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Antje Babendererde in La Push – ohne Werwölfe!

von bardola

Antje Babendererde schrieb mehrere Romane für Erwachsene, die bei den nordamerikanischen Indianern spielten. Dieses Thema – Indianer – wurde immer wieder mit Kindern- und Jugendlichen in Verbindung gebracht und die Autorin demzufolge zu Schullesungen eingeladen. „Aber welch 13- oder 14-Jähriger interessiert sich für die Sorgen und Nöte von 40-jährigen Protagonisten? Also wurde ich wiederholt gebeten: ‚Schreib doch mal etwas für Jugendliche!’”, erinnert sich Babendererde. Sie wand sich, dachte, sie könne das nicht, und war der Meinung, sie müsste ihren Schreibstil ändern. Zudem sorgte sie sich, sie könnte die Probleme, die ihr wichtig sind, in einem Jugendbuch nicht so zum Tragen bringen. „Durch Zufall las man im Arena Verlag meinen Erstling Der Pfahlschnitzer und war sehr angetan: ‚Frau Babendererde, schreiben Sie uns doch mal ein Jugendbuch!’, schlug die Cheflektorin Frau Röhrig vor.” Ein Jahr später wurde die Sache konkret: Um Wale sollte es gehen; und so schrieb Antje Babendererde Der Gesang der Orcas. Das Buch wurde ein Überraschungserfolg.

Mein größtes Problem war meine Traurigkeit. Das zweitgrößte war ich selbst: Sofie Tanner, fünfzehn Jahre alt, rothaarig und sommersprossig, von den meisten meiner Klasse für merkwürdig und eigenbrötlerisch gehalten.

So stellt Antje Babendererde ihre Ich-Erzählerin in Der Gesang der Orcas vor. Sofies Mutter ist vor einem halben Jahr an Krebs gestorben. Dieser Verlust und die schwierige Beziehung zum nunmehr allein erziehenden Vater haben sie in ein introvertiertes Mädchen verwandelt, das sich nach seinen Kinderjahren auf dem Dorf nun in Berlin nicht wohl fühlt. Babendererde hat einen ruhigen und unprätentiösen Tonfall gewählt, um von dieser Krisensituation aus in ein großes, über 350 Seiten starkes zeitgenössisches Adoleszenz- und Indianer-Abenteuer zu starten.

Sofies Vater ist Fotograf. Erstmals nimmt er seine Tochter auf eine Reise mit, in der Hoffnung, dass sie sich wieder besser verstehen lernen. Auch Sofie weiß, dass sich etwas ändern muss: „Wenn er wieder lachen könnte, vielleicht kämen wir dann besser miteinander aus”, sagt sie. Er soll für einen Bildband Aufnahmen von der Olympic-Halbinsel im Bundesstaat Washington machen: vier Wochen lang Gletscherberge, Regenwald, Pazifikküste, Fischindianer und natürlich Wale. Orcinus Orca nennen Wissenschaftler die Meeressäuger, die bis zu 70 Jahre alt werden können. Die Leser erfahren über Land und Leute mehr als aus einem ganzen GEO-Spezial, denn Sofies Vater soll beispielsweise auch ein Stammesfest der Makah-Indianer dokumentieren. Die Makah leben im nordwestlichsten Zipfel der Halbinsel und gehören zum Volk der Nuu-chah-nulth (die früher als Nootka fremdbezeichnet wurden). Sie widmen sich traditionell dem Walfang, dessen Legitimation sie nach einem Verbot juristisch für sich zurück erkämpft haben.

Im Hotel im Zentrum des Makah-Reservats trifft Sofie auf den sechzehnjährigen Javid, den Sohn der Hotelbesitzerin, der noch nicht weiß, wohin er sich orientieren soll, ob eher ein Studium oder das Dasein als Fischer und Walfänger in der Tradition seines Vaters für ihn in Frage kommt. Beide empfinden Sympathie füreinander. Javid nimmt das deutsche Mädchen auf mehrere Bootsausflüge mit, bei denen die beiden unberührte Natur ebenso sehen wie eine Gruppe von Orcas. Atemraubende Landschaften, aufgewühltes Meer und ein heftiger Regen verstärken die Empfindungen der Jugendlichen, die sich näher kommen und unsicher und vorsichtig viele Fragen zulassen, die sie beschäftigen: von der Problematik des Walfangs über ihre berufliche Zukunft bis zur aufkeimenden Liebe.

„Mach dir mal keine Sorgen”, sagte ich. „Mama hat mir längst alles erzählt, was ich wissen muss.”
„So?” Verblüfft sah er mich an.
Ich musste lachen. „Ja, wir haben über alles geredet.”
„Sie kann dich nicht mehr beschützen”, sagte er leise.
„Nein. Du aber auch nicht, Papa.”
„Ich würde es trotzdem gern.”
„Ist Sex etwas, wovor man beschützt werden muss?”, fragte ich.
Er seufzte. „Kommt darauf an.”
„Worauf?”
„Ich will nicht, dass du schmerzliche Erfahrungen machst, Sofie.”
„Ich glaube, das kannst du nicht verhindern, Papa. Aber ich werde auf dein Angebot zurückkommen, wenn ich Fragen haben sollte. Außerdem brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Solange Javid an seinem Kanu baut, darf er keinen Sex haben, sonst verfault das Boot.”
„Was?” Papa verschluckte sich an seinem Sandwich und hustete.
„Makah-Zauber”, erklärte ich achselzuckend.

Für ihr Erwachsenwerden bedeutet die Begegnung von Sofie und Javid die Möglichkeit, das Leben aus anderen Perspektiven zu betrachten. Dabei setzt sich der Jugendroman

sehr differenziert mit den heutigen Makah-Indianern und ihrer zerrissenen Lebenssituation auseinander, die besonders in der Figur von Javid treffend charakterisiert wird. Ehrlich, kritisch und reflektiert geht die Autorin auch mit den Fragen nach der Entwicklung der jungen Menschen um, die letztendlich offen gelassen werden,

schreibt der Kinderbuchfonds Baobab, eine Arbeitsstelle der Organisationen Erklärung von Bern und von terre des hommes schweiz.

Der Gesang der Orcas nimmt die Leser aber nicht nur deshalb gefangen, sondern auch, weil sich die Autorin Zeit lässt, um Sofies inneren Abschied von der Mutter und die Erfahrungen in der fremden Kultur zu schildern. Das Erzähltempo stimmt auf wunderbare Weise mit dem Inhalt der Geschichte überein, der auch die Entwicklung des Vaters einbezieht. Glaubhaft und ohne jedes Pathos entsteht nicht nur diese erste Liebe der Teenager, die nach den Sommerferien auch über den großen Teich hinweg Bestand haben könnte, sondern auch die neue Lebensfreude des Vaters. Ganz nebenbei lernen Tochter und Vater, genauer aufeinander zu hören und respektvoller miteinander umzugehen.

Nach dem Erfolg ihres Debüts setzte sich Babendererde an das nächste Jugendbuch. „Inzwischen schreibe ich viel lieber für Jugendliche als für Erwachsene. Ich musste meinen Schreibstil natürlich nicht ändern und ich habe gemerkt, wie gut ich mich noch in Teenager hineinversetzen kann”, so die Autorin. Bei aller Begeisterung für das neue Genre betont sie aber auch die Geringfügigkeit der Unterschiede:

Auch die Themen unterscheiden sich nicht sehr. Es gibt immer einen realistischen Hintergrund, ich gehe auf die heutigen Probleme des jeweiligen Indianervolkes ein. Es gibt eine Liebesgeschichte. Die unterscheidet sich insofern, als dass es in meinen Jugendbüchern eben meist die erste große Liebe ist und es dabei auch viel um Selbstfindung bei den Hauptfiguren geht – auch um den ersten Sex. Auch in der Wortwahl unterscheiden sich meine Jugendbücher nicht auffällig von den Erwachsenen-Romanen, nur, dass ich bestimmte Dinge für Jugendliche verständlicher und einfacher erkläre und im Dialog natürlich jugendgemäß gesprochen wird. Der Satzbau ist der gleiche – ich ändere meinen Stil nicht.

Ihren Roman Zweiherz, der 2007 erschienen ist, widmet Babendererde Jay, der geduldig ihre Fragen beantwortet habe. Und Jays Worte – Jay Sage Kerley, ein Navajo Indianer –, werden als Eingangsgedicht zitiert: „The dark mystical night / Like shadow from light / Covers the Two-Hearted one / Hovers til calamity is done.”

Zweiherz, dieser wunderbare Neologismus, ist aus Antje Babendererdes Übersetzung des Navajo-Mythos vom Ursprung der Welt und der Menschelt entstanden. Der Roman beginnt mit der pathosgeladenen Legende von der Entstehung allen Lebens, die stets von einer bösen Bedrohung begleitet wird: Er ist auf der Jagd. Und noch immer kann er seine Gestalt wechseln. Für jede hat er einen anderen Namen: Graubein Kojote. Erster Zorn. Zweiherz.

Wir befinden uns im Big Res, dem großen Navajo-Reservat auf der Hochebene des Colorado Plateaus, das sich bis nach New Mexico und Utah erstreckt: Steinwüsten, ausgewaschene Sandpisten, Salbei- und Wachholderbüsche, Mesapfade, Felszeichnungen, Klapperschlangen oder Klimaanlagen in staubigen Jeeps, die nicht eingeschaltet werden, damit die Protagonisten – und mit ihnen die Leser – den Fahrtwind im heißen Arizona-Sommer zu spüren bekommen. Die Namen: Windows Rock oder Slot-Canyon. Die Berufe: Silberklopfer oder „Indianerpolizist”. Die Sprache: atsá (Adler), kinaaldá (Reifezeremonie), hataalíí (Sänger und Heiler), hózhó (Pfad der Schönheit, Regeln der Ausgewogenheit und Harmonie), tséhootsoí (Wiese zwischen den Steinen). Und bedrohlich hinter all dem: Zweiherz. Jeden könnte Zweiherz jagen: Kaye Kingley, 17-jährige Tochter einer vor zwei Jahren verstorbenen Vollblut-Navajo und des weißen Beinahe-Anwalts aus San Francisco und heutigen Schafranchers Arthur. Zweiherz könnte auch den 16-jährigen Aquilar Yazzie jagen, der auf der Suche nach echter Freundschaft ist. Aber Zweiherz bevorzugt verwirrte und verführbare Seelen. Will Roanhorse könnte leichte Beute für Zweiherz werden. So wie zuvor schon sein Vater John, der sich aus unerfüllter Liebe das Leben nahm. Will hat, nachdem er gegen seinen Willen in ein Internat geschickt worden war, im Affekt den Direktor erschlagen. Die Strafe – zehn Jahre Haft – ist für einen Minderjährigen unverhältnismäßig hart. Dies ist nur eines der Rätsel und Geheimnisse, die im Verlauf dieses an Spannung stetig gewinnenden Romans gelöst werden.

Nach fünf Jahren wird Will vorzeitig entlassen. Kaye, seine Jugendliebe, hat ihn nie vergessen, hat ihm viele Briefe geschrieben, hat auf ihn gewartet. Die Erzählperspektive springt zwischen den beiden Jugendlichen hin und her. Dadurch, dass Will sich in der Freiheit neu finden muss, dadurch, dass er die Zeit seines Erwachsenwerdens im Gefängnis verbringen musste, erhält diese behutsam erzählte Liebesgeschichte eine besondere Tiefe. Denn die Identitätssuche des von Unsicherheiten und Ängsten gequälten Jungen wird von der selbstsicheren, aber angesichts der Orientierungslosigkeit ihresFreundes oft ratlosen Kaye eng begleitet.

Antje Babendererde versteht es auch hier, sehr ernst und sich in die Sache der Indianer über- zeugend einfühlend, mystisch und erdverbunden zugleich zu schreiben. Eine Magie geht von diesem breiten und ruhigen Erzählstrom aus, der zunächst wenig spektakulär wirkt, aber im Verlauf des Romans immer kräftiger und komplexer wird und die Leser mitreißt.

Zu ihrem bislang letzten Jugendroman – Indigosommer (2009) – tauchte die Frage auf, ob Babendererde die Idee zum Plot durch Stephenie Meyers Bis(s)-Reihe gekommen sei. Die Antwort lautet: nein. Auch wenn sie sich den Spaß gemacht hat, Twilight (dt. Bis(s) zum Morgengrauen) im Buch zu erwähnen:

Ich war 2002 zum ersten Mal in La Push bei den Quileute-Indianern und habe dort Jugendliche surfen sehen. Die Gegend und die Kultur der Quileute haben mich fasziniert und ich beschloss, ein Buch zu schreiben, das dort angesiedelt ist. Aber dann habe ich erst einmal andere Ideen verwirklicht. 2008 war ich wieder für einige Zeit in La Push und habe vor Ort recherchiert. Inzwischen sind Forks und La Push geprägt von Stephenie Meyers Biss-Büchern und das passte als Gag ganz gut in meine Geschichte.

In Indigosommer spielt La Push eine wichtige Rolle. Aber Jacob Black wohnt dort nicht. Bei Antje Babendererde gibt es keine Vampire und keine Werwölfe, aber dafür: Strand, Wellen, Liebe, Hass und schicksalhafte Begegnungen.

14. September 2009

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5 Kommentare

  1. Nadia schrieb am January 2, 2010:

    ICH FINDE INDIGOSOMMER EIN SEHR SPANNENDES BUCH!
    ICH HABE ES INNERHALB 2 TAGEN GELESEN…..
    TRAURIG FAND ICH DAS JOSH GESTORBEN IST UND ALEC SMILLA DIE SCHULD GAB, OBWOHL ER WUSSTE DAS JOSH DURCH EINEN UNFALL GESTORBEN IST.

  2. JASMIN schrieb am January 27, 2010:

    iCH FINDE DAS bUCH MECA TOLL

  3. natalia schrieb am February 20, 2010:

    Ich habe ein paar Bücher von Babendererde gelesen und sie sind alle super! Vor allem weil man einen kleinen Einblick in das heutige Leben der Indianer Nordamerikas bekommt. Besonders dem der Jugendlichen.Aber ob sie wirklich so sind wie in Babendererdes Bücher? 🙂
    Ich suche momentan ihre Erzählung “Es gibt einen Ort in uns” aber die bisherigen Angebote sind ziemlich teuer (80Euro)
    Weis jemand zuffäligerweise wo man dieses Buch günstiger kriegt??

  4. Christin schrieb am January 8, 2011:

    Ich habe bereits alle Jugendromane und ein paar Romane von Antje Babendererde gelesen und bin begeistert. Sie ist meine Lieblingsautorin 😉 Durch sie habe ich eine Interesse an Indianern und deren Kultur gefunden und verstehe ihre Stellung gegenüber Weiße auch.
    Ich hoffe, sie schreibt noch viele tolle Indianerbücher.
    Weiter so ! 🙂

  5. Lena schrieb am April 15, 2012:

    Bin ebenfalls sehr begeistert von ihren Büchern. Habe schon Indigosommer u Libellensommer von ihr gelesen u bin
    jetzt bei Rain Song. Ich finde, dass sie unglaublich einfühlsam schreibt. Man kann sich wirklich in die personen reinversetzen und ich hab mir schon einige male einen Jay oder Greg hergewünscht. (; Nach ihren Büchern hat sich mein Interesse an Indianern noch vergrößert. Werde mir später auf jedenfall einmal die Orte ansehen, in denen ihre Geschichten spielen.
    und natürlich die anderen bücher noch lesen. Eine der besten Autorinen ist sie ganz klar. [:


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