ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Ihr kennt mich nicht!

von bardola

Im National Geographic hat John alles über den afrikanischen Stamm Lashasa Palulu gelesen, und nun müssen ihm die Palulus in brenzligen Situationen immer wieder den Weg weisen. Eingesperrt in einem Zimmer und bedroht von einem „Bulldozer von einem Mann“ erinnert sich John: „In den Annalen der Lashasa Palulu gibt es ein Ereignis, das beispielhaft für eine Rettung in letzter Sekunde steht.“

Die naturkundlichen Kenntnisse, die sich John ebenfalls angeeignet hat, helfen ihm, Gefahrensituationen richtig einzuschätzen. Als John bei seinem ersten Date mit Gloria Porter glücklich spazieren geht, ertönt plötzlich ein lautes Grollen. John ahnt, dass es vom eifersüchtigen Billy Banane stammt:

Ich möchte Glory eigentlich nicht sagen, dass es sich für mich so angehört hat wie das frustrierte Brüllen eines sibirischen Walrossbullen, der in der Paarungszeit von allen Kühen seiner Herde zurückgewiesen wurde und die letzten paar Tage damit verbracht hat, in zorniger Einsamkeit seine Stoßzähne an den Eisschollen zu wetzen.

Ihr kennt mich nicht! von David Klass (zu empfehlen ab 12 J.) ist einer der lustigsten Adoleszenzromane, die zur Zeit in deutscher Sprache vorliegen. Der Protagonist John hat viel komisches Talent; großartig ist, wie er seine Leser über drei Seiten hinweg in die Irre führt, indem er sie glauben lässt, seine Flucht von Zuhause ende als Bademeister in einer Mädchenschule:

Wie dir inzwischen vielleicht aufgefallen sein dürfte, bin ich gar nicht von zu Hause ausgerissen. Wenn ich weglaufen würde, stünden die Chancen, dass ich von einer wunderschönen Frau namens Miranda mitgenommen werde, ziemlich schlecht.

Ironie und skurrile Imaginationskraft zeichnen den schreibenden Protagonisten aus, der nach außen hin ein Schweiger ist. Im Text, in diesem großen, vier Wochen seines Leben umspannenden Monolog spricht er gebildet wie ein wandelndes Lexikon von seinem Schweigen, von den Gedanken, die er sich beim Schweigen macht, von den Wirkungen der wenigen Worte, die er sagt, und nicht zuletzt von den musikalischen und verbalen Eruptionen, die sein häufiges Schweigen dann manchmal doch durchbrechen. Es ist, als öffne der Autor die Schädeldecke seines Helden, damit wir in sein Inneres blicken und seine Empfindungen nachvollziehen können.

„Du kennst mich nicht“, lauten die ersten vier Worte dieses Romans. Sie sind an die Mutter gerichtet; spä- ter verallgemeinert John: „Ihr kennt mich nicht.“ Weil John sich seiner Umwelt so selten mitteilt, glauben ihm die Leser. John seinerseits glaubt, dass er von seinen Mitmenschen kaum wahrgenommen wird. Er glaubt, dass seine Lehrer die Schüler schikanieren, weil sie selbst unzufrieden mit ihrem Leben sind. Seine Tuba hält John für einen verkleideten Frosch, der ihm die Freude am Musizieren nehmen will. John vertraut niemandem, denn niemand, nicht einmal seine Mutter, sieht seine Qualen und versucht, ihn zu retten.

John ist ein Einzelgänger, der von seinem Ziehvater („ein brutaler, schnarchender, bierbäuchiger Rüpel“) regelmäßig geschlagen wird, ohne dass er sich dagegen zur Wehr setzen kann. Trotzdem ist er tapfer und kämpft sich voran, kann den Alltag aber manchmal nur mit Sarkasmus meistern. Schließlich stürzt er sich in sein erstes Date mit Glory Halleluja (eigentlich Gloria Porter), ein Ereignis, das von den zwei ersten schonungslosen Kapiteln, in denen die von ihrem ersten Mann verlassene und erschöpfte Mutter und ihr brutaler Geliebter im Mittelpunkt stehen, gewissermaßen hinüberleitet zu einer Erste-Flirt-Burleske.

Johns Erzählung ist geprägt von refrainartig wiederkehrenden Selbstzweifeln: „Kann es sein, dass Glory Halleluja – wie du, wie Mr. Steenwilly, wie jeder in meinem Leben, das kein Leben ist – mich nicht kennt?“ Die Negation kennzeichnet seine Ausdrucksweise. Er erzählt von seiner „Anti-Schule“, von seinem „Nicht-Zuhause“, von seinem „Nicht-Leben“ und vor allem von seinem „Vater, der kein Vater ist.“ John baut mit Zynismus einen sprachlichen Panzer gegen diesen Schläger und Kleinkriminellen auf. Zu den physischen Attacken kommen die verbalen. Die Auseinandersetzungen gipfeln in einer Prügelei, in der John krankenhausreif geschlagen wird.

Auch auf Nebenschauplätzen geht es manchmal ernst zur Sache, beispielsweise mit Billy Banane, seinem „Freund, der kein Freund ist“, weil er Glory rumkriegen will. John hat Gloria zuerst gesehen; er hat – so glaubt er – das Recht, sie zum Baseballspiel auszuführen. Doch Billy erklärt ihm den Krieg. Und John kontert. Er weiß:

Der Mann, der nicht mein Vater ist, ist ein Gegner, den man nicht unterschätzen darf. Billy Banane kann mir keine Angst machen. Die Söhne glücklicher Familien sollten sich nicht mit denen anlegen, die in einem Kriegsgebiet leben. (…) Der schlimmste Feind ist jemand, der dich kennt. Und je besser er dich kennt, je näher er dir steht, desto mehr Möglichkeiten hat er, dir wehzutun.

Stilistisch betrachtet ist Ihr kennt mich nicht! ein Negativ-Roman, inhaltlich aber bordet das Buch über vor Lebensbejahung. Als Glory ihm mitteilt, dass sie ihn zum Spiel begleiten wird, verschwindet plötzlich „der geheimnisvolle und übellaunige Gott der Schuluhren – der mich gewöhnlich martert, indem er jede Schulstunde endlos ausdehnt“. Wenig später, auf dem Weg zu Glory: „Wer ist dieser junge Mann, der mit festen Schritten die Beechwood Lane entlangmarschiert …?“, fragt John, und die Leser wissen, dass es John selbst ist – mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet und gut gelaunt. John spielt immer wieder mit seiner Identität. Er hat mehr als genug (Galgen-)Humor, um sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Und dass Glory, wie sich herausstellt, „den Charakter einer Eiterbeule“ besitzt, tut der guten Sache keinen Abbruch.

Meisterhaft gelingt es David Klass, ganz langsam durchsickern zu lassen, dass John sich selbst nur sehr schlecht kennt, dass ihm seine Wirkung auf Freunde und Feinde nicht bewusst ist und dass seine Zurückhaltung und sein Schweigen ihm zum Verhängnis werden könnten. Die Wilde Violet (eigentlich Violet Hayes, ein Mädchen, das im Schulorchester laut John den Eindruck erweckt, „als wolle sie ihr Saxophon strangulieren“) wird John gegen Ende des Romans als erste so aufdringlich einen Spiegel vorhalten, dass der Junge auf den Gedanken kommt, dass mit seiner Selbstwahrnehmung vielleicht etwas nicht stimmt. Zum Schluss wird ihm die Mutter die Augen öffnen:

Meine Mutter schreit nicht mehr und schüttelt mich auch nicht … »Weißt du nicht, wer du bist? (…) Du bist die einzige Familie, die ich habe. Die einzige Person, auf die ich mich verlassen kann.« (…) Es scheint, als hätte ich mich die ganze Zeit lang geirrt. Von Anfang an – angefangen bei den ersten vier Worten dieser zornigen Leidensgeschichte – hatte ich Unrecht,

stellt John fest. Ihr kennt mich nicht! ist auch einer der traurigsten Adoleszenzromane.

Der staccatohafte Erzählrhythmus, der von Verneinungen bestimmt ist und nach den Pausen, in denen einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt, umso rauschender voranschreitet, nimmt den Leser mit auf eine musikalische Reise: Ihr kennt mich nicht! ist ein Roman wie ein improvisiertes Solo mit Motiven, die nicht ausgeführt werden und im Nichts enden, mit Fehltönen und mitreißenden Klangfolgen. Zum Schluss befreit die Musik den Helden; er versöhnt sich mit seinem Instrument und auch mit sich selbst:

Die Zeit für mein Tubasolo ist gekommen. Zu meiner Überraschung wird der riesige Frosch, der sich als meine Tuba verkleidet hat, richtig munter. Vielleicht ist ihm meine Geschichte in seine amphibischen Glieder gefahren und zu Kopf gestiegen. Er öffnet sein Maul und trumpft auf mit einem Ton, der so tief, so klangvoll und so sexy ist, wie ihn wohl noch kein Frosch an diesem Teich vernommen hat. Der Klang wabert wie ein Nebel durch unser Musikzimmer.
Der Riesenfrosch, der so tut, als sei er meine Tuba, braucht keine weitere Anfeuerung. Er setzt zu einer Froschversion des Twist an und schwingt seine Hüften wie ein junger Elvis. Ich klammere mich mit beiden Händen und einem Bein an mein Instrument, dem Töne entweichen, von denen ich bisher nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Deutschsprachige Titel von David Klass im ZVAB:

Ihr kennt mich nicht! (2001)
Was Du willst (2003)
Wenn er kommt, dann laufen wir (2006)
Feuerquell (2007)
Wirbelsturm (2008)

11. May 2010

Stichwörter:

, , , , , , , , , , , , ,

0 Kommentare

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>