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Wittkamps Findlinge

von bardola

   Frantz Wittkamp

Frantz Wittkamp dichtet für Groß und Klein. Als Einstieg in sein Werk bietet sich das Hörbuch Du bist da und ich bin hier an, eine Sammlung von Sprachspielen in Versform, gelesen vom kürzlich verstorbenen Schauspieler Manfred Steffen und den Kindern Emma (4), Johnny (8) und Vincent (11). Der Einsatz der Kinderstim- men zeugt von sorgfältigen Vorüberlegungen: Welche und wie viele Verse sollen von den Kindern gelesen werden? Welche spricht der Profi Manfred Steffen? Auf diese Fragen hat Regisseurin Angelika Schaack eine in jeder Hinsicht glückliche Antwort gefunden. Hier ist ein Stimmenquartett zu hören, das die Inhalte in bestmöglicher Abfolge wunderbar präsentiert und so ein besonderes Gesamtklangbild erzeugt.

Das alles aber ist nur möglich, weil Franz Wittkamp mit seinen „Findlingen“ kleine Weisheiten und erstaunliche Beobachtungen aufs Papier gezaubert hat, die mit ihrer Ideenvielfalt, ihren wechselnden Rhythmen und überraschenden Pointen dreijährige Kinder ebenso begeistern wie Erwachsene.

Komm, wir teilen brüderlich
den Apfel in der Mitte.
Zwei der Hälften esse ich
und du bekommst die dritte.

Mit einem Hauch Vorwitz von einer selbstsicheren Jungenstimme gelesen, wirkt diese kleine Frechheit sofort. Wittkamps Schaffensfreude beschert Lesern und Hörern Sprachlogeleien aller Art:

Man sieht es deutlich unbestritten,
mein Mantel hat ein Loch.
Ich habe es herausgeschnitten.
Man sieht es aber doch.

Wenn Wittkamp Worte abklopft, die auf menschliche Tugenden verweisen, klingt das so:

Ich hab Geduld und warte ab,
bis ich sie verloren hab.
Nur um zu wissen, was passiert,
wenn man die Geduld verliert.

Wittkamps Texte (sein bewusster Umgang mit Sinn, Rhythmus und Klang) sind Denkanstöße, oft mehrdeutig und schelmisch, immer wieder aber auch still und meditativ. Mühelos zieht er Leser und Hörer in seine Wortwelten, die schlicht und komplex zugleich sind. Nicht alle Texte sind harmlos. Überschäumende Kinderwut kann sich selten so kontrolliert, elegant und bei aller Verzweiflung schon den friedensstiftenden Keim enthaltend Luft machen wie bei Wittkamp:

Ich kann euch
nur noch hassen,
ich finde euch gemein.
Ich werde euch
verlassen, dann seid Ihr
ganz allein.

Wittkamps Findlinge bringen Eigen- und Fein-, Hinter- und Tief-, aber auch Froh- und Irr- und Unsinn auf engstem Raum zusammen. Kein Wort zu viel benötigt Wittkamp, um diese Sinnformen zum Klingen zu bringen. Er ist ein Meister der Konzentration auf das Wesentliche und öffnet dabei bunte Assoziationsfelder. Die Leser und Hörer dürfen weiter denken und die Leerstellen mit ihren eigenen Vorstellungen füllen.

Wittkamps Texte zeugen davon, dass hier mehr am Werk ist als „nur“ die pure Lust am Sprachspiel. Beharrlich sucht der Autor nach noch namenlosen phonetischen Phänomenen und zerlegt dabei Wörter in ihre Bestandteile.

Das ge von gestern, musst du wissen,
das habe ich versehentlich
mit meinen Zähnen abgebissen.
Geblieben ist ein stern für dich.

Ist das noch harmloses Jonglieren mit Silben oder doch schon die Aufhebung von Saussures eng geknüpfter Beziehung zwischen dem „signifiant” und dem „signifié”?

Doch nicht nur Silben, auch einzelnen Buchstaben ordnet Wittkamp poetische Aufgaben zu. Die isolierten Lettern erhalten dann selbst Bedeutung und sorgt für den Endreim:

Ich freue mich, wenn ich dich seh,
ich finde dich so nett,
ich schenke dir mein H und E,
mein R und auch mein Z.

Das Ausmaß von Wittkamps Buchstaben- besessenheit lässt sich auch daran erkennen, dass sie auf geradezu behördlich-amtliche Art in sein und das Leben seiner Mitmenschen eingegriffen hat. Die Geschichten seines und des Vornamens seiner Tochter können dies verdeutlichen. Frantz Wittkamp hatte seinen Studienfreund Reiner als „Rheiner“ in das Mainzer Hochschülerverzeichnis eingetragen. Das „t“ in Wittkamps Vornamen ist die sprachliche Rache Rheiners und ein Zeichen von Frantz’ Reue. Die 1970 geborene Tochter Julia heißt genau genommen Juli A. Wittkamp (nachzulesen z. B. in ihrem Bilderbuch Guten Morgen mein Mäuschen – der Text stammt aus der Feder des Vaters). Das A. steht für Alfred, den Sohn, der sie eigentlich hätte werden sollen. Der echte Sohn folgte übrigens elf Jahre später und erhielt den Namen Valentin, nach dem Münchner Original, das an diesen Wittkamps seine helle Freude gehabt hätte.

Frantz Wittkamp wurde 1943 geboren, unterrichtete bis 1970 Kunsterziehung und Biologie und lebt seither als freischaffender Grafiker und Schriftsteller in Lüdinghausen. Dort hat er – zusammen mit seiner Frau – einen kleinen Birkenwald und eine Galerie.

Wittkamps Buchstabenwerke sind meistens klein. Aber sie summieren sich. Häuser, Mäuse, Menschen, Bären und viel sonstiges Getier (Vögel vor allem) und Gegenständliches (und manchmal auch Abstraktes) tummeln sich in seinen virtuosen Versen. Es handelt sich meist um unprätentiöse Vierzeiler – inzwischen viele Hunderte –, die u. a. 1995 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik ausgezeichnet wurden.

Die Vorfahren der Wittkampschen Findlinge sind Nonsens- und Klapphornverse, Aphorismen und Limericks. Manchmal ist die Botschaft klar:

Du hast das Glück studiert.
Ich kann es nicht begreifen.
Du sagst, es ist kariert.
Mein Glück hat aber Streifen.

Manchmal aber lässt der Lyriker Frantz Wittkamp auch alles offen:

Höchstwahrscheinlich viel zu sehr,
aber lange schon nicht mehr,
Ewigkeiten schon und doch
insgeheim wohl immer noch.

Und manchmal dringt er ins Namenlose vor, in seinen Texten wie in seinen Grafiken und Illustrationen:

Er wollte nicht die Gaben,
die andere bekamen,
er wollte etwas haben,
das hatte keinen Namen.

Grafiken? In bestimmten Kreisen ist Frantz Wittkamp weniger als Literat, sondern vor allem für seine Zeichnungen bekannt. Außer seinen eigenen Texten hat er u. a. Geschichten von Joan Aiken, Paul Maar oder Christine Nöstlinger illustriert. Umgekehrt gibt es von ihm Texte zu Bildern anderer Künstler. Wittkamp ist eine große Doppelbegabung und nicht zuletzt der Vater des dtv-Lesebären, der erstmals 1975 auf einem dtv-Prospekt grinste. In seiner asketisch-monolithischen Art lädt er ebenso zum Aus- und Nachmalen ein wie die Findlinge zum Weiterdichten:

Manchmal hat die arme Maus
keinen Krümel Brot im Haus.

Natürlich ist das nur die erste Hälfte eines Wittkampschen Findlings. Ein Anfang als Anstoß und Anregung – wie geschaffen für den Literaturunterricht oder einen Creative-Writing-Kurs. Ob Kind oder Erwachsener: Jeder hätte Ideen, wie die zweite Hälfte lauten könnte. Aber wer käme auf das tatsächliche Ende des Originals (von der dritten ganz zu schweigen)? Wittkamps Findlinge sind meist so gebaut, dass auf die ersten zwei einleitenden und vorbereitenden Zeilen ein Bruch folgt, der oft erst in der letzten Zeile zur Pointe führt.

Manchmal hat die arme Maus
keinen Krümel Brot im Haus.
Dann muss die Maus stattdessen
ein Stückchen Kuchen fressen.

Wittkamp rückt kleine Weisheiten in die Nähe ewiger Wahrheiten. Seine poetischen Miniaturen schärfen mit viel Sinn für menschliche Eigenarten den Blick der jüngsten, jungen, junggebliebenen und auch der alten Leser.

13. July 2009

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