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Jean Rhys: Sargassomeer. Aus dem Regal hervorgeholt von Andreas M. Widmann

von litprom

Antoinette Mason lebt als uneheliche Tochter eines Plantagenbesitzers mit ihrer Mutter auf einem verwahrlosten Landsitz in Coulibri. Es ist die Zeit kurz nach Abschaffung der Sklaverei in der Karibik. Als das Haus von marodierenden Schwarzen niedergebrannt wird und ihr Bruder ums Leben kommt, wird die vor Verzweiflung rasende Mutter als Geisteskranke eingesperrt. Antoinette wird fortan von Nonnen in einem Kloster erzogen, anschließend heiratet sie einen jungen Engländer. Diese ohnehin fragile Beziehung wird bald dadurch zerstört, dass Antoinette in Briefen eines angeblichen Halbbruders als Wahnsinnige verleumdet wird. Ihres Besitzes und ihrer Identität beraubt, lebt sie zuletzt als Gefangene in einem Herrenhaus in England. Dort endet ihre Geschichte mit einem großen Feuer. Es ist die Geschichte der ersten Mrs. Rochester aus Charlotte Brontes Jane Eyre (1847), der wahnsinnigen, auf dem Dachboden eingesperrten Ehefrau, die zu den faszinierendsten Figuren aus der Literatur des 19. Jahrhunderts zählt. In Sargassomeer (1966) erzählt die kreolische Schriftstellerin Jean Rhys mehr als ein Jahrhundert später von ihrem Leben.

Als der Roman erschien, war keines von Jean Rhys früheren Büchern mehr im Druck. Geboren 1890 auf der Insel Dominica, ging sie im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie nach England. Sie fand Anschluss an europäische Künstler- und Intellektuellenkreise, begann in den 1920er-Jahren zu schreiben, geriet nach Veröffentlichung ihres Romans Guten Morgen, Mitternacht (1939) jedoch in Vergessenheit. Erst Sargassomeer verhalf ihr zu neuer, auch internationaler Bekanntheit. Der Roman wurde gleichermaßen als Schlüsseltext der Feminismus- und Postkolonialismus-Theorie gelesen, doch Rhys’ Kunst erweist sich gerade darin, wie sie ihren Stoff literarisch gestaltet, wie sie die Handlung reduziert, Leerstellen lässt, anstatt alles auszusprechen, zu erklären und zu bewerten: Der erste und der dritte Teil des Romans sind aus der Sicht Antoinettes erzählt, dazwischen stehen die Aufzeichnungen des namenlos bleibenden Engländers. Er hasst „die Berge und die Hügel, die Flüsse und den Regen“, hasst „die Sonnenuntergänge von welcher Farbe auch immer“, ebenso „die Schönheit des Landes und seine Magie und das Geheimnis“, schließlich „seine Gleichgültigkeit und die Grausamkeit, die Teil seines Zaubers war“.

Karibik und Europa, Weiße und Schwarze, Schriftkultur und Analphabetismus, Voodoo und Rationalität stoßen hier zusammen, ohne dass exotische gegen abendländische Stereotypen ausgespielt würden. Der Albtraum eines Lebens entfaltet sich in Bruchstücken und in der Atmosphäre, bevor er sich in Antoinettes Bewusstseinsmonolog am Ende verdichtet. So sind es die erzählerische und sprachliche Kraft sowie eindringliche Bilder wie das eines brennenden Papageien, die begeistern und die die (Wieder)Entdeckung des Romans und seiner Autorin wünschenswert machen.

Andreas M. Widmanns Rezension stammt aus der im Dezember 2008 erschienenen Winterausgabe der LiteraturNachrichten, die Sie über www.litprom.de beziehen können.

19. January 2009

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