Ich sammle Joghurtdeckel
von Jaromir Konecny
Bild von: Svik
Wenn mein Aluminiumdeckelsammelplastikeimer voll ist, trage ich ihn zum Aluminiumsammelcontainer und schütte eine Handvoll Joghurtdeckel nach der anderen hinein. Ach! Ist das nicht schön? Jaromir – der Joghurtdeckeli-Umweltretter! Der Umweltsünderterminator! Der Aluminator! Leider kann ich gar nicht so viel Joghurt fressen, wie viel Umwelt ich retten möchte. Joghurt! Das klingt so nach… Frische! Wenn eine Firma Scheiße baut, kommt ein Joghurtdeckel drauf, und schon schmeckt Scheiße wie Frischfrucht. Frische Scheiße mit einem Joghurtdeckel mit Lasche und einem Bio-Siegel. Denn Scheiße ist auch ein Naturprodukt!
Ich sammle Joghurtdeckel aus Aluminium! Auch wenn die Lobby gegen das Joghurtdeckelsammeln zu vertuschen versucht, dass die Gewinnung von Aluminium aus den Rohstoffen sehr viel Energie kostet! Die verfluchten Lobbyisten wollen keine Joghurtdeckelrecyclinganlagen bauen, doch ich fürchte mich nicht vor den Joghurtdeckelverschwörern, ich sage frei heraus und überall: Für den Treibhauseffekt sind die Joghurtdeckel verantwortlich, verdammt! Deswegen sammle ich sie! Ich sammle alles aus Aluminium: Alufolien, Alutuben und die hübschen Aludosen mit der schlanken Taille in der Mitte und fettreduzierten Würstchen darin. Wenn schon die Würstchendose eine solch schlanke Taille trägt, musst du dich doch an ihren fettreduzierten Würstchen schlank fressen. „Geniale Haptik für bewusste Ernährung!“, sagt Karin dazu. Sie ist in der Werbebranche tätig! Sicher hat sie auch die taillierten Dosen erfunden. Als Ersatzbefriedigung für… mich! Weil die Dosen Taillen wie junge Frauen haben. Du streichelst sie und drückst sie – wie du willst! Eine Dose kritisiert nicht deine Liebeskünste, eine Dose schnauzt dich nicht an! „Sanfter!“ „Fester!“ „Das kratzt!“ „Das kitzelt!“ Bei Karin im Bett kannst du leicht frigide werden! Bei einer schön taillierten Aludose aber bist du der tolle Hecht! Ohne traumatische Folgen kannst du dich an ihren Würstchen in den Schlaf küssen! Eine Dose ist verständnisvoll und tolerant. Weil ihr einfach scheißegal ist, wie du sie anfasst!
„Besonders effektvoll ist diese Taillenform für die Suppen und Fertiggerichte der Marke „Waistline“ im Einsatz“, sagt Karin. „Denn der Markenname findet in der Form der Dose die perfekte Unterstützung!“. So stellt mich Karin am Abend mit einer schön taillierten Dose ruhig und schlüpft ins Bett, wo sie sich neue Werbestrategien ausdenkt. Ich fresse fettreduzierte Würstchen und lasse die Dose meine Leidenschaft spüren. Nach dem Höhepunkt werfe ich die Dose in meinen Aluminiumsammeleimer und gehe schlafen. Taillierte Dosen sind einfach genial! Sie schauen noch nach dem Verfallsdatum super aus und schweigen!
Am liebsten sammle ich aber Joghurtdeckel. Auch weil sie ihre hübschen Laschen haben. Du ziehst an der Lasche und entkleidest sanft die Joghurtjungfrau. Manchmal spritzt sie dich mit ihrem weißen Saft voll. Die Ungeduldige! Und der joghurtschwangere Deckel! Oh! Wenn du ihn ableckst! Zum Heulen schön! Nur der Deckelrand zeigt manchmal Zähne. Einmal hat mich die scharfe Joghurtbraut in die Zunge gebissen! Blut tropfte auf ihren weiß sahnigen Körper…
„Bist du jetzt ganz durchgeknallt?“, schrie Karin. „Joghurtdeckel abzulecken? Du blutest doch!“
„Ich bringe nur ein Opfer auf dem Altar der Liebe!“, sagte ich. „Weißt du, wo das Desinfektionsmittel ist?“
„Das musst du wissen! Du hast dich doch schon gestern an der Aludose mit den fettreduzierten Würstchen geschnitten! Und die Wunde desinfiziert!“
„Ich hab vergessen, wo ich’s hingetan habe!“
„Kein Wunder, dass du alles vergisst! Wenn du ständig an den Aluminiumdeckeln herumleckst! Auch die Gehirne von verstorbenen Alzheimer-Patienten weisen hohe Konzentrationen von Aluminium auf.“ Sie zeigte auf den Plastikeimer mit meiner Aluminiumsammlung und rezitierte wie eine wahre Poetry-Slam-Dichterin:
„In dem Eimer
hockt Alzheimer!
Schütze vor ihm deine Birne,
sonst hockt er dir bald im Hirne!“
„In der Natur gibt’s nichts Sinnloses!“, sagte ich. „Auch der Morbus Alzheimer wird seinen Sinn haben. Vielleicht als der Retter der einsamen Herzen. Damit sie vergessen, wie es mal früher gewesen war. Als wir noch keine Joghurtdeckel gesammelt haben.“ Karin seufzte und schlüpfte ins Bett. Ich tauchte meine blutende Zunge in die sahnige Haut der Joghurtbraut und begann mit dem Ritual!
5. Oktober 2009Stichwörter:
Altpapiergeschichten, Alzheimer, Jaromir Konecny, Joghurt, Karin2 Kommentare
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Enzo Aduro schrieb am 17. Januar 2010:
Eine Rolle Alufolie (0,01mm; 30cm; 20m) (also 6 m2 Fläche locker 500 bis 1000 Joghurtdeckel, gleiche dicke unterstellt) verbraucht in der Elektrolyse 2,2 kWh. Wir bewegen uns hier also bei 2 bis 4 Wattstunden.
Daher halte ich das mit der Energie in Bezug auf Joghurtdeckel für ein Ammenmärchen.
Jaromir Konecny schrieb am 18. Januar 2010:
Hallo Enzo Aduro,
die Gewinnung von Aluminium aus den Rohstoffen ist energieintensiv, das liegt nun mal in der Natur der Elektrolyse. (Ich war früher mal sogar Chemiker.) Klar nicht so ganz energieintensiv “in Bezug auf Joghurtdeckel”, sonst hätte der Monolog des Ich-Erzählers nicht sehr viel Sinn. Sein Joghurtdeckel-Sammeln ist ja eine Ersatzbeschäftigung. Aber ich richte ihm Ihren Einwand aus. :-)
Liebe Grüße
Jaromir