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Die Gurken der spirituellen Frauen

von konecny

Der Sinn des Lebens eines Mannes ist, möglichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen und somit die eigenen Gene dicht über die Erde zu verteilen. Also zu poppen! Das haben Sultane, Könige, Politiker, Pop-Stars und sogar Päpste – the Popes – wohl hinreichend bewiesen. Klar versuchen Männer, wenn sie alt werden und nicht mehr können, ihre jüngeren Konkurrenten an erfolgreicher Fortpflanzung zu hindern. Dafür denken sie sich Sachen aus wie die katholische Kirche, den Zölibat, die unbefleckte Empfängnis, die Spiritualität, Himmelreiche mit hübschen Jungfrauen nach einem glorreichen Tod und Ähnliches. In der Neuzeit versuchen diverse Gurus aus demselben Grund, Frauen klarzumachen, dass alles Körperliche sie an ihrer spirituellen Entwicklung hindere.

Frau Meisinger war mit ihren 40 Jahren der Prototyp einer Frau, nach der sich jeder Guru die Finger lecken würde. Sie sprach mich an, als ich in der esoterischen Abteilung vom Hugendubel nach einer realistisch bebilderten Kamasutra-Ausgabe suchte.

„Interessieren Sie sich für’s Spirituelle?“, fragte sie. Boah! Bombastischer Busen! Brisante Beine!..
„Bin Buddhist!“, sagte ich.
„Und was machen Sie beruflich“, fragte sie.
„Eeh… ich bin Berufstscheche!“
„Toll!“, sagte sie. „Ich habe einen großen Garten, der etwas Pflege braucht. Wenn Sie einen Job bräuchten…“

Am Samstag holte mich meine neue Arbeitgeberin in Starnberg am Bahnhof ab. In kurzen Shorts und einer Bluse, die völlig ungeeignet war, etwas zu verhüllen. Hinter dem Steuer spreizte sie breit ihre nackten Beine und vertrieb den letzten Hauch von Spiritualität aus meinem Hirn. Die ganze Fahrt hindurch steuerte sie mit der Linken, die Rechte ließ sie am Kopf des Schalthebels liegen, und entweder schwenkte sie ihn brutal hin und her oder kraulte den Hebelkopf zärtlich mit ihren Fingern durch. Endlich stiegen wir vor einer gewaltigen Villa im Zen-Stil aus. „Mein verstorbener Mann hat das mit Hilfe von Feng-Shui gebaut!“, sagte sie. „Ein Haus muss gute Vibrationen haben.“ Sie führte mich durch das Schloss. „Hier schlafe ich!“, sagte sie und machte eine Tür auf. Unter einer Pyramide aus verchromten Stahlrohren stand als einziges Möbelstück ein gelb bezogenes Bett. „Legen Sie sich hin!“, sagte sie.
„He?“
„Na, machen Sie schon! Alle Kraftfeldenergien werden durch die Pyramide auf das Bett konzentriert. Spüren Sie die Vibrationen?“
„In allen Knochen!“, sagte ich. Erst in der Küche – bei Yogitee – ließen mich die good vibrations zu Atem kommen.

„Mein Meister Sami hat mich schon sehr weit geführt auf dem Pfad der Erleuchtung“, sagte sie. „Man muss in allem aufgehen, was man tut und sich nicht von anderen Gedanken versklaven lassen. Wenn ich mir die Zähne putze, dann bilde ich eine Einheit mit der Zahnbürste – ich putze mir die Zähne und denke an nichts anderes. Wenn ich Tee trinke, dann trinke ich Tee! Ich bin der Tee! Ich bin der Löffel darin!“
„Wahnsinn!“, sagte ich, versuchte, der Löffel in meinem Tee zu sein, und stach mir damit beim Trinken fast das Auge aus.

„Am Abend können wir zusammen meditieren“, sagte sie. „Das setzt positive Energien in die Welt. Wenn alle Menschen das machen würden, gäbe es keine Kriege. Seit ich meditiere, verspüre ich keinen Groll mehr. In der Meditation habe ich wieder die Gelassenheit gefunden, die uns von Gott gegeben ist!“

Foto: Rasbak

Sie führte mich in den Garten, zu einem unter Tonnen von Unkraut stöhnenden Gemüsebeet. „Hier habe ich Gurken eingepflanzt!“, sagte sie. „Bitte, vorsichtig jäten!“
„Mit Gurken kenne ich mich aus!“, sagte ich. Sie kehrte zurück ins Haus. Ich kniete nieder. Die Gurkenpflanzen waren noch ganz klein, ganz zart. Wie meinte sie das? Nur an das denken, was ich gerade machen würde? Also bündelte ich mein zerrissenes Ich auf diese eine Aufgabe: Vorsichtig die Gurkenpflanzen aussuchen, das Zeug um sie herum aus der Erde ziehen, die Erde abschütteln, das Unkraut wegwerfen. Wenn Gedanken auftauchten, ließ ich sie vorbeihuschen wie Irrlichter und lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf die Arbeit. Mann! Mein Denken hörte auf, alles verschwand, der Garten, das Haus – mein ganzes Gefühl lebte in meinen Händen und in den Gurken, die ein Teil von mir geworden waren. Irgendwann erwachte ich aus meiner tiefen Meditation. Das Beet: rein, befreit von der grünen Pest. Nur die zierlichen Gurken schmückten das braune Stillleben. Und schon sah ich die Herrin des Hauses auf mich zukommen. Mann, oh, Mann! Heute würde man mich ordentlich hinter den Ohren kraulen! Und dann good vibrations, hehehe, oder?

Sie schaute sich das Gurkenbeet an. Plötzlich wurden ihre Augen groß – wie Squashbälle. An ihrer Schläfe trat eine Ader hervor! „Was haben Sie da gemacht?“, bellte sie mich an.
„Was? Doch das Unkraut gejätet!“
„Und wo sind die Gurken?“, fragte sie eisig.
„Hier doch“, ich zeigte auf die Pflanzen, aber ahnte schon Böses.
„Waaas?“; kreischte sie wieder. „Das da sollen Gurken sein? Das ist doch irgendein Scheißgras!“ Sie stürzte sich auf den großen Unkrauthaufen, den ich auf dem Weg aufgebaut hatte und fing an, aus dem Abfall irgendwelche komischen Pflanzen zu fischen. „Das sind die Gurken!“, brüllte sie. „Da und da und da auch!“ Am Ende röchelte sie aber nur noch. „Warum haben Sie mir das angetan?“, fragte sie.
„Tja… da hab ich mich wohl am Anfang auf eine falsche Gurke eingespielt und dann… na, und dann versuchte ich bei der Arbeit ihre Meditation zu praktizieren… also, ich ließ alle Gedanken an mir vorbeilaufen, mir schienen die Gurken hin und wieder schon ein bisschen zickzack eingepflanzt zu sein, aber weil ich meditierte…“
„Zickzack!“, heulte sie und peitschte mich mit den herausgerissenen Gurkenpflanzen wie eine Domina ihren Sklaven. „Zickzack? Der Depp hat alle meine Gurken rausgerissen!“

Boah! Wie schön sie war in ihrer Wut! Ihr grandioser Körper bebte! Vorbei die Gelassenheit! Sie konnte sich dem ganzen Kosmos öffnen, meditierte für das Wohl der Menschheit, aber wenn es ihr an die Gurken ging, wurde sie wieder das, was sie wirklich war! Kurz darauf hockte ich in der S-Bahn nach München, dachte an die Gurken und an den Blödsinn, den ich wieder angestellt hatte. Klar freute ich mich darüber. Denn wenn ich keinen Blödsinn mehr anstelle, dann bin ich tot, und wenn ich tot bin, dann bin ich nun mal tot und sonst gar nichts.

3. May 2010

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2 Kommentare

  1. Martini schrieb am May 3, 2010:

    hihihi….
    Der jaromir 😉 also nee… kicher…

    ich hab für sowas meine Bessre Hälfte. Ich bin nämlich nicht eins mit dem, was ich tu… ich laufe und bin in Gedanken völlig wo anders. Zusammenstößen entgehe ich eigentlich nur, weil mein Mann mich dann am ellenbogen leicht zur Seite zieht. Der will mich gern behalten, und so tut er mir diesen Freundschaftsdienst, auch wenns ihm manchmal nervt.
    Bin ich mit meinen hunden unterwegs, habe ich allerdings nur selten vor mir Leute, an die ich stoßen könnte. irgendwie komisch, nicht?
    keine Ahnung warum, aber da tut sich mir immer auf mysteriöse Weise eine Art Tunnel vor mir auf, und nur an der kreuzung muß ich etwas aufwachen aus meiner Versenkung.

    Gurken? Die gibts hier in keinem Garten, sicher nur im Gewächshaus. ist zu trocken hier, darf man nicht unterschätzen.
    meine Bessre Hälfte verträgt Gurken sowieso nicht besonders, und meine Hundchen, die lieben, futtern alles, was ich ihnen gebe. Müssen also nicht zwingend Gruken sein…

    Aber zum Unkrautjäten könntest Du ruhig mal zu uns kommen, Jaromir. Hier gibts auch keine Gefahr der Verwechslung. Wieso? Ach, siehste dann schon.

    Grüßle
    😉

  2. Jaromir Konecny schrieb am May 27, 2010:

    Liebe Martini,

    entschuldige, bitte, die sehr späte Antwort, ich hatte aber in den letzten acht Wochen nahezu jeden Tag einen Auftritt und war ständig auf Achse. Ja, eigentlich hast Du was sehr Schönes gesagt: Man kann ja auch zu zweit eins werden damit, was man tut. Du bist ein Mensch mit viel Sinn dafür, wie man das Leben zur Literatur macht (und die Literatur zum Leben) und wenn Du halt grad in Gedanken irgendein Ding poetisierst, kannst Du nicht noch andere Sachen treiben. In diesem Sinne bist Du eigentlich eins damit, was Du tust. Zu meinen exzessiven Zen-Buddhismus-Zeiten konnte ich nicht autofahren und reden dabei, sonst hätte ich einen Unfall gebaut.

    Oh, ich hab meinen letzten Hund so mit 13 verloren, und das war so traurig, dass ich’s hier besser nicht hinschreibe.

    Gerne komme ich mal zu Euch zum Unkrautjäten. War ja meine Lieblingsbeschäftigung, als ich Kind war.

    Liebe Grüße

    Jaromir


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