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Kafka am Strand

von bardola

Leider erfährt die schwierige Zielgruppe 14+ nur selten, dass es Bücher gibt, die nicht bei MTV, in der Yam oder sonst einer Teeny-Zeitschrift und auch nicht in der Schule erwähnt werden, die nicht in den Jugendbuchabteilungen der Bibliotheken und Buchhandlungen stehen und die trotzdem ein perfektes Mittel gegen die gefährliche Lesefaulheit in der Pubertät sind. Die Hauptursache für diese „Unsichtbarkeit“ ist banal: Diese Bücher erscheinen nicht in Jugendbuchverlagen.

Das gilt auch für Haruki Murakamis Kafka am Strand. Wenn „Kafka“ im Titel steht, bekommen schon manche Erwachsenen Angst, das aber ist hier unbegründet. „Als mein fünfzehnter Geburtstag gekommen war, ging ich von zu Hause fort, um in einer fernen, fremden Stadt in einem Winkel einer kleinen Bibliothek zu leben.“ Kafka Tamura, der von einer klugen Krähe begleitete Held (Kafka heißt auf Tschechisch Krähe) dieser magischen Reissaus-Geschichte, wird insbesondere fantasygesättigten Lesern einen neuen, wichtigeren und lebensnaheren literarischen Horizont aufzeigen. Kafka war vier Jahre alt, als seine Mutter und seine Schwester ihn verließen. Jetzt erwartet er Antworten auf seine Fragen. „Vor langer Zeit habe ich verlassen, was ich nicht verlassen durfte“, sagt sie. „Es war dasjenige, was ich am meisten liebte. Denn ich fürchtete, es irgendwann zu verlieren. Deshalb musste ich selbst fortgehen.“

Japanische Elemente dominieren nicht. Beethoven oder Schubert sind wichtig, aber auch die griechische Mythologie, der französische Existentialismus, die amerikanische Road-Movie-Romantik oder der schottische Galgenhumor – all das sind Ingredienzien, die Murakami mit Träumen, Mystik, surrealen Elementen und japanischer Leidenschaft und Disziplin (Kafka will der stärkste Junge der Welt werden) verschmilzt. Wissen und Entschiedenheit, Gefühle, Geduld und Mut werden hier ebenso trainiert wie Muskeln:

Während ich ein paar Dehnübungen zur Lockerung mache, entspanne ich mich allmählich und erlange meine Fassung zurück. Ich bin wieder bei mir. Die Konturen meines Ichs schieben sich übereinander und rasten mit einem leisen Klicken ein. So. Ich bin an meinem gewohnten Platz. Ich beginne mit einem Zirkeltraining. Während ich auf meinem Mini-Discman eine CD von Prince höre, drehe ich eine volle Stunde lang an sieben Geräten die Runde.

Muss man einzelne Szenen und Erzählstränge, gar den ganzen Roman deuten und interpretieren? Ist Kafka der sinnsuchende Junge, der seine unglückliche Mutter Saeki-san erlöst, indem er Nakata, den wirren Analphabeten, der mit Katzen sprechen kann, zu ihr führt, weil vielleicht er der Geliebte aus ihrer Jugend war, den sie nicht vergessen kann? Kafka am Strand ist kein nachzuerzählender Plot; das Buch ist ein Leseabenteuer, auf das man sich einlassen sollte, um bereichert als Teil einer neuen, einer literarisch-komplexen, verführerischen, packenden und unvergesslichen Welt aufzuwachen. Ganz nebenbei findet man neue Zugänge zu klassischer Musik und zur Literatur – Kafkas Begeisterung ist ansteckend. Und dann liest man auch noch eine moderne Ödipus-Geschichte, denn Murakamis Protagonist flieht vor demselben Fluch wie der griechische Held. Ich kenne keine rauschhaftere Lektüre, um die Geheimnisse des Erwachsenenlebens eingeführt zu werden. Die erste Strophe eines Liedes namens Kafka am Strand enthält einen von vielen Schlüsseln zu den Rätseln des Romans:

Wenn du am Rande der Welt stehst,
bin ich in einem toten Vulkan.
Im Schatten der Tür stehen
Worte, die ihre Zeichen verloren.


   Haruki Murakami
   (Photo: wakarimasita, Flickr)

Hier formt sich der Eindruck, mit Mura- kamis Kafka am Strand einen globalen Roman zu lesen, der einen hoffnungs- vollen Ausblick auf die Literatur des neuen Jahrhunderts gibt und Teen- agern viele Türen öffnet. Stephen King könnte die gruseligen Katzen-Szenen nicht grausamer schildern und Ingmar Bergmann den Ödipus-Komplex nicht eindringlicher in Szene setzen.

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren. Er lebte längere Zeit in den USA und in Europa. Für seine zahlreichen Romane und Erzählungen hat er viele literarische Auszeichnungen erhalten. Inzwischen gilt er als einer der bekanntesten japanischen Autoren. Zudem arbeitet er als Übersetzer: Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver wurden von ihm ins Japanische übertragen.

Murakamis manchmal nicht nur phantastisches, sondern auch poetisches, surreales und immer mehrbödiges Erzählen entwickelt rasch einen Sog, in dem sich Moderne, Märchen und Mythen entfalten. Der japanische Junge löst nicht alle rätselhaften Bilder auf und versteht manch geheimnisvollen Vorfall nicht (so wie auch der jugendliche oder erwachsene Leser), aber er dringt tief in die eigene Seele ein. Er ist ein Lernender und ein Vorbild für Jugendliche und spürt am Ende nach vielen bestandenen Prüfungen, dass die Verletzungen aus seiner Kindheit vernarben und die Welt der Erwachsenen nun kommen kann.

24. August 2010

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3 Kommentare

  1. Mr. Toner schrieb am August 26, 2010:

    Vielen Dank für den Tipp, habe mir Kafka am Strand bestellt. Es ist wirklich schwierig, die Jugend für solche Bücher heute noch zu begeistern. Allein der Name “Kafka” könnte abschreckend wirken, das stimmt schon. Aber irgendwie schaffen die wirklich guten Bücher ja dann meist doch den Durchbruch, von dem her gibt es schon noch Hoffnung für Bücher von diesem Genre.

  2. vigoleis schrieb am September 5, 2010:

    Ein, in der Tat, großartiges Buch von Murakami. Die Rezension bleibt nur so seltsam ambivalent an der Oberfläche.
    Die Verbindung zur Jugendliteratur ist mir bei der Lektüre nie aufgefallen; vielmehr die Phantastik!
    Dennoch, vielen Dank für die Betrachtungen!

  3. Sarah schrieb am September 17, 2010:

    Bin gerade auf der Suche nach einer guten Urlaubslektüre. Werde nachher mal in die örtliche Buchhandlung gehen und mir Strand von Kafka bestellen. Vielleicht finde ich beim Stöbern ja noch ein weiteres Kafka-Werk oder kann mir jemand eines empfehlen?


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