ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Cecily von Ziegesar: Gossip Girl

von bardola

An keiner anderen Gattung lassen sich Tradition und Veränderung im Buchmarkt besser erkennen als am Jugendbuch. Jung sollen sie sein: die Autoren, die Lektoren und die Übersetzer, um möglichst nah dran an der Zielgruppe 14+ zu sein. Und die ergrauten Kritiker? Sie wundern sich über TV-Serien, die auf Büchern basieren, aktuell über Gossip Girl auf ProSieben. Sie nehmen skeptisch das gleichnamige Buch in die Hand – „Soap!“, schreit aus von den Umschlagtexten –, klappen es auf und lesen das Motto: „‚I’m your Venus, I’m your fire. At your desire.’ Bananarama, Venus.”

Bananarama? 1969 tanzte die damalige Zielgruppe 14+ zur selben Melodie und den selben Worten, getextet von Robby VanLeeuwen. Die Band hieß nicht Bananarama sondern Shocking Blue, stammte aus den Niederlanden und der tiefe Ausschnitt der Sängerin Mariska Veres auf dem Cover der 45er-Single ist unvergesslich. Die Mädchen waren damals auch sexy, die Jungs scharf und die Musik offenbar grundsätzlich die selbe. Und doch hat sich seither einiges verändert – vielleicht weniger im Lebensgefühl der Teenager als vielmehr auf dem Buchmarkt.

Zum Beispiel, was das Copyright für Texte betrifft. Die Autorin Cecily von Ziegesar (ob das nicht ein Pseudonym ist?) taucht bei den Angaben zum Urheberrecht von Gossip Girl nirgends auf. Stattdessen heißt es: „© 2002 für den Originaltext 17th Street Productions“. Das hätte es früher nicht gegeben. Ein Buch von der Stange? Ein Buch, das produziert und nicht von einer inspirierten Autorin geschrieben wurde? Womöglich ein gecovertes, ein abgekupfertes, ein bananaramiges Buch – zumal in US-Rezensionen von „Sex and the City für Teenager“ die Rede ist? Gibt es diese Cecily von Ziegesar? Das Gossip Girl ist seit seinem Erscheinen 2003 Kult. Ich wollte den Ursachen auf den Grund gehen und habe mit der Autorin und ihrer deutschen Lektorin gesprochen.

New York, Upper East Side, Madison Avenue, Sarabeth’s Café. Um die Ecke befindet sich das Metropolitan Museum of Art, einer der Hauptschauplätze von Gossip Girl, und einen Block weiter The Corner Bookstore, der anlässlich des Erscheinens des zweiten Bandes der Reihe eine Party organisierte – eine der schönsten Buchhandlungen der Stadt. Die gebürtige New Yorkerin Cecily von Ziegesar, Jahrgang 71, sitzt in einem himmelblauen, ziemlich engen und kurzen Lacoste-Einteiler an einem Ecktisch, entrollt ein Plakat, worauf der Stammbaum der Familie von Ziegesar bis ins 16. Jahrhundert eingezeichnet ist (ihr Vater Franz von Ziegesar kam mit elf Jahren in die USA, wurde mit 15 Jahren eingebürgert und lebt heute noch in der Nähe von New York), schiebt eine Familienchronik hinterher und erzählt fast etwas verlegen von ihren Vorfahren in Deutschland. Der Höhepunkt: die Affäre zwischen dem 59-jährigen Wolfgang von Goethe mit Cecilys damals 23-jähriger Vorfahrin Silvie von Ziegesar. In Deutschland ist die Beziehung gut dokumentiert, in den USA hat Cecilys Vater 1948 in seiner Diplomarbeit an der Yale University Goethes Briefe und Gedichte an Silvie ausführlich zitiert und interpretiert. Von Ziegesars Stammbaum ist also astrein und fast eine Spur zu nobel für das Gossip Girl. Ihr Vater und ihre Mutter haben allerdings je drei verschiedene Partner geheiratet. Cecily von Ziegesar ist das einzige Kind aus der gemeinsamen Ehe, die für beide Elternteile die zweite war. Cecily hat drei Stiefbrüder (einer davon ist Schriftsteller) und zwei Stiefschwestern, die alle in den USA leben und älter sind als sie.

„Lästern ist geil. Lästern ist gut. Es lästert nicht jeder, aber cool ist, wer’s tut“, lautet das Motto auf der Website www.gossipgirl.de, wo eine Menge los ist. Das Gossip-Forum ist bestes Beispiel dafür, wie eine Buchserie im Internet begleitet werden kann, um ihren Kultstatus zu verstärken. Auffallend sind hier die Synergieeffekte und Interaktionen von Buch und Internet: Cecily von Ziegesar hat in ihren Büchern das Gossip Girl erschaffen, jene anonyme Tratschtante, die ein szeniges Online-Informationsportal für Teenager betreibt, die sich über die neuesten „Wer mit wem“- oder auch „Wer kauft wo“-Gerüchte auslassen wollen. Dieses Portal gibt es nun auch im realen Internet.
Zentrales Thema der gerade bei Band zwölf angekommenen Serie: Tratsch und Klatsch.

Willkommen in New York City, genauer gesagt auf der Upper East Side, wo meine Freunde und ich wohnen, zur Schule gehen, Spaß haben und schlafen – manchmal auch miteinander. Wir leben in riesigen Apartments…

Sex, Alkohol, Marihuana, Markenklamotten – Schule, Liebe, Eifer- und Magersucht. Kurze Kapitel, schnelle Szenenwechsel und ausgefallene Lebenslagen. Cecily von Ziegesar porträtiert die Freuden, Leiden und Sorgen der New Yorker Wohlstands-Teenager. Die meisten sind 17 Jahre alt. Die jüngste, Jenny, ist 14 und ideale Identifikationsfigur für viele Leserinnen, da sie kein Luxuskind ist, sondern aus normalen Verhältnissen stammt:

Jenny wünschte, sie wäre eines dieser Mädchen, die sich darüber aufregen konnten, mit ihrer Mutter shoppen gehen zu müssen. Sie wünschte, sie wäre eines dieser Mädchen, die ein wunderschönes Kleid als hässlich bezeichnen konnten. Aber leider war sie das nicht.

Jenny will um jeden Preis zur Party-Clique gehören. Bei einem der ersten Treffen (am Ende des ersten Bandes) wird sie auf der Damentoilette beinahe vergewaltigt. Die Serie erscheint in England beim Verlag Bloomsbury, der den Sticker „Adult Content“ auf jeden Umschlag klebt. „Wir haben uns das ebenfalls kurz überlegt“, erklärt Kirsten Gotthold. „Aber erstens gibt es viele deutsche Jugendbücher, die Wortwahl und Plot betreffend viel gewagter sind und zweitens sind solche Hinweise auf dem deutschen Buchmarkt nicht üblich.“ Auch Cecily von Ziegesar sieht kein Skandal-Potential in ihren Büchern. Tatsächlich ist Gossip Girl relativ harmlos. Es wird viel über Sex gesprochen, aber er wird kaum vollzogen. Und es werden ausschließlich weiche Drogen konsumiert.

Cecily von Ziegesar hat Creative Writing studiert, bei verschiedenen Verlagen gearbeitet und war zuletzt bei 17th Street Productions angestellt, einer Firma, deren Struktur irgendwann auch in Deutschland Schule machen könnte. Rund ein Dutzend Mitarbeiter konzipiert bei 17th Street Productions Buch-Ideen, die mit zunehmendem Erfolg nicht nur in den USA von den verschiedensten Verlagen realisiert werden, sondern danach auch weltweit erscheinen. Gossip Girl erscheint u.a. in Brasilien, Estland, Finnland, Italien, Japan, den Niederlanden und Thailand. Weitere Länder folgen im Zusammenhang mit der Serie, die in Deutschland derzeit bei ProSieben zu sehen ist.

Ich will von Cecily wissen, wie alles begann: „Die Idee entstand bei einem unserer Brainstormings. Jemand erwähnte das Stichwort ‚Gossip Girl’. Ich mochte die Vorstellung eines Romans, in dem Klatsch und Tratsch wichtig sind, und erzählte in der Runde von meinen Erfahrungen als Teenager“, erinnert sich Cecily von Ziegesar. Sie entwickelte die Idee weiter, skizzierte Ereignisse, die sich im Wesentlichen zwischen vier Freundinnen abspielen, und führte die Figur der großen Unbekannten ein, die auf ihrer Homepage die Gerüchteküche brodeln lässt. Als Schauplatz wählte sie die Gegend von New York, die sie selbst am besten kannte. Und weil die Ideen bei ihr nur so sprudelten, schlugen die anderen dann vor, sie solle den Roman doch selbst schreiben. Und obwohl von Ziegesar zuvor schon mehrfach vergeblich versucht hatte, Geschichten zu veröffentlichen, tat sie das. Gossip Girl ist ihr Romandebüt und hat sie in den USA zum Shooting Star werden lassen. Der dritte Band der Reihe stand vier Wochen lang auf der Bestseller-Liste der New York Times und dementsprechend in den Schaufenstern fast aller Buchhandlungen New Yorks. Seither ist der Bekanntheitsgrad und das Suchtpotenzial von Gossip Girl im Steigen begriffen. Zudem nun nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland (bei Heyne) eine Ausgabe für Erwachsene mit anderen Umschlägen erscheint, da man festgestellt hat, dass nicht nur Teenager die Qualitäten von Gossip Girl zu schätzen wissen.

„Es gab zu Beginn kein vergleichbares Produkt für Jugendliche bei anderen Verlagen“, meint Kirsten Gotthold. Gossip Girl sei sehr realitätsnah. Man könne es als reines Lesefutter konsumieren, das aber bei den Jugendlichen Denkprozesse in Gang setze. Und Cecily könne hervorragend schreiben, provoziere einen Lesesog, vermeide jegliche Redundanzen und es bleibe auch bei den Folgebänden bei dieser Qualität.

Doch worin liegt die Qualität? Was zeichnet Gossip Girl vor allen anderen Teenager-Soaps aus? Im Gespräch mit Cecily von Ziegesar wird deutlich, was man beim Lesen eher unbewusst als angenehm und fesselnd empfunden hat: Gossip Girl ist nicht am Reißbrett entworfen, sondern von der Autorin „erfühlt“. Die schmerzhafte Rückkehr Serenas nach einem Jahr Abwesenheit in die alte Klasse etwa hat Cecily von Ziegesar so ähnlich selbst erlebt, als sie mit ihren Eltern New York für ein wunderbares Jahr in Rom verließ. Von Ziegesar hat ihren Figuren Facetten ihrer eigenen Identität verliehen. Sie selbst stammt aus gutem Haus, aber ihre rebellische Jugend ist ständig präsent.

Herausragend ist Gossip Girl auch wegen seiner Erzählstruktur: Die Betreiberin der Website (oder ist es am Ende sogar ein Betreiber, ein „er“? – Cecily von Ziegesar lüftet das Geheimnis sehr spät!) fungiert als moderner auktorialer Erzähler. Goethe hätte seine Freude daran.

Für Kirsten Gotthold besteht einer der wichtigsten innovativen Aspekte von Gossip Girl darin, dass die Probleme Jugendlicher schonungs- und kommentarlos gezeigt werden (wie zum Beispiel an der Figur des Mädchens Blair, das sich die Seele aus dem Leib kotzt, um schlank zu bleiben, oder seine beste Freundin Serena mobbt, um selbst im Mittelpunkt zu stehen). „Durch diese Darstellung machen sich Jugendliche eher Gedanken über ihre Lebenshaltung als bei der Lektüre des typischen und guten Problem-Jugendbuchs, das einen Lebensentwurf und Orientierung vorzeigt. Aber das ist nicht mehr das aktuelle, das zeitgemäße Jugendbuch“, erklärt Gotthold. Sie freut sich, dass von Ziegesar die Wirklichkeit so abbildet, wie sie ist, dass Mädchen hungern und sich den Finger in den Hals stecken, um schlank zu bleiben, dass sie Prada oder Gucci tragen und sexy sein wollen. Das müsse man an den Figuren zeigen. Weder von Ziegesar noch sie wollten damit das Marken-Denken befördern. Vielmehr könnten sich die Leser durch die wertfreie Schilderung ihre eigene Meinung bilden.

11. May 2009

Stichwörter:

, , ,

6 Kommentare

  1. Thomas Paulitz schrieb am May 12, 2009:

    “…Das Gossip Girl ist seit seinem Erscheinen 2003 Kult….”

    Ein sehr “passendes” Thema für ein Antiquariats-Blog

  2. Nicola Bardola schrieb am May 13, 2009:

    Lieber Herr Paulitz,
    zugegeben, das Gossip Girl ist noch jung. Doch in der schnellebigen Gegenwart ist oft schon kult, was kurz zuvor noch neu war. Und viele Antiquare bieten Cecily von Ziegesars Bücher gerne an. Ob mehr als eine halbe Dekade ein kurzer oder ein langer Zeitraum auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt ist, beurteilen Autoren, Verleger, Händler oder Leser je nach Alter und Perspektive verschieden. Mit besten Grüßen, Nicola Bardola

  3. Thomas Paulitz schrieb am May 13, 2009:

    Liebe Frau Bardola,

    natürlich möchten Sie Ihren Beitrag verteidigen. Aber ich möchte gar nicht mit Ihnen streiten. Ihr Beitrag ist doch nur ein weiteres Beispiel dafür, dass offensichtlich die Bedeutungen der Begriffe “Antiquariat” und “antiquarisches Buch” verloren gegangen sind. Insbesondere auch in Tutzing scheint man sich daran nicht mehr so recht zu erinnern.
    Und dieser Verlust schadet der ganzen Branche, den Büchersammlern und den Bücherfreunden. Heute und in Zukunft.
    Beste Grüße
    Thomas Paulitz

  4. Cecily von Ziegesar: Gossip Girl 2 « LeseLustFrust schrieb am July 7, 2009:

    […] – deutsche Website Gossipgirl – englische Website ZVABlog Mädchen dooyoo […]

  5. Krassus schrieb am November 29, 2009:

    Krassus schreibt am 29.November 2009:

    Lieber Herr Paulitz,

    Frau Bardola ist ein Mann und in der Bücherbranche kein ganz unbekannter.Eines seiner hervorragenden Bücher (Schlemm) habe ich neulich gekauft- in einem ANTIQUARIAT !

    Liebe Grüsse Krassus

  6. julia a. osterburg schrieb am April 23, 2012:

    Liebe Kirsten Gotthold,mein Kompliment,siehst noch immer gut aus und hast einen tollen Beruf.Ich sehe Dich noch manchmal so vor mir wie ( in Jugendjahren) zu,“Eisbahn-Liebiggrundschule-Leibniz Gymnasium-Oma Rock-Cafe Creme Zeiten.Ha Ha Ha.Freut mich das es Dir gut geht,wirklich schön.Tschüß,Julia.


RSS-Feed für Kommentare dieses Beitrags.

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>