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Brücken und Löcher – Silence and pleasure

von bardola
Louis Sachran - Holes

Eineinhalb Jahre brauchte Louis Sachar, um Löcher zu schreiben. Und in all der Zeit wusste niemand etwas davon, nicht einmal seine Frau und seine Tochter. Sachar glaubt, dass das Schweigen beim Schreiben hilft – wie bei allem, wozu man sich selbst motivieren muss. Je mehr man über etwas rede, desto weniger nehme man in Angriff, so der Autor.

Wenn es also darum geht, seine Fähigkeiten zu forcieren, spricht Sachar wenig. Fast schon folgerichtig sind Bridge und Tennis seine wichtigsten und liebsten Hobbies. Über Bridge, das bekannteste Kartenspiel im englischsprachigen Raum, sagt man, es sei Schach mit Karten, nur komplizierter, und auch: Bridge is silence and pleasure – Stille und Vergnügen.

Bridge – Brücke: Schweigend kann man sich besser konzentrieren und das Spiel zu viert genießen, bei dem man versucht, eine lautlose und unsichtbare Brücke zu seinem Partner zu bauen. Beim Tennis hingegen ist der Spieler auf sich allein gestellt und führt innere Monologe, um sich zu verbessern. Sachar selbst sagt, er spiele besser Bridge als Tennis und erzählt, wie ihn einmal eine Lehrerin vom Platz fegte. Als die Lehrerin erfuhr, gegen wen sie gewonnen hatte, konnte sie es nicht erwarten, ihrer Klasse zu erzählen, wie sie den Schriftsteller Louis Sachar beim Tennisspiel abgeschossen hatte.

Kein Wunder also, dass viele von Sachars Figuren schweigsame Typen sind. In Sachars erfolgreichstem Roman Löcher ist es der schwarze Junge Zero, der meist den Mund hält. Er ist offenbar der einzige im Strafcamp Green Lake, der gerne Löcher in den ausgetrockneten See gräbt, ohne den Grund dafür zu kennen. „Ich weiß, dass mich alle für dumm halten. Aber ich mag nun mal keine Fragen beantworten”, sagt Zero zum Protagonisten des Romans, Stanley, der seinerseits nur ungern und langsam seine Löcher gräbt und sich stattdessen lieber an seinem Gedächtnis abarbeitet.

Löcher gibt es in diesem Roman so weit das Auge reicht. Auch inhaltlich klaffen zunächst Lücken auf zwischen den vielen verschiedenen Geschichten, die jedoch alle miteinander in Verbindung stehen. Sachars große erzählerische Kunst besteht darin, den Roman in Fragmenten aufzubauen und alle Puzzlestücke am Ende zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen, indem er seine Themen zum richtigen Zeitpunkt miteinander verknüpft. Einige Löcher darf der Leser selbst füllen, worauf Sachar auf der viertletzten Seite hinweist.

In dieser Struktur liegt der andere Grund, warum Sacher über seine komplexe, aber nicht komplizierte Geschichte lange schwieg und keinem Menschen etwas von seinem Projekt in statu nascendi erzählte. Er hätte kaum jemanden für sein narratives Konstrukt mit den vielen Tempiwechseln begeistern können. In den letzten Jahrzehnten ist nämlich kein Kinderbuch erschienen, dessen Inhalt so schwer zusammenzufassen ist wie der von Löcher. Selten hatten Literaturkritiker so viel Mühe, ein Buch anzupreisen. Die meisten lieben es, aber niemandem gelang es bislang überzeugend, die Gründe für seine Faszination und die Ursachen für die Trance, in die der Leser durch diese Prosa versetzt wird – silence and pleasure -, zu vermitteln. Die Süddeutsche Zeitung jammerte:

Wo und wann, um Himmels Willen, soll man beginnen, wenn man etwas über Louis Sachars „Löcher – Die Geheimnisse von Green Lake” erzählen will? Die Geschichte bringt so viele Drunter- und Drübergeschichten, so viele erheiternde, komische, melancholische, traurige und skurrile Bilder, dass es verdammt schwer fällt, sich für einen Anfang zu entscheiden …

Die geschilderte Problematik gilt auch für die Werbetexte des Verlages. Auf dem Umschlag steht:

Die ganz unglaubliche, zum Weinen komische Geschichte von Stanley, der endlich, endlich den Familienfluch der Yelnats’ bannt. Hundert Jahre gab es kein Entrinnen: Was immer ein Yelnats anfing, es ging schief. Die Geschäftsidee von Stanleys Vater, gebrauchte Turnschuhe zu recyclen, war nur das letzte Glied einer langen Unglückskette. Und urplötzlich winkt das Glück. Davor aber liegen: Die Geheimnisse von Green Lake.

Doch das sagt wenig über die eigentliche Geschichte und ihren Zauber aus.

Der 15-jährige Stanley Yelnats (rückwärts lesen!) verwandelt sich im Lauf des Romans vom Pechvogel zum Glückskind. Zu Beginn wird er wegen eines Diebstahls verurteilt, den er nicht begangen hat. In Green Lake befindet sich eine Besserungsanstalt für Jugendliche, in der Stanley seine Strafe absitzen bzw. abschaufeln soll: Bei 35 Grad im Schatten – den es in Green Lake kaum gibt (und einen See erst recht nicht) – muss er Tag für Tag ein Loch buddeln, fünf Fuß breit, fünf Fuß tief. Das soll den Charakter bessern. Wüstensand, Klapperschlangen, Skorpione und die absolut tödlichen, gelb gefleckten Eidechsen rieseln und kriechen schauerlich durch diesen Roman.

Stanleys Ururgroßvater war aus enttäuschter Liebe und überhastet von Lettland in die USA ausgewandert. Weil er in seiner Heimat ein Versprechen nicht gehalten hatte, lastet seither ein Fluch auf den Yelnats: eine Banditin namens Kissin Kate Barlow, der Zwiebelverkäufer Sam oder stinkende Turnschuhe sind dessen Folgen. Kunstvoll verwebt Sachar Familiengeschichten und andere Erzählmotive mit der trockenen, staubigen, vom gleichförmigen Geräusch der Schaufeln begleiteten Gegenwart Stanleys, der als schüchterner Junge in Green Lake ankommt und allmählich begreift, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Schuld seiner Familie abgegolten ist.

Sachar versetzt die Leser mit seiner Erzählung in einen Zustand der Verzückung und hält gleichzeitig eine Spannung aufrecht, die sonst nur in besten Krimis herrscht. Vielleicht liegt es an der Vielschichtigkeit, an den vielen Einzelheiten, die man beim Lesen im Auge behalten muss, an der Virtuosität, mit der die Teilchen im Lauf des Romans ineinander gefügt werden, an der erzählerischen Brillanz, mit der Zufälle kombiniert und in Einklang gebracht werden. Bestimmt liegt es auch an dem jungen Antihelden Stanley, der mit intuitiver Intelligenz sein Leben und das Familienschicksal der Yelnats’ von vielen Seiten her betrachtet und einiges durchmachen muss, bevor er dessen Geheimnis begreift.

Louis Sachar wurde 1954 in East Meadow im Staat New York geboren. 1976 schloss er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften am College der University of California ab. Danach arbeitete er in einem Warenhaus für Pullover und begann nebenher sein erstes Buch zu schreiben. Als er nach einem Jahr entlassen wurde, studierte er bis 1980 am Hastings College in San Francisco noch Jura. Kurz nach dem Abschluss seines Zweitstudiums wurde Sachars erstes Buch Sideways Stories From Wayside School (nicht ins Deutsche übertragen) veröffentlicht. Als seine Bücher anfingen, sich gut zu verkaufen, hörte er auf, als Jurist zu arbeiten. 1985 heiratete er seine Frau Carla, zwei Jahre später wurde seine Tochter Sherre geboren.

Sachar möchte immer wissen, wer die Lieblingsautoren seiner Lieblingsautoren sind und gibt deshalb seine eigenen gerne bekannt: E.L. Doctorow, J.D. Salinger, Kurt Vonnegut, Kazuro Ishiguro, Flannery O’Connor, Rex Stout, Katherine Paterson und E.B. White. Diese Mischung verdeutlicht vielleicht, wie es zu diesem einzigartigen und inzwischen auch verfilmten Werk Löcher kommen konnte, das für Kinder ab zehn Jahren, Erwachsene und auch für lesefaule Jungs geeignet ist.

8. February 2010

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1 Kommentar

  1. KOKULAN schrieb am April 14, 2010:

    hallo erstmal, als erstens will ich ein großes danke schön an den hersteller dieser seite geben. ich hab das buch in 3 sprachen gelesen ( englich , deutch , französich ) das buch war sehr interresant und spanend , also ich würde es nur weiter empfehlen 😉


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