir Konecny schrieb am September 8, 2010:

    Hallo Mel,

    das ist eine weise Entscheidung, denke ich!

    Liebe Grüße

    Jaromir

  3. YeRainbow schrieb am September 8, 2010:

    keine ahnung, ob das meine letzten worte sein werden, aber auf meinen Stein (wenn überhaupt einer nötig ist), kommt dann: “Bin noch nicht so weit!!!”

    Aber die von HG Wells sind einfach nicht zu toppen.
    “I´m fine…”

    andere machen es ohne Worte, mit Haltung. Mein zwergenhund, als ich ihn letzten Herbst einschläfern ließ, weil er massiv Schmerzen hatte (war ja auch rechtschaffen alt), biß den Tierarzt. Und das ohne noch Zähne zu haben.
    Ist aber, glaub ich, für den Interessierten auch nur schwer umzusetzen, im Falle…

  4. Grünspecht schrieb am September 18, 2010:

    Hieß es nicht bei Goethe:
    “Meir läigts kesse nich richtisch!”

  5. herbert schrieb am September 27, 2010:

    Man sollte sich allerdings auch nicht zu früh über seine letzten Worte Gedanken machen, ansonsten vergisst oder verliert man sich doch nur wieder.

  6. Tine schrieb am October 29, 2010:

    Mir ist vom Deutsch-LK vielleicht nicht allzuviel hängen geblieben, aber ich bin sicher, mein Lehrer zitierte ihn (Goethe)mit: “Mer licht hier so schlecht!”
    Ist insgesamt aber auch erstaunlich, wie viele Leute sich ernsthaft Gedanken zum Thema Sterben machen…So bierernst war der Text doch gar nicht.

  7. Jaromir Konecny schrieb am November 17, 2010:

    Liebe Leute, bitte entschuldigt, dass ich mich erst jetzt melde, war aber viel unterwegs – Kunst und Abenteuer – und dann hat’s hier wieder mal einen dieser unglaublichen Harddisc-Abstürze mit digitalem Gedächtnisverlust gegeben. Jetzt fahre ich zwar auch gleich in den Osten der Republik, aber schon voll einsatzbereit, mit einem neuen Netbook im Rucksack.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  8. Jaromir Konecny schrieb am November 17, 2010:

    @YeRainbow: Hallo Martini, oh, jetzt muss ich aber weiter Datenschutz pflegen, obwohl ich Deinen schönen Vornamen kenne! Das ist für mich echt schwierig, wo ich über mich und überall alles verrate, noch viel mehr verrate ich, als es überhaupt gibt – um Verwirrung zu stiften, das setze Kreativität frei, wie Salvator Dali richtig erkannte. Vielen Dank für die letzten Worte Deines Hundes! Die sind skurril! Ich habe überhaupt gehofft, dass hier in den Kommentaren mehr in dieser Art auftaucht.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  9. Jaromir Konecny schrieb am November 17, 2010:

    @Grünspecht: Ich glaube, schon letzte Worte von Goethe würden ein dickes Buch füllen. Ist ja auch richtig so bei einem Dichterfürst! Und so verspreche ich hiermit feierlich, mich auch in den Tod zu labern, wenn’s mal soweit ist. Ich sehe schon meine Nächsten, wie sie an meinem Sterbebett stehen und unauffällige Blicke auf die Uhr werfen, wann es denn endlich so weit sei.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  10. Jaromir Konecny schrieb am November 17, 2010:

    @herbert: Ein schöner Gedanke, Herbert! Sich in den letzten Worten zu verlieren…

    Bunte Grüße

    Jaromir

  11. Jaromir Konecny schrieb am November 17, 2010:

    @Tine: Wunderbar! Wieder eine neue Variante der letzten Worte von Goethe. Wenn noch mehr davon kommt, kann ich die Sammlung anlegen. Oder noch einen ZVABlog-Text schreiben. Ein ganzes Essay nur über letzte Worte von Goethe!

    Poetische Grüße

    Jaromir

  12. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am December 16, 2010:

    […] Letzte Worte Sex auf Distanz Wesensnahe Lebenskünstlerinnen Ausgang auf Afrikanisch Die Gurken der spirituellen Frauen Etwas Vernunft im Wahnsinn Italienisch für Machos Elvis lebt Ich möchte mit dir Sex haben Die süße Tüte des Vergessens Tschechensport Ich sammle Joghurtdeckel Urbane Legenden Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben Der Mensch und die Wunder der Technik Die schönen Seiten der Globalisierung Omas Han am Tag der Arbeit Männer auf der Kirmes Eine Frau mit Buch Mein Irrglaube an den Janoschik Der freie Wille der Kneipenphilosophen Wer ist hier der Schriftsteller, verdammt? (YT) Karin, das Beutetier und das Wesen des Kapitalismus Bücher für die Blöden Der Schatz im Altvatergebirge Auf Schnäppchenjagd Tiroler Marterln. […]

  13. Werner Müller schrieb am December 5, 2011:

    Ein zu Tode verurteilter Verbrecher, sagte am Tag seiner Hinrichtung: das ist wieder al typisch, nicht mal die Sonne scheint.

  14. Jaromir Konecny schrieb am December 6, 2011:

    Hallo Werner Müller, schön! Seit der Postung dieser Geschichte hier hat sich auf dem Gebiet der letzten Worte eine Menge getan, zum Beispiel Steve Jobs soll vor seinem Tod zuerst einen Blick auf seine Kinder, seine Frau und seine Schwester geworfen, dann in die Ferne geguckt und dabei gesagt haben: “Oh wow! Oh wow! Oh wow!” Was ich jetzt mit 55 – obwohl Atheist – als sehr vielversprechend empfinde.
    Bunte Lebensgrüße
    Jaromir

  15. Joerg Kastner schrieb am July 25, 2012:

    Goethe sagte nicht “Mehr Licht” sondern auf die Frage, wie es ihm ginge, Frankfurterisch “Ma liescht”, was hochdeutsch heißt: “Man liegt”.


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