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Italienisch für Machos

von konecny

In einer Ehe kriegst du schnell raus, wer das Sagen hat. Vor allem, wenn du dreimal weniger als deine Frau verdienst. Früher aber, Mann, früher hatte ich vor Karin den wilden Burschen aus Mähren gespielt, den Macho! Das Einzige an gesunder Ernährung, das ich zu mir nahm, war Bier! Nix Broccoli! Ich futterte nur Leberkäse und Weißwürste, bekleckerte mich mit Senf wo und wann auch immer ich wollte, und wenn mir danach war, auch mit Ketchup! Gepinkelt habe ich damals nur im Stehen! Die Spuren meines Mannesdaseins markierten die Welt! Wo sind nur diese herrlichen Zeiten meiner Selbstverwirklichung als Mann geblieben?

Wenn Kinder kommen, kannst du die dir von der Evolution zugewiesene Rolle vergessen! Erzähle mal deinem kleinen Sohn: „Ich kann dir nicht die Windeln wechseln, Pauli! Ich bin der Macho!“ Das Baby schreit trotzdem weiter! Außerdem verlierst du als Mann auch deine wichtigste und letzte Funktion in der Ehe: die Frau zu unterhalten. Dafür hat sich die Frau die Kinder angeschafft! Nur tragen kann Karin die Kinder nicht! Zehn Kilo unbändige Masse in den Armen waren für sie zu viel. Diese wichtige Funktion konnte nur ein gestandener Mann übernehmen. Mein Ansehen in der Familie stieg dadurch enorm. Unser Paul zum Beispiel schlief nur beim Tragen ein. Tag für Tag fünf Stunden lang Paul in den Schlaf tragen! Nach vier Stunden erlahmte langsam Pauls Entdeckerdurst, er musste nicht mehr aus dem Fenster im Schlafzimmer gucken, gleich danach den Schüsselbund am Haken in der Küche anfassen, um mich anschließend wie einen Packesel ins Wohnzimmer zu treiben und schreien: „Pajme! Pajme!“ Ja, Pauli! Dort steht die die große Palme! Mamas Lieblingspflanze! Siehst du? Blä-tter! Die kannst du jetzt schön rupfen, wenn Mama nicht da ist. Mama wird sich sicher freuen drüber!“ Endlich! Paul legte sein Köpfchen auf meine Schulter. Nach einer weiteren halben Stunde streichelte sein Atem mein Ohr im Takt eines Wiegenlieds. Jetzt ihn nur langsam und vorsichtig ins Bettchen legen, so… und… die zum Schlafen unnatürliche Liegelage im Bett riss Paul sofort aus dem Schlummer. Weitere zwei Stunden Laufen, von einem Zimmer ins andere, mit Paul in den Armen! Weil ich Paul so exzessiv getragen habe, wurde ich seine wichtigste Bezugperson. Er sagte, „Mama“, zu mir.

„Ich nicht Mama, Pauli!“, sagte ich. „Dort Mama! Siehst du? Mama liest, Papa trägt!“
„Mama tlagen!“, sagte Pauli. Irgendwie konnte ich ihm die Geschlechterrollen nicht klar machen. Die vollständige Kapitulation und die Selbstaufgabe als Mann belasteten mich aber zunehmend. Wie konnte ich wieder zu dem Macho werden, der ich früher mal gewesen war? Und dann sah ich in der Glotze Eros Ramazotti! Sofort entschloss ich mich, heimlich italienisch zu lernen. Wenn ich bei unserem nächsten Urlaub in der Toskana mit dem Kellner in der Pizzeria auf Italienisch zu palavern anfange, wird Karin vor lauter Bewunderung vom Stuhl fallen und mich wieder als das wahrnehmen, was ich in meinem Wesen bin: Ein Mann, verdammt! Die Stütze der Frau! Macho, aber lieb!

In drei Monaten hatte ich das ganze Italienisch für Büffelmuffel durch. Mann! War ich stolz auf mich! Und dann kam endlich unser erstes Urlaubsabendessen in Principina. Karin staunte nicht schlecht, als ich für uns auf Italienisch Pizza bestellte und mit dem Kellner ein paar frauenfeindliche Witze riss. Sah ich da einen Hauch von Bewunderung in ihren Augen? Nach dem Essen wollte Karin auf der Terrasse unserer Mietwohnung lesen. Ich ging mit den Jungs zum Strand. Wahnsinn! Nach Jahren als Schlappschwanz fühlte ich mich wieder wie ein Macho vor Gott!

„He, Adam! Hol mir ein Capuccino vom Kiosk! Subito presto!“ Paul stand auch von seiner Sandbaustelle auf! „Nö! Du gehst nicht mit, Pauli! Du kannst weiter buddeln! Aber nur in die Tiefe, damit du nicht verloren gehst. He, he, he!.. Wie? Du willst einen Schnuller? So ein großer Mann von zwei Jahren? Warte, bis Adam zurück ist, dann bekommst du etwas von dem Capuccinoschaum! Das beruhigt auch!“ Unweit von uns guckten zwei hübsche italienische Damen dem Sonnenuntergang zu. Paul warf seinen Gummiball direkt unter ihre Liegen. „Buona sera!“, sagte ich zu den Damen. „Mio ballo!“
„Parlo tedesco!“, sagte eine der Damen.
„Ach, Sie verstehen Deutsch?“
„Ja, ich habe mal in Hamburg gearbeitet!“, sagte die Schöne. Wie gefällt Ihnen der Urlaub bei uns?“
Und da packte mich der Größenwahn! „Ich bin nicht im Urlaub!“, sagte ich. „Ich schreibe hier eine Reportage!“
„Über uns Italiener?“
„Über die italienischen Männer!“, sagte ich. „In meiner Zeitung bringt man eine Serie über die heutigen Geschlechterrollen. ‚Du bist doch auch so ein Macho, Jaromir!’, hat mein Chefredakteur gesagt. „Fahr nach Italien und schreibe etwas über die italienischen Männer!“
„Sind Sie wirklich ein Macho?“, fragte die Dame. „Ich dachte, die deutschen Männer kämpfen eher für die Gleichberechtigung der Frau!“
„Ich bin Tscheche!“, sagte ich.

„Setzen Sie sich doch zu uns!“, sagte sie. Mann, oh, Mann! Ich wusste es! Als Macho kannst du die Frauen immer beeindrucken! Ich warf einen Blick auf Paul. Nanu? Hoffentlich kein Stress in Anmarsch! An Paul vorbei lief eine Katze. Verdammt! Gott! Lass Paul die Katze nicht entdecken! Als Stadtkind hatte Paul eine irre Angst vor freilaufenden Katzen und Hunden. Aber da brüllte Paul schon und lief zu mir. „Keine Angst, Pauli!“, rief ich. „Die Katze mag auch nur Milch!“ Aber Paul rannte, als ob ihn ein Rudel Wölfe verfolgen würde. „Mama!“, kreischte er. „Mama!“

Die zwei Signoras kriegten einen Lachanfall! „Mama?“, riefen sie und zeigten auf mich. „Mama! Macho! Hehehe!“ So endete meine glorreiche aber kurze Karriere als Macho. Doch wenn Paul mal groß ist, Mann, wenn Paul groß ist, lasse ich noch mal die Macho-Sau raus! Und bis dahin versuche ich, etwas mehr italienisch zu lernen.

1. March 2010

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1 Kommentar

  1. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am April 13, 2010:

    […] Vernunft im Wahnsinn Italienisch für Machos Elvis lebt Ich möchte mit dir Sex haben Die süße Tüte des Vergessens Tschechensport Ich sammle […]


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