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Wladimir Galaktionowitsch Korolenko – der erste russische Menschenrechtler

von wietek

Ich erinnere mich noch aus der Zeit, wo ich schon ein ziemlich bewusstes geistiges Leben führte, eines bezeichnenden Falls…
Vor das Kreisgericht war der Prozess zwischen einem reichen Gutsbesitzer, Grafen E., und seiner armen Verwandten, wenn ich nicht irre, der Witwe seines Bruders, gekommen. Der Graf war ein großer Herr mit mächtigen Konnexionen, Mitteln und Einflüssen, die er auch rührig ins Werk setzte. Die Witwe verfocht ihren Anspruch kraft des ,Armenrechts’, ohne Stempelgebühren zu zahlen.
Man prophezeite, dass sie verlieren würde, da der Rechtsfall immerhin verwickelt war, von des Grafen Seite aber ein kräftiger Druck auf das Gericht ausgeübt wurde. Vor der Entscheidung sprach der Herr Graf bei uns in eigener Person vor; seine wappengeschmückte Kutsche hielt zwei- oder dreimal vor unserem bescheidenen Häuschen, und sein langbeiniger Heiduck in Livree stelzte vor unserer windschiefen Treppe auf und ab. Die ersten beiden Male beobachtete der Graf eine majestätische und vorsichtige Haltung, und der Vater schob nur kühl und förmlich seine Tastversuche zurück. Beim dritten Besuch jedoch war der Herr wahrscheinlich mit einem direkten Anerbieten herausgerückt. Der Vater brauste plötzlich auf, warf dem hohen Herrn einen unparlamentarischen Ausdruck an den Kopf und klopfte dabei heftig mit dem Stock auf den Boden. Der Graf verließ Vaters Zimmer hochrot vor Wut, Drohungen murmelnd, und bestieg eilig wieder seine Kutsche.
Auch die Witwe war ein paarmal gekommen, wiewohl der Vater diese Besuche nicht sonderlich liebte. Das arme Weib setzte sich in seinen Trauergewändern, mit verweinten Augen, bedrückt und schüchtern zu meiner Mutter, erzählte ihr etwas und weinte. Die Ärmste glaubte, sie müsse dem Richter immer noch etwas auseinandersetzen. Wahrscheinlich waren es bloße Lappalien, denn der Vater winkte mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Redensart ab: ,Ach was! Belehre Kranker den Medikus! Alles wird gemacht, wie das Gesetz es vorschreibt.’
Der Prozess wurde zugunsten der Witwe entschieden, wobei alle Welt wusste, dass dies ausschließlich der Festigkeit meines Vaters zu danken war. Der Senat bestätigte diesmal die Entscheidung unerwartet schnell, und die armselige Witwe war plötzlich eine der reichsten Gutsbesitzerinnen des Kreises, wenn nicht gar des Gouvernements geworden.
Als sie wieder vor unserem Hause, diesmal in eigener Kalesche, erschien, war die frühere kümmerliche Bittstellerin kaum zu erkennen. Ihre Trauer war zu Ende, sie schien beinahe verjüngt und strahlte vor Glück. Der Vater nahm sie sehr freundlich mit jenem Wohlwollen auf, das wir Leuten gegenüber zu fühlen pflegen, die uns stark verpflichtet sind. Als sie aber ein Gespräch »unter vier Augen« erbeten hatte, trat sie bald aus Vaters Zimmer mit gerötetem Gesicht und verweinten Augen. Die gute Frau wusste, dass die Wendung in ihrem Schicksal gänzlich an der Festigkeit, man kann beinahe sagen an dem Heroismus dieses schlichten lahmen Mannes gehangen hatte. Und nun durfte sie ihm nicht einmal irgendwie ihre Erkenntlichkeit zeigen.
Sie war bekümmert, ja gekränkt. Am Tag darauf kam sie wieder, als mein Vater im Dienst, die Mutter aber zufällig fortgegangen war, und schleppte einen Haufen verschiedener Stoffe und Waren her, die sie auf allen Möbeln in unserem Wohnzimmer aufstapelte. Unter anderm rief sie mein Schwesterchen heran und gab ihm eine riesige herrlich gekleidete Puppe mit blauen Augen, die sich schlossen, wenn man die Puppe schlafen legte. Die Mutter kriegte keinen geringen Schreck, als sie der Bescherung ansichtig wurde. Als aber der Vater vom Dienst kam, brach in unserer kleinen Wohnung eines der heftigsten Gewitter los, deren ich mich entsinnen kann. Er erging sich in Schimpfworten über die Witwe, überhäufte die Mutter mit Vorwürfen und gab nicht eher Ruhe, bis ein Handwägelchen vor der Treppe erschien, auf das sämtliche Geschenke aufgeladen und zurückgeschickt wurden.
Dabei stellte sich jedoch eine unerwartete Schwierigkeit heraus: Als die Reihe an die Puppe kam, legte mein Schwesterchen entschiedenen Protest ein, und dieser Protest nahm so dramatische Formen an, dass Vater nach einigen Versuchen, wiewohl mit großer Unzufriedenheit, nachgab.
‚Durch euch bin ich also doch ein käuflicher Kerl geworden’, brummte er ärgerlich und verschwand in seinem Zimmer.
Solches Gebaren wurde damals allgemein für zwecklose Marotte angesehen.

An anderer Stelle schrieb Wladimir Galaktionowitsch Korolenko über die Zustände, die am Gericht im ukrainischen Rowno herrschten (wohin sein Vater 1866 versetzt wurde):

Die Bestechlichkeit blühte. Wir wussten, auf welche Weise sich die verschiedenen Mitglieder des Gerichts bestechen ließen. Der eine hielt die hohle Hand auf dem Rücken, und die Bittsteller legten ihm das Geld dort hinein. Einem anderen musste man die Bestechungssumme heimlich auf den Tisch legen, und er schob ein Aktenstück darüber. Jeder der einflussreichen Beamten hatte seine Methode, welche die Bittsteller kennen mussten… Ich weis nicht, wieviel Gehalt die Richter bekamen. Mein Vater erhielt, soweit ich mich entsinne, ungefähr achtzig Rubel im Monat. Damals konnte man mit solcher Summe sogar mit solcher Familie wie der unsrigen existieren… Die meisten Richter lebten besser als wir. Der Sekretär des Vormundschaftsamts für den Adel, der meinem Vater unterstellt war, bekam nur achtzehn Rubel im Monat, hielt sich jedoch Pferde und Equipage und ließ die Hüte und Kleider für seine Frau aus Warschau kommen.

In einer Zeit, in der Schmiergeld die Norm war – nichts ging im Russland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohne, und wer nicht mitspielte, galt als verschrobener Kauz! –, in dieser Zeit war Wladimir Korolenkos Vater ein „weißer Rabe“ und ließ daher seine Familie, als er 1868 kurz vor seiner Pensionierung starb (Wladimir war erst 13 Jahre alt), zwangsläufig in wirtschaftlicher Not zurück, wohingegen weit Rangniedrigere zu großem Wohlstand gelangt waren. Wladimir Korolenko ist dieser Sachverhalt gut in Erinnerung geblieben (er begann an Die Geschichte meines Zeitgenossen, aus der der Passus stammt, erst 1905, also rund 35 Jahr später zu schreiben), denn den unbeugsamen Gerechtigkeitssinn und das kämpferische Eintreten für Gerechtigkeit hatte er von seinem Vater geerbt.

Fast alle russischen Schriftsteller und Publizisten des 19. Jahrhunderts kämpften für oder gegen Ideen und Ideologien – von christlichen bis hin zu sozialistischen –, um das Schicksal der Menschen zu verbessern, um ihr Leben menschenwürdig zu machen. Wladimir Galaktionowitsch Korolenko kämpfte für die Menschen, für jeden einzelnen Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Religion, welcher Stammeszugehörigkeit; wo Menschen Unrecht geschah, legte er sich mit wem auch immer – Bürokraten, Regierung, Justiz, Gaunern und Halsabschneidern – rücksichtslos auch gegen sich selbst an. Er verteidigte seine „Klienten“ bis hin zur Selbstaufgabe.
Bei alledem war er jedoch kein Fanatiker, sondern ein gottgläubiger Humanist im tiefsten Sinn des Wortes, er liebte die Menschen und kämpfte gegen Unmenschlichkeit und er war ein Optimist mit dem Glauben an eine sinnvolle Zukunft. Diesen Glauben an ein sinnvolles Weiterschreiten des Lebens hat er in der kurzen Skizze „Lichter“ ausgedrückt:

Vor langer Zeit, an einem dunkeln Herbstabend, fuhr ich in einem Boot auf einem düsteren sibirischen Flusse. Plötzlich blitzte in einer Krümmung des Stromes vor uns am Fuße der in Finsternis getauchten Berge ein kleines Licht auf. Grell flimmerte es, klar, zum Greifen nahe …
,Na, Gott sei Dank!’ sagte ich erfreut. ,Das Nachtquartier ist nahe!’
Der Ruderer wandte sich um, blickte über die eine Schulter nach dem Lichtschein und ergriff von Neuem gleichgültig die Ruder.
,’s ist noch weit!’
Ich wollte es nicht glauben, denn das Lichtchen stand vor uns, aus dem unbestimmten Dunkel tretend … Aber der Ruderer hatte recht: Es war wirklich noch weit.
Die Eigenschaft solcher nächtlichen Lichter ist es, sich zu nähern, indem sie die Finsternis überwinden, und zu funkeln, zu versprechen und zu verlocken durch ihre Nähe. Es will scheinen, dass nur noch zwei oder drei Ruderschläge nötig wären – und der Weg wäre beendet … Indessen ist es doch noch weit! …
Noch lange ruderten wir auf dem wie Tinte dunkeln Flusse. Schluchten und Felsen traten hervor, türmten sich vor uns auf, und indem sie weit hinter uns blieben, schienen sie wegzuschwimmen, bis sie sich in der endlosen Ferne verloren. Das Licht aber stand noch immer vor uns, es schillerte und lockte – immer genau so nahe und immer genau so weit …
Oft erinnere ich mich jetzt an diesen dunkeln, von felsigen Bergen beschatteten Fluss und an dieses lebendige Licht. Viele Lichter haben vorher und nachher nicht nur mich allein durch ihre Nähe gelockt. Das Leben aber fließt noch immer zwischen denselben düstern Ufern dahin, und die Lichter sind noch fern. Und wieder heißt es, die Ruder fest in die Fäuste nehmen…
Aber trotz allem … trotz allem vor uns das Licht! …

Leicht, farbig und eindrucksvoll drückt Korolenko hier seine Überzeugung auf eine glückliche Zukunft aus – in einer Zeit, in der nur wenige daran glauben konnten: Es waren die 80er- und 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts, die Zeit Alexanders III.
Im Jahr 1912 wurde Korolenko in einem Brief von einer unbekannten Dame gebeten zu sagen, was er mit dieser Skizze habe ausdrücken wollen; er antwortete:

In der Skizze ,Lichter’ hatte ich nicht die Absicht zu sagen, dass nach Zurücklegung eines mühseligen Weges uns eine endgültige Ruhe und ein allgemeines Glück bevorstehen. Nein, dort wird wieder eine andere Strecke beginnen. Das Leben besteht aus ständigem Streben, Erreichen und neuem Streben. Eine solche Zeit, in der alle Menschen ausnahmslos voll zufrieden und glücklich sein werden, wird es – so nehme ich an – überhaupt nicht geben. Meiner Meinung nach hat die Menschheit schon viele Lichter gesehen, sie hat sie erreicht und dennoch weitergestrebt. Als die Bauern befreit worden waren, wurde das russische Leben viel heller. Stehenbleiben konnte es aber nicht… Und nun sind wir wieder auf einem beschwerlichen Wege – vor uns sind neue, ferne Lichter. Das Größte, worauf man hoffen kann, ist, dass sich im Menschen die Kraft immer mehr steigert, zu wünschen, zu streben, zu erreichen und wieder zu streben. Wenn hierbei die Menschen lernen, auf diesem Wege einander immer mehr zu helfen, wenn es immer weniger Zurückbleibende gibt, wenn auf den zurückgelegten Wegen immer mehr Leuchttürme stehen, die vorwärtsleuchten, wenn die Formen des gegenseitigen Kampfes immer menschlicher werden, vor uns es aber immer lichter wird, so heißt das ja, dass es immer mehr Glück geben wird. Denn das Glück ist nur im Leben – das ganze Leben aber ist ein Streben, ein Erreichen und wieder ein neues Streben.

Eigentlich war Wladimir Korolenko – wie Gogol – seiner Abstammung nach gar kein Russe. Seine Mutter war die Tochter eines polnischen Adligen, sein Vater war Ukrainer und stammte von den Kosaken ab. Die Ukraine aber gehörte seit dem 17. Jahrhundert zu Russland und ihre Bewohner wurden „Kleinrussen“ genannt. Wenngleich westslawischer Stamm waren sie schon seit der ersten Jahrtausendwende mit den ostslawischen Stämmen, die später das russische, das Moskauer Reich begründeten, eng verbunden.

Kleine geschichtliche Retrospektive: Die Kiewer Rus (9. Jh. bis 1240), Vorläuferstaat des Russischen Reiches, reichte von den Karpaten im Westen bis über das heutige Nishni Nowgorod im Osten hinaus und von Finnland im Norden bis fast ans Schwarze Meer; es war ein Zusammenschluss verschiedener westslawischer, ostslawischer und skandinavischer (slawisch-warägischer) Stämme mit den Zentren Kiew, von wo die Christianisierung Russlands im Jahr 988 ausging, und Nowgorod (nicht Nishni), eine der reichsten und bedeutendsten Hansestädte Europas (Moskau entstand erst im 12. Jh.). 1240 zerstörten die Mongolen die Kiewer Rus, das Reich zerfiel; 1380 besiegte der vom Khan der Goldenen Horde geförderte Großfürst von Moskau seine „Freunde“, die mongolischen Truppen, und übernahm damit nach und nach die Oberherrschaft über alle russischen Fürstentümer. Die Bedeutung des Großfürstentums Moskau nahm weiter zu – sein Regent wurde vom Primus inter pares zum Herrscher, Zar aller Reußen. 1667 zerschlug Zar Alexei I. das Königreich Polen, das sich im Bund mit dem litauischen Großfürstentum in der Schwächephase des aufstrebenden Moskauer Reiches viele u.a. slawische Gebiete (darunter Weißrussland und die Ukraine) „einverleibt“ hatte, und die slawischen Gebiete Weißrussland und Ost-Ukraine fielen dem Russischen Reich zu. Auch die ukrainischen Kosaken, die sich gegen die polnische Herrschaft erhoben hatten, schlossen sich vertraglich dem russischen Reich an. Die Großmachtstellung Polens war beendet; die neue Großmacht hieß Russland.

Am 15. jul / 27. greg Juli 1853 wurde Wladimir Galaktionowitsch Korolenko in Shitomir (Nordukraine), wo sein Vater Richter war, geboren.
Die Ukraine galt bei den „Großrussen“ als ein exotisches südliches Land. Und das war sie auch. Die Menschen (Westslawen) waren heiterer, farbenfroher und nicht so schwermütig wie die Russen (Ostslawen). Das Land hatte eine wechselvolle Geschichte gehabt (s.o.), weshalb ein Völkergemisch aus Polen, Ukrainern, Russen und Juden dort lebte, in dem jeder seine eigene Sprache sprach; nebeneinander lebten Menschen katholischen, orthodoxen und jüdischen Glaubens. Die sozialen Unterschiede und vor allem die Differenzen in den Besitzverhältnissen konnten nicht größer sein, was immer wieder zu Spannungen führte: Es gab die polnischen Magnaten, den ukrainischen Kleinadel, das russische Beamten- und Bürgertum, die jüdischen Händler und die landlosen Bauern. Zudem gingen die russischen Herrscher nicht gerade zimperlich mit den Minderheiten um, zumal Polen nicht weit war, und Polen und Russen hatten „noch eine Rechnung offen“.

Abseits von der Politik jedoch prägte dieses Vielvölkergemisch, das wärmere Klima und die heiterere Lebensweise die Menschen im Umgang miteinander und so auch Korolenko in seiner Kindheit.
Die ersten zehn Jahre seines Lebens waren unbeschwert, erst mit dem Eintritt in das Gymnasium in Shitomir, in dem grausamer Drill herrschte, verdüsterte sich die Szenerie; der Umzug 1866 nach Rowno, das dortige Realgymnasium und der Tod des Vaters 1868 beendeten seine Kindheit. 1871 schloss er das Gymnasium ab, das für ihn ein großer Albtraum gewesen war, und wurde in die Technische Hochschule in St. Petersburg aufgenommen – die heiß ersehnte Studentenzeit begann.
Seine Ankunft in St. Petersburg beschreibt er später in seinen Erinnerungen:

Mein Herz bebte vor Freude. Petersburg! Hier war alles beisammen, was ich für das Beste im Leben gehalten hatte, weil von hier aus die ganze russische Literatur, die wahre Heimat meiner Seele, ausging… Auf dem undefinierbar lichten Hintergrund des Abendhimmels zeichneten sich erdrückend und irgendwie fantastisch die Massive der Häuser ab, während unten die Reihen der Laternen wie ein funkelnder Rosenkranz zu erstrahlen begannen… Dieses heitere Blinken der Laternen unter dem leuchtenden Himmel, das Rattern und Läuten der Pferdebahnen, das irgendwo in der Ferne erlöschende Abendrot, ein kräftig-herber Seegeruch, der auf den Platz vom Westwind dahergeweht wurde – all das harmonierte wundervoll mit meiner Stimmung… Mit meinem ganzen Wesen sog ich das Bewusstsein ‚Petersburg’ in mich ein… Dort links mündet eine Straße ein, die breit wie ein Fluss ist… Das ist natürlich der Newski… Hier also war einst der Gogolsche Leutnant Pirogow herumspaziert… Irgendwo aber, in diesem Wirrwarr der Riesenquader der Häuser, hatte Belinski gelebt, hatte Dobroljubow gedacht und gearbeitet. Hier hatte er mit erstarrender Hand geschrieben: ‚Lieber Freund, ich sterbe, weil ich ehrlich war…’ Hier lebt auch jetzt noch Nekrassow — also atme ich mit ihm die gleiche Luft. Und schließlich erwartet mich hier ein neues, ein ganz neues, verlockendes Studentenleben. All das war schön, romantisch, neu und entschwand wie die Reihen dieser Laternen in der geheimnisvoll flimmernden Weite, die mit dem noch unbekannten brodelnden Leben erfüllt war… Die Laternen aber, deren Flammen bei jedem Windstoß aufflackerten, lebten, spielten und sprachen zu mir, so wollte es mir scheinen, von etwas bezaubernd Lieblichem, von so etwas wie einer Verheißung…

Nun, wie so häufig wohl im Leben eines jeden Menschen trog die Euphorie des ersten Augenblicks: Korolenko geriet in eine Wohngemeinschaft von Studenten, die ein studentisches Lotterleben alten Stils lebten; außerdem musste er sich sein Leben und Studium durch Arbeit selbst verdienen, was nicht nur ernüchternd wirkte, sondern ihn auch an die Grenzen seiner physischen Leistungsfähigkeit brachte. Gelernt hatte er nichts, als er nach drei verlorenen Jahren 1874 an die Petrowsk-Rasumowsker Akademie nach Moskau wechselte. Hier kam er mit seinem Studium gut voran, erlebte aber auch die ständigen Schikanen, die Bespitzelungen durch und Grobheiten der vorgesetzten Behörden. Das trieb ihn zu den oppositionellen Gruppen.

Ein Ereignis im Jahr 1876 sollte sein Leben grundlegend verändern: Die Leitung der Akademie hatte einen von der Polizei gesuchten Studenten in eine Falle gelockt und ausgeliefert. Die Wut aller Studenten war groß und es wurde beschlossen der Hochschulleitung einen kollektiven Protestbrief zu übergeben. Korolenko schrieb diesen Protestbrief, den ein Drittel der Studenten unterzeichnete, und überreichte ihn mit zwei weiteren der Hochschulleitung. Das war ein unerhörter Vorfall. Die Leitung machte Meldung nach Petersburg und auf „allerhöchsten Befehl“ erschien Fürst Lieven, um die „in Aufruhr befindliche“ Akademie zur Raison zu bringen. Korolenko und seine beiden Mitstudenten wurden als Rädelsführer aus der Hochschule ausgeschlossen, verhaftet und ins Polizeigefängnis abgeführt; ihrer Erklärung, dass sie nicht Initiatoren, sondern nur Überbringer des Schreibens gewesen seien, wurde kein Glauben geschenkt. Zwei Tage später wurde er ins fast 1500 km nordöstlich von Moskau gelegene Ust-Sysolsk verbannt. Dort kam er jedoch nie an. Seine Mitstudenten wussten, dass er auf dem Weg dahin auch durch die Stadt Wologda kommen musste und zwei von ihnen waren die Söhne des dortigen Gouverneurs (ein Pole); sie telegrafierten ihrem Vater, und Korolenko war höchst überrascht, als er, der Verbannte, dort mit allen Ehren empfangen wurde. Der Gouverneur sorgte dafür, dass Korolenko seine Verbannungszeit unter Polizeiaufsicht in Kronstadt ableisten durfte, wo seine Mutter mittlerweile lebte.

Auf dem Weg nach Kronstadt, auf der Rückfahrt von der nicht zustande gekommenen Verbannung, hatte er Ende März 1876 erneut ein Erlebnis, das für sein weiteres Leben bestimmend sein sollte. Er nennt es in seinen Erinnerungen „Der entscheidende Augenblick meines Lebens“:

Wir fuhren die ganze Nacht. Als wir am nächsten Tage eine der Poststationen verließen, machten wir bald in einem großen Dorfe halt. Hier wohnte mit seiner Familie der Kutscher, der uns von jener Station an fuhr; für einen Augenblick war er in seine Hütte gegangen. Der Tag war klar, die Sonne schien, und es war warm. Längs der breiten, langen Straße standen geräumige, größtenteils zweistöckige Bauernhäuser, die noch mit Schnee bedeckt waren. Aber hier und da schimmerten schon dunkle Flecken der Schindeldächer hindurch. Die ganze Straße entlang, die von den warmen Frühlingsstrahlen überflutet war, funkelte überall ein lustiges, munteres Getröpfel. Nirgends sah man ein Gärtchen oder einen langen Zaun. Ich erinnerte mich hierbei, dass irgendjemand die Natur unseres Nordens ‚skrofulös’ genannt hatte.
Aus der Hütte, in die, dem Kutscher folgend, auch mein Begleitmann ging, trat der Bauer, vermutlich der Vater des Kutschers. Er war groß und sah jugendlich aus. Er hatte helle, rötliche Haare, einen kleinen, rötlichen Schnurrbart und einen Spitzbart von der gleichen Farbe. Obgleich er breitschultrig und, wie es schien, stark war und große Arbeitshände hatte, war sein Brustkorb eingefallen; die ganze Gestalt harmonierte seltsam mit dem sprühenden Leben der dennoch irgendwie skrofulösen Natur des Nordens. Er hatte keinen Schafpelz an und auch keine Mütze auf; in den Händen hielt er ein großes Holzgefäß… Als er an den Schlitten herantrat, verbeugte er sich mit einer gewissen natürlichen und gewichtigen Freundlichkeit: ‚Trink, lieber Freund. Verachte den Trank nicht, wir haben ihn für die Feiertage gebraut…’ Mit diesen Worten reichte er mir das Holzgefäß mit Dünnbier.
Ich trank aus und dankte ihm von ganzem Herzen. Als er fortgegangen war, erfasste mich plötzlich irgendwie ein besonderes Gefühl tiefster Zärtlichkeit und Liebe zu diesem Menschen – nein, zu allen diesen Leuten, zu dem ganzen Dorf mit den morschen, schneebedeckten Dächern, zu dieser dürftigen Natur des Nordens mit ihren weißen Feldern und dunkeln Waldungen, der dunstigen Kälte des Winters, dem lebendigen, frühlingsmäßigen Getröpfel und dem unterbewussten Erfühlen ihrer unermesslichen Weiten… Und über alledem schien sich die Gestalt dieses wie abgezehrten Hünen zu erheben, der mit einer majestätischen Verbeugung und freundlich grüßenden Worten an den unbekannten gehetzten Menschen herantrat.

In Kronstadt lebte Korolenko ein gutes halbes Jahr, bis zum Ende seiner Verbannungszeit; danach zog die Familie im Herbst 1876 wieder nach St. Petersburg, wo er den dritten Anlauf nahm, sein Studium zu beenden. Es war die zweite Hälfte der Regierungszeit des einstmals liberal gesinnten Alexanders II.; nach mehreren Attentaten auf ihn war es düsterer geworden und man hatte die Schrauben wieder angezogen. Unter den Studenten hatte die Bewegung der Narodniki (wörtlich übersetzt: die ins Volk gehen; auch „Volkstümler“) großen Zulauf gefunden. Es war eine schwärmerische Bewegung, die an das Gute im russischen Bauern glaubte, ja die ihn fast auf ein Piedestal hoben; sie glaubten, den Bauern durch Bildung ihr unwürdiges Dasein bewusst machen und sie dadurch dazu bewegen zu können, ihr Schicksal im Kampf gegen die herrschende Klasse selbst in die Hand zu nehmen. Die Studenten lernten zu diesem Zweck Handwerksberufe, zogen in die Dörfer und „agitierten“. Nur waren leider die „guten“ Bauern nicht so, wie die Studenten es sich erträumt hatten: Es waren keine Menschen, die romantisch auf ihrer Scholle lebten und die gute russische Mutter Erde küssten; hier herrschten das Saufen, Prügeln und Morden, das finale Elend – und die Bauern verstanden auch überhaupt nicht, was die Studenten wollten. Die Bewegung scheiterte daran, ein Teil der Studenten zog sich angewidert zurück, ein anderer Teil radikalisierte sich (aus diesem Teil gingen 1881 die Mörder Alexanders II. hervor). Nur ganz wenige waren vom Schicksal der einzelnen Menschen betroffen und engagierten sich für sie – zu Letzteren gehörte später auch Korolenko.

Erst einmal war Korolenko von der Idee der Narodniki angetan und engagierte sich in der studentischen Bewegung. Den Gedanken an eine Karriere als Bergbauingenieur hatte er aufgegeben, mehr und mehr interessierte er sich für die Schriftstellerei. Um Geld für seine Familie und auch sich selbst zu besorgen, arbeitete er als Korrektor bei einer lokalen Zeitung, und hier erschien ganz per Zufall auch eine erste „literarische“ Arbeit, die ganz typisch für Korolenko war. Im Zeitungsartikel „Die Schlägerei am Apraxiner Hof“ schildert er als Zeuge eine Prügelei: Hausknechte eines großen Hauses wollten aus unbekanntem Grund einen Matrosen zur Polizei bringen. Umstehende Handwerker und Arbeiter setzten sich für den Matrosen ein; es gab ein Handgemenge, dann prügelte die Menschenmenge auf die Hausknechte ein und schlug einen von ihnen tot. Polizei und Gendarmerie beendeten das Geschehen. Die Hausknechte jener Zeit waren fast ausschließlich tatarischer Herkunft, und die Polizei stellte den Vorfall nun so hin, als hätten die Russen aus Hass einen Tataren erschlagen. Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Hausknechte pflegten damals, unter dem Schutz und mit Hilfe der Polizei Mieter zu erpressen; wären die Hausknechte keine Tataren, sondern Russen gewesen, wären sie ebenfalls von der Menge angegriffen worden. Es war also kein Rassenhass im Spiel, sondern nur die Wut der Menge auf die korrupte Polizei und die erpresserischen Hausknechte. Schon in dieser ersten Arbeit trat Korolenko, wie später so häufig, als Kämpfer gegen den Hass zwischen Angehörigen verschiedener Nationalitäten und für die Gerechtigkeit ein.

Wie schon erwähnt war das politische Klima Ende der siebziger Jahre explosiv geworden. Im März 1879 wurde Korolenko ohne Angabe von Gründen verhaftet und „wanderte“ zwei Jahre lang von Gefängnis zu Gefängnis, bis er 1880 in Perm (südlich des Urals) in der Verbannung landete. Wesentlich für Korolenko – und das macht ihn im Vergleich zu anderen Schicksalsgenossen so einmalig – ist, wie er die manchmal sehr schlimmen Gegebenheiten annahm: nicht jammernd und klagend, nicht aggressiv aber auch nicht fatalistisch; er sah in jeder Situation das Beste, was er aus ihr machen konnte, er machte bewusst Erfahrungen, er lernte, verglich seine Vorstellungen mit der Realität (und „verabschiedete“ sich dabei auch von den Narodniki); er lebte in der Gegenwart. So war es zwangsläufig, dass den Menschen, mit denen er zusammenkam, sein Hauptinteresse galt – und dieses Interesse war rein menschlicher Natur. In der Zeit seiner Verbannung schrieb Korolenko seine ersten Erzählungen: „Episoden aus dem Leben eines Suchers“ und „Ein seltsames Mädchen“.

1881 wurde Alexander II. bei einem Attentat von Mitgliedern der Organisation Narodnaja Wolja (Volkswille) ermordet, es folgte Alexander III. Nach den Seelenmessen für den toten Zaren wurde überall in Russland die Eidesformel auf den neuen Zaren verlesen, und das Volk stimmte gemeinschaftlich zu (es blieb ihm auch nichts anderes übrig). Für die unter Polizeiaufsicht Stehenden hatte sich die Regierung jedoch etwas Besonderes einfallen lassen: Sie mussten jeder für sich den Eid ablegen und außerdem ein besonderes Eidesformular unterschreiben.

Dies sollte auch Korolenko in Perm. Er aber weigerte sich und gab eine schriftliche Erklärung ab, in der er alle Gesetzeswidrigkeiten, deren Opfer er und seine Familie geworden waren, aufzählte. Dann zählte er die Verletzungen der Menschenwürde auf, die er miterlebt hatte. Er schrieb:

Ich kenne einen Fall, wo der Polizeichef vor dem Abtransport eines Trupps von Verbannten ohne alle Umstände in der Liste den Namen eines der zur Verschickung Bestimmten abänderte; auf diese Weise wurde Wladimir anstelle Andrejs nach Ostsibirien abtransportiert. All das geschah nur zur Abkürzung des Schriftwechsels. Ich habe auch einen siebzigjährigen Greis gesehen, der für ein Vergehen verbannt wurde, das im schlimmsten Falle mit einer Strafe von 1 bis 5 Rubel hätte geahndet werden dürfen. …
Den Behörden ist ein gefährliches Recht gegeben, das Recht der Willkür, und das Leben hat mit einer Unmenge erschreckender Tatsachen den Beweis erbracht, dass sie dieses Recht missbrauchen. Die Willkür macht sich bei allen Amtshandlungen bemerkbar, oft auch dort, wo es am ehrlichsten und gesetzlichsten zuzugehen scheint. … In Anbetracht all des oben Dargelegten erkläre ich hiermit, dass ich den von mir geforderten Eid zu leisten verweigere.

Das Schreiben gab er mit dem nicht unterschriebenen Eidesformular beim Gouverneur ab. Die Reaktion kam prompt:

Unter Berücksichtigung der bisherigen schädlichen Tätigkeit Wladimir Korolenkos und der schädlichen Einstellung, die von ihm nunmehr durch die Ablehnung des Untertanen-Treueeides bekundet worden ist, erscheine es unumgänglich notwendig, Korolenko zur besonderen Verfügung des Generalgouverneurs von Ostsibirien zu stellen, zwecks Ansiedlung in dem ihm zuzuweisenden Gebiete und ständiger Überwachung durch die Polizeiorgane.

Am 11. August 1881 wurde Korolenko nach Ostsibirien abtransportiert.

Fast zwei Monate später kam er in dem etwa 6000 km Luftlinie von Moskau entfernten Dorf Amga (300 km südöstlich von Jakutsk) an. Auf dieser „Reise“ lernte er schlimmste Gefängnisse kennen, einsame trostlose Dörfer, deren Zeit irgendwann in der Vergangenheit stehen geblieben zu sein schien, skurrile Menschen ebenso wie offene und herzliche, aber auch die großartige, gewaltige, ewig anmutende Natur; all das notierte er unermüdlich in seinen Tagebüchern, die später zu einer Fundgrube für seine Erzählungen wurden. Mit durchdringendem Blick erkannte er in den einfachsten, scheinbar alltäglichen Ereignissen das Bedeutsame und seine scharfe Beobachtungsgabe und vor allem seine Liebe zu den Menschen ließen ihn bei aller Komik mancher Begebenheit stets das Drama der menschlichen Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben erkennen und auch ausdrücken.

In Amga wurde er herzlich empfangen. Hier lebten schon seit vielen Jahren Verbannte in Jurten (Nomadenzelten), deren Fenster statt Glasscheiben Eisscheiben hatten. Hütten oder gar Häuser gab es nicht. Und in für ihn typischer Weise trauerte er nicht ob seiner Verbannung, sondern war fasziniert von der Schönheit der Natur und der gewaltigen Sternennacht und freute sich auf die neuen und interessanten Dinge, die ihm bevorstehen würden. In einem Brief an seinen jüngsten Bruder schrieb er ein Jahr später:

So, nun werde ich Dir in einigen Zügen unser Leben schildern. Ja, das Jakutsker Gebiet! Übrigens ist es gar nicht so furchtbar und gar nicht so kalt, wie man es sich allgemein vorstellt. Freilich, jetzt herrscht hier eine Kälte, die, wie es scheint, 40° schon etwas überschritten hat. Aber ist man erst einigermaßen daran gewöhnt und hat man, was das Wichtigste Ist, wattierte Hosen und warmes Schuhzeug, so kann man schon ganz gut leben – um so mehr, als solche Kälte nicht lange zu dauern pflegt.
In diesem Augenblick ist es gerade Abend. Wir (ich und die Kameraden, mein Zimmergenosse ist Papin) sitzen in der Jurte, die schräge Wände hat. Inmitten der Jurte befindet sich die Herdstelle, auf der ein nie erlöschendes Feuer knistert. In die Fensteröffnungen sind Scheiben aus Eis eingesetzt, was übrigens sehr nett aussieht und am Tage genügend Licht gibt (mehr sogar als Fensterglas, das sich stark mit Eisblumen bedecken würde). Wir schreiben Briefe (übermorgen ist Posttag) und kochen auf dem Herd Kartoffeln, ein Produkt unseres eigenen Gemüsegartens.
Im Winter fertige ich Schuhe an. Im Sommer waren wir in der Landwirtschaft beschäftigt, in diesem Jahre mit zufriedenstellendem Erfolg. Unser Getreide wird für die Ernährung bis zur neuen Ernte ausreichen. So habe ich denn gelernt, wie man pflügt, eggt, mit der Sense mäht und mit der Sichel schneidet. Letzteres ziemlich schlecht. All das war gar nicht so sehr schwer. Wir haben selbst 14 Pud beackert (hier misst man den Grund und Boden nach Pud, indem man je Desjatine 8 Pud [je 103 Ar 130 kg] rechnet). Wir haben daraus und teilweise aus dem Boden, den wir im Tagelohn für den halben Ertrag bearbeiteten, mehr als 100 Pud [1,6 t] verschiedene Getreidesorten geerntet. Heu haben wir auch genügend eingefahren… Ich besitze ein Pferd… Ich habe gelernt, wie man es pflegt und einspannt, wie man Heufuder auflädt; reiten kann ich jetzt, wie man es nicht besser braucht…
Scherz beiseite – wirklich – ich fühle mich ausgezeichnet. Das wirst Du Dir auch leicht vorstellen können. Die Arbeit ist – besonders im Sommer – gesund. Manchmal leben wir ganze Wochen lang draußen bei der Mahd, etwa 5 Werst [ca. 5 km] stromaufwärts, in ‚Hütten’, die aus Gras und Weidengeflecht errichtet sind. Zuweilen fällt es einem ja schwer – nun, das ist ja nicht so schlimm. Am anstrengendsten sind die Erntearbeiten. Das Pflügen ist nicht schwer (besonders, wenn die Pferde schon eingewöhnt sind). Das Mähen ermüdet sehr stark. Eigentlich haben wir uns gar nicht überanstrengt. Einer von uns ritt immer gegen Abend nach Hause, übernachtete dort und versah sich mit Proviant (gekocht haben wir selbst; ich kann sogar jetzt ganz ordentlich Brot backen). Aber wenn wir bei Bauern mähen mussten, so kehrten wir ganz zerschlagen heim. Dafür ist diese Müdigkeit, die sich über den ganzen Körper verteilt, nicht so unerträglich wie z. B. die Rückenschmerzen bei Erntearbeiten. Außer dieser Beschäftigung befassten wir uns noch (ab und zu) mit der Jagd auf Hasen in der Taiga, wobei wir besondere selbst gefertigte Fallen verwendeten. Das waren Holzscheite, die mithilfe eines Systems kleiner Hebel zu einer Falle zusammengesetzt waren. Diese Jagd wird mehr im Herbst betrieben. Im Frühjahr legen wir im Flusse Reusen zum Fang von Fischen aus…
Besondere ‚Abenteuer’ erleben wir nicht. Gewiss, ich bin zweimal vom Pferd gefallen, einmal überquerte ich auf dem Pferderücken den Fluss schwimmend, um ein vom Acker fortgelaufenes Pferd einzufangen. Zurück aber musste ich schon selbst den Fluss in Kleidern durchschwimmen, wobei ich das Pferd am Zaum hinter mir herzog. Einmal, bei Gewitter, als ich das Heu zum Trocknen aufstapelte, erschrak das Pferd, wobei ich so unglücklich unter den Wagen geriet, dass ich fast zwei Wochen lang den Rücken nicht richtig geradebiegen konnte. Doch alle diese Ereignisse sind erstens sehr unbedeutend, und zweitens waren sie auf Unerfahrenheit zurückzuführen. Jetzt falle ich nicht vom Pferd, reitend schwimme ich nicht durch den Fluss und, wenn gehalten wird, binde ich ein eingespanntes Pferd an. Überhaupt habe ich eine gewisse Erfahrung, gesammelt.
Ich nehme an, dass Du nun eine ungefähre Vorstellung von meinem Leben hast. Füge noch zwei Jahre hinzu, nach deren Ablauf ich von hier wegkommen werde – und Du wirst dann begreifen, dass ich den Mut nicht sinken lasse.

Wenn man auch davon ausgehen kann, dass Korolenko, um seine Familie nicht zu beunruhigen, nicht die schlimmsten Ereignisse geschildert hat (ein gefährliches Ereignis, das ihn damals beinahe das Leben gekostet hat, beschrieb er erst in Die Geschichte meines Zeitgenossen), so spricht aus diesem Brief doch eine gewisse Zufriedenheit mit der Situation, ja mehr noch, sogar Freude an den neuen Erfahrungen, die er hier sammeln konnte.

In einem weiteren Brief kann man schon das große schriftstellerische Talent und Korolenkos große Liebe zur Natur erkennen – und man kann nach dem Lesen dieser Zeilen eigentlich nur in Andacht verweilen und mit dem einsamen, aber hoffnungsvollen Menschen in der endlosen, unberührten Weite eins sein.

Heute ist der 21., d. h. der Tag, an dem in unser fernes Amga die Post kommt. Das ereignet sich nur einmal im Monat, und daher ist es verständlich, dass ich fortwährend aus meiner Jurte trete und in der Totenstille des frostigen Abends angespannt lausche.
Sieben Uhr. Am Himmel steht der Vollmond; in kaltem Glanze funkeln die Sterne. Über mir ist es ganz klar. Kein Wölkchen am hellen, kalten Himmel. Aber der Mond und die Sterne werden bald im dichten Nebel, der unten schon zusammen mit der immer stärker werdenden Kälte zur Amga heranwallt, verschwinden. Er hat schon die rings auf den Bergen stehenden Laubbäume eingehüllt und sich über die Wiesen ergossen. Wie ein sagenhaftes Ungeheuer erfasst und verschlingt er die ärmlichen Jurten Amgas – eine nach der anderen.
Amga schläft noch nicht. Es stellt sich, mit allen Mitteln gewappnet, der Kälte entgegen. Aus allen Schornsteinen steigen weiße Rauchsäulen auf – ein ganzer Heerhaufen! Gespenstergleich … Es quillt und wiegt sich leicht in der Luft. Durch die Fenster aus Eis schimmert das Licht der Herdfeuer. Die Feuerscheine flammen dann und wann stärker auf, wonach eine Funkengarbe in rasendem Wirbel den Schornsteinen in die frostige Luft entquillt; sie springen und tanzen, sie knistern und verlöschen wiederum hilflos – gepackt von der grausigen Kälte. Eine Feuer- und Rauchsäule nach der anderen versinkt im grauen, erbarmungslos kalten Nebel.
Alles entschwindet dem Auge. Dafür fängt das Ohr feinhörig das geringste Geräusch auf, das von irgendwoher – von den aus dem eisbedeckten Strom steigenden Felsen – dumpf herüberhallt… Jetzt krachte eben eine berstende Scholle, es ächzte die Lärche, vom eisigen Wind gerüttelt, und irgendwo, in der weiten Einöde der Taiga, bellte ein Fuchs. Aber am anderen Ende des Dorfes kreischte eine Tür, und danach ließen sich irgendwelche seltsamen Geräusche vernehmen. Der Schnee scheint laut vor Schmerz aufzuschreien, dann winselt und ächzt er gedehnt, als wenn er sich über sein bitteres Los beklagen wollte; dann schreit er wieder verzweifelt auf, um danach zu stöhnen – röchelnden, schweren Seufzern gleich. Früher, als ich zum ersten Mal diese Geräusche im Dorfe vernahm, konnte ich mir über ihre Bedeutung lange nicht klar werden, und ich muss bekennen, dass ein seltsames, beklemmendes Gefühl sich unwillkürlich in mein Herz einschlich. Jetzt weiß ich es: Das ist der lahme Jakute, der auf seinem Holzbein daherhumpelt…
Doch horch! Weit, ganz weit weg scheint ein Glöckchen zu klingeln; einmal, dann noch einmal… Es erstarb. Dann lebte es wieder auf, als ein leiser, doch reiner Trommelwirbel… Ja, das ist es. Zwischen den Bergen, durch die tiefen Schluchten jagt aus der Stadt die Post-Troika daher…
Ich trete wieder in die Jurte. Ich weiß, dass die Post noch sehr weit weg ist, aber schwer geht der Atem und der Dampf, der aus dem Munde quillt, erstarrt in der Kälte sofort zu silbrigem Reif.
Eine halbe Stunde später beherrscht der helle Klang der Glöckchen die aus dem Schlaf geschreckte Nacht. Was sind das für herrliche Töne! Wahrhaftig, mir kommt es so vor, als ob der die Musik des Kupferglöckchens nicht zu schätzen vermag, der nicht, wie ich, es von der Jurte her am dunkeln, kalten Abend vernommen hat… So klingt es z. B. auf einmal irgendwie dumpfer, sein Tönen ergießt sich in die Weite und nach oben, bis an den Mond hinan… Es übertönt mit seinen kupfernen Schellen all jenes Winseln, Stöhnen und Krächzen. Schon hört man auch das Getrappel der Troika: Das Mittelpferd läuft im schnellen Trab – die Beipferde rechts und links galoppieren, und die Schlittenkufen kreischen beim Gleiten über den Schnee.
Die Post fährt in die Dorfstraße ein. Das Dorf bereitet ihr einen freudigen Empfang …

Korolenkos Naturschilderungen – man muss besser sagen: seine Naturgemälde – sind nie Hintergrund für eine Handlung, nie Kulisse, sondern der meisterliche Ausdruck der Seelenzustände seiner handelnden Personen, die er nur aufgrund seiner Liebe zu und seines Einfühlungsvermögen in Natur und Mensch erfassen konnte.

Hier in Amga, in der sibirischen Einöde, in der Verbannung, erkannte er seine Berufung zum Schriftsteller und begann zu schreiben. Er, der bisher an seiner Eignung als Schriftsteller gezweifelt hatte, hörte um mehrere Ecken, dass der bekannte und von ihm verehrte Schriftsteller der Narodniki, Gleb Uspenskij, sein Manuskript „Das seltsame Mädchen“ in die Hände bekommen und hoch gelobt hatte; das machte ihm Mut und auch seine Kameraden in er Verbannung redeten ihm zu.
Hier schrieb er die Erzählungen „Sokolinez“, „Der Mörder“, „Eine Vagabundenehe“ (nach der Überarbeitung: „Marussjas Waldhütte“), „Kaiserliche Fuhrleute“ und „In schlechter Gesellschaft“; vor allem arbeitete er auch an seiner Erzählung „Makars Traum“.

Ende 1884 ging seine Verbannungszeit zu Ende, die Reise zurück aus der Verbannung war ebenso lang und unbequem wie die Reise dorthin. Doch in Moskau angekommen, begann sich das Blatt für Korolenko endlich zu wenden: „Makars Traum“ wurde von der seinerzeit größten, fortschrittlichsten Zeitschrift Russkaja Mysl (Russischer Gedanke) angenommen und hoch gelobt.

Mit seiner Familie ließ er sich Januar 1885 in Nishni Nowgorod nieder. Die folgenden Jahre waren die fruchtbarsten seines schriftstellerischen Schaffens: Schon in den ersten beiden Jahren erschienen u.a.: „Makars Traum“ – die Redaktionen aller Zeitschriften und Zeitungen rissen sich nach der Veröffentlichung um seine Mitarbeit, die Erzählung wurde in mehrere Sprachen übersetzt und begründete seinen Ruhm auch im Ausland –, „In der Osternacht“, „Der alte Glöckner“, „Eine weltferne Gegend“, „Der Mörder“, „In schlechter Gesellschaft“, „An der Werkbank“ (später: „At-Dawan“), „Sokolinez“, „Der Wald rauscht“, „Die Legende von Florus, dem Römer“, „Das Meer“ (später: „Ein Augenblick“), „Das Paradox“ – in dem er ausgerechnet einen Krüppel mit dem Satz „der Mensch ist geschaffen für das Glück wie der Vogel für den Flug“ seine eigene Überzeugung ausdrücken lässt –, „Die Sonnenfinsternis“ – für deren Beschreibung er 1887 eigens nach Jurjewez reiste, um eine Sonnenfinsternis zu beobachten – und Der blinde Musiker. Diese letzte Erzählung wurde, wie schon „Makars Traum“, sofort in mehrere Sprachen übersetzt und bestätigte ihn auch im Ausland als großen Schriftsteller.

In dieser Zeit lernte er Lew Tolstoi und endlich auch Gleb Uspenskij kennen und schloss eine lebenslange Freundschaft mit Tschechow; Tschernyschewski traf er noch kurz vor dessen Tod. Und im Jahr 1889 kam auch ein noch junger, unbekannter, großer, hagerer Mann mit strengem Gesicht zu ihm, um schüchtern um seinen Rat zu fragen. Jahre später beschreibt dieser Mann sein erstes Zusammentreffen mit Korolenko:

Drei Tage wütete der Schneesturm. In den Straßen türmten sich die Schneewehen zu gewaltigen Hindernissen, die Dächer der Häuser trugen Schneemützen, die Starkästen hatten silberne Häubchen, die Fensterscheiben waren wie mit einer Filigranarbeit überzogen, und am weißen Himmel strahlte, die Augen blendend, die kalte Sonne.
Wladimir Galaktionowitsch lebte am Rande der Stadt in der zweiten Etage eines Holzhauses. Auf dem Bürgersteig, vor der Treppe, arbeitete ein stämmiger Mann geschickt mit einer breiten Schaufel; er hatte eine Pelzmütze seltsamer Form auf, Ohrenschützer, einen kurzen, bis an die Knie reichenden, schlecht geschneiderten Schafpelz und schwere Filzstiefel.
Durch die Schneewehen stapfte ich zur Treppe. ,Zu wem wollen Sie?’ ,Zu Korolenko.’ ,Das bin ich.’ Aus dem Gesicht, das von einem krausen, überreich mit Reif geschmückten Bart umrahmt war, blickten auf mich braune, gütige Augen. Gestützt auf die Schaufel, hörte er schweigend meine Erklärungen über den Zweck meines Besuches an. Beim Betreten der Treppe fragte er: ‚Ist es Ihnen nicht kalt? Sie sind sehr leicht angezogen.’
Er führte mich in ein kleines Eckzimmer hinauf, dessen Fenster in den Garten gingen; dort standen dicht gedrängt zwei Schreibpulte, Bücherschränke und drei Stühle. Beim Überblättern meines dicken Manuskriptes, wobei er sich den nassen Bart mit dem Taschentuch abtrocknete, sagte er: ,Wir wollen das einmal durchlesen! Sie haben eine seltsame Handschrift: Rein äußerlich betrachtet ist sie einfach und deutlich, aber sie liest sich schwer?’
Das Manuskript lag auf seinen Knien. Er blickte von der Seite auf die Blätter, dann wieder auf mich. Mir war es peinlich.
‚Hier steht — »Zizkack«, das ist… anscheinend ein Schreibfehler. Ein solches Wort gibt es nicht, es gibt wohl »Zickzack«…’
Eine kleine Pause vor dem Wort ‚Schreibfehler’ zeigte mir, dass W. G. Korolenko ein Mensch ist, der das Selbstgefühl seiner Mitmenschen zu schonen versteht. Er sprach und blätterte im Manuskript:
‚Fremdwörter sollte man nur in den Fällen anwenden, wo man wirklich nichts anderes an ihre Stelle setzen kann; überhaupt ist es besser, sie zu meiden. Die russische Sprache ist genügend reich, sie verfügt über alle Mittel zum Ausdruck feinster Empfindungen und Gedanken.’
,Was für ein strenges Gesicht Sie haben!’ sagte er unvermittelt und fragte lächelnd: ‚Ist das Leben so schwer?’ Seine weiche Aussprache unterschied sich stark von dem groben, an der Wolga üblichen Dialekt, in dem das ,O’ auch in unbetonten Silben voll ausgesprochen wird. Doch ich fand in ihm eine seltsame Ähnlichkeit mit einem Wolgalotsen – sie lag nicht nur in seiner kräftigen, breitschultrigen Gestalt und dem scharfen Blick seiner klugen Augen, sondern auch in der gutmütigen Ruhe, die den Menschen so eigen ist, welche das Leben wie eine Bewegung im gewundenen Flussbett zwischen verborgenen Sandbänken und Felsen beobachten.
,Sie erlauben sich oft grobe Worte – wahrscheinlich wohl deshalb, weil sie Ihnen in ihrer Wirkung stark vorkommen?’
Ich sagte, dass ich es wisse, die Grobheit sei mir eigen, doch ich hätte weder die Zeit gehabt, mich selbst mit weichen Worten und Gefühlen zu bereichern, noch das Milieu, wo ich es hätte tun können…

Es war Maxim Gorki, der auch später noch Korolenko um Rat bat; in seinen Erinnerungen schreibt er: „Er sagte mir als erster gewichtige menschliche Worte über die Bedeutung der Form, und über die Schönheit des Satzes; ich war erstaunt über die einfache verständliche Wahrheit dieser Worte, und beim Zuhören wurde mir zum ersten Male klar, dass die Schriftstellerei keine einfache Sache sei.“

Die Zeit seiner großen literarischen Erfolge machte Korolenko berühmt, wie es nur Tolstoi war, und wie dieser wurde er zu einer „Instanz“, die nur schwer angreifbar war. Und bald schon genügte ihm die Schriftstellerei allein nicht mehr. Er selbst, seine Familie und seine Freunde hatten Unrecht über Unrecht erfahren und unter Alexander III., der angetreten war, alle Ansätze von Demokratie, die sich bis dahin „eingeschlichen“ hatten, zu vernichten, feierte das Unrecht Urstände; der Einzelne galt nichts, Korruption und Schmiergeld waren die Norm, Staat und Behörden hatten immer recht. Bei Gericht gewann, wer mehr Geld und Beziehungen hatte; Arme verloren ihre Prozesse und wenn sie zehnmal im Recht waren.

Das ging gegen Korolenkos bereits angesprochenen Gerechtigkeitssinn. Er war berühmt im In- und Ausland, ihn konnte man nicht so einfach abservieren. Jetzt erschienen von ihm Zeitungsberichte, in denen er gesetzeswidrige Urteile anprangerte und auch sehr konkret darlegte, wer der Schuldige und wie das Recht gebeugt worden war. Seine Berichte waren hieb- und stichfest, niemand konnte ihm etwas anhaben und selbst seine schlimmsten Feinde – insbesondere Polizei und Justiz – mussten gestehen, dass er klug, gerissen und vorsichtig handelte. Häufig genug griff er durch seine Berichterstattung direkt in Prozesse ein und half denen, die in Gefahr waren, zu Unrecht verurteilt zu werden. Hier ging es nicht um „große Politik“; das Schicksal des Einzelnen stand im Mittelpunkt. Selbst Alexander III. musste auf die Beschwerde eines Ministers ironisch eingestehen: „Die Persönlichkeit Korolenkos ist sehr unzuverlässig, jedoch nicht ohne Talent.“ Dass sich das Wissen um Korolenkos Engagement auch in Windeseile verbreitete, war nur zu verständlich, und so kam es, dass er unentwegt um Rat und Hilfe gebeten wurde. Der Einsatz mit Leib und Seele fraß seine Zeit und zehrte zunehmend auch an seiner Gesundheit.

1891 und 1892 herrschte in weiten Teilen Russlands schwere Hungersnot. Korolenko fuhr – obwohl man ihn behördlicherseits mit Verlockungen abzuhalten versuchte (Drohungen wären wirkungslos gewesen, das wussten auch die Behörden) – in die betroffenen Gebiete und schrieb dann in Artikeln (die Presse war nicht mehr so leicht zu knebeln wie 40 Jahre zuvor), dass nicht, wie von Regierungsseite verlautbart, die Dummheit, Faulheit und Versoffenheit der Bauern die Ursache des Notstands war, sondern die behördliche Misswirtschaft und die Ausbeutung durch Gutsbesitzer und damit letztlich „das System“. In Folge seiner Presseberichte gingen Spendengelder ein und er richtete Mittagstische für Hungernde ein.

In dieser Zeit erschienen nur noch zwei Erzählungen: „Der Fluss regt sich“ und Der Tscherkesse.

1893 reiste Korolenko nach Schweden, England und Amerika. Produkt dieser Reise ist die Erzählung Ohne Sprache (auch: Der seltsame Mensch). Auch in dieser Erzählung geht es nicht um politische, soziale oder nationale Unterschiede; es geht um einen einfachen russischen Bauern, der in Amerika ankommt. Korolenko selbst sagte, er habe festgehalten, wie sich Amerika einem einfachen russischen Menschen darstellt.

1895/96 waren wieder Korolenkos Gerechtigkeitssinn und sein Einsatz gegen den Rassenhass gefordert: In Wjatka (Udmurtien, südwestlich des Ural) war ein Bettler ermordet worden; seine Leiche fand man ohne Kopf und Herz. Die Polizei gab sich keine große Mühe, das Verbrechen aufzuklären, sondern machte einfach einen Ritualmord der heidnischen Udmurten daraus (denn Juden gab es in dem Gebiet nicht) und klagte wahllos zehn Bauern an. In einem offensichtlich manipulierten Prozess wurden die zehn Udmurten als Mörder verurteilt und es bestand große Gefahr, dass es in der Folge zu einem Pogrom gegen die Udmurten kommen würde. Korolenko zerpflückte den Prozess in der Presse, das Urteil musste aufgehoben und neu verhandelt werden. Er selbst trat als Verteidiger vor Gericht auf; die angeblichen Mörder wurden freigesprochen. Ihn selbst aber kostete das Engagement viel Kraft und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter.

Alle Gelegenheiten aufzuzählen, bei denen sich Korolenko engagiert hat, würde hier zu weit führen –
zumal er 1896 wieder nach St. Petersburg zog, wo ihn allein die Menge der Hilferufe zu erdrückten drohte. 1900 „flüchtete“ er in das abgeschiedenere Poltawa, um mehr Ruhe zum Schreiben zu haben. In dieser Zeit veröffentlichte er „Frost“, „Der letzte Sonnenstrahl“, „Das Nicht-Schreckliche“, „Kaiserliche Fuhrleute“ und bei „Bei den Kosaken“. Er sollte jedoch auch dort nicht zur Ruhe kommen: 1902 veranlasste Nikolaus II. (Zar seit 1894), dass Gorkis Ernennung zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften revidiert wurde. Korolenko reiste nach St. Petersburg, um zu intervenieren, und anschließend nach Jalta, um sich mit Tschechow zu beraten. Dann gaben beide ihre Ehrenmitgliedschaft an die Akademie zurück. 1904 starb Tschechow.

1905 begann Korolenko die Arbeit an seiner „Autobiografie“ (die er selbst nicht als eine solche gelesen wissen wollte, denn nicht er sondern seine Zeit sollte im Mittelpunkt stehen), aber die Forderungen an ihn rissen nicht ab. Er schrieb Artikel gegen die Erschießung von Arbeitern am 9. Januar in Petersburg vor dem Winterpalais (Revolution von 1905); gegen die Pogromagitation in Poltawa; gegen den Beamten Philonow, der die Bauern des Poltawaer Gouvernements misshandeln und erschießen ließ; gegen die Beschuldigung einiger Juden, sie hätten Ritualmorde begangen; gegen Misshandlungen der Revolutionäre in den Gefängnissen. 1910 schrieb er eine Artikelserie gegen die Todesstrafe und die Standgerichte, die in der Presse (auch der internationalen) unter dem Titel „Eine alltägliche Erscheinung“ in russischer, französischer, deutscher, italienischer und bulgarischer Sprache erschien. Tolstoi schrieb ihm darauf:

Wladimir Galaktionowitsch! Soeben ließ ich mir Ihren Artikel über die Todesstrafe vorlesen und konnte mich, so sehr ich mich bemühte, der Tränen, ja des Schluchzens nicht erwehren. Ich finde keine Worte, um Ihnen meine Dankbarkeit und Liebe für diesen – nach Ausdruck, Gedanken und, was die Hauptsache ist, Gefühl gleich vortrefflichen – Artikel auszusprechen. Man muss ihn in Millionen von Exemplaren drucken und verbreiten. Keine Duma-Reden, keine wissenschaftlichen Abhandlungen, keine Dramen und Romane werden den tausendsten Teil jener wohltuenden Wirkung hervorrufen, die dieser Artikel nach sich ziehen muss.

Im August des selben Jahres reiste Korolenko nach Jasnaja Poljana zu Tolstoi und im November zu seiner Beerdigung.

1912 wurde er wegen eines Artikels zu Haft verurteilt, das Urteil aber durch Amnestie aufgehoben. 1913 erregte erneut ein Prozess die Aufmerksamkeit Russlands und sogar der ganzen Welt: Der Jude Bejlis wurde beschuldigt, einen Ritualmord an einem christlichen Knaben begangen zu haben; in Wirklichkeit aber waren es Verbrecher gewesen, die sich an dem Knaben hatten rächen wollen. In seinen Artikeln zeigte Korolenko die Machenschaften auf, mit der die Regierung eine Verurteilung erreichen wollte. Die Anklage brach zusammen, selbst die „gekauften“ Geschworenen mussten Bejlis freisprechen. 1914 konnte Korolenko endlich zur Kur ins Ausland fahren, wurde dort vom Kriegsausbruch überrascht und konnte erst nach eineinhalb Jahren nach Poltawa zurückkehren.
Während der revolutionären Jahre engagierte sich Korolenko gegen Pogromversuche, Hinrichtungen und Misshandlungen, rief eine Hilfsaktion für Kinder ins Leben und gründete Kinderkolonien, denn unzählige Kinder irrten heimatlos durch die Gegend.

Korolenko hat – wie sein Lebensweg zeigt – nie einer Partei angehört und auch nach der Revolution schloss er sich nicht den Bolschewiki an. Als man ihn 1920 aufforderte, an einem Kongress proletarischer Schriftsteller teilzunehmen, schrieb er den Veranstaltern:

Sie wünschen, mein Verhältnis zum bevorstehenden (Kongress proletarischer Schriftsteller) kennenzulernen. Ereignisse, welche die eine oder andere Klasse zur Vorherrschaft bringen, müssen natürlich in der Literatur ihren Ausdruck finden. Verändert sich das Leben, ändert sich auch sein Reflex. Aber im Laufe vieler Jahre, in denen mich meine redaktionelle Tätigkeit unter anderem auch mit Werken sogenannter ,Schriftsteller aus dem Volk’ bekannt gemacht hat, bin ich längst zu dem Schluss gekommen, dass die Herkunft eines Autors eine unbedeutende Rolle spielt. Die Hauptsache ist Aufrichtigkeit und Talent… Ein Schriftsteller muss vor allem Mensch sein; seine soziale Herkunft ist zweitrangig.

Und selbst in diesen gefährlichen Zeiten wagte niemand, ihn anzurühren. Im Juli 1921 richtete er auf Bitten Gorkis noch einen Aufruf an die Welt, eine Bitte um Hilfe für die Hungernden.

Während der ganzen Zeit arbeitete er an Die Geschichte meines Zeitgenossen – 1909 war das erste und umfangreichste der vier Bücher herausgekommen (ins Deutsche übersetzt von Rosa Luxemburg während ihrer Festungshaft in Breslau, etwa ein Jahr vor ihrer Ermordung) – allein diese Arbeit schien ihn noch am Leben zu halten. Das letzte Kapitel konnte er nur noch in groben Zügen gestalten. Am 25. Dezember 1921 starb er in Poltawa; eine Lungenentzündung hatte sein Herz nicht mehr verkraftet. Er wurde 68 Jahre alt.

Die Erzählungen Korolenkos, Perlen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, der Zeit des Realismus, unterscheiden sich grundsätzlich von jenen seiner großen Zeitgenossen, denen er zu seiner Zeit in Berühmtheit nicht nachstand. Während aus den Erzählungen Tschechows – mit dem er trotz ihrer Gegensätzlichkeit eng befreundet war – immer eine pessimistische, melancholische Grundhaltung spricht, während Tolstoi moralischen und psychischen Problemen auf den Grund geht und teilweise das Sendungsbewusstsein eines Predigers offenbart, Saltykow-Schtschedrin in bitterbösen Satiren seine Leser aufschreckt, Dostojewski in Schuld und Sühne leidet, Leskow besonders die Geistlichkeit satirisch aufs Korn nimmt, sind Korolenkos Werke optimistisch, vom Glauben an das Gute im Menschen und an eine letztendlich sinnvolle Entwicklung durchdrungen, wie es in der oben zitierten Skizze „Lichter“ zum Ausdruck kommt. Dabei findet sich nirgends Schönfärberei, er ist bei allem ein echter Schriftsteller des russischen Realismus – und er ist der letzte dieser Epoche. Schon zu seinen Lebzeiten begannen die Dichter des Symbolismus und die revolutionären Schriftsteller, die Literatur vorrangig zu prägen.

Alle von Korolenkos Erzählungen sind selbst auch im Deutschen heute noch lesenswert, obwohl in der Übersetzung zwangsläufig die feinen Unterschiede, die die ukrainischen Ausdrücke machen, und die Melodik, ja fast Lyrik seiner Sprache nur mangelhaft wiedergegeben werden können. Seine Natur- und Stimmungsbilder sind selbst für einen nicht lyrisch interessierten Leser einfach fesselnd, ergreifend. Es ist aber nicht nur das stilistisch überragende Können Korolenkos, das seine Werke so lesenswert macht, es sind auch die Tiefe seiner Gedanken, das analytische Erkennen und Aufarbeiten der Probleme – wie zum Beispiel in der Erzählung Der blinde Musiker, die von ihrem Gehalt her eigentlich eine wissenschaftliche Arbeit ist und dennoch faszinierend – und nicht zuletzt das humorvolle, augenzwinkernde Annehmen der Menschen selbst in ihren schäbigsten Situationen.

Herausragend sind sicher seine Erzählungen „Makars Traum“, Der blinde Musiker, „Der Wald rauscht“, „In schlechter Gesellschaft“, „Der Tag des Gerichts“ und …
Eigentlich möchte man hier alle seine Erzählungen folgen lassen.

Mit Die Geschichte meines Zeitgenossen hat er ein Bild seiner Zeit geschaffen, das sich ebenso packend liest wie manch ein Roman; es ist ein Zeitdokument. Man muss es in einem Atemzug mit Tolstois autobiografischer Romantrilogie und mit Aksakows und Herzens Memoirenwerken nennen.

Die Zitate sind folgenden Werken entnommen:

Wladimir Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rosa Luxemburg. Zürich: Manesse, 1985
Wladimir Korolenko: Der Tag des Gerichts und andere Erzählungen. Übersetzt von Erich Müller-Kamp. Zürich: Manesse, 1967
Wladimir Korolenko: Der Wald rauscht und andere Erzählungen. Übersetzt von Bruno Goetz. Zürich: Manesse, 1954
Abram Derman(n): W. G. Korolenkos Leben. Berlin: SWA, 1947

Wladimir Korolenko im ZVAB

Der Wald rauscht und andere Erzählungen (Der Traum Makars, Der blinde Musikus, Der Wald rauscht)

Der Tag des Gerichts und andere Erzählungen (Wer bin ich? – mit den vier Unterkapiteln Vater und Mutter, Hof und Straße, „Jene Welt“ – Mystische Angst und Das Gebet der Sternennacht der Geschichte meines Zeitgenossen entnommen –, Nachts, In schlechter Gesellschaft, Das Paradox, Meine erste Bekanntschaft mit Dickens, Erste Liebe, Der Tag des Gerichts)

Die Geschichte meines Zeitgenossen

Sibirische Novellen (Der Flüchtling von Sachalin, Aus dem Tagebuch eines sibirischen Touristen, Ein Traum, Der Wald rauscht, In der Osternacht, Der alte Glöckner)

Der Tscherkesse

Der blinde Musiker

Der seltsame Mensch

Mehr Sammelbände von Korolenko-Erzählungen können Sie bei der Suche nach dem Autor entdecken.

30. March 2009

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