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Doppelte Identifikationsbasis: Michael Bonds Bär Paddington

von bardola

London: Stimmengewirr, Bahnhofsgeräusche. Das Ehepaar Brown will seine Tochter Judy abholen. Da entdeckt Mr. Brown mitten im Bahnhofsdurcheinander einen kleinen, verwaisten Bären mit Hut. „Bitte kümmern Sie sich um diesen Bären”, steht auf dem Schild, das er um den Hals trägt.

Diese Begegnung an der Londoner Paddington Station ist der Auslöser für viele turbulente, komische und zu Herzen gehende Episoden. Schon im Bahnhofsrestaurant gibt der Bär, der den Namen seines Fundorts erhält, erste Kostproben seiner Ungeschicklichkeit. Voller Sahne und Marmelade wird er wenig später in ein Taxi verfrachtet, was den Fahrer, als er eine Tatze auf der Schulter spürt, gar nicht freut. Egal ob in der Badewanne, auf der Rolltreppe, im Theater, am Strand oder auf seiner Geburtstagsparty, Paddington, der „im finstersten Peru” bei seiner Tante aufgewachsen ist, sorgt auf nicht ganz einfach zu durchschauende Weise für Riesenspaß.

Humor und Komik entstehen dadurch, dass Paddington – übrigens das einzige fiktionale Element in diesen Geschichten – einerseits sehr höflich, andererseits aber eben doch ein echter Bär unter Menschen ist. Bond definiert seinen Helden als oft fast so schlau und seriös wie die Erwachsenen, zugleich aber naiv und unbeholfen wie ein Kind. Hinzu kommt eine variable Eigenschaft: seine außergewöhnliche Logik. Weil aber die Leser und selbst die kleinen Zuhörer Paddington trotz seiner besonderen Scharfsicht gedanklich und motorisch meist doch noch etwas überlegen sind, macht es ihnen besondere Freude, sich vorab die katastrophalen Konsequenzen seines Tuns auszumalen. Paddingtons mangelnde Großstadterfahrung ermöglicht es Bond dabei, den Kindern via Bär en passant Wissenswertes zu vermitteln. Andererseits können sich die Kinder wunderbar in Judy und ihren Bruder Jonathan hineinversetzen und die vielen Erklärungen, Kommentare und Belehrungen für ihren eigenen Teddy wiederholen.

Paddington ist kuschelig, hat nach dem Bad ein seidenweiches und glänzendes Fell und erinnert die Kinder an das eigene Plüschtier. Seine Missgeschicke aber vergleichen sie eher mit den eigenen, und so ergibt sich eine doppelte Identifikationsbasis, die der Autor wie wohl niemand vor ihm in jeder Paddington-Geschichte sehr geschickt herzustellen weiß.

Michael Bond wurde 1926 in Newbury, Berkshire, geboren. Bond schrieb Kurzgeschichten, Radiostücke und Filmdrehbücher, bevor er es mit einer Kindergeschichte über einen Teddybären versuchte, den er seiner Frau geschenkt hatte. 1958 erschien mit Ein Bär mit Namen Paddington der erste von vielen Paddington-Bänden, die allesamt zu internationalen Bestsellern wurden. Seit 1966 ist Bond Direktor der Paddington and Company-Filmgesellschaft.

Paddington Bear

Der enorme Erfolg ist für Michael Bond nicht unproblematisch: Der Autor ist mit seinem liebenswerten pelzigen Geschöpf für immer und untrennbar verbunden. Seine zahlreichen anderen Texte, egal ob für Kinder oder Erwachsene (nennenswert sind hier insbesondere die fünfzehn Kriminalromane um Monsieur Pamplemousse, die im Gastronomiemilieu spielen), hatten nie eine Chance gegen den Bären, der seinem Schöpfer bis 1979 Jahr für Jahr neue Abenteuer abverlangte. Bond klagte manchmal, dass seine Phantasie an ihre Grenzen gestoßen sei und Paddington seinen Charme und seine Spontaneität zu verlieren drohe. Trotzdem erwarten auch heute noch Millionen Fans Fortsetzungen.
Unbestritten ist unter britischen Literaturkritikern, dass der Bär Paddington inzwischen als zwar jüngerer, aber doch ebenso einflussreicher Kollege gleich neben dem Bären Pu aus der Feder Alan Alexander Milnes anzusiedeln ist. Und selbstverständlich hat Paddington seine eigene offizielle Webseite: www.paddingtonbear.com.

Nach fast 30-jähriger Pause erschienen 2008 endlich neue Paddington-Abenteuer (Paddington Here and Now, noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen), die der damals 82-jährige Michael Bond in gewohnter Frische präsentierte. Er lebt mit seiner Frau übrigens nach wie vor in unmittelbarer Nähe der Paddington Station.

14. December 2009

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