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Abschied von Cheyenne- eine Wildwest-Saga

von bardola

Peter Carter war als Jugendlicher in den 1950er Jahren vor allem von William Faulkner gefesselt. Der Mississippi war ihm so fremd wie der Mars. Dass sich dank Faulkner diese geographische Entfernung in eine emotionale Nähe verwandeln konnte, war eine prägende Erfahrung für den jungen Mann, der später mehrere herausragende Jugendbücher mit historischem – also zeitlich fernem – Hintergrund schrieb; 1999 starb er über den Seiten seines letzten Werkes, das ein Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg werden sollte. Carters erster Roman Madatan, die Lebensgeschichte eines Kelten von der Westküste Englands, erschien 1974 im Original und erst im Jahr 2000 in deutscher Übersetzung. Zu seinen bekanntesten, ebenfalls ins Deutsche übertragenen Werken zählen Die Sentinel (1995), Kinder des Buches im Kampf um Wien (1996), Gejagt! (1997) und Abschied von Cheyenne (1998). Abschied von Cheyenne war 1999 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Historische Romane ermöglichen es uns, von einer Zukunft zu lesen, die wir in einer Weise kennen, wie das in Bezug auf unsere eigene Zeit gar nicht möglich sein kann. Es lohnt, sich an die Aussage zu erinnern, dass, was für uns Vergangenheit ist, einst die unvorstellbare Zukunft war,

sagte Peter Carter in einem Interview. Abschied von Cheyenne ist ein nicht nur in Carters Schaffen, sondern in der gesamten Jugendliteratur der letzten Jahrzehnte herausragender historischer Roman. Texas, Louisiana, Kansas, Missouri, Arkansas; Cowboys, Indianer, Büffeljäger, Goldgräber, Händler, Farmer, Banditen, Sheriffs, Eisenbahnarbeiter; der mittlere Westen 1871, zwischen erwachender Bürokratie und Gesetzlosigkeit, zwischen Landnahme und Wildheit – und ein 13-jähriger Junge, der Ich-Erzähler Ben Curtis, dieses Vollbluttexanerkind, das auf sich allein gestellt ist und versucht, sich in einer unberechenbaren Umbruchgesellschaft zurechtzufinden.

Nach dem Tod der Eltern muss Ben mit seinem Bruder Bo (die Mutter hatte eine Schwäche für Walter Scott und nannte eine Tochter Florimella und den erstgeborenen Sohn Beauregard) eine heruntergekommene Farm in Texas verlassen. Die Brüder arbeiten als Cowboys bei einem Viehtrieb. Eine riesige Herde muss tausend Meilen nach Kansas begleitet werden; es geht um Dürre, Lagerfeuer, Stampeden und wilde Feiern in Saloons nach dem geglückten Trail. Doch als Bens Bruder in der Viehtreiberstadt Abilene hinterrücks erschossen wird, schwört der Junge Rache und nimmt sein Leben in die eigene Hand.

Die Leser werden hineingezogen in ein episches Sozialgemälde, das mit Detailgenauigkeit Schattenseiten und Faszination des Wildwest-Mythos schildert. Die Massaker an Indianern oder die Diskriminierung von „Niggern“ (wie Ben sie glücklicherweise politisch nicht korrekt, dafür authentisch in seinem schnoddrigen Ton nennt) sind wichtige Themen, über die man unmerklich viel lernt, denn die Handlung dieses Entwicklungsromans wird schnell vorangetrieben bis hin zum großartigen Showdown im irritierenden Schneetreiben eines Blizzards nach 440 Seiten.

Peter Carter gelingt es immer wieder, mit kurzen und treffenden Beschreibungen die Erzählatmosphäre zu verdichten. Eines von unzähligen Beispielen ist die Schilderung des Predigers Tyler, der verschwindet, nachdem er den ratlosen Brüdern ein Ultimatum gestellt hat:

Dann steckte er die Füße in die Steigbügel, gab dem Pferd die Sporen und ritt davon, ganz zusammengesunken und schwarz, mit gesenktem Kopf, wie eine Krähe auf einem Zaun.

Auf die Frage, welches unter seinen eigenen Büchern sein Lieblingsbuch sei, sagte Peter Carter:

Ich mag an all meinen Büchern etwas, aber es gibt Stellen, die ich hätte besser machen können. Ich denke jedoch, dass in Abschied von Cheyenne die Tatsache, dass ich den Charakter und den Ton der Jungen über 400 Seiten aufrecht halten konnte, keine schlechte Leistung war, und auch, dass es mir gelungen ist, den weitgespannten Hintergrund zu skizzieren, ohne dass er aufdringlich ist – einige Abschnitte sind sogar, glaube ich, wirklich lustig.

Ja, lieber dieses Buch als tausend TV-Western! Romantisch und realistisch gleichzeitig, humorvoll und knallhart ist dieser Roman – ein ganz großes Abenteuer. Marlboro ohne Zigaretten, ohne Zivilisation nach 1900. Wirklich wild und doch seriös und historisch exakt recherchiert. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch Fritz Göttler, der Filmkritiker der Süddeutschen Zeitung, bei der Lektüre in Begeisterung ausbrach und am Ende seiner Rezension folgende Passage zitierte und folgendes Lob aussprach:

„Ein Land zum Reiten, frei wie ein Vogel konntest du reiten, den Horizont vor Augen, der nirgendwo endete, denn wenn du da ankamst, erstreckte sich das Land weiter bis zu einem nächsten Horizont, und du brauchtest nichts weiter als ein gutes Pferd, ein Gewehr und eine Bettrolle, und die ganze verdammte Welt gehörte dir.“ Das ist eine gute Beschreibung eines großen Landes – und dieses großen Buches, das davon erzählt.

Peter Carter ist anglo-irischer Abstammung. Er wurde 1929 geboren, studierte englische Literatur in Oxford. Damals und für sein späteres Schaffen beeinflussten ihn vor allem George Orwells England dein England und Célines Reise ans Ende der Nacht; diese Bücher gaben ihm den Anstoß zur Verteidigung der Demokratie und den Mut, in die Abgründe der menschlichen Schlechtigkeit zu blicken. Nach dem Studium war Carter zunächst als Lehrer tätig. Als er bemerkte, dass seine Schüler sich für den traditionellen Kanon der Jugendliteratur wenig interessierten, griff er selbst zur Feder. Danke, Mr. Carter.

Peter Carter im ZVAB

Die Sentinel (1995)
Kinder des Buches im Kampf um Wien (1996)
Gejagt! (1997)
Abschied von Cheyenne (1998)
Madatan (2000)

1. December 2008

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