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Friedrich Anis suchende Jugendliche

von bardola

Der Autor literarischer Kriminalromane Friedrich Ani hat sich im Bereich des Jugendromans mit dem Debüt Durch die Nacht, unbeirrt, mit dem modernen Klassiker Wie Licht schmeckt und mit dem seiner Zeit immer noch vorauseilenden Das unsichtbare Herz einen großen Namen als Chronist einsamer Protagonisten mit ungewöhnlich tief gehenden Gefühlen gemacht. Wie Licht schmeckt wurde fürs Kino verfilmt (Foto unten: Ani und die beiden jungen Schauspieler) und leistet, was nur ganz selten gelingt: Der Film erzählt eine ruhige Geschichte, die fesselnder als ein Thriller ist. In der Belletristik für Erwachsene gelang Ani im Jahr 2000 mit German Angst der Durchbruch. Wegen der Thematik (Ausländerhass), wegen der 14-jährigen Protagonistin Lucy und wegen der für das Hörbuch bearbeiteten Fassung sollte German Angst auch von Jugendlichen entdeckt werden: „Das Buch sticht durch seinen eindrucksvollen Realismus hervor und zeichnet als bestes Exempel des Genres ein beklemmendes Bild der Verbrechenswelt in der Bundesrepublik von heute“, schrieb die Jury anlässlich der Verleihung des Radio-Bremen-Krimipreises. In Wuppertal wurde German Angst als Theaterstück uraufgeführt und löste bei Lehrern und Schülern heftige Diskussionen aus. TV-Tatortkommissar Udo Wachtveitl liest eine besonders für Jugendliche geeignete Fassung des Bestsellers.

German Angst sei besonders auch Lehrern empfohlen, die nach Fortsetzungen und Alternativen zu Morton Rhues Welle suchen, um den Schülern die Basis für eine intensive Auseinandersetzung mit faschistischer Mentalität und diskriminierender Denkweise zu geben, denn Ani schildert eindrücklich und spannend, was vor unseren, vor deutschen Haustüren heute geschieht. Christoph Arano ist als Kind aus Nigeria nach Deutschland gekommen. Aranos 14-jährige Tochter Lucy begeht zahlreiche, zum Teil brutale Straftaten, wird von der Boulevard-Presse dämonisiert und erinnert damit nicht zufällig an den Fall Mehmet, der vor etwa 10 Jahren in den einschlägigen Blättern heftig „diskutiert” wurde. Der ebenfalls 14-jährige Junge, der wegen seiner außerordentlichen kriminellen Energie und Gewalttätigkeit aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, wurde damals zum Spielball bayerischer Medien, der Justiz und der Politiker. „Es ist praktisch für sie, dass du schwarz bist, so haben sie eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Ein schwarzes Kind, das wahllos Menschen angreift, ist ein Glücksfall für sie, du bist ein fleischgewordener Angstmagnet. Sie denken, je mehr sie dich fürchten müssen, desto weniger wird ihre Furcht“, sagt Kommissar Süden zur verstörten Lucy, die mit ihrem Vater nach Afrika abgeschoben werden soll. Politisch brisant wird der Fall dadurch, dass die deutsche Geliebte Aranos von der rechtsradikalen Aktion D entführt wird; die Ausweisung der Aranos soll erzwungen werden. Lässt sich der Staat erpressen? Anis German Angst ist ein aufrüttelnder und ergreifender Krimi, der zum Nachdenken zwingt und viele Facetten auch verkappter Fremdenfeindlichkeit schildert.

In Anis Roman Das unsichtbare Herz hat Merit herausgefunden, dass in Deutschland bereits 70.000 Samenspender-Kinder geboren wurden, denen laut Bundesverfassungsgericht „das Recht auf Kenntnis der Abstammung“ zusteht. Und so gibt Friedrich Ani in diesem zukunftsweisenden Roman erschöpfend Auskunft zum Thema Samenbanken, das in Zeiten von DNA-Diskussionen zusätzliche Brisanz aufweist. Doch wichtiger noch und erstaunlich ist die literarische Umsetzung. Wütend macht sich Merit auf die Suche. Sie ist eine von drei Protagonisten im Alter zwischen 15 und 17, die vor kurzem erfahren haben, dass ihre sozialen Väter nicht ihre genetischen sind. Die zornigen Samenspenderkinder stehen via Chatrooms in Kontakt. Merit ist fest entschlossen, notfalls gerichtlich die Preisgabe der Spenderidentität zu erzwingen. Reagenzglasbefruchtung; Insemination; lesbische oder alleinstehende Frauen, die Kinder und keine Männer dazu wollen; Ärzte, die durch das Einspritzen der Samen eines anonymen Spenders in die Gebärmutterhöhle riskieren, als „Schwangerschaftsverursacher“ haftbar gemacht zu werden; die komplexe Frage nach Erbanlagen – all das wird nahezu unbedeutend neben der Verzweiflung der Kinder, die verstanden haben, „was das für ein beschissenes Leben ist, wenn man plötzlich rausfindet, dass man ein aufgetautes Herz hat“. Dass man von fremden Männern abstammt, die mit einem Geld verdient haben. Die drei fühlen sich nicht mehr als Menschen, sondern als Machwerke. Das unsichtbare Herz ist ein packender und poetischer Roman, der Extreme nicht scheut. Mit einer unvergleichlichen sprachlichen Wucht geht Ani dabei an die Grenzen des Sagbaren, lotet „Außen- und Innenwörter“ aus und benennt mit manchmal gewagten Formulierungen die heftigen Gefühle der Kinder, beispielsweise angesichts von Polizisten, die sich „lächelnlos“ verabschieden, angesichts „vereister Eltern“, wodurch sie sich „alleiner“ fühlen als „der letzte Stern im Weltall“ – „vaterseelenallein“. Diese außergewöhnliche Retortenkinder-Story ist spannender als viele Krimis und gruseliger als mancher Horrorroman, obwohl sie realistisch ist und in der Gegenwart spielt. Ich bin überzeugt, dass Anis literarisch anspruchsvoller Text immer noch seiner Zeit voraus ist. Er endet trotz des Zorns und der Verzweiflung trostspendend:

„Deswegen möchte ich zwei Freunde einladen, mit denen feiern wir dann und denken an Mama“, sagte Merit.
„Was für Freunde? Kenn ich die?“
„Nein. Aber wir haben was Wichtiges gemeinsam.“
„Was denn?“
„Wir sind alle drei Wunschkinder“, sagte Merit.

Der 16-jährige Mingo steht im Mittelpunkt des Großstadtromans Durch die Nacht, unbeirrt. Einige Tage im April verändern sein Leben: Isa, seine neue Freundin, ist plötzlich spurlos verschwunden. Er war mit ihr verabredet, doch sie kam nicht und hinterließ auch keine Nachricht. Kurz zuvor hatten sie zueinander gefunden, hatten die gemeinsame Wellenlänge gespürt, hatten abseits der gängigen Sex-Prahlerei ihrer Kameraden erste Zärtlichkeiten ausgetauscht. Es war der Beginn einer Liebe im kalten Betonien. Doch nun ist Isa weg. Keiner weiß, wo sie stecken könnte. Isas Eltern lügen. Im Krankenhaus ist sie jedenfalls nicht. Ihr Vater, ein erfolgloser Manager mehrerer Nachtclubs, versucht Mingo einzuschüchtern, und Isas Mutter – sie soll früher auf den Strich gegangen sein – verschwindet wenig später auch. Isas Familie ist einige Jahre zuvor die Flucht aus Betonien geglückt, doch mit den Geschäften geht es bergab. Ihre Eltern leben in einem Einfamilienhäuschen und scheuen vor nichts zurück, um das Reiche-Leute-Image aufrecht zu erhalten. Isa – das ahnt Mingo nicht – muss sich jetzt für einen Kinderporno vor der Kamera ausziehen. Drei Tage wird sie in einem Apartment festgehalten, Tage, in denen für sie eine Welt zusammenbricht, in denen ihr die Geldgier ihrer Eltern die Tränen in die Augen treibt, in denen sich vor Wut und Aufregung ihr Herzfehler bemerkbar macht, in denen sie sich nach Mingo sehnt und sich Smarties (Ecstasy-Pillen) wünscht, um ihrer elenden Umgebung zu entfliehen.
Während seiner verzweifelten Suche nach Isa übernachtet Mingo bei einer verarmten Schauspielerin, einer alten Freundin, der er mal was spendiert hat, einer stolzen Pennerin, von der er viel lernt. Rastlos klappert er die Nachtclubs ab, anstatt zur Schule zu gehen. Schließlich findet er Isa und es gelingt ihm, sie zu befreien. Gemeinsam flüchten sie, doch Isa kann nicht abschalten. Sie kann ihm noch nicht erzählen, was geschehen ist. Sie will jetzt nur eins, ihre Smarties. Sie ist so verzweifelt, dass Mingo ihr welche besorgt. Isa schluckt eine Pille zu viel, steigert sich in einen rauschhaften und schier endlosen Tanz und stirbt. Geschockt flieht Mingo; in einem Wald will er sich das Leben nehmen. Er gibt sich die Schuld an Isas Tod, obwohl oder gerade weil er nichts von ihrem Herzfehler wusste. Ein Reporter findet ihn, spricht mit ihm, gewinnt Schritt für Schritt sein Vertrauen und holt ihn zu sich nach Hause. Der schweigsame Mingo erinnert den Reporter an seine eigene Kindheit.
Der Plot des Romans gibt in keiner Weise die Aufrichtigkeit der (Sinn-)Suche und die Eindringlichkeit der Atmosphäre in diesem Roman wieder. Wie Schnappschüsse unvergesslicher Etappen im Leben eines Freundes prägen sich dem Leser viele Szenen ein: Mingo, der dem Reporter von den Scherben seines Lebens erzählt; Mingo, der nicht mal am Geburtstag seiner Mutter nach Hause kommt, der Orangen klaut wenn er knapp bei Kasse ist; Mingo, der Tagträumer, der sich in seinem Kopfparadies verläuft, der in seinem Kokon aus Schweigen für seine Eltern unerreichbar bleibt; der im Erdgeschoss wohnt, wo es nach Dackelscheiße stinkt; der von der Clique respektiert wird, obwohl er nicht raucht, nie Woco (Wodka-Cola) trinkt und keine Smarties schluckt; der auf den Vorwurf „ … jeder andere wäre pünktlich …“ entschlossen antwortet: „Ich bin aber kein anderer.“; der 16 ist und schüchtern und noch mit keiner geschlafen hat; der zornige Mingo mit knurrendem Magen, weil er der Schauspielerin wieder alles geschenkt hat; der Isa trotz ihrer nagelneuen Helly-Hansen-Jacke mag; Mingo taub vor Schmerz, weil er nur ahnt, nicht aber weiß, was in den drei Tagen im Apartment mit Isa geschehen ist und nicht glaubt, dass sie an einem Herzinfarkt gestorben ist; der wütende Mingo, der allenthalben den Effe macht, um sich im Großstadtdschungel durchzuschlagen; Mingo, der zum Helden wird, weil er angeblich die kleine Isa aus den Klauen ihrer Eltern gerettet hat und seine eigenen anschreit –„ihr habt null Ahnung, was abgeht, aber null!“ –und H. D. Thoreau liest; Mingo, der in der Zeitung als der „stille, in sich gekehrte Junge, der die 14-jährige Isabel aus einem Pornoring befreit hat“ geschildert wird; Mingo, der denkt, dass nur Kinder einsam sind; der das Wort Melancholie nicht kennt und der am Ende ein neues Gefühl entdeckt; Mingo, der sich plötzlich vollkommen der Gegenwart bewusst wird, so als hörte er sich zum ersten Mal atmen und schließlich zu einem neuen Selbstbewusstein findet.

Dieser Mingo mit all seinen ungelösten Problemen steht einerseits im Mittelpunkt des Romans, ist zusammen mit Isa die faszinierende Identifikationsfigur für junge Leser, wird aber im Buch selbst auch zur Projektionsfläche für die unerfüllten Wünsche und unbeantworteten Fragen der Erwachsenen. Sie treffen sich bei Isas Begräbnis und da wird klar, wie sehr sie von dem Jungen abhängen, wie sehr sie ihn brauchen und wie sehr sie mit ihm die unausgesprochene Furcht vor der Einsamkeit, vor dem Ungeborgensein teilen.
So wie der Vorname Mingo (aus einer musikalischen Vorliebe entstanden) ein Zufall ist, so dürfte sein Nachname (Border, also Grenze) Absicht sein: Ein mehrdeutiger und sprechender Name für das Leben an der Grenze, am Rande – der Großstadt, der Gesellschaft, der Mitmenschen, sogar der Familienangehörigen.
Brillante Milieu- und Charakterstudien (Isas Mutter bei der toten Tochter, Mingos arbeitsloser Vater in der Kneipe, die Angst des Dealers aus Mingos Klasse, die Schilderung des Lebens von Sozialhilfe in der reichen „Weltstadt mit Herz“) zeugen vom Engagement dieser Prosa und gipfeln im Porträt Neuaubings als Kehrseite der Residenzstraße. Aber noch wichtiger ist der Mikrokosmos, das Zwischenmenschliche, die Überwindung der Isolation und die vielen kleinen und großen (Not-)Lügen, die auf manchmal bedrohliche Weise das Leben bestimmen (und zu Geheimniskrämerei bis hin zu vollkommenem Verstummen führen) und immer wieder fatale Missverständnisse hervorrufen, die manchmal nicht wieder gut zu machen sind.

Friedrich Ani war Polizeireporter, hat Gedichte und Kriminalromane veröffentlicht, hat Drehbücher (u.a. für den Tatort) und Das geliebte süße Leben, den inneren Monolog einer alten Frau, geschrieben. All diese Erfahrungen, der Entwurf eines literarischen Stadtplanes der Stadt München, die beständig ihrer Klischees beraubt wird, fließen in seinen Jugendbüchern zusammen. Schnelle Schnitte, Rückblenden, parallel verlaufende Handlungsstränge, Reflexionen, Lieder und Gedichte verschmelzen zu einer spannenden und klugen Lektüre.

18. August 2009

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