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Martine Murray

von bardola

Als ich noch ganz klein war, legte ich mich oft aufs Sofa und breitete meine Haare aus, wie Dornröschen es getan hätte. Ich schloss die Augen und lächelte das Lächeln eines Engels, der zufällig auf einem Sofa eingeschlafen ist. Ich wartete mit meinen Dornröschenhaaren und meinem Engelslächeln darauf, dass Mum mich suchte. Aber sie suchte mich nie. Sie hat mich nie so gefunden.

Das feuerrote Kleid

Wenig später erklärt ihr Mum, wie man die Nadel auf die richtige Stelle der Schallplatte legt: „Du musst sie ganz vorsichtig absenken, Manon. Verstehst du, wie ein Schmetterling, der auf einem Blütenblatt landet.“ Der Roman Das feurrote Kleid von Martine Murray vibriert von der ersten bis zur letzten Seite vor Empfindsamkeit. Die Nadel hob und senkte sich über den Wellen, ohne dabei aus der Spur zu geraten, genau so, wie ich durch mein Leben gehen wollte.

Die 17-jährige Manon leidet unter ihrer Mutter, einer französischen Schauspielerin, die in einer australischen Kleinstadt ihren Lebenshunger nicht stillen kann und sich ihrem Mann und dem Alltag verweigert; eine Ich-bezogene Mutter, die ihre Tochter kaum wahrnimmt und doch ein Vorbild ist für das verunsicherte Mädchen mit Hinkebein.

Im Verlauf des Romans verschwindet die depressive Mutter mit ihrem Liebhaber. Kurz darauf stirbt Manons Bruder Eddie – er war bislang ihre einzige Orientierungshilfe – bei einem Autounfall. Und Manons Vater hüllt sich noch mehr in Schweigen. Aber da ist noch Manons Nachbar Harry: Er wird Manons erste Liebe. All diese Ereignisse werden in Rückblenden erinnert. Manon eröffnet en passant eine kleine Philosophie des Sehens und des Wartens.

In der Rahmenerzählung verlässt Manon ihr Zuhause, sucht in Mutters rotes Seidenkleid gehüllt die letzten Spuren ihres Bruders und die Freiheit in Melbourne wie in einem Roadmovie, das 24 Stunden dauert, das sie vielleicht eines Tages bis nach Paris führt. Zunächst aber ist es eine Reise zu sich selbst und ins Herz ihrer Welt, in die Herz der Menschen, die für sie in der Kindheit und Jugend bestimmend waren. In Melbourne erfährt Manon von ihrer Großmutter die Wahrheit über die Mutter.

Die Faszination, die von diesem Text ausgeht, liegt weniger im dramatisch-tragischen Geschehen, sondern viel mehr in Murrays Beobachtungsgabe, in ihrem Ausdrucksvermögen, in ihrer metaphernreichen Fantasie, ihrer impulsiv-assoziativen Sprache und darin, dass sie so vieles selbst davon erlebt hat.

Als sie sich das erste Mal eingesteht, wie attraktiv Harry ist, stellt sie fest: Die Art unserer Bekanntschaft hatte sich soeben verändert, so wie eine Jahreszeit langsam davongeht und sich in eine andere verwandelt.

Die raffiniert verschachtelte Erzählweise zwingt einen zum Weiterlesen. Viele psychologisch treffende, manchmal auch drastische Bemerkungen verstärken den nachhaltigen Eindruck, der diese fesselnde Lektüre hinterlässt: Es war Dads sanfte Art, die Mum dazu brachte, ihn so anzuschreien; so wie man bei einem Kopfkissen auch immer den Drang hat draufzuschlagen. Die schönsten Momente dieses klugen Buches sind die Augenblicke reinen Glücks. Martine Murray beschreibt sie so, dass man an sie glaubt und weiß, dass letztlich Liebe der heimliche Sinn des Lebens ist.

Hiermit sei noch eine Anwärterin für den besten Roman-Anfang genannt. Das feuerrote Kleid beginnt so:

Da sind diese Flügel, dort oben im Himmel. Sie weisen nach unten wie ein steifes altes Paar Socken, das man an der Wäscheleine vergessen hat. Mit einer gewissen dramatischen Veranlagung könnte man meinen, ein vorbeikommender Engel hätte über Blackjack Road Halt gemacht und sich dann vor Verzweiflung die Flügel ausgerissen, um sie als Warnzeichen am Himmel hängen zu lassen.

Und weil selten Romane so schön enden wie dieser, sei auch der Schluss zitiert:

Vor den Fenstern hängen lange purpurrote Vorhänge, die sich aufplustern wie Ballkleider. Ich tanze Walzer mit Harry. Wir bewegen uns wie Könige. Nein, wir bewegen uns wie Engel. Es ist ganz einfach. Wir tanzen im Raum umher. Es gibt keine Möbel, an die wir stoßen könnten, und keiner schaut uns zu. Meine Füße sind in der Luft. Der Himmel strömt herein. Ich schließe die Augen. Ich spüre, wie seine Stimme meine Wange berührt. Langsam, sagt seine Stimme. Ganz langsam. Ich öffne die Augen und lächele und tanze langsamer und immer langsamer.

Weil das der zweite Roman dieser wunderbaren Erzählerin ist, sei hier auch auf ihr nicht minder schönes Debüt Meine nicht ganz wahre Geschichte hingewiesen: Hier hält sich die dreizehnjährige Ich-Erzählerin Cedar für eine Nervensäge und für nicht besonders hübsch. Dafür kann sie aber herzlich über sich lachen, kann köstlich frech philosophieren und ist eine ausgezeichnete Turnerin. Als sie am Rande des Football-Platzes Stangenpositionen übt, lernt sie den Artistensohn Kite kennen, ein ungewöhnlicher Junge, der gerne ein Vogelmensch wäre und einen Zirkus gründen möchte. Gemeinsam üben sie bald regelmäßig Zweierfiguren, beispielsweise den Helikopter, der sprachlich von Murray so wunderbar geschildert wird, dass einem dabei schon vom Lesen schwindlig wird.

Cedar und Kite verbindet nicht nur die Leidenschaft für akrobatische Kunststücke, sondern auch eine anrührende Nachdenklichkeit: Cedar wächst ohne Vater auf, ihr älterer Bruder Barnaby ist im Streit von Zuhause abgehauen, und Kite wurde von seiner Mutter verlassen, nachdem sein Vater einen Unfall hatte. Mit Witz, großer Sensibilität und Bescheidenheit (ich mit meiner vorgetäuschten Neunmalklugheit) ist Cedar auf der Suche nach freundlichen, mitfühlenden Menschen, nach der Wahrheit über den Tod ihres Vaters und über die Gründe für das Verschwinden Barnabys. Murray erzählt auch hier in einer klugen Jugendsprache. Über allem liegt ein heiterer Ton.

Martine Murray
  Martine Murray

Martine Murray studierte Jura, Malerei und Tanz, bevor sie infolge eines Unfalls mit dem Schreiben von Jugendbüchern begann. Sie lebt in Melbourne, Australien, wo sie hoffentlich viele weitere Romane schreiben wird. Übrigens sind auch ihre Texte und Bilder für die Kleinsten empfehlenswert, wie in Henrietta.

Die Ich-Erzählerin Henrietta zieht vom ersten Satz an ihre Leser in ihre Geschichte mit hinein und lässt sie kaum noch durchatmen, denn sie möchte am liebsten immer drei Gedanken gleichzeitig aussprechen. Von ihrem Kosenamen, Henri, zu ihrem Feind und Verehrer Bartley, von ihrem Talent als Hüpftänzerin zu ihrem Charakter (manchmal bin ich lustig, und manchmal bin ich nervig). Ja, Henrietta ist frech: Das darfst du nicht vergessen, denn vielleicht willst du ja, wenn ich mal Königin bin, in meinem Königreich ein Plätzchen an der Sonne …, spricht sie ihre Leser schon auf der zweiten Seite an, weil sie ja bald Königin sein wird.

Martine Murray braucht nur wenige Striche und viel rote Farbe, um aus ihrer kleinen Henrietta einen unverwechselbaren Charakter zu zaubern. Mimik und Gestik wechseln rasch und eindrücklich von verschmitzt und jubelnd über nachdenklich und erstaunt bis siegesgewiss und triumphierend. Herausragend ist auch das Layout, das auf jeder neuen Doppelseite die Leser mit neuer und einfallsreicher Raumaufteilung überrascht und gleichzeitig intensiv mit dem Schriftbild arbeitet, das manchmal kreuz und quer und um die Ecke geht und der wilden Henrietta alle Ehre erweist.

15. June 2009

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1 Kommentar

  1. Klara schrieb am November 23, 2009:

    VOLL COOL
    ein buch hab ich schon glesen !!!


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