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„Das Papier mein Acker, die Feder mein Pflug“ – wie ein Rektor aus Böhmen in die Moderne aufbrach

von tergast

Darf man jemanden einen Dichter nennen, der nur ein einziges Werk verfasst hat? Und jemanden als „vergessen“ bezeichnen, mit dem sich die Gelehrten bis heute immer wieder befassen? Man darf, wenn es um einen Dichter geht, der – gleichwohl Gegenstand der akademischen Forschung – doch nicht im Bewusstsein derjenigen verankert ist, die die Literatur in all ihren heutigen Formen, Farben und Themen lieben, obwohl all diese Formen, Farben und Themen ohne die Grundlegung in seinem einzigen Werk vielleicht anders aussehen würden.

Über den genauen Namen des Dichters herrscht eine gewisse Uneinigkeit. Die Literaturwissenschaft neigt heute dazu, ihn als Johannes von Tepl zu führen. So nämlich –genauer gesagt: Johannes de Tepla – nennt er selbst sich in dem Dokument, das ihn überhaupt erst als Autor eines der wichtigsten Bücher der deutschen Literaturgeschichte ausweist: Ein Widmungsschreiben, gerichtet an einen Prager namens Peter Rothirsch, ist mit diesem Namen unterzeichnet und mit dem Zusatz „Bürger zu Saaz“ versehen. Was uns wiederum zu dem anderen Namen führt, unter dem die Literaturgeschichte diesen ominösen Dichter kennt: Johannes von Saaz.


   Cover der Ausgabe
   mit Holzschnitten von
   Frans Masereel
   (erschienen 1952 im
   Desch-Verlag)

1933 erst fand der Historiker Konrad Josef Heilig das erwähnte Widmungsschreiben im Freiburger Codex 163 und konnte damit die bis zu diesem Zeitpunkt allenfalls hypothetisch beantwortbare Frage nach der Autorschaft des Streitgesprächs mit der Titel Der Ackermann aus Böhmen klären. Auch der Text ist bis heute unter einem weiteren Titel in den Literaturlexika zu finden, der einen deutlicheren Hinweis auf seinen Inhalt gibt. Der Ackermann und der Tod verweist klar auf die beiden Protagonisten des Streitgesprächs (so bisweilen der Untertitel), das ca. 1400 entstanden ist und innerhalb der deutschen Literaturgeschichte so etwas wie die vergessene Gründungsurkunde der modernen Literatur darstellt.

Der Inhalt des Textes ist oberflächlich schnell erzählt. Die Frau des Ackermanns ist verstorben, der Tod hat sie ihm genommen. Dafür wird er vom Ackermann im Verlaufe des Streitgesprächs belangt und in einer Art und Weise offensiv angegangen, die moderne Diskussionen um das Aufbegehren gegen Autoritäten alt aussehen lässt. Dem Ackermann ist keine Schicksalsergebenheit vor dem Tode zu eigen; er begehrt auf, äußert seinen Verlustschmerz und zeigt sich damit als frühaufgeklärtes, reflektiertes Wesen. Seine Haltung ist das Zeugnis einer Modernität von Text und Denken des Verfassers, die zu diesem Zeitpunkt geradezu unheimlich erscheint und ihnen ihre Einzigartigkeit verleiht.

Zwar endet das Aufbegehren des Ackermanns mit einer Art Pyrrhussieg, nachdem ihm mit dem Schiedsspruch Gottes im letzten Kapitel zwar das Recht auf seine Klage zugestanden, der Tod jedoch ganz klar in seiner Rolle als Beender des Lebens bestätigt wird. Doch in seiner Geschichte zeigt sich ganz offen ein Bewusstseinswandel, der bereits auf die Debatten um Aufklärung, Verstandesnutzung und Individualismus verweist, die die Geistesgeschichte der nachfolgenden Jahrhunderte bereithalten wird und bis heute bereithält.

Bei alledem ist zu bemerken, dass Johannes von Tepl als Notar und Rektor der Lateinschule im böhmischen Saaz (daher der zweite Name) ein Mann des Wortes war und diesen Wesenzug auch in der Figur des Ackermanns vermutlich ganz bewusst aufscheinen ließ. Dieser ist keineswegs „Landwirt“ sondern muss gesehen werden als jemand, der mit der Schreibfeder Gedankengut sät. Die Wendung „von vogelwat [gemeint ist eben die Feder] ist mein pflug“ verweist ebenso darauf wie eine zu jener Zeit beliebte Wendung aus Schreiberkreisen, die lautet: „Das Papier ist mein Acker/darumb bin ich so wacker/die Feder ist mein Pflug/darumb bin ich so klug.“ (zitiert nach Werner Schuder: Der Ackermann aus Böhmen. Berlin, 1997).

Tepl gehörte einem Berufsstand an, dem die geistigen Vätern des beginnenden Renaissancehumanismus entstammen, und er bringt dies im Ackermann zum Ausdruck. Die Urschrift des Werkes ist bis heute nicht aufgefunden; aus Handschriften und Inkunabeldrucken, die meist dem Augsburger Drucker Albert Pfister zugeschrieben werden, ließ sich jedoch eine Textgestalt rekonstruieren, die ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren hat.

Wer sich mit moderner Literatur beschäftigt, wird jedenfalls auch weiterhin nicht darum herumkommen, einen intensiven Blick in den Ackermann zu werfen. Empfehlenswert sind dafür etwa die Ausgaben in der Insel-Bücherei. Oder der geneigte Bücherfreund legt sich eine der zahlreichen bibliophilen Ausgaben zu, die der Antiquariatsmarkt bis heute bereithält.

12. January 2009

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