ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Zur ZVAB Startseite

Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher

ZVABlog durchsuchen

  • Lutz: Ich habe das jetzt mit 3 Bänden eines alten Konversationslexikons versucht. Da hatten die Einbände sehr alte...
  • Björn: Guten Tag, Gibt es eigentlich auch Antiquariate, die auf Bücher spezialisiert sind die sich in keinem Register...
  • Georg Igl: Hallo, ja das sind gute Tips. Bei Katzenstreu würde ich welches aus reinem Bentonit empfehlen. Das ist...
  • Rannug: Das ist wirklich ein sehr guter Artikel und eine wirklich gute “Zustandsbeschreibung 221; dieser...
  • Annemarie Post-Martens: Hallo, Ihr Lieben, sehe dies erst jetzt… Schickeles besondere Art zu schreiben, hatte...

Omas Hahn am Tag der Arbeit

von konecny
Hahn - Bild von 3268zauber

Auch im Urlaub auf einem Dorf in Mähren musst du erfahren, dass wir längst unsere alte Welt für die neue, virtuelle ausgetauscht haben. „Unser dreijähriger Sohn Adam, das Stadtkind, flitzte aus dem Hühnerstall, hielt ein Ei hoch und brüllte: „Papa, die Eier macht man nicht in der Fabrik!“
„Nein!“, sagte ich. „Die werden von den Hennen gelegt!“
„Von der da?“, fragte Adam und zeigte auf den Hahn, der auf dem Misthaufen herumstolzierte.
„Nein! Das ist der Hahn! Der legt keine Eier!“
„Und was macht der Hahn?“, fragte Adam. Tja! Was macht eigentlich der Hahn? Ich ging in die Felder hinter den Häusern, kletterte auf einen Strohschober und dachte an die alten Zeiten im sozialistischen Mähren. Als noch allen Kindern auf der Welt klar war, wozu der Hahn gut sei.

Omas Hahn war ein Prachtexemplar der Gattung Mann. Wenn seine zwanzig Hennen müde waren, poppte er die Enten. Vor allem stand er aber auf blonde Hennen. Wegen einer Blonden würde Omas Hahn über einen zwei Meter hohen Zaun klettern. Deswegen durften Omas Hennen alle möglichen Farben tragen nur nicht weiß. „Ein guter Hahn kräht überall!“, sagte Oma. Und so bestieg Omas Hahn alles! Einmal sogar einen Schäferhund, der in unserem Hof Beute machen wollte. Omas Hahn sprang dem Schäferhund auf den Rücken und wollte loslegen. Die Hundebestie bellte beschämt und lief davon.

Am 1. Mai, am Tag der Arbeit, wachten wir Kinder statt in Mähren im roten Himmel der Kommunisten auf, in einer Galaxis aus fünfzackigen Sternen. Hammer und Sichel überall, große Poster mit Marx-, Engels- und Leninporträts, rote Nelken in Knopflöchern der billigen Festanzüge: der Tag der Arbeit als Fest der Phrasen, Parolen und Spruchbänder: Mit der sozialistischen Arbeit in die strahlende Zukunft.

Meine Oma war zu alt, um an dem feierlichen Umzug teilnehmen zu müssen, ich zu jung. Mit anderen Rentnern und Kindern winkten wir mit unseren bunten Winkelementen den vorbeiziehenden Helden der Arbeit zu. Nur ein Stück weiter, auf der Tribüne, winkten die Parteibonzen im Roboterrhythmus der Revolutionsmärsche. Gleich würden sie ihre Arbeitsfestreden schwingen. „Keiner von denen hat je gearbeitet!“, sagte Oma zu einer Nachbarin.

Als letzter Teil des Umzugs tauchte ein allegorischer Wagen unserer Kolchose auf. Drum herum alle Genossenschaftsbauern in gebügelter Arbeitskleidung. Mit einer Gipskuh auf dem Wagen, großen Milchkannen und ein paar Strohballen, auf deren Gipfel in einem großen Korb eine lebendige Henne hockte. Weiß strahlend wie die Friedenstauben, die jedes sozialistische Fest schmückten, ein Prachtstück einer Henne, eine Hennenfunktionärin!

Hinter unserem Rücken krähte es plötzlich, ich drehte mich um und sah, wie Omas Hahn versuchte, über den Hofzaun zu klettern. Auch Oma warf einen Blick hin, drückte mir aber nur die Hand und guckte wieder dem Umzug zu, der vor der Tribüne zum Stehen kam. Und dort holte Omas Hahn den allegorischen Wagen der Kolchose mit seiner blonden Traumfrau auch ein. Gerade wollte der Vorsitzende der kommunistischen Partei den Redemarathon feierlich eröffnen, als Omas Hahn das Wort übernahm. Er krähte aufgeregt, hüpfte auf den Wagen und die Strohballen, sprang auf die weiße Henne, und schon poppte er sie! Ach, was! Der Hahn rammelte die Henne, das Symbol der sozialistischen Landwirtschaft, bis ihre weißen Federn flogen. Die Blaskapelle hörte auf zu spielen, das arbeitende Volk johlte und spornte Omas Hahn an. Nur die kommunistischen Funktionäre guckten mit versteinerten Mienen zu, wie ein geiler Hahn das Fest der Arbeit zugrunde poppte und ihnen damit einen Spiegel vorhielt. Zum Schluss hüpfte der Hahn von der Henne runter, schmetterte ein siegestrunkenes Kikeriki, und jagte zu Omas Hof, um sich dort ein Schäferstündchen zu gönnen. Durch dieses glorreiche Beispiel angespornt, stürmte das Volk, die Helden der Arbeit, die Dorfkneipen und ließen die verdutzten Bonzen auf der Tribüne allein stehen.

Am nächsten Tag besuchten der Parteivorsitzende und der Direktor der Kolchose meine Oma. „Eine Sabotage war das!“, brüllte der Vorsitzende. Der Hahn müsse geschlachtet oder zumindest für immer eingesperrt werden, damit er sich nicht mehr über unseren Sozialismus lustig machen könne.
„Wenn du den Hahn einsperrst, geht die Sonne doch auf!“, sagte Oma, als könnte sie in die Zukunft blicken, und begleitete die Genossen aus ihrem Hof.

Nun lebe ich im postmodernen Kapitalismus, in München, weit und breit kein Hahn, der den Männern auf den hiesigen Tribünen ihre Eitelkeiten verleiden und sie an ihre wahre Natur erinnern könnte. Sicher passt es den macht- und geldgierigen Säcken, dass wir jetzt Chimären in unseren schönen neuen virtuellen Welten nachjagen, nachdem die Versprechung des Himmels ausgedient hat. Statt sich mit Hühnern aus Fleisch und Blut zu beschäftigen, ballern unsere Kinder virtuelle Hühner ab, die „cosmic chicken invaders“ heißen. Ob uns die „cosmic chicken“ aber den geilen Hahn auf dem stinkenden Misthaufen auf die Dauer zu ersetzen vermögen, wage ich zu bezweifeln.

6. May 2009

Stichwörter:

, , , ,

7 Kommentare

  1. Holger Krull schrieb am May 6, 2009:

    Ich finde diese ewige Kopuliererei in Ihren Geschichtchen etwas anödend. Jedesmal wenn ein neuer Beitrag von Ihnen erscheint lese ich ihn (dauert ja nicht lang) in der Hoffnung Sie möchten sich auf die Qualität der ersten Anekdötchen besonnen haben. Enttäuschung! Seit “Fiffi poppt den Elch” scheinen Sie sich in dieses Tätigkeitswort verliebt zu haben…

  2. Reiner Kümmerlin schrieb am May 7, 2009:

    Die Geschichte ist zum Brüllen! Ich habe selten so gelacht! Weiter solche Geschichten!

  3. Jaromir Konecny schrieb am May 13, 2009:

    Hallo Holger Krull,

    Ihre Behauptung, dass in meinen “Geschichtchen” ewig kopuliert wird, stimmt einfach nicht. Nur in “Fifi poppt den Elch” versucht ein Schoßhund mit einem Stofftier zu “kopulieren”, in “Omas Hahn” “kopuliert” ein Hahn mit einer Henne. Aber auch in diesen zwei Geschichten geht es im Grunde um etwas Anderes (und jeweils Unterschiedliches) als um die Kopulation. In den restlichen zig Geschichten von mir hier im Blog wird nicht kopuliert. Hie und da finden Sie wohl schon eine Anmerkung zur Sexualität, aber was soll’s? Jeder von uns ist durch eine sexuelle Handlung auf die Welt gekommen, und so bleibt die Sexualität für mich auch weiterhin ein wichtiges Thema. Ich gebe aber zu und Ihnen somit recht, dass ich mich nicht nur in das “Tätigkeitswort” verliebt habe, wie Sie schreiben, (na, ja, “poppen” gefällt mir schon viel besser als “kopulieren”), ich mag auch richtigen Sex. Und ich finde ihn nicht schmutzig oder öde, sondern schön. So einfach ist das bei mir.

    Einen schönen Abend wünscht Ihnen

    Jaromir Konecny

  4. Jaromir Konecny schrieb am May 13, 2009:

    Vielen Dank, Reiner Kümmerlin! Dieser Zuspruch freut mich – angesichts des anderen Kommentars – besonders!

    Liebe Grüße – gerade aus Freiburg

    Jaromir Konecny

  5. xuefei schrieb am October 25, 2010:

    schöne Geschichte! Vielen Dank!

  6. Jaromir Konecny schrieb am October 25, 2010:

    Ich danke auch viel! Irgendwie machen solch schönen Worte einem auch einen schönen Tag!
    Liebe Grüße
    Jaromir

  7. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am December 16, 2010:

    […] den bestraft das Leben Der Mensch und die Wunder der Technik Die schönen Seiten der Globalisierung Omas Han am Tag der Arbeit Männer auf der Kirmes Eine Frau mit Buch Mein Irrglaube an den Janoschik Der freie Wille der […]


RSS-Feed für Kommentare dieses Beitrags.

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>