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Überzeugung und Tatkraft – Franz Jung

von tergast

Beginnen wir mit einem Zitat:

Ein Autor expressionistischer Prosa, Mitbegründer von Dada Berlin. Kriegsfreiwilliger, Deserteur, linksradikaler Aktivist. Terrorist und Häftling – fünfmal im Gefängnis, einmal im KZ, einmal zum Tod verurteilt. Promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Fabrikdirektor in der Sowjetunion, Börsenkorrespondent, Unternehmer, Mäzen Brechts. Säufer; gelegentlich schwere Depressionen. Dreimal verheiratet. Lebte u.a. in Schlesien, München, Berlin, Petrograd, Wien, Genf, Budapest, Italien, San Francisco, Paris. Starb 1963 in einem Stuttgarter Krankenhausbett, 74 Jahre alt.

aus: Herbert Braun: Das Menschliche hinter der Wand.

Was Herbert Braun hier zu wenigen Zeichen verdichtet, ist ein Schriftsteller- und Intellektuellenleben, das seinesgleichen sucht. Es ist das Leben von Franz Jung, 1888 in Neisse in Oberschlesien geboren, der das Lebensmotto, das in der vorstehenden Beschreibung zum Ausdruck kommt, selbst so formuliert hat: „Was suchst du Ruhe, da du zur Unruhe geboren bist?“

Zu Beginn des Jahrhunderts noch im Umkreis von Burschenschaften ganz dem Juste-milieu verbunden, aus kleinbürgerlich-katholischem Elternhaus stammend, schlägt Jung schnell einen anderen Weg ein. Bereits 1912 erscheint Das Trottelbuch, eine Novellensammlung, mit der er sich als expressionistischer Autor zu profilieren versteht; darüber hinaus verfasst er autobiografisch gefärbte Prosa, die die Affinität zum Anarchismus eines Gustav Landauer genauso durchscheinen lässt wie die Inspiration durch Otto Gross‘ psychoanalytische Erkenntnisse. Die Romane Kameraden (1913), Sophie (1915) und Opferung (1916) geben Zeugnis dieser Phase des Jung’schen Schaffens.

Jung ist radikal in jeder Hinsicht. Literarisch verschreibt er sich der expressionistischen Form, lustwandelt im Umkreis jeglicher avantgardistischen Bewegung, von DADA über den Malik-Verlag bis hin zu Franz Pfemferts Aktion ist er überall aktiv. Politisch kämpft er in den Novembertagen 1918 in der vordersten Front der roten Reihen, im Mai 1920 streitet er als Delegierter der rätedemokratischen und antizentralistischen KAPD gar mit dem großen Lenin, und auch die Arbeiteraufstände des Jahres 1921 in Sachsen und Thüringen finden nicht ohne ihn statt.

Aber so wie die Literatur nichts ohne das Leben ist, so ist auch das (revolutionäre) Leben für Jung nichts ohne die Literatur. Er verwandelt alles in Worte, in kurzer Folge erscheinen Romane, die bisweilen schon vor dem Verstummen der letzten Straßenkämpfe der Revolution geschrieben scheinen. Joe Frank illustriert die Welt (1921) gehört dazu, oder auch Proletarier (1921), Die rote Woche (1921) oder Arbeitsfriede (1922).
Jung schreibt und schreibt, erfrischend unideologisch, nur dem eigenen revolutionär fühlenden Herzen verpflichtet. Das kommt auch in den Berichten aus Russland zum Ausdruck, in denen er den deutschen Genossen die dortigen Zustände vor Augen führt, etwa Hunger an der Wolga (1922).

Doch die Zeiten spielen Franz Jung nicht in die Karten. In Deutschland erlahmt die Kraft von links, das bürgerliche Lager gewinnt die Oberhand, in Russland übernimmt die Partei das Sagen und beendet den Traum von einer Herrschaft der Räte. Franz Jung, der zum Wendehals und Anpassler nicht taugt, bleibt seinen Idealen treu, muss jedoch registrieren, dass sein literarisches Wirken nur noch wenig Resonanz findet. Seine Romane und Dramen finden immer öfter keinen Verleger mehr, die Mitarbeit an der Bühne Erwin Piscators bleibt eine kurze Episode. Doch Jung erweist sich auch als Überlebenskünstler, erinnert sich der ökonomischen Kenntnisse, die ihm das Wirtschaftsstudium in jungen Jahren eingebracht hatte und verdingt sich u.a. als Börsenkorrespondent.

Seine politische Einstellung und den Willen zum aktiven Kampf behält er auch in den zwölf dunklen deutschen Jahren bei; erst in Berlin, später dann Wien und Budapest gelingt es ihm, sich den faschistischen Häschern stets aufs Neue zu entziehen und gleichzeitig dem Widerstand zu dienen. Erst 1945 wurde er auf der Flucht nach Italien gefasst und bis zu dessen Auflassung im Mai im Durchgangslager Bozen gefangen gehalten.

Nach Kriegsende verbringt Jung einige Jahren in Italien und wandert schließlich in die USA aus. Doch dort bleibt ihm die Aufnahme in die elitären Exil-Kreise verwehrt, so dass er schließlich ohne „Ritterschlag“ 1960 nach Deutschland zurückkehrt und mit seiner Autobiographie Der Weg nach unten (1961) noch einmal ein glänzendes Stück Jung’schen Schreibens abliefert, das von all dem zeugt, was ihn in den Jahren des aktiven literarischen und politischen Kampfes unverwechselbar gemacht hat.

Franz Jung steht mit seinem Werk (und seinem Leben) für etwas, das uns in der heutigen Zeit mehr und mehr abhanden zu kommen scheint: unbedingte Überzeugung. Bei einer Sache zu bleiben, dafür einzustehen, auch im Anblick der Gefahr, erscheint vielen heute absurd, doch wer Jung liest, bekommt auch im Jahr 2009 eine Ahnung davon, was es heißen kann, „bei sich“ zu sein, anstatt in der Beliebigkeit totaler Wahlfreiheit zu verschwimmen.

29. September 2009

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