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Iwan Sergejewitsch Turgenjew – Sein literarisches Schaffen, Erzählungen I

von wietek

Die Umstände, die Turgenjews Leben geprägt haben, beeinflussten natürlich Turgenjews literarisches Schaffen – und das mehr als bei anderen Schriftstellern.
Iwan Turgenjew
selbst betonte in vielen Briefen, dass er „nach dem Leben” schreibe, dass er viel selbst Erlebtes und von anderen Erfahrenes verwende. Das ging so weit, dass er seinen Personen sogar die äußeren Züge von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen verlieh; er griff die Wesenszüge seiner Mitmenschen auf, spitzte sie zu, um das Wesentliche herauszukristallisieren, und verwendete sie – was ihm mehrere Male heftigen Ärger einbrachte und sogar zu Zerwürfnissen führte. Rein fiktionale Wesen waren seine Sache nicht. Und Turgenjew war ein rastloser Mensch, der viel herumreiste und zwangsläufig viele berühmte und ganz einfache Menschen kennenlernte und Gewöhnliches und Außergewöhnliches erlebte; das brachte viel „Material“ für sein Schreiben. Noch auf dem Totenbett diktierte er seiner Lebensgefährtin Pauline eine Geschichte, die er auf seiner ersten Reise nach Berlin erlebt hatte, als das Schiff Nikolaus I., das zwischen St. Petersburg nach Lübeck verkehrte, in Brand geriet: »Brand auf dem Meer« (1883).

Der Literaturkritiker Wissarion G. Belinski (*1811, †1848), mit dem Turgenjew von 1843 bis zu dessen Tod im Jahr 1848 freundschaftlich eng verbunden war, schrieb ihm im März 1842, nachdem die ersten drei Erzählungen der Aufzeichnungen eines Jägers erschienen waren:

Es will mir scheinen, dass Sie ein rein schöpferisches Talent entweder nicht besitzen oder aber in sehr geringem Maße. Ihr Talent ist demjenigen von Dal verwandt. Dem »Chor« nach zu urteilen, werden Sie es weit bringen. Das ist Ihr richtiges Genre […]. Wenn ich mich nicht irre, liegt Ihre Berufung darin, die Erscheinungen der Wirklichkeit zu beobachten und darzustellen, indem Sie sie durch die Fantasie hindurchgehen lassen; nicht aber, sich nur auf die Fantasie zu stützen. Noch einmal – nicht nur der »Chor«, sondern auch der »Rusak« verheißt uns an Ihnen für die Zukunft einen bedeutenden Schriftsteller.

[zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977) – Wladimir Iwanowitsch Dal (*1801, †1872) war Turgenjews ehemaliger Vorgesetzter im Innenministerium und der größte Lexikograf Russlands; mit Chor ist »Chor und Kaliny&#269« und mit Rusak »Pëtr Petrov&#269 Karatajev« gemeint, beides sind Erzählung aus den Aufzeichnungen eines Jägers ]

Die wesentlichsten Prägungen erfährt ein Mensch bekanntlich im Kindesalter. Turgenjew war in das reiche, unzählige Güter und viele Tausend Leibeigene besitzende Moskauer Adelsmilieu (nicht das Petersburger – das galt als neureich) hineingeboren worden und blieb zeit seines Lebens trotz abweichender politischer Ansichten dem Wesen nach immer ein Adliger „vom alten Schlag“. Das adlige Gutsbesitzermilieu ist – im Positiven wie im Negativen – zumindest der Hintergrund und oft auch das Thema in fast allen seinen Werken, ganz besonders in den Romanen Rudin (1856), Ein Adelsnest (1859), Vorabend (1860) und dem berühmten Väter und Söhne (1862) – in Rauch (auch Dunst; 1867) nimmt er diese „Elite“ satirisch aufs Korn.

Aufgrund seiner Herkunft wuchs Turgenjew zwangsläufig mit der Problematik der Leibeigenschaft auf.
Die Ungerechtigkeiten, unter denen die Leibeigenen zu leiden hatten, erweckten in dem unverdorbenen Kind Ängste, zumal es derlei Ungerechtigkeiten auch am eigenen Leib zu spüren bekam und so die Diskrepanz zum Leben der „Großen” (im doppelten Sinn des Wortes) erlebte. Liebe erfuhr es von seinen Eltern kaum: Sein Vater nahm Turgenjew kaum wahr und seine Mutter war eine kalte, herrschsüchtige Frau, die ihn – wenn auch nicht gar so unbarmherzig – wie die Leibeigenen züchtigen ließ. Der einem Kind naturgemäße Wunsch nach Zuneigung stieß auf Ablehnung; stattdessen war der kindliche Alltag von oft undurchschaubaren Reglementierungen, Zurückweisungen und Strafen bestimmt. Bei den ihn umgebenden Leibeigenen erfuhr er mehr Zuwendung als von seinen Eltern.

Die Despotie seiner Mutter führte dazu, dass Turgenjew Despotie – sei es im Zwischenmenschlichen, sei es im Staat – von ganzem Herzen hasste; das ging sogar soweit, dass er allgemein Probleme mit Autoritäten hatte, was ihn bei seiner (kurzen) Beamtenlaufbahn natürlich in Schwierigkeiten brachte und ihn oft als einen stolzen Mann erscheinen ließ. Zum anderen ergab sich aus der familiären Situation ein unstillbares Verlangen nach einem Gefühl, das für Turgenjew unbestimmt war und blieb, denn er hatte Liebe ja nie erfahren. Es fällt auf, dass er viele Liebschaften hatte, sich aber, wenn es ernst wurde, jedes Mal davonmachte – zu einer echten Partnerschaft scheint er nicht in der Lage gewesen zu sein. Er redete sich später damit heraus, dass ein Leben für die Schriftstellerei mit einem Eheleben unvereinbar sei. Aber er litt darunter.

Eine ganz wesentliche Rolle spielte dabei erwartungsgemäß seine Mutter: In ihrer Person verband sich der kindliche Wunsch nach Liebe mit der Erfahrung despotischer Ablehnung und prägte ein Frauenbild, das Turgenjew zeit seines Lebens nicht mehr loswurde. Zwangsläufig taucht das Bild seiner Mutter auch in vielen seiner Werke auf. Immer wenn es um harte, unbarmherzige Frauen geht, weisen die Figuren unverkennbar die Züge seiner Mutter auf.

Einige Beispiele: In seinem zweiten Roman Ein Adelsnest, einem überaus lesenswerten, kulturhistorischen Liebesroman, in dem Turgenjew die Sitten und Gebräuche des Adelsmilieus sehr genau schildert und sich mit dem russischen „Westlertum” der 1840er-Jahre auseinandersetzt – ein Roman, in dem auch viele Landschafts- und Naturbeschreibungen von seinem Gut Spasskoje zu finden sind – , ist es Glarifa, die Tante des Protagonisten, die zweifelsfrei die Züge der Mutter trägt:

… hatte Glarifa es verstanden, allmählich das ganze Hauswesen in die Hand zu bekommen. Alle, beim Vater angefangen, unterwarfen sich ihr. Ohne ihre Erlaubnis durfte kein Stück Zucker herausgegeben werden. Sie wäre lieber gestorben, als dass sie ihre Macht mit einer anderen Hausfrau geteilt hätte. (…) Fedja fürchtete sich vor ihr; er fürchtete sich vor ihren hellen, scharfen Augen und ihrer schrillen Stimme – er wagte in ihrer Gegenwart nicht zu mucksen; er brauchte sich nur auf seinem Stuhl zu rühren, so zischte sie schon: »Wohin? Sitz still!«

[zitiert nach Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie (2001)]

In der Erzählung »Punin und Baburin« (1874) – sie spielt noch in der Zeit vor der Leibeigenenbefreiung (1861) – ist es die strenge und jähzornige Großmutter, die Turgenjews Mutter nachgebildet ist: Sie schickt einen Leibeigenen in die Verbannung zur Zwangsansiedlung, nur weil er vergessen hatte, zu grüßen. In »Mumu« (1852) ist die Mutter selbst das Ebenbild. Sie befiehlt einem taubstummen Leibeigenen, seinen Hund, den er über alles liebt und kurz zuvor vor dem Ertrinken gerettet hat, zu töten, weil sein Bellen sie stört. »Mumu« ist, ähnlich wie »Das Tier« von Leskow, eine unglaublich ergreifende Erzählung, die die Grausamkeit der Leibeigenschaft überdeutlich schildert; sie wurde auch sofort ein großer Erfolg.

Die Despotie seiner Mutter, die Selbst- und Ungerechtigkeit, mit der sie ihm und den Leibeigenen Leid zufügte, und nicht zuletzt die Zuwendung, die er bei diesen erfuhr, führten bei Turgenjew aber auch zu einer Solidarisierung mit den Leibeigenen, die schon im Kindesalter begann und sein Schreiben ebenso prägen sollte wie das Bild der Mutter. Das System der Leibeigenschaft mit seinen unmenschlichen Zügen wurde – neben der Liebe – zum wichtigsten Thema seiner insbesondere frühen Erzählungen. Dazu zählen in erster Linie die schon oben erwähnten Erzählungen »Mumu« und »Punin und Baburin«, die Erzählung »Die Herberge« (1852) und natürlich die Sammlung von Erzählungen Aufzeichnungen eines Jägers (1852 als Buch erschienen), die ihn schlagartig weltberühmt machten.

In der auf Turgenjews Gut Spasskoje geschriebenen Erzählung »Die Herberge« – „Die ganze Geschichte [….] hat sich 25 Werst von hier entfernt tatsächlich zugetragen“, schreibt er im Januar 1853 an den Publizisten Pawel W. Annenkow (*1813, †1887) – verkauft eine Gutsbesitzerin (!) einen Gasthof, den einer ihrer leibeigenen Bauern mit seinem eigenen Geld (er war durch Handel zu Geld gekommen) mit ihrer Zustimmung auf ihrem Land errichtet hatte, ohne ihn zu entschädigen – er ist ja ihr Leibeigener. Der gerissene Käufer hatte sich zuvor schon die Frau eben dieses Leibeignen gefügig gemacht, so dass diese ihrem Mann sein Erspartes stahl und an ihn weitergab; er kaufte also den Gasthof mit dem Geld dessen, den die Gutsbesitzerin und er prellten. Mit dem gerissenen Käufer erscheint in der russischen Literatur im übrigen ein neuer Charakter: der Typ „Kaufen-Verkaufen“, ein Vorläufer des halbseriösen Kaufmanns und letztlich der Urahne des heutigen russischen „bisenessmen“.

Doch noch ein weiterer Aspekt aus Turgenjews Kindheit bestimmte sein ganzes Schaffen: Es ist das freie, ungebundene Leben in der Natur rund um das Gut Spasskoje. Die Eltern kümmerten sich – wie schon erwähnt – wenig um den Jungen, und so wuchs er wie die Kinder der Dienstboten und Arbeiter auf: Er strolchte durch die Natur und erfühlte sie. Von daher rühren seine unglaublich beeindruckenden und auch das Gefühlsleben seiner Figuren nachbildenden Naturschilderungen. Anfänglich nur Stimmungsbild verfeinert er seine Landschaftsbeschreibungen im Laufe der Jahre so sehr, dass sie zum Spiegel der menschlichen Seele werden, dass sich schon an der Schilderung der Natur der Ablauf der kommenden Handlung erahnen lässt.
Turgenjew hat es hier zu einer Meisterschaft gebracht wie wohl keiner vor oder nach ihm.

Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:
Das erste ist das Gedicht, das er seiner Skizze »Wald und Steppe«, der letzten Erzählung in den Aufzeichnungen eines Jägers, vorangestellt hat und das er ironisch mit „Aus einer Epopöe, dem Feuer überantwortet“ unterschreibt, weil es doch sehr an seine romantische Frühphase erinnert. »Wald und Steppe« selbst ist eine Hymne an die russische Landschaft im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.

… So zog es ihn allmählich mehr und mehr
Zurück: aufs Land, in seinen dunklen Garten,
Wo Linden stehn so riesig und so schattig,
Und jungfräulich die Maienglöckchen duften,
Wo runde Weiden sich aufs Wasser neigen
Vom Wehr hinab in langer dichter Reihe,
Wo dick die Eiche wächst im dichten Grase,
Wo es nach Hanf riecht und nach Brennnesseln …
Dahin, dahin, wo sich die Felder weiten,
Wo schwarz wie Samt die Ackerfurche glänzt,
Die Roggensaat, so weit das Auge reicht,
Dahinwogt still in weichen sanften Wellen.
Und er, der schwere gelbe Strahl herabfällt
Aus durchsichtigen, weißen, runden Wolken;
Dort ist es schön …

[zitiert nach Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers (2007; in der Übersetzung von Peter Uban)]

Das zweite ist der Anfang des ersten Kapitels seiner Erzählung »Fahrt ins Waldgebiet« (1857), die eine Studie zum Roman Ein Adelsnest ist:

Das riesige, den ganzen Horizont umfassende Waldgebiet erinnert an ein Meer. Der Eindruck ist der gleiche: Urtümliche, unberührte Kraft entfaltet sich breit und majestätisch vor dem Auge des Betrachters. Aus dem Inneren der ewigen Wälder, aus dem nie versiegenden Quell der Gewässer tönt die immer gleiche Stimme der Natur und spricht zum Menschen: »Ich habe nichts mit dir zu tun. Ich herrsche, du aber trage Sorge, dass du nicht umkommst!«
Aber der Wald ist einförmiger und trauriger als das Meer, zumal der immer gleiche, fast regungslose Tannenwald. Das Meer droht und schmeichelt, es spielt in allen Farben, spricht mit allen Stimmen. In ihm spiegelt sich der Himmel, von dem ebenfalls der Hauch des Ewigen weht, aber es ist eine Ewigkeit, die uns gleichsam vertraut ist… Der unveränderliche, finstere Wald hingegen steht uns mit mürrischem Schweigen und dumpfem Grollen gegenüber. Bei seinem Anblick wird das menschliche Herz noch tiefer und unwiderstehlicher von dem Bewusstsein unserer Nichtigkeit getroffen. Schwer erträgt der Mensch – Geschöpf eines Tages, gestern geboren und heute schon zum Tode verurteilt –, schwer erträgt er den kalten, teilnahmslos auf ihn gerichteten Blick der unsterblichen Isis. Nicht nur die verwegenen Hoffnungen und Träume der Jugend entschwinden und verlöschen, getroffen vom eisigen Hauch des Elements; nein – alles in ihm duckt sich und erstirbt; er fühlt, auch der letzte Mensch könnte vom Antlitz der Erde verschwinden, ohne dass eine Nadel an diesen Zweigen zittern würde; er spürt seine Verlassenheit, seine Schwäche, seine Zufälligkeit, und hastig, insgeheim erschrocken, wendet er sich den Alltagssorgen und Mühen des Lebens zu. In der von ihm geschaffenen Welt wird ihm leichter, da ist er zuhause, dort wagt er an seine Bedeutung und an seine Kraft zu glauben.

[zitiert nach Iwan Turgenjew: Meistererzählungen (1993, in der Übersetzung von Erich Müller-Kamp)]

Es gibt im Werk Turgenjews noch viele beeindruckende Landschaftsbeschreibungen und Schilderungen von Naturereignissen, die noch ergreifender aber auch umfassender sind als diese – hier sollen diese beiden Beispiele genügen.

Aus Turgenjews Liebe zur Natur und seiner Sorge um das Schicksal der Leibeigenen entstand die Erzählsammlung Aufzeichnungen eines Jägers, die 1852 erschien. Geschrieben hat er sie während seiner Pariser Jahre um 1848. Dort traf er mit dem Systemkritiker und Schriftsteller Alexander Herzen (*1812, †1870) zusammen, der 1847 mit seiner Familie ebenfalls nach Paris gereist war (Herzen verließ Russland damals endgültig). Gemeinsam erlebten sie die Februarrevolution 1848 mit; ein Umstand, der Turgenjews soziales Empfinden sicher zusätzlich geschärft hat.

Sowohl literarisch gesehen als auch vom Inhalt her sind die Aufzeichnungen eines Jägers unbestritten ein Meisterwerk der Weltliteratur:
Ein Gutsbesitzer und Jäger erzählt seine Erlebnisse und Eindrücke ruhig und ohne Anklage; er berichtet, was ihm auf seinen Jagdfahrten Schönes, Unschönes und nachdenklich Machendes widerfahren ist. So wird die Wirklichkeit des Lebens ganz untendenziös geschildert, ohne Urteile zu fällen. Er beschreibt zum Beispiel Bauerntypen in »Chor und Kaliny&#269« und in »Sänger« oder Landadlige in »&#268ertopchanov und Nedopjuškin«, in »Ein Hamlet des Kreises &#138&#269igry« und in »Zwei Gutsbesitzer«, er schildert gutsherrliche Willkür gegenüber Bauern in »Lgov« und in »Der Burmistr« (Gutsvogt), die Demoralisierung der leibeigenen Dienerschaft in »Stelldichein«, er schreibt über die Krankenversorgung in »Der Kreisarzt«, über die Lage der Altgläubigensekte »Pilger« in »Kasjan von der Krasivaja Me&#269« oder die der Juden in »&#268ertopchanovs Ende«.
Er macht den Gutsherren noch nicht einmal Vorwürfe, er kreidet ihnen nichts persönlich an, er beschuldigt sie nicht der Böswilligkeit, sondern zeigt auf, dass die Missstände auf unguter Gewohnheit beruhen und weist damit auf die grundsätzliche Rechtlosigkeit des Systems der Leibeigenschaft hin – was ihm selbstredend keine Freunde höheren (Regierungs)Orts einbrachte.
Eine vollständige Liste der Erzählungen in Aufzeichnung eines Jägers befindet sich hier.

Das große Thema Turgenjews ist die Liebe. Sie beherrscht sein ganzes Schaffen (mit Ausnahme der Aufzeichnungen eines Jägers), wenngleich nicht immer als Thema, so doch stets zumindest als Gerüst, an dem sich das eigentliche Thema entwickelt.
Die schon oben angesprochenen Schädigungen in seiner Kindheit durch seine Mutter waren das Eine. Das andere war: 1843, als 25-Jähriger – er hatte gerade eine langjährige Liaison mit der Schwester seines Freundes Michail Bakunin (*1814, †1876), die ihn wohl ernsthaft liebte, auf recht unelegante Weise beendet –, lernte er die berühmte, höchst gebildete, aber leider verheiratete Sängerin Pauline Viardot-García (*1821, †1910) kennen und verfiel ihr in heißer Liebe. Er folgte ihr überall hin und lebte spätestens ab 1862 mit ihr und ihrem Mann in einer ménage à trois. Doch es musste ein unerfülltes, kameradschaftliches Verhältnis bleiben, in dem er Qualen der Liebe litt. Neuere Untersuchungen lassen zwar vermuten, dass Turgenjews Liebe im Geheimen nicht gänzlich unerfüllt blieb – was schwer zu belegen ist, denn Pauline und ihre Erben sorgten dafür, dass alle diesbezüglichen Unterlagen verschwanden. Doch eine offizielle Verbindung blieb ihm in jedem Fall verwehrt; eine Heirat war ausgeschlossen. Dieses perspektivlose Liebesverhältnis, in der er sich als untergeordneter Sklave seiner geliebten Herrin sah, erfüllte fortan sein ganzes Leben und dominiert auch das Frauenbild in seinen Werken.

In der stark autobiografisch gefärbten Briefnovelle Ein Briefwechsel (1855), an der er zehn Jahre lang, von 1844 bis 1854, geschrieben hat – 1843 war er Pauline Viardot verfallen (!) – kommt Turgenjews Liebesproblematik besonders deutlich zum Ausdruck:
In Briefen waren sich ein junger Mann und eine junge Frau sehr nahe gekommen und eine stille Liebe war aufgekeimt. (Turgenjew und Bakunins Schwester waren sich durch einen langen Briefwechsel sehr nahe gekommen.) Als die junge Frau von einem anderen jungen Mann und zusätzlich von einem farblosen älteren Herrn bedrängt wird, erklärt sich der Briefschreiber ihr und kündigt seine umgehende Anreise an. Aber er erscheint nicht. Nach zwei Jahren schreibt er ihr einen Abschiedsbrief und erklärt, dass er sich in Petersburg in eine junge italienische Tänzerin verliebt habe; seitdem er sie zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe, gehöre er ihr „so wie ein Hund seinem Herrn gehört” und wisse nun:

Die Liebe ist überhaupt kein Gefühl, sie ist eine Krankheit, ein bestimmter Zustand der Seele und des Körpers. Sie entwickelt sich nicht allmählich; man kann an ihr nicht zweifeln, man kann mit ihr kein Spiel treiben, obgleich sie nicht immer in der gleichen Form auftritt; gewöhnlich ergreift sie den Menschen ungefragt, urplötzlich, gegen seinen Willen – fast wie die Cholera oder ein Fieber. Sie packt ihr Opfer, wie der Geier das Küken, und trägt es fort, wohin sie will, mag es noch so sehr um sich schlagen und sich sträuben. In der Liebe gibt es keine Gleichheit, gibt es keine sogenannte freie Seelenverbindung und andere von deutschen Professoren in ihren Mußestunden erdachten Idealitäten… Nein, in der Liebe ist die eine Person – Sklave und die andere – Herrscher, und nicht umsonst sprechen die Dichter von den Ketten der Liebe. Ja, die Liebe ist eine Kette, und dabei die allerschwerste.

[zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]

Auch die Briefnovelle Faust (1856) ist stark autobiografisch gefärbt und von Turgenjews Entsagungsschmerz durchdrungen. Den Ausführungen dazu vorauszuschicken ist, dass Turgenjew in seiner Berliner Zeit (1838 bis 1840, er war also etwa 21 Jahre alt) unter dem Einfluss der damaligen Faustinszenierungen und im Kreis um Bettina von Arnim zu einem begeisterten Goetheverehrer wurde. Außerdem spiegeln sich hier Turgenjews Verhältnis zu Lew Tolstois Schwester Marija, die er 1854 kennengelernt hatte, und das Wiedersehen mit seinem Gut Spasskoje, das er jahrelang nicht besucht hatte, wieder.
Der Erzählung vorangestellt ist ein Satz aus dem Faust: „Entbehren sollst Du, sollst entbehren”. Ihr Kern ist:
Auf dem Gut ihres langweiligen Mannes trifft der Erzähler auf Vera, die als junges Mädchen seine Liebe gewesen, von deren Mutter er aber abgewiesen worden war. Obwohl sie schon drei Kinder hat, sieht Vera immer noch wie ein junges Mädchen aus. Ganz freundschaftlich beginnen Gespräche und er führt sie in die Literatur ein, indem er mit ihr den Faust liest. Nach und nach aber erwachen die alten Gefühle und nachdem sie sich zum ersten Mal geküsst haben, erscheint Vera in Fieberfantasien ihre verstorbene Mutter und sie siecht dahin. Der Erzähler zieht das Fazit:

Das Leben ist kein Genuss, sondern Mühe, Entsagung, ständige Entsagung – das ist sein geheimer Sinn, seine Enträtselung; nicht Erfüllung von Lieblingsgedanken und -träumen, so erhaben sie auch sein mögen – die Erfüllung der Pflicht, das ist es, worum der Mensch besorgt sein muss.

Das Thema Liebe ist bei Turgenjew in Leben und im Schaffen so zentral, dass von den vielen zumindest noch zwei weitere Erzählungen angesprochen werden müssen.
Von der Erzählung »Erste Liebe« (1860) sagt Turgenjew mehrmals es sei „sein Lieblingswerk”, in dem „ein tatsächliches Geschehen ohne die geringste Beschönigung” beschrieben sei. Und es ist tatsächlich eine vollständig autobiografische Erzählung, die – wie der Titel schon sagt – von seiner ersten Liebe handelt:
Realität war, dass sich der Knabe Turgenjew 1833 als 15-Jähriger in Moskau „unsterblich“ in eine Prinzessin Šachovskaja verliebt hatte, die dann ein Verhältnis mit seinem Vater hatte, wie Briefe seiner Mutter aus den Jahren 1839 und 1840 beweisen, in denen sie sich bitter über das damalige Liebesverhältnis des inzwischen Verstorbenen beklagt. In der Erzählung verliebt sich ein 15-jähriger Knabe in die fünf Jahre ältere, sehr schöne und lebenslustige Zinaida, die viele Verehrer hat, mit denen sie aber nur „spielt“:

In allem, was sie tat und sagte, in jeder ihrer Bewegungen lag eine zarte, leichte Anmut, aus allem sprach eine eigenartige, spielende Kraft. Auch ihr Gesicht veränderte sich ständig. Es spielte ebenfalls und konnte fast gleichzeitig Spott, Nachdenklichkeit und Leidenschaft ausdrücken. Fortwährend glitten die verschiedenartigsten Empfindungen, leicht und rasch wie Wolkenschatten an einem sonnigen und windigen Tag, über ihre Augen und Lippen.

[zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]

Der Knabe fühlt sich wiedergeliebt, denn sie macht ihn zu „ihrem Pagen“, der sie überall hin begleiten darf, zudem verändert sich Zinaida und wird sanftmütiger. Er glaubt sich am Ziel seiner Träume. Da sieht er eines Tages, als seine Angebetete am Fenster eines kleinen Holzhäuschens sitzt, wie ein Mann sie mit seiner Reitpeitsche schlägt und sie demütig die Striemen auf ihrer Haut küsst. Er erkennt den Mann, es ist sein Vater. Seine Liebe endet in Verzweiflung. Vier Jahre später erfährt er, dass eben jene, jetzt verheiratete Zinaida in einem Petersburger Gasthaus abgestiegen ist. Vierzehn Tage lang überlegt er und entschließt sich endlich, sie wiederzusehen. Als er ankommt muss er erfahren, dass sie vier Tage zuvor im Wochenbett gestorben ist.
Zwei Textstellen sollen die hohe Kunst dieser zweifellos exzellenten Erzählung verdeutlichen.
In der ersten zeigt sich Turgenjew als Großmeister der lyrischen Prosa. Der Knabe hatte das erste Mal einen Abend in Zinaidas Gegenwart verbracht und ist nun zu Hause:

Schwer und feucht wehte mir die Nacht in das erhitzte Gesicht; ein Gewitter schien sich zusammenzuziehen. Schwarze Wolken wuchsen empor und krochen über den Himmel; man konnte sehen, wie sie ihre rauchigen Umrisse veränderten. Ein Lufthauch zuckte dann und wann unruhig in den dunklen Bäumen, und fern, irgendwo hinter dem Horizont, brummte der Donner zornig und dumpf vor sich hin […]. Was ich empfand, war so neu und süß … Ich saß da, wagte kaum, mich umzusehen und mich zu bewegen, ich atmete langsam und lachte nur hin und wieder leise, wenn ich mich des Erlebten erinnerte oder mein Inneres erkalten fühlte bei dem Gedanken, dass ich verliebt sei […]. Zinaidas Gesicht schwebte in der Dunkelheit still vor mir, schwebte und entschwebte nicht; ihre Lippen lächelten noch immer so rätselhaft, ihre Augen sahen mich ein wenig von der Seite an, fragend, nachdenklich und zärtlich… wie in dem Augenblick, da ich mich von ihr verabschiedet hatte.

Die zweite ist eine Naturschilderung, die, wie oben beschrieben, das innere Erleben des Menschen zum Ausdruck bringt:

Bald bemerkte ich, dass in mein Zimmer von Zeit zu Zeit ein schwacher Lichtschein fiel. Ich richtete mich auf und blickte zum Fenster, dessen Kreuz sich deutlich von den geheimnisvoll matt schimmernden Scheiben abzeichnete. »Ein Gewitter«, dachte ich, und wirklich, es war ein Gewitter, aber es ging in der Ferne vor sich, so dass man den Donner nicht hörte. Nur bleiche, lange, weitverzweigte Blitze flammten unaufhörlich am Himmel auf; eigentlich flammten sie nicht auf, sondern zitterten und zuckten nur wie der Flügel eines sterbenden Vogels […]. Ich schaute und schaute und konnte mich von dem Anblick nicht losreißen; diese stummen Blitze mit ihrer verhaltenen Glut entsprachen gleichsam den stummen und geheimen Regungen, die in mir aufleuchteten.
Allmählich graute der Morgen […]. Je mehr die Sonne nahte, desto bleicher und kürzer wurden die Blitze […]. Auch in mir hörten die Blitze auf […]. Doch Zinaidas Bild schwebte noch immer triumphierend über meinem Inneren. Aber auch dieses Bild erschien mir ruhiger und sanfter […].

[beide zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]

Zu guter Letzt muss noch über die ebenfalls weltberühmte klassische Liebesnovelle Asja (1858) gesprochen werden. Und das aus zwei Gründen:
Erstens schildert Turgenjew hier liebevoll die Rheinlandschaft des Hunsrück und die beiden Rheinstädtchen Sinzig und Linz, in denen er sich im Juli 1857 aufhielt, um ein wenig Abstand von Pauline, die sich zeitweilig einen anderen Verehrer zugelegt hatte, zu finden – und zweitens, weil sie wieder einmal zeigt, wie Turgenjew (in Gestalt des Protagonisten) vor der letzten Entscheidung in der Liebe schon unbewusst zurückschreckt. Zudem finden sich auch hier autobiografische Elemente: Asja ist wie Turgenjews Tochter Polina unehelicher Abkunft und wird – ebenfalls wie sie – in ein Herrenhaus geholt, wo sie aufwächst.
Der Kern der Erzählung ist schnell erzählt:
Ein junger Mann flüchtet, enttäuscht von einer Geliebten, in das liebliche Rheintal, um Abstand zu gewinnen (!):

Vor etwa zwanzig Jahren also lebte ich in der kleinen deutschen Stadt S., am linken Rheinufer. Ich suchte die Einsamkeit, denn ich war gerade von einer jungen Witwe, die ich in einem Badeort kennengelernt hatte, ins Herz getroffen worden. Sie war sehr schön und klug, hatte mit allen kokettiert – leider auch mit mir – und mich anfangs sogar ermutigt, dann aber schwer gekränkt, indem sie mich einem rotwangigen bayrischen Leutnant opferte. Die Wunde war, offen gestanden, nicht sehr tief; ich hielt es jedoch für meine Pflicht, mich eine Zeit lang der Trauer und der Einsamkeit hinzugeben – woran hat man in der Jugend nicht sein Vergnügen! –, und ließ mich in S. nieder.
Dieses Städtchen gefiel mir wegen seiner Lage am Fuß zweier hoher Hügel, wegen seiner verwitterten Mauern und Türme, seiner uralten Linden, der steilen Brücke über dem hellen Flüsschen, das in den Rhein mündet, hauptsächlich aber wegen seines guten Weines. Durch seine engen Gassen spazierten abends, kurz nach Sonnenuntergang (es war im Juni), reizende blonde deutsche Mädchen, und wenn sie einem Ausländer begegneten, sagten sie freundlich »Guten Abend« [auch im Original deutsch]. Manche von ihnen gingen selbst dann nicht nach Hause, wenn der Mond hinter den spitzen Dächern der alten Häuser emporstieg und die kleinen Pflastersteine sich in seinen regungslosen Strahlen deutlich abzeichneten. Zu dieser Stunde wanderte ich gern durch die Stadt – es schien, als blicke der Mond vom klaren Himmel unverwandt auf sie hernieder und als spüre die Stadt diesen Blick und halte feinfühlig still, ganz von diesem friedlichen und zugleich die Seele sanft erregenden Licht umflossen. Der Hahn auf dem hohen gotischen Kirchturm funkelte in mattem Gold, und mit dem gleichen Gold übergossen die Strahlen das schwarze Flüsschen. Dünne Kerzen (der Deutsche ist sparsam!) glommen bescheiden hinter den schmalen Fenstern unter den Schieferdächern; Weinreben streckten geheimnisvoll ihre gewundenen Ranken hinter den Gartenmauern hervor; eine Gestalt huschte im Schatten des altertümlichen Brunnens auf dem dreieckigen Marktplatz vorüber. Plötzlich ertönte der verschlafene Hornruf des Nachtwächters, ein gutmütiger Hund knurrte halblaut, die Luft liebkoste so sanft das Gesicht, und die Linden dufteten so süß, dass die Brust sich unwillkürlich weitete und das Wort »Gretchen« sich halb als Ausruf, halb als Frage auf die Lippen drängte.
Das Städtchen S. liegt zwei Werst vom Rhein entfernt. Ich ging oft an den majestätischen Strom, saß stundenlang auf einer Steinbank unter einer mächtigen einsamen Esche und dachte, nicht ohne eine gewisse Anstrengung, an die arglistige Witwe. Eine kleine Madonnenstatue mit beinahe kindlichem Gesicht und einem von Schwertern durchbohrten roten Herzen auf der Brust blickte traurig aus den Zweigen heraus. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich das Städtchen L., das etwas größer ist als S., wo ich mich niedergelassen hatte. Eines Abends saß ich auf meiner Lieblingsbank und schaute bald auf den Strom, bald zum Himmel empor, bald nach den Weinbergen hinüber. Vor mir kletterten blondköpfige Buben an den Seitenwänden eines Kahnes herum, der ans Ufer gezogen und mit dem geteerten Bauch nach oben gekehrt war. Kleine Boote glitten mit schwach geblähten Segeln langsam dahin; grünliche Wellen rollten, sanft anschwellend und glucksend, vorbei.

Hier trifft er auf ein ein junges Paar, Bruder und Schwester, wie sich herausstellt – später wird offenbar, dass sie nur Halbgeschwister sind, denn die junge Frau ist eine uneheliche Tochter ihres Vaters. Das 17-jährige Mädchen, Asja, befremdet den Erzähler anfangs, denn sie ist recht unausgeglichen, mal wild und ungestüm, mal rührend naiv, mal affektiert-kokett. Nach und nach beginnt sie ihn aber zu lieben und auch ihm geht sie bald nicht aus dem Sinn. Bei einem heimlich anberaumten Rendezvous gesteht sie ihm seine Liebe, er aber erklärt sich ihr nicht nur nicht deutlich, sondern sagt ihr auch, dass er ihrem Bruder von dem Rendezvous berichtet hat. Als er sich ihr am nächsten Morgen dann doch erklären will, ist sie mit ihrem Bruder abgereist – wohin, kann er nicht erfahren. Sie hinterlässt ihm nur einen Zettel, auf dem steht:

Leben Sie wohl, wir werden uns nie mehr sehen. Nicht aus Stolz reise ich ab – nein, ich kann nicht anders. Hätten Sie mir ein Wort, nur ein einziges Wort gesagt, als ich gestern vor Ihnen weinte – ich wäre geblieben. Sie sagten es nicht. Vielleicht ist es besser so. Leben Sie wohl, für immer!

Typisch für Turgenjew ist die Reaktion des Erzählers:

Ich habe sie nicht mehr gesehen, habe Asja nie wiedergesehen. Wohl drangen noch dunkle Gerüchte über sie zu mir, sie aber war für mich auf immer verschwunden. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt. Etliche Jahre später erblickte ich eines Tages im Ausland, in einem Eisenbahnwagen, flüchtig eine Frau, deren Gesicht mich lebhaft an die unvergesslichen Züge erinnerte. Doch wahrscheinlich hat mich eine zufällige Ähnlichkeit getäuscht. In meiner Erinnerung ist Asja das junge Mädchen geblieben, als das ich sie in der besten Zeit meines Lebens kannte, so wie sie war, als ich sie zum letzten Mal sah, über die Lehne des niedrigen Holzstuhls gebeugt.
Ich muss jedoch bekennen, dass ich ihr nicht allzu lange nachtrauerte. Ich fand sogar, das Schicksal habe es gut mit mir gemeint, als es mich nicht mit Asja vereinte. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich mit einer solchen Frau wahrscheinlich nicht glücklich geworden wäre. Damals war ich jung, und die Zukunft, diese kurze, schnell dahinschwindende Zukunft, erschien mir unendlich. Kann sich denn das, was gewesen ist, nicht wiederholen, dachte ich, vielleicht gar noch besser, noch schöner? Ich habe andere Frauen gekannt, aber das Gefühl, das Asja in mir erweckte, jenes brennende, zärtliche, tiefe Gefühl, ist nie mehr wiedergekehrt. Nein, kein Augenpaar vermochte mir jenes zu ersetzen, das einstmals voller Liebe auf mich gerichtet war, keinem anderen Herzen, das sich an meine Brust schmiegte, antwortete das meine je mit so freudigem und süßem Erschauern! Zur Einsamkeit eines alten Junggesellen verurteilt, verbringe ich den faden Rest meiner Tage, doch wie ein Heiligtum bewahre ich Asjas Briefchen und die vertrocknete Geraniumblüte, jene Blüte, die sie mir einst aus dem Fenster zuwarf. Immer noch haucht sie einen schwachen Duft aus, die Hand aber, die mir diese Blüte brach und die an meine Lippen zu drücken mir nur ein einziges Mal beschieden war, sie modert vielleicht schon längst im Grabe… Und ich selbst – was ist aus mir geworden? Was ist von mir geblieben, von jenen glückseligen und bewegten Tagen, jenem beschwingten Hoffen und Streben? So überlebt der leise Duft eines unbedeutenden Blümchens alle Freuden und allen Kummer eines Menschen, überlebt den Menschen selbst.

[Alle Zitate aus Iwan Turgenjew: Asja (1994, in der Übersetzung von Herbert Wotte)]

Aus den letzten Worten des Erzählers spricht schon die Resignation, die Turgenjew im letzten Lebensdrittel so oft überfallen sollte und die auch in seinen späten Werken zum Ausdruck kommt. Ausführungen zu den Erzählungen der dritten Lebensphase Turgenjews und zu seinen Romanen folgen zwei weiteren Teilen.

Literatur vonn und zu Iwan Turgenjew

Iwan Turgenjew: Erzählungen 1857–1883, Gedichte in Prosa (1967)
Iwan Turgenjew: Gesammelte Werke in Einzelbänden 1–10 (1994), darin die Erzählbände:
   Drei Begegnungen (mit einem Nachwort von Gerhard Dudek)
   Drei Porträts (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Petuschkow (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Tagebuch eines überflüssigen Menschen (übersetzt von Dieter
   Pommerenke)
   Mumu (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Die Herberge (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Drei Begegnungen (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Stilles Leben (übersetzt von Werner Creutziger)
   Jakow Passynkow (übersetzt von Werner Creutziger)
   Faust (übersetzt von Werner Creutziger)

   Erste Liebe (mit einem Nachwort von Gerhard Dudek)
   Asja
   Erste Liebe
   Der Hund
   Die Geschichte des Leutnants Jergunow
   Der Brigadier
   Eine Unglückliche
   Eine seltsame Geschichte
   Ein König Lear der Steppe (alle übersetzt von Herbert Wotte)

   Frühlingsfluten (mit einem Nachwort von Gerhard Dudek)
   Frühlingsfluten (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Punin und Baburin (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Die Uhr (übersetzt von Dieter Pommerenke)
   Bruchstücke aus eigenen und fremden Erinnerungen:
      Alte Porträts
      Ein Verzweifelter
(beide übersetzt von Werner Creutziger)
   Der Traum (übersetzt von Werner Creutziger)
   Das Lied der triumphierenden Liebe (übersetzt von Dieter
   Pommerenke)
   Nach dem Tode/Klara Militsch (übersetzt von Wilhelm Plackmeyer)

Iwan Turgenjew: Meistererzählungen (1993, mit einem Nachwort von Erich Müller-Kamp)
Iwan Turgenjew: Visionen und andere phantastische Erzählungen (1918, in der Übersetzung von Alexander Eliasberg)

Willy Birkenmaier: Das russische Heidelberg (1995)
Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)
Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (1922)
Wolfgang Kasack: Hauptwerke der russischen Literatur (1997)
Pëtr Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (2003, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart (2000)
Propyläen Geschichte der Literatur (1988, 6 Bd., herausgegeben von Erika Wischer)
Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie
(2001)

27. April 2010

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