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Entartung, Lügen und Krankheit – Max Nordau oder: Der andere Blick auf die Jahrhundertwende

von tergast

Wenn eines die Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts kennzeichnet, dann wohl die Gleichzeitigkeit so vieler unterschiedlicher Gedanken, Weltanschauungen und politischer wie künstlerischer Überzeugungen und Richtungen. Da konnte einer als Jude geboren werden, sich mit Leib und Seele und sogar mit einer Namensänderung davon lossagen, und schließlich doch noch zu einem der Vorkämpfer der zionistischen Bewegung an der Seite Theodor Herzls werden. Und dieser eine konnte in der Zwischenzeit ein literarisches und kritisches Werk schaffen, das – wenngleich nicht intentional – den aufkeimenden faschistischen Bewegungen in die Karten spielte.

Simon Maximilian Südfeld legte im April 1873 seinen Geburtsnamen ab und nannte sich fortan Max Nordau. Dieser Moment war für ihn in mehrfacher Hinsicht ein Ende und ein Neubeginn. Sein Vater Gabriel (der Rabbiner war und die Namensänderung wohl kaum gut geheißen hätte) war gestorben, sein Medizinstudium in der ungarischen Heimatstadt Pest, die noch im selben Jahr mit den Nachbarstädten Buda und Óbuda zur Landeshauptstadt Budapest zusammengelegt wurde, beendet. Der ungarische Jude Südfeld alias Nordau zog nach Paris, wo er fortan seinen Lebensmittelpunkt haben und sich einen Namen machen sollte.

In Paris arbeitete Nordau als Mediziner, baute sich jedoch gleichzeitig eine Karriere als Journalist und Schriftsteller auf. Als Korrespondent arbeitete er vor allem für die Berliner Vossische Zeitung, aber auch für die Wiener Neue Freie Presse und für La Nación aus Buenos Aires.

Sein medizinisches Studium und seine Tätigkeit als Arzt hatten Nordau zu einem absoluten Verfechter des naturwissenschaftlichen Vorgehens werden lassen. Der Darwinismus und der französische Positivismus waren die Grundlagen seines Denkens, und diese Ausrichtung führte wie bei so vielen seiner Zeitgenossen zu einer Idealisierung des realistischen und naturalistischen Elements in Literatur und Kunst. Mit den avantgardistischen Werken der Jahrhundertwende konnte Nordau dementsprechend wenig anfangen, und so kam es zu einer der meistdiskutierten Schriften des Fin de siècle, einer Art Psychopathologie der Jahrhundertwende und ihrer Zeitstimmung, die nach Nordau „eine seltsam wirre, aus fieberhafter Rastlosigkeit und stumpfer Entmuthigung“ ist. Entartung heißt dieses 1893 erschienene Buch, das in einem Rundumschlag von Baudelaire bis Wilde alles Literarische verdammt, das die soziale Realität nicht im Rahmen eines quasi wissenschaftlichen Vorgang thematisiert.

Nordau hatte dieses Werk mit anderen vorbereitet, auch im belletristischen Feld. Die Krankheit des Jahrhunderts heißt ein Roman von 1889, dessen Hauptfigur Wilhelm Eynhardt als ein typischer „Décadent“ gezeichnet ist, der dem tätigen bürgerlichen Leben immer wieder zu entfliehen versteht. Ähnliche Figuren treten in der Novellensammlung Seelenanalysen von 1892 auf. Einige Jahre vorher waren mit Die conventionellen Lügen der Menschheit (1883) und Paradoxe (1885) bereits zwei Essaybände erschienen, die ebenfalls die in Entartung geäußerten Ansichten vordachten.

Nordaus Werk lässt sich heute nur noch auf einer Metaebene lesen, als Kommentar zu einer Epoche, deren zentrale Nervenstränge in so viele verschiedene Richtungen verlie- fen, dass sich die Menschheit selbst abhan- den kam und in der großen Katastrophe der jüngeren Geschichte landete. Nicht umsonst spricht der Historiker Philipp Blom in seinem großartigen gleichnamigen Buch vom „taumelnden Kontinent“ und meint damit das Europa der Jahrhundertwende, in dem Nordaus Ansichten ebenso berechtigt erschienen wie die seiner ärgsten Gegner.
Es gilt: Wer wissen will, wieso wir heute wieder in einer nervösen Zeit leben, die wild zwischen Fortschrittsgläubigkeit und esoterischen Fluchtbewegungen oszilliert, sollte sowohl Baudelaire und Wilde als auch Nordau gelesen haben. Denn nur bei einer auch die Extreme einschließenden Rückschau wird klar, warum das Leben nie so einfach ist, wie die großen Vereinfacher es gerne hätten, sondern viel komplizierter, als es sich selbst die größten Verkomplizierer ausmalen.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

zu Max Nordau:
Melanie A. Murphy: Max Nordau’s Fin-de-Siècle Romance of Race (2007)
Christoph Schulte: Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau (1997)
Petra Zudrell: Der Kulturkritiker und Schriftsteller Max Nordau – Zwischen Zionismus, Deutschtum und Judentum (2003)

zum Begriff „Entartung“:
Céline Kaiser: Rhetorik der Entartung. Max Nordau und die Sprache der Verletzung (2007)
Andrea Kottow: Der kranke Mann. Zu den Dichotomien Krankheit/Gesundheit und Weiblichkeit/Männlichkeit in Texten um 1900 (2006, darin besonders Kapitel 6: Die Verschränkung von ‚Moral, Medizin und Ästhetik’ in Max Nordaus Entartung)
Udo Leuschner: Entfremdung, Neurose, Ideologie. Eine Studie über Psychoanalyse und die Entfremdungs-Theorie von Karl Marx (1990, darin insbesondere das Kapitel zum Thema Entartung, vgl. auch http://www.leuschner.business.t-online.de/nordau/entartung1.htm)

31. August 2010

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1 Kommentar

  1. Tweets that mention Entartung, Lügen und Krankheit – Max Nordau oder: Der andere Blick auf die Jahrhundertwende « ZVABlog -- Topsy.com schrieb am September 1, 2010:

    […] This post was mentioned on Twitter by Björn Biester, Carsten Tergast. Carsten Tergast said: Oh. Mein neuer Blogbeitrag im #ZVAB-Blog ist online: http://bit.ly/bXnqP0 #nordau #findesiecle […]


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