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Die schönen Seiten der Globalisierung

von konecny
Wurstsalat
  Foto: Reinhard Heßlöhl

Gott ist allmächtig und allwissend und somit wusste er, wozu der Mensch evolvieren würde: Zum globalisierten Vegetarier! Um das ökologische Gleichgewicht zwischen Pflanze und Tier, zwischen Beute und Jäger, auf Erden zu halten, hat sich Gott etwas ganz Ausgefallenes ausgedacht: Wurstsalat! Immer, wenn ich Vegetarier werden will, denke ich nur kurz daran, auf Wurstsalat verzichten zu müssen und bekomme Panik! Ein Wurstsalatschmaus ist das Körper-und-Geist-Erlebnis schlechthin – die Wurstwellness!

Reinhard von der Brücke/Most-Stiftung in Freiburg ist ein Mensch von einem Mann, ein Badener von einem Mensch und ein Wurstsalatkenner vor Gott. Dies lässt schon seine imposante Statur erahnen. Bei den diesjährigen Tschechischen Kulturtagen in Freiburg holten er und die grandiose badische Lehrerin Judith mich am Bahnhof ab. Gleich auf dem Bahnsteig gab Reinhard unseren Gesprächen in Freiburg eine politische Richtung: „Der Wurschtsalat ischt das letzte Bollwerk gegen die Auswüchse der Globalisierung“, sagte er in seinem schönen Badisch.

„Der bayerische Wurschtsalat?“, fragte ich. Bin zwar ursprünglich Tscheche, aber hab mittlerweile mehr Jahre in Bayern verbracht als in Tschechien.

„In den bayerischen Wurschtsalat schneidet man Regenschburger in Scheiben rein!“, sagte Reinhard. „In einem guten Wurschtsalat muss die Wurscht aber fein geschnitten sein! Damit sie eine sehr große Oberfläche bekommt und möglichst viel Sud ansammeln kann! Der Sud ischt das Fruchtwasser, in dem die Wurscht gedeiht!“

Judith lachte und reichte mir den Schlüssel von ihrer Wohnung. „Auf dem Tisch in der Küche findet ihr eine Schüssel Wurschtsalat, ihr Wurschtexschperten!“, sagte sie.

„Wollen wir morgen Abend zusammen den Pepa Pop vom Zug abholen?“, fragte Reinhard unterwegs zu Judiths Wohnung. „Er bringt sicher Pilsner Urquell mit!“ Pepa Pop spielt tschechische Heavy-Metal-Polka. Volksmusik auf die AC/DC-Art.

„Bier ist unser tschechischer Beitrag zur Globalisierung!“, sagte ich.
„Bier und Wurschtsalat gehören zusammen“, sagte Reinhard.

„Der bayerische Liedermacher Tiger Willi ist in einem seiner Songs in der Nacht unterwegs“, sagte ich. „er wird plötzlich von einem solchen ‚Gluscht’ überwältigt, dass er an eine Haustür klopfen muss, wo ein paar Frauen wohnen. Auf macht ihm eine heiße Tante im Negligé. Sie lächelt ihn an und fragt ihn, worauf er jetzt Lust hätte, und er singt, ‚Mach mir ’nen Wurschtsalat, gib mir a Coca Cola…’!“

„Der versteht was von Frauen!“, sagte Reinhard. „Nur das Coca Cola zeigt, dass die Bayern den Kampf gegen die Schattenseiten der Globalisierung schon verloren haben. Letzte Woche hab ich hier in einem Restaurant einen Elsässer Wurschtsalat bestellt. Der ist mit Käse. Statt Emmentaler hat der Koch aber Butterkäse reingetan und Olivenöl! Ein Wurschtsalat mit Olivenölgeschmack! Der Koch kam aus Marokko!“

Doch auch in der Wohnung der waschechten Badnerin Judith erwartete uns ein Kulturschock. „Was ischt das?“, fragte Reinhard fassungslos und zeigte mit der Gabel auf schwarze Früchte in Judiths Wurstsalat.

„Die Globalisierung!“, sagte ich.

„Was?“

„Oliven!“, sagte ich.

„Oliven in einem badischen Wurschtsalat?“, sagte Reinhard. „Ja, wo sind wir denn? In der Toscana?“

Am nächsten Tag trafen wir uns vor einem Restaurant mit badischer Küche namens Mamas Krapfen. Ein etwas zu erotischer Name für einen Wurstsalattempel. Auch innen kam mir der Laden komisch vor: Überall Weingläser und andere schwule Utensilien. Die meisten Gäste hatten Teller vor sich stehen, die dank ihres Inhalts wie Pflanzentöpfe ausschauten. Wir bestellten Elsässer Wurstsalat, den mit dem Käse, der in München als Schweizer Wurstsalat bekannt ist. Kurz darauf stellte die Kellnerin zwei große Teller vor uns ab. Auf jedem lag ein Haufen Bratkartoffeln, ein Haufen geriebene Karotten, ein Haufen Kraut, Salatblätter, Tomaten und ganz am Rande des Tellers ein elendes Häufchen geriebener Käse. „Wir haben Wurstsalat bestellt!“, sagte ich zu der Frau.

„Hier ischt der Wurschtsalat!“, sagte die Hübsche.

„Wo?“, fragte ich.

„Na, hier!“, sagte sie, packte meine Gabel und hob die paar mickrigen Käsestreifen an. Und tatsächlich: Unter diesem peinlichen Häufchen versteckten sich noch ein paar Streifen Wurst!“

„Das ischt der so genannte vegetarische Wurschtsalat!“, sagte Reinhard.

Eine Stunde später warteten wir am Bahnhof auf Pepa Pop. Arg hungrig! „Wollen wir was essen gehen?“, fragte ich Pepa gleich nach seiner Ankunft. „Mein Bauch besteht nur aus Hohlräumen, durch die mächtige Winde wehen! Das kommt von dem vegetarischen Wurschtsalat!“

„Ich hab was für euch!“, sagte Pepa. Gleich an der Hotelrezeption machte er seinen großen Koffer auf. In jedes Kleidungsstück war ein Bier eingewickelt. Eine Flasche steckte in einem BH. Die französische Politikstudentin an der Rezeption guckte Pepa interessiert zu. „Der BH gehört meiner Freundin!“, sagte Pepa ihr zutraulich. „Polstert recht gut!“

„Ich brauche keine Polsterung!“, sagte die kleine Französin und streckte uns ihre brisanten Brüste entgegen.

„Kannst du das Bier kurz in die Gefrierbox stecken?“, fragte Pepa sie. „Und ein paar Teller auftreiben?“ Im Zimmer holte Pepa aus seinem Koffer ein verschlossenes Fünflitergurkenglas.

„Und was ist das?“, fragte Reinhard.

„Utopence!“, sagte ich. „Auf Deutsch ‚die Ertränkten’ oder ‚die Geschlitzten’!“

Die hübsche Französin tauchte mit vier Tellern auf. Pepa holte aus dem Glas große aufgeschlitzte Würste heraus, die schön mit Zwiebelringen gestopft waren.

„Na, das ischt Wurschtsalat am Stück!“, sagte Reinhard. „Leider bleib an einer so kleinen Oberfläche nicht so viel Sud hängen!“

„Die liegen zwei Wochen eingelegt“, sagte Pepa. „Die bestehen nur aus Sud!“

„Grob aber gut!“, sagte Reinhard beim Essen und klärte die französische Politikstudentin über die verschiedenen Wurstsalatsorten auf. „Ich könnte über die geographischen Unterschiede in der Beschaffenheit von Wurstsalat eine Magisterarbeit schreiben!“, sagte die Französin. „Je entwickelter die Demokratie, umso feiner der Wurstsalat. Die Ost-West-Verfeinerungsachse: Tschechien – Wurstsalat am Stück, weiter westlich Bayern – Wurstsalat in Scheiben, weiter westlich Baden – Wurstsalat in schmalen Streifen. Und noch weiter westlich, bei uns in Frankreisch, machen wir aus Wurst Pastete!“

„Alles klar!“, sagte der alte Rocker Pepa Pop. „Je westlicher, umso schwuler!“

„Zur Strafe spielst du auf deiner Gitarre ein paar Chansons!“, sagte die Französin.

„Ich spiele nur Heavy-Metal-Polka!“, sagte Pepa. „Die Tschechen mögen’s halt grob!“

So hockten eine Französin, ein Badener, ein Tscheche und ein Berufstscheche in Baden bei tschechischem Bier und tschechischem Wurstsalat am Stück und ließen sich von Hard-Core-Tschechenpolka berieseln. „Die Globalisierung hat eben auch ihre schönen Seiten!“, sagte Reinhard und lächelte glücklich. Und darauf stießen wir an!

2. June 2009

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5 Kommentare

  1. Martini schrieb am June 2, 2009:

    Jaromir, warst Du noch nie in Sachsen? Die kennen sowas auch, sogar ganz verschiedene Sorten.
    und Kartoffelsalat, auch in verschiedenen Sorten.

    Ich glaub, da mußt Du noch ne Menge nachholen…
    Grüßle
    M.

  2. Uwe schrieb am June 4, 2009:

    @Martini: Jaromir war schon des öfteren in Sachsen und hier gibts mehr als Wurst- und Kartoffelsalat.

    zur Geschichte: Wurstsalat ist wie Lokalpolitik: jeder hat sein Geheimrezept, schlägt beim Hören anderer Rezepte die Hände über dem Kopf zusammen und zum Schluss kommt doch immer das gleiche raus.

  3. Jaromir Konecny schrieb am June 5, 2009:

    Hallo Martini,

    Sachsen ist durch die vielen Freunde dort nahezu meine dritte Heimat – selbstverständlich weiß ich auch die Vorzüge der sächsischen Küche aber vor allem Kultur zu schätzen – Karl May bleibt zum Beispiel für immer mein Held, der mich durch seine Biographie oft zum Lachen brachte. Was den Wurstsalat angeht, wollte ich mich in der Geschichte jedoch auf die alliterative Wurstsalatachse Böhmen – Bayern – Baden beschränken.

    Liebe Grüße – derzeit aus Mähren

    Jaromir

  4. Martini schrieb am June 7, 2009:

    Joah, ich komm aus der Karl-May-Stadt…
    und bin über das Vogtland (auch eine sehr interessante Küche dort) und das Badische nun zur Cuisine Francaise weitergewandert…

    also…
    Bon appetit…
    😉

  5. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am April 13, 2010:

    […] Urbane Legenden Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben Der Mensch und die Wunder der Technik Die schönen Seiten der Globalisierung Omas Han am Tag der Arbeit Männer auf der Kirmes Eine Frau mit Buch Mein Irrglaube an den […]


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