ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Darren Shan: „,Ich lüge nicht', log ich“

von bardola

„Und so trat ich in einen neuen, elenden Abschnitt meines Lebens ein – den Tod“, schreibt Darren Shan. Natürlich ist der Held nicht wirklich tot. Aber die Szene, in der ein feister Leichenbestatter vorsichtig Darrens Kopf hin und her bewegt und dabei seine gebrochenen Halswirbel zum Knacken bringt, jagt auch Erwachsenen einen Schauer über den Rücken.

Über die Serie von Darren-Shan-Vampir-Romanen, die der zitierte Roman Der Mitternachtszirkus 1999 (in Deutschland: 2001) eröffnet hat, gibt es merkwürdige Dinge zu berichten:

Besonderheit Nummer eins: Speziell für Darren Shan wurde in Deutschland ein neuer Verlag gegründet. Die Verlagsgruppe Droemer Knaur rief 2002 den Verlag der Vampire ins Leben, weil die Serie in keines der vorhandenen Droemer-Programme gepasst hätte.

Besonderheit Nummer zwei: Protagonist und Autor tragen denselben Namen. Schon im Vorwort bekennt der (Ich-)Erzähler: „Darren Shan ist nicht mein richtiger Name… Ich verrate dir nicht einmal den Namen meiner Stadt oder meines Landes. Ich traue mich nicht.“

Besonderheit Nummer drei: Der erste Band dieser Serie schnellte sofort in die Top Ten der New York Times-Bestsellerliste.

Besonderheit Nummer vier: Dies ist die erste Jugendbuch-Neuerscheinung, über die sich Joanne K. Rowling seit ihrem Welterfolg Harry Potter geäußert hat: „Ein fesselndes Buch… voller überraschender Wendungen, die hungrig machen auf mehr.“

In den USA und in Großbritannien geht seither das Darren-Shan-Fieber um. Und auch in Deutschland steigt es, zumal Paul Weitz (der Bruder des New Moon-Regisseurs Chris Weitz) den Auftakt der Shan-Saga gerade eben in die deutschen Kinos brachte (www.mitternachtszirkus-film.de).

Natürlich regt sich bei solchen Sensationsmeldungen der Verdacht, dass hier eine geschickte Medienpolitik den Potter– und Twilight-Effekt heraufzubeschwören versucht. Und auch die Rolle des Literaturagenten Christopher Little ist nicht zu unterschätzen, der Rowling und dann Shan entdeckt hat. Was also ist wirklich dran an Darren Shan? Am Besten vergisst man den angloamerikanischen Hype und konzentriert sich auf das Buch.

Darren ist ein Fan von Gruselgeschichten, sieht sich gerne Horrorfilme an und seine Lieblingstiere sind Spinnen. Als ein Abnormitätenkabinett in der Stadt gastiert, erleben er und sein bester Freund Steve, Experte für Vampire, einen phantastischen Abend mit Wolfsmann, Riese, Schlangenmensch und vielen weiteren erstaunlichen Kreaturen. Einen der Mitwirkenden in dieser Freak-Show, Mr. Crepsley, identifiziert Steve als Vampir. Für Steve, dessen größter Wunsch schon lange ist, selbst ein Vampir zu sein, ist damit die Gelegenheit da: Er möchte Crepsleys Gehilfe werden. Doch Crepsley stellt fest, dass der Junge schlechtes Blut hat.

Darren macht sich nichts aus Vampiren und ist von Steves Absichten schockiert. Dafür hat es ihm Crepsleys dressierte Giftspinne Octa angetan. Er kann nicht widerstehen, stiehlt das Tier und übt so lange, bis er herrliche Kunststücke mit ihm beherrscht. Dann aber beißt die Spinne Steve und Darrens bester Freund fällt ins Koma. Nur Crepsley kann helfen, doch als Gegenleistung muss Darren zum Halbvampir werden. Nach seiner Verwandlung stellt Darren bald fest, dass er nun kein normales Leben mehr führen kann. Er muss verschwinden und, damit er nicht bis an sein Lebensende gesucht wird, gemeinsam mit Crepsley seinen eigenen Tod vortäuschen.

Der Autor arbeit gerne mit Schock-Effekten und verfehlt dabei die Wirkung nicht; schon am Anfang schreibt Shan:

Ich war schon immer verrückt nach Spinnen … Einmal hatte ich eine, die ihr Netz direkt über meinem Bett webte … Beim Einschlafen stellte ich mir immer vor, die Spinne würde sich hinunterlassen, mir in den Mund kriechen, den Hals hinunterrutschen und in meinem Bauch jede Menge Eier legen.

Wegen Schilderungen dieser Art (am Ende von Band 1 wird Darren lebendig begraben) sollten die Leser nicht jünger als zwölf Jahre sein.

Der Roman schwankt zwischen augenzwinkernd erzählten Passagen, deren Witz an Polanskis Film Tanz der Vampire erinnert, und Szenen, die einem unter die Haut gehen – zum Beispiel, als Darren sich in einen Halbvampir verwandelt oder als er das erste Mal Blutdurst verspürt. Der Autor kennt sich nicht nur bestens in der Welt der Vampire aus, sondern hat auch zum Thema Abnormitätenkabinett gründlich recherchiert. Der Leser erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Mal lacht er und kurze Zeit später kriegt er eine Gänsehaut. Und spätestens bei der sentimentalen Szene, in der sich Darren von seiner Familie verabschieden muss, schließt er den Protagonisten ins Herz und will wissen, welche Abenteuer Darren als Halbvampir erwarten.

„Ich wollte nicht die übliche, auf dem Dracula-Mythos basierende Geschichte schreiben“, sagte Darren O’Shaughnessy bei Erscheinen des Debüts. „Ein Vampir, der mit einem Zirkus, einem Abnormitätenkabinett, um die Welt reist, schien mir die ideale Konstellation zu sein. Die ersten drei Bände sind nur ein Prolog…“
O’Shaughnessy, 1972 in London geboren, ist der Mann hinter Darren Shan. 1978 zog er mit seiner Familie nach Limerick in Irland, doch den Londoner Akzent hat er nie verloren. Er studierte Soziologie und Englisch und arbeitete danach einige Jahre für eine Fernsehfirma, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Der Mitternachtzirkus, der erste der zwölf Bände seiner Vampirserie, machte Darren Shan über Nacht berühmt und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Die Darren-Shan-Serie hat sich mittlerweile weltweit über zehn Millionen Mal verkauft. Wenn Darren Shan nicht an seiner neuen Serie arbeitet, dem Dämonicon, genießt er seine umfassende Filmsammlung, lange Spaziergänge, Fußball und Reisen. Darren Shan könnte eines Tages in die Fußstapfen Stephen Kings treten. In den Dialogen ist er manchmal jetzt schon witziger als der Horror-Übervater. Mein Lieblingssatz: „,Ich lüge nicht’, log ich.“

18. January 2010

Stichwörter:

, , , , , , , , , , , , , ,

0 Kommentare

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>