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Mein Irrglaube an den Janoschik

von konecny

Den Reichen zu nehmen, um die Armen zu beschenken, empfand die Volksseele noch im ausgehenden Feudalismus als eine vornehme Tat. Räuber wie Robin Hood, den Slowaken Jánošík oder sogar den Schinderhannes verehrte das Volk wie Helden. Gegen diesen Irrglauben musste sich der anbrechende Kapitalismus wehren: Das Eigentum eines Milliardärs ist unantastbar! Und muss hemmungslos weiter wuchern! Wie sollte man aber die ehemaligen Untertanen schröpfen, nachdem sie sich einiges an Menschenrechten erkämpft hatten? Eine legale Großraubinstitution musste her! Und so entstand die Börse. Immer, wenn die Leute etwas Geld einsammeln, wird mittels Börse das mühsam Ersparte geschoren. Das heißt dann der Börsenkrach. Dieser leitet eine grandiose Ausbeutung breiter Bevölkerungsschichten ein – die Finanz- und die Wirtschaftskrise. Gerade im letzten Jahr hat mir meine Bank meinen Dispokredit aberkannt. “Ihre Bonität hat sich geändert, Herr Konecny!”, hat mir damals der Bankberater mit einem Lächeln gesagt. Wie stolz war ich gleich in diesem Jahr, dass ich mit Hilfe der Regierung der Bank selbst etwas Geld leihen konnte. Obwohl sich ihre Bonität auch krass geändert hatte.

Um seine Großräubereien zu verschleiern, hat sich der Kapitalismus die Medien zugelegt: Du guckst dir die Nachrichten an oder liest die Zeitung, und sofort wird dir klar, dass nichts so klar ist, um sich nicht trüben zu können. Für die ganz Klugen unter uns wurde als Begründung eines Börsenkrachs und der nachfolgenden Wirtschaftskrise die Chaostheorie entwickelt. Ihre Fraktale verdecken alles! Immer, wenn der Kapitalismus sich für sein schönes Gewand – die soziale Marktwirtschaft – feiern lässt, kann keiner erkennen, dass der Kaiser des Mammons ganz nackt am Volk vorbei stolziert.
Trotz seines Geldraubbaus in den unteren Gesellschaftsschichten schien mir der Kapitalismus Anfang der 80er ein weit kleineres Übel zu sein als unser tschechoslowakischer Sozialismus sowjetischer Prägung. Noch lange nach meiner Flucht in den Westen habe ich jedoch den Räuber Jánošík romantisch verklärt. Als Dolmetscher fürs Tschechische und Slowakische durfte ich einigen modernen Jánošíks bei Gericht helfen, der Bestrafung für ihre Taten zu entgehen. Gleich meinen ersten tschechischen Angeklagten hatte man mit zwei unbezahlten Flaschen Rum in seinen Jackeninnentaschen an der Kasse eines Kaufmarkts erwischt. Die Verhandlung führte eine sympathische Richterin, die trotz ihres muffigen Richteroutfits eine gesunde Portion Sexappeal ausstrahlte.

“Haben Sie die Ware gestohlen?”, fragte die Richterin den angeklagten Tschechen. Ich übersetzte für ihn die Frage ins Tschechische. Er schüttelte heftig den Kopf.
“Nein!”, sagte ich.
“Man hat Sie dabei aber erwischt!”, sagte die Richterin.
“Ich habe die Flaschen gerade auf die Kassentheke legen wollen”, erklärte ich für den Angeklagten, “als sich der Ladendetektiv auf mich stürzte.”
“Warum haben Sie dann die Flaschen in den Innentaschen ihrer Jacke versteckt gehabt? Statt sie in einen Einkaufswagen zu legen?”
“Keine Ahnung!”, sagte zu mir der Angeklagte auf Tschechisch.
“So kauft man bei uns in der Tschechoslowakei ein!”, übersetzte ich ins Deutsche. “Wir sind ein armes sozialistisches Land, bei uns gibt’s keine Einkaufswagen! Wir tragen alles in den Jackentaschen zur Kasse!”
Die Richterin lachte. “So was Blödes habe ich noch nie gehört!”, sagte sie.
“Echt!”, sagte ich. “Wenn man bei uns die Jacke zuknöpft, ist es ein Diebstahl! Aber wenn man die Jacke im Laden offen trägt wie ich, funktioniert sie als Einkaufskorb!” Jetzt lachte sogar der Staatsanwalt. Die Richterin ließ den Tschechen mit einer Verwarnung laufen. Bevor sie aus dem Saal verschwand, guckte sie mich aber sehr lange an und schüttelte etwas den Kopf.

Den schüttelte sie freilich bei der nächsten Verhandlung etwas heftiger. Ein Slowake hatte direkt in einem großen Einkaufsmarkt drei Stangen ungarische Pick-Salami gegessen. Er hatte sich zu seiner Schlemmerorgie sogar ein scharfes Messer und ein Holzbrett mitgebracht: Ein schlimmes Verbrechen – keine Frage – der vorsätzliche Mundraub!
Leider gab der Mundräuber bei der Verhandlung nur einsilbige Antworten auf Slowakisch, “ja” oder “nein”, meistens jedoch “nein”. Ich musste all mein dolmetscherisches Können aufbieten: “Ungarische Salami haben wir im Sozialismus nur einmal im Jahr gegessen”, sagte ich. “Einen Tag vor dem 1. Mai brachte unsere Mutter eine kleine Stange nach Hause. Wir Kinder bekamen ein paar dünne Scheiben. Den Rest der Stange hat Mama in der Speisekammer aufgehängt. Als Vierzehnjähriger bin ich mit Zuzka aus unserer Straße heimlich in die Speisekammer geschlüpft und habe für sie und mich zwei dünne Scheiben abgeschnitten. Zuzka hatte noch nie ungarische Salami gekostet: Ihr Mund, ihre Nase, ihre Augen aßen die Salami – lecker! Oh, Gott! Ihre Lippen bewegten sich langsam beim Kauen, als würde sie mit der Salami über ihre Träume sprechen! Wie mit einer guten Freundin! Ehrfürchtig guckte ich Zuzka zu bei ihrem schamanischen Schlemmen – sie ging ganz auf in ihrem Salamisolo, schöne Gedanken im Gesicht, wie eine Professorin des Genusses gab sie sich, voller Gefühl und schön und weise – so muss König Salomo Salami gegessen haben, Salome die Salamisalsa getanzt, bevor sie sich den Kopf Johannes’ des Täufers in die Schüssel legen ließ! So schön war Zuzka, dass ich meine Salamischeibe zu essen vergaß. Als sie zu kauen aufhörte, habe ich sie geküsst – zum ersten Mal! Zuzkas Mund schmeckte fein nach ungarischer Salami, und weil ich die ungarische Salami so liebte, habe ich an Zuzka auch meinen Kopf verloren und mich in sie verliebt. Letzte Woche hatte Zuzka Geburtstag. Ich wollte ihr hinter den Eisernen Vorhang eine Stange ungarische Salami schicken, hatte aber kein Geld. So musste ich zur Feier des Tages ein bisschen Salami selbst verspeisen…”
“Drei Stangen!”, rief der Staatsanwalt.
“Ja!”, sagte ich. “Zuzka zu Ehren!”
Die Richterin ließ den Salamislowaken laufen und rief mich zu sich: “Wenn Sie hier im Gericht noch einmal solchen Blödsinn verzapfen”, sagte sie, “lasse ich ihre Dolmetscherlizenz einziehen.

Janosiks Name wird niemals sterben; Holzstich von Wladyslaw Skoczylas

Doch schon einige Wochen später hatte man in einer großen Firma einige Computer ausgeschlachtet und die Festplatten geklaut. Kurz darauf wurde dort ein Tscheche bei der Tat ertappt: Als Installateur verkleidet, über einem auseinander geschraubten Computer gebückt, mit einem Schraubenzieher in der Hand. Eine echt schwierige Ausgangslage für eine gute Verteidigungsrede. Bevor ich bei Gericht für den Angeklagten zu übersetzen begann, hatte mich meine Richterin ziemlich streng angeguckt. “Ich wollte nichts stehlen!”, sagte ich. “Wollte meiner Familie nur einen Brief schreiben. Meine Frau und unsere fünf Kinder sind hinter dem Eisernen Vorhang geblieben. Ich habe den Brief den halben Tag in der Bibliothek getippt. Auf die Rückseite des Briefpapiers wollte ich ein paar Streifen Kaugummi kleben, damit meine Kinder zu Weihnachten auch Geschenke bekommen, die armen Kleinen. Leider war der Bibliotheksdrucker kaputt. Ich habe in der Stadt nach einem Drucker gesucht und einen zufällig in der geschädigten Firma entdeckt. Ich tue doch nichts Schlimmes, sagte ich mir, wenn ich hier an einem verlassenen Computer eine Seite ausdrucke. Vor lauter Angst entdeckt zu werden, guckte ich aber ständig zur Tür, auch gerade in dem Augenblick, als ich meine Diskette ins Laufwerk schieben wollte. So hab ich die Diskette statt ins Laufwerk in den Schlitz zwischen der Vorderseite und dem Gehäuse des Computers gesteckt. Ich versuchte die Diskette mit einem Stift rauszuklauben, sie schlitterte aber ganz hinein. Um die Diskette wieder zu bekommen, musste ich den Computer auseinander schrauben.”
“Und wieso sind Sie in die Firma als Installateur verkleidet gegangen?”, fragte die Richterin mit eisiger Stimme.
“Das war keine Verkleidung!”, sagte ich. “Die Montur war mein einziger Anzug. In der war ich schon aus der sozialistischen Tschechoslowakei geflüchtet. Diesen Anzug hier musste ich mir für die Verhandlung extra ausleihen.”

Die Richterin schlug mit der Faust in den Tisch. Nicht mal den Hammer nahm sie dazu. “Raus!”, sagte sie zu mir. Den Angeklagten behielt sie.
So hörte ich auf zu dolmetschen und wurde Schriftsteller. Als Schriftsteller jenseits der Grass-Walser-Achse gehörst du zwar im Kapitalismus auch zu den Blöden und verdienst noch viel weniger als Dolmetscher, dafür kannst du über das System jeden Tag aufs Neue und ungestraft lästern. Der Kapitalismus schluckt alles. Was willst du noch mehr vom Leben? So als Kapitalismuskritiker!

9. February 2009

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13 Kommentare

  1. Witiko schrieb am February 10, 2009:

    Geschichten, die das Leben schreibt, ob in Ost oder West, wiedergegeben und erbarmungslos beschmunzelt auch vom dankenden

  2. Uwe schrieb am February 11, 2009:

    So sind sie, die Geschichtenschreiber, 50 % ausgedacht und die andere Hälfte einfach gelogen. Die Reden hätte ich Dir ja noch abgekauft, aber eine Richterin mit Sex-appeal, das geht zu weit.

  3. Jaromir Konecny schrieb am February 11, 2009:

    Vielen Dank, Herr Marko (Witiko) für die schönen Worte – die freuen von einem Kenner des Deutsch-Böhmischen, wie Sie einer sind, besonders.

    Liebe Grüße

    Jaromir Konecny

  4. Jaromir Konecny schrieb am February 11, 2009:

    Hallo Uwe,

    wie Du recht hast! Ich bin wirklich zu tief in den schriftstellerischen Sumpf gesunken, wenn ich mir schon eine Richterin schön schreiben muss. Trotzdem: Wenn man beim Schreiben von Geschichten nicht lügen kann, soll man’s besser gleich sein lassen. Dazu fällt mir noch ein Zitat von Isaak Babel ein: “Ich war ein verlogenes Kind. Das kam vom Lesen.” Das kann ich ohne wenn und aber bestätigen. Schon in der Schule habe ich meinen Mitschülern so verlogene Geschichten aufgetischt, dass mit mir dann monatelang keiner reden wollte. Das sind wohl die Kindheitstraumen eines Schriftstellers.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  5. Lutz schrieb am February 11, 2009:

    Lieber Jaromir,

    du hast ihn mir wiedergebracht, den Janoschik – Held der Berge und meiner frühen Jugend! Tief, vermutlich in den hintersten Winkeln meines Oberstüchens, hatte er sich wohl versteckt, jetzt weiss ich endlich, wen ich so lange vermisst habe!
    Vermutlich erfolgte diese virtuelle Reinkarnation gerade noch rechtzeitig – jetzt gilt’s die Räuber zu berauben und die vielen Bankmilliarden wieder unter’s Volk zu bringen!

    Wollen wir hoffen, dass es zu gegebener Zeit dann noch so gutmütige Staatsanwältinnen geben wird, wie in den 70ern…

  6. Jaromir Konecny schrieb am February 23, 2009:

    Lieber Lutz,

    was für ein Wunder, dass Du den Slowaken Janoschik kennst! Ich vermute aber, dass die Räuber die geraubten Milliarden schon verjubelt haben, zumindest brauchen sie wieder neue, wie ich täglich in der Zeitung erfqahre, da ist wohl nichts zu machen. Gutmütige Staatsanwältinnen und Richterinnen wird’s wohl immer geben, nur muss man halt gerade auf die richtige treffe. Das hängt vom Glück des jeweiligen Janoschiks ab, der echte wurde ja hingerichtet. Was das Glück angeht, fällt mir noch das schöne Zitat von Francis Crick ein, dem Mitentdecker der DNA-Doppelhelix: “So was wie Glück gibt’s nicht, sonst würden’s nicht immer dieselben Leute haben.”

    Liebe Grüße

    Jaromir

  7. Bücherlei Logbuch » Blog Archive » Neues vom Jaromir schrieb am February 25, 2009:

    […] Ein neuer Artikel von Jaromir Konecny verschönert den Tag: Mein Irrglaube an den Janoschik […]

  8. Sladkovic, Peter schrieb am May 30, 2009:

    LIeber Jaromir
    Merci vielmal für die aktualisierte Janoschikgeschichte. Sein Beil hängt bei mir im Büro und erinnert mich, selbst immer wieder Zivilcourage zu wagen.
    Viele GRüsse, Peter

  9. Jaromir Konecny schrieb am June 5, 2009:

    Lieber Peter,

    ich sitze gerade wieder mal in Mähren, nicht weit von der slowakischen Grenze entfernt, und so ist auch bei mir der Janoschik ganz schön präsent. Dass sein Beil bei Dir im Büro hängt, erfreut mich sehr – es stimmt schon, wenn man hin und wieder Zivilcourage wagt, lebt man irgendwie besser.

    Liebe Grüße aus Mähren

    Jaromir

  10. Pia Wagner schrieb am June 26, 2009:

    So derb sich die Geschichten von Herrn Konecny am anfang für mich lasen, um so herzlicher musste ich beim Stöbern lachen und nach dieser Geschichte hier ist mir richtig warm um`s Herz.
    Liebe Grüße,
    Pia Wagner

  11. Jaromir Konecny schrieb am July 3, 2009:

    Vielen Dank, liebe Pia Wagner. Mir wird auch richtig warm ums Herz, wenn ich solche Kommentare bekomme.
    Liebe Grüße
    Jaromir

  12. Jaromir Konecny « Bücherlei Notizen schrieb am July 20, 2009:

    […] Seiten der Globalisierung Omas Han am Tag der Arbeit Männer auf der Kirmes Eine Frau mit Buch Mein Irrglaube an den Janoschik Der freie Wille der Kneipenphilosophen Wer ist hier der Schriftsteller, verdammt? Karin, das […]

  13. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am April 13, 2010:

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